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Das Saatschiff E-Book

Felix Montan

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Beschreibung

Marvin Duterres, Captain des Raumschiffs Achill, erhält den Auftrag ein verschollenes Saatschiff zu finden. Dabei wird er nicht nur von den Konsequenzen aus seiner letzten Mission eingeholt, sondern findet auch noch Hinweise auf eine große Bedrohung. Auf sich allein gestellt in den unendlichen Tiefen des Weltalls muss die Achill unzähligen Gefahren trotzen.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Felix Montan

Das Saatschiff

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Das Saatschiff

von Felix Montan

Covertext

Marvin Duterres, Captain des Raumschiffs Achill, erhält den Auftrag ein verschollenes Saatschiff zu finden. Dabei wird er nicht nur von den Konsequenzen aus seiner letzten Mission eingeholt, sondern findet auch noch Hinweise auf eine große Bedrohung.

Auf sich allein gestellt in den unendlichen Tiefen des Weltalls muss die Achill unzähligen Gefahren trotzen.

Redaktion: Felix Montan

Copyright © 2022 Felix Montan

Illustrationen: Felix Montan

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, mit Ausnahme zu Rezensionszwecken, ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

1.

Wo es Schiffe gibt, gibt es auch Piraten.

Marvin Duterres, Captain der Achill, einem kleinen, wendigen, aber schlagkräftigen Raumschiff war glücklich darüber. Patrouillenflüge zwischen den Kolonien oder gar innerhalb des Sol-Systems wären einfach nur langweilig, ein Grenzposten zum Celtokesischen Imperium oder dem Weißen Nebel auch nicht viel besser. Aber mit der Achill aktiv Jagd auf Piraten zu machen war einfach nur großartig. Er wusste, dass viele Kollegen in der Sol-Flotte ihn darum beneideten und das machte die ganze Sache sogar noch besser.

Nun befanden Sie sich hier im Kalon-System, das außer einigen Monden, die bergbautechnisch interessant wären und die drei Gasriesen umkreisten, nichts zu bieten hatte. Das ideale Versteck für Piraten. Die entsprechende Information hatten sie von einer ordentlich kompensierten Quelle erhalten.

Die Achill kreiste im Orbit von Kalon IIc, dem dritten Mond des Gasriesen Kalon II. Allein schon die jämmerliche Nomenklatur zeigte, wie uninteressant dieses System war.

Das gesamte Raumschiff war auf Minimalleistung eingestellt, um ja nicht zu früh durch irgendwelche Wärmesignaturen oder andere emittierende Signale auf sich aufmerksam zu machen. Die Achill konnte sich das erlauben, war sie doch speziell konzipiert worden, sich derart zu verbergen und dann rasch die volle Leistung abrufen zu können, das Überraschungsmoment ideal auszunützen. Die geringe Größe und der Verzicht auf ein eigenes Sprungmodul waren zwei Konsequenzen dieser Ingenieurskunst. Natürlich hatte die Achill wie alle Raumschiffe der Sol-Flotte eine spezielle chemische Schicht auf der Außenhülle aufgetragen, die sie vor den meisten Sensoren unsichtbar machte, aber diese war nicht perfekt und wenn man schon die Möglichkeit hatte, sollte man sich nicht allein darauf verlassen.

Duterres saß bequem im Drucksessel, einem gepolsterten Metallsessel mit dynamischer Lehne in der Mitte der Brücke, links und rechts schwebten über den Armlehnen Holoschirme. Einer zeigte das Schiff, der andere das Kalon-System. Seine vier wichtigsten Offiziere befanden sich ebenfalls auf der Brücke. Vorne der Pilot Gary Sebastián, zurückgelehnt und gelassen, doch wie die Achill jederzeit bereit die volle Leistung abzurufen. Auf der rechten Seite Laura Viola, die Navigatorin und Kommunikationsexpertin, war von allen am angespanntesten, war es doch ihre Aufgabe die Piraten zu entdecken. Ihr gegenüber auf der linken Seite saß Ayato Tschernikov, der Waffenexperte, der die Geschütze der Achill bediente. Und hinten stand der letzte im Bunde, Sachin Patel, der Ingenieur, direkt neben dem Rohr, das in den Maschinenraum führte. Sie flogen extra ohne Schwerkraft, damit Sachin im Notfall sich einfach abstoßen und schnell runterfliegen konnte. Sein augmentiertes Bein, eine Prothese, die durch Nanotechnologie mit seinen Nervensträngen verbunden war und sich dadurch wie ein echtes Körperteil anfühlte, verstärkte seine Kraft und ließ ihn im Notfall noch schneller durch die Schwerelosigkeit fliegen.

Sie trugen allesamt dunkelblaue Jumpsuits mit hochstehendem Kragen und vorne einem offenen V-Schnitt, unter welchem ein graues Shirt zu sehen war. Duterres hatte als Captain auf den Schultern und den Ärmelenden je vier silberne Streifen, Ayato als Commander drei und die anderen als Leutnants zwei. Der Waffenexperte war somit auch gleichzeitig Duterres‘ Erster Offizier, ließ sich das aber nie anmerken.

Es gab noch weitere Besatzungsmitglieder an Bord, je zwei Ersatzoffiziere für die vier hier anwesenden, drei weitere Ingenieure, die das Schiff am Laufen hielten, speziell die Bakterienkulturen für die Lebensmittelproduktion, zwei Sanitäter beziehungsweise Wissenschaftler sowie ein sechsköpfiges Einsatzteam, das nur darauf wartete, die Piratenbasis zu stürmen. Duterres kannte sie alle, hatte sie persönlich ausgesucht und schon unzählige Missionen mit ihnen durchgeführt. Ein eingespieltes Team war wichtig in der Hitze des Gefechts oder anderen brenzligen Situationen.

Außer Laura, die gebannt auf ihren Bildschirm starrte, hatte niemand etwas zu tun. Auch sie hätte sich eigentlich zurücklehnen können, doch seit den Maschinenkriegen war das Vertrauen in KIs – Künstlichen Intelligenzen - gebrochen, auch wenn diese heutzutage noch so rudimentär waren. Die jüngeren Generationen wuchsen mit einem neuen Vertrauen auf, doch Laura hatte als Kind noch die Schrecken der wild gewordenen durisischen Roboter miterlebt.

Langeweile beherrschte die Achill und Duterres hasste das. Dank des Hiro-Drives konnte man in wenigen Tagen ganze Sonnensysteme durchqueren, mit Höchstbeschleunigung in den Drucksessel gepresst ging es sogar noch schneller, und mit den Trans-Space-Toren war man in Sekundenschnelle am anderen Ende der Galaxie. Das klang alles super, dennoch ging sehr viel Zeit mit Warten verloren. Darauf warten, dass man sein Ziel erreicht, warten auf einen neuen Auftrag, warten auf ein anderes Schiff. Eine große Herausforderung für die Sternenreisenden war nun, wie man mit dieser vielen freien Zeit umgeht, ohne sich gegenseitig auf so engem Raum an die Kehle zu geraten. Als Folge dessen gab es zahlreiche Hobby-Biologen, andere gingen ihrer kreativen Ader nach. Die meisten aber verbrachten diese Zeit mit Training, dem Konsum von Unterhaltungsprogrammen oder Meditation. Doch egal was man machte, kaum war das Warten zu Ende, musste man fit, bereit und konzentriert sein.

Anders verhielt es sich jedoch für die fünf Personen auf der Brücke der Achill. Sie warteten, konnten aber nicht ihren normalen Routinen in solchen Momenten nachgehen. Sie waren allesamt Profis, die solche Situationen gewohnt waren, angenehm war es aber dennoch nicht, einfach dazusitzen und konzentriert zu bleiben, wenn nichts geschah.

Gary streckte sich, ein leichtes Knacksen ertönte, ließ die Finger zum hundertsten Mal über sein holografisches Kontrollpult flitzen und griff dann nach der Kaffeetasse in einem Halter rechts von ihm. „Captain, sind Sie sicher, dass wir die richtigen Informationen erhalten haben?“

Duterres seufzte tief und wiederholte zum hundertsten Mal in den letzten fünf Stunden: „Ja.“ Dies war das System, in welchem sich die Piraten nach einem Angriff zurückzogen und die Beute versteckten, bis sie einen Abnehmer gefunden hätten. Seine Quelle saß in einer Zelle auf dem Mars, dem militärischen Zentrum der Sol-Flotte, und wusste genau, was bei einer falschen Information passieren würde. Die fürstliche Belohnung bei der Wahrheit war ein weiteres Lockmittel gewesen. Doch leider hatte er nicht sagen können, wo der nächste Angriff stattfinden würde, nur wann. Also warteten sie nun hier auf die Rückkehr der Piraten, um sie mit der Beute in flagranti zu erwischen.

Mit jeder Minute, die verstrich, wuchs die Unsicherheit. Wer weiß, was beim Angriff passiert ist? Vielleicht waren sie vernichtet worden? Oder es hatte sich in ein langwieriges Unterfangen verwandelt? Waren sie etwa mit der Beute in ein anderes System gesprungen? Nein, redete er sich ein, die werden schon noch kommen. Es kann einfach nicht anders sein.

„Hören Sie, Captain“, erwiderte Gary, „ich will wirklich gerne hier sitzen, wenn die kommen, aber ob der Kaffee da reicht mich wach zu halten, weiß ich nicht.“

„Keine Sorge“, kam es von Ayato mit einem schelmischen Unterton, „wenn es so weit ist, werde ich dir eine verpassen als hättest du dir fünf Liter pures Koffein direkt ins Gehirn gespritzt.“

Niemand lachte laut auf, aber jeder verzog seine Lippen zu einem Lächeln. Ayato war immer gut darin, eine angespannte Atmosphäre aufzulockern. Seine markanten Sprüche passten zu seiner muskulösen Statur, dem kahlgeschorenen Kopf mit der tiefen Narbe über dem linken Auge, eine Erinnerung an die durisischen Roboter. Das darin eingelassene augmentierte Auge machte ihn zu einem perfekten Schützen sowohl im Bodenkampf als auch in Raumschiff-Gefechten.

Viele Personen unterzogen sich Schönheitsoperationen, um sich irgendwelchen Idealen anzupassen. Es gab kaum noch jemand, den man als natürlich, geschweige denn hässlich bezeichnen konnte. Speziell wenn es darum ging Narben verschwinden zu lassen oder Augmente zu verbergen, griff man darauf zurück. In der Sol-Flotte gab es jedoch viele, wie Ayato, die Narben und Augmente mit Stolz trugen.

Gary hingegen war der Stereotyp eines Piloten, zwar durchtrainiert, wie jedes Mitglied der Sol-Flotte, aber penibel ungepflegt, dass es für die Flotte gerade noch passte, die Frauen ihn dennoch wild fanden. Er war ein derart guter Pilot, dass er sogar schon an einigen Astropot-Rennen teilgenommen hatte. „Ich bin mir nicht sicher, ob eine Spritze direkt ins Gehirn nicht angenehmer ist.“, gab er frech zurück.

„Ich denke nicht, dass wir das rausfinden sollten.“, trat Duterres dazwischen. „Aber eine frische Ladung Kaffee kann sicher nicht schaden.“ Dann tippte er rasch die Befehle am Holoschirm ein. Das chemische Zeug, das von den Umwandlern als Kaffee angeboten wurde, war nie und nimmer Kaffee, aber er enthielt das nötige Koffein sowie angenehme Geschmacksverstärker. Den echten Kaffee von der Erde würde er erst anrühren, wenn die Mission fertig war und er beim Ausblick auf die Sterne entspannen konnte. „Sachin, wie geht’s dem Rücken?“

„Alles bestens.“, erwiderte der Ingenieur mit indischen Wurzeln. Er hatte sich vor der Mission bei einer Kletterpartie auf Nueviropa eine Zerrung zugezogen und saß nun schon über fünf Stunden hier auf der Brücke. Nueviropa war ein Planet mit hohen Bergen und geringer Schwerkraft. Bei Weitem nicht so gering wie auf Velan, aber immerhin so, dass Menschen keine außerordentlichen Kraftanstrengungen benötigten, um die steilen Hänge zu erklimmen. Wie Sachin es aber dennoch zustande gebracht hatte, sich eine Zerrung zuzuziehen, hatte er verschwiegen.

Laura, die einzige Frau auf der Brücke, aber nicht die einzige auf dem Schiff, wies in ihrer Ahnentafel hauptsächlich Italiener auf. „Sie sind da.“, verkündete sie einige Hundertstel vor dem warnenden Piepsen des Computers. Sie war immer stolz darauf schneller als die Maschinen zu sein.

Endlich!, dachte Duterres und grinste breit.

„Endlich!“, sagte Duterres. „Welches Schiff haben sie?“

„Moment!“, gab die Navigatorin zurück. Die modernen Sensoren und Kommunikations-Stationen arbeiteten auf Quantenebene mit den Prinzipien der Trans-Space-Tore und benötigten dadurch nur wenige Sekunden, auch wenn die Information ein ganzes Sonnensystem passieren musste. Aber ein bisschen Zeit bedurfte es dennoch und Laura musste es ja auch noch analysieren. „Ein leichter Kreuzer wie die Achill, externes Sprungmodul.“

„Sehr gut!“, war Duterres zufrieden, damit konnte Manöver Alpha umgesetzt werden. Bei einem größeren Schiff mit internem Sprungmodul hätten sie Manöver Beta verwenden müssen, riskanter und genauer abzustimmen. „Verfolgen Sie die Flugbahn. Wir müssen wissen, auf welchem Mond sie landen.“

Ayato hatte mit seinen Xi-Torpedos – thermodynamische Torpedos mit winzigen, leistungsstarken Hiro-Drives ausgestattet – bereits das Sprungmodul ins Visier genommen; Sachin hatte binnen weniger Momente alles vorbereitet, um die Achill auf volle Leistung zu bringen; Gary hatte bereits die Systeme hochgefahren um eine Flugbahn zu berechnen, sobald er von Laura die Koordinaten erhalten würde.

Mit Hochgeschwindigkeit war die Besatzung von Langeweile und spaßiger Konversation zu hochkonzentrierter, professioneller Arbeit gewechselt. Das konnte man nur mit hartem Training - es gab wohl kaum ein härteres Training als auf dem Mars – und jahrelanger Erfahrung. Duterres machte sich eine mentale Notiz, dies im Bericht lobend hervorzuheben. Es war schließlich schon lange überfällig Commander Tschernikov ein eigenes Schiff zu geben.

Angespannt verfolgten sie den Flug des Piratenschiffes, das sein äquivalent zum menschlichen Hiro-Drive aktiviert hatte, auf dem großen Bildschirm vor der Brücke. Wenn dort nicht gerade irgendwelche Statusberichte gezeigt wurden, wurde von Außenkameras das aktuelle Bild des Sternenhimmels in einer derart hohen Auflösung übertragen, dass man glauben konnte, ein echtes Fenster vor sich zu haben.

Das beobachtete Schiff war grün, typisch für die Xandu, aber gänzlich untypisch für die restliche Galaxis. Die meisten Spezies hatten Raumschiffe in verschiedenen Schwarzschattierungen, Grau- und Blautönen oder Weiß, je nach vorhandenen Metallen. Nur die Xandu verwendeten eine seltsame Zinn-Cobalt-Mischung, was ihren Schiffen Grüntöne verlieh.

Schließlich traten sie in den Orbit von Kalon IIIe ein, dem fünften Mond des Gasriesen Kalon III. „Jetzt haben wir sie!“, lachte Duterres laut auf. „Schiff hochfahren, Kurs eingeben, Sprungmodul abschießen.“

Hektisch aber geordnet flogen die Finger der drei Männer über ihre Holoschirme. Sachin hatte binnen weniger Sekunden die Achill auf Hochtouren gebracht, als Zeichen dessen schalteten die Lichter auf der Brücke von dimm auf angenehm hell und eine wohltuende kühle Luft strömte aus verschiedenen Öffnungen. Gary startete den Hiro-Drive, der normalerweise einige Minuten zum Aufladen benötigte, doch die Achill war speziell. Dann kam das Signal, dass auch das letzte Besatzungsmitglied in seinem Drucksessel Platz genommen hatte. Kaum hatte der Pilot die Befehle und den Kurs eingegeben, wurden sie schon in ihre Sitze gedrückt und rasten Richtung Kalon IIIe.

Die Sitze bestanden aus einem speziellen Material, damit man bei dieser Hochbeschleunigung nicht auf etwas Hartes gedrückt wurde und sich verletzte. Die regelmäßige Einnahme des Medikamentes Zirper, im Slang auch Hiro-Saft genannt, war nötig, damit der Körper diesem Druck standhielt. Außer man hatte anstelle der entscheidenden Körperteile Augmente, was aber eigentlich nur bei einigen Mitgliedern der Titan-Force, einer militärischen Spezialeinheit der Sol-Flotte, der Fall war.

Diese Hochbeschleunigung wurde nur in speziellen Momenten verwendet, da man in dieser Zeit in den Drucksesseln regelrecht eingesperrt war, aufstehen war unmöglich. Normalerweise lief der Hiro-Drive auf vierzig Prozent, damit die Besatzung noch ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen konnte.

Ayato feuerte die Xi-Torpedos ab, um das Sprungmodul der Piraten zu zerstören, damit sie in diesem System gefangen waren. Größere Schiffe hatten ein internes Sprungmodul, wodurch sie jederzeit ein Trans-Space-Tor öffnen und in ein anderes System springen konnten. Kleinere Schiffe aber und die meisten nicht-militärischen waren auf externe Sprungmodule oder fixe Tore angewiesen. Im Kalon-System gab es kein eigenes Tor und das Sprungmodul der Achill war gut versteckt.

Auf dem Bildschirm war Kalon IIIe rot markiert, das Sprungmodul der Piraten ebenso. Die drei Torpedos dorthin waren grün. Der andere grüne Punkt war die Achill, die direkt zu den Piraten flog. Auf der holografischen Simulation sah es wie eine weite Kurve aus, denn sie mussten zunächst der Schwerkraft von Kalon II steil entkommen und später dann dem Gravitationssog der anderen Monde von Kalon III ausweichen. Daher war eine gerade Linie nicht der schnellste Weg.

Zwanzig Minuten später hatte die Achill bereits etwas über die Hälfte des Weges zurückgelegt, als zwei rote Punkte von Kalon IIIe davonflogen. Zwei?, war Duterres überrascht. Da war noch ein Schiff die ganze Zeit hier und hat unsere Ankunft nicht bemerkt? „Optionen!“, fragte er in den Raum.

Laura antwortete für alle: „Ein Schiff fliegt zum Sprungmodul, wird es aber nicht vor den Torpedos schaffen. Es ist gestrandet.“

„Kann es die Torpedos abschießen?“

„Nein.“, antwortete Ayato. „Einer der Torpedos ist speziell konzipiert in so einem Fall zu explodieren und durch unzählige Abwehrgeschosse die anderen zu schützen. Doch das wird nicht nötig sein, die Zeit reicht für die Piraten nicht.“

„Was ist mit dem anderen Schiff?“

„Es fliegt in die entgegengesetzte Richtung.“, war Laura wieder an der Reihe. „Vermutlich gibt es dort noch ein Sprungmodul, aber nur für ein Schiff. Daher versucht das erste Schiff sein eigenes Sprungmodul zu erreichen.“

„Warum haben die auf dem Mond uns nicht bemerkt?“

„Viele Möglichkeiten. Vielleicht waren sie zu relaxt oder Mitglieder des einen Schiffs haben sich nun auf zwei aufgeteilt. Schwer zu sagen.“

Duterres überlegte fieberhaft was er nun tun solle. Aber eigentlich gab es keine wirklich Wahl. Das eine Schiff war hier gestrandet, das andere musste von der Flucht abgehalten werden. „Leutnant Sebastián, bringt uns ein Abfangkurs an Kalon IIIe vorbei oder bedarf es einer Korrektur?“

„Wir dürfen nicht zu tief in den Orbit von Kalon III eindringen, um nicht von der Schwerkraft ergriffen zu werden. Daher habe ich einen neuen Kurs ohne Kalon IIIe ermittelt.“

„Leutnant Viola, berechnen sie den besten Zeitpunkt um das Einsatzteam im Shuttle loszuschicken.“

„Sie hatten sich schon auf einen Orbitalsprung gefreut.“, gab Laura zu bedenken, auch wenn es nur eine rhetorische Feststellung war.

„Ich weiß, aber leider geht es nicht anders. Sagen Sie ihnen, dass sie sich nachher einen Planeten aussuchen dürfen, wo wir sie dann runterwerfen.“ Im Augenwinkel bemerkte er Ayato‘ Grinsen. Der wird dann wohl mitspringen wollen. Die Aussicht auf eine kleine Belohnung hat noch keiner Crew geschadet.

Zehn Minuten später glitten sie über den braunen Gasriesen Kalon III hinweg, doch nirgends war er für sie sichtbar. Der Bildschirm war für Statusmeldungen reserviert. Die Torpedos hatten ihr Ziel zerstört und das Piratenschiff wechselte den Kurs. Auf dem Bildschirm sah man das Shuttle als kleinen grünen Punkt, wie es soeben die Achill verließ und zur Piratenbasis zusteuerte.

Der Captain bemerkte, dass einer der kleinen Holoschirme bei Laura rot aufleuchtete. Es schien ihm, als wäre dies einer der Statustracker für das Einsatzteam, aber da sie nichts meldete, kategorisierte er es ebenfalls als unwichtig.

„Was machen die feindlichen Schiffe?“, wollte Duterres von Laura wissen.

„Das von uns verfolgte Schiff steuert sein Sprungmodul an. Doch es ist viel langsamer als wir.“ Es musste schließlich aus der Schwerkraft von Kalon III ausbrechen und konnte anscheinend nicht so stark beschleunigen wie die Achill. Außerdem war die Achill bereits mit Höchstbeschleunigung unterwegs, als die Piraten starteten und der Schwung durch den kurzen Orbitaleintritt in Kalon III hatte sie noch weiter beschleunigt.

„Können wir sie einholen?“ Das war die entscheidende Frage.

„Sollte ihnen ein perfektes Andockmanöver mit dem Sprungmodul gelingen und ihre Systeme nicht zu veraltet sein, würden wir sie knapp verpassen.“

„Commander Tschernikov, machen Sie die Piraten nervös.“

„Jawohl!“ Der freudige Unterton war nicht zu überhören.

„Was ist mit dem anderen Schiff?“

„Es sucht vermutlich nach unserem Sprungmodul.“

Duterres verzog seine Lippen schelmisch. Hoffentlich finden sie es.

Zehn schweigsame Minuten später gab Laura wieder einen Bericht von sich: „Das Einsatzteam meldet keinerlei Widerstand. Die Station ist verlassen, aber gefüllt mit Beute. Die Computer sind zerstört.“

„Sagen Sie ihnen, sie sollen nicht zu enttäuscht sein, dass es keinen Kampf gegeben hat. Wir holen sie später ab.“

„Aye.“

„Kommander, wo bleibt die Ablenkung?“

„Ist schon unterwegs.“

Kleine grüne Punkte verließen auf dem Bildschirm die Achill. Nur Xi-Torpedos konnten schneller werden als Schiffe mit aktiviertem Hiro-Drive. Plasmakanonen, Präzisionslaser und Magnethaken kamen nur bei Normalraumgeschwindigkeit zum Einsatz. Doch Torpedos konnten leicht von Abwehrgeschossen aus dem Weg geräumt werden. Daher gab es Torpedos, die bei Detonation einen Elektromagnetischen Puls von sich gaben. Wurden sie weit genug entfernt abgeschossen, gab es kein Problem, doch zu nahe am Raumschiff und es folgten Probleme in verschiedenen Größenordnungen.

„Feindliche Abwehrgeschosse sind auf dem Weg.“, kommentierte Laura die Punkte auf dem Bildschirm. „Detonation in drei… zwei… eins…“

Grüne und rote Punkte trafen aufeinander, kurz war alles weiß, dann flogen zwei grüne Punkte weiter zu den Piraten. Der eigene Torpedo mit den Abwehrgeschossen hatte die Abwehrgeschosse der Piraten abgewehrt. Da war sehr viel Glück dabei gewesen und auch die Tatsache, dass die Piraten wohl Waffen minderer Qualität führten. Die zwei grünen Punkte flogen weiter. Jetzt waren sie in EMP-Reichweite, dennoch feuerten die Piraten eine Salve ab.

Duterres stieß einen Atem aus, von dem er gar nicht wusste, dass er ihn gehalten hatte. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit. Rote und grüne Punkte stießen aufeinander, lösten sich auf. Die Piraten verlangsamten unmittelbar darauf, aber das hatte nichts zu bedeuten, waren sie nun doch in Reichweite des Sprungmoduls. „Plasmakonen bereit halten.“

„Schon geschehen.“, erwiderte Ayato.

„Sie haben einen falschen Vektor für ein perfektes Andockmanöver.“, rief Laura erleichtert.

Die Achill schoss an den Piraten vorbei und verpasste ihnen dabei eine Salve mit den Plasmakanonen, ein Torpedo zerfetzte das Sprungmodul, dessen Explosion das Piratenschiff weiter beschädigte.

Während die Piraten im Weltall trieben, flog die Achill eine weite Schleife, verlangsamte dabei und kehrten mit Parallelgeschwindigkeit zu den Piraten zurück. „Leutnant Viola, rufen Sie sie.“

„Verbindung ist offen.“ Dann erschien ein Xandu auf dem Bildschirm. Zum Glück handelte es sich hier nicht um einen Erstkontakt, denn es gab nichts Unangenehmeres als beim ersten Anblick eines Außerirdischen zu erschrecken. Andererseits war es sehr witzig, wenn diese beim ersten Anblick eines Menschen erschraken. Trotz diplomatischer Ausbildung und psychologischen Trainings war es sehr schwer ruhig zu bleiben, wenn man einen neuen Außerirdischen das erste Mal sah.

Die Xandu waren eine reptiloide Rasse und wirkten dementsprechend wir aufrecht gehende Echsen mit grün-blauen Schuppen. Ihr Gesicht wirkte menschlich mit zwei tief sitzenden roten Augen, deren Lider seitlich schlossen, und einer Stupsnase. Die Öffnung des Mundes war viel länger, reichte auf beiden Seiten beinahe bis direkt unter die Gehöröffnungen.

„Was wollen Sie?“, kam der Pirat ohne Begrüßungsfloskeln gleich zur Sache.

Wir haben ihn schließlich gerade flugunfähig geschossen, verzieh ihm Duterres und sagt dann: „Sie sind nun hier gestrandet. Funktionieren ihre Lebenserhaltungssysteme noch?“ Die Übersetzungssoftware lief automatisch und gestattete eine problemlose Kommunikation zwischen zwei unterschiedlichen Spezies.

„Ja.“, war die gefauchte Antwort. Laura nickte bestätigend, hatte sie doch bereits Zugriff auf die Systeme des Piratenschiffs.

„Gut. Sobald wir Ihre Freunde eingeholt haben, werden wir das weitere Prozedere Ihrer Gefangennahme besprechen.“

Der Pirat schloss einfach mit Wut in den Augen die Verbindung. Dann wand sich Duterres an Laura: „Leutnant Viola, waren Sie erfolgreich?“

„Ja, ich habe einen Wurm eingeschleust. Sollten Sie nicht unseren Befehlen folgen, kann ich ihr gesamtes Schiff von hier aus lahmlegen.“

„Sehr gut.“ Er erlaubte sich kurz zurückzulehnen und durchzuatmen. Bisher verlief alles tadellos. „Was ist mit dem anderen Schiff?“

„Es sucht unser Sprungmodul an einem komplett falschen Ort.“

Ein böser Gedanke kam ihm und Laura schien ihn von seinem Gesicht abzulesen, denn sie sagte: „Ich halte es für keine gute Idee, den Piraten einen Tipp zu geben, nur um zu sehen, wie die neuen Minen funktionieren. Unser Sprungmodul könnte dabei beschädigt werden.“

„Ja, das ist schon klar.“, gab er resignierend und enttäuscht zu. Er hätte die neuen Minen gerne in Aktion gesehen. „Leutnant Sebastián, geben sie einen Abfangkurs für das andere Piratenschiff ein.“

„Aye.“

Keine Minute später wurden sie schon wieder in die Drucksessel gepresst und auf dem Bildschirm erschien die geschwungene Route, die die Achill zwischen Kalon III und Kalon II hindurch nehmen würde.

Nach fünf Minuten erschien bereits die erste Kursänderung. „Bericht!“

„Die Piraten haben ihre Geschwindigkeit erhöht und versuchen zu fliehen.“, erklärte Laura.

„Wohin führt die Flugbahn?“

„In den Asteroidengürtel zwischen Kalon II und Kalon I.“

Duterres schwante Übles, er fragte aber dennoch fürs Protokoll: „Was planen sie?“

„Vermutlich erhoffen sie sich zwischen den Asteroiden einen Vorteil uns zu bezwingen. Eine andere Hoffnung können sie nicht haben.“

Ein Kampf zwischen Asteroiden war nie angenehmen, aber wenn die Piraten das wollten, würde er nicht ablehnen. „Könnten sie dort etwas versteckt haben?“

„Durchaus möglich, aber eher unwahrscheinlich. Ich vermute das zweite Sprungmodul war ihr Notfallplan, der Asteroidenkampf ist nur eine spontane Entscheidung.“

„Das sehe ich genauso, dennoch halten Sie die Augen offen. Ich möchte keine unangenehmen Überraschungen.“

Fast eine ganze Stunde verging, die sie in den Drucksesseln verbrachten. Sachin gab immer wieder Warnungen von sich, dass man nicht so lange mit Höchstbeschleunigung fliegen solle, dass dies nicht gut für die Maschinen sei. Duterres ignorierte ihn geflissentlich, weil er genau wusste, dass der Ingenieur im Notfall schon eine Lösung finden würde, die Achill noch tagelang mit Höchstbeschleunigung fliegen zu lassen. Der Captain hatte vollstes Vertrauen zu seiner Mannschaft.

„Leutnant Viola, wie schaut es mit unseren Gefangenen aus?“

„Anscheinend versuchen sie ihre Waffensysteme zu aktivieren, um dann die Basis auf dem Mond zu beschießen. Aber mein Wurm verhindert das.“

„Sehr gut.“ Wie auch bei Sachin hatte Duterres keine Zweifel, dass Laura hervorragende Arbeit vollbrachte. Dennoch nagte etwas Unsicherheit in ihm, denn ein Asteroidenkampf stand ihnen bevor. Gary und Ayato waren ein eingespieltes Team, Pilot und Schütze, aber man wusste nie, was da noch geschehen konnte.

Der Sprung zurück in die Normalraumgeschwindigkeit fühlte sich an, als wäre ein Korsett aufgesprungen und plötzlich konnte sich die gesamte Leibesfülle problemlos ausbreiten. Das Atmen fiel leichter und man konnte sich ungehindert bewegen. Nur das rote Licht in den Ecken signalisierte, dass man sich in einer Gefechtssituation befand, weshalb jeder weiter in seinem Sessel verharrte.

Das Piratenschiff hatte sich in eine dichte Asteroidenstelle hineinmanövriert und schien dort auf die Achill zu warten. Alles schrie nach einem Hinterhalt, doch Hilfe rufen wollte Duterres nicht. Er war der Piratenjäger der Sol-Flotte und er würde nicht mehr als anschließend einen Truppentransporter für die Gefangenen benötigen. Das wäre ja gelacht, wenn wir das nicht hinbekommen.

„Commander Tschernikov, erstellen Sie gemeinsam mit Leutnant Sebastián eine Flugbahn um das Piratenversteck herum, bei der Sie Ihre Waffen maximal einsetzen können.“

Die beiden Männer sprachen kein Wort miteinander, sondern schoben sich lediglich geöffnete Dateien auf ihren Holoschirmen hin und her, korrigierten etwas, bestätigten anderes. Keine fünf Minuten später wurden sie wieder in die Drucksessel gepresst, doch nicht sehr stark. Der Hiro-Drive war also nur minimal über Normalraumgeschwindigkeit eingestellt.

Die Achill flog direkt auf die Piraten zu. Dann wurde der Präzisionslaser aktiviert um den Asteroiden, der ihnen als Versteck diente, zu zerschneiden. Gleichzeitig schossen vier Torpedos davon, an den vier Polen des Asteroiden vorbei, um den Piraten die Flucht unmöglich zu machen.

Das Piratenschiff nahm Kurs in die entgegengesetzte Richtung und ließ dabei eine ganze Wolke an Abwehrgeschossen zurück, die die Torpedos eliminierten.

Damit hatten die beiden Offiziere anscheinend gerechnet, denn kurz darauf erlosch der Präzisionslaser und die Achill schwang zur Seite. Den Piraten in diesen dichten Bereich des Asteroidengürtels zu folgen war keine Option. Ayato feuerte weitere Torpedos seitlich ab, diesmal einige Dutzend, die jedoch allesamt auf irgendwelchen Asteroiden aufprallten oder von den Abwehrgeschossen der Piraten vernichtet wurden. Nicht einmal ein Glückstreffer gelang und kein Torpedo erreichte EMP-Distanz. Das ganze wirkte wie eine ungeheure Munitionsverschwendung, doch Duterres vertraute seinem Ersten Offizier. Da steckte sicher irgendein Plan dahinter. Und tatsächlich offenbarte sich dieser sogleich. Nicht alle Torpedos waren Richtung Piraten geschickt worden. Einige hatten ganz bewusst einen Asteroiden getroffen, der dadurch bewegt wurde und die Flugbahn des feindlichen Schiffes veränderte. Der Großteil aber hatte einen anderen komplett pulverisiert. Und genau bei dessen Überresten kehrte die Achill in Normalraumgeschwindigkeit zurück und begann mit der Plasmakanone ein Dauerfeuer durch die Staubwolke hindurch.

Die Piraten, durch den anderen Asteroiden in eine neue Flugbahn gedrängt, bewegten sich nun direkt in diese Schusslinie. Sie hatten gehofft, die Achill dort hinein zu locken und dann aus dem Hinterhalt heraus anzugreifen. Doch Ayato und Gary hatten sich darauf nicht eingelassen und nun saßen die Piraten selbst in der Falle, inmitten der Asteroiden beinahe manövrierunfähig.

Sie bremsten hart ab und versuchten unter der Schusslinie hindurch zu tauchen, doch Ayato ließ sie nicht entkommen. Er aktivierte nun auch die Plasmakanonen auf der Unterseite der Achill, wodurch die Piraten keine Chance mehr hatten. Mehrere Schüsse schlugen hart ein und kurz darauf driftete das feindliche Schiff antriebslos im Weltall.

Die anschließende Kommunikation mit den Xandu war genauso kurz wie mit dem anderen Schiff. Dann aktivierte Gary wieder den Hiro-Drive und sie kehrten mit Höchstbeschleunigung zur Piratenbasis zurück, um ihr Einsatzteam abzuholen.

Auf dem Weg dorthin aktivierte Laura das Sprungmodul mittels Fernsteuerung, öffnete ein winziges Trans-Space-Tor und schickte eine Nachricht zum Mars.

Das Rendezvous mit dem Shuttle verlief problemlos, doch irgendetwas in der Stimme des Einsatzleiters ließ den Captain darauf schließen, dass etwas nicht in Ordnung war. Aus dem Augenwinkel sah er, dass beim rot leuchtenden Holoschirm neben Leutnant Viola nur noch ein Kreuz prangerte. Aber er beschloss seine Vermutung für den Moment zu ignorieren.

Gary tippte den Kurs zum Sprungmodul in seine Holokonsole ein.

„Leutnant Viola, lassen sie das Einsatzteam wissen, dass sie sich irgendeinen Planeten aussuchen dürfen, um einen Orbitalsprung durchzuführen. Wir gönnen uns einen kleinen Kurzurlaub, bevor wir zum Mars zurückkehren.“ Ayato hatte natürlich mitgehört, denn auf dieser kleinen Brücke war es nicht möglich für Geheimhaltung zu sorgen, und ließ einen kleinen Freudenjauchzer von sich, der Duterres ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen zauberte.

„Ich muss Sie enttäuschen.“, unterbrach Laura die gute Laune. „Sie werden sofort auf dem Mars erwartet.“ Damit war die freudige Atmosphäre dahin und Duterres überhörte geflissentlich die gemurmelten Schimpfwörter seines Ersten Offiziers.

„Also gut. Leutnant Sebastián, Sie haben es gehört.“

2.

Roh-Wah-Keh war glücklich. Er wusste nicht recht weshalb, aber das war auch nicht weiter wichtig.

Er kroch durch das Dickicht von Kr’Zip, wobei er seine Arme und Beine zurückgeschlagen hatte und sich vorwärts schlängelte. Beim Winden drückten seine Körperbiegungen sich an Unebenheiten des Bodens ab. Außerdem presste er die Rippen mit seinen Muskeln eng zusammen und wieder auseinander, was weiteren Schub ermöglichte.

Kr’Zip war ein Dschungelplanet mit hoher Luftfeuchtigkeit, einer Kohlenstoffdioxid-Atmosphäre und essbaren Pflanzen. Eine ideale Koloniewelt für die Rawa, in deren Jump Space er sich glücklicherweise befand.

Roh-Wah-Keh war gemeinsam mit neun weiteren Rawa von der Matriarchin geschickt worden, um die Ankunft eines Saatschiffes vorzubereiten. Sie hatten die letzten Monate hier zugebracht eine Landefläche zu roden, einen Kommunikationsturm zu errichten und die verschiedenen Pflanzen auf ihren Nährwert zu testen.

Heute war der lang erwartete Tag.

Eine Woche nach ihrer Ankunft hatten die zehn Rawa-Pioniere ein weitereichendes Höhlensystem entdeckt, das als Behausung dienen konnte. Dort hatten sie auch ein großes Wasserbecken gefunden, in welchem sie angenehm entspannen konnten. Roh-Wah-Keh kehrte gerade von dort zurück und eilte zum Kommunikationsturm. Er hatte eine wichtige Aufgabe.

Sie hatten zwischen Turm, Landeplatz und Höhlensystem Wege ins Dickicht geschlagen, damit sie angenehmer vorankamen. Daher brauchte er nicht mehr als eine Stunde, um sein Ziel zu erreichen. Hatte er nicht eine andere Aufgabe?

Die Rawa-Pioniere hatten sich nach ihrer Ankunft gewundert, dass es keine Tiere gab, doch nach einer Woche waren sie so glücklich gewesen, dass alles so gut voranlief, dass sie sich nicht weiter darum kümmerten. Sie aßen Früchte und Nüsse, die sie fanden, auch einige Blätter, Pilze, Wurzeln und was es halt sonst noch gab. Sie kuschelten in der Nacht zusammen und genossen die gegenseitige Nähe.

Der Kommunikationsturm war nicht mehr als eine große Plattform mit verschiedensten Antennen und Schüsseln, durch die auf Quantenebe eine problemlose Kommunikation im gesamten Sonnensystem möglich war. Sollte von irgendwo aus ein Trans-Space-Tor geöffnet werden, konnten die Signale sofort aufgefangen werden.

Roh-Wah-Keh schlängelte sich die Rampe hinauf und wurde dort von Roh-Mel-Dom begrüßt, während die anderen sieben bei der Landefläche warteten.

„Ist das Saatschiff schon angekommen?“, fragte Roh-Wah-Keh in ihrer Zischsprache, wobei bei einigen Lauten auch die Zunge zwecks Vibration herausgestreckt wurde.

„Noch nicht, du hättest ruhig noch länger baden können.“

„Das hätte ich sehr gerne, aber dann hätte ich mich wohl bald aufgelöst.“

„Wenn das Saatschiff da ist, werde ich dieses Risiko eingehen.“

Sie blickten beide auf ihre Holoschirme und sprachen dabei über die neuen Pflanzen, die sie gestern getestet hatten. Es war ein ganz normales Gespräch, doch irgendetwas kam Roh-Wah-Keh komisch vor. Im hintersten Eck seines Unterbewusstseins störte ihn etwas, aber er konnte nicht festmachen, was.

Dann kam das Signal, dass sich ein Trans-Space-Tor öffnete, nämlich zischen den Umlaufbahnen des vierten und fünften Planeten. Kr’Zip war der dritte Planet, das Saatschiff musste also noch eine Weile fliegen. Es begann sogleich hart zu beschleunigen und sollte es dies konstant durchziehen, wäre es in fünf Stunden hier.

„Ich hätte tatsächlich noch ein paar Stunden im Wasser bleiben können.“, stellte er resignierend fest.

„Wir wussten ja nicht, wo sich das Trans-Space-Tor öffnet. Das ist immer ein Glücksspiel.“, beruhigte ihn Roh-Mel-Dom.

Die beiden legten sich dann in die Sonne und genossen ihre Wärme, während sie warteten. Die Körperfunktionen runterzufahren und Energien zu sparen war ein wichtiger Teil im Leben der Rawa.

Roh-Wah-Keh war unruhig, denn irgendetwas störte ihn. Aber was? War er nicht glücklich? Ging es ihm nicht gut? Irgendein Instinkt warnte ihn. Aber vor was?

Ein Piepsen der Sensoren weckte ihn und er kehrte zu seinem Holoschirm zurück, wo er sich mit den Piloten des Saatschiffes koordinierte, damit es problemlos landete.

Es war ein gewaltiges Schiff, fast achthundert Meter lang, vierhundert breit in der Form eines Zylinders. Als es landete, verursachte es einen gewaltigen Windstoß, der bis zum Kommunikationsturm zu spüren war.

Roh-Wah-Keh sah am Holoschirm, dass das Saatschiff erfolgreich auf der Landefläche aufgesetzt war, den Rest konnte er sich nur vorstellen. Zwei der Pioniere würden die Crew zu den Höhlen bringen, während die anderen die Fässer an Bord brachten. Sollten sie nicht eigentlich etwas anderes machen? Aber was? Nein, das passte schon, deswegen war das Saatschiff ja gekommen.

Es dauerte nicht lange, dann hob das Saatschiff wieder ab, mit fünf der Pioniere an Bord. Roh-Wah-Keh koordinierte sich mit den neuen Piloten, aber irgendetwas sträubte sich dagegen, rief in seinem Hinterkopf, dass es falsch war.

Das Saatschiff flog zum Notfallsprungmodul, öffnete ein Trance-Space-Tor und verschwand aus diesem Sonnensystem.

Kurze Zeit später öffnete sich ein weiteres Trans-Space-Tor, durch das eine Kommunikationsverbindung mit dem Kolonieadministrator im Palast der Matriarchin aufgebaut wurde. Es war eine Statusanfrage, ob das Saatschiff erfolgreich gelandet sei.

Roh-Wah-Keh antwortete: „Das Saatschiff ist nie bei uns angekommen.“

3.

Die Achill war irgendwo zwischen den Umlaufbahnen des Uranus und des Neptun gelandet. Der Hiro-Drive lief auf etwas unter fünfzig Prozent, damit die Besatzungsmitglieder sich bequem bewegen konnten. Dadurch dauerte der Flug zum Mars etwa zweieinhalb Tage. Jeder genoss die Ruhe und da sie mitten im Sol-System waren, musste man nicht ständig damit rechnen, in Alarmbereitschaft versetzt zu werden.

Marvin Duterres, der Captain, saß in seiner Kabine und genoss eine Tasse Anden-Hochland-Kaffee. Es gab nicht viel Luxus in seinem Leben, aber einige Packungen echten Kaffees von der Erde gönnte er sich. Die New Greenland Kolonie produzierte neben unzähligen agrarischen Produkten auch einen eigenen Kaffee, weitverbreitet und günstig, aber für Duterres war dieser, auch wenn er noch so gut schmeckte, nicht mit jenem von der Erde zu vergleichen.

Im Hintergrund lief Musik aus dem dreiundzwanzigsten Jahrhundert, die sich an etwas orientierte, was ursprünglich Jazz hieß. Duterres war nicht so ein Musikfan, dass er seine Musiksammlung bis auf die Anfänge zurückführen würde. Einige Interpreten jenes Zeitraums gefielen ihm, speziell ein Ensemble aus der Kolonie Neo Nippon, mehr aber auch nicht.

Die anderen Offiziere höchsten Ranges saßen irgendwo beisammen und spielten Rak’Tek, eine Mischung aus Karten- und Würfelspiel der Sironer, das sich in der gesamten bekannten Milchstraße großer Beliebtheit erfreute. Sie hatten ihn auch eingeladen, doch er wollte sich nur zurücklehnen, die Gebirgslandschaft auf dem Bildschirm, der normalerweise Dank Außenkameras als Fenster diente, genießen und sich entspannen. Außerdem befürchtete er, dass Sachin Patel sie irgendwann auffordern würde, eines seiner Brettspiele zu spielen. Jeder hatte seine Hobbys, das war wichtig in dieser beinahe vollautomatisierten Zeit mit so viel Warterei. In den unteren Rängen hatte der Ingenieur glücklicherweise auch einige Gleichgesinnte gefunden. Hobbys waren wichtig und Duterres würde keines kritisieren. Weder die zahlreichen Trainingseinheiten von Ayato Tschernikov, noch die Malerei von Laura Viola, noch die Serienmarathons von Gary Sebastián. Dieser hatte tatsächlich eine Mediensammlung, die mehrere Jahrhunderte bis zu den Anfängen der Filmgeschichte zurückreichte. Er selbst war aber nicht der Fan, der diese zusammengestellt hatte, sondern dessen Bruder. Immer wenn er im Sol-System war, öffnete er einen Datenlink zu seinem Bruder und kopierte dessen neuesten Errungenschaften.

---ENDE DER LESEPROBE---