Das Schattenland - Das vierte Volk (4. Buch): Der Dunkle Bogen - Bastian Baumgart - E-Book

Das Schattenland - Das vierte Volk (4. Buch): Der Dunkle Bogen E-Book

Bastian Baumgart

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Beschreibung

Unheimliches geschieht in Kimón. Bevor die Wachen Alarm schlagen können, wird die schlafende Stadt im Schutze der Dunkelheit angegriffen. Mit letzter Kraft gelingt es dem Dieb Gregoralfo, sich und die kleine Elfe Dayana zu retten, bevor die Obeliskenstadt im Flammeninferno versinkt. Als König Arxor von der Gräueltat erfährt, schwört er, Rache zu nehmen. Gemeinsam mit dem Magier Schasar, dem Elf Arliandro und dem Heermeister Quinto ziehen er und die nordländische Armee in die entscheidende Schlacht gegen die Schatten. Doch plötzlich kommt alles anders: Das mysteriöse vierte Volk erscheint und führt die Krieger zum Dunklen Bogen. Dort werden sie schon erwartet und ein düsteres Geheimnis wird zur Zerreißprobe zwischen Arxor und Schasar … Die Presse über „Das Schattenland“: „Das Schattenland – ein geheimnisumwittertes Werk um die Erschaffung einer neuen Welt.“ (Rheinische Post) „Jung. Kreativ. Begeisternd. Bastian Baumgart entführt die Leser in eine sehr anschauliche Welt der Phantasie.“ (Niederrhein Nachrichten) „Der junge Prinz aus dem Schattenland – Bastian Baumgart veröffentlicht einen erfolgreichen, lehrreichen Fantasyroman, der nun sogar zur Schullektüre geworden ist.“ (Aachener Zeitung)

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Bastian Baumgart

 

 

 

Das vierte Volk

Viertes Buch: Der dunkle Bogen

 

 

 

 

Das vierte Volk

Viertes Buch: Der dunkle Bogen

 

Die bekannte Welt

 

Die Reifeprüfung

Die dunkle Grenze

Eine neue Welt

Willkommen in der Wirklichkeit

Nächtlicher Besuch

Vorboten des Verderbens

Die Windhöhlen

Das Wort des Wolfsschädels

Der Vorhang fällt

Ein dunkles Geheimnis

Das Brüllen des Löwen

Epilog

 

Anhang I: Die Helden

Anhang II: Wesen des Lichts

Anhang III: Die Dunklen

Anhang IV: Wesen der Dunkelheit

Anhang V: Wissenswertes

Über den Autor (2022)

Ein Wort des Dankes (2010)

 

Die bekannte Welt

 

Die Reifeprüfung

 

Arliandro konzentrierte sich auf seine Umgebung. Obwohl er die vertrauten Geräusche der Natur vernahm, bewegte er sich durch das Dickicht des Waldes nur langsam vorwärts. Um ihn herum herrschte Dunkelheit. Dabei standen die Sonnen hoch am Himmel, es musste Mittag sein. Doch der Elf war blind.

Er atmete tief ein und lauschte dem Rascheln der Blätter um sich herum. Seit vier Tagen war er nun unterwegs, tastete sich durch eine Welt, die er bis zum Beginn seiner Reifeprüfung noch hatte sehen können. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, nun auf einen angeborenen Sinn zu verzichten. Er fühlte sich seltsam klein, allein gelassen und verloren. Doch er versuchte, diese Beeinträchtigung durch die Konzentration auf die anderen Sinne und seine Instinkte wettzumachen.

Es würde eine zeitintensive Prüfung werden. Zeit, die er eigentlich brauchte, um den Menschen zu helfen und wichtige Entscheidungen zum Wohl der Elfen zu treffen. Doch zuerst musste er die ihm von den Ratsweisen auferlegte Prüfung bestehen, um so schnell wie möglich als dritter Ratsmann zum Tempel zurückzukehren und den Rat der Weisen zu komplettieren. Druck verspürte er nicht, denn er glaubte an sich und seinen Körper. Nur dieses unangenehme Gefühl der Ungeduld folgte ihm bei jedem Schritt.

Arliandro roch den Wald, hörte dessen Bewohner zwischen dem fortwährenden Rascheln der Blätter und spürte die Zweige der Büsche und Bäume, durch die er sich seinen Weg bahnen musste. Er wusste, dass die Natur ihm den Weg zu seinem Ziel, dem heiligen Berg Bugassa, weisen würde. Und überhaupt fand der Elf sich auch immer besser mit seiner Blindheit zurecht, fürchtete die Dunkelheit nicht, sondern versuchte den besten Nutzen aus den Einschränkungen zu ziehen, nämlich die anderen Sinne Schritt für Schritt zu schärfen.

Außerdem wusste er, dass der Schleier der Dunkelheit nur für die Zeit seiner Reifeprüfung auf ihm lag; ein entlastendes Gefühl, das ein ewig Blinder leider nicht erleben konnte.

Er lief weiter, das Ziel stets vor dem inneren Auge: Er würde die Prüfung bestehen und ein würdiger Nachfolger Ustendios werden.

 

 

Quinto hatte versucht, den Soldaten die Gesetze der Wüste nahe zu bringen. Doch in welcher Schnelligkeit und Intensität seine Worte nun wahr wurden, hatte niemand von ihnen auch nur erahnen können. Ihr Marsch in den letzten fünf Tagen war anstrengend und eintönig gewesen und hatte tagtäglich denselben Ablauf: Frühmorgens, wenn die klirrende Nachtkälte langsam wich, brachen sie die Zelte ab und auf, hinaus in die Weiten der Wüste. Zur Mittagsstunde, wenn die Sonnen hoch am Himmel standen und die drückende Hitze das Reisen nahezu unerträglich machte, verschnauften sie unter den Sonnenschutztüchern. Und am Abend, wenn die unwirkliche Kälte wieder Besitz von der Wüste ergriff, bauten sie die Wärme speichernden Truppenzelte wieder auf.

 

Die Mittagssonnen brannten hoch am Himmel, während die schwitzenden Soldaten unter den Dächern der Sonnenschutze lagen oder versuchten, sich gegenseitig kühlende Luft zuzufächeln. Der Schweiß stand ihnen auf der Stirn. Die Hitze war drückend. Dazu hatten die Sonnenstrahlen den hellen, sandigen Boden in den zurückliegenden Stunden nahezu zum Sieden gebracht, was selbst die Rastphasen nahezu unerträglich machte.

Arxor schüttelte den Kopf und blätterte in Gedanken versunken in seinem Tagebuch. Er verstand diese unwirkliche Gegend nicht. Denn tagsüber schien die Natur diesen Flecken Land zu vergessen. Schließlich brach überall in den Ländereien dieser Tage die Schneezeit an. Des Nachts hingegen wurde es so bitterkalt und stockduster wie im Winter. Diese Extreme ließen die Moral seiner Mannen zusehends schwinden.

Seit sie Zimura verlassen hatten, drängten sie mit den Wasser tragenden Eseln, Infanteristen und Gardisten weiter vor in das gelb glitzernde, unendliche Meer aus winzigen Steinkörnern. Besonders mühsam quälten sich die drei verbliebenen Karren durch den tiefen Sand, von denen zwei Kriegswagen und einer von den Küchenjungen war. Schasar hatte Kräuter und Tränke in die Obhut der Jungen gegeben, was den Wagen wichtig und wertvoll machte. Und so mussten immer wieder Soldaten schieben helfen, wenn die vorgespannten Pferde die Last im tiefen Dünensand nicht mehr vorwärtsbewegen konnten. Deutlich einfacher kamen sie auf den Abschnitten ihrer Reise voran, die über ausgetrocknete Seen oder Flussbetten führten. Wobei Arxor so manches Mal frisches Wasser lieber gewesen wäre als die trostlose, gerissene Erde.

An der kleinen Oase, an der Arliandro mit Schasars Hilfe seine Schwester Ay’lechsia aus den Klauen der Schattenmagier gerettet hatte, waren die Wasservorräte wieder aufgefüllt worden und alle hatten sich mehr als satt getrunken. Schon dort hatte Quinto angemahnt, dass sie zu langsam vorankamen oder, anders gesagt, in zu kurzer Zeit zu viele Vorräte verbrauchten.

Es war ungewiss, wie lange das Wasser letztlich reichen würde. Und das, obwohl alle Esel und die Pferde aller Nicht-Offiziere mit Wasser beladen worden waren. Den einzigen Luxus, den sich Arxor, seine Berater und die Truppenführer gönnten, waren das Reiten ihrer Tiere und ihre Einzelzelte, die von weiteren Eseln getragen wurden. Ansonsten galt die Vorgabe: Ein jeder nimmt nur das mit, was er tragen kann. Feldbetten, das prunkvolle Königszelt und anderen Ballast hatte man aus dem Grund am Ostwall zurückgelassen. Hier in der Wüste waren sie alle gleich und es zählte nur eines: Das gemeinsame Überleben.

Arxors Augen überflogen eine Seite seines Tagebuchs. Er schnaufte, während er seine Anmerkungen zum Wasserproblem las. Bis jetzt hatte sich ihre Situation kaum verändert, geschweige denn verbessert. Eine richtige Lösung gab es nicht wirklich. Denn was das Überleben nicht gerade leichter machte, war die Tatsache, dass es keine aussagekräftigen Karten gab, auf denen weitere Wasserstellen für das Heer eingezeichnet waren. Es würden noch fünf, vielleicht auch sechs Tage sein, bis sie die Hälfte der Vorräte aufgebraucht hatten, die sie mit sich führten. Und was dann? Sollten sie besser umkehren oder weiterlaufen? Der König blätterte weiter zurück.

Auf jeden Fall wäre es eine gute Idee, Reon beritten vorzuschicken. Reiter und Hippogreif können nach Wasserquellen Aussicht halten, dachte Arxor. Dann stockte er. Schasar hatte ihm bereits seine Meinung gesagt, damals, als sie bei den Elfen waren, damals, als er sie wiedergesehen hatte …

 

Aus dem Tagebuch des Arxor, König der Sonnenkrieger:

10. Dynastie Tag 1380 nach Zeitrechnung der Menschen Argonias

 

„Heute haben wir Arliandros Heimatstadt Belos auf dem Rücken der Hippolos erreicht. Das ist der Ort, zu dem Schasar meine Tochter gebracht hat. Es ist unglaublich. Vor nicht einmal zwei Stunden habe ich sie zum ersten Mal seit ihrer Geburt wieder gesehen. Sie sieht ihrer Mutter so ähnlich.

Jetzt, wo ich diese Worte schreibe, kann ich die Tränen kaum zurückhalten. Sie war mir so schnell genommen worden, dass ich ihr nicht einmal einen Namen hatte geben können. Fayola haben die Elfen sie genannt, was in unserer Sprache Hoffnungsschimmer bedeutet. Ich glaube, dass Emeliala der Name gefallen hätte. Wie quirlig, lebendig und glücklich sie hier mit den Elfenkindern herumtollt. Es zerreißt mich innerlich, doch will ich sie jetzt aus diesem unbeschwerten Leben herausreißen? Ich werde in den Krieg ziehen und sie kurz nach dem freudigen Wiedersehen wieder verlassen. Würde ein Wiedersehen unter solchen Voraussetzungen freudig werden? Kann es überhaupt freudig werden? Sie kennt mich nicht. Anerkennt sie mich? Auch Schasar hat mich davor gewarnt, eine unbedachte, emotionale Entscheidung zu treffen. Vielleicht hat er Recht damit, dass sie Zeit brauchen wird. Zeit, die wir derzeit nicht haben.

Die Feuer prasseln nun in der Mitte des Dorfplatzes, um den herum die Elfen ihre Baumhäuser gebaut oder – wie sie sagen– aus den Bäumen herausgesungen haben. Wenn ich mich umschaue, herrscht überall eine uns Menschen ganz fremd erscheinende Atmosphäre der Geborgenheit und des Urvertrauens. Ganz anders im Vergleich zur Hektik und dem Misstrauen bei uns Menschen. Familiärer, beschaulicher, freundschaftlicher. Hier bin ich zwar noch immer der König der Menschen, aber ich kann mich unbeschwerter und freier bewegen. Es gibt keine Neider, vielmehr herrscht bei dem ersten Besuch von Menschen in diesem Elfendorf die Neugier vor.

Könnte ich den Aufenthalt vollends genießen, fände ich kaum die passenden Worte für eine Beschreibung dieser außerordentlich friedliebenden Wesen und ihrer eindrucksvollen Bauwerke. Diese ineinander verschlungenen Äste, das schützende Blätterdach, das Regen und sogar Schnee fernhält ...

Ich bin erschöpft, körperlich und geistig. Ich hoffe, ich werde nicht zu lange wachliegen und grübeln. Natürlich brauche ich Zeit, um mit diesen Gefühlen klarzukommen. Meine Krieger erwarten und brauchen aber einen konzentrierten König und deshalb muss ich so schnell wie möglich weg von hier …“

 

Arxor wischte sich den Schweiß von der Stirn. Schasar hatte es offen angesprochen: Irgendwann kamen sie an den Punkt, an dem sie auf gut Glück weiterziehen oder aber umkehren mussten. Wenn sie umdrehten, bevor die Hälfte der Nahrung und des Wassers aufgebraucht war, konnten sie sich immerhin relativ sicher sein, dass sie nicht verhungerten oder verdursteten. Aber diese Entscheidung würde Arxor nicht treffen. Sie hatten eine Mission. Sie waren Helden. Sie würden kämpfen und siegen – oder untergehen.

Was die Schatten schafften, würde ihnen erst recht gelingen. Ob es nun Trotz, Rache oder Vergeltung war, war ihm auch nach dem Gespräch mit der Seherin einerlei. Er würde mit Quinto und Schasar an der Spitze seiner Armee weiter reiten, bis sie die unendlich erscheinenden Weiten durchquert hatten.

„Auf geht es. Wir ziehen weiter“, rief er und erhob sich, den Blick starr auf den Kamm der nächsten Düne gerichtet.

 

 

Vor seinem inneren Auge erschien Arliandro das Bild der Verachtung, mit der Lethuyan ihn nach Ay’lechsias Prophezeiung angesehen hatte. Doch war an ihren Worten nichts zu deuten gewesen. Sie waren klar und eindeutig gewählt. Ihr Bruder war der Auserwählte, würde zum neuen Ratsmann ernannt, sobald er sich als würdig erwies.

Hierfür musste er die Aufgaben bestehen, die den Willen stärken, die Geduld herausfordern, die Ausdauer fördern und den Verstand schärfen. Er würde am Berg Bugassa meditieren und auf die Stimme der Erleuchtung warten. Und er würde die verbliebenen Sinne schulen, soweit es ihm möglich war.

Der Elf musste unwillkürlich lächeln. Auch wenn es Arxor sicher geschmerzt hatte, war es ein schönes, friedliches und freudiges Bild, als sich Fayola auf Arxors Schoß gesetzt und ihn in ihrer kindlich-naiven Art über die Menschen ausgefragt hatte. Arxor hatte dem blonden Menschenmädchen in Sachen Neugier in nichts nachgestanden, wollte so viel wie möglich über sie und ihr Leben bei den Elfen erfahren. Er hatte seiner Tochter gegenüber jedoch nicht zugegeben, wer er wirklich war.

Fayola war nun fast acht Jahre alt, ein Alter, in dem sie tagtäglich in den Bräuchen und Sitten der Elfen unterrichtet wurde. Und in denen damit begonnen wird, die zwölf Sinne anzuregen und klar zu definieren. Bei Elfen ist die Beziehung zwischen Geist und Körper anders als bei den Menschen, intensiver, umfassender, tiefer, feiner und detaillierter. Aber wenn die Menschen bei den Elfen aufwuchsen, so wusste Arliandro nun, konnten selbst sie unter den äußeren, äußerlich-innerlichen und den inneren Sinnen unterscheiden.

In Gedanken hallten die Worte seines Lehrmeisters nach. „Die äußeren Sinne umschreiben das Denken. Dazu gehörten der Ichsinn, der Gedankensinn, der Wortesinn und der Gehörsinn.“

Arliandro schmunzelte. Er würde während der Meditation in der alten Bärenhöhle in sich gekehrt sein und sich seinen Gedanken hingeben. Ein deutlicher Aufruf, diesen Sinnen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Was die Ratsmänner damit bezweckten, wusste er nicht. Doch das Schicksal würde ihm den Weg aufzeigen.

„Das Fühlen umfasst die äußerlich-innerlichen Sinne wie den Wärmesinn, den Sehsinn, den Geschmacks- und den Geruchssinn“, hörte er die Stimme sagen. Das Sehen hatten sie ihm genommen, die fehlende Wärme würden ihn die Höhen des Berges jedoch umso mehr spüren lassen, dachte Arliandro.

„Das Wollen beinhaltet die inneren Sinne, zu denen der Gleichgewichtssinn, der Bewegungs-, Lebens- und Tastsinn gehörten“, rezitierte er leise. Eigentlich war es wahnsinnig, blind einen Berg hinaufzuklettern. Aber er würde seinem Körper im wahrsten Sinne des Wortes blind vertrauen. Die Anwendung von Magie war schließlich strikt verboten.

 

 

„Dayana, komm schon! Unsere Stunde beginnt gleich“, rief Fayola, die vor dem Baumhaus der Elfe stand und mehrfach laut gegen das spiralförmig gewundene Schlagholz klopfte, das so röhrend in Schwingung versetzt wurde.

Weiter oben saß Dayana auf ihrem Bett und seufzte. Sie vermisste ihre Eltern, sie vermisste Gregoralfo, der sie gerettet hatte, und sie vermisste ihren alten Körper, ihr altes Ich. Eine Träne rann ihr über das Gesicht. Noch immer fühlte sie sich fremd. Ihr war, als wäre sie nicht mehr sie selbst. Alles war so … anders. Und unter den übrigen Elfen fiel sie auf. Sie merkten, dass Dayana unter Menschen aufgewachsen war. Besonders die anderen Kinder stellten Fragen, woher sie kam oder warum sie erst so spät in den elfischen Lehren unterrichtet wurde.

Dayana erhob sich und trat an die Fensteröffnung.

„Ich komme gleich“, erwiderte sie. Fayola winkte ihr von unten. Sie winkte zurück.

 

Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander. Heute nahm Dayana zum ersten Mal, seit sie unter den Waldbewohnern lebte, gemeinsam mit Fayola am Unterricht teil. Die Elfe hatte nie hinterfragt, warum sie keinen eigenen Mentor bekam. Warum auch? Sie würde, sobald Gregoralfo ihre Eltern wiedergefunden hatte, mit ihnen nach Kimón zurückkehren. Das hatte er ihr versprochen und sie vertraute ihm.

„Das ist wirklich lustig“, unterbrach Fayola Dayanas Gedanken. „Du bist also eine Elfe, die bei den Menschen aufgewachsen ist?“ Dayana verdrehte die Augen. Sie passierten den Dorfausgang und traten in das schützende Dickicht des Waldes.

„Ja, aber so lustig war es da nicht“, erwiderte sie leise. „Dort war ich anders. Hier bin ich es auch.“

„Tut mir leid.“ Fayola sah sie traurig an. „Aber weißt du was? Mir geht es ähnlich.“

„Inwiefern?“, fragte Dayana. Mittlerweile hatten sie die große Wiese erreicht, wohin sie ihre Lehrmeisterin Valessia beordert hatte.

Fayola streifte sich als Antwort das strohblonde Haar hinter die Ohren, die nicht spitz zuliefen. „Ich bin ein Mensch.“ Sie kicherte. „Ein Mensch, der unter Elfen aufgewachsen ist. Wir sind also beide ähnlich, fast wie Schwestern.“ Sie nickte und grinste. „Wie es bei den Menschen ist, weiß ich nicht. Nur durch Erzählungen. Ich bin aber auch ziemlich gern hier.“

„Hmm, ja. Sie sind auch alle nett zu dir.“ Dayana sah sich um. Wo war Valessia?

„Ja, das stimmt. Aber manchmal hätte ich auch gern eine Familie. Also eine richtige Familie. Einen richtigen Vater und eine richtige Mutter, so wie du.“

„Meine Familie ist …“ Dayana stockte.

Fayola blickte sie mit großen Augen an. „Was ist mit ihnen?“, fragte sie neugierig.

„Ah, da seid ihr“, unterbrach sie eine melodiöse Frauenstimme.

„Meisterin!“, erwiderten beide Mädchen im Chor und verbeugten sich vor Valessia.

 

Die beiden Mädchen saßen im Gras und hörten ihrer Mentorin aufmerksam zu. Die Sonnen standen hoch am Himmel. Sie fröstelten ein wenig. Zum Glück war es windstill, doch der Winter würde bald auch die Wälder der Elfen in Beschlag nehmen.

„Was habe ich gerade gesagt?“, fragte Valessia und riss Dayana aus ihren Gedanken.

„Es ist die Magie, die uns durchströmt.“

„Gut, mein Kind. Aber wohin schwirren deine Gedanken nur?“ Die Elfe schüttelte den Kopf. „Also, wo waren wir. Ja, genau. Schaut euch mein Haar an.“ Die beiden taten wie ihnen geheißen. Es war braun und schulterlang, zu einem Zopf zusammengeflochten. „Je stärker die Macht in uns Elfen ist, desto heller leuchten die Haare. Helle, blonde Haare …“ Sie blickte auf ihre Schülerinnen herab. „… bedeuten große Macht und starke Kräfte in euch.“

„Ja, klar“, hörte Dayana Fayola flüstern.

„Was war das?“, fragte Valessia.

„Nichts, Meisterin“, erwiderte Fayola.

„Dayana?“

„Sie hat ja klar gesagt, Meisterin“, erwiderte die Elfe.

„Hey“, empörte sich Fayola und sah Dayana grimmig von der Seite aus an.

„Fayola.“ Die Mentorin atmete hörbar aus. „Was habe ich dir zur Sprache der Elfen gesagt?“

„In ihr kann nicht gelogen werden“, antwortete die Kleine in gequältem Tonfall.

„Eben. Also versuche es erst gar nicht. Und vor allem – was sollte diese abfällige Bemerkung?“, fragte die Elfe und hob mit strafendem Blick eine Braue.

„Ich … nichts.“

„Fayola?“

„Ich werde es nie schaffen.“ Tränen rannen ihr übers Gesicht. Sie erhob sich und rannte los.

„Fayola.“ Valessia sah ihr nach.

„Was ist mit ihr?“, fragte Dayana.

„Sie ist ein Menschenmädchen“, erwiderte die Mentorin.

„Ich weiß. Und?“

„Sie hat Probleme mit der Anwendung der Magie.“ Valessia sah zu ihr hinab. Sorgenfalten standen auf Dayanas Stirn. „Keine Angst, mein Kind. Das kann dir nicht passieren.“

„Darüber mache ich mir auch keine Sorgen“, gab sie zurück. „Aber wird sie es schaffen?“

„Das werden ihr Glaube an die Macht und an sich selbst zeigen. Aber bevor wir die heutige Lehrstunde beenden, lass mich dir sagen: Was man verdrängt, hat man noch lange nicht vergessen. Man muss es nur aus dem Geist wieder hervorkramen.“

„Was soll das heißen?“, fragte Dayana.

„Das wird sich, so hoffe ich, dir und ihr in naher Zukunft offenbaren. Und nun geh! Es ist Zeit für das Mittagsmahl.“

 

 

„Nein, nicht“, stieß Schasar keuchend hervor. „Nein. Bitte.“ Schweiß stand auf seiner Stirn.

Der Himmel über ihm hatte sich dunkel verfärbt. Ein Gewitter zog auf. Schasar hörte das Heulen des Windes. Um ihn herum tobte eine Schlacht. Er sah sich um, dann sah er Ihn auf dem Plateau stehen. Die Hände zum Himmel erhoben rezitierte der Herr der Schatten die verbotene Sprache Kreton, fauchte, spuckte die unheiligen Wörter in die Welt.

Neben Schasar schlug ein Blitz ein. Der Magier hörte Schmerzensschreie. Er bahnte sich seinen Weg durch die Massen, hinauf zum Plateau, dorthin wo Er stand. Dann erreichte er Ihn, doch …

 

Schasar schreckte hoch. In der Dunkelheit brauchte es einen Augenblick, bis er sich zurechtfand und realisierte, wo er war. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er hatte die Strohmatte zur Seite geschoben und lag nun rücklings auf dem kühlen Wüstensand. Er wischte sich mit der Hand über die Stirn. Sie waren noch immer unterwegs in der Wüste.

Schasar atmete tief ein und erhob sich dann. Er beschwor ein Licht herauf, das das Zelt erhellte. Mit zittrigen Fingern suchte er den Wasserschlauch und trank einen Schluck. Vielleicht sollte er draußen ein wenig Luft schnappen? Ja, das würde er tun.

Der Magier schlug die Zeltplane zurück und trat nach draußen. Vor Arxors Zelt hielten die Soldaten Wache. Ebenso vor dem Zelt des Goblins, das ganz in der Nähe stand. Schasar nickte den Kriegern zu und trat einen weiteren Schritt hinaus. Er atmete die kühle Luft ein und sah hinauf zu den Monden. Was hatte dieser Traum nur zu bedeuten?

Ihm fröstelte. Es war eine weitere, kühle Nacht in der Wüste. Er sollte sich wieder schlafen legen, um die Kräfte zu erholen. Kräfte … Der Magier ging zurück in das Zelt, hielt auf seine Robe zu, fasste hinein und holte den kleinen Flakon mit der blutroten, leuchtenden Flüssigkeit heraus, den der alte Elf Ustendio ihm an seinem letzten Abend gegeben hatte. Was waren seine Worte gewesen?

„Schwarz und Weiß. Nimm es und nutze es weise!“ Er packte den Flakon wieder weg. Kam die Zeit, kam der Moment ihn einzusetzen. Wofür auch immer. Das Schicksal würde ihm den Weg schon weisen, dachte er, bevor er wieder einschlief. Der Albtraum kehrte nicht zurück.

 

„Ist es so weit?“, fragte der Goblin, als Arxor, Schasar und Quinto ihre Reittiere am nächsten Morgen neben das seine führten.

„Was?“, fragte der König.

„Ihr braucht meine Hilfe“, gab Beißer zurück.

„Wie kommst du darauf?“ In Schasars Stimme schwang Spott mit.

Der Goblin lächelte ihn an. „Magicus, Magicus. Du machst mir nichts vor. Ihr irrt durch die Wüste und habt keinen Plan, wo ihr seid.“

„Pah“, lachte Quinto auf.

„Was denn, großer Heerleiter?“ Der Goblin sah Quinto herausfordernd an. „Ist es denn nicht so? Eure Vorräte gehen dem Ende entgegen.“

„Und wenn schon, Goblin“, gab Quinto zurück. „Für deine Verbrechen hätte ich dich schon längst aufhängen lassen. Sei froh, dass du über keinerlei Ehre verfügst, sonst hätte ich bereits Satisfaktion für deine verächtlichen Mutmaßungen gefordert.“

„Soso.“ Der Goblin lächelte ihn an. „Soso.“ Dann blickte er zu Arxor. „Um zum Thema zurückzukommen und mit den Leuten zu sprechen, die auch etwas zu sagen haben: Ihr habt also keine Ahnung mehr, wie es weiter geht?“

„Wie kommst du darauf?“, fragte der König.

„Hmm. Wir laufen in einer halbkreisförmigen Bahn, obwohl wir es nicht müssten. Hier draußen gibt es nur Sand. Wir könnten auch einfach geradeaus laufen.“

„Geradeaus“, murmelte Arxor.

„Haha. Wohin, ist die Frage, die nun zu stellen wäre.“ Der Goblin schüttelte den Kopf. „Ihr habt wirklich keine Ahnung, was euer Ziel ist, oder?“

„Und wenn es so wäre?“, fragte Schasar.

„Ihr kommt zu mir, weil ihr den Weg wissen wollt. Warum sollte ich ihn euch weisen?“

„Eine gute Frage“, gab Arxor zurück.

„Danke.“

„Vielleicht, weil du sonst mit uns untergehst und verdurstest?“, erwiderte Schasar.

„Magicus. Du solltest es doch am besten wissen. Ich habe dir meine Macht bewiesen, als ich dein jämmerliches Leben rettete. Statt Dankbarkeit und Ehrfurcht beleidigst du meine Künste. Ich bitte dich.“ Der Goblin verschränkte die Arme. „Ihr würdet ohne mich verdursten.“

„Also hilfst du uns?“, fragte Arxor.

„Ja“, erwiderte der Goblin.

Quinto schnaufte. „Ein Pakt mit einem Dunkelwesen“, stieß er verächtlich hervor und gab seinem Pferd die Sporen, um an dem Tross der langsam laufenden und reitenden Soldaten vorbeizuziehen und bis zu seiner Spitze vorzustoßen. Das war doch hirnrissig. Er war Prospektor. Er würde den Weg finden. Wenn er nur endlich auf Markierungen oder andere Zeichen stoßen würde. Wo war die Natur nur an diesem Ort? Hatte sie sich tatsächlich zurückdrängen lassen? Hatte sie den Kampf aufgegeben, ihn für immer verloren?

 

Schasar war skeptisch. Er musterte den Goblin, während Arxor Quinto hinterher sah.

„Und weshalb hilfst du uns, wenn deine Kräfte dich schützen könnten?“, fragte der Magier. Er trieb sein Pferd die nächste Düne hinauf. Die Luft war trocken und stickig, die Sonnenstrahlen brannten auf der Haut.

„Ich habe meine Gründe“, gab Beißer zurück.

Schasar wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wenn der Goblin ihnen half und einen Weg aus dieser unendlichen Wüste kannte, so würden sie wenigstens nicht vor Erschöpfung sterben. Lieber stolz im Kampf fallen, als zu verdursten, so sah es auch die Mehrzahl der Soldaten, die immer häufiger murrten.

Vereinzelt hatten die Truppenvorsteher Quinto bereits berichtet, dass Soldaten desertiert waren, was nicht wirklich die Moral der Armee stärkte, sondern zu noch mehr Gesprächsstoff und Unruhe am abendlichen Feuer führte.

Die jungen Krieger brannten auf ihren ersten Kampf und verloren das Interesse am sturen Marschieren. Und die Alten versuchten sich die Erschöpfung nicht ansehen zu lassen, wenn sie mit Sack und Schwert knöcheltief durch das endlose Meer aus Sand wateten und von der alten Schlacht erzählten und sangen. Erinnerungen und die Hoffnung blieben. Doch die Realität sah anders aus. Die Nächte waren bitterkalt und das Marschieren im gleißenden Licht der Sonnen machte Mensch und Tier zu schaffen. Die Nahrungsmittel- und Wasservorräte nahmen täglich ab. Wenn sie nicht bald das Ende der Wüste erreichten, würde es bitter enden. Schasar verwarf den Gedanken. Sie würden es schon schaffen. Wenn es nur einen Zauber gab, der ihnen helfen könnte.

„Beißer, mich würden deine Gründe interessieren. Warum hilfst du uns?“, fragte der Magier nach einiger Zeit.

„Wenn es dich interessiert, will ich dir gern davon erzählen. Wir haben ja genug Zeit …“, begann das Dunkelwesen. Auch Arxor sah ihn interessiert an. „Ihr kennt uns Goblins nicht. Ihr wisst nichts über uns und unsere Historie.“

„Damit magst du Recht haben“, gab Schasar zurück.

„Wir sind etwas, das euch in euren Albträumen begegnet. Also beschäftigt ihr euch nicht mit uns. Dort, wo ich herkomme, ist es wie hier.“

„Und wo kommst du her?“

„Das ist schwer zu sagen. Ich kann deine Frage nicht beantworten“, erwiderte Beißer. Schasar sah ihn fragend an. „Es ist, als würde ich eure Welt kennen, aber dann ist es doch auch anders.“

„Ich verstehe dich nicht.“

„Ich verstehe es auch nicht.“ Der Goblin blickte hinaus in die Wüste. „Was ich weiß ist, dass es dort draußen …“ Er zeigte hinaus in die Weiten aus Sand. „… einen Weg zurück in meine Heimat gibt.“ Er seufzte wehmütig. „Doch auch dort hat sich vieles geändert.“

„Inwiefern?“, fragte Schasar.

„Meinst du, es macht uns Spaß, in den Krieg zu ziehen?“

Schasar schwieg. Was sollte er auch sagen? Ja?

„Wir sind kein kriegerisches Volk“, sprach der Goblin.

Das wiederum nahm ihm Schasar nun wirklich nicht ab.

„Wieso bekämpft ihr uns dann?“, fragte Arxor.

„Wegen Ihm“, gab Beißer zurück und sah den König der Menschen lange an. „Er ist aus eurem Blut.“

„Ja, ich weiß“, gab Schasar zurück. „Er ist ein dunkler Magicus, der in die Wüste gejagt wurde.“

„Ja, und dann hat Er den Weg zu uns gefunden. Mit seinen Orks. Sie haben geplündert und gebrandschatzt.“

„Aber wieso habt ihr euch ihnen angeschlossen?“

„Was willst du in einer solchen Situation machen? Diene oder stirb!“

Schasar hatte den Goblin selten so ernst erlebt. Er schwieg. Gleichmäßig schwankte der Sattel hoch und runter. Sein Pferd schnaufte, hatte Geifer vor dem Maul. Er tätschelte ihm die Seite.

„Es war keine einfache Entscheidung“, sprach der Goblin weiter. „Wir wollten mit Ihm reden, doch dann hat Er …“ Die Stimme des Goblins brach.

„Was hat Er getan?“, fragte Arxor.

„Er hat die Urmutter entführt, hat sie seitdem in seiner Gewalt.“

„Wen?“, fragte Schasar.

„Unsere Urmutter. Sie ist so etwas wie du.“ Er sah Arxor an. „Unsere Anführerin, unsere Ratgeberin, die Mächtigste von uns.“

„Warum habt ihr sie nicht befreit, wenn ihr alle so mächtig seid?“, sagte eine Stimme neben ihnen. Sie hatten Quinto nicht zurückkommen gehört. „Mein König.“ Er senkte das Haupt. „Wenn dieses …“ Er blickte den Goblin abschätzig an. „… Wesen uns helfen möchte, so soll es uns jetzt sagen, wohin wir reiten müssen.“

„Nordosten, wenn Ihr den Weg findet. Nach der Mittagsrast weiter in Richtung Osten. Morgen sollten wir es dann erreicht haben.“

„Das Ende der Wüste?“, fragte der Heerleiter. „Morgen schon?“

„Nennt es so, wenn ihr mögt. Und ja, morgen schon.“

„Quinto?“ Arxor sah seinen Heerleiter an.

„Was immer Ihr wünscht, mein König.“ Quinto wendete das Pferd und preschte davon.

„Was ist eigentlich mit ihm los?“, fragte Schasar.

„Das erzähle ich dir ein anderes Mal“, erwiderte Arxor.

„Eieiei, Streit bahnt sich an zwischen euch dreien.“ Der Goblin grinste breit.

„Wie soll ich dir glauben, dass ihr ein friedliebendes Volk seid, wenn du ständig versuchst Zwietracht zu säen?“, fragte Arxor.

„Ich habe nie gesagt, dass wir ein friedliebendes Volk sind. Ich habe nur gesagt, dass wir kein kriegerisches Volk sind. Das ist ein feiner Unterschied. Worte sind eine gefährliche Waffe. Sie richtig zu deuten, ist eine große Kunst. Das überlasse ich nun euch. Wir werden nicht umsonst Scharlatangnome genannt.“ Beißer zwinkerte ihnen zu.

„Also war es nur erlogen, was du uns erzählt hast?“, fragte Schasar.

„Das müsst ihr selbst einschätzen oder aber herausfinden.“ Der Goblin hob den Kopf. „Macht euch besser auf den Weg nach vorn, bevor uns dieser unflätige Mensch erneut stört. Ich kann ihn nicht riechen – und er kommt zurück. Kann sein, dass er die nächste Oase endlich gefunden hat.“

Arxor und Schasar nickten und ritten los. Beißers Wachen, die sich außer Hörweite aber einsatzbereit aufgehalten hatten, schlossen auf. Hinter den Reitern folgte das Fußvolk. Der Goblin nickte zufrieden. „Bald ist es so weit. Müde und erschöpft, so wie Er sie haben wollte. Und dann werden wir sehen, wie es ausgeht …“, grummelte er vor sich hin.

 

 

„Andere Zeiten verlangen nach anderen Vorgehensweisen.“ Lethuyans Worte hallten in Arliandros Gedanken nach, während er auf dem kühlen Höhlenboden saß. Er hatte seit Tagen nichts mehr gegessen, doch er verspürte auch keinen Hunger. Die Augen hielt er geschlossen, er konnte sowieso nichts sehen. Der Aufstieg war anstrengend gewesen, aber er hatte gelernt, sich in dieser fremden, dunklen Welt zurecht zu finden.

Draußen hörte er den Wind heulen. Die Landschaft um ihn herum würde sicherlich in ein gleichmäßiges, friedliches Weiß gehüllt sein. Die Baumwipfel würden leicht hin und her wiegen, vielleicht sogar so stark, dass sie den Schnee von ihren Ästen wehten. Die Tiere und Elfen würden sich in ihre Behausungen, Höhlen und Bäume zurückziehen und auf den nächsten Frühling warten.

Er wäre gern bei seiner Schwester geblieben, die bei seinem Aufbruch sehr erschöpft ausgesehen hatte. Doch war Geduld eine Tugend, die er hier zu lernen hatte. Er würde seine Prüfung nicht schneller bestehen, wenn er auf ihr Ende und das Eintreten der großen Erleuchtung wartete. Was hatte ihm Fejlippo zum Abschied gesagt: „Gehe er zum Berge Bugassa und warte er auf die Stimmen der Erfahrung, die ihn finden mögen, wenn er Geduld, Willen, Ausdauer und Verstand zeigt.“

Arliandro atmete aus. In Gedanken sah er die kleine Atemwolke, fing sie ein und wärmte sich an ihr. Er musste aufpassen, dass er nun keine Erdmagie einsetzte. Es wäre so einfach sich dem hinzugeben. Nun spürte er nicht nur die Kälte, sondern auch den Hunger. Sein Magen knurrte. Nur einige Nüsse oder Wurzeln. Heißer Sud, eine wohltuende Suppe und ein kleines Feuer. Er zitterte. Nein! Er würde warten, bis er die Stimmen hörte. Und er würde diese Prüfung so lange durchhalten, bis er die Erleuchtung fand.

Aber was sollte das Ganze? Er könnte nun neben Arxor und Schasar reiten und mithelfen, das Böse für immer zu besiegen. Er könnte am Bett seiner Schwester weilen und versuchen ihr zu helfen. Weshalb saß er in dieser Höhle, fror und hungerte? Ist dies das Leben, das er sich wünschte? Konnte dies der Wunsch und Wille der Ahnen sein? Alles im Leben hat seinen Sinn und das Schicksal weist uns den Weg, dachte er. Aber war es Ustendios Opfer wert? War er es wert, sein Nachfolger zu werden? Wollte er den Zwist mit Lethuyan aufrechterhalten und konnte er dieses Land vorwärtsbringen?

Dazu benötigte es der Annäherung an die Menschen. Er hatte Arxor und Schasar kennengelernt. Sie waren zu Freunden geworden, auch wenn sie drei in unterschiedlichen Welten lebten. Würden die Schatten besiegt und gab man Arxor die Möglichkeit, sich um seine Kinder zu kümmern und sie richtig zu erziehen, dann könnten die nächsten Generationen der Menschen anders werden. Arxors Vater war ein großer König gewesen, warum sollte sein Sohn nicht in seine Fußstapfen treten können? Und warum sollten nicht wieder alle in Eintracht leben? So wie früher? Nie war man der Einheit in den letzten Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten näher gewesen wie in den Tagen, als Doron mit seinen Greifenreitern an ihrer Seite gekämpft hatte.

Sie waren eine verschworene Gemeinschaft gewesen, Gefährten auf dem Weg zu einer neuen Weltordnung. Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Vertrauen hatten sie geleitet, hatten sie gestärkt. Und dieses Vertrauen zerbrach nun Stück für Stück. Wenn es einer solchen Situation wie der jetzigen bedarf, um die Welt wachzurütteln, dann ist es an uns zu handeln. Wollen wir, dass sich die Geschichte wiederholt, nur weil wir es nicht schaffen zu reden, aufzustehen, uns ein einziges Mal gemeinsam gegen den Feind zu stellen und das Übel aus dieser Welt zu tilgen? Arliandro schüttelte den Kopf. Tränen rannen ihm über die Wange. Es tat ihm leid, dass er Ustendio enttäuschte. Er erhob sich langsam. Seine Glieder fühlten sich taub an. Die Arme waren schwach, die Beine gaben leicht nach. Er würde zum Tempel zurückkehren. Er hatte seine Entscheidung getroffen.

 

 

Der Raum lag in völliger Dunkelheit da.

„Herr?“, fragte eine raue Stimme unsicher.

„Ja?“, gab eine sonore Stimme zurück.

„Es gibt Neuigkeiten von draußen.“

„Welche denn?“, fragte der Mann in dem dunklen Zimmer.

„Es sind nur Gerüchte. Wir wissen noch nichts Genaues.“ Der Bote machte eine kurze Pause. „Die Obeliskenstadt wurde angegriffen. Die Schatten sind angeblich zurückgekehrt.“

„Rüstet sich Argonia?“

„Nicht nur Argonia.“

„Was soll das heißen?“ Etwas in der Mitte des Raumes leuchtete matt auf und gab die Umrisse eines stämmigen Mannes frei, der auf einem hölzernen Stuhl saß und die Unterarme auf einen Tisch vor sich gelehnt hatte.

„Die Drachenländer heben eine Armee aus.“

„Der alte Largos zieht in den Krieg? Mit Argonia oder gegen es?“

„Ich befürchte eher, dass es sein Sohn Duncas ist, der sie anführt.“

„Soso. Dann wohl eher gegen Argonia. Haben sie eine Chance?“

„König Arxor hat mit seiner Armee den Hof verlassen“, gab der Bote zurück. „Es heißt, er zieht hinaus in die Wüste.“

„Nun gut.“ Der Mann am Tisch fuhr sich mit den klobigen Fingern durch den filzigen Bart. „Gordon, ich möchte, dass du nach Argonia fliegst und dort in meinem Auftrag nach dem Rechten siehst. Lass dich dabei nicht von den Südländern sichten!“

„Wie du wünschst, Herr.“

„Danke.“ Der Mann, der in dem dunklen Raum gesessen hatte, griff nach dem Schaft der Axt, die noch immer matt leuchtete. „Wenn nur die Zeichen endlich aufziehen würden. Ich weiß, dass du nach Blut dürstest.“ Er strich über die scharfe Klinge, die daraufhin summte, wie um ihre Zustimmung zu signalisieren. „Ich hoffe, dass du das Blut unserer Feinde bald zu schmecken bekommst.“ Hoffentlich zum letzten Mal, fügte er in Gedanken hinzu.

 

 

Es wäre einfacher gewesen Magie anzuwenden oder die Hippolos zu rufen, doch diese Freude würde Arliandro Lethuyan nicht machen. Der Anstand gebot, dass er den Regeln entsprechend zum Tempel heimkehrte. Sichtlich befreiter fand er sich trotz seiner Blindheit mittlerweile gut in den Elfenwäldern zurecht.

Arliandro nahm den Weg bis Jarmila und wurde ab der im Nebel liegenden Brücke von der Elfengarde in Richtung des Tempels begleitet. Niemand redete mit ihm, bis sie das Tal der tausend Wasserfälle und den Tempel der Seherin und des Rats schließlich erreicht hatten. Und das war ihm auch lieb so.

Er wurde sofort vorgelassen und Fejlippo hieß ihn auch im Namen seiner Schwester willkommen.

„Nun bist du also wiedergekehrt, um einer von uns zu werden und den Rat zu vervollständigen“, sprach der alte Elf. Bevor Arliandro antworten konnte, fügte er hinzu: „Während deiner Abwesenheit gab es eine Prophezeiung. Vielleicht wird es deine erste Amtshandlung sein, sie mit uns zu deuten.“

„Wie geht es meiner Schwester? Ist sie hier?“ Arliandro drehte den Kopf hin und her, ganz so, als versuchte er sie zu finden. Er fasste langsam an den schwarzen Stein, der in sein Stirnamulett eingelassen war. „Ich spüre, dass es ihr nicht gut geht.“

„Ja, leider“, erwiderte Fejlippo.

„Die Heiler tun alles“, fügte Lethuyan emotionslos hinzu.

„Ich hoffe, dass es ihr bis zum großen Fest besser geht“, sagte Fejlippo und lächelte milde, was sein Gegenüber jedoch nicht sehen konnte. Der Zauber würde erst nach der Erleuchtungsprüfung wieder von ihm genommen. Doch das interessierte Arliandro nicht im Geringsten.

„Welches Fest?“, fragte er stattdessen. „Was gibt es zu feiern, wenn es meiner Schwester schlecht geht?“

„Deine Ernennung?!“, erwiderte Fejlippo überrascht.

„Oh ja, natürlich“, gab Arliandro zurück. „Natürlich.“ Die Ernennung. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe, wo es Ay’lechsia schlecht ging, dachte er. „Kann ich sie sehen?“

„Nein, wir denken, es wäre besser, sie sich ausruhen zu lassen“, sprach der alte Elf.

Lethuyan nickte zustimmend.

„Aber …“, begann Arliandro.

„Nichts aber“, entgegnete Lethuyan.

„Nun gut, Ihr müsst es wissen. Was ist mit der Prophezeiung?“, fragte Arliandro.

„Kommt die Ernennung, kommt die Zeit darüber zu beratschlagen. Wir sollten nun auseinandergehen und uns heute Abend im großen Saale einfinden.“

„Wie ihr wünscht“, erwiderte Arliandro. „Ich werde die Gästegemächer aufsuchen, mich waschen und ankleiden.“

„In Ordnung, Arliandro“, gab Fejlippo zurück. „Wir sehen uns dann in den Abendstunden. Wir lassen nach dir rufen, wenn es so weit ist.“

 

Der Festsaal war sicher hell erleuchtet und bunt geschmückt. Arliandro stellte sich vor, wie die Elfengardisten für ihn Spalier standen. Der Bote führte ihn in das Innere des Raumes, der wohlig warm war. Es duftete nach Eintopf und der Geruch von ihm bekannten Gewürzen lag in der Luft. Er war zuhause. Beinahe war Arliandro versucht die einsamen Tage zu verdrängen, die Tage in denen er in der Kälte meditiert, gefroren und gehungert hatte.

„Er ist zu uns zurückgekehrt. Der Bote des Schicksals, der Jünger der Erleuchtung, der Lenker der Geschicke“, hörte er Fejlippo zitieren. „So soll er uns berichten, was ihm das Schicksal und die Stimme der Ahnen zuflüsterten, darauf, dass er die Nachfolge Ustendios antrete und das Triumvirat vervollständige.“ In der Halle herrschte Ruhe.

Arliandro konnte sich vorstellen, wie nun alle Blicke auf ihm ruhten. „Ich verneige mein Haupt vor allen Wesen dieser Welt in Demut. Ich schwöre sie zu achten und wenn nötig mit meinem Leben zu schützen. Ich werde mich ihrer annehmen, wenn und wann immer sie es bedürfen.“ Er biss sich auf die Zähne. Er hatte seine Entscheidung getroffen und er würde zu ihr stehen. „Und aus eben diesem Grund werde ich mich der Berufung und dem Schicksal erwehren. Ich werde den Menschen folgen. Sie brauchen mich und ich…“ Er stockte und sah in die Richtung, in der er Lethuyan vermutete. „Ich werde mich dem Bösen entgegenstellen, auch wenn dieser Hochmut verlangt, Seite an Seite neben meinen Freunden zu sterben!“

Leises Gemurmel brannte auf.

„Ist dies deine Entscheidung?“, fragte Fejlippo.

„Ja“, erwiderte Arliandro. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Er fühlte sich gut. Er hatte getan, was er für richtig hielt.

„Du hast am Berge Bugassa meditiert.“ Fejlippo hob die Arme und sofort kehrte Ruhe ein. „Du hast dich nicht von Macht blenden lassen und bist nicht den Weg des Zwistes gegangen. Du hast dich des Denkens würdig erwiesen. Du hast der Witterung des Bugassagebirges getrotzt, hast dich an die Regeln der Reifeprüfung gehalten und dich bei deiner Entscheidung nicht blenden lassen. Du hast dich des Fühlens würdig erwiesen. Du hast die Worte, die deinen Verstand umschwirrten, geordnet, abgewogen und eine Entscheidung getroffen. Du hast das Bugassagebirge geläutert verlassen. Du hast dich des Wollens würdig erwiesen. Vereine nun die Sinne. Innen wird außen und außen wird innen. Gegeben und geschult, gestärkt und genutzt, um unserem Volk den Weg zu weisen. Wer mit dem Strom schwimmt, erreicht die Quelle nie.“

Fejlippo stieg vom Podest und legte seine Hand auf Arliandros Kopf. „Gegeben und genommen, die Sinne kehren wieder, stärker als je zuvor, um unserem Volk den Weg zu weisen.“

Das Licht blendete Arliandro. Erschrocken musste er die Augen schließen. Sein Puls ging schneller.

„So heiße ich dich, Arliandro von Belos, Sohne Brÿlons, Bruder unserer ehrwürdigen Seherin Nerdana Ay’lechsia auf der heiligen Insel Bÿton im Tempel als Mitglied des Rats der Weisen willkommen.“

Arliandros Mund fühlte sich trocken an.

„Herzlichen Glückwunsch“, zischte Lethuyan.

Arliandro blinzelte. Er erkannte, dass Fejlippo näherkam, ihn umarmte und auf die Wange küsste. Arliandro öffnete die Augen vollends. Sein Blick glitt an dem Ratsältesten vorbei. Auf einer Sänfte lag seine Schwester Ay’lechsia. Sie sah schwach aus. Ihr Haar war dunkelbraun und hing ihr wirr im Gesicht, ihre Augenlider zitterten. Ihr Körper sah ausgemergelt aus.

Wie in Trance vernahm Arliandro Fejlippos Worte: „Pack deine Sachen, wir werden den Tempel bald verlassen müssen!“ Dann streifte er Arliandro einen der drei verzierten Ringe über, die sie als Ratsweisen auswiesen, und stieg die Stufen der Empore hinauf.

„Es ist vollbracht“, sagte Fejlippo. „Der Rat ist wieder vollständig. Ich möchte, dass wir heute feiern und Ustendio gedenken. Er wird sicher auf uns hinabsehen.“

Ein jeder Elfengardist ging nun an Arliandro vorüber, verneigte sein oder ihr Haupt und schwor ihm die Treue. Doch der hörte ihre Worte nicht. Sein Blick war auf Ay’lechsia gerichtet, die kreidebleich auf der Sänfte lag. Eine Träne rann seine Wange hinab, denn er wusste, was dieser Anblick zu bedeuten hatte.

Die dunkle Grenze

 

„Nein, nein, nein“, rief Fayola wütend. Sie wischte die kleinen Steinhaufen von dem umgestürzten Baumstamm, vor dem sie und Dayana mit verbundenen Augen gesessen hatten. Dann riss sie sich das Tuch von den Augen. „Ich werde es nie schaffen!“ Sie schleuderte das seidene Tuch fort, das wie in Zeitlupe zu Boden sank.

„Du musst dein Temperament im Griff haben“, erwiderte Valessia ruhig. Die Lehrmeisterin sammelte die Elfensteine wieder auf und legte einige auf den Stamm zurück. Dann wandte sie sich Dayana zu. „Nun du, mein Kind.“

Dayana nickte und hielt die Hände über den kleinen Steinhaufen. Sie atmete tief ein. Dann sagte sie: „Zwei D’este’vOn, drei Jhe’mE’thyis und ein Neso’hAr’atz.“

„Gut, fast richtig. Es waren zwei von jedem. Lass dich nicht blenden! Liebe und Treue sind stark, aber man kann sie schnell mit Harmonie verwechseln. Welche Farben haben sie?“

Dayana hielt die Hände wieder über die Steine, und sortierte sie nach Gefühl nach den Farben. „Die D’este’vOn hier und da sind blau.“ Sie zeigte mit weiterhin verhüllten Augen auf die Steine. „Die Jhe’mE’thyis dort und dort sind gelb und die beiden Neso’hAr’atz sind rot.“

„Sehr gut. Du machst das sehr gut. Du hast schon viel gelernt, seit du bei uns bist.“ Mit einem kurzen Blick auf Fayola fügte sie hinzu: „Und du hast die Tugend der Geduld schon gut verinnerlicht.“

„Na klar“, murrte Fayola. „Sie ist auch ’ne richtige Elfe.“

Valessia ignorierte sie. „Fayola, welche Kräfte wohnen den Steinen inne?“

„Mut und Kraft werden dem D’este’vOn zugeschrieben, Harmonie und Besonnenheit dem Jhe’mE’thyis“, leierte sie herunter. „Und Liebes- und Treueschwüre werden mit dem Neso’hAr’atz gewoben.“

„Wenn du die Praxis nur halb so gut wie die Theorie beherrschen würdest“, gab ihre Lehrmeisterin mit einem Zwinkern zurück.

„Ich bin halt nur ein Mensch“, erwiderte Fayola und zuckte mit den Schultern.

„Nein, du bist ein Mensch, der weiß. Und das ist ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied.“ Valessia legte ihr die Hand auf die Schulter. „Und es kommt die Zeit, in der du glaubst und verstehst, dann wirst du Magie anwenden können.“

„Darauf warte ich schon so lange.“

„Warten bringt in dem Falle nichts. Wie du siehst, ist nicht das Alter entscheidend.“ Die Mentorin zeigte auf Dayana. „Auch, wenn Dayana ein wenig älter wirkt als du, so ist sie es nicht wirklich.“

Nun musste Dayana schlucken. Sie nahm die Augenbinde ab. „Vieles ist nicht so, wie es scheint“, flüsterte die junge Elfe.

„Also Kinder“, unterbrach sie Valessia schnell. „Für heute soll es genug sein. Beim nächsten Mal reden wir über elfische Heilsteine; den weißen Last’kriL, den grünen Al’thy’SeN und die wenigen schwarzen E’thAru-Tropfen, die wir Elfen noch besitzen.“

 

 

Unruhig ging der Herr der Schatten in seinen Gemächern auf und ab. Immer wieder durchforstete er Dahlgors Gedanken nach Anzeichen auf den Verbleib der zwei verbliebenen Amulettteile.

„Aaah“, schrie Er auf, als er erneut auf eine Erinnerung traf, die abrupt abbrach und ihm starke Kopfschmerzen bereitete. Er schleuderte einen Blitz in ein nahes Bücherregal, das mit einem lauten Knall explodierte.

Dahlgor war deutlich schlauer gewesen, als Er gedacht hatte. „Weise, mein Sohn“, murmelte Er. „Aber nicht weise genug.“ Er brauchte nur das Buch Memoria. Das magische Buch, dem Dahlgor die Erinnerungen geschenkt hatte. Es befand sich sicherlich noch in Argonia. Dahlgors Schüler hatte seinen Wert bestimmt verkannt, wenn er überhaupt auf das Buch gestoßen war.

Aber der Herr der Dunkelheit musste aufpassen. Bald würden die Orks mit dem jungen König und seinem Gefolge hier auftauchen. Er würde sie erwarten und dann würde Er es ein für alle Mal zu Ende bringen.

Der Herr der Schatten atmete tief ein. Bis es soweit war, würde er immer wieder die letzten Erinnerungen durchstöbern, die Dahlgor nicht mehr vor Ihm hatte verstecken können.

 

Dahlgor machte einige unsichere Schritte vorwärts. Zu seinen Füßen lag der Dunkelmagier und neben ihm – der Stab. Er hob ihn auf.

„Der Stab des Drachen. Willkommen zu Hause!“, sprach Dahlgor und strich vorsichtig über das schneeweiße Holz, der in dem ineinander verschlungenen, flammenförmigen Knauf endete. „Damit sind die Wälder der Elfen wieder sicher!“ Er sprach einen Zauber und der Stab verschwand.

 

Der Herr der Schatten schloss die Augen und hörte sich den letzten Teil der Sequenz noch einmal sehr aufmerksam an. Die Formel war der Schlüssel. Er analysierte den Zauber Wort für Wort und lächelte. Wenigstens wusste er nun, wo sich dieser verdammte Stab befand. Argonia – wohin auch sonst sollte er den Stab schicken?

Der Herr der Dunkelheit brauchte diesen Stab. Ohne ihn konnte Er trotz seiner Funktion als Malträger nur auf einen Gefallen der Feuerwesen hoffen. Der weiße Feuerstab, der Paktstab der Magier mit dem elementaren Drachenherrn, würde Ihm die Sicherheit geben, dass die Wesen ihm gehorchten; egal, was er von ihnen verlangte.

Der Herr der Schatten legte die Stirn in Falten. Er würde eine weitere Gruppe Goblins schicken. Schließlich standen ihm genug von diesen minderwertigen Kreaturen zur Verfügung. Und wenn sie verendeten, schickte er halt neue nach.

Doch wohin mochte Dahlgor den Stab genau gesandt haben? Im Weißen Schloss kamen nur einige wenige Orte in Frage und die kannte Er gut. Das Turmzimmer wäre zu einfach, nicht geschützt und damit unsicher. Vielleicht das Archiv der Sonnenkrieger unter dem Schloss? Möglich. Der Herr der Dunkelheit lächelte und nickte wissend. Um an den Ort zu gelangen, musste Er erst einen bestimmten Teil des Amuletts besitzen. Und Er war sich sehr sicher, dass sich dieser Teil nun gerade auf dem Weg hierher befand.

 

 

Vergeblich versuchte Zara Quintos Blick zu erhaschen. Die mittlerweile zur Botenreiterin aufgestiegene Kriegerin ritt nahe dem Heermeister, doch er würdigte sie weiterhin keines Blickes. Schüchtern rang sie mit sich, ob sie ihn ansprechen sollte. Der Heerführer wirkte schon seit Tagen ungewöhnlich abwesend und in sich gekehrt, ganz so, als beschäftigte ihn etwas Sorgenvolles. Sie trieb ihr Pferd an, bis sie neben ihm ritt.

„Herr, geht es Euch gut?“, fragte sie nicht lauter als nötig.

„Gibt es etwas zu melden?“, erwiderte der Heerleiter und musterte die Schwarzhaarige.

„Nein, Herr. Ich …“ Sie stockte. „Ihr seht nur erschöpft aus.“

„Sind wir das nicht alle?“

„Doch, Herr. Entschuldigt!“ Sie senkte das Haupt.

Quinto nickte. Eine Weile ritten sie stumm nebeneinander. „Aber du hast Recht“, unterbrach der Heermeister die Stille plötzlich. „Es gibt etwas, das ich mit mir trage.“

Zara wurde hellhörig. War es besser nachzufragen oder sollte sie schweigen? Sie schwieg.

„Ich führe euch Krieger in diese Wüste mit dem Ziel, die Schatten ein für alle Mal zu besiegen. Aber ich bin mir nicht sicher, wo sie sich genau verschanzen. Wir wissen nicht, wo sich der Ort befindet, von dem aus sie immer wieder in unsere Welt vordringen. Wir wissen nicht, wie viele es sind.“

„Ihr seid ein großer Taktiker“, warf Zara ein, während sie im Tal zwischen zwei weiteren, gigantischen Dünen angekommen waren. Sie warf kurz einen Blick nach hinten. Langsam folgten ihnen der Kriegertross wie eine riesige Ameisenstraße. Stumm und stetig, ohne Aufbegehren.

„Aber Taktiken bringen mich hier nicht weiter. Laut des Goblins erreichen wir die Heimat der Schatten bald. Wir wissen nicht genau, was uns dort erwartet. Zu viele Unbekannte, zu viel Ungewissheit. Und wir verlassen uns blind auf das Wort eines Goblins“, stieß er verächtlich hervor. „Er ist einer unserer Feinde.“

„Aber unser großer König und der ehrwürdige Magicus glauben an seine Worte.“

„Ja, das tun sie. Und ich würde ihren Anweisungen nicht widersprechen. Es ist ihre Entscheidung, nach den Ausführungen des Goblins zu marschieren. Doch, ob ich diesem Wesen vertraue, das bleibt meine Entscheidung.“

„Natürlich, Herr. Ich meinte auch nur …“

„Wie alt bist du?“, unterbrach Quinto sie.

Zara stockte. „Zwanzig Winter, Herr. Aber …“

„Also liegen einige Winter Erfahrung zwischen uns.“

„Ja, Herr.“ Worauf wollte er hinaus? Sie hatte sein Können doch nicht in Frage gestellt. War sie zu weit gegangen?

„Und es liegt das Erleben eines Krieges zwischen uns.“ Quinto drosselte das Tempo. Die Hitze des Nachmittags machte allen zu schaffen. Doch ging es den wenigen Reitern noch deutlich besser als den Fußsoldaten.

Der Heerführer blickte sich um. Einige Schritt entfernt lag das Skelett eines Greifvogels. Über ihnen kreisten weitere Aasfresser. Dann erschien ein großer Schatten und nur Sekunden später stoben die Greifvögel auseinander. Unter dem anfeuernden Gejohle der Soldaten jagte der Hippogreif sie davon.

Quinto grinste. Die Boten des Todes würden heute auf ihr Mahl verzichten müssen. Hoffentlich hatte der junge Späher auf dem Rücken des Hippogreifen eine neue Wasserquelle gefunden. Wenn hier Tiere lebten, konnte die nächste Oase nicht weit entfernt sein. Selbst die Aasfresser brauchten Wasser. Oder hatte der Goblin womöglich Recht und sie würden das Ende der Wüste bald erreichen?

„Ja, Herr. Beim ersten Krieg war ich zwölf.“ Zara weckte ihn aus seinen Gedanken.

„Was? Ja.“ Quinto ordnete seine Gedanken. „Damals war ich etwa so alt wie du es heute bist.“ Er lächelte sie an. „Ich hatte in deinem Alter bereits eine ungewöhnlich große Verantwortung für viele Menschen zu tragen, so wie ich es heute auch noch habe. Ich war damals jung und unerfahren. Zudem sehr vorsichtig und besonnen; wobei ich mich auch heute noch so einschätzen würde. Aber vor allem hatte ich zur rechten Zeit eine kluge Idee.“ Er machte eine kleine Pause. „Die Taktik, mit der wir die Schatten im ersten großen Kampf besiegt haben, wird jedoch im offenen Gelände und vor Allem in ihrem Reich nicht funktionieren.“ Zara nickte. „Was weißt du über die Taktik und den Sieg im ersten Krieg?“, fragte er sie, während sie langsam weitertrabten.

„Er kam dadurch zustande, dass Ihr der offenen Schlacht aus dem Weg gegangen seid.“

„Das hört sich an, als zweifelst du an meinem Mut.

---ENDE DER LESEPROBE---