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Alex ist von Geburt an behindert und leidet sehr unter dieser Situation. Als er versucht das Beste daraus zu machen, stürzt er sich in ein unrealistisches Vorhaben nach dem anderen. Er stiehlt, weil er von der Polizei begeistert ist, und lässt sich von dieser fangen. Er ist unendlich traurig, dass er nicht in den Jugendchor aufgenommen wird, und seine Berufswünsche sind von vornherein zum Scheitern verurteilt ...
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Seitenzahl: 120
Veröffentlichungsjahr: 2013
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2013 novum publishing gmbh
ISBN Printausgabe: 978-3-99026-868-1
ISBN e-book: 978-3-99026-869-8
Lektorat: Mag. Sandra Jusinger
Umschlagfoto: Olegmit | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Das Schicksal heißt Alex
Er heißt Alex. Er ist zwölf Jahre alt. Und er ist anders. Das bekommt er leider oft zu spüren. „Meine Geschwister machen mir das Leben schwer“, denkt er. „Der elfjährige Fritz und die neunjährige Anna sind beide verfluchte Lausebengel.“ Er beklagt sich bei Fritz. „Du machst mir das Leben absichtlich schwer. Habe doch ein wenig Mitleid mit mir!“ Fritz schüttelt den Kopf. „Akzeptiere dein Leben. Das Schicksal hat einen Namen. Es ist für mich auch nicht einfach, dein Bruder zu sein. Das Schicksal heißt Alex.“ Diese Aussage verletzt Alex unbeschreiblich.
Aber jetzt hat er einen Entschluss gefasst: Er will die Welt besser machen. „Ich lebe nach dem Motto: ‚Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können die Welt verändern.‘“ Er zieht sich in sein Zimmer zurück und überlegt, wie er nun vorgehen soll. Das Zimmer teilt er mit seinem Bruder Fritz. Eigentlich hat er da auch gar nichts dagegen. Er unterhält sich oft mit ihm bis spät in die Nacht. Doch heute denkt er überhaupt nicht an seinen Bruder, sondern notiert eifrig Möglichkeiten, wie er sein Vorhaben in die Realität umsetzen könnte. Es dauert lange, denn Schreiben bereitet ihm doppelt so viel Mühe wie Lesen. Seine Geschwister lachen ihn deswegen oft aus. „Das konnte ich schon im Schlaf, bevor ich in die Schule kam“, prahlte seine Schwester. „Das glaube ich dir nicht“, antwortete Alex. „Wo hättest du das lernen sollen?“ „Das habe ich mir selbst beigebracht. Frag Mama, sie wird es dir bestätigen.“ Alex hat seine Mutter nie gefragt, ob die Schwester die Wahrheit sagte, er hat sich vor der Antwort gefürchtet. Er schämt sich, dass er nicht gut lesen und schreiben kann. Wenn er nur von seinen Geschwistern ausgelacht würde, wäre es ja noch erträglich. Aber auch die Nachbarkinder lachen ihn aus. Für Alex war es der schlimmste Tag seines Lebens, als er erfuhr, dass er die Schule verlassen musste. Der Klassenlehrer hatte zwei Wochen nach Schuljahresbeginn seine Eltern zu einem Gespräch eingeladen. Alex war nicht dabei gewesen. Er hatte sich gar keine Sorgen gemacht. Er hatte sich gedacht, es wäre normal, wenn die Eltern zu Beginn der Schulkarriere ihres Nachwuchses sehr genau über dessen schulische Leistungen informiert wurden. Als die Eltern zurückkamen, merkte er sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. „Was ist los?“, fragte er ängstlich. Der Vater schluckte. „Komm, wir setzen uns alle an den Küchentisch. Wir müssen mit dir sprechen. Ich glaube, es ist das Beste, wenn deine Geschwister auch gleich erfahren, was mit dir geschehen wird, Alex.“ Wenig später war die ganze Familie in der Küche versammelt. Erwartungsvoll blickten die Kinder den Vater an. Mutter starrte unbeweglich ins Leere. Der Vater räusperte sich und wandte sich an Alex: „Gefällt es dir in der Schule?“ „J… ja!“, stammelte Alex verwirrt. „Das ist schon mal gut“, nickte der Vater. „Aber ist dir noch nie aufgefallen, dass du dich von deinen Mitschülern unterscheidest?“ Alex überlegte einen Moment. „Eigentlich nicht oft“, sagte er dann langsam. „Nicht oft“, bestätigte der Vater. „Hier kommen wir der Wahrheit schon ziemlich nahe: nicht oft, aber immer öfter.“ Alex verstand nicht, was der Vater meinte. „Dein Klassenlehrer hat sich über dich beklagt“, fuhr der Vater fort. „Du benimmst dich komisch, hast kaum Kontakt mit deinen Mitschülern, schweigst fast immer, und wenn du doch sprichst, dann in ganz langsamem Tempo. Außerdem hast du in dieser kurzen Zeit schon dreimal die Hausaufgaben vergessen.“ Alex senkte den Kopf. „Dafür schäme ich mich sehr“, flüsterte er. „Der Lehrer hat mir dafür eine Strafaufgabe aufgebrummt. Ich musste die Toiletten im Schulhaus reinigen. Meine Mitschüler lachten mich deswegen aus.“ Das war natürlich gelogen: Der Lehrer hatte ihn bloß getadelt und die Mitschüler erfuhren nichts davon. Alex brach ab, um die Reaktion seines Vaters abzuwarten. Er hoffte, der Vater würde etwas sagen wie: „Du armer Kerl“, doch dieser schwieg. „Ich dachte oft, ich hätte die Hausaufgaben bereits erledigt“, fuhr Alex fort. „Ich hätte es sogar schwören können.“ Der Vater hörte nicht zu.
„Die Schulleitung hat beschlossen, dich in eine Sonderschule zu schicken.“ Diese Worte klangen für Alex wie ein Todesurteil. „Muss das wirklich sein?“, fragte er nach einigen Minuten. Er hoffte, sich verhört zu haben. „Ja, Alex, es muss sein“, antwortete der Vater unbarmherzig. „Ich glaube, es ist Zeit, dass wir dich aufklären.“ Die Mutter zupfte den Vater am Ärmel. „Nicht jetzt“, flüsterte sie. „Lass ihn erst mal die Neuigkeit des Schulwechsels verdauen.“ Der Vater ignorierte sie. „Alex“, sagte er nachdrücklich. „Du bist kein gewöhnlicher Junge. Du bist seit Geburt behindert. Die Nabelschnur hat sich um deinen Hals gewickelt, du bekamst nicht genug Sauerstoff und darum wurde dein Hirn dauerhaft geschädigt. Sei froh, dass du bis jetzt normal leben konntest und nichts davon wusstest. Damit ist jetzt Schluss. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wütend die Schulleitung war, weil sie nicht genau über dich informiert worden war. Das hätten deine Mutter und ich wirklich tun sollen. Dann hätten entsprechende Maßnahmen getroffen werden können. Man wäre auf dich vorbereitet gewesen und du müsstest möglicherweise die Schule nicht wechseln. Aber in der Sonderschule wirst du kein außergewöhnlicher Fall mehr sein.“ Beim Gedanken an eine Sonderschule wäre Alex am liebsten gestorben. Doch er konnte nichts dagegen tun, alles wurde organisiert und drei Wochen später saß er bereits in der neuen ihm völlig fremden Schule inmitten von völlig fremden Klassenkameraden. Viele von ihnen saßen im Rollstuhl. Da er total überrumpelt war, sich überhaupt nicht an die Situation gewöhnen und sich darum nicht auf den Unterricht konzentrieren konnte, musste er die erste Klasse wiederholen. Dies raubte ihm den letzten Rest seines Selbstwertgefühles und er litt einige Wochen sehr darunter. Seine Eltern bemerkten es und sprachen ihn darauf an. „So geht es nicht weiter“, eröffnete ihm der Vater eines Abends. „Du musst mit jemandem darüber sprechen. Morgen nach der Schule hole ich dich ab und wir gehen gemeinsam zum Psychiater.“ Alex erschrak. „Zu einem Psychoheini? Das habe ich doch nicht nötig!“ Der Vater ließ nicht locker und so wartete Alex am nächsten Tag nach dem Unterricht niedergeschlagen vor dem Schulgebäude. „Warum spielst du nicht mit uns? Wartest du auf jemanden?“, fragte ein Schüler. „Ich warte, dass mein Vater mich abholt. Ich muss zum Psychiater“, antwortete Alex und biss sich gleich darauf auf die Lippen. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als diesen Satz ungesagt zu machen. Am nächsten Tag lachten alle Schüler über ihn, und Alex war am Boden zerstört.
Inzwischen hat er sich aber wieder aufgerappelt. Er sieht auch das Gute an seiner Situation: Er kann besser vom Schulstoff profitieren. Da er ab und zu ins Krankenhaus muss, kann er zwischendurch zwangsweise nicht zur Schule gehen. In der Sonderschule kann er die verpasste Unterrichtszeit problemlos aufholen, das wäre in der Regelschule kaum möglich gewesen.
Er kann jeden Abend nach Hause zurückkehren und in seiner vertrauten Umgebung übernachten. Viele seiner Mitschüler haben diese Möglichkeit nicht und müssen im zur Sonderschule gehörenden Internat wohnen. Dort sind sie in den Freiheiten eingeschränkt. Aber er, Alex, kann selbst entscheiden, was er tun will. Und da hat er jetzt ein großes Ziel in Augenschein genommen: Er will die Welt verbessern. „Die Menschheit wird zum Beispiel einsehen, dass jeder Krieg sinnlos ist.“ Er überlegt, wie er das erreichen kann. „Wenn ich es über das Radio mitteile, geht es bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus. Die Leute sollen meine Botschaft über das Auge aufnehmen. Vielleicht sollte ich mich an das Fernsehen wenden und einen Werbefilm drehen. Nein, das ist auch schlecht. Das prägt sich ja fast so wenig ein wie eine Nachricht im Radio. Ich mache alles schriftlich. Ich schreibe auf ein Blatt Papier groß: „Ab heute Frieden auf der ganzen Welt“ oder so etwas Ähnliches.“ Alex wird von einem wunderbaren Gefühl ergriffen. Er ist stolz, dass ihm diese tolle Idee eingefallen ist. Er setzt sich an den Schreibtisch und beginnt zu schreiben. Es fällt ihm schwer, den Filzstift zu führen. Eine Stunde später hat er erst zehn Blätter beschriftet. Zweimal hat er einen Rechtschreibfehler gemacht und darum das Blatt in den Papierkorb werfen müssen. „Es ist mühsam“, stöhnt er. Dann fällt ihm plötzlich etwas Besseres ein. „Ich Esel!“ Er tippt sich an die Stirn. „Ich kann ja alles kopieren. Das geht viel schneller.“ Doch gleich wird sein Glücksgefühl gedämpft. Wo gibt es einen Kopierapparat? Da hat er eine noch bessere Idee. „Ich schreibe es auf dem PC. Dann ist es sehr gut lesbar. Und ich kann das Dokument so oft ausdrucken, wie ich will.“ Einen PC kann Alex gut allein bedienen. „Das muss man heute einfach können“, denkt er bei sich. Er geht zum Büro seines Vaters und öffnet die Tür. Der Vater sitzt mit dem Rücken zum Eingang konzentriert am PC. Alex weiß, dass sein Vater abends oft am Computer arbeiten muss. Er will die Tür rasch schließen, doch … Erstaunt dreht sich der Vater um. „Was willst denn du hier?“, fragt er verwundert. „Sonst machst du um mein Büro doch immer einen großen Bogen, weil du wohl Angst hast, ich würde dir Arbeit aufdrängen.“ Alex antwortet nicht und schließt die Tür wortlos. Er will dem Vater nichts von seinem Vorhaben erzählen. Der Vater wird nicht ewig am PC arbeiten. Vielleicht kann er noch heute die ersten Blätter drucken: Ab heute Frieden auf der ganzen Welt. Zwei Stunden später verlässt der Vater endlich das Büro. Alex hat die ganze Zeit vor dem Zimmer versteckt gewartet. Nun schlüpft er blitzschnell und unbemerkt ins Büro. Der PC ist ausgeschaltet. Alex stellt ihn wieder an. Ängstlich späht er zur Tür. Hoffentlich kehrt sein Vater nicht zurück. Nun wendet er sich wieder dem PC zu, der inzwischen schon halb aufgestartet ist. Jetzt hat Alex ein Problem: Er wird aufgefordert das Kennwort einzugeben. Das weiß er natürlich nicht. Soll er einfach raten? Nein, er würde es niemals herausfinden. Pech gehabt … Enttäuscht will Alex den PC ausschalten. Da fällt sein Blick auf einen am Monitor befestigten Zettel. Darauf steht: „KA-ZX29T334“. „Das wird das Kürzel samt Kennwort sein“, denkt er erleichtert. Er tippt die Buchstaben und Zahlen sorgfältig ein und gleich darauf erwacht der PC zum Leben. Zehn Minuten später hat der Drucker zwanzig Blätter mit der Aufschrift „Ab heute Frieden auf der ganzen Welt“ ausgespuckt. Alex lächelt zufrieden. Er schaltet den Computer aus, verwischt alle Spuren, schnappt sich die Blätter aus dem Drucker und verlässt das Büro schnell. Sein Herz klopft. „Niemand darf mich sehen“, denkt er. Es ist schon spät, er ist müde und will schnell ins Bett. Er hält die Blätter verkrampft in der Hand, während er zum Zimmer schleicht. „Ich muss leise sein“, schärft er sich ein. „Fritz wird schon schlafen.“ So leise wie möglich öffnet er die Tür und lässt sie einen Spalt breit offen, damit etwas Licht vom Gang her ins Zimmer dringt. Fritz rührt sich nicht. Alex versteckt die Blätter im Nachttischchen und zieht sich aus. Bevor er die Tür schließt, prägt er sich den kurzen Weg von der Tür zu seinem Bett ein, denn wenn er die Tür zumacht, ist es vollkommen dunkel, sodass er nichts mehr sehen kann. Gewöhnlich gehen Fritz und er gleichzeitig zu Bett, und Fritz übernimmt das Lichtausmachen. Alex hat noch gar nie daran gedacht, dass Fritz immer einige Meter im Dunkeln tappen muss. Endlich liegt Alex im Bett und
