Das Schicksal einer Baronesse - Ulrike Lenz - E-Book

Das Schicksal einer Baronesse E-Book

Ulrike Lenz

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Beschreibung

In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkrone" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Romane aus dem Hochadel, die die Herzen der Leserinnen höherschlagen lassen. Wer möchte nicht wissen, welche geheimen Wünsche die Adelswelt bewegen? Die Leserschaft ist fasziniert und genießt "diese" Wirklichkeit. "Fürstenkrone" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. Das Mittagsessen auf Gut Rauenstein war vorüber. Das Küchenmadel Gitti war noch damit beschäftigt, den Tisch im Speisezimmer abzuräumen, wo der Baron mit seiner Familie die Mahlzeit eingenommen hatte. In der Küche war die Altmagd Trude dabei, die Spülmaschine zu füllen. Es war ein sonniger, aber kühler Tag Anfang Mai. In dem bayerischen Bergdorf Rammelsau wehte noch ein frischer Wind. Dennoch rechnete man nicht mehr mit Bodenfrost. Die Bäume schlugen kräftig aus, und die Stauden trugen Knospen. Während der Baron, der den ganzen Vormittag unterwegs gewesen war, sich zu einem Mittagsschlaf niederlegte und seine Frau aufforderte, dies ebenfalls zu tun, verließen die beiden erwachsenen Kinder das Haus. Der vierundzwanzigjährige Wolfgang von Rauenstein überquerte den weitläufigen Gutshof, um zum Pferdestall zu gehen. In der Tür erschien schon der jüngste Knecht namens Toni, der den Wallach »Bronco« gesattelt hatte. Wolfgang pfiff, und die Jagdhündin »Dina« kam mit großen Sprüngen angehetzt, damit ihr junger Herr sich nur nicht ohne sie auf den Weg machte. Es war ja ihre größte Freude, den Gutserben begleiten zu dürfen. Der Hofhund »Treu« zerrte heftig an der Kette, mit der er an den Pfahl neben seiner Hütte gefesselt war. Gar zu gerne wäre er auch mit auf die Wanderschaft gegangen. Baronesse Martina, die ebenfalls in den Gutshof hinausgegangen war, hatte Mitleid mit ihm. Sie tätschelte sein struppiges Fell und versprach ihm: »Ich nehme dich mit in den Garten. Du weißt doch, da gibt es ab und zu ein Häschen zu jagen.«

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Fürstenkrone – 180 –Das Schicksal einer Baronesse

Ulrike Lenz

Das Mittagsessen auf Gut Rauenstein war vorüber. Das Küchenmadel Gitti war noch damit beschäftigt, den Tisch im Speisezimmer abzuräumen, wo der Baron mit seiner Familie die Mahlzeit eingenommen hatte. In der Küche war die Altmagd Trude dabei, die Spülmaschine zu füllen.

Es war ein sonniger, aber kühler Tag Anfang Mai. In dem bayerischen Bergdorf Rammelsau wehte noch ein frischer Wind. Dennoch rechnete man nicht mehr mit Bodenfrost. Die Bäume schlugen kräftig aus, und die Stauden trugen Knospen.

Während der Baron, der den ganzen Vormittag unterwegs gewesen war, sich zu einem Mittagsschlaf niederlegte und seine Frau aufforderte, dies ebenfalls zu tun, verließen die beiden erwachsenen Kinder das Haus.

Der vierundzwanzigjährige Wolfgang von Rauenstein überquerte den weitläufigen Gutshof, um zum Pferdestall zu gehen. In der Tür erschien schon der jüngste Knecht namens Toni, der den Wallach »Bronco« gesattelt hatte.

Wolfgang pfiff, und die Jagdhündin »Dina« kam mit großen Sprüngen angehetzt, damit ihr junger Herr sich nur nicht ohne sie auf den Weg machte. Es war ja ihre größte Freude, den Gutserben begleiten zu dürfen.

Der Hofhund »Treu« zerrte heftig an der Kette, mit der er an den Pfahl neben seiner Hütte gefesselt war. Gar zu gerne wäre er auch mit auf die Wanderschaft gegangen.

Baronesse Martina, die ebenfalls in den Gutshof hinausgegangen war, hatte Mitleid mit ihm. Sie tätschelte sein struppiges Fell und versprach ihm: »Ich nehme dich mit in den Garten. Du weißt doch, da gibt es ab und zu ein Häschen zu jagen.«

Am Nachmittag gegen vier Uhr, als der Baron und seine Frau die Mittagsruhe hinter sich hatten, wurde gemeinsam Kaffee getrunken. Wolfgang fehlte dabei, er war ja zur Alm hinaufgeritten. Der Weg war weit, und erst wenn die Sonne sank, konnte er zurück sein.

Dann war die Kaffeestunde zu Ende, und der Gutsherr stand auf, um in sein Arbeitszimmer zu gehen. Er hatte noch einige wichtige Posteingänge durchzulesen.

»Hast du vielleicht eine halbe Stunde Zeit für mich, Vater?«, fragte Martina. »Ich möchte etwas mit dir besprechen.«

»Dann komm gleich mit«, forderte Rupert von Rauenstein seine Tochter auf. »Am besten erledigen wir das, ehe ich mich in meine Korrespondenz vertiefe.«

Tina folgte ihrem Vater zum Arbeitszimmer und warf hinter seinem Rücken noch einen Blick zurück zu ihrer Mutter, die neben dem Kaffeetisch stehen geblieben war und ihnen nachschaute.

Besorgnis war in dem sanften, schmalen Gesicht der Gutsherrin zu sehen. Sie ahnte, was ihre Tochter auf dem Herzen hatte, und sie sah voraus, dass es zwischen ihrem Mann und Tina eine heftige Auseinandersetzung geben würde. Unwillkürlich faltete sie die Hände und sandte ein stummes Stoßgebet gen Himmel. Dann machte Tina die Tür zu, und ihre Mutter war mit ihren Ängsten allein.

Elisabeth von Rauenstein war eine Frau, die völlig unter der Herrschaft ihres diktatorischen Mannes stand. Nie hätte sie es gewagt, ihm zu widersprechen. Sie hatte einfach Angst vor ihm und seinem ungestümen Willen, der sich immer durchzusetzen verstand. Mit Tränen und Bitten versuchte sie manchmal, etwas an seinen Entscheidungen zu ändern, die ihr grausam und ungerecht erschienen. Aber sie erreichte damit nichts. Und so würde es auch in diesem Falle sein, das sah sie voraus. Sie seufzte tief, dann drückte sie auf den Klingelknopf, und das Küchenmadel Gitti erschien, um den Tisch abzuräumen.

Baron Rupert hatte sich in seinem Arbeitszimmer inzwischen in seinen ledergepolsterten Sessel niedergelassen. Er wies seiner Tochter mit einer Handbewegung den Besucherstuhl an und forderte sie auf: »Also, komm zur Sache! Was ist los?«

»Ich liebe einen Mann und möchte ihn heiraten«, begann Tina allen Mut zusammennehmend. »Ein Erbe für das Gut ist ja in der Person von Wolfgang enthalten. Deswegen meine ich, dass ich meinem Herzen folgen darf und mich nicht nach den Familieninteressen zu richten habe.«

Eine steile Falte erschien über der Nasenwurzel ihres Vaters, und er widersprach: »Oh, so ist das nicht! Alle müssen stets daran denken, dass Gut Rauenstein erhalten bleiben muss. Du weißt ja, dass es nicht besonders gut um den Besitz steht. Der Markt für landwirtschaftliche Erzeugnisse bietet nur beschränkte Gewinne. Wenn eines unserer Kinder heiratet, muss es eine lohnende Partie machen, damit wir alle davon profitieren können. Wolfgang weiß das und hält deswegen schon eifrig Ausschau nach einer reichen adligen Braut. Ich hoffe, der Mann, den du dir ausgesucht hast, hat auch ein solides Vermögen im Hintergrund.«

Baronesse Tina klopfte das Herz bis zum Halse. Da war sie, die entscheidende Frage, die sie mit einem Nein beantworten musste.  Allen Mut nahm sie jetzt zusammen, um sich zu Burkhard Semmler und ihrer Liebe zu bekennen.

»Nein, Vater, leider ist das nicht so«, antwortete sie. »Mein Herz gehört dem jungen Kantor Burkhard Semmler, der jede Woche einmal ins Haus kommt, um mit mir Klavier zu spielen und zu üben. Er hat kein Vermögen und lebt nur von dem Gehalt, das ihm die Gemeinde zahlt. Er wohnt mit seiner Mutter zusammen in dem kleinen Haus, das ihr gehört. Und wenn ich heirate, werde ich auch dorthin ziehen. Eine glänzende Partie ist das also nicht. Aber wir werden sehr glücklich miteinander sein, denn wir lieben uns, und Burkhard ist ein wunderbarer Mensch und ein großer Künstler.«

Der Baron ließ seine wuchtige Faust donnernd auf die Schreibtischplatte fallen und fuhr seine Tochter an: »Was für einen Unsinn redest du denn da! Ohne Geld kann man nicht glücklich sein. In solchen beschränkten Verhältnissen wird es bald zu Streit und Hader kommen. Du bist doch ein ganz anderes Leben gewohnt. Niemals wird es dir gelingen, dich so einzuschränken und damit zufrieden zu sein. Schon bald würdest du diesen Schritt bedauern, wenn du ihn wirklich tätest. Aber ich erlaube es nicht. Ich bin nicht damit einverstanden, dass du diesen Habenichts zum Mann nimmst. Es ist sehr egoistisch, wenn du nur an dein eigenes Glück denkst, denn ich habe dir ja schon gesagt, dass wir alle von einer reichen Heirat Vorteile erwarten. Machst du dir denn gar nicht klar, was du deinen Eltern schuldig bist?«

Tina reckte den Kopf hoch empor und erwiderte: »Die Wahl des Lebenskameraden ist ganz allein meine Sache, Vater. Ich weigere mich, aus meiner Eheschließung ein lohnendes Geschäft für die ganze Familie zu machen. Ich bin mündig und habe mich entschieden. Burkhard Semmler ist der Mann, den ich liebe und an dessen Seite ich mein Leben verbringen will.«

»Du willst ihn also gegen meinen Willen heiraten?«

»Ja, Vater, ich gehöre zu ihm und lasse mich nicht von ihm trennen.«

Der Baron stand auf, stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch und sah mit zornrotem Gesicht auf seine Tochter nieder.

»Dann pack am besten noch heute deine Sachen zusammen und verlass gleich das Haus«, herrschte er sie an. »Wenn du auf dieser Heirat bestehst, gehörst du nicht mehr zu uns.«

»Ist das dein Ernst, Vater?«, vergewisserte Tina sich, indem auch sie sich langsam erhob. »Weist du mich wirklich aus dem Hause?«

»Ja!«, schrie der Baron. »Wenn du diesen Musiker heiraten willst, sind wir geschiedene Leute. Packe deine Sachen und geh! Spätestens morgen früh möchte ich dich nicht mehr am Frühstückstisch sehen. Hast du mich verstanden? Ich bin fertig mit dir!«

Mit aller Lungenkraft brüllte er diese Worte und wies mit der ausgestreckten Hand zur Tür.

Tina starrte ihren Vater einige Sekunden lang an, als ob sie nicht fassen könnte, was sie da gehört hatte. Eine solche Härte und Selbstgerechtigkeit hatte sie ihrem Vater nicht zugetraut, obwohl sie seine Anfälle von Jähzorn und seine Heftigkeit kannte. Aber dass er so weit gehen und sie auf der Stelle aus dem Hause weisen würde, hatte sie nicht geglaubt.

In diesem Moment öffnete sich die Zimmertür, und die Baronin kam herein.

Sie war wachsbleich, und ihre Lippen zitterten. In ihren Augen standen Tränen, die jeden Moment zu fließen anfangen würden.

»Um Gottes willen, Rupert!«, rief sie mit schwacher Stimme. »Was habe ich da gehört? Du hast so laut geschrien, ich konnte nicht umhin, deine Worte draußen auf dem Flur zu verstehen. Tina soll gehen? Du weist unser Kind aus dem Haus? Das kann doch nicht wahr sein! Ein Vater tut doch so etwas nicht! Bitte, Rupert, lass dir die Sache doch noch einmal durch den Kopf gehen. Du liebst doch Tina ebenso wie ich. Sie wird dir fehlen, du wirst dir Sorgen um sie machen.«

»Schweig, Elisabeth«, fuhr der Baron seine Frau grob an. »Es bleibt bei dem, was ich entschieden habe. Mit unserer Tochter bin ich fertig. So, wie es ihr gleichgültig ist, was aus dem Gut und aus uns wird, kümmert es auch mich nicht, wie ihre Zukunft aussieht. Sie ist erwachsen und hat sich entschieden, sie soll gehen! Bis spätestens morgen früh muss sie aus dem Haus sein!«

Elisabeth von Rauenstein schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte herzbrechend.

»Mein Kind, meine Tochter«, stieß sie kaum verständlich hervor. »Ich soll dich verlieren? Nein, das kann ich nicht ertragen!«

Tina trat voller Mitleid dicht an ihre Mutter heran. Sie legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.

»Wenn ich auch nicht mehr hierherkommen darf, Mutter, so können wir uns doch im Dorf sehen«, sagte sie. »Ich werde dich immer lieb haben und nie vergessen, wie gut du zu mir gewesen bist. Innig danke ich dir für deine mütterliche Fürsorge. Ich weiß, dass du in dem kleinen Haus von Burkhard Semmler und seiner Mutter immer willkommen sein wirst.«

»Wage es nur nicht, diesen Musikanten und unsere törichte Tochter, die sich über den Willen ihres Vaters einfach hinwegsetzt, zu besuchen, Elisabeth!«, schrie der Baron seine Frau an und fuchtelte mit der erhobenen Rechten in der Luft herum. »Ich verlange von dir, dass du dich nach meinem Befehl richtest. Gegen eine zufällige Begegnung im Dorf kann ich nichts machen, aber Besuche in diesem Kantorhaus dulde ich nicht! Du musst begreifen, dass Tina sich mit ihrer Entscheidung von uns losgesagt hat und dass sie für uns nicht mehr zur Familie gehört.«

Die Baronesse schaute traurig auf ihre Mutter, die weinend dastand und sich nicht mehr zu helfen wusste. Sie streichelte noch einmal die Schulter der Baronin, dann drehte sie sich um und ging hinaus. Fest und energisch machte sie die Tür des Arbeitszimmers hinter sich zu.

Der Baron trat zu seiner Frau, fasste sie bei den Schultern und führte sie zu dem Stuhl, auf dem Tina bisher gesessen hatte. Er drückte sie darauf nieder, dann sagte er: »Fasse dich, Elisabeth! Du musst dich an den Gedanken gewöhnen, dass wir jetzt nur noch ein Kind haben, nämlich unseren Sohn. Martina ist für uns ein abgeschlossenes Kapitel.«

Seine Frau antwortete ihm nicht, sie schluchzte weiter leise vor sich hin, und erst ganz allmählich versiegten die Tränen.

Sie war es seit fünfundzwanzig Ehejahren gewohnt zu gehorchen. Auch diesmal beugte sie sich unter dem Joch, das ihr auferlegt wurde.

Baronesse Martina suchte ihr Zimmer im ersten Stock des Herrenhauses auf, nahm einen Koffer und eine Reisetasche und begann zu packen. Kleider, Wäsche, Schuhe und Toilettengegenstände kamen da hinein sowie der wenige Schmuck, der ihr persönlich gehörte.

Ihre Bücher und Noten legte sie in einen großen Karton, den sie abholen lassen wollte, sobald sie im Kantorhaus untergekommen war.

Mit dem Packen war sie gegen sieben Uhr abends fertig, als die Sonne gesunken war. Da belud sie sich mit den beiden Gepäckstücken und trug sie die Treppe hinunter. Sie waren sehr schwer, und Martina plagte sich. Aber es widerstrebte ihr, jemanden vom Personal um Hilfe zu bitten.

Von ihrer Mutter konnte sie sich nicht verabschieden, denn ihr Vater hielt sie noch immer im Arbeitszimmer fest. Er tat das, weil er gerade diese gewiss tränenreiche Abschiedsszene verhindern wollte.

Ob ihr Bruder schon daheim war, wusste sie nicht. Sie hatte ein paar Abschiedszeilen geschrieben und in seinem Zimmer auf den Schreibtisch gelegt.

Jetzt begegnete sie Wolfgang in der Halle. Er war gerade im Gutshof vom Pferd gestiegen und hatte den Wallach dem Stallknecht übergeben.

Fassungslos sah er Tina mit den beiden schweren Gepäckstücken daherwanken.

Er hielt sie an und fragte: »Was bedeutet das, Tina?«

»Ich gehe fort«, sagte sie mit einer Stimme, die ihr kaum gehorchen wollte. »Ich verlasse unser Elternhaus für immer.«

»Um Gottes Willen, Tina, das kannst du doch nicht tun. Was sagen denn die Eltern dazu?«

»Mutter weint sich die Augen aus dem Kopf, und Vater verlangt, dass ich bis morgen früh aus dem Hause bin.«

»Und warum?«

»Weil ich einen Mann liebe, der ihm als Schwiegersohn nicht willkommen ist, und weil ich mich von diesem Mann ganz sicher nicht trennen lasse.«

»Wer ist es, Tina, kenne ich ihn?«

»O ja, du kennst ihn gut. Es handelt sich um Burkhard Semmler, den jungen Kantor, den begabten Orgelspieler und Pianisten.«

»Aber er ist doch ein netter Kerl, ein durch und durch anständiger Mensch. Was hat Vater denn gegen ihn einzuwenden?«

»Er ist arm. Genau wie du ein reiches und natürlich adliges Mädchen heiraten sollst, muss auch ich nach Ansicht unseres Vaters einen vermögenden Schwiegersohn ins Haus bringen, damit die ganze Familie davon profitieren kann.«

»Arme Tina, ich verstehe«, murmelte Wolfgang voller Mitleid. »Dass dies von mir, dem Gutserben, verlangt wird, begreife ich. Aber warum darfst du nicht nach deinem Herzen wählen?«

»Das musst du unseren Vater fragen. Leb wohl, Wolfgang! Ich möchte jetzt gehen.« Sie griff wieder nach den Gepäckstücken, die sie abgesetzt hatte, während sie miteinander sprachen.

»Auf keinen Fall lasse ich es zu, dass du dich damit abschleppst«, erklärte er und nahm Koffer und Tasche auf. »Ich nehme an, du gehst jetzt zum Kantorhaus.«

»Ja, ganz recht. Burkhard hat mir versichert, dass ich dort jederzeit willkommen bin.«

»Dann werde ich dich in meinem Wagen hinbringen«, sagte er. »Das ist das Einzige, was ich noch für dich tun kann. Denke immer daran, dass ich dein Bruder bin und bleibe! Wenn du mich brauchst, lass es mich wissen!«

*

Als das Motorengeräusch von Wolfgangs Wagen verklungen war, trug Baronesse Tina die beiden schweren Gepäckstücke durch den Vorgarten bis zur Tür des kleinen Hauses und klingelte.