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Dieses Buch erzählt die Geschichte von der jungen Meerjungfrau Vanessa, die zusammen mit ihren Eltern an Land lebt. Nach einem traumatischen Unfall wird ihre Welt und ihr bisheriges Leben in völlige Finsternis getaucht. Zwischen all den Depressionen und ihren Suizidgedanken muss sie noch immer ihren ganz normalen Wahnsinn des Alltags meistern. Eines Tages treten eine ganze Reihe von Vampiren und Menschen in ihr Leben, die ihre Schattenwelt von nun an komplett auf den Kopf stellen. Dieser Fantasy-Roman ist eine abwechslungsreiche Geschichte, mit der ich einen Einblick gewähre, wie es ist, mit einer ausgeprägten psychischen Erkrankung zu leben und welche Ausmaße dies auch auf andere Menschen nimmt. Mir ist es persönlich sehr wichtig, dass - Euch liebe Leser - diese Zeilen jetzt nicht abschrecken. In der Geschichte verbergen sich sowohl eine Liebesgeschichte, spannende, fesselnde aber auch lustige Momente. Ich hoffe, dass für jeden Lesergeschmack etwas dabei ist. Also viel Spaß beim Lesen. Annika Thomassek
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kämpfen heißt leben, leben heißt kämpfen. Nur wer wirklich gelitten und Schmerz empfunden hat, hat auch wirklich gelebt.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Epilog
Ich sehe aus wie ein ganz normales Mädchen. Aber das bin ich nicht, denn ich bin ein Halbvampir. Eigentlich bin ich eine Meerjungfrau, aber durch einen blöden Zwischenfall wurde ich zu einem Halbvampir. Normalerweise können Meerjungfrauen keine Vampire werden, aber weil mein Vater ein Mensch ist und ich ein paar seiner Gene geerbt habe, bin ich eine der wenigen Ausnahmen, die es nun Mal werden können. Für Vampire sind wir Meerjungfrauen eine wahre Delikatesse, ein teurer Wein, den man nicht jeden Tag zu trinken bekommt und daher etwas sehr Besonderes.
Bis heute kann ich mich noch genau an den Moment erinnern, an dem mich der Vampir überfallen und auch gebissen hatte. Es war ein heißer Juli Sommertag, an dem ich spazieren ging. Der Vampir kam wie aus dem Nichts und warf mich zu Boden. Er biss mir direkt in den Hals und zwang mich danach, sein Blut zu trinken. Was die Menschen nämlich nicht wissen ist, dass Vampirblut einen nicht nur unsterblich werden lässt, sondern auch Verletzung heilen kann und manchmal sogar auch Krankheiten. Aber Vampirblut allein macht keinen Vampir aus einem Menschen. Um unsterblich zu werden, muss man erst einmal sterben. Ich starb ohne zu wissen, dass ich einer werden würde. Eigentlich wollte ich nur tot sein und nahm mir deswegen das Leben. Ich wollte nicht mehr leben. Die meisten Menschen hatten mir oft genug gezeigt, dass ich nichts wert war. Meine Mutter schickte mich nach meinem Suizidversuch in eine andere Familie, weil sie nicht wollte, dass ich mir erneut etwas antat. Sie brachte mich in einer Familie unter, in der nur Vampire lebten.
Das Besondere für mich war, dass es dort noch ein Mädchen gab, das selbst ein Suizidproblem gehabt hatte. Dann gab es da noch Jessica, ihre beste Freundin. Und vom ersten Tag an, als ich bei ihnen eingezogen war, war sie auch meine geworden.
Und dann war da noch der Hausherr, Jessicas leiblicher Vater Joe. Meiner Mutter wurde Joe von einem Arzt empfohlen.
Joe hatte sich dann mit meiner Mutter in Verbindung gesetzt. Nach mehreren intensiven Gesprächen, vertraute sie ihm und ließ mich in seiner Familie ziehen. Dann kam der Tag, an dem mich Joe mit der Erlaubnis meiner Mutter in die St.-Darkhoff-Gemeinschaft einschrieb. Joe war der Meinung, dass Nina einen schlechten Einfluss auf mich hätte, weil sie ja selbst mal suizidgefährdet war. Auch wenn sie dieses Problem jetzt als Vampir nicht mehr hatte.
Von Delmenhorst aus, einer kleinen Stadt in Niedersachsen, fuhren Joe und ich in den Harz, genauer gesagt nach Bad Harzburg. Dort lag die Anlage abgelegen am Waldrand. Noch vor kurzem hatte dort ein Hotel gestanden. Aber dann brannte das Hotel aus und wurde abgerissen. Die Vampirgemeinschaft kaufte das Gelände und errichtete die St.-Darkhoff-Gemeinschaft. Wir fuhren mit dem Auto durch das große Tor auf das große Gelände. Die Gebäude waren in einem altmodischen Stil erbaut worden. Wir stiegen aus und liefen auf das Empfangsgebäude zu. Joe schloss die Glastür hinter uns und wir standen in einer großen Halle. Auf einer Tafel stand, dass sich das Büro des Leiters im ersten Stock befand.
Wir stiegen die breite Treppe hinauf und kamen in einen langen Flur. An den Türen, an denen wir vorbeikamen, waren auf den kleinen silbernen Schildern zu lesen, wer in dem Raum arbeitete und welche Funktion er hatte. Die letzte Tür am Ende des Flures war auch gleich mit die Größte. Neben ihr auf dem Schild stand „Darkhoff, Leiter der Gemeinschaft“. Joe klopfte an die Tür und von innen erklang eine Stimme mit amerikanischem Akzent. „Ja, bitte!“ Joe öffnete und ich schlüpfte hinter ihm durch die Tür.
Immer darauf bedacht, mich so nah wie möglich bei ihm aufzuhalten. Darkhoff war ein großer Mann mit schwarzen Locken. Er erhob sich von seinem Stuhl, um Joe die Hand zu geben. Mir nickte er nur zu, denn er schien zu merken, dass ich nicht jedem die Hand gebe und er akzeptierte es.
Wir setzten uns ihm gegenüber in zwei schwarze Ledersessel. „Mein Name ist Darkhoff und ich heiße Sie herzlich in unserer Gemeinschaft willkommen.“ „Danke“, sagte ich und zwang mich zu einem Lächeln. Darkhoff fragte, „ist es recht, wenn ich „Du“ zu Dir sage, Vanessa?“ „Ja, klar.“ Dieses Mal bemühte ich mich gar nicht erst zu einem Lächeln und versuchte mich ein wenig zu beruhigen. Ich mochte fremde Menschen nicht, und war immer sehr angespannt, wenn ich mit ihnen in einem Raum, Bus oder in einem Zug saß. Darkhoff musterte mich neugierig mit seinen lilanen Vampiraugen, eh er sich an Joe wandte: „Was hat sie für Essgewohnheiten?“
In diesem Moment fühlte ich mich schon ein bisschen unsichtbar. Zwar war ich total gestresst, aber reden konnte ich immer noch. Um mich ein wenig bemerkbar zu machen, fuchtelte ich wie eine bekloppte mit meinen Armen vor seinem Gesicht herum. „Hallo, ich sitze vor Ihnen, warum fragen Sie mich denn nicht selbst?“ Mit einem amüsierten Lächeln drehte er sich wieder zu mir und stellte mir seine Frage erneut. Er würde mich jetzt zwar für eine Irre halten, aber das war mir egal. „Ich kann von beidem leben, sowohl von Blut, als auch von menschlicher Nahrung.“ „Tja, dass freut mich, denn menschliche Nahrung wirst du bei uns nicht bekommen. Es sei denn, du möchtest es gerne. Dann allerdings müssten wir Dir in deinem Zimmer einen Kühlschrank einbauen lassen.“ Erneut zwang ich mich zu lächeln und schüttelte den Kopf. „Nein danke, das ist nicht nötig. Ich komme auch so zurecht.“ „Das habe ich auch nicht in Frage gestellt.“ Er wandte sich wieder an Joe und wechselte das Thema. „Hat sie eigentlich ihren Durst unter Kontrolle?“ „Ja.“, antwortete ich, doch der Vampir schenkte mir keine Aufmerksamkeit. Ich versuchte es wieder mit wildem herumfuchteln, aber dieses Mal ignorierte er es einfach. Jetzt war ich wirklich unsichtbar. Joe war ebenfalls verwirrt, weil Darkhoff meine Antwort einfach ignorierte und fest darauf bestand, dass er die Antwort auf seine Frage gab. „Ja, sie hat ihren Durst unter Kontrolle.“ „Gut, dann kannst du jetzt deinen Ordner von meiner Sekretärin abholen.“
Ohne ein Wort stand ich auf und ging zur Tür, die zu seiner Sekretärin führte. „Komischer Typ“, dachte ich mir und klopfte kurz an, bevor ich das Büro betrat. Das Büro war recht klein. Überall standen Regale mit Akten und anderen Bürozeugs. Hinter dem Schreibtisch saß eine Frau mit einer weißen Bluse. Ihr hellbraunes Haar hatte sie sich mit einer Klammer nach oben gesteckt. Und als ich ihr Büro betrat lächelte sie mich freundlich an, wobei ihre scharfen, spitzen Zähne zum Vorschein kamen. Ich lächelte, ohne mich zwingen zu müssen zurück, und schloss die Tür hinter mir. „Ich habe dich bereits erwartet und schon mal deinen Ordner zusammengestellt.“ Sie reichte mir einen schwarzen Ordner, in dem mit goldenen Buchstaben mein Name eingraviert war. „Und das ist dein Zimmerschlüssel.“ Sie reichte mir einen kleinen, silbernen Schlüssel, in dem drei kleine Ziffern eingraviert waren. Ich steckte den Schlüssel in die Hosentasche meiner Jeans und öffnete neugierig den Ordner. Gleich auf der ersten Seite befand sich eine Klarsichthülle, in der sich ein Lageplan und eine Schlüsselkarte befanden. Die Sekretärin entdeckte die Schlüsselkarte in meiner Hand, die ich aus der Hülle herausgeholt hatte und erklärte: „Die Schlüsselkarte ist für deinen Kleiderschrank, falls du etwas einschließen möchtest, wenn du mal nicht im Zimmer bist.“ Ich sagte es zwar nicht laut, fragte mich aber: „Warum brauche ich für einen Kleiderschrank eine Schlüsselkarte?“ Ich bedankte mich ein letztes Mal und kehrte in das Büro des Leiters zurück und setzte mich wieder in meinen Sessel.
„Joe hat mich gerade informiert, dass du auf Grund deiner psychischen Erkrankung, gewisse Probleme mit bestimmten Personen hast. Aber keine Sorge, hier werden sie nicht auftauchen.“ Eine gewisse Unruhe machte sich in mir breit. Ich sah ihn nicht an, als ich ihn fragte: „Wissen Sie auch, dass ich...“ „Das du suizidgefährdet bist? Ja Ja, das weiß ich.“ Ich zuckte kurz zusammen und senkte den Kopf noch tiefer. Für mich gab es nichts schlimmeres, als ein Geständnis, dass man suizidgefährdet ist, wenn man in einem Erstgespräch saß. „Es muss dir nicht unangenehm sein“, richtete Darkhoff an mich. Verblüfft sah ich von meinen Beinen auf. Konnte er etwa Gedanken lesen? „Können Sie meine Gedanken lesen?“, fragte ich verunsichert und hoffte inständig, dass es sich um einen Zufall handelte. Darkhoff war amüsiert und lachte: „Nein, aber ich kann es an deiner Reaktion ablesen, dass dir das Thema unangenehm ist.“ „Oh….“, das war mir jetzt aber richtig peinlich. Wie kam ich denn auch auf die Idee, dass er das konnte. Denn das konnten höchstens Telepathen und Edward aus Twilight. „Wenn dich etwas bedrückt oder du Fragen hast, dann scheue dich bitte nicht, mich oder einen meiner Kollegen anzusprechen. Natürlich wissen wir auch, dass du einmal täglich gebissen werden musst, auch da kannst du jederzeit zu uns kommen. „Da könnt ihr aber lange warten.“, schoss es mir durch den Kopf. Äußerlich hatte ich mein Pokerface aufgesetzt und einfach genickt, aber innerlich war ich ein wenig angewidert. Der Grund, warum ich von einem Vampir gebissen werden musste und nicht einfach sein Blut trinken musste war, dass sich im Speichel eines Vampirs ein wichtiger Stoff befand, der nur so in meinen Blutkreislauf gelangen konnte. Der bloße Gedanke daran war für mich so widerlich, dass ich nicht mehr darüber wissen wollte. Ich wusste nur, dass der Stoff lebenswichtig für mich war und dass ich ohne den Biss innerhalb von Minuten sterben würde.
Darkhoff begleitete uns nach dem Gespräch zurück zum Parkplatz, wo unser Auto noch immer unter einem riesigen Baum stand. Joe öffnete den Kofferraum, holte meine große Reisetasche heraus und stellte sie neben mir ab. Der Abschied war kurz und schnell gewesen, einmal in den Arm genommen und kurze letzte Worte. „Es ist nur zu deinem Besten.“ Joe löste sich von mir, stieg in seinen Wagen und fuhr ohne mich zurück nach Hause. Schon jetzt hätte ich heulen können. Denn Joe wusste nämlich ganz genau, dass ich Fremde überhaupt nicht leiden konnte, beschloss es aber zu verdrängen und es auf heute Abend, spätestens auf die Nacht, zu verschieben. Erst als ich unser Auto nicht mehr hören konnte, weil es auf die Autobahn gefahren war, hob ich die Tasche vom Boden auf.
Doch Darkhoff schüttelte den Kopf und wollte, dass ich ihm ohne das Gepäck folgte. „Wird meine Tasche denn nicht geklaut, wenn ich sie hier einfach liegenlasse?“, fragte ich, als wir bereits einige Schritte gegangen waren. „Nein, einer vom Hauspersonal wird dir deine Tasche auf dein Zimmer bringen.“ Obwohl ich noch immer ziemlich angespannt war, wurde ich doch langsam etwas ruhiger.
Das Geräusch des plätschernden Baches, der an unserer Gemeinschaft vorbeifloss, beruhigte mich. Wir liefen über saftiges, grünes Gras, das trotz eines typischen Herbsttages so aussah, als wäre es aus dem Fernsehen für Gartenwerbung gekommen. Während wir liefen, deutete er mit seinem Finger auf die Wohnanlage. Von der man von dieser Seite allerdings nur die Balkons sehen konnte. Auf einem der Balkons im 3. Stock stand ein Mädchen mit dunkelblonden Haaren. Als sie mich und Darkhoff sah, sprang sie vom Balkon und landete leichtfüßig auf dem Boden und kam zu uns herüber. „Na, dann kann ich dich ja jetzt alleine lassen. Ich bin mir sicher, dass Nazissa dir alles Weitere gerne zeigen wird.“ „Aber natürlich Mister Darkhoff“, antwortete sie. Darkhoff erinnerte mich noch einmal daran, dass ich jederzeit zu ihm kommen könnte und verschwand. Jetzt war ich mit dem Mädchen alleine, die mich noch immer, seit sie zu uns gestoßen war, neugierig musterte. „Ich bin Nazissa und wer bist du?“ „Ich bin Vanessa.“ „Sag mal Vanessa, geht es dir nicht gut? Du wirst so bleich.“ „Ich…, ich... .“ „Ja?“ Mit letzter Kraft, die ich noch aufbringen konnte, zog ich einen Zettel aus meiner Hosentasche und überreichte ihn ihr mit zitternder Hand. Nazissa wich erschrocken zurück, als sie las: „Beiß mich“. „Nein!“, sagte sie in einem scharfen, entscheidenden Ton, ließ den Zettel fallen und rannte davon, bevor sie sich es doch noch anders überlegen konnte.
Meine Beine zitterten, sie wollten mich nicht mehr halten und ich brach zusammen. Die Luft wurde knapp und mein Herz schlug nur noch in unregelmäßigen Abständen. „Nicht mehr lange, dann bin ich endlich erlöst. Von meinem verdammten Dasein.“
Doch sosehr ich mich bei diesem Gedanken auch freute, gab es da immer noch einen klitzekleinen Teil in mir, der gerne noch weiter existieren würde. Nicht, weil ich doch an meiner Existenz hing, sondern viel mehr, weil ich meiner Mutter und meiner besten Freundin sehr viel bedeutete. Ich schloss meine Augen. Gleich war es für immer vorbei. Doch dann spürte ich den bekannten Schmerz, wie sich zwei scharfe, spitze Vampirzähne durch meine Haut bohrten. Augenblicklich begann mein Herzschlag wieder in einem regelmäßigen Rhythmus zu schlagen und meine Lunge füllte sich wieder mit Luft. „Konnte ich denn nicht einmal in Ruhe sterben?“, ging es mir erneut durch den Kopf. Ich hoffte inständig, dass es nicht Darkhoff gewesen war, der mich gebissen hatte. Doch als ich meine Augen öffnete, sah ich nicht Darkhoff neben mir knien, sondern ein Mädchen mit hellblonden Haaren. Einer ihrer Strähnen war in einem hellen blau gefärbt. „Hallo, ich bin Isabell.“ Sie führte ihren Finger zu einen ihrer spitzen Zähne und drückte zu, bis sich ein kleiner hellroter Blutstropfen zeigte. Isabell strich ihren Finger über die Stelle an meinem Handgelenk, wo sich die Bissspur befand. In Sekundenbruchteilen verheilte die Wunde und nicht einmal eine Narbe blieb zurück.
Ich setzte mich auf und entdeckte wie Darkhoff hinter Isabell auftauchte. „Ach kommt er auch mal“ , dachte ich mir. „Ich bin sofort umgedreht, als ich gehört hatte, dass du schwächer geworden bist. Geht es dir denn jetzt wieder besser?“ „Ja, dank Isabell.“ Ich rappelte mich vom Boden auf: „Ich würde jetzt gern aufs Zimmer gehen.“ „Isabell ist mit dir auf einem Zimmer, sie wird es dir zeigen. Geht es dir wirklich wieder gut?“
Diese Frage nervte mich langsam. „Ja, es ist alles wieder in Ordnung, danke.
Isabell führte mich zum Eingang unseres Wohntraktes. Die Schiebetür schob sich zur Seite und wir betraten die riesige Halle. In einer Ecke der Halle stand ein langes, weißes Designersofa. Davor stand ein riesiger Breitbildfernseher. An der anderen Seite der Wand war ein Becken angebracht, in dem ein künstlicher Wasserfall plätscherte. Das Wasser war so klar, dass man bestimmt hätte davon trinken können. Die Wände waren weiß gestrichen, so dass es in dem Raum, trotz der wenigen Lampen, hell genug war. Und überall hingen in regelmäßigen Abständen große, kunstvolle Gemälde. Auf dem Boden war ein großer, schwarzer, flauschiger Teppich ausgelegt, der wie ich fand, ideal in diesen Raum passte. Isabell griff nach meiner Hand und zog mich durch die Halle zu einer Treppe, die nach oben führte. Sie blieb stehen und sah mich fragend an: „Fahrstuhl oder Treppe?“ Ich wollte gerade den Mund öffnen und sagen: „Das ist mir egal“, als sie mir zuvorkam. „Hast Recht, du solltest noch keine Treppen laufen.“
„Aber mir geht es wieder gut.“ „Keine Widerrede, wir nehmen den Fahrstuhl.“ „Und warum fragst du mich dann?“ Isabell grinste: „Aus Höflichkeit.“ Der Fahrstuhl, der sich direkt neben der Treppe befand, war zwar klein, so dass maximal drei Personen Platz hatten, aber auch hier hatte die Gemeinschaft nicht an Geld gespart. Der Spiegel der hinter uns angebracht war, bestand aus Kristallglas, wie mir Isabell stolz erklärt hatte. Auch die Ziffern auf den Tasten, waren mit kleinen roten Steinen aus demselben Material angefertigt worden.
Isabell drückte auf die „Drei“ und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Insgesamt hatte jeder Wohntrakt 6 Stockwerke. Die Kabine kam zum Stehen und wir stiegen aus.
Die Wände waren dunkel und überall hingen Wandleuchter, die den Flur in ein warmes, geborgenes Licht tauchten. Zum weiteren Bestaunen ließ mir Isabell keine Zeit. Sie zog mich ungeduldig weiter, bis wir schließlich vor einer Tür mit der Nummer „1980“ standen. Sie öffnete die Tür und mir erbot sich der Anblick meiner neuen Bleibe. Schon beim Betreten des Zimmers merkte ich, dass das Zimmer erst vor kurzem eingerichtet worden war. Das ganze Zimmer roch noch nach Renovierung, nach Farbe und nach frischem Holz. Die Wände hatte man in zwei unterschiedlichen Farben gestrichen. Während die linke Hälfte des Zimmers in ein helles Rot gestrichen worden war, wurde die zweite Hälfte in einer dunkleren Farbe gehalten. Passend zu den Tapeten waren auch unsere Betten unterschiedlich bezogen worden. Wobei ich mich fragte, wofür Isabell ein Bett haben wollte, sie musste ja nicht schlafen, nicht so wie ich.
Auf meinem Bett lagen meine Reisetasche und mein Ordner, die ich auf dem Parkplatz zurückgelassen hatte. „Und was sagst du, gefällt es dir?“ „Das ist ein schönes Zimmer.“ „Oh, glaub mir, es kommt noch besser. Öffne mal deinen Kleiderschrank.“ Ich kam Isabells Aufforderung nach und holte aus meinem Ordner meine Schlüsselkarte hervor und schloss damit den technisch gesicherten Kleiderschrank auf. Als ich den Schrank öffnete, wusste ich zuerst nicht was ich dazu sagen sollte. „Das glaub ich ja jetzt nicht.“ In einem der leeren Fächer lag ein nigelnagelneues Smartphone, auf dessen Rückseite in goldenen Buchstaben ebenfalls mein Name eingraviert war. Fassungslos hielt ich das Gerät, das jetzt meins war, in den Händen und schaute abwechselnd vom Handy zu Isabell, die breit grinsend hinter mir stand. „Man, ihr habt aber eine Menge Kohle.“ „Und das, obwohl wir auch sehr viel spenden. Es bleibt immer noch so viel Geld für die Gemeinschaft über.“ Da ich mein neues Handy immer noch in der Hand hielt, war ich auch mit meinen Gedanken noch bei meinem Handy. „Und was mache ich jetzt mit meinem eigenen Handy?“ Obwohl ich eher mit mir selbst gesprochen hatte, als mit ihr, gab sie mir trotzdem eine Antwort. „Du könntest es doch verkaufen. Das haben hier so ziemlich alle gemacht.“ „Ich werde mir schon was überlegen“, sagte ich und legte das Handy auf meinen Nachtisch, und begann damit, meine Tasche auszupacken.
„Woher wusstest du eigentlich, dass ich gebissen werden muss?“ Ich legte meine Sachen in die erste Borte und drehte mich dann zu Isabell um, die wieder lächelte. „Zum einen stand das auf deinem Zettel und zum anderen habe ich das in dem Buch gelesen, das Darkhoff mir geliehen hat.“Sie zeigte auf ihr Bett, auf dem ein altes, gebundenes Buch über Halbvampire lag. „Ich habe gelesen, dass du sterben kannst, ist das wahr?“
Ich hielt in meiner Bewegung inne, gerade war ich dabei gewesen meine T-Shirts in den Schrank zu räumen. Gerne hätte ich mich zu ihr umgedreht und hätte mit voller Begeisterung verkündet: „Ja, ich kann sterben. Ist das nicht großartig?“ Doch das tat ich nicht, es hätte sie bestimmt verstört, wenn sie wüsste, dass ich zu denjenigen gehörte, die lieber Tod wären, als am Leben, damit ich nie wieder Schmerz fühlen musste. „Was steht genau über dieses Thema in diesem Buch?“ Nachdem ich meine Tasche ausgepackt hatte, setzte ich mich aufs Bett und wartete darauf, dass mir Isabell eine Antwort auf meine Frage gab. „Du hast noch nie in diesem Buch gelesen, verstehe ich das richtig“, fragte Isabell und sah mich prüfend an. „Nein. Bis jetzt wusste ich ja noch nicht einmal, dass so ein Buch überhaupt existiert.“ Isabell entspannte sich wieder und sagte dann: „Vielleicht liegt es daran, dass auf der gesamten Welt nur zwei Exemplare von diesem Buch existieren.“ „Das mag sein“, erwiderte ich und sie fuhr fort: „Also, nach allem was ich weiß, kannst du an alldem sterben, woran ein normaler Mensch auch sterben kann. Das heißt an Herzversagen, an schweren, tödlichen Verletzungen, einem Genickbruch natürlich eingeschlossen. Das einzige, was dich nicht einschließt ist das Älterwerden.“
„Wie meinst du das?“, stotterte ich. Isabell legte den Kopf schief, sie konnte meine Reaktion auf diese Neuigkeit offensichtlich nicht deuten. „Sobald du 20 wirst, veränderst du dich nicht mehr.“ Mein Mund klappte auf und ich konnte eine gewisse Panik über diese Nachricht nicht unterdrücken. Isabell sah dies und saß in der nächsten Sekunde neben mir auf der Bettkante. Beruhigend strich sie mir über die Schulter. „Das ist aber nicht alles“, flüsterte sie und ihre Stimme klang dabei bedrückt. „Es kann sogar sein, dass du in einem gewissen Alter doch stirbst.“ Ich sah auf und ein kleiner Hoffnungsschimmer schaffte es, dass ich mich ein wenig beruhigen konnte.
„Was?“, brachte ich mehr vor Freude raus, als vor Entsetzen. Aber das bemerkte sie nicht. „Du weißt, dass es vor dir noch einen Halbvampir gab?“ Ich nickte stumm. „Naja, keiner kann das mit Sicherheit sagen, aber es wird vermutet, dass deine Vorgängerin nach 1000 Jahren doch noch verstorben ist. Zumindest hat man sie seitdem Anfang des 21. Jahrhundert nicht mehr gesehen.“
Als wir zum Mittagessen in die Mensa runtergingen, hatte ich meine Panik, was das ewige Leben betraf, weit nach hinten geschoben. Die Mensa befand sich im ersten Gebäude, in einem großen geräumigen Raum im Erdgeschoss. Als wir sie betraten, drehten sich alle anwesenden Vampire zu uns um und betrachteten mich mit einem gierigen und gleichzeitig neugierigen Ausdruck. Ihre lilanen Vampiraugen folgten mir, als ich an Isabells Seite durch den Raum schritt. „Beweis ihnen, dass du eine von uns bist, die halten dich sonst für Nahrung.“ „Als ob der Beweis daran etwas ändern würde“, murmelte ich leise vor mich hin. „Mach es einfach, ok!“
Genervt verdrehte ich die Augen. Schon jetzt war Isabell die nervigste Person, die ich je getroffen hatte. Nachdem ich meine spitzen Zähne ausgefahren hatte, die ich sonst immer eingefahren hielt, drehten sich alle wieder um und gingen ihrer Beschäftigung nach, als wäre nie etwas gewesen. Isabell steuerte einen Tisch an, an dem Nazissa und zwei nett aussehende Jungs saßen. Nazissa rutschte von ihrem Stuhl, kam völlig außer sich auf mich zu und schloss mich in ihre Arme. „Vanessa, es tut mir so leid. Ich wusste nicht, dass unser Biss für dich lebenswichtig ist. Bitte, dass musst du mir glauben“, flehte sie immer wieder, während wir zu den anderen beiden an den Tisch gingen. Isabell war schon vorgegangen und saß fröhlich schwatzend dem Jungen mit den schwarzen, wirren Haaren gegenüber. Die Jungs blickten freundlich lächelnd auf, als wir an dem Tisch ankamen.
„Du kannst dich zu mir setzen, wenn du möchtest“, antwortet der Junge mit den kurzen, braunen Haaren und deutete auf den leeren Stuhl neben sich. „Ich bin Fabian“, stellte er sich mir vor, als ich mich neben ihm auf dem schwarzen Barhocker niederließ. „Und ich bin Bastian“, entgegnete der andere und reichte mir seine Hand. Ich schüttelte den Kopf und er ließ seine Hand wieder sinken. „Ich hol mir noch was. Kommt Ihr mit?“ Bastian sah abwechselnd von mir zu Isabell, die jetzt mit Fabian zu Gange war und ihm dabei immer wieder amüsierte Blicke zuwarf.
„Isabell, ich rede mit dir.“ Sie sah ihn mit einem breiten Grinsen an, woran ich auch gleich bemerkte, dass sich die beiden häufiger mal neckten. „Mein Durst ist für heute gestillt, aber Vanessa sollte sich auf jeden Fall etwas holen.“ „Was hast du gemacht, dass du kein Durst mehr hast? Hast du vielleicht die heutige Lieferung überfallen und schon mal vorgekostet?“ Isabells Grinsen wurde noch breiter, als sie Bastian eine Antwort darauf gab. „Nein, ich hatte die Ehre, Vanessa zu beißen, weil Nazissa ja abgehauen war und sie sie fast durch das Nicht-Beißen umgebracht hätte.“ Fast gleichzeitig hoben alle in der Mensa den Kopf und sahen in unsere Richtung, auch Fabian und Bastian sahen mich und Nazissa erschrocken an. „Du hast was gemacht“, gab Fabian schockiert zurück. Ich rutschte schnell von meinem Stuhl und machte mich allein auf den Weg zu dem Buffet, wobei ich auch diesmal von dutzenden lilanen Vampiraugen verfolgt wurde. Auf dem gläsernen Buffet, das auch wie alles andere hier aus Kristall bestand, standen dutzende von Krügen mit Tierblut. Ich entschied mich für die erste Kanne. Ohne aufs Schild zu gucken, schenkte ich mir etwas davon in ein Glas und kehrte zum Tisch zurück, an dem das Thema nach wie vor im Gange war.
Es wurde Zeit ein anderes Thema anzusprechen, damit Nazissa nicht wieder hundert Mal damit anfing sich bei mir zu entschuldigen. „Wieso fragt Mr. Darkhoff eigentlich den Begleiter und nicht einen selber, ob man seinen Durst unter Kontrolle hat?“ Sie gingen sofort auf den Themenwechsel ein und Isabell erklärte: „Du musst wissen, dass es mal einen Vampir gegeben hat, der dem Leiter versichert hatte, dass er seinen Durst unter Kontrolle hätte, aber das stimmte nicht. Er hatte es nur behauptet, damit er sich ungehindert unter Menschen bewegen konnte. Und als der Leiter herausfand, dass der Vampir gelogen hatte, verfügte er, dass nur der Verantwortliche diese Frage beantworten darf. Nimm es also nicht persönlich.“
Früh am nächsten Morgen schlich ich mich schnell, aber achtsam über den Hof. Ich wollte einfach nur hier weg. Ich fühlte mich hier einfach nicht wohl und wollte einfach nur gehen. Am großen Eingangstor, durch das auch Joe und ich gekommen waren, tauchte Fabian plötzlich vor mir auf, der offensichtlich bis eben irgendwo in den Bäumen gesessen haben musste. „Warum willst du weglaufen?“ „Wie kommst du darauf, dass ich das vorhabe?“ „Es ist 6.00 Uhr in der Früh und außerdem guckst du dich die ganze Zeit um, als würdest du dich vergewissern wollen, dass dich keiner beobachtet.“ Eine Weile blieb es einfach nur still, bis er schließlich bemerkte, dass ich nicht vorhatte ihm den Grund zu erklären. Er streckte seine Hand aus und sah mich auffordernd an. Fragend erwiderte ich seinen Blick. „Was soll das werden?“ „Ich möchte dir gerne zeigen, dass das Leben auch schöne Seiten hat.“ Unwillkürlich zuckte ich zusammen. „Woher wusste er von meinem Suizidproblem? Das konnte unmöglich ein Zufall sein, also woher wusste er das?“, diese Frage stellte ich mir immer wieder, während ich weiterhin auf seine ausgestreckte Hand starrte. „Was soll das“, fragte ich ihn schließlich.
„Ich weiß, dass du Suizidprobleme hast.“ „Woher?“, fauchte ich wütend. „Du hast im Schlaf gesprochen.“ Fassungslos starrte ich ihn an. Er hatte mich, während ich geschlafen hatte, beobachtet. Er war in unserem Zimmer gewesen. Fabian und wahrscheinlich auch Isabell, hatten mitangehört, wie ich im Traum Pläne geschmiedet hatte, wie ich mich am besten umbringen konnte. „Stalker“, schrie ich so laut, dass die Vögel, die in den Bäumen saßen, erschrocken davonflogen. „Ich bin kein Stalker, sondern ein Vampir“, erklärte er ruhig.
Diese Aussage war einfach zu dämlich, dass ich einfach nicht anders konnte, als meine Wut auf ihn zu vergessen und anfing zu lachen. Er lachte ebenfalls und reichte mir erneut seine Hand. Ich zögerte, aber dann legte ich meine doch in seine. Ohne mir eine Erklärung zu geben, wohin er mit mir wollte, führte er mich durch ein kleines Nebentor und begann zu rennen. Wir rannten direkt in den Wald. An uns zogen die Bäume nur so vorbei und die ganze Zeit dachte ich darüber nach, wohin wir eigentlich liefen. Aber noch viel mehr beschäftigte mich die Frage, warum ich eigentlich mit ihm lief und stattdessen nicht einfach gegangen war. Dann endlich verlangsamte er sein Tempo und ließ meine Hand wieder los. Gemächlich schlenderten wir nebeneinanderher. Der Wald war noch menschenleer und der Bach, der sich neben uns entlang schlängelte, plätscherte ruhig vor sich hin. Plötzlich und ohne Vorwarnung nahm Fabian Anlauf und sprang über den Fluss. Auf der anderen Seite angekommen, drehte er sich zu mir um und sah mich auffordernd an. In diesem Moment hätte ich eigentlich die beste Möglichkeit gehabt, mich einfach umzudrehen und wegzulaufen, aber er hatte mich mit seiner ganzen Art so verwirrt und neugierig gemacht, dass ich mich dagegen entschied und seiner unausgesprochenen Aufforderung nachgab und ihm folgte.
„Und jetzt mal ganz ehrlich, wer ist denn auch so dumm und rennt weg, wenn man mit einem süßen Jungen alleine ist?“
Mit einem breiten Grinsen landete ich neben ihm. Zum ersten Mal war ich so richtig glücklich. Zum ersten Mal hatte ich Spaß an meiner Existenz. Ich nannte es so, weil es zwischen Leben und Existieren einen gewaltigen Unterschied gab. Jemand der lebte, konnte rausgehen und alles andere tun. Aber ich, die nur existiert, konnte gar nichts, weil ich auf Grund meiner Probleme extrem stark eingeschränkt war. Fabian lächelte ebenfalls, als er sah wie glücklich ich war. „Komm lass uns weitergehen.“ Wir rannten erneut, bis er nach zehn Minuten plötzlich stehenblieb und im oberen Hang verschwand. Ich folgte ihm und ließ mich neben ihm nieder, als ich ihn zwischen den Bäumen auf dem Boden sitzen sah. Mein Herz schlug noch immer ruhig vor sich hin. Es hatte sich nicht beschleunigt, was daran lag, dass mein Körper Rennen nicht als Anstrengung empfand.
Die ersten frühen Wanderer stiefelten jetzt gutgelaunt und manche sogar mit einem Lied auf den Lippen an uns vorbei. Sie nahmen uns nicht wahr, da wir regungslos und stumm dasaßen. „Warum möchtest du so unbedingt sterben“, fragte Fabian, nachdem lange Zeit Stille zwischen uns geherrscht hatte. „Ich weiß, dass das sehr persönlich ist und es wäre okay für mich, wenn du es mir nicht sagen willst, da ich ja noch ein Fremder für dich bin. Ich würde es nur gerne verstehen wollen.“ Ich war gerührt. Zwar kannten wir uns erst seit gestern, aber trotzdem schien ich ihm schon etwas zu bedeuten. „Ich will sterben, weil ich den psychischen und den dadurch auch ausgelösten körperlichen Schmerz nicht mehr ertrage.“ Bei den Erinnerungen an diese qualvollen Schmerzen, die ausgelöst wurden, wenn ich entweder auf Sanitäter, Ärzte oder Polizisten traf, traten mir die Tränen in die Augen. Ich erzählte ihm von meinem traumatischen Autounfall von vor vier Jahren, bei dem ich zwar nicht verletzt worden war, aber einen schweren Schock erlitten hatte, unter dem ich bis heute litt. „Den damaligen Sanitätern war ich völlig egal, sie haben mich die ganze Zeitlang angesehen, aber sich nicht für mich interessiert. Nach dem Unfall, als einige Zeit vergangen war und mich das Ganze nicht losgelassen hatte, habe ich mich an einen Bekannten gewandt und ihm die Sache mit den Sanitätern geschildert. Er hat mir dann gesagt, dass sie mich eigentlich noch mal persönlich hätten fragen müssen, ob ich wirklich okay bin, auch wenn meine Betreuerin es ihnen damals versichert hatte als sie eingetroffen waren. Sie hatte draußen gewartet, während ich mit den anderen Insassen des zweiten Wagens, in den wir gekracht waren, im Café saß, in das wir gebracht wurden.“
„Die haben dir das Gefühl gegeben, unwichtig zu sein. Das ist echt krass“, stellte Fabian bedrückt fest und ich sah ihm an, wie viel Mitleid er mit mir hatte. „Ich verstehe, warum du so unbedingt sterben möchtest, aber solange ich in deiner Nähe bin, werde ich dir nicht dabei zusehen, wie du so einfach aufgibst.
Ich werde um dich kämpfen und dir zeigen, dass das Leben auch schöne Seiten hat. Verlass dich darauf.“
Nun konnte ich einfach nicht mehr anders und heulte los. Fabian saß weiterhin neben mir und schien zu überlegen, ob er mich in den Arm neben sollte, damit er mich trösten konnte. Aber er tat es nicht.
Und ich wusste nicht, ob ich es wollte, denn bislang durften mir Fremde nicht einmal die Hand gegeben und in den Arm nehmen schon gar nicht.
Nach einer Weile hörte ich endlich auf zu weinen und wir schwiegen wieder, bis sein Handy mit dem Song "Breathing" von Jason Derulo die Stille durchbrach. Er zog sein Handy aus seiner Hosentasche und ging ran. Die Person am anderen Ende des Hörers musste ziemlich aufgebracht sein, denn er kam nicht einmal dazu, ihn zu begrüßen. „Beruhige dich Isabell. Isabell…, sie ist bei mir.“ Eine ganze Zeitlang hörte er ihr nur geduldig zu. Offenbar ließ sie ihn nicht zu Wort kommen und er war zu höflich, um sie zu unterbrechen. „Wir kommen bald zurück, dass verspreche ich dir. Ja, ich verspreche dir, dass ich sie dir heile zurückbringe.“
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis Fabian auflegte, sein Handy ausschaltete und wegsteckte. „Macht sie sich große Sorgen um mich“, fragte ich vorsichtig. Er nickte, bevor er mir die Frage stellte: „Wundert dich das? Ich meine, du wolltest einfach so abhauen, wenn ich dich am Tor nicht abgefangen hätte.“ „Naja, ja! Ich bin es eher gewohnt, dass ich den Menschen um mich herum egal bin. Ich bin für sie nur jemand, mit dem sie machen können was sie wollen, eben ein Fußabtreter.“ Fabian seufzte, weil er wusste, dass ich an diesem Punkt nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte, aber er erwiderte auch nichts, weil er auch wusste, dass es keinen Sinn machen würde, mit mir darüber zu diskutieren. Es war eine andere Denkweise, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hatte und für die ich selbst eigentlich auch gar nichts konnte.
„Uns bist du nicht egal, du gehörst jetzt zu uns und wir sorgen uns um dich.“ Wieder stiegen mir die Tränen in die Augen, aber dieses Mal konnte ich mich beherrschen, so dass ich nicht wieder anfing zu heulen. Dafür begannen meine Hände an zu zittern. Bereits nach ein paar Sekunden zitterten sie so stark, dass Fabian sie umklammerte. Aber auch das nützte nichts. „Was ist los, warum zitterst du so?“
Seine Stimme klang jetzt noch besorgter als zuvor und er lauschte aufmerksam in den Wald hinein, um eine Erklärung für meinen plötzlichen Anfall zu finden. Doch außer den Blättern im Wind und den Waldtieren hörte er nichts, was ihn noch unruhiger werden ließ.
Meine Stimme zitterte ebenfalls, als ich ihm eine Antwort gab: „Das ist der Stress. Joe hat mir mal erklärt, dass wenn mein Körper zu hohem Stress ausgesetzt ist, ich dann entweder früher oder sogar öfter gebissen werden muss, auch wenn ich schon gebissen wurde.“
„Du wurdest heute aber noch nicht gebissen oder?“ „Nein!“ Er holte einmal tief Luft, was bei Vampiren ziemlich unnötig war, weil sie ja eh keine Luft mehr zum Atmen brauchten, aber er machte es trotzdem. „Möchtest du, dass ich es tue oder soll ich dich zur Gemeinschaft zurückbringen, damit es einer von denen macht?“
Ich spürte, wie mir eine leichte Hitze der Verlegenheit ins Gesicht schoss, als ich ihm eine Antwort darauf gab. Bei dem Gedanken, dass Darkhoff oder ein anderer aus der Gemeinschaft mich beißen würde, kühlte sich die Hitze schnell ab. Vergleichsweise war es so, als müsste ein Lehrer seinen Schüler wiederbeleben.
„Und mal ganz ehrlich, niemand könnte seinem Lehrer in die Augen sehen, ohne daran denken zu müssen, dass seine Lippen auf die des Schülers waren.“
Bei diesem Gedanken wurde mir noch kälter und ich spürte, wie sich eine Gänsehaut auf meinen Armen bildete. Ich neigte meinen Kopf, wobei ich meine dunkelbraunen Haare zur Seite schob, die die Sicht auf meine Halsschlagader nun freigaben. Schnell verschloss ich meine Augen, obwohl ich es gewohnt war, musste ich es doch nicht unbedingt mit ansehen. Doch als ich keinen Schmerz fühlte, wie sich seine Zähne durch meine Haut bohrten, öffnete ich sie wieder und war überrascht, als er noch immer unverändert dasaß. Ich ließ meine Haare wieder zurückfallen und ich fragte mich, ob er sich überhaupt trauen würde mich zu beißen, als mich der Schmerz dann doch überraschte. Er hatte sich meinen Arm, anstelle meines Halses ausgesucht.
Auf dem Gelände wurden wir bereits von Isabell, Nazissa und Bastian erwartet. Ihre Gesichtszüge wechselten von angespannt zu erleichtert, als sie uns vom Eingangstor her auf sich zukommen sahen. Isabell stürzte sofort auf mich zu und schloss mich in ihre Arme, während Nazissa und Bastian ihr etwas langsamer, zögerlicher folgten und kurz vor mir zum Stehen kamen.
„Jag' mir nie wieder so einen Schrecken ein, hörst du!“ „Von mir aus.“, gab ich genervt zurück und verdrehte die Augen, während sie mich noch immer umarmte. Sie ließ mich wieder los und bemerkte sofort die Wunde an meinem Arm. Ihre stürmische Umarmung hatte den Ärmel meiner Jacke verrutscht und die Sicht darauf freigeben. Immer wieder sah sie von meinem Arm zu Fabian, der noch immer neben mir stand. „Du hast sie gebissen, aber wieso“, brachte sie schließlich heraus, nachdem sie meinen Arm und Fabian bestimmt so um die hundert Mal gemustert hatte.
Mir wurde das ganze einfach zu blöd, ich wollte einfach nur noch alleine sein, entriss mich ihrem Griff und ging in Richtung unseres Wohntraktes davon. Obwohl es mir egal war, blieb ich doch stehen, als ich weit genug entfernt war und lauschte ihrem Gespräch. „Was hat sie denn?“, fragte Isabell, die noch immer irritiert über meinen plötzlichen Aufbruch war. „Du hast sie zu sehr bedrängt“, antwortete Nazissa, die es sofort richtig gedeutet hatte. „Sie ist es nicht gewohnt, so umsorgt zu werden“, fügte Fabian hinzu. Und bei diesen Worten brannten mir wieder die Tränen in den Augen, die ich sofort wegwischte.
„Sei einfach vorsichtig und gib ihr Zeit“, sagte Fabian zu Isabell, noch bevor jemand anderes etwas sagen konnte. „Du hast mir immer noch nicht auf meine Frage geantwortet“, erwiderte sie und ich musste mir unwillkürlich vorstellen, wie Isabell, Fabian mit einem vorwurfsvollen Blick ansah.
„Vanessa hat mir von ihrer traumatischen Vergangenheit erzählt. Das hat bei ihr sehr viel Stress ausgelöst, also musste ich sie beißen, da sie sonst in den nächsten Minuten gestorben wäre.“ „Also, zu hoher Stress sorgt dafür, dass sie früher oder häufiger gebissen werden muss“, wiederholte Isabell noch immer ganz verwirrt.
Sie mussten zur Bestätigung genickt haben, denn keiner sagte etwas darauf. Bis auf Bastian, der ein Kommentar auf Isabells Unwissen darauf nicht unterdrücken konnte: „Isabell, sag bloß, das hast du nicht gelesen. Ich bin erschüttert! Ich bin entsetzt!“ Als Antwort auf seinen Kommentar kassierte er einen Tritt, wie ich aus dem folgenden Geräusch heraushören konnte.
Den Rest des Tages verbrachte ich eingerollt auf meinem Bett. Isabell war nach einer Weile nachgekommen, weil sie mir es noch immer ziemlich übelnahm, dass ich einfach so abgehauen war und Angst hatte, dass ich es wieder versuchen würde. Stunde um Stunde lag ich da und wartete darauf, dass ich an einem plötzlichen Herzinfarkt, oder etwas anderem, sterben würde. Aber das einzige was passierte war, dass der Tag zu Ende ging. „Kommst du mit zum Abendessen?“ Ich gab ihr keine Antwort, sondern starrte einfach nur ins Leere.
Hinter mir hörte ich das Wählen einer Nummer und dann, wie sie mit jemandem telefonierte. „Sie will nicht mit zum Abendessen. Könnt ihr uns etwas mit rauf bringen? Ich habe sie schon das Mittagessen ausfallen lassen und zum Frühstück hatte sie meines Wissens auch nichts. Ich werde sie nicht alleine lassen. Also Bastian, tut es einfach. Okay?“ Und damit war das Telefonat beendet.
Die Nacht war die einzige Zeit, in der ich alleine war. Fabian, der uns die Nahrung gebracht hatte, die ich aber nicht angerührt hatte, weil ich weder Durst noch Hunger verspürte, hatte Isabell erklärt, dass der Schlaf ebenfalls zur Privatsphäre zählte und sie mich deshalb in der Zeit alleine lassen müsste. Wie erwartet, hatte sie sich zunächst geweigert, aber Fabian hatte sie mit den mahnenden Worten: „Du übertreibst“, davon abbringen können. Wenn ich in der Nacht aber doch einen erneuten Fluchtversuch startete, weil ich auch nicht wirklich schlafen konnte, kam ich nie weiter, als bis zum Flur. Denn dort wartete Isabell bereits mit ihrem vorwurfsvollen Blick auf mich und verhinderte somit meinen Abgang. Und ich hörte, dass sie auch erst dann verschwand, als ich wieder hinter mir die Tür geschlossen hatte. Am nächsten Tag wäre ich am liebsten ganz im Zimmer geblieben. Isabell machte mir aber einen Strich durch die Rechnung. Sie wollte unbedingt, dass ich nach draußen ging, und nervte mich solange, bis ich einfach nicht mehr konnte und ihr entnervt nach draußen folgte.
