Das schönste aller Leben - Betty Boras - E-Book
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Das schönste aller Leben E-Book

Betty Boras

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Beschreibung

Das intensive und aufwühlende Debüt von Betty Boras »über Herkunft, Mutterschaft und die Schönheitsideale, denen Frauen schon immer ausgeliefert waren.« Mareike Fallwickl Kurz nach dem Sturz der Diktatur flieht Vio mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Sich anpassen, bloß nicht auffallen – das ist der Preis des Ankommens. Fleiß und Schönheit seine Währung. Trotz aller Widerstände findet Vio ihren Platz in der Gesellschaft. Als jedoch Jahre später ihre zweijährige Tochter bei einem Unfall Narben davonträgt, droht sie, an ihren Selbstvorwürfen zu zerbrechen. Im 18. Jahrhundert muss Theresia einen hohen Preis dafür zahlen, als begehrenswert zu gelten. Sie gerät ins Visier der Keuschheitskommission, wird entrechtet und verschleppt. Beiden Frauen ist die Banater Erde eingeschrieben, die zwischen den Jahrhunderten ein Band aus Schmerz und Schönheit spinnt.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das ist das Cover des Buches »Das schönste aller Leben« von Betty Boras

Über das Buch

Kurz nach dem Sturz der Diktatur flieht Vio mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Sich anpassen, bloß nicht auffallen — das ist der Preis des Ankommens. Fleiß und Schönheit seine Währung. Trotz aller Widerstände findet Vio ihren Platz in der Gesellschaft. Als jedoch Jahre später ihre zweijährige Tochter bei einem Unfall Narben davonträgt, droht sie, an ihren Selbstvorwürfen zu zerbrechen.Im 18. Jahrhundert muss Theresia einen hohen Preis dafür zahlen, als begehrenswert zu gelten. Sie gerät ins Visier der Keuschheitskommission, wird entrechtet und verschleppt.Beiden Frauen ist die Banater Erde eingeschrieben, die zwischen den Jahrhunderten ein Band aus Schmerz und Schönheit spinnt.

Betty Boras

Das schönste aller Leben

Roman

hanserblau

Für meine Kinder

Liebe, immer

»Wir lernten, dass nur Leben wertvoll sind, die schön sind. Nur wer beneidet wird, hat etwas, das von Wert ist.«

Moshtari Hilal, Hässlichkeit

»Forgive yourself for not knowing what you didn’t know before you learned it.«

Maya Angelou

Prolog

Ich möchte eine schöne Tochter. Eine mit vollen Haaren, einem goldschnittigen Gesicht und zierlichen Füßen. Gerade soll sie sein, der Rücken, die Zähne, die Nase. Und gut, vor allem die Haut. Ich schäme mich, dass ich eine schöne Tochter möchte. Ich würde lieber sagen, sie soll glücklich sein. Das will ich auch, aber ich bin mir sicher, mit der Schönheit kommt ein Teil des Glücks von selbst. Ich bin nicht oberflächlich, ich habe Philosophie studiert. Ich habe gelernt, dass ein erfülltes Leben nicht von Äußerlichkeiten abhängt. Aber ich glaube nicht daran. In der Schule werden sie gemobbt, im Club bleiben die Hässlichen übrig. In den Fluren des Jobcenters nur unattraktive Menschen. Es ist ein sich verstärkender Kreislauf: Wer schön ist, findet schneller und bessere Arbeit, und Geld macht schöner. Mit schön meine ich der Norm entsprechend plus einen gewissen Zuschlag an offensichtlicher Attraktivität, und nicht Ja, aber sie hat schöne Hände. Wer schaut auf die Hände, wenn die Ohren abstehen oder die Augen schielen? Ich wünsche meiner Tochter Resilienz, möchte ihr ein gutes Selbstbewusstsein mit auf den Weg geben, möchte, dass sie Zufriedenheit unabhängig vom Urteil anderer empfindet. Ich bin aber überzeugt davon, dass es von alledem mehr braucht, wenn sie weniger schön ist. Einen schönen Menschen resilient zu machen ist einfacher. Und da können mir noch so viele Mütter erzählen, dass man das eigene Kind immer schön findet, dass Schönheit subjektiv ist, und überhaupt, dass man als Mutter ja gar nicht so denken darf. Ich denke aber so und bin mir sicher, dass sich im Grunde alle Mütter schöne Kinder wünschen. Manche haben dieses Glück, und einige davon zerstören es wieder.

Vio

Vios Mutter Rosalia war sechs, als sie sich auf den Bock des Pferdewagens stellte und einen großen Schluck Schnaps nahm.

»Nicht gleich runterschlucken, am Zahn halten«, sagte der Tierarzt.

Er packte seine Zange aus und rüttelte an dem eitrigen Milchzahn, bis er ihn triumphierend in die Luft hielt und sowohl Rosalia als auch ihre Mutter Margarethe Tränen der Erleichterung weinten. Auf halbem Weg ins nächste Dorf war ihnen der Veterinär entgegengekommen. Rosalia lebte mit ihren Eltern auf der Puszta, dort gab es keine Ärzte, keine Geschäfte, nicht einmal Strom. Es waren die 1960er-Jahre, aber hier nützte diese Zeitrechnung nichts. Knapp hundert Höfe waren in die Landschaft gewürfelt, eine kleine Kirche, eine Schule für die ersten sechs Jahre und Tiere, die es zu versorgen galt. Die Puszta war eine flache Gegend, die von Akazienbäumen, Hutweiden und dem Flüsschen Teuz gesäumt wurde, das die Bewohner vom Umland abschnitt. Schafe und Kühe grasten auf den saftig grünen Matten. Was man zum Überleben brauchte, produzierte man selbst. Die Höfe waren klein, es gab eine Küche, die zugleich die Stube war, eine Schlafkammer, die sich alle teilen mussten. Der Boden bestand aus festgetretener Erde, nicht einmal drinnen verließ man den Acker. Die meiste Zeit verbrachte man aber ohnehin im Freien oder im Stall. Jeder bewirtschaftete seine Felder, man machte Käse und arbeitete in der Gärtnerei. Dort wurden die Erzeugnisse untereinander aufgeteilt, und jeder musste selbst danach trachten, dass er nicht zu kurz kam. Als Baby hatte Rosalia in einem Körbchen im Feld gelegen, während die Eltern Weizen, Rüben und Kartoffeln ernteten. Und als kleines Mädchen war sie einmal im Maisfeld verloren gegangen, bis sie dort erschöpft einschlief und nur mit Glück gefunden wurde.

Als Rosalia acht war, beschlossen die Eltern, ins zehn Kilometer entfernte Glogowatz zu ziehen, um sich selbst und vor allem ihrer Tochter eine Zukunft mit fließend Wasser und einer weiterführenden Schule zu ermöglichen. Ihr Leben lang konnte Rosalia sich daran erinnern, wie sie zum ersten Mal einen Lichtschalter betätigt hatte, und sie wurde nicht müde, Vio davon zu erzählen. Besonders, wenn diese ihr undankbar erschien. Glogowatz hatte über fünftausend Einwohner und kam Rosalia gigantisch vor, die Häuser waren der Straße entlang wie Perlen an einer Schnur aufgereiht und lagen so nah beieinander, dass man nur wenige Schritte zum nächsten brauchte.

Rosalias Vorfahren kamen aus Glogowatz, waren aber vor über hundert Jahren auf die Puszta gezogen, weil dort so viel Land brachlag, dass sie es günstig erwerben und bewirtschaften konnten. Doch davon blieb Rosalia und ihrer Familie nach Ende des Zweiten Weltkriegs nichts. Die Transformation Rumäniens in eine sozialistische Gesellschaft bedeutete, dass sie enteignet wurden und im Kollektiv arbeiten mussten. Trotzdem fiel es ihnen schwer, das, was sie noch immer als ihr Land betrachteten, hinter sich zu lassen und in Glogowatz von Neuem zu beginnen.

Violas Oma Margarethe, Rosalias Mutter, war Schneiderin. Ihre ältere Schwester hatte diesen Beruf in der nächsten Stadt erlernen dürfen und ihr alles beigebracht. In Glogowatz gab es viel mehr Menschen als auf der Puszta, und so hatte Margarethe endlich einen Grund, wieder häufiger zu nähen. Dazu kam die Arbeit im Haus und im Garten. Umso wertvoller waren die Pausen, die sie sich nur selten auf der Bank unter der alten Linde gönnte. Der älteste Baum in ganz Glogowatz, wurde ihnen bei ihrem Einzug in das rote Backsteinhaus gesagt. Margarethe gefiel die Vorstellung, dass sie wieder in dem Dorf lebte, in das ihre Vorfahren vor so langer Zeit aus Deutschland eingewandert waren. Wenn sie auf der Bank saß, spürte sie die Wurzeln der Linde und ihre eigenen. Ihr Mann, der wie seine Vorfahren immer nur sein eigenes Land bewirtschaftet hatte, ging bald in eine Lederfabrik, wo er Tierhäute von Rindern und Ziegen gerbte und stapelweise auf seinem Rücken zu den Trocknungsstellen trug. Er hatte Tiere immer gemocht, jetzt sah er sie überwiegend tot. Lediglich ein paar Hühner und Hasen hielten sie noch in Glogowatz, und die Katze, die Rosalia von der Puszta hatte mitnehmen dürfen und die ihr über das Heimweh nach den weiten Feldern hinweghalf. Die Katze ließ sich nur von Rosalia streicheln. Sie war klein und hübsch und hatte weiches weißes Fell mit symmetrischen schwarzen Flecken.

Auch zehn Jahre später begleitete die Katze Rosalia jeden Tag bis zur Straßenbahn, mit der sie in die Stofffabrik nach Arad fuhr.

Als Rosalia neunzehn war und mit Wehen ins Krankenhaus gefahren wurde, wo sie eine Woche bleiben musste, verschwand die Katze. Rosalia traute sich nicht zu weinen, als sie davon erfuhr. Sie hatte an ihrer Stelle ein Baby bekommen, sie sollte sich freuen. Aber an die Katze war sie mehr als ihr halbes Leben lang gewöhnt, das Baby war neu. Sie nannte es Viola, weil sie fand, dass ihre Namen so gut zusammenpassten.

»Rosen sind rot, Veilchen sind blau, du bist die Schönste, das weiß ich genau«, hatte Franz Rosalia auf der Kirchweih ins Ohr geflüstert.

Später überlegte sie oft, ob sie sich damals verhört hatte, weil weder Gedichte noch blumige Worte zu ihm passten. Und auch Vio konnte es sich nicht vorstellen, als Rosalia ihr die Geschichte erzählte, wie ihre Eltern sich kennengelernt hatten. Ihr Vater war der unromantischste Mensch, den Vio kannte.

Zu dem Zeitpunkt als Viola zur Welt kam, gab es für schwangere Frauen vor der Geburt keinen Mutterschutz, im Anschluss daran sechs Wochen. Frauen sollten zwar möglichst viele Kinder kriegen, aber sie sollten auch möglichst viel arbeiten, denn beides nutzte dem kommunistischen Staat gleichermaßen. Ähnlich effizient verlief der Krankenhausaufenthalt. Nach der Geburt blieben Mutter und Kind eine Woche dort, jedoch getrennt voneinander. Die Mutter brauchte ihre Ruhe, die in den mit rund zehn Frauen belegten Zimmern zwar schwer zu bekommen war, aber mit genauso vielen zusätzlichen Babys eben noch weniger. Alle drei Stunden wurden die Kinder zum Stillen gebracht, in den Nächten nicht. Die Mütter sollten schlafen, schnell wieder zu Kräften kommen. Sobald die Mütter wieder arbeiten gingen, wurden die Kinder meist von den Großmüttern versorgt, die oft keinen Beruf erlernt hatten, sondern auf dem Hof arbeiteten oder ältere Verwandte pflegten. Violas Großmutter Margarethe hatte sich als Schneiderin viele Stammkunden erarbeitet, aber durch die immer gleiche Haltung an der Nähmaschine war ihr Nacken so steif und schmerzhaft geworden, dass sie mittlerweile nur noch für ein paar Leute nähte.

Auf ihr erstes Enkelkind freuten sich die Großeltern. Viola, die es bereits aus dem Krankenhaus gewohnt war, nachts nicht gestillt zu werden, schlief in ihrem Zimmer, bis der Großvater die nächtliche Heulerei doch leid war. Da war die Erholung seiner Tochter wieder zweitrangig, schließlich mussten alle früher oder später wieder arbeiten. Das Baby sollte sich eigentlich nicht zu sehr an Rosalia gewöhnen, musste es doch den ganzen Tag bei der Großmutter bleiben, aber jetzt war es nun mal so, und Rosalia genoss die Zeit mit ihrem kleinen Mädchen, den Babyduft, die weiche Haut, das Wiegen. Unglaublich, dass ihr Körper das zustande gebracht hatte.

Als sie sechs Wochen nach der Geburt morgens zur Arbeit fuhr und spät am Nachmittag zurückkehrte, vermisste sie nicht nur ihre Katze, sondern hatte das Gefühl, dass auch ihr Baby nach und nach verschwand. Es wurde zum Kind ihrer Mutter, wollte nur von ihr gewickelt und getröstet werden. Margarethe ging in der Rolle auf, sie hatte sich immer mehr als ein Kind gewünscht, »aber es kam keins mehr«, hatte sie ihrer Tochter anvertraut. Rosalia hatte Sehnsucht nach dem kleinen Körper in ihrem Arm, dem gleichförmigen Wiegen, das sie beide beruhigt hatte. Zugleich war sie ihrer Mutter dankbar, dass sie sich so liebevoll kümmerte, und selbst war sie nach dem langen Tag in der Fabrik eh viel zu müde. Ein Teil zog und zerrte sie zu ihrem Kind, der andere ins Bett. Sie legte sich hin und schloss die Augen. Es war einfacher, als der Großmutter das Kind zu nehmen.

»Ruh dich nur aus«, sagte diese in einem fort, lächelte dann versonnen auf Viola in ihrem Arm hinab. »Meine Schöne«, flüsterte sie zärtlich.

Rosalia redete eigentlich nicht viel über Vergangenes, und viel später erst, als Vio selbst Mutter war, fragte sie sich, ob Rosalia ihr diese Szene so oft erzählt hatte, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Sie hatte ja mehr Zeit mit Vio verbringen wollen, aber der Arm und die Geduld von Vios Großmutter Margarethe waren stärker gewesen.

Theresia

Theresia setzte einen Fuß vor den anderen, auch wenn die Erde unter ihr schwankte und der Himmel immer näher zu kommen schien. Manchmal war es auch, als würden sie tauschen, und der Himmel war unten und die Erde oben, und alles war verkehrt. Das war es schon, bevor Theresia in Wien auf das Boot musste, aber nach mehr als drei Wochen unfreiwilligem Gautschen, ohne je festen Stand zu haben, taumelten alle wie Betrunkene von Bord. Stromaufwärts konnte niemand mehr in der einfachen Konstruktion zurückfahren, die sich mit ihren Holzstäben kaum leichter als eine Schachtel lenken ließ. Die Überreste der Zille würden höchstens noch als Brennholz dienen. Über achtzig Menschen hatte Theresia gezählt, die ihre Heimat verlassen mussten. Die meisten waren Frauen. Was hatten sie getan, was war ihnen getan worden? Eingepfercht saß Theresia zwischen ihnen. Die Hühner auf der Stange bei ihr zu Hause hatten mehr Platz gehabt, dort war es auch sauberer gewesen. Die Notdurft wurde in Eimern verrichtet, viele bekamen Fieber, ein Drittel starb bereits auf der Überfahrt.

Die Todesdonau war nicht das einzige Wasser, das Theresia Unglück brachte. Ihr ganzer Weg ins Banat war nass. Verklärtes Verliebtsein, hoffnungsdurchtränkte Nächte, tränenschwere Tage und schließlich der Fluss von Wien abwärts. Ausgemergelt war Theresia, als sie mit steifen, kalten Knochen ihren Fuß auf die matschige Erde setzte, ihr Gesicht hart, ihr Blick leer. Nur wer genau hinsah, konnte die schöne Frau dahinter erahnen, die sie noch vor Kurzem gewesen war. Die graue Ödnis spiegelte ihr Inneres wider, und sie wünschte, auch sie wäre auf der Überfahrt gestorben, ihr Körper schon verwest und nur Spuren davon in Luft und Land. Aber auch die größte Sehnsucht nach dem Tod half nichts, mit dem Pferdewagen wurden sie weitertransportiert.

Keiner ging freiwillig nach Temeswar. Zu sumpfig war das Land, zu tief der Morast, zu schwarz die stehenden Gewässer. In den Tümpeln brüteten das ganze Jahr über hungrige Insekten, lauerten auf die Gelegenheit, einen auszusaugen. Die Ausdünstungen des immer feuchten Landes waren ein einziger Fieber- und Seuchenherd, der seine Bevölkerung schneller dahinraffte, als sie sich vermehren konnte. Vom Gestank drehte sich einem der Magen um, nichts konnte diese Erde aus sich selbst hervorbringen, zu allem musste man sie zwingen, sie ständig trockenlegen, wie einen Säugling. Kein Wunder, dass hier kürzlich noch der Schwarze Tod übers Land und seine Bewohner geherrscht hatte, und wer wusste schon, ob er nicht wiederkam? Die Pest und das Sumpffieber arbeiteten Hand in Hand, während jeder Mensch für sich allein kämpfte.

»Du lieber Gott«, entfuhr es Theresia, als sie in ihre neue Unterkunft geführt wurde, dabei hatte sie den Beweis vor Augen, dass es ihn hier nicht gab.

Dreißig Betten waren entlang der Wände aufgereiht, die einfachen Brettergestelle berührten sich dabei. Man wies Theresia die Hälfte eines der kleinen Betten zu, je zwei Frauen hatten sich eines zu teilen. Darauf lag loses Stroh, mit dem auch die löchrigen Kissen gefüllt waren, die die Farben aller Körperflüssigkeiten kannten. Es stank wie in einem Schweinetrog.

Zwischen den Bettreihen waren Tische und Bänke als Essens- und Arbeitsplätze aufgereiht. Hier saßen Strickerinnen und atmeten verbrauchte Luft. Theresia hatte Glück, dass sie bei den Spinnerinnen eingeteilt wurde. Aus einer Eingebung heraus hatte sie angegeben, ein Spinnrad bedienen zu können, auch wenn es schon Jahre her war, dass sie eines benutzt hatte. Die Spinnerinnen arbeiteten in einem extra dafür vorgesehenen Raum, er war sauberer, die Luft war besser, und man saß nicht so gedrängt. Die Spinnräder brauchten ihren Platz, ihr Radius war die Privatsphäre der Frauen. Sie spannen hauptsächlich Baumwolle, die erfahrenen Spinnerinnen waren für die Herstellung von Rohseide verantwortlich, seit das Banat versuchte durch die Seidenraupenzucht reich zu werden. Mit ihrer Arbeit verdienten sie ein paar Kreutzer, am wenigsten die Strickerinnen, dann kamen die Baumwollspinnerinnen, schließlich die Seidenspinnerinnen. Das meiste investierten sie in karge Mahlzeiten, Brot und Mămăliga. Das, was sie sich vom Munde absparten, lohnte sich kaum, weil sie das Arbeitslager eh nicht verlassen durften, sie es also für nichts anderes ausgeben konnten und es ihnen höchstens, wenn sie schliefen, aus der Rocktasche gestohlen wurde. Von den anderen Frauen, oder von den Aufsehern, die nicht im Lager wohnten.

Sooft Theresia durfte, ging sie in den Hof. Auch wenn es drinnen erbärmlich stank — Waschgelegenheiten gab es nicht, und unter mehreren Betten standen Nachttöpfe unter ständiger Verwendung, die in eine Grube hinter dem Haus geleert wurden —, blieben die Frauen häufiger drinnen, als sie gemusst hätten, weil ihnen draußen die von der immer gleichen gebückten Haltung steifen Glieder noch mehr einfroren.

Die morastige Erde schmatzte unter Theresias Schuhen, jeden Tag war sie dankbar, dass sie ihre guten Stiefel bei der Verschleppung getragen hatte. Das Geräusch beruhigte ihre Nerven. Wenigstens das. Es übertönte, was die Frauen ihr zur Begrüßung gesagt hatten: »Nimm dich in Acht, wer so ausschaut wie du, bleibt hier herinnen nicht lang verschont.«

»Viele sind schön hier reinkommen, aber noch keine wieder raus.«

»Kein Wunder, dass d’ hier bist. Zu viel Schönheit hat noch keinem Weib was Gut’s bracht.«

Theresia beobachtete, was die anderen taten, und erinnerte sich an die Anweisungen der Besl Nanni. Die Besl Nanni war so etwas wie ihre Großmutter gewesen. Sie hatte ihr alles beigebracht, was sie wissen musste. Es dauerte nicht lange, bis Theresia in den vertrauten Rhythmus des Spinnrades fand und bald sogar vermochte, sich dabei ganz in sich zurückzuziehen. Dann war sie wieder zu Hause in dem Dorf in der Nähe von Wien, sortierte Bohnen mit der Besl Nanni, rührte im großen Suppenkessel, roch das Gulasch, deckte den Tisch mit den hübschen Porzellantellern. Das Spinnrad war ihr Besen, mit dem sie den Hof kehrte, ihr Kochlöffel, mit dem sie die Suppe rührte, ihr Kleid, in dem sie sich drehte, bevor sie auf die Kirchweih ging. Aber schlimm war das Zurückkehren. Mit jeder Faser spürte sie ihre Verlassenheit. Sie hatte kein Zuhause mehr, keine Familie. Und auch wenn sie schon immer das Gefühl gehabt hatte, nirgends richtig dazuzugehören, so hatte ihre jetzige Einsamkeit eine neue Dimension erreicht. Durch ihren Kopf geisterte unablässig der Spruch, der auf dem Weg ins Lager von Mund zu Mund gereicht wurde: »Hier ist das Banat, den es reut — ’s ist zu spat.«

Ich

Ich schließe die Augen und streichle über das Gesicht meiner Tochter. Sie ist noch nicht richtig wach, aber hinter den Augenlidern rührt sich etwas, ihre Hand nestelt an meinem T-Shirt. Ich atme ihren süßen Mittagsschlafduft ein und erlaube mir einen Moment der Normalität, des Vergessens, des Nicht-Wissens oder, noch besser, Nie-geschehen-Seins. Meine Finger kreisen über ihre linke Wange, fühlen die flaumige pralle Kinderhaut. Weich ist sie und vertraut. Ich versuche ihr Gesicht zu erfühlen, fahre über den kleinen geraden Nasenrücken, die geschwungenen Nasenflügel, umrande den leicht geöffneten Mund, aus dem warm ihr Atem strömt. Ich versuche von den Teilen auf das ganze Gesicht zu schließen, stelle es mir vor, schön und unversehrt. Was wird sie fühlen, wenn sie später ihr Gesicht abtastet? Wird sie es auch lieber auf der linken Seite tun, wird sie sich auch vorstellen, wie es sein könnte, wenn die rechte sich genauso anfühlen, genauso aussehen würde? Wird sie sich auf Bildern immer zur Seite drehen, um etwas zu verstecken, sich im Restaurant so hinsetzen, dass möglichst wenige Menschen ihre Versehrung sehen? Wird sie es lächelnd überspielen und etwas von einer Schokoladenseite erzählen? Wird es sie nerven oder verletzen, darauf — wie ist das passiert? — angesprochen zu werden? Wird sie dabei jedes Mal an mich denken? Wird sie mich hassen?

Ich nutze die letzten Minuten, bis meine Tochter wach wird, und schaue in die Antworten zu meinem Beitrag im Elternforum.

Mutterglück schreibt:

Boah, das ist ja mein größter Albtraum, dass das passiert. Ich drücke dir die Daumen, dass ihr einen Weg findet, damit umzugehen.

NeueMami123 schreibt:

Hast du Tipps, wie man so was verhindern kann?

Mutterkuchenliebe schreibt:

Es tut mir leid, dass ihr das erleben müsst. Ich hoffe, dass du irgendwann deinen Frieden damit machen kannst. Wir sollten alle unseren Kindern beibringen, dass vor allem die inneren Werte zählen. Äußerlichkeiten sollten nicht das Wichtigste sein.

MamavonEla schreibt:

Ich verstehe, dass du ein schlechtes Gewissen hast, aber es war ein Unfall. Und die Ärzte in der Klinik sagen, dass ihr noch Glück hattet und sie schon viel schlimmere Sachen gesehen haben, vielleicht kannst du ihnen da etwas mehr vertrauen. Deine Tochter scheint ja auch keine Schmerzen mehr zu haben, das ist doch schon mal gut. Ich glaube, du musst auch etwas aufpassen, dass sich dein schlechtes Gefühl nicht auf sie überträgt. Deine Tochter braucht jetzt eine starke Mutter.

Manulein schreibt:

Kannst du dein Kind nicht so annehmen, wie es ist? Es kann ja nichts dafür.

Elena1974 schreibt:

Lass dich hier nicht ärgern. Ich verstehe dich. Wir alle wollen nur das Beste für unsere Kinder, auch, dass sie hübsch sind.

Wie ist das passiert? Ich weiß nicht, wie oft ich diese Frage schon beantwortet habe. Dem Notarzt, im ersten Krankenhaus, in weiteren Kliniken, Daniel, meiner Mutter, Freundinnen, Fremden auf dem Spielplatz und im Supermarkt. Jedes Mal, wenn ich erzähle, kommt irgendwann der Punkt, an dem mein Gegenüber ahnend und dann wissend schaut. Es weiß, wie die Erzählung weiter- und ausgeht, wie es zur Katastrophe kam, noch bevor ich zu Ende erzählt habe. Meinem Gegenüber wäre das nicht passiert, denn es weiß, wie es weitergeht, ist vorausschauend, erst recht mit einem kleinen Kind. Da muss man alle Eventualitäten einplanen, immer vom Schlimmsten ausgehen, Vorsicht ist besser als Nachsicht.

»Ich wusste nicht, dass das so schnell geht«, habe ich kurz nach der Katastrophe zu meiner Mutter gesagt.

Meine Tochter ist wach, blinzelt mich an, lächelt. Ungeheuerlich, dass sie mich immer noch liebt, in meiner Nähe sein will, mir noch vertraut, sich nicht von mir trennen will, als könnte ich sie vor Gefahr schützen. Ausgerechnet ich.

»Mama lesen«, sagt sie, und ich denke an die Zeit, in der das mein liebster ihrer Sätze war.

Mein Gewissen rumort noch mehr, als ich daran denke, dass meine Tochter ohne Kompressionsmaske geschlafen hat. Sie soll sie so häufig wie möglich tragen, damit die Narben möglichst flach werden. Jedes Mal ein Kampf, ein Reißen und Zerren an Nerven und Stoff. Ihr kleines Gesicht tränenverschmiert und dann unkenntlich, eingezwängt, nur traurige Augen und ein unglücklicher Mund liegen noch frei. Damit unterwegs zu sein, sticht alles aus. Die Fantasie der Menschen übertrifft jegliche Realität, was dahinter verborgen liegt. Der Schock lähmt die Bewegungen, sie frieren mitten in ihrer Ausführung ein. Was ist mit dem Kind passiert? Die Mutter im Visier. Wie sieht sie aus? Wie so eine, die sich nicht kümmert, die so etwas zulässt? Wie spricht sie mit ihrem Kind? Merkt man, dass sie keine gute Mutter ist? Wie drückt sie sich aus, erkennt man daran ihren Bildungsgrad? War sie vielleicht einfach nur zu dumm, um richtig aufzupassen? Ich bewahre die Form, ich schreie nicht, schlage nicht um mich, wende mich nur meinem Kind zu. In jedem Wort, jedem Blick von außen, spüre ich das Urteil. Ich nehme es an. Die Narben meiner Tochter erinnern die Menschen daran, wie schnell es gehen kann. Indem sie mich verachten, distanzieren sie sich, ziehen zwischen uns eine Wand der Unmöglichkeit. Nie wollen sie diese Schwelle übertreten, nie die Hölle sehen, in der ich lebe.

Zu Hause falle ich in mich zusammen, die Hülle für draußen reißt ein, es ist erschöpfend, tausend Augen zu absorbieren. Ich werfe mich der Meute zum Fraß vor, nehmt mich, aber lasst sie in Ruhe. Lasst sie mir, ich habe sonst nichts.

Die Banater Erde

Dreihundert Jahre ist es her, dass ich eure Mutter wurde. Ihr kamt aus vielen Teilen Deutschlands zu mir, aber ihr wurdet alle Schwaben genannt. Dabei wart ihr auch Pfälzer, Rheinländer, Mainfranken, Bayern, Deutschböhmer, Elsässer und Lothringer. Ihr kamt nicht nackt, aber mit wenig. Ein Bündel, das auf den Rücken passte. Ihr hattet Hoffnung, das ganze Leben lag noch vor euch. Es würde anstrengend werden, harte Arbeit würde eure Rücken krumm machen, aber der neue Wohlstand wäre es doch wert. Ihr wart viele, Zehntausende siedelten sich in meinem Schoß an. Viele überlebten nicht. Ich war sumpfig, schlickig, bot keinen Halt und verbreitete Krankheiten. Ich war keine liebevolle Mutter, ich wusste nicht, wie man es richtig macht. Ich musste an euch lernen, durch euch wachsen. Es gibt keinen Mutterinstinkt, nur Gewöhnung und Erfahrung. Ihr wart meine Lehrmeister. Ihr hießt Balthasar, Siegfried, Johannes, Leo, Theresia, Josepha, Elisabeth und Katharina, und ihr wart gute Kinder, fleißige. Ich war eine strafende Mutter, keinen Fehler habe ich verziehen. Aber ihr habt gelernt, mich nicht zu reizen. Ihr kamt mit Begabungen und Fähigkeiten in die neue Welt. Ihr wart Bäuerinnen, Schmiede, Maurer und Weberinnen. Ihr wusstet, was ihr mit euren Händen macht, wie ihr mich bearbeiten müsst, um die notwendige Nahrung aus mir herauszupressen. Ihr habt Nägel, Zähne und Knochen in mich geschlagen. Ich habe eure Tränen, Schweiß und Blut in mich aufgenommen. Ich habe euch gegeben, was ich konnte. Ich habe euren Hunger gestillt, war euch eine Heimat. Aber nie wart ihr zufrieden, immer ruhelos, nie kamt ihr bei mir an. Ich habe mich an euch gewöhnt, und ich wollte, dass ihr bleibt, dass ihr in mir Wurzeln schlagt. Ihr habt mich verändert, mich fruchtbarer und zugänglicher gemacht. Meine Früchte reifen für euch. Was bin ich ohne euch wert?

Vio

Vio hatte in Rumänien ein gutes Leben. Sie wurde umsorgt und behütet, liebte ihre Eltern, die Großeltern, die Kindergärtnerin, die Nachbarschaft, den Garten, die Tiere. Schon früh war sie alleine unterwegs, streunte mit einem Nachbarskind über fremde Höfe und durch vertraute Gassen. Sie war wunschlos glücklich. Aber die Erwachsenen träumten von Deutschland. Dort sollte es so sauber sein, dass man eine Woche lang weiße Socken tragen konnte, ohne dass sie schmutzig wurden. Immer, wenn jemand aus Deutschland zu Besuch kam, brachten sie die verrücktesten und köstlichsten Dinge mit. Runde Bonbons an einem Stiel zum Lutschen, kleine Schächtelchen mit bunten Schokolinsen darin. Vio aß so langsam wie möglich.

Und dann war es tatsächlich so weit, das Märchen, das man sich so lange erzählt hatte, sollte Wirklichkeit werden, das gelobte Land betreten werden. Aufgeregt flüsterten es ihr die Eltern und Großeltern zu, sie durfte aber mit niemandem darüber reden. Reden war gefährlich, das lernte man im Kommunismus früh. Schon am nächsten Tag sollte sie mit den Eltern nach Deutschland fahren. Und ausgerechnet heute hatte der Vater von einem Arbeitskollegen eins der seltenen Kinderfahrräder bekommen, mit Stützrädern. Er könnte es kaufen, aber das lohnte sich jetzt nicht mehr. Morgen wären sie weg. Aber Vio durfte es noch einen ganzen Tag behalten. Stolz fuhr sie die Straße auf und ab, vorbei an allen Nachbarshäusern. Sie wusste wirklich nicht, was in Deutschland besser sein sollte. Für ihre Eltern war das eine große Sache, aber sie musste nicht nur das Fahrrad zurücklassen, sondern auch ihre geliebten Großeltern. Ihre Oma Margarethe vermisste Vio jetzt schon, sodass sie das Fahrrad bald liegen ließ, um noch möglichst viel Zeit auf ihrem Schoß zu verbringen. Zusammen saßen sie auf der Bank im Garten und schauten in die Krone der alten Linde. Aus den Blütenblättern hatte die Großmutter einen Tee gemacht.

»Der ist gut für die Nerven«, sagte sie und reichte Vio eine Tasse.

Sie wusste nicht, wer von beiden die Beruhigung dringender brauchte. Die Großeltern würden bald nachkommen, hieß es.

Stattdessen waren Vio und ihre Eltern selbst dann eher zurück als gedacht, nämlich noch am selben Tag. Sie hatten keine Ausreisepapiere, und der Plan von Vios Eltern war so schlicht gewesen, dass sie Vio leidtaten, als sie Jahre später die Geschichte ihrer Flucht hörte. Mit dem Auto fuhren sie in die Nähe der ungarischen Grenze und ließen es dort stehen. Jetzt mussten sie es nur noch irgendwie rüberschaffen. Der Cousin von Oma Margarethe, der schon einige Jahre in Deutschland lebte und frei umherreisen konnte, wartete auf der anderen Seite. Vios Eltern dachten, zu Fuß könnten sie sich schon irgendwie rüberschmuggeln und mit dem Cousin durch das Land fahren, bis es die nächste Grenze zu passieren galt, auch diese heimlich zu Fuß. So lange, bis sie endlich in Deutschland wären. Immer wieder hörte man von Menschen, die es so ins Märchenland geschafft hatten.

Sie hatten sich aufgeteilt, um unauffälliger zu erscheinen — so unauffällig der Versuch von drei völlig verschüchterten Gestalten eben sein kann, eine streng bewachte Grenze zu passieren. Vios Vater hatte seine Chance genutzt, als gerade kein Grenzer hinschaute. Jetzt fehlten noch Vio und ihre Mutter. Hastig folgten sie ihm und waren sogar schon auf ungarischem Boden, als sie von einem rumänischen Beamten zurückgerufen und gefragt wurden, was sie da eigentlich machten. Vios Mutter sagte, ihre Tochter müsse dringend aufs Klo.

»In Rumänien gibt’s auch ein Klo«, sagte der Grenzer schroff, und damit war die Sache besiegelt.

Vios armer Vater beendete seinen ersten Auslandsbesuch schnell wieder, kam zu Frau und Kind zurück. Niedergeschlagen fuhren sie mit dem Auto wieder nach Hause und erzählten ihre spektakuläre Geschichte, die nur deshalb ungewöhnlich war, weil noch nie eine Familie, die auf der Flucht getrennt wurde, so schnell wieder zusammengefunden hatte.

Vio freute sich über ihre Großeltern und ihr Bett, und sie hoffte, dass ihre Eltern gelernt hatten, dass das mit Deutschland eine dumme Idee war. Aber nur ein paar Wochen später wurden Nicolae Ceaușescu und seine Frau Elena am 1. Weihnachtsfeiertag hingerichtet.

Er sang die Internationale und schrie im Kugelhagel seine letzten Worte: »Tod den Verrätern! Die Geschichte wird uns rächen.«

Die Hinrichtung wurde im Fernsehen übertragen, und Rosalia erzählte später, dass dies das einzige Mal gewesen sei, dass sie eine Träne auf der Wange von Vios Vater gesehen hätte, ob vor Trauer, Erleichterung oder Schock, konnte keiner sagen, am allerwenigsten Franz selbst. Außer Hunger und Durst schien er keine Gefühle benennen zu können.

Nach dem Tod des Diktators wirkte das Ziel Deutschland wieder erreichbar. Im März wagten sie einen zweiten Versuch. Diesmal funktionierte der Plan, standen ihnen die Grenzen bis Österreich offen. Von ihren letzten Ersparnissen mieteten sie sich in einen Gasthof in Salzburg ein, wo sie ein Visum für Deutschland beantragten, das zu ihrem eigenen Erstaunen genehmigt wurde. Der Eiserne Vorhang hatte Löcher bekommen, groß genug, dass Vio und ihre Eltern durchschlüpfen konnten.

Ich

Ich hole ein Buch und will meiner Tochter etwas vorlesen, mein Hals ist trocken und brennt. Aber ich kann keinen Tee trinken, nie mehr. Schon gar nicht während des Vorlesens. Ich denke daran, wie unbeschwert und schön es gewesen war, als das noch ging. Doch ich erlaube mir die Reise dorthin nicht wirklich, rufe meine Gedanken noch an der Pforte zur Vergangenheit zurück. Je weiter sie hineindrängen, desto schmerzhafter ist die Rückkehr in die Gegenwart. Akzeptanz. Ich übe mich in Akzeptanz. Annehmen, was man nicht ändern kann. Ich übe, übe, übe und scheitere, scheitere, scheitere. Love it. Change it. Or leave it. Aber alles davon ist unmöglich. Ich hasse es. Ich kann es nicht ändern. Und verlassen kann ich höchstens mich selbst.

In dem Kinderbuch ist ein kleines Mädchen abgebildet, ihre Haut makellos. Die Narben meiner Tochter sind dick eingeschmiert, damit sie nachgiebiger werden und weniger spannen. Sie reibt sich die letzten Mittagsschlafkörner aus den Augen und wischt einen Teil der Salbe hinein. Ihre Sicht wird trüb, sie reibt immer weiter, macht alles schlimmer. Ich wasche im Badezimmer ihre Augen aus, und wir setzen uns wieder vor das Buch.

»Mama lesen.« Der letzte Satz, den sie zu mir sagte, als unser Leben noch in Ordnung war.

Ich habe dir vorgelesen, da warst du noch nicht mal auf der Welt. Aber ich wollte, dass du von Anfang an auch meine Vorlesestimme kennst. Ich wollte, dass du mit Büchern aufwächst, dass wir uns zusammen hineinträumen. Ich wollte deine Liebe zu Geschichten wecken. Das habe ich. Ich wollte, dass wir mit Büchern eine gute Zeit haben. Das hatten wir.