Das Schlangenmeer - Maiya Ibrahim - E-Book

Das Schlangenmeer E-Book

Maiya Ibrahim

0,0
15,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Imani ist eine Kriegerin mit magischen Kräften, die geschworen hat, ihr Land vor den Monstern zu schützen, die die Wüste Sahir durchstreifen. Doch nun droht eine noch weitaus größere Gefahr. Jetzt da die mächtigen Verheerenden mit ihrer größten Waffe – der Gewürzmagie – nach Süden marschieren, weiß Imani, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Invasion ihres Landes beginnt ... und damit der Untergang ihres Volkes. Aber Imani weiß auch, dass man Magie mit Monstern bekämpfen kann. Wenn sie Qayns gestohlene Kräfte wiederherstellen kann, können sie gemeinsam eine übernatürliche Armee herbeirufen, um sich gegen die Armeen der Verheerenden zu verteidigen. Ein Bündnis mit einem Dschinn-König ist riskant, aber Imani wird alles tun, um ihr Volk zu retten – selbst wenn es bedeutet, auf eine gefährliche Suche zu gehen, um die magischen Juwelen von Qayns verlorener Krone zu finden. Auf ihrer Reise stößt Imani auf Monster, von denen sie bislang nur in Mythen gehört hat. Monster, die jederzeit zuschlagen können. Ein falscher Schritt könnte ihr Leben und das all ihrer Geliebten kosten. Und sie wird erkennen, dass es auf dem Schlangenmeer mehr gibt als das Offensichtliche und Verrat tiefer schneidet als jedes Messer.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 725

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



AUSSERDEM BEI PANINI ERHÄLTLICH

MAIYA IBRAHIM: GEWÜRZSTRASSE

ISBN 978-3-8332-4481-0

MAIYA IBRAHIM: DAS SCHLANGENMEER

ISBN 978-3-8332-4636-4

Nähere Infos und weitere phantastische Bände unter: paninishop.de

Ins Deutsche übertragen von Helga Parmiter

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright © 2025 Maiya Ibrahim. All Rights Reserved.

Jacket art copyright © 2025 by Carlos Quevedo.

Map illustration copyright © 2025 by Virginia Allyn.

Interior art used under license from Shutterstock.com

Titel der Englischen Originalausgabe: »Seapent Sea« by Maiya Ibrahim, published 2024 in the US by Delacorte Press, an imprint of Random House Children’s Books, a division of Random House LLC, New York.

Deutsche Ausgabe 2025 Panini Verlags GmbH, Schloßstr. 76, 70176 Stuttgart.

Alle Rechte vorbehalten.

Geschäftsführer: Hermann Paul

Head of Editorial: Jo Löffler

Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])

Presse & PR: Steffen Volkmer

Übersetzung: Helga Parmiter

Lektorat: Katharina Altreuther

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

YDSPICE002E

ISBN 978-3-7569-9955-2

Gedruckte Ausgabe:

1. Auflage, Februar2024, ISBN 978-3-8332-4636-4

Findet uns im Netz:

www.paninicomics.de

PaniniComicsDE

Für Mama und Papa, die mir die wahre Magie der Liebe gezeigt haben

1

IMANI

Im hohen Gras ist die Schlange König. Der weise Löwe wird darauf achten, wo er hintritt. So wird man stark: indem man zunächst einmal seine Schwächen erkennt.

»Imani, es wird Zeit.«

Ich erwache keuchend, Babas Lektion verblasst in der Erinnerung. Der Schatten meines zweiundzwanzigjährigen Bruders Atheer beugt sich über mich. Auf dem Deck rufen Matrosen, Taue und Segeltuch bewegen sich, das Schiff schaukelt, und ein langes, unheilvolles Brüllen hallt über die Glasbucht. Ich lege eine Hand auf mein klopfendes Herz und inspiziere die Koje unter mir. Unsere Schwester Amira, mit fünfzehn Jahren zwei Jahre jünger als ich, schnarcht darin.

Ich setze mich auf. »Wie lange habe ich geschlafen?«

»Ein paar Stunden. In der Stadt erklingen die Hörner.« Atheer macht mir Platz, damit ich aus meiner Koje herausgleiten kann. »Auf dem Weg zu den Ställen werden wir herausfinden, weshalb. Wir müssen die Pferde holen.«

»Ist es klug von dir, das Schiff zu verlassen, wenn du der meistgesuchte Mann in Taeel-Sa bist?«, frage ich ihn. »Glaedrics Männer werden nach dir suchen.« Ich werfe meinen Umhang um die Schultern und denke daran, wie wir letzte Nacht König Glaedrics kostbarsten Gefangenen befreit und das königliche Schiff in Flammen versenkt haben. Aber ich sollte meinen Bruder inzwischen besser kennen. Mutig bis zum Gehtnichtmehr.

»Wir werden vorsichtig sein.« Er wartet darauf, dass ich die Stiefel an meine schmerzenden Füße ziehe und prüft, ob der Verband an meinem Hals nicht blutdurchtränkt ist. Dann ziehen wir uns durch die beengten Mannschaftsräume zurück.

»Wie wäre es mit einer Teezeremonie, um unsere Magie wieder aufzufrischen?«, schlage ich vor und weiche einem umgekippten Tonkrug aus, der nach Wein riecht.

»Es ist besser, nicht der Versuchung zu erliegen, sie in Glaedrics Stadt anzuwenden.« Er wirft mir einen Seitenblick zu. »Diesen Fehler habe ich bereits begangen.«

Und dafür wurde er verhaftet, eingesperrt und gefoltert. Als wir uns der Luke nähern, die auf das Deck führt, bestätigt das rote Nachmittagslicht, dass dieser Atheer nicht der Bruder meiner glücklichen Erinnerungen ist, in denen wir zu Hause im Hof mit Holzschwertern kämpfen und später mit unseren Pferden einen Ausritt außerhalb der Mauern Qalias unternehmen. Er ist auch nicht wie die Kriegerhelden der Überlieferungen, die ich seit meiner Kindheit bewundere: riesige Gestalten, die Berge versetzen und Staubstürme verschlucken, ohne dass es ihnen etwas anhaben kann. Dieser Atheer ist von blauen Flecken, Kratzern und Verbrennungen gezeichnet; er ist abgemagert vom Hunger, sein Kiefer ist scharf genug, um Stahl zu schneiden, seine braunen Augen sind übermäßig groß und von schlaffen karamellfarbenen Locken umrahmt. Dies ist mein neuer Bruder in meiner neuen Welt.

Qayn wartet am Großmast auf uns, reglos wie ein Gemälde, das in seltsamem Kontrast zu den Matrosen steht, die um ihn herum an der Takelage arbeiten und die Seilbrücke vom Schiff zum Pier verlängern. Die Löwenbeute ist von ihrem Ankerplatz von heute Morgen an einen isolierten Liegeplatz am Rande der Bucht verlegt worden, wo sich schrottreife Fischerboote und müde, wurmstichige Handelshäuser angesiedelt haben. Ein Ort, an den niemand gerne kommt, außer, um vergessen zu werden.

Die Matrosen erwidern Qayns Aufmerksamkeit mit schüchternen Seitenblicken.

Obwohl ich mit dem Dschinn vertrauter bin, fesselt mich die Symmetrie seiner kantigen Gesichtszüge ebenso wie die Art und Weise, wie seine schlanke Gestalt gleichermaßen ernste, königliche Anmut und lässige, jungenhafte Leichtigkeit vermittelt. Bei Tagesanbruch versprach er, mein Volk zu retten, wenn ich ihm die gestohlene Magie zurückgäbe. Jetzt betrachte ich ihn wie eine Oase. Neben meiner Erleichterung, einen lebensrettenden Zufluchtsort gefunden zu haben, spüre ich die Urangst, dass ich von einer Fata Morgana in den Tod gelockt werde.

Er begrüßt uns mit einem Nicken, bevor er einen ironischen Blick über meine Schulter wirft. »Das ist aber eine bunte Truppe, die du da zusammengestellt hast, Atheer.«

Taha und Reza halten sich in der Nische unter der Gangway hinter mir versteckt, aber die Seile, mit denen die Seeleute ihre Handgelenke nach ihrem Versuch, uns zu töten, gefesselt hatten, sind nirgends zu sehen. Das Sonnenlicht berührt Tahas Augen, die die Farbe des blassen Grüns der von Dürre heimgesuchten Felder haben; es findet die Wunden, die ich ihm letzte Nacht zugefügt habe, seine aufgeplatzte Unterlippe und die Striemen auf seinem Wangenknochen. Wie hatte ich mich jemals nach seinem Kuss sehnen können? Ich war ein vertrauensseliges, törichtes Mädchen gewesen, das zu viel Wert darauf gelegt hatte, was er von mir dachte. Jetzt ist mir klar, dass er mich während unserer gesamten Reise hierhin nur manipuliert hat, um seine Mission zu erleichtern. Im Gefängnis habe ich ihm sogar gestanden, dass ich wollte, dass seine Küsse etwas bedeuten. Und er war überrascht. Aber nicht etwa, weil er annahm, ich hätte die ganze Zeit nur so getan, als würde ich ihn mögen, und dann gerührt feststellte, dass das Gegenteil der Fall war. Nein, es lag daran, dass ihm der Gedanke, wie ich mich fühlte, noch nie in den Sinn gekommen war.

Ich wende mich an Atheer. »Was denkst du dir dabei, sie frei herumlaufen zu lassen? Sie haben vor kaum zehn Stunden versucht, dich zu töten!«

Außerdem hätten sie mich im Gefängnis beinahe lebendig begraben. Ich entkam diesem Ort nur, indem ich durch einen Fallschacht auf … Nicht daran denken, befehle ich mir, aber ich sehe – und rieche – den Berg von verwesenden Leichen und Skeletten, den ich beim Kampf um mein Leben hinuntergestürzt bin.

Atheer ist auf frustrierende Weise unbeeindruckt. »Sie werden es nicht noch einmal versuchen. Ihr Missionsbefehl gilt nicht mehr.«

»Nein!« Es wäre mir peinlich, meine Empörung vor der Mannschaft kundzutun, wenn es mich nicht innerlich zerfräße, sie hinunterzuschlucken. »Der einzige Grund, warum sie dich letzte Nacht nicht getötet haben, ist, dass sie in die Enge getrieben wurden! Es ging nie um Missionsbefehle!«

»Was war es denn?«, will Taha wissen.

»Eine altmodische Sippenfehde gegen die ›Elitären‹ und ›Parasiten‹, die ihr verachtet«, antworte ich und wiederhole die hasserfüllten Worte, die er im Gefängnis von sich gegeben hat. »Das Wohlergehen unserer Nation ist nichts weiter als ein Schutzschild für euch, hinter dem ihr eure schmutzige Wahrheit versteckt.«

Das Licht in seinen Augen flackert und weicht einer wartenden inneren Dunkelheit. »Du irrst dich. Wenn ich deinen Bruder aus einem anderen Grund hätte töten wollen, würde er jetzt nicht hier stehen. Ich habe immer nur im besten Interesse unseres Volkes gehandelt.«

»Hast du uns deshalb befohlen, diese wehrlose Frau in Bashtal ihrem Schicksal zu überlassen? Ich nehme an, die unschuldige Safiya stellte auch eine Bedrohung für die Sahir dar, nicht wahr?« Ich schiebe meinen Umhang von dem Dolch an meinem Oberschenkel weg. »Lass diese peinliche Heuchelei und gib zu, dass dir alles und alle egal sind, die nicht den Ambitionen deines abscheulichen Vaters dienen.«

Tahas Nasenflügel blähen sich auf. »Ich habe dir befohlen, die Frau in Bashtal zu lassen, weil ich unser Leben nicht gefährden wollte, indem ich die Soldaten alarmiere. Erinnerst du dich an Fey?«

Bei Erwähnung ihres Namens erschaudere ich, als wäre ich aus großer Höhe abgeworfen worden. »Du meinst den dritten Attentäter meines Bruders.«

»Fey wusste nichts von Tahas Befehlen und hätte es auch nie gewusst«, wirft Reza wütend ein.

Er erschreckt mich; ich bin es fast nicht gewohnt, seine Stimme zu hören. Als ich Tahas Cousin zum ersten Mal traf – mit vierundzwanzig Jahren sechs Jahre älter als Taha – konnte er keine zehn Minuten überleben, ohne einen groben Witz zu erzählen, um seine Kameradin Feyrouz zu unterhalten. Nachdem sie jedoch von den Verheerenden in Bashtal gefangen genommen worden war, hörte er fast ganz auf zu reden.

Ich täusche Gleichgültigkeit vor und ziehe meinen Dolch aus der Scheide, um die polierte Klinge zu prüfen. Aber während ich das tue, denke ich an mein Versprechen, dass wir Fey finden würden, nachdem wir Atheer gefunden haben. Jetzt ist es ein leeres Versprechen, und ich bin die Lügnerin, die es gegeben hat. »Ich erinnere mich, dass Taha uns auch gezwungen hat, sie zurückzulassen«, sage ich.

»Nachdem sie deinetwegen gefangen genommen wurde, weil du dich geweigert hast, meine Befehle zu befolgen«, erwidert Taha. »Jetzt ist es ein Leichtes für dich, mich und meine Entscheidungen zu kritisieren. Du warst weder für unsere Sicherheit noch für die Mission oder die Konsequenzen verantwortlich. Nicht, dass sie dich interessiert hätten. Dir geht es nur darum, die Heldin zu spielen.«

»Und du redest nur davon, dass du Ungerechtigkeit bekämpfen willst«, fahre ich ihn an. »Du siehst, wie die Menschen Alqibahs direkt vor dir leiden und willst meinen Bruder dafür bestrafen, dass er ihnen hilft.« Ich zeige mit dem Dolch auf ihn. »Gerade du müsstest doch wissen, warum das scheinheilig ist.«

»Oh, warum? Weil ich arm und verschmäht aufgewachsen bin?«, höhnt er und tritt aus den Schatten der Gangway; das Tageslicht lässt sein ebenholzfarbenes Haar in einem feurigen Kranz erstrahlen. »Heuchlerisch ist, dass du das Leid der anderen Sahiraner dein ganzes Leben lang ignoriert hast. Du stammst aus einer mächtigen, wohlhabenden Sippe, Imani. Warum hast du ihnen nie geholfen? Sie standen doch direkt vor deiner Nase.«

Meine Ohren brennen, ich spüre die Blicke der Besatzung auf meinem Hinterkopf. »An Festtagen spenden wir großzügig an Bedürftige«, antworte ich hölzern, während mir die Hitze der Demütigung in den Nacken kriecht.

Taha spendet mir langsamen Beifall. »Gut gemacht. Du hast eine tödliche Wunde verbunden und dich dann für deine Tugendhaftigkeit gelobt. Die Beya-Sippe ist im Rat von Al-Zahim fast immer vertreten gewesen. Warum haben sie nicht etwas Wesentlicheres getan, um zu helfen? Ich werde es dir sagen.« Er tritt auf mich zu, furchteinflößend und unbeeindruckt von dem Dolch, der nun schlaff in meiner Hand liegt. »Die schmutzige Wahrheit ist, dass wohlhabende Sippen wie deine in jeder Hinsicht von der Machtstruktur profitieren, die in der Sahir herrscht. Warum sollten sie das ändern, und warum solltest du jemals gegen ihre Untätigkeit protestieren? Es ist einfacher, mein Gewissen infrage zu stellen und zu verlangen, dass ich das Leben meiner Späher und die Sicherheit unseres Volkes riskiere, um deine eigenen tobenden Schuldgefühle zu lindern, jetzt, da du erkannt hast, dass du genau zu der Person geformt wurdest, die du anprangerst: jemand, der selbstsüchtig, ignorant und privilegiert ist. Aber das wirst du nie zugeben, denn es tut zu sehr weh, in den Spiegel zu schauen und dein wahres Ich zu sehen.«

Plötzlich erinnere ich mich an etwas, das Qayn mir gesagt hat: Du benutzt andere nur, um zu bekommen, was du willst, und du bist empört, wenn sie sich weigern. Du bist wie der Rest deiner Art. Selbstsüchtig.

»Du hast genug gesagt, Taha«, warnt Atheer.

Aber er hätte noch viel weniger sagen können, und ich hätte immer noch keine Antwort auf die beschämendste Maßregelung meines Lebens gehabt. Seine messerscharfen Worte haben mich gehäutet, die Knorpel entfernt und meine gedemütigten Eingeweide für alle sichtbar entblößt. Vorhin habe ich mich gefragt, wie ich mich nach Tahas Kuss hatte sehnen können. Jetzt frage ich mich, wie er meinen tolerieren konnte.

»Du hattest deine Befehle im Gefängnis«, sagt Taha mit weniger Vehemenz. »Du hättest Safiya nicht mit hineinziehen sollen.«

Mein Herz ist schwer, meine Augen schmerzen. »Ich hätte allein sterben sollen.«

»Wie du sagtest, Safiya war unschuldig.« Taha seufzt und seine steinerne Miene wird weicher. »Können wir einen Moment unter vier Augen sprechen?«

Ich tue so, als hätte mein Puls sich auf seine Bitte hin nicht beschleunigt. Ich bin neugierig, was er von mir will, aber ich weigere mich zu zeigen, dass es mich interessiert oder dass ich nervös bin. Ich deute mit meiner Klinge auf die Luke. »Gut. Du gehst vor.«

Ich folge ihm, meine Faust fest um meinen Dolch geschlossen. Atheer sieht aus, als wolle er in das nun Folgende eingreifen, aber er kann es nicht. Das würde nur seiner früheren Aussage widersprechen, dass die Cousins keine Gefahr mehr für uns darstellen. Stattdessen beobachtet er angespannt, wie wir durch die Luke in die Dunkelheit unter Deck hinabsteigen.

Ich starre auf Tahas entblößten Hals, als er die Treppe hinuntergeht. »Du hast deine Privatsphäre. Sag, was du zu sagen hast, es sei denn, dies war ein einfallsloser Versuch, mich irgendwohin zu locken, wo du beenden kannst, was du im Gefängnis begonnen hast.«

Er erreicht das Deck und dreht sich, um wieder zu mir hochzuschauen. »Ich musste dich zurückhalten, Imani, sonst hättest du mich aufgehalten.«

Ich zögere beim vorletzten Schritt und stelle mir vor, was ich getan hätte, wenn Taha mich nicht im Gefängnis festgesetzt hätte, und ich seine Absicht, meinen Bruder zu töten, aufgedeckt hätte. Ich hätte ihm diesen Dolch in die Brust gerammt, um ihn zu stoppen, direkt durch sein doppelzüngiges Herz und auf der anderen Seite wieder heraus, und ich hätte vorher nur so kurz gezögert, dass es nicht einmal erwähnenswert gewesen wäre.

»Lüg nicht, indem du das Gegenteil behauptest«, beginnt er, aber ich schüttele den Kopf.

»Das werde ich nicht«, sage ich leise, denn wahrere Worte wurden nie gesprochen, und das macht sie so schmerzhaft. Wir sind zwei Menschen, die an gegenüberliegenden Ufern eines unwegsamen Meeres festsitzen. Wer hat uns hierhergebracht? War es der Große Geist? Tahas Vater oder meiner? Unsere Vorfahren? Vielleicht nur wir? Die Antwort ändert eigentlich nichts. Taha hat sein Schicksal akzeptiert, unabhängig davon, wer es inszeniert hat, und ich hätte es auch getan, wenn Atheers Leben es verlangt hätte.

Taha steigt auf die Stufe unter mir, das Sonnenlicht gibt seinem Blick die vertraute, fesselnde Helligkeit zurück. »Du hast gesagt, du würdest meine Entschuldigung nicht annehmen, aber ich werde sie trotzdem geben. Es tut mir leid. Ich war nicht glücklich über das, was ich dir und deinem Bruder angetan habe. Ich habe nur versucht, unser Volk vor dem Eindringling zu schützen.«

Es ist eine Entschuldigung, mit der ich nicht gerechnet habe, und ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Eine Entschuldigung, die nicht über diese tückischen Gewässer triumphiert, um mich zu erreichen; sie versinkt unter der Oberfläche direkt vor der Küste, und das tut so viel mehr weh, als wenn sie es gar nicht erst versucht hätte. Dies ist nur eine Bestätigung der herzzerreißenden Wahrheit, dass Taha und ich niemals Frieden miteinander finden werden. Der Kampf, der letzte Nacht zwischen uns tobte, wird immer nur eine kleine Wendung der Umstände entfernt sein.

Meine Hand zittert, als ich meinen Dolch verstaue. Ich versuche, dasselbe mit meinen Gefühlen zu tun, während ich mich schweigend wieder meinem Bruder anschließe. Unser Volk zu beschützen ist das Wichtigste, nicht wahr? Das Schicksal der Sahir hängt in der Schwebe, während Taha und ich herumstehen und streiten. Plötzlich steigt ein dichter Nebel der Angst in mir auf. Wie soll ich Wahrheit von Lüge unterscheiden, meinen Feind von meinem Verbündeten? Woher weiß ich, wem oder was ich trauen kann? Ob ich überhaupt mir selbst trauen kann? Der Nebel will die Zukunft vollständig einhüllen. Ich muss durch ihn hindurchwaten, und es ist nicht abzusehen, ob das, was vor mir liegt, der Abgrund einer steilen Klippe oder die Schwelle zur Heimat ist.

Ein Horn unterbricht die angespannte Stille. Vielleicht weiß Atheer, dass es keine Erklärung für das geben wird, was gerade zwischen mir und Taha passiert ist, denn er fragt nicht danach. Er gibt Farida, der Mittzwanzigerin, die Kapitänin der Löwenbeute und seine Geliebte ist, einen Abschiedskuss und geht auf die Brücke. »Machen wir uns auf den Weg«, sagt er. »Wir können Taeel-Sa nicht ohne unsere Pferde verlassen.«

»Nach dem, was ich dir angetan habe, warum schickst du da nicht andere?«, ruft Taha ihm nach.

Atheer hält inne und betrachtet die Boote, die auf der anderen Seite des Piers vertäut sind. »Ich denke, du und Reza müsst euch selbst ein Bild machen«, antwortet er nachdenklich. »Beeilt euch jetzt und seid still.«

Und dann ist er fort, und Atheers Macht war schon immer so groß, dass die Menschen ihm folgen wollten. Wir verlassen das Schiff, nur mit unserem Verstand bewaffnet, abgesehen von dem alten Dolch, den ich wieder unter meinem Umhang versteckt habe, obwohl ich bete, dass ich ihn nie benutzen muss. Nach Minuten schnellen, lautlosen Gehens erreichen wir den Hafen von Taeel-Sa. Es wimmelt nur so von Soldaten, Matrosen und Beamten der Verheerenden, die in der trockenen Hitze zu einer Kakophonie von Hörnern umherrennen, gehetzt von der Last einer dringenden Aufgabe.

Atheer hat die Kapuze seines weinroten Umhangs tief ins Gesicht gezogen und schlängelt sich zwischen ihnen hindurch. Zu Hause konnte er überall hocherhobenen Hauptes hingehen. Die Sahiraner nannten ihn den Löwen von Qalia und erzählten sich Geschichten über seine Hautwechsler-Magie und seine Tapferkeit bei der Verteidigung abgelegener sahiranischer Siedlungen gegen Monster. Aber hier ist Atheer kein Löwe; er ist eine umherhuschende Maus zwischen Pfeife rauchenden Schiffsleuten aus Taeel-Sa, die über den mysteriösen Brand reden, der König Glaedrics Schiff in der Nacht vernichtet hat, und zwischen Soldaten, die über den Hafen hergefallen sind wie Heuschreckenwolken über eine Weizenernte.

An einer Reihe von Lagerhäusern laden die Soldaten eilig Kisten auf Wagen, beaufsichtigt von hitzegeplagten Beamten in schlichten braunen Gewändern, die für das Klima zu schwer sind. Erst wenn jeder Wagen tief auf den Achsen sitzt, rollt die Kolonne weiter und macht die Straße für einen weiteren Tross frei. Auch diese Wagen werden in einer geordneten Prozession befüllt, doch die in den Lagerhäusern aufbewahrten Kisten scheinen kein Ende mehr zu nehmen.

In den vom Krieg gezeichneten Straßen hinter dem Hafen stehen noch immer Palisaden, halb gefüllte Gräben, und die Skelette zerstörter Wagen liegen unter Sandhügeln. Viele Gebäude in dieser Gegend wurden nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut. Die Felsbrocken, die sie zerstört haben, krönen noch immer die Trümmer wie Grabsteine, zwischen denen Kinder nach Pfeilspitzen und zerbrochenen Schwertern graben, die zu Münzen eingeschmolzen werden. Obwohl die sonst so laute Stadt ruhig ist, habe ich sie noch nie so geschäftig gesehen. Alle Menschen in Taeel-Sa müssen von den Gerüchten, die vom Hafen ausgehen, auf die Straße gelockt worden sein; sie schlängeln sich in vorgegebenen Angelegenheiten umher und unterhalten sich murmelnd, während sie abwesend Leinenkleider, farbenfrohes Tongeschirr und Obstkisten begutachten, ohne je etwas zu kaufen. Wachsame Augen lugen unter drapierten Schleiern und um den Kopf gewickelten Kufiyahs hervor. Ich höre ein paar geflüsterte Spekulationen bei einem Lebensmittelhändler: »Das Feuer brach an mehr als einer Stelle aus. Das war entweder das Werk unserer Rebellen oder ihrer Verräter.«

Für dieses konspirative Gerede könnte man verhaftet werden, aber nur wenige Soldaten patrouillieren. Ein paar von ihnen marschieren mit geschulterten Rucksäcken an anderen vorbei, und der Rest ist damit beschäftigt, Absperrungen zu errichten, um den Verkehr in engere Seitenstraßen umzuleiten. Seit wir die Löwenbeuteverlassen haben, habe ich niemanden gesehen, der für ein Verhör oder eine Durchsuchung beiseite gezogen wurde. Niemand wurde aufgefordert weiterzugehen; es wurden keine zusätzlichen Kontrollpunkte eingerichtet, um sich Bürger während der Jagd des Königs nach Atheer näher anzusehen. Ich hatte erwartet, dass Soldatentrupps junge Männer aus der Menge absondern und sie zwingen würden, ihre Kopf- und Gesichtsbedeckung abzunehmen. Aber es scheint, als hätte König Glaedric uns vergessen.

Noch beunruhigender ist das wahre Heer von Arbeitern, die Dekorationen anbringen. Während wir gehen, entfalten sich über uns kastanienbraune Banner mit goldenen Hirschköpfen. Grüne Kordeln, die mit weißen Blumen aus Leinen bestickt sind, werden sorgfältig um Laternenpfähle und die Balken von Weinrebengittern gewickelt. Wer auch immer den Arbeitern der Stadt diese Aufgabe aufgetragen hat, wird über den Vorfall in der Bucht von gestern Abend Bescheid wissen. Warum also kümmert sich König Glaedric mehr um die Dekoration der Stadt als um die Wiedererlangung seines Gefangenen?

Plötzlich erklingt eine Reihe von schrillen Hornstößen die Straße entlang. Kutschen und Reiter weichen nach links aus, und die Fußgänger um uns herum ziehen sich an die Sandsteinfassaden der Gebäude zurück, wo sie stehenbleiben und zum Hafen hinunterschauen. Der Boden bebt unter meinen Stiefeln, als ich Atheer in eine Gasse folge und mich dort mit einigen anderen zusammenkauere, die ihre Augen zusammenkneifen und ihre Atemwege mit ihren Kopfbedeckungen abschirmen. Das Galoppieren von Pferden und das Klappern von Rädern erkenne ich nur wenige Sekunden, bevor die Wagenkolonne so laut um die Kurve braust, dass sie alles andere übertönt. Sie donnert in einer Staubexplosion vorbei, gelenkt mit einer zielstrebigen Wut, die verlangt, dass jedes Hindernis in ihrem Weg sofort beseitigt wird.

Genauso schnell ist sie wieder verschwunden und hinterlässt eine leere Stille und zerquetschte Tauben in ihrem Kielwasser. Mit tränenden Augen beobachte ich, wie sie sich wie eine Schlange bäuchlings durch vergilbtes Gras den Hang zwischen den hohen Gebäuden hinaufwindet. Sie hat einige Dinge auf der Straße zurückgelassen. Reza wagt sich vor den wieder anrollenden Verkehr, schnappt sich einen der zylindrischen Gegenstände und kommt damit zu unserer Gruppe zurück. Wir versammeln uns vor einem Kaffeehaus mit kalkfarbenen, staubbedeckten Fensterläden.

»Was ist das?«, fragt Taha.

»Eine Unterarmschiene«, antworte ich.

Reza nickt und reicht mir den Gegenstand. Das harte, gekochte Leder ist ein Rüstungsteil, das ein Soldat zum Schutz am Unterarm tragen würde. Es ist nicht so gut verarbeitet wie eine sahiranische Armschiene, die speziell für den Krieger, der sie trägt, angefertigt wird, aber die Konstruktion ist ausreichend stabil.

Taha nimmt sie mir ab und runzelt die Stirn. »Seltsam«, murmelt er. »Die ist von den Wagen gefallen. Das war in diesen Kisten in den Lagerhäusern.«

»Es ist besser, sie nicht zu behalten«, sagt Atheer und macht sich wieder auf den Weg die Straße hinauf.

Taha wirft die Armschiene auf den Boden, und wir gehen weiter.

Ein paar Hundert Meter hinter dem Großen Basar hält Atheer uns in einer Gasse hinter einem spitz zulaufenden Korrespondenzturm an, dessen einzigartige Mischung brennender Gewürze ihn weithin unverkennbar macht. Er überragt die Verteidigungsmauern der Stadt und ich muss meinen Hals recken, um auf den Balkon zu blicken, der seine Spitze umgibt. Dort fliegen Botenfalken mit an den Knöcheln befestigten Schriftrollen ein und fächeln mit ihren breiten Flügeln Vorhänge aus aromatischem Rauch in die Luft, der aus den großen, im Stein befestigten Urnen entweicht. Doch so viele Falken auch ankommen, es fliegt keiner wieder fort, und die Eingangstüren zum Turm sind geschlossen.

»Ich muss hier noch etwas überprüfen, bevor wir zu den Ställen gehen«, sagt Atheer. In der Mauer, die den Hinterhof des Turms umschließt, klopft er an eine schmale Tür, indem er mehrmals mit der Faust in einem bestimmten Rhythmus auf das Holz schlägt. Die Tür öffnet sich, und ein junger Mann streckt seinen Lockenkopf heraus. Seine Augen weiten sich.

»Bruder! Ich dachte, du wärst …« Er hält inne, wirft einen vorsichtigen Blick auf die Gasse hinter uns und fährt mit gesenkter Stimme fort. »Es ist schon lange her, Atheer.«

»Zu lang, Basel«, antwortet Atheer. »Können wir uns kurz auf den Balkon schleichen?«

»Nur eine Minute.« Basel tritt beiseite und presst die Handfläche zur Begrüßung auf die Brust, während wir in den Innenhof treten. »Heute Morgen kamen Beamte vorbei und haben uns verboten, Briefe zu verschicken. Sie sagten, wenn wir das täten, würden unsere Falken gejagt und abgeschossen. Sie nannten keinen Grund, sondern sagten nur, sie würden wiederkommen, um sich zu vergewissern, dass wir uns daranhalten.«

Ich vermute, dass der Grund mit uns zu tun hat, aber wie Atheer sage ich nichts. Wir gehen an den hölzernen Stallungen vorbei und betreten einen großen Verwaltungsraum, der in zwei Bereiche unterteilt ist. Der eine Teil besteht aus einem Labyrinth von Regalen, die mit beschrifteten Gläsern mit Botengewürzen für verschiedene Türme in ganz Alqibah bestückt sind. Je nachdem, wohin ein abfliegender Falke unterwegs ist, wird die Gewürzmischung des Zielturms in kleinen Mengen verbrannt, damit der Falke den Duft aufnehmen kann. Der andere Teil des Raums ist voll mit Schränken und Schreibtischen, die mit Papierkram beladen sind. Zu unserer Rechten schlängelt sich eine breite Treppe in den Turm hinauf.

Basel reicht Atheer eine brennende Laterne. »Erregt keine Aufmerksamkeit da oben«, sagt er. »Ich habe Soldaten gesehen, die auf den Dächern der umliegenden Gebäude lauern. Sie hatten alle eine Art Bussard bei sich. Wenn ich raten sollte, wollen sie so sicher die ausfliegenden Falken zur Strecke bringen.«

»Ich weiß die Warnung zu schätzen«, sagt Atheer, und Basel wendet sich wieder seiner Aufgabe zu, einen Eimer mit Schriftrollen zu durchstöbern.

Atheer führt uns die Treppe hinauf in das luftige Obergeschoss, das von tiefen Schatten und rosigem Nachmittagslicht durchzogen ist und stark nach Heu, Samen, Falkenkot und der berauschenden Hitze brennender Gewürze riecht. Atheer stellt die Laterne auf einem Tisch am Treppenabsatz ab, zieht ein bronzenes Fernrohr aus seiner Jackentasche und geht weiter zum Balkongeländer, wo er stehen bleibt und hinausschaut.

Ich schließe mich ihm zögernd an. Um uns herum erstreckt sich das majestätische Taeel-Sa mit seinen Sandsteinquadraten, Marmorsäulen, Dreiecken aus grünem und mandarinenfarbenem Segeltuch und Kuppeln aus glitzerndem, verziertem Gold. Die Schönheit der Stadt wird durch die Verteidigungsmauern vor der grün gesprenkelten Wildnis geschützt, und in diesem Winkel und aus dieser Höhe kann ich direkt auf die äußeren Felder sehen, wo das Militärlager der Verheerenden um die Steintrümmer herum errichtet ist, die Glaedrics Angriff auf die Stadt zurückgelassen hat. Als ich in Taeel-Sa ankam, war das Lager eine einschüchternde Anordnung von Hunderten von Zelten in geordneten Reihen. Jetzt nicht mehr.

»Das Lager wird abgebaut«, sagt Taha neben mir.

Ich nehme das Fernrohr von Atheer entgegen und benutze es, um mich davon zu überzeugen. Ein umkippendes Zelt schwingt ins Blickfeld, das von Soldaten heruntergerissen wird.

Anderswo werden Lagerfeuer gelöscht und Steinhaufen, Holzstapel und Heuballen auf Wagen verladen, die auf die Gewürzstraße rollen. Dort wetteifern sie mit Kolonnen, die der Dämmerung entgegenrasen, und dem langen, dichten Band aus Tausenden marschierenden Soldaten.

Ich nehme das Fernrohr herunter und starre auf den Horizont, wobei ich mir vage bewusst bin, dass Taha mir das Instrument aus der Hand genommen hat. »Sie brechen alle auf«, sage ich. »Sie gehen nach Süden … in die Sahir.«

»D–Das weißt du doch gar nicht«, stammelt Reza. »Sie sind wahrscheinlich auf dem Weg in eine andere Stadt.«

»Sie haben bereits jede Stadt in Alqibah erobert«, sagt Taha und setzt das Fernrohr von seinen feuchten Augen ab. »Es gibt nur noch einen Ort, an den sie gehen können.«

»Unsere Heimat.« Ich drehe meinen Kopf zu Atheer und erwarte Entsetzen und ungläubige Ausrufe. Aber mein Bruder steht nicht mehr an der Brüstung. Er hat sich mit dem Rücken zu uns an einen dicken Holzbalken in der Mitte des Balkons gelehnt.

»Das ist es, was du uns zeigen wolltest.« Ich gehe auf ihn zu, mein Herz klopft. »Als wir heute Morgen das Schiff verließen, wusstest du bereits, dass Glaedrics Invasion begonnen hatte.«

»Ich wusste es, als du mich aus der Gefangenschaft befreit hast.« Seine Stimme hallt körperlos in der Dachtraufe wider. »Abgesehen von den Soldaten, die die Tore bewachen, habe ich vermutet, dass heute niemand nach mir suchen würde. Keine Kontrollpunkte, keine Ressourcen und keine Zeit, die unnötig für den Versuch aufgewendet werden, mich wieder einzufangen. Dies ist ein Wettlauf, um Qalia zu erreichen, und Glaedric hat verstanden, dass der Wettlauf in dem Moment begonnen hat, als ihr mich befreit habt.«

»Was hast du getan, Atheer?«, murmelt Taha und zieht seine Schultern hoch. Er stößt sich von der Reling ab und wankt nach vorne. »Was hast du getan?«

»Nein«, erklingt eine Stimme von hinten, »die Frage ist jetzt, was wirst du tun?«

Wir drehen uns um und sehen Qayn auf der Reling neben einem neu eingetroffenen Falken hocken. Ich begegne dem brennenden Blick des Dschinns und erinnere mich an das Angebot, das er mir im Morgengrauen gemacht hat: ihm zu helfen, seine Magie zurückzubekommen, im Austausch für eine magische Armee, um die Verheerenden zu besiegen.

»Wir holen die Pferde und besprechen den Rest auf dem Schiff«, sagt Atheer. »Seht euch ein letztes Mal um, wenn es sein muss.« Er holt die Laterne und steigt die Treppe hinab.

Taha und Reza eilen eifrig zum Geländer zurück, als hofften sie, der Anblick sei eine Fata Morgana gewesen. Doch kaum sind sie dort, verfinstern sich ihre Gesichter, und jeder Rest von Hoffnung in ihnen wird ausgelöscht. Sie folgen Atheer und lassen mich mit Qayn allein, der jetzt in eine Urne mit brennenden Botengewürzen greift.

»Gib mir noch keine Antwort.« Er schlendert mit etwas Schwarzem zwischen den Fingern zu mir herüber, hebt die Hand und pustet in die Asche. Die Asche bildet eine Wolke zwischen uns, getragen von einer Brise, die über den Balkon weht. Meine Augen tränen, meine Kehle kribbelt.

»Weißt du, was das ist?«, fragt er mich. »Es ist der bittere Geschmack des Bedauerns. Von jetzt an musst du vor jeder Entscheidung daran denken.«

Er sieht zu, wie die Asche fällt. Die Angst läuft mir über den Rücken, ein alter Kampf bricht in mir aus. Wir sind allein. Niemand könnte mich daran hindern, das Monster zu töten, das zu vernichten ich geschworen habe. Aber wenn ich meinen Eid breche, könnte ich mein Volk ins Verderben stürzen und meinen unerwarteten Verbündeten und den vertrauten Freund meines Bruders töten. Er hat Atheer vor Folter und Tod bewahrt; dieses Mal bietet er mir an, mein ganzes Volk und das Volk von Alqibah zu retten.

Die Luft zwischen uns klart auf. Qayn macht sich auf den Weg zum Treppenhaus und spricht über seine Schulter hinweg mit mir. »Wie ich schon sagte, gib mir deine Antwort noch nicht. Aber ich vermute, dass du in deinem Herzen bereits weißt, wie sie lauten muss.«

Mein Lebenssaft pocht in meinen Ohren. Eine ganze Weile starre ich auf die Soldaten, die unter dem blutroten Sonnenuntergang marschieren, dann folge ich Qayn hinunter in die Dunkelheit.

2

TAHA

Nicht einmal das Wiedersehen mit seinem weißen Hengst Aesif kann Taha trösten. Die Arbeiter der Stadt kommen zu spät, um die Laternen anzuzünden, und der Weg zur Löwenbeute wird in der Abenddämmerung zurückgelegt.

Er und Reza reiten durch eine einsame Gasse, als Reza plötzlich das Schweigen zwischen ihnen bricht. »Ich verstehe, warum du Fey zurückgelassen hast. Es war richtig, die Mission zu verfolgen. Dafür vergebe ich dir.«

Taha sieht seinen Cousin mit hochgezogenen Augenbrauen an. Dies ist die erste gehaltvolle Äußerung, die Reza seit Bashtal ihm gegenüber von sich gegeben hat. Dennoch hütet er sich davor, Erleichterung über diese zaghafte Annäherung zu empfinden. Er spürt, dass Reza noch nicht mit ihm fertig ist.

»Da gibt es noch etwas, das du mir nicht verzeihst«, sagt er.

Reza nickt mit Blick auf die Schatten an den Wänden um sie herum. »Es war nicht leicht, aber ich habe verstanden, warum wir Atheer aufhalten mussten. Aber was ich im Gefängnis und dann auf dem Schiff getan habe; das, was du mit meiner Hilfe anschließend Farida und ihrer Crew antun wolltest … So bin ich nicht, Taha, und so bist du auch nicht. Wir wollen unsere Heimat schützen, aber nicht auf Kosten unschuldiger Menschen. Die Rebellen haben sich nicht ausgesucht, von unserer Magie zu erfahren; sie sollten nicht für eine Entscheidung sterben, die für sie getroffen wurde.«

Taha starrt auf Imani und Atheer, die etwa hundert Meter vor ihm reiten, seine Finger umklammern die Zügel. »Es tut mir leid, Reza. Manchmal weiß ich nicht, was über mich kommt.«

Doch er weiß es sehr wohl. Es ist der »andere« Taha, der hartherzige Krieger, der von Bayek, seinem Vater, geformt wurde und der die Kontrolle übernimmt, wenn unaussprechliche Dinge getan werden müssen. Nach der letzten Nacht ist es ein Mann, dem wiederzubegegnen Taha Angst hat.

Reza beugt sich vor und drückt die Schulter seines Cousins. »Du hast dein Bestes gegeben.«

Bayek würde sagen, dass Tahas Bestes nicht gut genug war. Bei dem Gedanken daran huscht etwas Ängstliches an der hinteren Wand seines Geistes entlang und wirft einen viel zu großen Schatten, der wie frustrierte Fäuste und verletzende Worte aussieht.

Reza lenkt ihn mit einer beiläufigen Bemerkung davon ab. »Du hast mir nie erzählt, dass Atheer dein Mentor war.«

Taha sagt nichts, aber der Falkenanhänger, den Atheer ihm zum Geburtstag geschenkt hat, hängt schwer vor seiner Brust.

»Hattest du Angst, dass dein Vater davon erfährt?«, fragt Reza. »Wolltest du nicht, dass sich das, was mit Fadi passiert ist, wiederholt?«

Taha blinzelt. »Mit Fadi ist nichts passiert.«

»Nicht? Dein Vater hat meinem erzählt, er wäre besorgt, dass Fadi uns verweichlicht, weil er Fadi in der Öffentlichkeit weinen sah, die Geister mögen uns bewahren.«

Ein alter, dumpfer Schmerz erwacht in Taha. »Wir haben uns auseinandergelebt, das war alles.«

»In einer Nacht nach Jahren der Freundschaft, sicher«, sagt Reza trocken. »Ich möchte nicht daran denken, was dein Vater über Atheer gesagt hätte, wenn er es erfahren hätte. Deshalb hast du Imani auch heimlich geküsst, nicht wahr?«

Taha zuckt zusammen, als wäre er von einem Stein getroffen worden, dann beugt er sich in seinem Sattel nach vorne, um besorgt den Abstand zwischen ihm und Imani zu untersuchen, nur um sicherzugehen, dass sie Reza nicht zufällig hören kann.

»Nein«, sagt er und lehnt sich zurück, »ich wollte keinen falschen Eindruck bei dir erwecken.«

»Du hast sie manipuliert, oder?«

Taha springt auf die Ausrede an und nickt. »Ich hatte gehofft, wenn sie denkt, dass ich an ihr interessiert bin, würde sie zustimmen, sich herauszuhalten. Ich hätte es besser wissen müssen … Jemand wie sie würde sich nie für jemanden wie mich interessieren.« Er beißt sich auf die Zunge; Hitze schnürt ihm den Hals zu. Er klingt so bitter wie Asche, und er hasst es.

»Vor Kurzem hätte ich dir noch zugestimmt, aber ich glaube, es gibt noch Hoffnung für Imani«, sagt Reza. »Du hast heute Morgen ein paar harte Dinge zu ihr gesagt, und sie schien tatsächlich zuzuhören.«

Taha ignoriert den verrückten Funken Hoffnung, der in seiner Brust zischelt. »Es würde mich nicht scheren, wenn sie ihr Geburtsrecht aufgibt und ihr Leben der wohltätigen Pflege von Waisenkindern widmet.«

»Sie wird immer zur Beya-Sippe gehören, nicht wahr?« Rezas Tonfall ist etwas schärfer. »Du musst es genossen haben, sie zu küssen, um es mehr als einmal zu tun.«

»Sicher.« Er zuckt mit den Schultern. »Ich musste mir nichts aus ihr machen, um es zu genießen. Gibt es einen Grund, warum wir darüber reden?« Er korrigiert den Griff seiner verschwitzten Handflächen um die Zügel und sieht zu Sinan hinauf, seinem Geisttier. Der Falke, mit dem er ein magisches Band teilt, fliegt über ihm und folgt ihnen, seit sie die Löwenbeute verlassen haben.

Reza seufzt. »Du weißt, dass deine Geheimnisse bei mir sicher sind, Taha. Ich würde deinem Vater nie etwas erzählen, es sei denn, du bittest mich darum.«

Der Hitzekragen fühlt sich jetzt eher wie eine Schlinge an. Warum muss Taha eigentlich jemanden begehren, den er hasst? Am Anfang war es rein körperlich, obwohl er wusste, dass Imani aus dieser Sippe stammte und herablassend stolz war. Trotzdem fühlte er sich zu ihr hingezogen. Dann hörte er Geschichten, wie sie im Alleingang drei Kinder vor einer Sippe Dschinns verteidigte, bevor ihr Trupp eintraf. Ihm fiel auf, wie sehr sie sich im Unterricht bemühte, immer die Erste war, die die Hand hob, um eine Frage zu beantworten oder sich für eine Aufgabe zur Verfügung zu stellen; nie jemand, der sich auf müßiges Geschwätz einließ oder Zeit verschwendete. Er schätzte es, wie ernst sie es nahm, zu den Schilden zu gehören, und ihre Leistungen wurden nur noch attraktiver, weil er wusste, dass sie es nicht nötig hatte, sich so viel Mühe zu geben. Wie viele andere Schilde aus berühmten Sippen hätte sie Unterricht und Training schwänzen und in der Sicherheit des Lagers bleiben können, wenn ihr Trupp auf eine Mission ging, und sie wäre dank des Rufs ihrer Sippe trotzdem gelobt worden. Aber Imani wählte nicht den einfachen Weg. Sie widmete sich der gefährlichen Aufgabe, ihr Volk vor den Monstern zu beschützen, die die Sahir plagten. Abgesehen von seiner Meinung über ihre vielen Privilegien, respektierte Taha das.

Jetzt heißt es Imani oder niemand, und er akzeptiert sie, egal wie sie in seinen Fantasien auftaucht. Manchmal ist sie warmherzig, einladend, sich ihres Schicksals bewusst; sie macht sich nicht über seine Sippe lustig und lacht ihn nicht aus, weil er glaubt, er könnte jemals bei ihr eine Chance haben. Aber manchmal, wenn er in der Stimmung ist, ist sie so gemein wie nur möglich, und sein Vergnügen hängt ganz von ihrem spöttischen Lachen ab …

»Darf ich dich noch etwas fragen?«, sagt Reza plötzlich in vorsichtigem Ton. »Was hat Atheer gemeint, als er sagte, du hättest als Attentäter deines Vaters gehandelt?«

Taha wird klar, dass er Imani die ganze Zeit über beobachtet hat, und dass sie jetzt den Hafen erreicht haben. Er richtet seinen Blick auf das Wasser, das in der untergehenden Sonne karmesinrot gefärbt ist, wie von Leichen, die in der Bucht geopfert wurden. »Verleumdung«, sagt er mit fester Stimme.

Es dauert einen Moment, bis Reza weiterspricht. »Hat Atheer die Wahl des Onkels gemeint, oder …«

»Nicht«, unterbricht Taha und sieht seinen Cousin an. »Bitte, Reza, um deiner selbst willen, frag mich nicht danach. Wenn du etwas wissen musst, dann, dass alles, was ich je getan habe, dem Allgemeinwohl diente.«

Einige Leben für viele andere, wie sein Vater einmal gesagt hatte.

Taha wendet seinen Blick wieder dem Wasser zu, und eine unbehagliche Stille breitet sich zwischen ihnen aus. Schließlich schweift sein Blick ab, und die Erinnerungen, die er bewusst unter Verschluss hält, sickern hervor, so heimtückisch wie Nebel. Er erinnert sich an Dinge aus Momenten, von denen er wünschte, er hätte sie nicht erlebt: eine brennende Kutsche auf der langen, schattigen Straße zurück nach Qalia; eine reglose Gestalt, die im strömenden Regen mit ausgestreckten Gliedmaßen unter gebogenen Rosensträuchern liegt; blutige Knöchel und ein zerbrochener Spiegel, aus dem ihn sein eigenes zerbrochenes Spiegelbild anstarrt …

Ein Horn ertönt tief in der Stadt und vertreibt die Erinnerungen zurück in ihren Käfig. Der Bootsmann Muhab trifft sie an der Brücke zur Löwenbeute und befiehlt seinen Matrosen, die Pferde hinüberzubringen. Taha lässt Aesif zurück und folgt Reza aufs Deck. Es ist für die Tiere hergerichtet worden: An den Relings und Masten wurden grobe Zäune befestigt, um provisorische Ställe zu schaffen, und in der Nische unter der Gangway sind Heu und Wasserkrüge gestapelt.

»Kommt mit in die Kapitänskajüte«, sagt Atheer, bevor er die Treppe hinaufgeht.

Seine Höflichkeit ist ärgerlich. Taha hat sich heute schon mehrmals gewünscht, Atheer würde ihn angreifen und beweisen, dass er nicht der Krieger ist, den Taha jahrelang bewundert hat. Er ist nicht der großzügige Mentor, der zum Freund wurde; er ist ein rücksichtsloser Eiferer, der jeden niedertrampelt, der es wagt, seine Ideologie infrage zu stellen, wenn er ihn nicht vorher mit seiner Fassade des Anstands überzeugen kann.

Taha und Reza gehen hinter Imani, Muhab, Farida und dem Quartiermeister Makeen hinauf zur Kapitänskajüte. Die Kabine ist klein, aber sie riecht zumindest angenehm nach Meer und erloschenem Weihrauch.

»Was machen die denn hier?« Amira sieht Taha und Reza vom Schreibtisch aus finster an.

»Wir müssen alle zusammenarbeiten«, entgegnet Atheer und schließt die Tür.

Kurz treffen sich Tahas und Qayns Blicke, obwohl er nicht gehört hat, dass der Dschinn die Kabine betreten hat. Er ist überzeugt, dass er Qayn nie gefürchtet hat, aber ein Schauer läuft ihm trotzdem über den Rücken.

»Sie wollen nicht zusammenarbeiten«, protestiert Amira schrill. »Sie wollen uns umbringen!«

»König Glaedric will uns umbringen. Seine Männer marschieren nach Süden zur Sahir.« Atheer drückt sie sanft auf einen Stuhl neben dem zerkratzten Schreibtisch, der übersät ist mit Schriftrollen, nautischen Instrumenten und einem lebensechten, aus Holz geschnitzten Löwen.

Amiras Kinn bebt. »Schon?«

»Leider.« Atheer geht zu dem gewölbten Fenster in der Nische hinter dem Schreibtisch und schaut hinaus. »Ich vermute, Glaedric befürchtet, das Überraschungsmoment zu verlieren, wenn wir die Chance haben, den Rat vor der Invasion zu warnen.«

»Glaedric ist zum Scheitern verurteilt«, sagt Taha. »Jeder Weg durch die Verschlingenden Sande ist schmal. Er wird mindestens mehrere Tage brauchen, um seine Soldaten in einer einzigen Kolonne aus drei Mann nebeneinander durchzubringen. Und da ist der Nachschub noch nicht eingerechnet.«

Atheer mustert die in der Bucht vertäuten Schiffe, deren Umrisse in der zunehmenden Dunkelheit verblassen. »Glaedric kennt jeden Weg, den ich durch die Verschlingenden Sande kenne, und er hat meine Karte der Sahir. Er kann schneller in und durch unser Land gelangen, als du denkst.«

Taha starrt entsetzt auf den Mann, von dem er gehofft hatte, er könne seinen Vater davon überzeugen, dass nicht jeder aus einer mächtigen Sippe unzuverlässig ist. Selbst das Wort »Verräter« erscheint ihm unzureichend.

»Wir müssen den Rat sofort warnen«, sagt Amira. »Keine Armee ist schneller als ein Botenfalke.«

»Es ist zu riskant«, sagt Atheer. »Glaedric ergreift bereits Maßnahmen, um zu verhindern, dass die Botenfalken nach Süden fliegen.«

»Dann bring uns zurück zu den Verschlingenden Sanden«, sagt Taha. »Sobald wir die Sahir durchquert haben, kann ich Sinan mit einer Warnung nach Qalia vorausschicken. Der Rat braucht so viel Zeit, wie wir ihm geben können, um seine Verteidigung vorzubereiten.«

»Wir dürfen sie nicht ermutigen, gegen Glaedric zu kämpfen«, sagt Atheer und blickt immer noch aus dem Fenster. »Er hat meine Misra-Vorräte beschlagnahmt.«

Das heilige Gewürz ihres Volkes. Es wird aus der Rinde des uralten Misra-Baums hergestellt, der in Qalias Heiligtum wächst, und verleiht jedem, der es als Tee trinkt, vorübergehend magische Fähigkeiten. Und nun, nachdem es tausend Jahre lang für alle außer ihrem Volk ein Geheimnis war, befindet es sich in den Händen der Eindringlinge.

»Wie viel Misra?«, fragt Taha mit ernster Miene.

»Genug, um ein Problem zu sein. Glaedric verfügt über Magie, und seine Armee in Alqibah ist unseren Truppen zehnfach überlegen. Und im Ausland?«

»Eine Million Mann«, sagt Farida. »Eure Krieger sind in Magie besser ausgebildet, aber Glaedric ist so stark, dass er sie überwältigen kann.«

»Und wenn Glaedric mit ihnen fertig ist, steht nichts mehr zwischen ihm und dem Misra-Baum«, sagt Atheer.

»Vergisst du Qalias Mauern?« Taha tritt an den Schreibtisch heran. »Wir werden den Rat warnen, sich auf eine Belagerung vorzubereiten: Sammelt Ressourcen und befehlt allen aus den abgelegenen Siedlungen, sich ins Innere von Qalia zurückzuziehen. Die Mauern werden sie schützen, und die Magie des Misra-Baums wird sie unterstützen.«

»Für eine kurze Zeit«, sagt Atheer leise.

Taha legt die Stirn in Falten. »Keine Stadt in Alqibah hat Mauern, die so hoch und breit sind wie die von Qalia. Sie können nicht ohne Belagerungsmaschinen durchbrochen werden – Trebuchets oder zumindest Katapulte, und davon eine beträchtliche Anzahl –, die Glaedric entweder fertig über die Verschlingenden Sande transportieren oder in der Sahir zusammenbauen muss. Keine der beiden Möglichkeiten ist einfach oder schnell.«

Schließlich wendet sich Atheer vom Fenster ab. Das hüpfende Laternenlicht betont die harten Grate seines Schädels, die sich durch seine Haut hindurch abbilden, und die dunklen Höhlen, wo seine Augen sein sollten. »Weißt du, was Glaedric sagte, als ich ihn warnte, dass er niemals die Mauern von Qalia durchbrechen würde?«, fragt er. »›Ich muss die Mauern von Qalia nicht umstürzen. Ich muss nur die Leute stürzen, die sich hinter ihnen verstecken.‹ Du verstehst diesen Mann noch nicht, Taha, seinen Reichtum, seinen Einfluss und vor allem seinen Ehrgeiz. Es gibt keine Verteidigung, die der Bedrohung durch Glaedric standhalten kann.«

»Dann hast du uns durch deinen Verrat ruiniert«, sagt Taha ungläubig. »Keine Verteidigung und kein Angriff? Nichts zu tun als auf den Tod zu warten, ist es das?«

»Pass auf, was du sagst«, sagt Farida und sieht ihn von oben herab an. »Was du als Verrat bezeichnest, war Atheer, der uns in unserer Notlage geholfen hat. Es war ein Akt der Menschlichkeit, den euer Rat abgelehnt hat.«

»Fühlst du dich, als wäre dir geholfen?«, fragt er sie. »Oder ist das nur mehr vom Gleichen? Es ist schlimmer. Viel schlimmer, wenn Glaedric den Misra-Baum übernimmt und über seine Magie verfügen kann. Dann werdet ihr die wahre Bedeutung von Unterdrückung erfahren, und euer Bedauern über eure Fehler wird euch in den wenigen Jahren, die euch noch bleiben, verfolgen. Täusch dich nicht, Kapitän. Wenn König Glaedric im Besitz des Misra-Baums ist, ist das das Ende von allem.«

»Nur, wenn du nichts tust.« Qayn taucht aus dem Schatten in der Ecke auf, die Finger ineinander verschränkt. Taha verkrampft sich instinktiv. Es kostet ihn größte Mühe, um nicht Hand an den Dschinn zu legen. Mit seinen Fäusten allein könnte er Qayn nicht töten – dazu bräuchte er den Stahl eines Schwertes –, aber es würde ihm genügen, etwas in dem schlanken Körper zu brechen, den Qayn als den seinen präsentiert.

»Gibt es einen Grund, warum du noch hier bist, Teufel?«, fragt Taha.

»Aus demselben Grund wie du, mein Junge: Ich habe noch längst nicht ausgedient.« Qayn schenkt ihm ein aufreizend attraktives Grinsen. »Sag mir, Taha, was würdest du sagen, wenn ich dir verspräche, dass ich die Sahir und Alqibah vor König Glaedric retten kann?«

»Ich würde sagen, du tust das, was Deinesgleichen am besten können.«

»Lügen?« Qayn gluckst. »Zum Glück für dich bin ich sehr ehrlich. Vor langer Zeit hat ein gerissener Dieb meine Magie gestohlen und sie vor mir versteckt …«

»Oh.« Taha unterbricht ihn und grinst gemein. »Das erklärt, warum du so nutzlos bist.«

»Für den Moment. Aber wenn ihr mir helft, meine Magie zu finden, werde ich mich gerne revanchieren, indem ich eine Armee für euch zusammenstelle, die gegen König Glaedric kämpft.«

Tahas Grinsen verschwindet. Muhab, Makeen und Amira murmeln schockiert, und Farida wendet sich an Atheer: »Das ist der Plan, den du vor deiner Verhaftung erwähnt hast.«

»Warte.« Taha wendet sich auch an Atheer. »Imani hat den Anschein erweckt, dass du nur flüchtig mit Qayn befreundet bist, aber ihr habt tatsächlich gemeinsam daran gearbeitet? Wie konntest du dich nur so täuschen lassen, Atheer? Magie dieses Ausmaßes ist für einen Dschinn unmöglich.«

Qayn verschränkt seine schlanken Arme mit einem spöttischen Grinsen. »Und das weißt du, weil du in deinem kurzen, trostlosen Leben schon jede Art von Dschinn verhört hast, oder?«

Taha seufzt. »Wirklich, Qayn? Du willst andeuten, dass du ein Ifrit bist?«

»Tue ich das?«, antwortet Qayn und grinst wieder.

Er versucht es. Obwohl nur wenig über die Ifrit bekannt ist, ist man sich einig, dass sie fliegende Monster aus schwarzem Rauch mit Feuer als Haare sind und Gerüchten zufolge zu unglaublichen magischen Taten fähig sind – sie können Berge versetzen, Dürren beenden und die Sonne in der Nacht aufgehen lassen. Die spärlichen Berichte über die Begegnungen der Sahiraner mit den Ifrit stammen jedoch aus der Zeit vor der Existenz der Schilde. Die meisten modernen Gelehrten stufen sie als Mythen ein, und nur eine Handvoll behauptet, dass es sich um echte Monster handelt, die in der Sahir ausgestorben sind.

»Und, bist du es? Ein Ifrit?«, fragt Amira und klopft nervös mit ihrem spitzen Pantoffel.

»Nein, ist er nicht«, sagt Taha verärgert. »Ifrit gibt es nicht, und Qayns Fähigkeit, uns eine Armee zu beschwören, auch nicht. Ich kann nicht glauben, dass wir die wenige Zeit, die wir noch haben, um unser Volk zu schützen, mit den Lügen dieses Scharlatans verbringen.«

»Vorsicht, Taha«, sagt Qayn. »Übereilte Entscheidungen beschleunigen den Untergang.«

Taha starrt ihn an. »Raffiniert. Aber ich kenne dein wahres Wesen, Teufel. Selbst mit deinem hübschen Gesicht und deiner Engelszunge kannst du mich nicht täuschen.«

Stöhnend rollt Qayn mit den Augen. »Meine Güte, bist du schwer von Begriff! Denk doch wenigstens übermein Angebot nach. Meine Magie hat die Form von drei Edelsteinen angenommen. Findet sie und gebt sie mir zurück …«

»Ich dachte, du sagtest, deine Magie sei deine Krone«, unterbricht Imani.

»Ich kanndurch meine Krone aufmeine Magie zugreifen«, erklärt Qayn. »Sobald die Edelsteine wieder mir gehören, werde ich sie neu schmieden.«

Amira verlässt ihren Stuhl mit flatternder Pfirsichseide und wendet sich mit einem tiefen Stirnrunzeln an Imani. »Mir war nicht bewusst, dass Dschinns für ihre Magie auf externe Quellen angewiesen sind. Ich dachte, sie sei angeboren.«

»Nicht für alle«, höhnt Taha. »Minderwertige Dschinns besitzen keine eigene Magie. Sie müssen davon Fetzen von ihren Verwandten stehlen und sie in Talismanen einschließen, weil ihre schwache Konstitution es nicht erträgt, Magie direkt anzuwenden. Ist es nicht so, Qayn?«

Wenn die Unterwelt Augen besäße, wären es Qayns, so hasserfüllt wie der vereitelte Tod. Sie blinzeln nicht einmal, als Imani ihre Stimme erhebt, um ihn zu verteidigen.

»Stell dich nicht dumm, Taha«, sagt sie, bevor sie sich an Amira wendet. »Ein Talisman aus gestohlener Magie ist nur eine Art von externer Quelle, und das Wort extern ist irreführend. Magie kann sich in einem Instrument manifestieren und trotzdem von dem Monster stammen, und sie hat nichts mit der Stärke des Monsters zu tun. Die Matriarchinnen der Werhyänen-Sippen sind besonders mächtig, und sie führen Stäbe mit sich, die ihre eigene Magie enthalten.«

So viel weiß Taha. Letztes Jahr hätte ihn eine Matriarchin beinahe umgebracht, und ihm bricht der kalte Schweiß aus, wenn er nur daran denkt. Die Bretter fangen an, unter seinen Stiefeln zu poltern, so wie der zerbrochene Stein der Ruinen; der faulige Gestank der herumlungernden Werhyänen erfüllt die Hütte, ebenso wie ihr Knurren, ihr Lachen und ihr verdrehtes Flehen. Er hatte die zerbröckelnden Ruinen vor seinem Trupp ausgekundschaftet, um die Matriarchin zu finden: ein hoch aufragendes, sehniges, gelbäugiges Monster, das zu menschlich war, um eine Bestie zu sein, aber zu bestialisch, um der Mensch zu sein, der sie einst gewesen war. Doch als er sie fand, waren Taha die Pfeile ausgegangen, und sie hatte ihn in die Enge getrieben. Am lebhaftesten erinnert er sich an das Glühen ihres Knochenstabs, als sie versuchte, seine Seele mit ihrer Sippe zu verbinden. Das eigentliche Zerreißen seiner Seele war eine Qual; er schrie bei jeder durchtrennten Naht, bei jeder glücklichen Erinnerung, die weggesaugt und in dem geheimnisvollen, an ihrem Stab befestigten Kristall gefangen wurde.

Es war das Glück der Geister, dass Reza auftauchte und mit seiner Magie die Matriarchin unter einem Steinhaufen begrub. Das blendende Licht erlosch, die Nähte fügten sich wieder zusammen, und die Erinnerungen kehrten an ihren Platz zurück. Zumindest sollten sie das. Doch an diesem Abend im Lager konnte Taha nicht schlafen. Er fühlte sich nicht wie er selbst, und er konnte sich nicht entscheiden, ob es der Matriarchin gelungen war, ihm etwas zu stehlen, oder ob sie ihn nur darauf aufmerksam gemacht hatte, dass bereits etwas fehlte …

»Nur weil wir die Verwendung eines Werkzeugs bei einem Dschinn nicht dokumentiert haben, heißt das nicht zwangsläufig, dass es nicht vorkommen kann, und die Verwendung eines magischen Werkzeugs hat auch keinen Einfluss auf den Grad der Macht eines Monsters.« Imanis nüchterne Stimme holt ihn in die Gegenwart zurück.

Amira runzelt immer noch die Stirn. »Gut, aber warum ist Qayns magisches Werkzeug eine Krone?«

»Ich war ein König.« Qayn lächelt. »Hat deine Schwester dir das nicht erzählt? Ich herrschte über die Erste Stadt in dem, was ihr jetzt das Tal der Knochen nennt. Ich habedie Erste Stadt gebaut.«

»Eine Lüge ist lächerlicher als die andere«, murmelt Reza in der Ecke.

Amira beginnt zu schielen, während sie Qayn anstarrt. »Du hast sie gebaut … Aber … Das war vor tausend Jahren.«

»Ich bin ziemlich langlebig.«

»Und Hubaal der Schreckliche …«

Ihre Erwähnung des monströsen Riesen, der ihre Gruppe fast getötet hätte und der vor einem Jahrtausend das Tal der Knochen verwüstet und die dort lebenden Stämme abgeschlachtet hat, löst bei Qayn kein Unbehagen aus.

»Ich habe Hubaal befohlen, uns aus der Ersten Stadt herauszuholen«, sagt er.

Taha kann diese Farce nicht länger ertragen. »Sag mir«, knurrt er und zerrt Qayn grob am Arm, »hast du Hubaal auch befohlen, der Geißel der Wüste zu helfen?«

Das zerstörerischste Monster, das die Sahir je bedroht hat. Die Geißel der Wüste hatte Hubaal dazu gedrängt, im Rahmen der Schreckenskampagne der Geißel gegen die Sahir im Tal zu wüten. Und wenn der Große Geist Tahas Volk nicht die Magie des Misra-Baums geschenkt hätte, um die Geißel zu besiegen, hätte sie es vernichtet und dann ihre Aggression gegen die Welt gerichtet.

»Nein, habe ich nicht.« Qayn pustet eine schwarze Haarsträhne weg, die ihm über die Augen baumelt. »Aber ich habe es bedauerlicherweise zugelassen.«

Taha zerrt den Dschinn mit einem Ruck zu sich. »Dann bist du ein noch größerer Feind für unser Volk, als ich zunächst dachte.«

»Lass ihn los, Taha«, sagt Imani und macht einen Satz von der Wand weg.

Er sieht zu ihr hoch. »Wie konntest du einen der Verbündeten der Geißel an deinen Dolch binden und seine Dienste in Anspruch nehmen?«

Ihr Gesicht rötet sich. »Qayn war kein Verbündeter.«

»Nicht? Er sagt, er hat Hubaal durch das Tal wüten lassen.«

»Ein unüberlegter Racheakt.« Qayn blickt kühl zu Taha auf. »Der Dieb, der meine Magie gestohlen hat, war dieselbe Person, für die ich die Erste Stadt als Geschenk gebaut habe. Ihr Name war Nahla. Eine von deiner Art.«

»Ohhh.« Taha zieht die Brauen hoch. »Ich hatte also recht. Es verlangt die Bestie nach Menschenfrauen.«

Imani wirft einen nervösen Blick auf Qayn. Der Groll verdreht Taha die Eingeweide; der Selbsthass verspottet ihn. Siehst du?, flüstert er. Sie hat dich nie wirklich gewollt. Selbst ein Ungeheuer ist ihr lieber als ein armer Mann ohne Leumund.

Qayn lacht leise und tief in seiner Brust. »Oder liegt es daran, dass es sie nach mir verlangt? Weißt du, Taha, wenn du willst, gebe ich dir gerne Tipps, wie du die Gunst einer Frau gewinnst.« Sein Grinsen wird breiter. »Du scheinst wirklich noch sehr unerfahren zu sein.«

Taha umklammert den Arm des Dschinns wie ein Schraubstock und beugt sich über ihn. »Wie wäre es, wenn ich dir deine Engelszunge herausreiße und uns noch mehr deiner Lügen und leeren Versprechungen erspare? Dann bist du machtlos.«

Bosheit schwelt in Qayns schwarzem Blick, sein scharfes Grinsen verzerrt sich.

»Lass ihn los, Taha. Ich werde es nicht zweimal sagen.« Atheer legt ein Messer auf den Schreibtisch des Kapitäns, um zu verdeutlichen, was er meint, und Taha versteht endlich, wem, nicht was, Atheer ergeben ist.

Er öffnet seine Faust. Qayn schlendert hinter den Schreibtisch in Sicherheit, während er die Falten seiner schwarzen Tunika glättet.

Zufrieden zieht Atheer seine Hand vom Messer weg. »Lasst uns zum Thema zurückkehren.«

»Gerne«, murmelt Imani. »Nahla raubte Qayn sein Vermögen, und um ihn davon abzuhalten, es zurückzuholen, stahl sie auch seine Magie.«

»Das muss ein beträchtliches Vermögen gewesen sein«, sagt Amira und beobachtet, wie Qayn eine Karte von Alqibah auf dem Schreibtisch ausbreitet.

»Reichtum, wie du ihn dir nicht vorstellen kannst.« Er tippt auf einen Punkt auf der Karte. »Vor einiger Zeit spürte ich meine Magie in dieser Region, nördlich von Brooma.«

»Aber deine Magie wurde zu Lebzeiten der Geißel der Wüste gestohlen«, sagt sie. »Warum hat es so lange gedauert, bis du sie wiedergefunden hast?«

»Eine bessere Frage wäre, warum hast du nicht einfach mehr Magie von anderen Dschinns gestohlen und einen neuen Talisman geschaffen?«, wirft Taha ein. »Du hattest doch genug Zeit dazu.«

»Meine Krone ist kein Talisman«, knurrt Qayn, ohne von der Karte aufzusehen, »und ich bin kein Dieb.« Er sitzt einen Moment lang still da, als würde er darauf warten, seine Fassung wiederzuerlangen. Dann beginnt er, einen Dünenstreifen in Richtung Süden abzustecken. »Als ich beschloss, in Alqibah nach meiner Krone zu suchen, entdeckte ich, dass ein Schutzzauber über die Verschlingenden Sande gelegt worden war, der mich und jedes andere sogenannte Monster daran hinderte, die Sahir zu verlassen. Ich war gefangen.«

»Wie hast du dann …« Amira bricht ab und sieht ihren Bruder an. Die Antwort dämmert auch Taha: Qayn musste an Atheer gebunden gewesen sein, bevor er an Imanis Dolch gebunden wurde. Nur mit Atheers Hilfe hätte Qayn der Verzauberung trotzen können, um die Sande zu durchqueren, Alqibah zu erreichen und seine gestohlene Magie zu spüren. Die Wurzeln dieses Plans reichen tief.

»Hmm.« Amira bleibt am Schreibtisch stehen und studiert eher Qayn als die Karte. »Und wenn die Diebin Nahla deine Magie von dir fernhalten wollte, warum hat sie sich dann die Mühe gemacht, die Edelsteine zu verstecken? Warum hat sie sie nicht einfach zerstört?«

»Ich denke, das sind genug Fragen für den Moment, Amira«, sagt Atheer, ruhig, aber streng.

»Ich bin nur neugierig«, sagt sie abwehrend.

»Das ist nicht schlimm.« Qayn wirft ihr einen ruhigen Blick zu. »Die Edelsteine können von einem eurer Art nicht zerstört werden, sie können nur aus der Krone gebrochen und unbrauchbar gemacht werden.«

»Oh. Heißt das, dass jemand deine Krone benutzen könnte?«, fragt sie.

Qayns leeres Lächeln wäre überzeugender, wenn er es aufgemalt hätte. »Wenn einem der Sinn danach stünde, aber genau wie bei der Verwendung eines Talismans oder eines magischen Werkzeugs eines Monsters ist man dadurch dem Tod geweiht. Ganz abgesehen von den sehr unangenehmen körperlichen Folgen, die zuerst eintreten. Aber wenn das alles nicht abschreckt, kann man der Versuchung durchaus nachgeben. Man sollte nur wissen, dass nur ich die Macht habe, die Krone neu zu schmieden.«

Er sieht Atheer an, der nickt und sagt: »Wir müssen die Einzelheiten des Plans besprechen …«

»Nicht so schnell«, schaltet Taha sich ein. »Bist du verrückt? Qayn ist ein bösartiges Wesen aus der Zeit der Geißel der Wüste. Wir sollten ihm bei gar nichts helfen.«

Atheer seufzt. »Qayn ist unser zuverlässiger Verbündeter, und wir brauchen seine Hilfe, ob es euch gefällt oder nicht.«

»Er kann uns nicht helfen. Imani« – Taha sieht ihr in die Augen –, »vernichte Qayn, wie du es mir versprochen hast. Tu es für unser Volk. Es ist deine geschworene Pflicht als Schild.«

»Ich kenne meine Schildpflicht«, schnauzt sie und wendet den Blick wieder ab.

»Dann bring es zu Ende! Qayn täuscht euch über seine Macht, euch alle! Er kann euch keine Armee beschwören! In dem Moment, in dem er seine Magie zurückbekommt, wird er diese Sache fallen lassen.«

»Du irrst dich«, sagt Atheer. »Qayn hat sich seit dem Beginn unserer Freundschaft dafür eingesetzt, das Imperium der Verheerenden zu besiegen.«

Taha kommt ein beunruhigender Gedanke. »Wann war der Beginn eurer Freundschaft? Bevor oder nachdem du angefangen hast, Misra zu stehlen?«

Atheer ist plötzlich wortkarg. Taha tritt näher an ihn heran. »War es Qayns Idee, unsere Magie zu den Menschen hier zu schmuggeln? Es muss so gewesen sein. Es war die ganze Zeit sein Plan, das Imperium der Verheerenden als Mittel zum Zweck zu benutzen. Erkennst du es nicht, Atheer? Er verspricht uns, uns vor dem Problem zu retten, das er geschaffen hat, wenn wir seine Magie finden … und er lügt.«

»Sag uns, Taha, hat Qayn das Imperium der Verheerenden gegründet?«, fragt Imani in spöttischem Ton. »Hat er König Glaedric auf die Gewürzstraße gebracht? Hat er deinen Vater ermutigt, Alqibah die Hilfe zu verweigern?«

»Nein, aber er nutzt die Situation aus.« Taha seufzt. Es ist sinnlos; er könnte genauso gut eine andere Sprache sprechen.

»Es ist außerordentlich unhöflich, über jemanden zu sprechen, als wäre er nicht im selben Raum«, sagt Qayn und legt den Kompass, den er gerade untersuchte, wieder auf den Schreibtisch. »Mein Wort ist mein Versprechen, Taha, und ich habe es nie gebrochen. Findet meine Magie und ihr bekommt eure Armee. Oder ihr tut es nicht und bereitet euch auf – wie habt ihr es ausgedrückt – ›das Ende von allem‹ vor.« Er grinst und legt den Kopf schief, um Taha aus einem neuen, amüsanteren Blickwinkel zu betrachten. »Ihr habt keinen Grund, mich zu fürchten. Ich bin nur für meine Feinde monströs.«

»Pferdescheiße«, murmelt Taha und marschiert zur Kabinentür.

»Wir haben nur wenig Zeit zu handeln«, sagt Atheer zu ihm. »Wir brechen bei Tagesanbruch nach Brooma auf. Dort wird nicht so viel los sein wie in Bashtal, und es liegt näher an unseren beiden Zielen. Wir bringen dich nahe genug an die Sande heran, damit du Sinan mit einer Warnung nach Qalia hinüberschicken kannst. Sobald er sicher in der Sahir ist, können wir mit der Suche nach Qayns Magie beginnen.«

Taha hält inne. »Sinan kann nicht allein losziehen. Wenn ihm etwas zustößt, müssen Reza und ich vor Ort sein und Qalia die Warnung selbst überbringen.«