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Zwei Funken - Licht und Dunkelheit Das Licht - das der Dunkelheit trotzt Eine Liebe - die unmögliches überwindet Ein auswegloser Krieg In einem endlosen Krieg zwischen Licht und Dunkelheit strebt der Feind nach der Krone des Lichts, um die Herrschaft über die Menschen und Welten zu erlangen. Die junge Prinzessin Leana ist die letzte Trägerin des Lichts und kehrt nach Jahren des Exils nach Lichthof zurück. Sie findet ihr Königreich versunken im Chaos. Während ihr Vater rachsüchtig ihre Armee in die nächste blutige Schlacht des Lichtreiches gegen die Dunkelheit führt, deckt der junge Heerführer Damian ihr größtes Geheimnis auf. Doch das Schicksal des Lichts erfährt eine ungeahnte Wendung. Ist Leana bereit, diese anzunehmen? Teil 1 von 3 (Die Bücher können nicht unabhängig voneinander gelesen werden)
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Seitenzahl: 367
Veröffentlichungsjahr: 2021
Der Ursprung
Kapitel 1 – Der See der Gefühle
Kapitel 2 – Der Abschied
Kapitel 3 – Heimreise
Kapitel 4 – Heimkehr… oder?
Kapitel 5 – Der Ball
Kapitel 6 – Eiszeit und Veränderung
Kapitel 7 – Ein letztes Mal
Kapitel 8 – Liebe und andere Überraschungen
Kapitel 9 – Auf den Weg ins Ungewisse
Kapitel 10 – Licht und Dunkelheit
Kapitel 11 – Der unvermeidbare Verlust
Epilog
NACHDEM DER HERR aus Dunkelheit Licht schuf, das Wasser, die Welten und deren Bewohner, nachdem er ihr Schicksal flocht, ergriff ihn eine Sehnsucht, die er bisher nicht kannte. Gott sah auf seine Schöpfung, die die Vielfalt seiner Emotionen spiegelte. Er liebte sie inbrünstig. Und dennoch war er selbst kein Teil davon, auch jetzt nicht. Seine in ihm herrschende Einsamkeit und der innere Krieg zwischen Licht und Dunkelheit, die aufgrund der Vertreibung nicht dem Licht weichen wollte, hielten Gott zu seinem letzten Willen an.
Er zerbrach.
Er zerbrach, um der Zerrissenheit Platz zu schaffen.
Seine Schöpfung sollte nun den Kampf in den Welten austragen, den er selbst nicht mehr zu lösen verstand.
Er zerbrach in zwei Teile.
Zwei Funken.
Licht und Dunkelheit.
Aus diesen Funken wurde jeweils ein göttlicher Mensch geboren, die Gottes Willen als Teil ihrer Seele tragen sollten. Eine Frau, dem Licht entsprungen; ein Mann der Dunkelheit.
Seine letzten Worte, bevor er zerbrach:
„Das Licht soll herrschen, bis die Dunkelheit die Blutlinie durchbricht.“
DER SCHWARZE SEE befindet sich in der Mitte des erloschenen Vulkans umringt vom Orden der Rosen. Er ist uns heilig und etwas Besonderes, da er mehr als nur ein See ist. Er spiegelt unsere Emotionen und Erinnerungen, lässt uns auf vergangene Leben zugreifen. Er sammelt jedes gelebte und empfundene Gefühl aller Menschen und ist für uns Rosen ein wichtiges Instrument, um Emotionen zu entdecken und uns in neuen Situationen zurechtzufinden. Während der Ausbildung zur Rose wird er jede Woche begangen, um im Trainingsmodus verschiedene Situationen zu simulieren. Ich weiß nicht, wie das Wasser des Sees es macht, aber es ist jedes Mal eine außergewöhnliche Erfahrung. Die Bilder werden beim Eintauchen real. Man taucht förmlich in die Situation und nimmt dabei die Rolle der beteiligten Personen oder des Beobachters ein.
Meine Ausbildung ist seit rund einem Jahr zu Ende, aber ich tauche immer noch, so oft ich kann, in den See. Ich hoffe, so die vielen offenen Fragen meiner Vergangenheit beantwortet zu bekommen oder einen Hinweis zu finden, warum das alles so geschehen musste.
Als ich dieses Mal eintauche, erscheint vor mir der große Ballsaal. Ich stehe als mein zehnjähriges Ich vor meinem Hüter und beobachte meine Mutter, wie sie mit Lord Veh tanzt. Doch anstatt sich als Einheit durch den Raum zu bewegen, versucht meine Mutter, sich aus seinem Griff zu lösen, während er über irgendetwas verärgert zu sein scheint. Ich sehe sein wutverzerrtes Gesicht und ihre vor Schreck geweiteten Augen. Mein Vater steht am Eingang des Ballsaals und geht entschlossenen Schrittes auf sie zu.
Eine Explosion ertönt nicht weit entfernt und lässt alles erzittern. Plötzlich strömen die Menschen panisch in alle Richtungen. Nur ich stehe da, zur Salzsäule erstarrt, da ich meinen eigenen Augen nicht traue. Lord Veh greift sich den Arm meiner Mutter und zerrt sie zu sich, versucht, sie zu küssen. Er zischt etwas und mit einem Mal starrt sie zu mir herüber. Angsterfüllt und panisch sieht sie mich mit ihren schönen Augen an, als ich plötzlich weggerissen werde und mein Vater mich auf den Arm nimmt. In seiner freien Hand hält er sein Schwert erhoben, bereit, mich zu verteidigen.
Mein Hüter Sebastian liegt neben uns am Boden, Blut – so viel Blut – sickert aus seiner Kehle und bedeckt den Boden um uns herum. Schockiert sehe ich in seine vor Schreck weit geöffneten, aber nun stumpfen Augen. Er ist tot.
Erst jetzt registriere ich die hereinströmenden Retsen, die einen Menschen nach dem anderen im Saal abschlachten. Es ist ein Blutbad. Ich suche mit den Augen nach meiner Mutter, die in dem Moment vor Lord Veh in die Knie geht. Aus ihrer Brust ragt das Heft eines Dolches. Ich höre meinen Vater schreien und dann, wie er seinen Männern Befehle zubrüllt. Sein Entsetzen spiegelt sich in seinen Augen, sowie auch unbändige Wut. Er läuft mit mir aus dem Saal, übergibt mich dem Heerführer unserer Armee. Ich will ihn nicht loslassen, aber mein Griff ist nicht stark genug. Mein Vater verschwindet in der Menschenmenge und ich sehe mich plötzlich von vielen Soldaten umringt. Sie bringen mich etwas abseits in Sicherheit, danach verschwindet auch der Heerführer wieder Richtung Ballsaal, aus dem noch immer flüchtende Menschen herausstürmen.
Die nächste Erinnerung, die auftaucht, ist die am Sarg meiner Mutter. Ich sehe ihr friedliches Gesicht, ihre langen, hellblonden Haare liegen um sie gebettet. Ich rieche ihren Duft. Sie roch zu Lebzeiten so süß nach Mirabellen, aber jetzt ist er irgendwie anders. Nicht mehr warm, nur noch wie ein kalter Hauch. Ich stehe da und warte darauf, dass sie aus ihrem Schlaf erwacht. Aber sie wacht nicht mehr auf, nie wieder. Ich spüre die Hand meines Vaters auf meiner Schulter. Auch er starrt den Sarg an, in dem meine geliebte Mutter liegt, aber sein Blick ist nicht traurig oder wehmütig. Nein, er ist hasserfüllt, hart und vor allem entschlossen. Er sieht kurz zu mir herunter und sein Blick wird für einen Moment weicher. Er nimmt meine Hand in seine und führt mich von dem aufgebahrten Sarg weg. Weg aus dem Palast, weg von Lichthof und weg von ihm.
„Glaub mir, es ist besser so, mein Schatz“, sagt er zu mir, bevor er mich Oxana, der Oberin der Rosen, übergibt, sich umdreht und geht.
Ich tauche auf und bin kein Stück vorangekommen. Irgendetwas irritiert mich an der Szene zutiefst und ich komme einfach nicht darauf, was es sein könnte. Wie hat Veh es geschafft, den Schutz des Hüters meiner Mutter Darius zu umgehen? Mein Vater warf ihm Hochverrat vor und strafte ihn mit dem Tode. Aber half er ihm wirklich, wie es ihm vorgeworfen wurde? Ich kannte Darius gut und er liebte meine Mutter als seine Herrin und war ihr treu ergeben. Wieso hätte er also zugelassen, dass so etwas mit ihr geschieht? Er hätte sie schützen müssen. Ich seufze und schüttle den Kopf über mich selbst. Immer die gleichen Fragen und doch keine Antworten.
Tijana sitzt am Ufer des Sees auf einem Felsen und mustert mich besorgt.
„Wie oft willst du dir das noch antun? Warum kannst du die Dinge nicht akzeptieren, wie sie sind?“, fragt sie mich offensiv.
Ich seufze, denn diese Diskussion haben wir schon etliche Male ausgetragen.
„Ich akzeptiere die Dinge, wie sie sind, Ty. Aber ich suche nach den Dingen, die mir entgangen sind, die ich nicht verstehe. Ich bin nur noch wenige Tage hier – ich muss jede Gelegenheit dazu nutzen, die ich habe. Irgendetwas stimmt nicht. Ich weiß es, ich weiß nur noch nicht, was es ist … Und es geht mir gut“, füge ich hinzu, als ich ihren besorgten Blick sehe. „Ich komme klar mit den Bildern und meinen Emotionen. Ich muss nur den Fehler finden. Hör auf, dir Sorgen zu machen.“
„Ich habe deine Erinnerungen gesehen, Leana. Es würde mich zerstören, jedes Mal das Gesicht meiner Mutter zu sehen und zu wissen, dass ich sie nicht retten kann.“
Ja, es frisst mich auf, dass ich sie nicht beschützen kann, aber ich habe inzwischen akzeptiert, dass ich es damals einfach nicht konnte. Ich habe meinen Frieden damit gemacht. Aber ich will endlich alles verstehen und dieses Rätsel aus meiner Vergangenheit lösen.
Jede Tochter des Lichts steht unter dem Schutz eines Hüters, eines Mannes, dazu auserwählt, sie zu beschützen. Die Hüter können mit ihrem Willen eine nicht einnehmbare Hülle um die Lichtträger erschaffen und haben zudem eine tiefe innere Verbindung zum Licht, um jegliche Gefahr erkennen und es davor beschützen zu können. Alle zwanzig Jahre wird ein Hüter in einer der vielen Welten geboren. Die Fähigkeiten werden ihm bei der Geburt geschenkt und später wird er vom Priester des Lichts zum Hüter ernannt und auf Lichthof trainiert.
Der Hüter meiner Mutter, dessen Schutz versagt oder nicht gewirkt hat, wurde vor zwei Jahren hingerichtet, nachdem er acht Jahre im Gefängnis wegen Hochverrats gesessen hatte. Ich bin der Überzeugung, dass er unschuldig war, aber alle Bitten an meinen Vater wurden ignoriert. Nicht, dass ich sonst Kontakt zu ihm hätte. Anfangs schrieb ich ihm täglich, dann immer weniger, bis ich nach der Hinrichtung von Darius ganz damit aufgehört habe.
Keine Zeile erreichte mich je von ihm …
Ich schrieb Darius Familie, dass ich sie gern sehen möchte, und habe mich für die Entscheidung meines Vaters entschuldigt. Ich werde Darius Namen wieder reinwaschen, wenn ich weiß, was geschehen ist.
Für meinen Vater gibt es seit jeher nur eine Aufgabe und das ist die Vernichtung der dunklen Armee. Allen voran von Lord Veh. Was ich bisher von den Retsen gesehen habe, entsprach nicht ansatzweise der bösen Vorstellung, die auf Lichthof herrscht. Ich habe wahnsinnig viel Leid und Armut gesehen. Machtlosigkeit in Anbetracht dessen, dass man sich und seine Liebsten nicht schützen konnte. Angst davor, seinen Nächsten an die Dunkelheit zu verlieren. Dagegen muss etwas getan werden. Die Weltengemeinschaft muss handeln – allen voran mein Vater. Und sollte er es nicht können oder nicht wollen, werde ich es tun. Notfalls ohne ihn.
Tijana reißt mich aus meinen Gedanken, als sie mir mein Handtuch reicht und einen vielsagenden Blick schenkt.
„Du solltest dir etwas anziehen, wenn mich nicht alles täuscht, kommt gerade noch jemand hier hoch. Und nach den stampfenden Schritten zu urteilen, ist es ein Mann. Also, wenn du ihn nicht so aufreizend als nackte Wassernymphe empfangen willst, solltest du dich beeilen.“
Tijana macht sich schmunzelnd auf den Weg hinunter zum Schloss. Ich trockne mich schnell ab und ziehe meinen Kampfanzug an und lass mich auf einem steilen Felsen nieder.
In der Nacht sieht Olympäa atemberaubend aus. Die Stadt der Rosen liegt am Abhang des erloschenen Vulkans und wird von dem riesigen Ordenskomplex wie eine Burg umfasst. Sonst herrscht überall Dunkelheit und Ruhe. Olympäa ist als einziger Ort auf dem Planeten bewohnt. Ich genieße noch die Aussicht, als ich plötzlich nicht mehr alleine bin.
„Oh, entschuldigt bitte!“ Die Dunkelheit verhüllt das Gesicht des Mannes, doch seiner Stimme ist die Überraschung anzuhören. „Ich habe niemanden hier oben erwartet. Oxana sagte, Ihr nutzt den Bergsee nicht um diese Zeit. Soll ich gehen, störe ich Euch?“
„Nein, nein, bitte bleibt. Wir nutzen ihn um diese Zeit tatsächlich nicht für unsere Übungsstunden, aber jede Rose kann den See unabhängig davon für sich nutzen“, erkläre ich dem Fremden. „Ich wollte nur noch einen Moment lang die Stille genießen, bevor ich mich an den Abstieg mache. Dann seid Ihr für Euch.“
„Verfluchter Scheißdreck … Aua, verdammt!“, flucht er plötzlich und im schwachen Licht kann ich erkennen, dass er sich den Fuß an einem spitzen Felsen aufgeschlitzt hat. Ich gehe zu ihm und schaue mir seine Wunde an. In der Seitentasche meines Kampfanzugs trage ich immer etwas Verbandszeug mit. Man weiß ja nie.
Als ich mich anschicke, die Wunde zu versorgen, versucht er, es zu verhindern, wobei er über mich stolpert, sodass wir im nächsten Moment beide am Boden liegen. Ich pruste los und nach einem kurzen Zögern stimmt er mit ein. Als wir uns beide etwas beruhigt haben, reicht er mir die Hand, um mir auf die Füße zu helfen. Doch ich bin schneller und ziehe ihn stattdessen mit mir hoch.
„Danke und es tut mir ehrlich leid. Das ist nur ein Kratzer und ich bin so eine Fürsorge nicht gewohnt.“
„Schon in Ordnung, es ist ja nichts passiert.“
„Trotzdem vielen Dank.“ Er lächelt mich an. „Ich heiße übrigens Damian.“
„Ihr stammt von der Erde, nicht wahr? Ihr solltet die Wunde wenigstens säubern. Der schwarze Felsen des Vulkans kann Wunden durchaus eitern lassen.“
„Woher wisst Ihr, dass ich von der Erde bin?“, fragt er verwirrt.
„Na ja, Ihr flucht wie ein Erdling“, erkläre ich mit einem Augenzwinkern. „Meine besten Freunde sind von der Erde und genauso wenig zurückhaltend wie Ihr!“ Ich mustere ihn amüsiert und stelle fest, dass er wahnsinnig attraktiv ist, muskulös und durchtrainiert. Wenigstens das, was ich jetzt noch erkennen kann, denn es ist stockdunkel. Irgendwie erinnert er mich von der Statur an Markus, meinen Hüter, der Sebastian nachfolgte.
Da macht es in meinem Kopf Klick.
Ist das etwa Markus’ Bruder Damian?
Der Heerführer Damian?
Was macht er bitte schön schon hier? Sie sollten doch erst morgen eintreffen! Er stellt mit noch weiteren Männern den Begleitschutz für meine Heimreise.
„War das gerade Eure Freundin von der Erde? Die mich im Vorbeigehen ein ‚monströses Trampeltier‘ genannt hat? Hätte mir denken können, dass sie von der Erde stammt“, fügt er lachend hinzu, während er sich mit der Hand durch das dichte Haar fährt.
„Ja, Tijana stammt auch von der Erde. Roxana fand sie in der Bronx, als sie zehn Jahre alt und ganz auf sich allein gestellt war, und nahm sie mit. Sie ist nun eine der Stärksten von uns. Aber das Fluchen und die Ausdrucksweise konnte ihr leider niemand abgewöhnen.“
Ich schiebe mich an ihm vorbei, als er plötzlich meine Hand ergreift und mich zu sich umdreht.
„Hey … Ihr habt mir noch nicht verraten, wie Ihr heißt. Wollt Ihr mir nicht noch etwas Gesellschaft leisten?“ Die Einladung klingt recht unschuldig. Ja, genau … Ich kann ihm seine Gedanken von der Nase ablesen. Nein, das wäre definitiv keine gute Idee.
Ich entziehe ihm meine Hand. „Nein, Heerführer. Meine Patrouille beginnt in einer Stunde und ich vergesse niemals meine Pflicht.“ Ich laufe ein Stück weit den Abhang nach unten, bevor ich mich noch einmal zu ihm umdrehe. Trotz der Dunkelheit sehe ich, dass er mir leicht enttäuscht hinterherschaut.
„Gute Nacht! Und stolpert nicht den Abhang hinunter!“, rufe ich schmunzelnd. Ich warte nicht auf seine Reaktion, sondern eile in hohem Tempo den Berg hinunter und mache mich auf den Weg zum Schloss.
Schon bald werde ich mich von meinem jetzigen Leben verabschieden müssen. Aber davor werde ich es noch ausgiebig genießen. Morgen steht das Fest der Rosen an und dieses werde ich bis zur letzten Minute auskosten.
Denn in nur drei Tagen werde ich das erste Mal seit dem Mord an meiner Mutter meine Heimat wiedersehen und mein Zuhause Lichthof betreten.
„LEANA, LEANA, WARTE doch mal kurz“, ruft mein Hüter hinter mir her.
„Was ist denn, Markus? Du weißt, ich muss mich für die Feier vorbereiten.“
„Ich wollte dich nur kurz darüber informieren, dass der Begleitschutz für die Heimreise bereits hier ist. Der König hat meinen Bruder und seine besten vier Männer geschickt.“
„Ich bin ihm schon begegnet“, sage ich und erinnere mich an Damians Gesichtsausdruck und das fehlende Erkennen in seinem Blick. „Aber wie es scheint, weiß er noch nichts von seinem Glück. Werden sie an der Feier teilnehmen?“
„Ich denke schon. So wie ich meinen Bruder und seine Männer kenne, werden sie sich eine Party mit haufenweise schönen Frauen nicht entgehen lassen.“ Er zuckt entschuldigend mit den Schultern. Ja, so sah Damian auch aus, als ob er sich nichts entgehen lässt, denke ich und stöhne auf. Das gibt’s doch nicht! Ich habe absolut keine Lust, für sie die Abendunterhaltung zu mimen.
„Dann sorg dafür, dass sie heute Abend noch nicht erfahren, wer ich bin. Ich will heute nur eine Rose sein, nicht Leana, Prinzessin des Lichtreiches. BIIIIITTTEEEEE!“, flehe ich meinen Hüter an.
„Ich werde es versuchen“, erklärt er sichtlich amüsiert, macht kehrt und lässt mich stehen. Das Schloss des Ordens wurde extra für das heutige Fest herausgeputzt. Das Fest der Rose findet einmal jährlich statt. In seinem Verlauf werden die fertig ausgebildeten Kriegerinnen geehrt und mit dem Zeichen der Rose gewürdigt. Heute werden auch Gäste dazustoßen, etwas Außergewöhnliches für uns Rosen, denn wir bevorzugen sonst Abgeschiedenheit und Ruhe. Nur wenige wissen vom Orden und von dessen Kriegerinnen, aber diese Wenigen fürchten uns.
Auch ich soll heute mein Zeichen erhalten. Zeit, mich in Schale zu werfen. Maja, meine Kammerzofe und enge Vertraute, hat bestimmt etwas für mich herausgesucht. Ich bin aufgeregt, denn ich habe mir für heute Abend etwas vorgenommen, das gänzlich gegen meinen Charakter geht. Zum ersten – und wahrscheinlich letzten – Mal möchte ich, auf Teufel komm raus, mit einem Mann flirten. Nur einmal in meinem Leben möchte ich so sein wie alle anderen Mädchen.
Bisher beschränkt sich mein Wissen auf das, was andere Rosen, vor allem Ty, mit mir geteilt haben. Wir Rosen können Emotionen durch den See erlernen, ohne sie selbst erleben zu müssen. Mit Schrecken erinnere ich mich an das Outing meiner besten Freundin und meines Hüters als Pärchen. Uns Kriegerinnen wurde damals nahegelegt, auch im erotischen Bereich unser Erfahrungswissen aufzustocken, und ich bat Tijana, mir ihre erste sexuelle Erfahrung als Erinnerung zu zeigen. Natürlich war sie sofort Feuer und Flamme …
Rückblickend war das vielleicht keine so gute Idee gewesen. Ich muss blind gewesen sein, dass ich die Anziehung und die Spannung zwischen Markus und Tijana nicht gespürt habe. Als ich also sah, dass Tijana ihr erstes Mal mit Markus erlebt hatte, wollte ich mir im nächsten Augenblick die Augen auskratzen. Auch heute noch wird mir schlecht, wenn ich daran denke.
Markus ist nicht nur mein Hüter, er ist so etwas wie ein Bruder für mich, der mich mit Argusaugen beobachtet, mich auf Schritt und Tritt verfolgt und sich noch dazu wie mein Vormund benimmt. Er war noch sehr jung, als er zu meinem Hüter berufen wurde. Gerade einmal zwanzig Jahre alt, aber außergewöhnlich stark und besonnen, sodass man ihm zutraute, sich um eine Zehnjährige kümmern zu können. Wie gesagt, wir haben eine sehr innige Beziehung zueinander, vergleichbar wie die von Geschwistern, obwohl ich auch hier nicht wirklich etwas habe, mit dem ich es vergleichen kann. Aber ich liebe ihn und er gehört zu mir und meiner Familie, genauso wie ich zu seiner gehöre.
Genau deshalb hätte ich Tys Erinnerung niemals erleben sollen. Es war, als hätte ich selbst mit Markus geschlafen, und es wurde noch furchtbarer, als er mich am nächsten Tag ständig begleiten musste und die Bilder einfach nicht aus meinem Kopf weichen wollten. Und dieses Biest von Freundin grinste den ganzen Tag über unaufhörlich!
Einfach nur … bäh. Eklig. Es hat gedauert, bis ich ihn wieder ansehen konnte, ohne dunkelrot anzulaufen.
Und obwohl sich meine Erfahrung auf diese einzige – wenn auch einschneidende – Erinnerung beschränkt, sehne ich mich nach so einer Liebe, einer Verbindung wie die ihre. Wobei ich mir durchaus bewusst bin, dass meine Rolle als Lichtträgerin die Suche nach der wahren Liebe nicht unerheblich erschweren wird.
Als Maja mit mir nach fast zwei Stunden fertig ist, muss ich doch ganz schön staunen. Wahnsinn, was man mit dem richtigen Outfit und etwas Make-up machen kann. Ich selbst wäre niemals in der Lage gewesen, mich so herzurichten, dafür habe ich einfach kein Talent.
Aus dem Spiegel sieht mir eine hübsche Frau mit großen grünen Augen entgegen. Ihr langes, bronzefarbenes Haar ist zum Teil gewellt frisiert, zum Teil geflochten, und sie trägt ein langes, tiefausgeschnittenes, ärmelloses, weißes Kleid, das ihren Körper wie eine zweite Haut bedeckt. Auf beiden Seiten bis hoch zur Hüfte geschlitzt, ist es atemberaubend und gewagt. Für meinen Geschmack zu gewagt! Nachdem ich Maja und Tijana von meinen Absichten für den heutigen Abend erzählt hatte, habe ich ihnen versprochen, alles anzuziehen, was sie für mich aussuchen würden und – tada! – nun stehe ich da!
„Oh, Maja, das ist nicht dein Ernst! Ich werde den ganzen Abend mein Kleid festhalten müssen, damit nichts verrutscht!“, rufe ich entsetzt und versuche, meine Brüste in dem riesigen Ausschnitt zu bändigen. Doch es hilft nichts, es ist einfach zu wenig Stoff und zu viel von … mir.
„Du siehst heiß aus, Leana! Amüsiere dich, das ist dein Abend! Geh, flirte mit einem Mann und feiere. Du hast dir das mehr als verdient. Das wird wahrscheinlich die letzte Gelegenheit sein, bevor der Hofalltag dich überfällt“, versucht Maja, mich zu überzeugen. „Wer weiß, ob du so etwas im Palast tragen kannst. Wenn du erstmal wieder zuhause bist, wird dich dein Vater bestimmt nicht mehr so ein Kleid anziehen lassen.“
Ihre Worte dringen durch meine Zweifel angesichts der Gewagtheit des Kleides. Hier bin ich nur eine Rose und nicht die Prinzessin des Reichs des Lichts. All das wird sich in zwei Tagen ändern. Ich sollte diese Gelegenheit also nutzen.
Der Hof des Ordens wurde zu einem Freilichtballsaal umgestaltet, sodass wir unter Sternenlicht und im Licht unzähliger Fackeln und Lichterketten feiern. Unter dem Applaus einiger Gäste, die ich von den letzten Jahren her kenne, betrete ich den Hof. Sie wissen um meinen Aufstieg, kennen mich allerdings nur als Rose, nicht als Leana, da ich auf solchen Festen immer inkognito erschienen bin.
Ich sehe mich nach Tijana und Markus um. Die Feierlichkeiten sind bereits voll im Gange und ich habe bei all den Leuten Mühe und Not, die zwei Turteltäubchen auszumachen. Die beiden stehen an einem Tisch gegenüber der Bühne und unterhalten sich angeregt mit einem großen, dunkelhaarigen jungen Mann, den ich auf den ersten Blick erkenne. Es ist der Fremde von gestern Abend. Seine Statur hat wirklich große Ähnlichkeit mit Markus, da haben mich meine Augen also gestern nicht getäuscht. Über zwei Meter groß, mit durchtrainiertem Körper, definierten Muskeln und einem breiten Rücken. Er trägt einen ärmellosen Kampfanzug aus gegerbtem Leder des Lichtheeres, der seine wohlgeformte Figur betont. Die Ähnlichkeit zwischen den Brüdern ist verblüffend, trotz der markanten Unterschiede. Markus ist dunkelblond, hat stahlblaue Augen und ein markantes Gesicht. Wenn er lächelt, überträgt er seine warmherzige Art auf seine Gesprächspartner. Damian dagegen hat eine dunkle Ausstrahlung. Er hat pechschwarze Haare, leuchtende dunkelgrüne Augen und ein anzügliches Lächeln im Gesicht, das jede Frau erröten lassen könnte.
Markus entdeckt mich und lenkt die Blicke der anderen beiden auf mich. Ich gehe auf sie zu und merke, wie mich Damian mit seinen Blicken erst taxiert und dann fast auszieht. Ich verfluche das Kleid, zu dem ich mich habe überreden lassen.
Während sein Blick ungeniert über meinen ganzen Körper wandert, kann ich meinen nicht von seinen Augen abwenden. Etwas an ihnen erscheint mir vertraut. Und dann erkenne ich: Ich bin ihnen bereits einige Male im Traum begegnet. Verflucht! Was hat das bloß zu bedeuten?
Ich werde augenblicklich rot. Markus bemerkt es sofort und auch Tijana fängt augenblicklich an zu grinsen. Als ich bei ihnen ankomme, räuspert sich Markus.
„Bruderherz, das ist die Dame des Abends. Sie wurde gestern im Kreis der Rosen als ihre Anführerin legitimiert. Sie hat als Einzige in den letzten dreihundert Jahren die Prüfungen dafür meistern können. Das ist … Rose. Rose, das ist mein Bruder Damian. Er ist gestern Abend angekommen und wird der Begleitschutz der Prinzessin sein, wenn sie ihre Heimreise antritt.“
Ich nehme die Hand, die Damian mir reicht, und er drückt mir einen zarten Kuss auf den Handrücken.
„Rose … wie passend. Ein schöner Name für eine wunderschöne Frau. Sind wir uns nicht bereits gestern Abend begegnet?“, schmunzelt er, als er mein errötetes Gesicht sieht.
„Vielen Dank. Es freut mich sehr, Euch kennenzulernen, Damian. Wir hatten Eure Ankunft bereits erwartet, jedoch seid Ihr bereits früher hier, als wir dachten. Wie geht es Eurer Wunde?“
„Wir hatten noch einen Auftrag auf dem Weg hierher. Er war wesentlich schneller erledigt als geplant, daher waren wir bereits einen Tag eher hier. Und ich sagte ja bereits, es ist nur ein Kratzer und nicht der Rede wert. Ist die Prinzessin denn heute Abend hier? Ich würde sie gern vor unserer Reise kennenlernen“, fragt er nun in die Runde.
Ich schaue verschwörerisch zu Tijana und Markus. „Nein, ich denke nicht“, erkläre ich dann lächelnd und Markus verschluckt sich an seinem Cocktail.
Er hustet heftig, bevor er sich zusammenreißt und mir zur Hilfe eilt, nicht ohne mich süffisant anzugrinsen, als Damian gerade einmal nicht hinsah. „Bruder, Prinzessin Leana ist sehr … zurückgezogen und … meidet solche Feiern. Sie wird sich bestimmt vor der großen Heimreise noch ausruhen wollen. Daher denke ich, dass du sie vor der Abreise nicht zu Gesicht bekommen wirst.“
„Schade, aber wie ich sehe, habe ich mehr als angenehme Gesellschaft.“ Damian lächelt vielsagend zu mir rüber und ich werde, wenn möglich, noch verlegener.
Plötzlich taucht Kristen, Sohn des Lords von Meeran, neben mir auf und legt seine Hand an meine Schulter. Wir kennen uns noch aus Kindertagen und sind uns über die Jahre immer wieder begegnet. Olympäa gehört zum Planetensystem von Lord Heron, Kristens Vater. Er vertritt seinen Vater immer wieder bei wichtigen Veranstaltungen und ist ein großer Unterstützer des Ordens. Mit seinen siebenundzwanzig Jahren ist er schätzungsweise im gleichen Alter wie Damian. Ich meine, mich zu erinnern, dass Markus einmal hat fallen lassen, dass zwischen ihm und seinem Bruder drei Jahre liegen.
„Heerführer Damian, es ist mir eine Freude, Euch hier begrüßen zu können! Wie ich sehe, seid Ihr bereits in angenehmster Gesellschaft“, begrüßt Kristen Damian mit kalter Stimme und seltsamen Blick. Ich mustere ihn kurz, um seine Stimmung zu deuten. Normalerweise ist er nicht so abweisend. Ich kenne ihn nur als freundlichen und sehr fröhlichen Menschen. Doch als mein Blick zwischen den beiden Männern hin und her schweift, merke ich, dass die Abneigung auf Gegenseitigkeit beruht. Die beiden wirken so, als ob sie sich nicht ausstehen können.
„Kristen, es freut mich auch, dich wiederzusehen. Ja, ich habe gerade Rose hier kennengelernt“, er deutet auf mich, „und muss gestehen, dass ich dem Zauber der Rosen hier kaum widerstehen kann.“ Letzteres sagt er vielsagend und mit leicht provokativem Unterton. Kristen sieht mich nun fragend an und ich flehe ihn förmlich mit den Augen an, zumindest für heute Abend, meine Identität nicht preiszugeben. Er begreift schnell und lässt in einer besitzergreifenden Geste seine Hand von meiner Schulter auf meine, leider nackte, Hüfte wandern.
„Rose, ich habe von den letzten Vorkommnissen gehört und bin beunruhigt. Wann verschließt ihr das Tor nach Altra?“
Ich winde mich aus seiner Umarmung, da ich sie heute irgendwie als unangenehm empfinde.
„Gar nicht. Warum sollten wir es verschließen? Die Retsen wollen nichts von uns und sind mit ihrer Armee weit entfernt von dem Tor. Der einzige Vorfall in letzter Zeit war, als ein paar ihrer Schergen eine Patrouille der Lichtarmee verfolgt und sie dann in der Nähe eines Dorfes überfallen haben, dem die Rosen immer wieder Hilfsgüter zukommen lassen. Die Dorfbewohner baten uns um Hilfe und wir haben das Problem gelöst. Leider war es dann schon zu spät für die Soldaten. Die Spießgesellen haben sie wie wilde Tiere angefallen und zur Abschreckung in Stücken aufgeknöpft und in der Landschaft verteilt.“ Mein Tonfall bleibt nüchtern, während ich das Geschehen beschreibe, doch in meinem Innersten brodelt es.
Damian sieht wütend zu mir. „Wie habt Ihr das Problem gelöst? Habt Ihr sie gefangen genommen?“, fragt er in einem herrischen Ton.
„Nein, sie waren nicht besonders … kooperativ. Daher haben wir sie geköpft und begraben.“
„Warst du etwa dabei?“, fragt nun Kristen aufgebracht.
„Ich kam hinzu, als es bereits geschehen ist. Die Überreste der Soldaten haben wir zum Armeestützpunkt geschickt“, erkläre ich ruhig. Ich musste es einfach mit eigenen Augen sehen.
„Ihr habt sie geköpft? Einfach so?“, fragt Damian ungläubig. „Die Retsen sind wahnsinnig stark, selbst meine besten Männer haben Schwierigkeiten, einen zu überwältigen.“
„Das mag sein. Aber Ihr wisst offensichtlich nichts über die Stärken der Rosen, Heerführer. Ja, die Retsen sind stark, aber nur weil die Dunkelheit sie mit diesen Fähigkeiten ausgestattet hat. Ihr Verhalten ist ferngesteuert und dementsprechend leicht zu durchschauen.“ Ich sehe, dass sowohl Damian als auch Kristen von meiner harten Stimme und meiner Direktheit überrascht sind. Egal. Ich hasse es nun mal, wenn Männer sich von unserem Erscheinungsbild täuschen lassen.
„Was meint Ihr mit ferngesteuert?“, will Damian wissen.
„Nun ja, die Retsen haben sich nicht bewusst für die Dunkelheit entschieden. Zumindest die meisten von ihnen. Ihr Geist wurde von der Dunkelheit überwältigt und diese bestimmte von da an ihr Handeln. Ihr Volk ist das von Kriegern. Ihre Instinkte sind sehr in diese Richtung ausgeprägt, aber sie sind nicht von sich aus so aggressiv. Sie werden dazu getrieben, ohne es wirklich zu wollen.“ Ich sehe Damian an, dass er dagegen argumentieren will, aber Markus hält ihn zurück.
„Das ist vielleicht nicht das richtige Thema für heute Abend. Wir wollten doch den Abend genießen, nicht wahr, Rose?“, versucht er zu schlichten. Damian nickt einlenkend und ich bin Markus dankbar, dass er mir noch einen Abend gönnen will, der nicht vom bevorstehenden Krieg gezeichnet ist.
„Darf ich Euch Rose für einen kurzen Moment entführen?“, fragt Kristen in die Runde und dann an mich gewandt: „Kommst du, bitte?“ Er zieht mich mit sich, ohne meine Antwort abzuwarten, bis wir uns alleine gegenüberstehen.
„Du siehst atemberaubend aus! Und Glückwunsch zum Aufstieg, du hast uns alle damit überrascht! Warum hast du nicht erzählt, dass du in der Auswahl warst? Ich muss leider noch ein paar Gäste begrüßen, aber Leana, bitte lass dich nicht von Damian einwickeln!“, bittet er mich eindringlich. „Der Kerl verschlingt mehr Frauen zum Frühstück als manch anderer in einem Jahr. Pass bitte auf dich auf!“
„Natürlich, klar. Geh ruhig!“, sage ich.
„Versprichst du mir nachher noch ein bisschen deiner Zeit?“
Ich nicke ihm zu und er entfernt sich von mir. Augenblicklich steht Tijana vor mir. Mit einem vielsagenden Blick.
„Wir müssen los, Oxana erwartet uns auf der Bühne. Bist du soweit?“, fragt sie amüsiert und hakt sich bei mir ein. Einige Schritte später flüstert sie mir zu: „Das Kleid ist der Wahnsinn! Wurde Zeit, dass du dich dem Kleidungsstil einer Rose anpasst!“, erklärt sie kichernd. „Markus’ Bruder sieht wahnsinnig gut aus und verschlingt dich förmlich mit den Augen. Pass nur auf, dass du das Spiel hier nicht übertreibst. Die Heimreise wird lang und bis wir aufbrechen, solltest du klargestellt haben, wer du bist.“
Ich grinse verschmitzt zurück.
„Mach dir keine Sorgen, ich werde es schon nicht übertreiben. Und ich werde ihm im passenden Moment sagen, wer ich bin. Aber … heute Abend bin ich Rose!“
Wir prusten beide los.
Oberin Oxana erwartet uns bereits bei der Bühne. Sie wurde von der Versammlung der Rosen als Oberin gewählt und vertritt als solche den Orden als Ansprechpartnerin gegenüber Dritten und sorgt dafür, dass die Regeln des Ordens durchgesetzt werden. Gemeinsam mit den anderen Absolventinnen betreten Ty und ich nach ihr die Bühne.
„Meine lieben Gäste“, beginnt Oxana mit ihrer Ansprache, „geliebte Schwestern und Anwärterinnen. Ich freue mich sehr, Euch heute Abend begrüßen zu dürfen. Nach nun mehr als drei Jahrhunderten haben wir unter unseren Absolventinnen eine Auserwählte dabei, die die letzte Prüfung zur Anführerin gemeistert hat. Ich freue mich, heute Abend den Absolventinnen und dieser besonderen Rose das Zeichen der Rose übergeben zu dürfen. Bitte tretet hervor.“
Ich sehe nervös auf die untenstehende Menge. Jetzt ist es so weit. Schon oft habe ich gesehen, wie die Rosen vor mir ihr Zeichen erhalten haben. Nun bin ich dran.
Oxana ruft die erste von uns auf. Diese verneigt sich vor ihr und hält inne, damit Oxana ihr Schulterblatt berühren kann. Und dann passiert es: Ein Funke, geboren aus Oxanas Hand, berührt ihre Haut und zeichnet in glitzernden Linien eine blühende blaue Rose mit den allsehenden Augen einer Raubkatze auf ihre Haut. Ein Zeichen, das in all den Welten nur wir Rosen tragen dürfen. Insgesamt sind wir an diesem Abend achtzehn Absolventinnen. Tijana empfängt ihr Zeichen vor mir. Wegen meines besonderen Status’ bin ich die Letzte in der Reihe. Gebannt sehe ich zu, wie sich das Zeichen der Rose bei Tijana auf dem Fußgelenk einbrennt.
„Rose, komm zu mir“, ruft Oxana mir zwinkernd zu. „Du bist nun die Auserwählte der Rosen. Dein Zeichen wird sich etwas von dem der anderen unterscheiden. Wohin soll es?“
Ich deute auf meinen rechten Oberschenkel. Dann fühle ich es. Es brennt ganz leicht auf meiner Haut und ich spüre eine Verbundenheit mit den anderen Rosen wie noch nie zuvor. Die blühende Rose kommt zum Vorschein. Jedoch zeichnet sich dort, wo die anderen Absolventinnen nur die allsehenden Augen der Raubkatze tragen, bei mir ihr ganzes fauchendes Gesicht ab. Das Zeichen der Anführerin …
Wow.
Ich verneige mich vor Oberin Oxana, die mich, den Regeln zum Trotz, umarmt und mir leise zuflüstert: „Ich bin so wahnsinnig stolz auf dich, Leana.“ Sie drückt mir einen Kuss auf die Stirn, tritt zurück und wendet sich den anderen Gästen und Schwestern zu.
Wie auf ein geheimes Zeichen hin knien sich alle Rosen außer uns Absolventinnen hin und neigen ihren Kopf. Es herrscht gänsehautbringende Stille. Ich sehe hinunter auf die Menge und fühle mich von Ehrfurcht erfüllt und gleichzeitig unendlich traurig. In zwei Tagen werde ich den Orden und meine Schwestern verlassen, vielleicht für immer. Wer weiß, wann und ob ich sie je wiedersehen werde. Meine Augen füllen sich mit Tränen und ich hebe meine Hand zu den Monden am Himmel als Zeichen meines Respekts für meine Schwestern. Sie erheben sich und wiederholen die Geste. Jetzt laufen mir tatsächlich Tränen übers Gesicht.
„Tragt die Werte, die Leidenschaft und die Kraft der Rosen in euch. Tretet für diese ein und gebt sie weiter an eure Familien. Damit die Hoffnung, der Mut und die Stärke zur Wahrheit und der Gerechtigkeit weiterwachsen kann“, appelliert Oxana und damit verlassen wir alle unter tosendem Applaus die Bühne.
Markus kommt uns mit Damian im Schlepptau entgegen und umarmt uns überschwänglich.
„Ich bin so wahnsinnig stolz auf euch zwei!“
Tijana krallt sich bei ihm fest und zieht ihn mit sich.
„Komm, tanze mit mir, mein Liebster!“, säuselt sie und zwinkert mir und Damian zu. Der dreht sich mir zu.
„Darf ich bitten?“, fragt er grinsend.
Oh, diese Augen …
Ich schnappe nach Luft und hauche: „Gern.“ Ich hasse mich im gleichen Moment für meine Schwäche, die mir gänzlich unbekannt ist.
Auf der Tanzfläche tanzen viele Paare eng umschlungen. Die Musik ist gerade langsam und sinnlich. Die Sängerin haucht die Melodie mehr, als dass sie sie singt, und ich bin versunken in diese grünen Augen, die sich in meine bohren. Damian lächelt mich herausfordernd an. Seine Hände legen sich um meine Hüfte und ich merke, wie sich mein Körper anspannt. Seine Hände sind rau und warm. Seine Berührung ist jedoch weich und sanft, als ob er einen Schmetterling berühren würde. Wir bewegen uns zur Musik und während meine Hände weiterhin um seinen Nacken geschlungen sind, spüre ich, wie seine linke Hand von meiner Hüfte langsam und streichelnd Richtung Oberschenkel wandert und wie er mit seinem Daumen ganz zart, erst die Rose und dann das Gesicht der Raubkatze berührt. Ich zucke zusammen.
„War es schmerzhaft?“, fragt er besorgt und zieht seine Hand zurück. Es überrascht mich, dass ich mir wünsche, er würde sie wieder zurücklegen.
„Ähm …“ Oh nein, totaler Sprachverlust! Reiß dich zusammen! „Äh … nein. War eher ein Kribbeln“, kriege ich gerade noch so heraus.
Boah, bekomme deinen Herzschlag endlich in den Griff und fang an zu denken, Leana, schimpfe ich innerlich selbst mit mir.
Statt wieder mein Zeichen zu berühren, hebt er seine Hand zu meinem Gesicht und umfasst eine Haarsträhne, die sich gelöst hat. Ich spüre, wie meine Wangen, diese Verräter, noch heißer werden. Als Rose sollte ich meine Emotionen besser kontrollieren, aber im Moment bin ich einfach überwältigt. Sein intensiver Blick fesselt mich. Unweigerlich tauchen die Bilder der leidenschaftlichen Nacht zwischen Tijana und Markus vor meinem inneren Auge auf. Nur, dass ich mir statt Markus’ stahlblaue Augen grüne vorstelle, die mich leidenschaftlich ansehen. Ohne mein Zutun tauscht mein Gehirn die Bilder aus und stellt sich Damian und mich vor. Wie wir uns küssen und liebkosen. Die Körper nackt und eng umschlungen. Schwitzend und keuchend …
Stopp … STOPP …
Verflucht.
Damian sieht mich immer noch gebannt an, registriert jede meiner Regungen und lächelt, als er bemerkt, dass ich eine Gänsehaut habe.
„Ist Euch kalt?“, fragt er unschuldig, obwohl er genau weiß, dass sie eine körperliche Reaktion auf seine Hände an meinem Körper ist.
„Nein, ich … es tut mir leid … Ich muss gehen. Ich muss noch einige Schwestern begrüßen, die sonst nicht im Orden leben“, stottere ich daher und löse mich aus seinem Griff. Er schüttelt verwirrt den Kopf und der leidenschaftliche Blick verschwindet aus seinen Augen. Stattdessen sehe ich Enttäuschung aufblitzen.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragt er ganz offen.
Ja, verdammt, lass die Finger von mir! Oder doch nicht?
Du bist verdammt nochmal eine Rose, reiß dich zusammen, Leana! Kontrolliere deine Emotionen. Er ist der Heerführer deines Reiches. Und er weiß nicht, wer du wirklich bist. Das werde ich niemals erklären können. Und wie soll das in Zukunft funktionieren? Antwort: gar nicht. Und überhaupt: Er will dich nur für diese Nacht.
Ich sehe es in seinem Blick. Er glaubt, mich in zwei Tagen hier zurücklassen zu können. Wäre ich einfach nur Rose, würden wir uns nie wiedersehen.
„Nein, ganz und gar nicht“, beantworte ich seine Frage. „Es tut mir leid, Damian. Es ist nur … Ich habe Verpflichtungen, die ich viel zu lange habe schleifen lassen. Wir sehen uns bestimmt später noch einmal.“
Okay, das klang überzeugend.
Ich muss zu Oxana. Ihre Gesellschaft ist immer so beruhigend. Ich muss mit ihr darüber reden. Würde ich mit Tijana reden, würde ich mich nur in Damians Armen liegen sehen – oder schlimmer, dort tatsächlich enden.
Ich lasse Damian mitten auf der Tanzfläche stehen und fühle dabei förmlich seinen fragenden Blick in meinem Rücken.
Während ich Ausschau nach Oxana halte, begegne ich vielen meiner Schwestern, die mir gratulieren wollen. Ich verabschiede mich jetzt schon von ihnen, viele werden morgen bereits abreisen und in ihre Heimat zurückkehren. Mein Heimweg wird erst übermorgen stattfinden, was mir ganz recht ist. So kann ich morgen noch zum Trainieren nutzen, da ich nicht weiß, wann und wie ich das zuhause werde schaffen können.
Endlich finde ich Oxana in einer Gruppe Feiernder. Als ich auf sie zukomme, sieht sie mich durchdringend an. „Was ist mit dir?“, fragt sie direkt und leicht amüsiert.
„Ich weiß nicht. Ich denke, ich bin vielleicht etwas melancholisch. Wegen der vielen Abschiede … Vielleicht auch wegen des Aufbruchs übermorgen. Ich fühle mich seltsam.“
„Leana, du bist verwirrt wegen des Heerführers. Ich habe euch zusammen gesehen, eure Aura war …“ Sie beendete ihren Satz nicht, sondern fragte stattdessen: „Du interessierst dich für ihn?“
Erwischt! Verdammt.
„Na ja … Die Anziehung ist wohl unübersehbar, was? Es fühlt sich … unausweichlich an“, gestehe ich ihr. „Was ist das? Ist das normal?“, frage ich verwirrt.
Oxana sieht mich prüfend an. „So, wie du es beschreibst … Ich denke, das wirst du selbst herausfinden müssen.“
Na, wenigstens scheint sie sich köstlich zu amüsieren.
„Komm schon, misch dich unter die Partygäste. Es wollen dich viele sprechen und noch mehr wollen sich von dir verabschieden. Mein Gott, ich kann gar nicht glauben, dass so viel Zeit vergangen ist, seitdem du bei uns angekommen bist. Du warst ein unschuldiges kleines Mädchen und jetzt sieh dich an! Du meine Güte! Aber komm“, fordert sie mich auf, „bevor ich hier auch noch in Melancholie versinke!“ Sie nimmt mich am Arm und zieht mich mit sich.
Der Abend zieht an mir vorbei und ich merke, wie ich müde werde. Ich finde Tijana und verabschiede mich für die Nacht von ihr. So ganz ist mein Plan nicht aufgegangen, da Markus mich bereits den gesamten Abend von weitem beobachtet und mir durch seine finsteren Blicke jedem interessierten, männlichen Wesen gegenüber verdorben hat. Und sein Bruder war kein Deut besser. Eine weitere Ähnlichkeit zwischen den Brüdern: Sie können mich zur Weißglut treiben. Im Moment stehen sie mit Kristen zusammen und unterhalten sich, von der früheren Animosität keine Spur. Soll einer mal die Männer verstehen. Irgendwie bin ich erleichtert, Kristen für heute entfliehen zu können. Ich winke Markus zu und signalisiere, dass ich ins Bett gehe. Er nickt, dass er verstanden hat, und dreht sich wieder seinem Bruder zu. Kristen hat sich bei Markus’ Nicken umgedreht und lächelt mich nun vielsagend an. Nun dreht sich auch Damian um und folgt Kristens Blick und plötzlich sehe ich mich von beiden intensiv gemustert. Kristen winkt mir lächelnd zu, während Damian mich mit seinem Blick fesselt. Wieder sehe ich Enttäuschung in ihm aufblitzen. Ich winke beiden zu und drehe mich dann entschlossen um. Als ich Richtung Schloss gehe, spüre ich förmlich, wie sich die Blicke der beiden in meinen Rücken bohren.
Ich muss den Kopf frei kriegen. Tijana kann ich bestimmt davon überzeugen, morgen früh mit mir zu trainieren. Vor allem, wenn sie ein bisschen vor Damian und seinen Männern angeben kann. Ich schmunzle und lasse mich, angekommen in meinem Zimmer, ins Bett fallen und schlafe augenblicklich ein.
In dieser Nacht schlafe ich sehr unruhig. Seit dem Tod meiner Mutter träumte ich immer wieder von diesen intensiven grünen Augen, wie auch diese Nacht. Nur das diesmal das Gesicht dazu sichtbar war. Damians. Was das zu bedeuten hat?
Ich bin ein wenig nervös und mache mir Gedanken, was mich zuhause erwartet.
Mein „Zuhause“, welches ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Lichthof wurde von Gott selbst als sein Heim geschaffen, hier erschuf er die ersten Tiere und Menschen. Es unterscheidet sich merklich von allen anderen Planeten dieser Welt. Er besteht nur aus einer Halbkugel, über dem die Magie des Herrn sich für alle Zeit erstreckt. Der weiße Palast bildet das Zentrum und drumherum bilden sich die Stätten der Menschen. Die Natur wurde vom Herrn in dieses Gebilde integriert, sodass man viele Tiere im Einklang mit den Menschen leben sieht. Dieser Ort strahlt pure Magie und Macht aus. Von hier aus führen die Tore zu den anderen Planeten, wo die Menschen sich verbreitet haben. Diese werden wir auch für unseren Heimweg nutzen.
Als ich mich am Morgen auf den Weg mache, erwartet mich Markus überraschenderweise vor meiner Suite.
„Guten Morgen“, sage ich ziemlich perplex. Er ist normalerweise kein Frühaufsteher. „Wer hat dich denn aus dem Bett geschmissen?“
„Du.“
„Wie bitte?“
„Du bist aufgewühlt wegen der Abreise morgen, oder?“
Wie kann er das wissen? „Wie kommst du darauf?“
„Hattest du letzte Nacht Albträume?“, fragt er vorsichtig.
„Es ist nur … du weißt, dass wir beide eine besondere Verbindung haben. Wenn du ängstlich bist, spüre ich das. Es passiert nicht oft – das letzte Mal war das bei deiner Ankunft hier.“
Also daher weht der Wind. Ich straffe meine Schultern.
„Es ist alles in Ordnung. Ich muss mich einfach sortieren. Sobald wir aufbrechen, werde ich meine Gefühle wieder im Griff haben. Keine Sorge, Okay?“
„Okay. Aber wenn du reden willst, sag Bescheid. Ich bin immer für dich da.“ Er nimmt mich kurz in die Arme.
„Danke“, murmele ich und gebe ihm einen Kuss auf die Wange, bevor ich einen Schritt zurückmache. Ich muss mich zusammenreißen. Es geht nicht, dass ich so emotional bin. Das muss ich jetzt während des Trainings loswerden. Markus sollte sich wegen mir nicht sorgen.
Wir laufen in Richtung Trainingsgelände, als sich uns Ty anschließt.
„Guten Morgen, Süße!“, begrüßt sie mich. „Wenn ich deinen Blick von gestern Abend richtig gedeutet habe, musst du jetzt dringend Dampf ablassen, was?“ Sie grinst frech.
Ja, da liegt sie verdammt richtig!
„Komm schon, Ty“, ich ziehe sie mit mir, als ich meinen Schritt beschleunige, „ich brauche eine würdige Gegnerin!“
Auf dem Trainingsgelände angekommen, entdecke ich Damian mit seinen Männern bereits beim Schwerttraining. Ich stupse Ty an und nicke grinsend in Richtung der Männer. „Zeit für eine Demonstration. Was meinst du?“
Sie sieht mich erstaunt an und zeigt mir dann ihr durchtriebenstes Lächeln. „Aber so was von, Schwester!“ Wir positionieren uns so, dass die Männer alle einen guten Blick auf uns haben, und beginnen mit unserem „Aufwärmprogramm“, das aus einem gemächlichen Schlagabtausch mit dem Schwert besteht. Die Männer unterbrechen ihr Training und beobachten uns mit verschränkten Armen. Einige grinsen abfällig, als ob sie gerade zwei alten Frauen beim Stricken zusehen würden.
Na, wartet es ab.
