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Ein feinsinniger Kriminalroman mit historischen Bezügen. Kurz bevor Kunsthistorikerin Anna Bentorp für ein Jahr nach Dublin aufbricht, wird sie mit einem mysteriösen Mordfall konfrontiert, der sich um den Diebstahl eines wertvollen Kirchenschatzes aus dem Jahr 1800 bei Bonn rankt. Sie übergibt die Informationen an den Diakon der heute noch existierenden Kirche. Tatsächlich kann dieser bei Grabungen einen Teil des kostbaren Schatzes bergen. Doch damit rückt er ins Visier skrupelloser Täter ...
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Seitenzahl: 609
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Margarete von Schwarzkopf, geboren in Wertheim am Main, studierte in Bonn und Freiburg Anglistik und Geschichte. Sie arbeitete zunächst für die Katholische Nachrichtenagentur, dann als Feuilletonredakteurin bei der »Welt« und viele Jahre beim NDR als Redakteurin für Literatur und Film. Heute ist sie als freie Journalistin, Autorin, Literaturkritikerin und Moderatorin tätig.
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
© Emons Verlag GmbH
Cäcilienstraße 48, 50667 Köln
www.emons-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept
von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer
Umsetzung: Tobias Doetsch
Lektorat: Hilla Czinczoll
E-Book-Erstellung: Geethik Technologies Pvt Ltd
ISBN 978-3-98707-293-2
Originalausgabe
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationeninsbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß§ 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
Für meine Familieund in Erinnerung an Michel Bergmann
Alle Vergangenheit ist nur ein Prolog.
William Shakespeare, »Der Sturm«
Es gibt weder Anfang noch Endein der Geschichte – nur Übergänge.
Herodot
Gestern hat sich der Franzose wieder bei mir gemeldet. Ich weiß nur seinen Vornamen. Louis. Diesmal kam mein alter Schulfreund Friedrich nicht mit ihm wie in der vergangenen Woche, als wir drei uns erstmals im Gasthof »Zum Raben« auf ein Bier trafen. Ich hatte Friedrich seit fast fünf Jahren nicht gesehen, zuletzt bei der Hochzeit seiner Schwester Bernadette. Sie war inzwischen, wie ich gehört hatte, Mutter von drei Kindern und führte zusammen mit ihrem Mann Gerhard den Hof der Familie. Und nun war Friedrich plötzlich wiederaufgetaucht, kaum verändert, nur insgesamt fülliger geworden.
Trotz seines breiten Grinsens und seiner heftigen Umarmung fühlte ich mich unwohl mit ihm. Zudem war mir dieses Treffen nicht geheuer. Die beiden Männer scheinen sich gut zu verstehen. Wie Friedrich mir erzählte, haben sie sich in Bonn in einer Kneipe kennengelernt. Friedrich versorgt die französischen Besatzungssoldaten mit Heu und Stroh für ihre Pferde. Seit einigen Jahren betreut er den Hof seines Vaters in der Voreifel bei Alfter. Sein Vater ist krank, und seine tüchtige Mutter hilft ihm noch bei der Versorgung der Kühe. Seine fünf Schwestern sind inzwischen alle verheiratet, er selbst ist noch Junggeselle. Seine Verlobte Agnes starb vor sechs Jahren kurz vor der Hochzeit an Typhus. Seitdem ist Friedrich wortkarg und zynisch. Nichts ist mehr übrig geblieben von dem fröhlichen Jungen, mit dem ich so viele vergnügliche Abenteuer erlebt und Streiche gespielt habe. Und der von Pater Hieronymus der Schule verwiesen wurde, als er sich am Opferstock unserer kleinen Dorfkirche zu schaffen machte. Friedrich behauptete, es sei nur ein Streich gewesen, der Pater sah das anders.
Warum er sich ausgerechnet mit diesem Louis eingelassen hat, erscheint mir rätselhaft. Diesen Mann umgibt eine finstere Aura. Sein Lächeln wirkt künstlich, seine Augen sind klein und glanzlos. Er spricht recht ordentlich Deutsch, da er eine deutsche Großmutter hatte. Irgendetwas mir Unerklärliches verbindet Friedrich mit diesem düsteren Gesellen, der mit Napoleons Truppen vor drei Jahren nach Köln kam. Louis führt sich auf wie ein Eroberer. Mir zollt er keinen Respekt. Im Gegenteil. Er verhöhnt die Kirche, lästert über den Klerus, erklärt, Kirchen eigneten sich ideal als Pferdeställe und Klöster als Bordelle.
Als er vergangene Woche kurz den Schankraum verließ, fragte ich Friedrich, was er denn mit Louis gemein habe.
Friedrich lächelte schmallippig. »Wirst du gleich erfahren, Priesterlein. Wir brauchen dich für ein Unternehmen. Es soll aber auch zu deinem Nutzen sein. Du kannst mir nicht weismachen, dass du auf ewig Priester in diesem Kaff sein willst. Du hattest doch früher viel übrig für die Freuden des Lebens.«
Ehe ich antworten konnte, tauchte Louis wieder auf. Er musterte mich aus zusammengekniffenen Augen und wandte sich an Friedrich. »Komm, Freund, lass uns gehen«, sagte er, und mir fiel erneut seine Stimme auf. Heiser, dunkel und mit einem leichten Lispeln.
Friedrich blickte ihn fragend an. »Unsere Sache ist noch nicht ganz spruchreif. Wir werden Matthias demnächst noch einmal besuchen müssen.« Er warf sich seinen Umhang über die Schultern. »Wir sollten uns beeilen. Die letzte Rheinfähre geht in einer Stunde.«
Draußen begann es zu dämmern. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Für Anfang Juni war es erstaunlich kühl. Das Pfingstfest lag zehn Tage zurück, ein sonniges Wochenende. Aber jetzt hing ein klebriger Nebel über dem Rhein.
Die beiden Männer nickten mir zu. »Ich schicke dir eine Botschaft«, sagte Friedrich. Sie bestiegen ihre Pferde und verschwanden im Dunst.
Was wollten sie von mir? Was war diese Sache, die Louis angedeutet hatte?
Als ich zur Kirche kam, traf ich Bernhard von Brambeck, seit Kurzem der Gemeindepfarrer, ein dicklicher Mann Ende vierzig mit Glatze und einem stets jovialen Lächeln im Gesicht. Trotzdem mochte ich ihn nicht besonders. Mit seinem Vorgänger war ich gut ausgekommen, doch Pater Heribert war zurück in sein Kloster in der Eifel gegangen, »weg aus dem Umfeld der Franzosen«, wie er sagte. Das half ihm wenig, da die Franzosen inzwischen auch die Eifel okkupiert hatten. Aber sein Kloster bei Kornelimünster existierte noch.
Brambeck stammte aus Münster, seine Familie besaß ein Gut in der Nähe von Ostbevern. Er war der jüngste Sohn und wohl deshalb Priester geworden. Zwei seiner sechs Schwestern, erzählte er mir, waren Nonnen, sein einziger, sehr viel älterer Bruder, vor drei Jahren gestorben, hatte seinem Sohn das Gut vererbt.
Der Sohn einer von Brambecks verheirateten Schwestern war mit ihm in unser Dorf gekommen. Er hilft seinem Onkel bei der Erledigung von täglichen Aufgaben. Da Manfred von Rosfeld gut lesen und schreiben kann, diktiert ihm Brambeck die Sonntagspredigten. Seltsamerweise komme ich nicht mit Manfred klar. Er zeigt sich mir gegenüber zwar stets respektvoll, fast devot, obgleich ich nur wenige Jahre älter als er bin. Aber ich mag seine leicht unterwürfige Art nicht.
Mehrmals ertappte ich ihn, wie er spätabends durch die Kirche schlich. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er, er wolle kontrollieren, ob alles in Ordnung sei. »In letzter Zeit hört man viel von Kirchendiebstählen«, sagte er.
Wir leben in unserem Ort noch in verhältnismäßiger Ruhe und spüren wenig von den Franzosen auf der anderen Rheinseite, wobei unsere Gegend längst auch schon zum Einflussbereich Frankreichs gehört.
Und nun tauchte Louis gestern unverhofft auf. Weder er noch Friedrich hatten mich vorgewarnt. Ich kam gerade von einem Krankenbesuch, als ich sein Pferd vor dem Gasthaus stehen sah. Friedrich war nicht an seiner Seite.
Louis kam mit großen Schritten auf mich zu. »Komm, lass uns in aller Ruhe ein Bier trinken«, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Er zog mich in die Gaststube. Um diese frühe Nachmittagsstunde war nur ein Tisch besetzt. Dort saß wie jeden Tag der berüchtigtste Trinker des Dorfes, Stefan Kohlmeier, seit einem Jahr Witwer mit drei unverheirateten Töchtern. Er sitzt stets ab Mittag in der Schankstube und verlässt sie erst wieder, wenn ihn eine seiner Töchter mit geradezu körperlicher Gewalt am späten Nachmittag hinauszerrt. Meistens ist das Eva, die Älteste, die sich um ihren Vater und die beiden jüngeren Schwestern kümmert. Der Anblick von Stefan stimmt mich immer wehmütig. Aber er lässt nicht mit sich reden, und Eva, inzwischen Mitte zwanzig, lehnt jede Unterstützung ab. Sogar den Heiratsantrag von Schuster Hink nahm sie nicht an. Sie wolle ihren Vater und die wesentlich jüngeren Schwestern nicht verlassen, sagte sie mir.
Louis und ich setzten uns in eine entfernte Ecke des dämmrigen Raums. Er bestellte ein Glas Wein, ich ein dünnes Bier. Beim Anblick meines Getränks verzog er verächtlich den Mund. Doch dann änderte sich sein Gesichtsausdruck jäh, wurde ernst und intensiv. Mit leiser, eindringlicher Stimme sagte er: »Vor zehn Tagen habt ihr in eurer Kirche einen Besucher gehabt. Er hatte ein in Leinen gewickeltes Paket bei sich.«
Ich zuckte zusammen. Woher wusste er davon? Der Besucher war Pater Benedikt gewesen, dessen Kölner Kloster von den Franzosen säkularisiert und zum Teil abgerissen worden war. Er handelte im Auftrag einer Kölner Kirche, deren Mitglieder fürchteten, dass ihre sakralen Objekte von den Franzosen konfisziert werden könnten. Nachdem er den Sack bei uns abgeliefert hatte, wollte Pater Benedikt weiter zum Hochstift Paderborn reisen. »Köln ist für mich verloren«, erklärte er wehmütig.
Ich antwortete Louis nicht, sondern wartete ab, was er noch zu sagen hatte. Er ließ sich Zeit, zog einen Lederbeutel aus seiner Manteltasche und kramte eine Pfeife aus der Hosentasche. Langsam stopfte er die Pfeife. Er bemerkte meine Unruhe und grinste. In seinem Unterkiefer fehlten drei Zähne.
»Du weißt, was in dem Leinensack war, den euer Besucher mitgebracht hat?« Louis schob die Pfeife in seinen linken Mundwinkel. Sein Grinsen erlosch jäh. Seine Stimme klang wie ein Zischen, als er sich zu mir beugte und leise sagte: »Matthias, ich gebe dir zwei Tage Zeit, uns zu verraten, wo ihr diesen Sack verborgen habt. Friedrich und ich werden dir einen Anteil geben, der dir ermöglicht, diesen Ort zu verlassen. Du ahnst, welchen Wert diese Objekte haben!«
Entsetzt schüttelte ich den Kopf. »Nein, niemals! Das ist Eigentum der Kirche, und es gehört Groß Sankt Martin. Uns wurden diese Dinge anvertraut, bis die Zeiten wieder ruhiger werden und dieser Schatz zurück nach Köln kann. In den kommenden Tagen sollen die Kostbarkeiten an einen anderen, sicheren Ort gebracht werden.«
Louis lachte. »Daran glaubst du doch selbst nicht! Ich weiß. Ihr wollt sie in das Kloster überführen, wo der Schrein mit den Reliquien der Drei Könige aufbewahrt wird. Aber lass dir eins gesagt sein. Auch das Kloster wird nicht mehr lang existieren, und Groß Sankt Martin hat Glück, wenn es nicht bald eine Ruine ist. Und ihr habt Glück, wenn eure Kirche verschont bleibt. Ich rate dir, meinen Vorschlag anzunehmen und dich mit dem Teil der Beute aus dem Staub zu machen, solange du es noch kannst.«
Louis nahm die Pfeife aus dem Mund, trank einen Schluck und wischte sich über den Mund. Einige Tropfen Wein hingen in seinem Schnurrbart.
»Wer hat dir von dem Besuch des Paters erzählt?«, fragte ich mit zitternder Stimme.
Der Franzose grinste wieder. »Wir haben unsere Quellen.« Er sah mich verschlagen an. »Es wäre besser für dich, uns bei unserem Plan zu helfen.« Sein Lachen drang wie eine Pfeilspitze in mein Ohr. »Oder sollen die guten Menschen hier dein Geheimnis erfahren? Du hast die Wahl. Entweder du machst mit, oder wir werden ohne dein Zutun an den Schatz gelangen. Nur wird das nicht ohne Gewalt ablaufen. Und dann weiß bald jeder hier, wer oder was du wirklich bist, Matthias. Ein Lügner, ein Heuchler, ein Sünder! In deiner Haut möchte ich nicht stecken! Hilfst du uns aber, ohne Mühe an unser Ziel zu gelangen, ist deine Zukunft gesichert. Du kannst hier weiter den Priester spielen oder diesen tristen Ort mit einem Beutel voller Münzen verlassen. Überlege es dir gut. Wir kommen in vier Tagen wieder.«
Mit diesen Worten stand Louis auf, warf ein Geldstück auf den Tisch und eilte hinaus. Ich blieb zurück, verschreckt, verzweifelt, gepeinigt von meinem Gewissen.
In jener Nacht plagten mich dunkle Träume, und ein dumpfes Gefühl namenloser Angst ließ mich immer wieder aus den Tiefen meiner Alpträume aufschrecken. Mein Entschluss steht fest: Ich werde nicht zum Spießgesellen von Louis und Friedrich werden. Doch das bedeutet, dass ich dieses Dorf verlassen muss. Keiner darf mein Geheimnis erfahren.
Woher Louis davon wusste, war mir klar: Allein Friedrich kannte es, und er hatte geschworen, es nie zu verraten. Er hatte den Schwur gebrochen, mein Geheimnis niemals preiszugeben.
Zorn stieg in mir auf, doch was nützte mir das? Ich stand an einem Abgrund. Ich wollte Bernhard von Brambeck eine Warnung hinterlassen. Er muss den Kirchenschatz an einen anderen Ort bringen. In mir nagte die Furcht, dass die beiden mich dann aus Rache doch verraten würden, aber da wäre ich schon weit fort und würde an einem anderen Ort einen Neubeginn wagen.
Allmählich wurden meine Augen schwer. Im Morgengrauen überfiel mich der Schlaf wie eine Todesahnung.
Briefe, Bücher, Rechnungen, Kontoauszüge, Manuskripte von Vorträgen – vor Anna Bentorp lagen schier unüberwindbare Berge aus Papier. Wie sollte sie diese Hindernisse bis zum kommenden Wochenende überwinden? Warum hatte sie nicht schon längst einmal die Mengen von Unterlagen gesichtet und ihre kreuz und quer umherliegenden Bücher geordnet?
Immer wieder hatte sie diese Mammutarbeit mit allerlei Ausreden vor sich hergeschoben. Mal war sie auf Reisen, mal zu sehr mit ihren Katalogen beschäftigt, mal war sie in den vergangenen Jahren in die Rolle einer Miss Marple geschlüpft, um ihren Freund, Kommissar Hans Schumann, zu unterstützen.
Sie hatte das aus eigenem Antrieb getan, ihrer Freundschaft zu Schumann und auch ihrer Neugier geschuldet. Es wäre eine Lüge, zu behaupten, dass ihr diese Abenteuer nicht sehr viel mehr Vergnügen bereitet hatten, als die Texte für Kataloge zu verfassen oder Vorträge zu kunstgeschichtlichen Themen zu schreiben.
In diesen Tagen saß sie an den letzten Korrekturen zu einem Buch über ihre Erlebnisse im Zusammenhang mit mehreren Kriminalfällen in Island und Irland. »Die Toten im Vulkan« hieß das Buch, das im Herbst erscheinen sollte. Geschrieben hatte sie es als eine Art Hommage und im Gedenken an ihren Freund Heinz Kröger alias Winston Stevens, einen erfolgreichen Autor von Thrillern und True-Crime-Büchern. Leider hatte er seine Arbeit an den »Toten im Vulkan« nicht beenden können, und so hatte der Verlag Anna gebeten, das Buch anstelle von Kröger zu schreiben, da sie in diese Fälle involviert gewesen war. Morgen musste sie das Manuskript abgeben. Die Zeit lief ihr davon. In wenigen Tagen würde sie Hannover verlassen und für mehrere Monate in Dublin leben. Am Trinity College sollte sie ab Mitte Juni Gastvorträge über diverse kunstgeschichtliche Themen halten, und dafür benötigte sie ältere Unterlagen, was sie zu der Aufräumaktion veranlasst hatte. Und natürlich würde man sie dort auch zu ihren Kriminalfällen befragen, darunter der Moormann im Moor bei Cuxhaven, mit dessen Geschichte ein irischer Kartograf aus dem 18. Jahrhundert eng verknüpft war, und das »Book of Thor«, das Werk eines irischen Mönchs aus dem 11. Jahrhundert, der lange Jahre auf Island gelebt und dort sein Buch über isländische Mythen verfasst hatte. Um dieses Werk ging es vor allem in dem von ihrem Freund Heinz Kröger übernommenen Buch, das im Oktober seine Premiere in der isländischen Botschaft in Berlin erleben sollte.
Eines ihrer großen Themen aber waren seit jeher Kunstfälschungen. Anna galt inzwischen auf dem Gebiet als Expertin. Vor einigen Monaten hatte ihr Freund Richard Bernhard, der in Hannover trotz aller Krisenzeiten wie der Pandemie und des wachsenden Mangels an Personal ein gut gehendes Antiquitätengeschäft besaß, sie um ihre Expertise gebeten. Für seine Fernsehshow »Gutes für Geld«, seit mehreren Jahren eine beliebte Sendung, die im Wechsel mit der Krimiserie »Die vergessenen Toten« im Vorabendprogramm eines renommierten Senders lief, hatte jemand ein aus der Düsseldorfer Malerschule stammendes Bild mit einer Eifellandschaft angeboten. Angeblich aus Familienbesitz, von der Großtante geerbt, aber wegen seiner Maße von anderthalb Metern Höhe und zwei Metern Breite wohl zu wuchtig für die kleine Wohnung des potenziellen Verkäufers in Berlin.
Anna hatte sehr rasch erkannt, dass dies eine gekonnte Fälschung im Stil von Carl Friedrich Lessing war, dessen »Felsenschloss« in der Berliner alten Gemäldegalerie hing. Der Anbieter zog das Bild zurück, aber zu spät. Der Schwindel flog auf, und das Gemälde »Blick auf Maria Laach« entpuppte sich als ein Bild aus einer ganzen Reihe von gefälschten Kunstwerken der Düsseldorfer Schule in seinem Atelier. Der Fälscher saß für einige Jahre ein. Er war durchaus talentiert. Ein vergeudetes Talent!
Richard wunderte sich nicht mehr, dass dieser Mann sein Bild einer Fernsehshow und nicht einem Kunsthändler oder Museum angeboten hatte. Die Bilder von Lessing erzielten bis zu zehntausend Euro. Für die Händler bei »Gutes für Geld« lag eine solche Summe am oberen Ende ihrer finanziellen Möglichkeiten.
Anna stöhnte. Sie hatte mehrere Kartons mit alten Dokumenten gefüllt, ihre Kontoauszüge in drei Aktenordern abgeheftet, zwei Kisten mit Büchern in einer Ecke des Wohnzimmers zum Verkauf abgestellt und machte sich nun an Briefe, die ihre Schreibtischschublade verstopften. Viele Umschläge waren ungeöffnet geblieben. Ihre Rechnungen hatte sie immer brav bezahlt, aber oft kamen Briefe mit Anfragen, Werbeangeboten, Beschwerden oder Bitten an sie, die sie schnell weglegte und zu öffnen vergaß.
Kuvert um Kuvert riss sie mit dem vergoldeten Brieföffner auf, den ihr Richard im vergangenen Jahr zum fünfundfünfzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Sie schämte sich ein bisschen, dass sich darunter mehrere Jahre alte Anschreiben befanden. Eines stammte von einem Studenten aus Hamburg, der Anna bat, ihm für seine Doktorarbeit Tipps zu geben:
»Mein Thema lautet: ›Mordende Künstler im Spiegel ihrer Werke‹«, stand in dem Brief. »Bei meinen Recherchen bin ich natürlich auf Caravaggio und Marlowe gestoßen. Aber kennen Sie den italienischen Maler Marco de Lucio, der um 1600 in Bologna lebte und seine insgesamt vier Ehefrauen ermordete? Sie waren ursprünglich alle seine Modelle.« Das Datum dieses Schreibens war der 11. August 2019.
Peinlich, dachte Anna, das wäre interessant gewesen. Sie würde recherchieren, ob diese Arbeit je veröffentlicht wurde. In ihrem Hinterkopf formte sich eine vage Idee, dies zur Basis für ein weiteres True-Crime-Buch zu machen. Dann allerdings in Absprache mit Klas Grünfeld, dem Hamburger Studenten.
Ein anderer Brief vom 28. Oktober 2016 berief sich auf einen Vortrag Annas in der Leibniz-Bibliothek in Hannover. Der Verfasser, ein gewisser M. K., beschuldigte Anna, den Vortrag über Landkarten zur Zeit der hannoverschen Könige auf dem englischen Thron aus einem Buch abgeschrieben zu haben. Anna hatte noch nie etwas von diesem Werk mit dem Titel »Karten für Könige« gehört, das er 2014 als Book-on-Demand veröffentlicht habe. Sie legte das Schreiben in einen Korb mit der Aufschrift »Unnötiges«.
In einem dritten Brief vom 1. Mai 2015, den Anna ganz unten in dem Haufen entdeckte, empfahl ihr eine Dame mit Namen Erna Stuhr, sich mehr mit moderner Kunst zu befassen. »Ich schätze Ihre Vorträge zwar, und Ihre Texte in dem Katalog zu der Düsseldorfer Ausstellung über Straßenszenen aus dem 17. und 18. Jahrhundert fand ich ausgezeichnet. Aber warum vermeiden Sie die abstrakte Kunst?«
Anna fühlte sich nicht schuldig. Sie schätzte jede Art von Kunst. Ihre Spezialgebiete umfassten aber nun einmal die europäische Kunst vom Spätmittelalter bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert. Seufzend schob sie den Brief zurück in den Haufen. Am liebsten hätte sie diesen Packen mit etwa fünfzig Umschlägen gleich im Altpapier entsorgt.
Sie beschloss, noch ein paar der Briefe anzusehen und dann alle in einen Sack zu stopfen und wegzuwerfen, samt den zehn Beschwerdebriefen in dem Extrakorb. Vielleicht sollte sie das in ihrem Institut mit Hilfe eines Reißwolfs erledigen.
Sie zog noch ein paar Umschläge aus dem Konvolut. Dabei purzelte einer auf den Boden. Anna hob ihn auf. Er war in Bonn abgestempelt, am 11. Juni 2017. Die Absenderadresse lautete: Anja Großknecht, c/o Glas, Argelanderstraße, Bonn. In der Argelanderstraße hatte Anna vor mehr als dreißig Jahren auch gewohnt, als sie nach ihrem Studium für einige Zeit in der Bundeskunsthalle gearbeitet hatte.
Gespannt riss sie den Umschlag auf. Darin lagen ein Brief, ein weiteres handschriftlich beschriebenes Stück Papier und ein Foto. Anna entfaltete den Brief. Er war mit dem Computer verfasst, die Unterschrift per Hand hinzugefügt.
Sehr geehrte Frau Dr. Bentorp,Sie werden sich nicht mehr an mich erinnern. Ich war im März 2015 im Rheinischen Landesmuseum bei Ihrem Vortrag über Kunstfälschungen in der Antike, ein sehr spannendes Thema. Kurz danach begann ich mit der Recherche für meine Doktorarbeit bei Professor Strobel an der Uni Bonn über Wandmalereien in der Kirche Sankt Agnes & Sankt Vinzenz in Trondorf. Diese Kirche wurde im Jahre 1098 erstmals erwähnt. Schon damals galten die Fresken der Kirche als außergewöhnlich, vergleichbar mit den Fresken in Ravenna. Wenig später entstand in der Nähe eine Kapelle, deren Wandmalereien ebenfalls berühmt waren. Leider wurde diese Marienkapelle 1744 durch einen Brand weitgehend zerstört, wobei Reste der Kapelle stehen geblieben sind, die es wert wären, genauer untersucht zu werden. Die Kirche dagegen trug damals nur einige Brandschäden davon, die rasch behoben wurden. Zeitweise benutzten die französischen Besatzer sie zwischen 1803 und 1812 als Stall. Die Wandmalereien waren einige Jahre zuvor von den Nonnen eines zur Kirche gehörenden Klosters übertüncht worden, sodass ein Großteil der Wandmalereien erhalten blieb. Nicht alle stammen aus dem Mittelalter, aber die meisten gehen bis ins 13. und 15. Jahrhundert zurück. Das Gebäude wurde in späteren Jahrzehnten mehrmals restauriert und im Zuge dieser Arbeiten ein Teil der verblassten Wandmalereien farblich aufgefrischt.
Professor Strobel wollte, dass ich den Fokus meiner Arbeit auf die Zeit nach 1800 richte – was war damals noch von den Wandgemälden übrig, welche konnten gerettet und restauriert werden?
Schlimmer hat es die kleine Kapelle getroffen. Dort gab es laut einem Dokument aus dem 15. Jahrhundert, das ich in der kleinen Bibliothek der Kirche entdeckte, einst eine Wandmalerei mit der Szene von Mariä Himmelfahrt. Davon sieht man nur noch einige verblasste Engelsfiguren und zwei im Vordergrund kniende, gesichtslose Figuren. Es würde sich lohnen, die Marienkapelle zu restaurieren. Aber es fehlt das nötige Geld.
Bei meinen Recherchen stieß ich vor gut einer Woche auf einen Brief vom Juni 1801. Er lag in einer Kirchenchronik, in der ich Details zur Kirchengeschichte suchte. Zunächst legte ich diesen Brief beiseite. Doch dann fiel mir das Datum auf. Trondorf, am 12. Juni 1801. Laut einer Chronik war der damalige Pfarrer der Gemeinde, Bernhard von Brambeck, verschwunden, ebenso sein Neffe, der bei ihm als eine Art Assistent lebte. Und ein Kirchenschatz aus Groß Sankt Martin in Köln, der während der französischen Besatzung des Rheinlands in Trondorf vorübergehend in einem Versteck aufbewahrt werden sollte, um später in ein Kloster im Sauerland gebracht zu werden, war laut den Angaben einer anderen Chronik zu diesem Zeitpunkt geraubt worden. In dieser chaotischen Zeit waren große Teile des Domschatzes und der goldene Schrein mit den Reliquien der Drei Könige aus Köln ausgelagert und auf verschiedene Standorte verteilt worden. In die Kirche von Trondorf brachte man ein Kreuz aus dem 13. Jahrhundert und einen Kelch aus dem frühen 14. Jahrhundert zur Aufbewahrung. Dazu eine Patene aus Gold, eine Monstranz und einen kleinen Beutel mit Halbedelsteinen. Alle diese Objekte wurden seit Juni 1801 nicht wieder gesehen.
Als Mittäter des Raubes galt der junge Priester Matthias Goschen, dessen Leiche man am 14. Juni im Siebengebirge fand. In seiner Hosentasche steckte, wie es in dem Kirchendokument heißt, ein Halbedelstein. Damit schien der Fall klar. Matthias hatte bei dem Diebstahl geholfen und war von seinen Kumpanen getötet worden, die entweder die Beute für sich allein wollten oder ihm nicht trauten.
Die anderen Täter kannte man nicht und fahndete nicht weiter nach ihnen. Man beerdigte Matthias außerhalb des Friedhofs. Die gestohlenen Objekte tauchten nicht mehr auf, und in diesen unruhigen Zeiten vergaß man das Ganze irgendwann. Den Verlust vor allem des Kreuzes nennt der Chronist »furchtbar«, aber dabei blieb es. Nun habe ich dieses Schreiben vom Juni 1801 gefunden, das die Sache in einem neuen Licht erscheinen lässt.
Liebe Frau Bentorp, da Sie Erfahrung haben mit Kunstraub und dem Thema Fälschungen, wende ich mich an Sie. Vielleicht interessiert Sie dieser Fall, auch wenn er mehr als zweihundert Jahre zurückliegt. Professor Strobel zeigt daran kein Interesse. Einen Raub und einen Mord, die nicht in direktem Zusammenhang mit der Thematik seines Forschungsprojektes stehen, negiert er. Diese Altfälle seien unwichtig, und das Kreuz aus Groß Sankt Martin hält er ohnehin für wenig wertvoll. Dutzendware, nennt er es. Darin irrt er. Ich habe Ihnen ein Foto eines Kreuzes beigelegt, das um dieselbe Zeit wie das Kreuz aus Groß Sankt Martin in einer Werkstatt am Niederrhein angefertigt wurde und heute in den Cloisters in New York zu sehen ist. Ich habe es im Internet abgebildet gefunden. Das Trondorfer Kreuz beziehungsweise das Kreuz aus Groß Sankt Martin trägt den Beinamen »Das Schwarze Kreuz«, da darin wohl zwei sehr dunkle, fast schwarze Saphire eingearbeitet sind. Anders als sein »Vetter«, das Kreuz aus Sankt Pantaleon, das in den Cloisters in New York ausgestellt ist und vom selben Goldschmied gefertigt wurde.
Ich füge eine Kopie des Briefs von Matthias Goschen bei. Bitte melden Sie sich bei mir, falls Sie Interesse daran haben. Ich glaube, dass Matthias unschuldig war und zum Bauernopfer wurde. Ein spannender Altfall, auf den vielleicht das Studium der Kirchenbücher aus jener Zeit ein Licht werfen könnte. Die Frage bleibt: Wo ist das Kreuz? Was ist damals wirklich geschehen? Wer war der Drahtzieher hinter diesen Verbrechen?
Wahrscheinlich ist es jetzt zu spät für eine Lösung dieses Falls. Doch Sie könnten vielleicht Ihre Verbindungen nutzen, um nach dem geraubten Kreuz zu forschen. Es mag noch Spuren geben, auf dem Schwarzmarkt oder in einem Museum, das sich mit der Provenienz mancher Objekte nicht allzu intensiv befasst. Der Kelch dagegen ist nicht sehr viel wert. Laut der Chronik ist er nur vergoldet und tatsächlich eine Art Dutzendware aus dem 17. Jahrhundert. Aber vielleicht kann der Priester Matthias Goschen durch eine erneute Beschäftigung mit diesem Raub rehabilitiert werden, falls er wirklich unschuldig sein sollte. Ich werde ebenfalls ein wenig weiterforschen.
Ich freue mich auf Ihre Antwort!
Mit freundlichem GrußAnja Großknecht
Anna fasste sich an den Kopf. Weshalb hatte sie diesen Brief übersehen? Wahrscheinlich mit einem Haufen Kuverts in eine Ecke ihres stets unordentlichen Schreibtisches geschoben, vielleicht in der Absicht, ihn irgendwann zu lesen. Sie ärgerte sich über sich selbst.
An eine Anja Großknecht vermochte sie sich nicht zu erinnern. Nach dem besagten Vortrag hatte sie mit mehreren Studenten geredet, deren Namen ihr entfallen waren. Aber das war immerhin zehn Jahre her.
Anna entfaltete das beigefügte Dokument und warf einen Blick auf das Foto. Ein wunderschön gearbeitetes Kreuz aus Gold, besetzt mit Halbedelsteinen, etwa dreißig Zentimeter hoch. Das also wurde in den Cloisters ausgestellt. Es stammte, wie auf einem angeklebten Post-it stand, aus der Goldschmiedewerkstatt eines gewissen Ambrosius Bauernfreund aus Kevelaer. Wenn es das Pendant zu dem Kreuz aus Groß Sankt Martin war, musste das geraubte Kreuz einen erheblichen Wert besitzen.
Annas Neugierde war geweckt. Sie rief die Internetsuche auf und fand tatsächlich einen Vermerk:
»Ambrosius Bauernfreund, geboren 1278 in Kevelaer, gestorben 1322 in Köln, war bekannt für seine Goldschmiedearbeiten für mehrere Kirchen und Klöster im Rheinland. Zu seinen Meisterstücken zählen zwei Kreuze für die Kirchen Groß Sankt Martin und Sankt Pantaleon in Köln. Das Kreuz aus Sankt Pantaleon wird heute in den Cloisters in New York aufbewahrt, das Kreuz aus Groß Sankt Martin ist unter der französischen Besetzung des Rheinlands um 1801 verschwunden. Es galt als einzigartig in seiner Zeit, da Bauernfreund diverse Edel- und Halbedelsteine dafür verwandte, darunter sehr dunkle Saphire. Bauernfreund befand sich 1322 in Köln auf einer Pilgerreise, als er unter mysteriösen Umständen zu Tode kam. Seine Werkstatt erbte ein Neffe, der sie aber bald darauf verkaufte.«
Das »Weiße Kreuz« in den Cloisters, so genannt wegen seiner vielen hellen Schmucksteine, war in der Tat ein Meisterstück, und das legendäre Schwarze Kreuz war dementsprechend keinesfalls Dutzendware, wie dieser Professor Strobel, den Anna nicht kannte, behauptete.
Anna gab einige Details zu dem Kreuz ein, doch ohne Resultat. Und gewiss hatte Anja dies auch schon recherchiert. Wahrscheinlich war dieses Kreuz damals zu einem guten Preis an einen Liebhaber verkauft worden und befand sich seither in Privatbesitz.
Erst vor Kurzem hatte sie die Provenienz einer Heiligenstatue herausfinden können, die im 19. Jahrhundert aus einem süddeutschen Kloster verschwunden war. Der jetzige Besitzer wollte den Wert dieses heiligen Antonius, der sich seit mehr als einhundert Jahren im Besitz seiner Familie befand, schätzen lassen, konnte aber nicht angeben, woher die Statue stammte. Der Experte im Museum in Köln zog Anna hinzu, und gemeinsam erkundeten sie die Herkunft der wertvollen Schnitzarbeit aus dem 15. Jahrhundert. Inzwischen befand sich die Statue wieder in dem Kloster, aus dem sie im Jahr 1887 von dem damaligen Koch gestohlen worden war. Der zwischenzeitliche Eigentümer hatte auf alle möglichen Rechte verzichtet – jener diebische Koch hatte den heiligen Antonius wohl zu einem guten Preis an den Urgroßvater des Interimsbesitzers verkauft und war auf Nimmerwiedersehen verschwunden.
Anna betrachtete noch einmal das Foto des Kreuzes aus den Cloisters. Dieser Ambrosius Bauernfreund musste in der Tat ein Meister der Goldschmiedekunst gewesen sein. Wie das Kreuz aus Sankt Pantaleon nach New York gelangt war, konnte sie nicht so rasch ergründen. Aber es ging erst einmal um die Geschehnisse in Trondorf vor mehr als zweihundert Jahren.
Sie nahm sich das beigefügte Dokument vor. Es war nicht ganz einfach zu entziffern. Doch immerhin in klarem Deutsch verfasst.
Ich schreibe diese Zeilen in höchster Pein. Mein Gewissen treibt mich, bei Nacht und Nebel die Kirche, die Gemeinde und das Dorf zu verlassen. Denn entweder mache ich mich zum Mittäter eines ruchlosen Diebstahls, oder ich werde durch einen Verrat meines lang gehüteten Geheimnisses mit Schimpf und Schande aus meinem jetzigen Leben verjagt. Es bleibt mir nur, freiwillig zu gehen, aber ich muss Euch, Monsignore, warnen, dass der Raub der Kölner Kirchenschätze für eine der nächsten Nächte geplant ist.
Die nächsten Sätze konnte Anna nicht lesen. Die Tinte war verschmiert. Es wirkte, als habe Matthias hastig versucht, den Brief zu Ende zu bringen, und dabei mit der Hand die Tinte verwischt. Dann wurde die Schrift wieder leserlicher.
Glaubt mir, dass ich nichts mit diesem Komplott zu tun habe. Nie würde ich mich an Kirchengut vergreifen. Mein Gewissen ist in dieser Hinsicht rein. Was mich aber quält, ist, dass ich Euch nicht schon längst von den Machenschaften berichtet habe, derer ich gewahr wurde. Doch mehr kann ich nicht preisgeben. Ich verlasse Trondorf noch heute früh. Wohin mich mein Weg führt, ahne ich nicht. In mein Heimatdorf kann ich nicht zurück. Ich werde nach Norden gehen.
Traut niemandem! Haltet ein Auge auf die Schätze. Es wäre besser, sie rasch aus der Kirche fortzuschaffen. Sie sind hier nicht sicher.
Gott sei mit Euch!Euer ergebener Matthias Goschen
Am Rand des Schreibens entdeckte Anna braune Flecken, die ihrer Einschätzung nach Blut sein konnten. Offenbar hatte der Empfänger den Brief nicht erhalten. Denn der Raub fand statt, Matthias wurde nur wenige Meilen von Trondorf im Siebengebirge tot aufgefunden, und der Pfarrer Brambeck war am Tag nach dem Raub ebenfalls verschwunden. Wie der Brief von Matthias in das Kirchenbuch gelangt war, konnte wohl niemand mehr sagen. Und was genau in jener Nacht geschehen war, lag im Dunkel der Vergangenheit.
Anna war unklar, weshalb Anja Großknecht sich so sehr für diesen Fall interessierte. Was faszinierte sie an dem Tod des jungen Priesters? Und das Schicksal des geraubten Kreuzes aufzuklären, war wohl ein hoffnungsloser Fall.
Anna steckte nachdenklich die beiden Briefe und das Foto zurück in den Umschlag. Obwohl sie vor ihrer Abreise noch alle Hände voll zu tun hatte und am heutigen Nachmittag für die Monate ihrer Abwesenheit eine Kollegin vom Landesmuseum als Untermieterin erwartete, beschloss sie, Anja zu kontaktieren. Das Schreiben war acht Jahre alt, die Adresse und die anderen Daten waren gewiss längst nicht mehr gültig, dennoch wählte sie die Nummer auf dem Handy, die Anja in ihrem Brief angegeben hatte.
Umso überraschter war sie, als eine weibliche Stimme antwortete: »Ja?«
»Anja Großknecht?«, fragte Anna.
Ein leises Lachen. »Da kommen Sie sieben Jahre zu spät. Anja Großknecht gibt es nicht mehr.«
Die Grabungen im Umkreis der alten Kapelle nahmen Tempo auf. Seit gut zwei Monaten leitete der Kunsthistoriker und Mittelalter-Experte Arnold Reiners die neue Grabungskampagne. Es hatte mehrere Jahre gedauert, bis das Projekt, das vor acht Jahren zum Stillstand gekommen war, wieder in die Gänge kam. Arnold Reiners, sein Assistent Silvester Geermann, zwei studentische Hilfskräfte und ein Architekturstudent wurden von zwei Bauarbeitern unterstützt, die fachkundig im Umfeld der Ruine Stichproben nahmen und erste Proben des Erdreichs untersuchten.
Man hoffte, im Rahmen dieses Projekts, das von den Universitäten Bonn und Köln gefördert wurde, vor allem Gräber zu finden, die ein Licht auf die Zeit zwischen 1700 und 1801 werfen könnten, jener Zeit der französischen Besetzung des Rheinlands. Konkret hatte Reiners den Auftrag, bei der Kapelle nach verlorenen Grabrelikten zu suchen und zu erforschen, was eine zumindest teilweise Erneuerung der Kapelle, die seit fast dreihundert Jahren nur noch aus Mauerresten, einem Altarraum und einem gut erhaltenen Eingangsportal bestand, beinhalten würde.
Ein neu gegründeter Verein in Trondorf hatte seine finanzielle Unterstützung für angedachte Renovierungsarbeiten an der Kapelle zugesagt. Noch war in dieser Hinsicht nicht viel geschehen, denn die Kapelle galt zwar nicht als komplett einsturzgefährdet, aber als wenig zuverlässiges Terrain.
Reiners, ein ruhiger, zurückhaltender Mann in mittleren Jahren, seit zehn Jahren Professor an der Universität Bonn, hatte lange mit dem Bauamt und der Denkmalschutzbehörde gerungen, ehe ihm der Auftrag erteilt wurde, die 2017 eingestellten Grabungen weiterzuführen. Bisher war man im Umfeld der Kapelle auf zwei Gräber aus dem 18. Jahrhundert gestoßen und auf einen Grabstein ohne Grab, dessen Inschrift wenig hermachte und fast völlig verwittert war. Nur die Jahreszahl war noch erkennbar: 1816. Man hatte zudem ein Grab aus dem Spätmittelalter entdeckt.
An diesem Tag sollte in der Kapelle sehr vorsichtig die Belastbarkeit der Mauern überprüft werden. Silvester Geermann und der Architekturstudent Hubert Fischer hatten vor, den Boden im Inneren zu untersuchen, der aus Marmorfliesen bestand. Ein Statiker sollte später dazustoßen.
Der Diakon der Gemeinde saß im Gemeindebüro und schrieb an einer Taufpredigt. Gregor Bauers war seit fast zwanzig Jahren im Amt. Er unterrichtete außerdem am Trondorfer Gymnasium, hatte sich aber nach einer längeren Erkrankung bis zum Sommer beurlauben lassen.
Am Sonntag sollte Amelie, das fünfte Kind der Familie Merheim, getauft werden. Eine Nachzüglerin, aber umso heißer begehrt. Die vier älteren Brüder hatte Bauers auch getauft. Vater Merheim war ein Kollege von ihm und unterrichtete am Gymnasium Geschichte und Englisch. Er fungierte als Berater für den historischen Hintergrund der Grabungen, die vor inzwischen zwei Monaten wieder aufgenommen worden waren.
»Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem«, hatte Bauers gerade als Taufspruch aus Paulus, Römer 12,21 aufgeschrieben, da klingelte das Telefon. Typisch, dachte er, immer wenn es nicht passt. Sein Handy hatte er auf lautlos gestellt, doch der Festnetzanschluss im Gemeindebüro ließ sich nicht so einfach ignorieren.
»Bauers«, meldete er sich und schob seinen Kugelschreiber quer über den Schreibtisch. Dabei machte er kratzende Geräusche, die an einen Fingernagel auf einer Schiefertafel erinnerten. Bauers schauderte und legte den Stift auf seinen Notizblock.
Die Stimme am anderen Ende kannte er nicht, aber seltsamerweise sagte ihm der Name der Anruferin etwas. Vor anderthalb Jahren war er bei einem Vortrag im Rheinischen Landesmuseum in Bonn zu Gast gewesen. Die Referentin hieß Anna Bentorp und hatte mit Humor und Sachkenntnis unter dem Motto »Das falsche Varusschwert« über Fälschungen in der Antike gesprochen. Nach dem Vortrag hatte sie launig über ihre eigenen Erfahrungen mit Verbrechen in der Kunstszene berichtet. Sie war eher durch Zufall zu ihrem Vortragsthema gekommen, was mit einem Fall zu tun hatte, bei dem in ihrem Kölner Haus ein Skelett aus der Römerzeit entdeckt worden war. Aber das war nur eine der vielen Geschichten, die Anna an dem Abend zum Besten gab.
Am meisten hatte Bauers ihre Geschichte über den verschollenen Uccello gefallen, das mysteriöse Verschwinden einer Darstellung des heiligen Georg dieses Renaissance-Künstlers. Das hatte ihn daran erinnert, dass unter der schützenden Kalkschicht in »seiner« Kirche jahrzehntelang ein Wandgemälde mit dem Drachentöter verborgen gewesen war, entstanden um 1400. Die Stiftsdamen des zur Kirche gehörenden kleinen Benediktinerinnenklosters hatten um 1796 in weiser Voraussicht diese und andere Wandmalereien unter weißer Tünche versteckt. Dem heiligen Georg war zwar ein Teil seines Drachens abhandengekommen, doch in nächster Zeit war geplant, diesen Schaden zu beheben und den Drachen wiederzubeleben.
»Frau Bentorp? Sind Sie es wirklich?«, fragte Bauers und lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück. Die Predigt hatte Zeit. Er vernahm ein leises Lachen.
»Lieber Diakon Bauers, wie schön, Ihre Stimme zu hören«, erwiderte sie. »Ich wollte mich schon lange bei Ihnen melden. Vor bald zehn Jahren war ich in Ihrer Kirche bei einer Hochzeit und hatte vor, mal in aller Ruhe vorbeizukommen.« Sie stockte.
Bauers spürte eine leichte Unruhe. In seiner direkten Art fragte er: »Und? Weshalb melden Sie sich heute?«
Anna Bentorp schwieg eine Sekunde. Dann sagte sie: »Ich bin eigentlich auf dem Weg nach Dublin, wo ich für einige Monate als Gastdozentin am Trinity College unterrichten darf.«
Bauers konnte ein vages Gefühl des Neids kaum unterdrücken. Seit Jahren plante er eine Reise in die irische Hauptstadt, um in der berühmten Bibliothek des Trinity College das legendäre »Book of Kells« endlich einmal selbst zu betrachten. Er hatte viel darüber gelesen, und im irischen Generalkonsulat in Frankfurt hatte vor einigen Jahren ein renommierter Wissenschaftler und Fachmann für illuminierte Werke einen Lichtbildervortrag darüber gehalten. Aber immer wenn er eine Reise nach Dublin geplant hatte, war Bauers etwas dazwischengekommen, wobei er nicht unzufrieden sein durfte. Er führte kein Leben als Heimchen am Herd. Gerade erst hatte er mit einer kleinen Gruppe aus seiner Gemeinde die Insel Patmos besucht, wo einst der heilige Johannes lebte und wirkte. »Glückwunsch«, sagte er daher.
Anna lachte wieder. »Ja, aber wie das vor größeren Unternehmungen so ist, habe ich endlich einmal die Chance genutzt, bei mir aufzuräumen. Und da bin ich auf einen alten Brief samt der Kopie eines Dokuments und einem Foto gestoßen, die mit Ihrer Kirche zu tun haben.«
Der Diakon setzte sich auf. Das klang verheißungsvoll. »Bitte reden Sie weiter!« Er goss sich ein Glas Wasser ein und trank in kleinen Schlucken, während er zuhörte.
»Erinnern Sie sich an diese Grabungen bei der Kapelle vor rund acht Jahren? Ein gewisser Professor Eberhard Strobel führte die Aufsicht. Mehrere Studierende halfen als Assistenten. Es ging Strobel, soweit ich damals aus der Fachliteratur erfahren habe, vor allem um die alten Gräber und die zerstörte Kapelle, in der er zumindest noch Spuren ehemaliger Fresken zu finden hoffte.«
Bauers unterbrach Anna. »Ja, er entdeckte tatsächlich einen Grabstein, der heute im Rheinischen Landesmuseum ausgestellt ist. In der Kapelle waren seine Arbeiten leider nicht erfolgreich, da dort die wenigen Überreste der Wandmalereien kaum mehr zu restaurieren sind. Und die Kapelle hat statische Probleme. Es gab einige unangenehme Vorfälle während der Grabungen, und nicht nur deshalb, sondern auch aufgrund der Kosten wurde das Projekt 2017 ad acta gelegt. Doch es gibt jetzt wieder neue Gelder, und diesmal geht es um die Gräber rund um die Kapelle und um das alte Gemäuer selbst, dessen Baufälligkeit gerade überprüft wird. Ein Grab aus dem Mittelalter, das vor Kurzem durch Zufall entdeckt wurde, hat das Interesse an den Grabungen belebt. Allerdings lagen darin keine Schätze.«
»Was hat man denn in dem Grab gefunden?«, fragte Anna.
»Außer einigen Knochen und einer Gürtelschnalle nichts Aufregendes. Doch vielleicht ergibt sich noch mehr. Zurzeit leitet Arnold Reiners aus Bonn das Projekt. Und ein Archäologe aus Berlin soll sich demnächst die Kapelle anschauen und die unterirdischen Teile des Gebäudes untersuchen. Es wird sogar von einem Geheimgang gemunkelt, aber solche Ruinen laden immer zu wilden Spekulationen ein. Von Geistern hört man auch gelegentlich.«
Bauers holte Luft, was Anna nutzte, um den Faden wieder aufzunehmen. »Herr Diakon, erinnern Sie sich an eine studentische Hilfskraft namens Anja Großknecht, die 2017 bei den Arbeiten dabei war und an einer Doktorarbeit über die Wandmalereien schrieb?«
Es dauerte einige Sekunden, bis Bauers antwortete. »Wenn mich meine Erinnerung nicht völlig trügt, ist das die junge Frau, die im Sommer 2017 wie vom Erdboden verschluckt verschwand. Sie kam eines Morgens, das muss Mitte Juni gewesen sein, nicht mehr zu den Grabungen und wurde nicht mehr gesehen, hat sich nach Angaben von Projektleiter Strobel nie offiziell abgemeldet und warf ihre Doktorarbeit ebenfalls hin.«
Bauers atmete tief ein. Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen. Dann sagte er: »Ich weiß nicht mehr genau, was geschehen ist. Die Arbeiten endeten um diese Zeit. Strobel zog sich zurück, zumal das Gerücht ging, Anjas Verschwinden habe auch mit ihm zu tun. Er lebt heute in Münster und hat seit 2017 keine Projekte mehr betreut. Aber Einzelheiten weiß ich nicht mehr. Es stand damals einiges in den Medien. Das könnte ich für Sie herausfinden, falls es wichtig ist.«
Anna räusperte sich. »Es wäre schön gewesen, mit Anja Kontakt aufzunehmen. Sie hat mir 2017 geschrieben und von dem Kunstraub im Jahr 1801 berichtet, bei dem wertvolle Gegenstände aus Groß Sankt Martin, für eine Übergangszeit aufbewahrt in Sankt Agnes & Sankt Vinzenz in Trondorf, entwendet wurden. Diese Preziosen hatte man vor den Übergriffen der französischen Besatzer schützen wollen. Ein Kreuz, ein Kelch, eine Monstranz und eine Patene. Anja hatte ein Dokument entdeckt, das darüber Aufschluss gibt.«
»Ja, damals soll der junge Gemeindepriester Matthias Goschen gemeinsam mit drei Kumpanen diesen Raub geplant und ausgeführt haben«, sagte Bauers. »Goschen fand man tot im Siebengebirge, seine angeblichen Gefährten und seltsamerweise auch der damalige Gemeindepfarrer Bernhard von Brambeck waren verschwunden. Und leider sind diese Sakralobjekte, die von beträchtlichem Wert waren, nie wiederaufgetaucht. Aber das steht alles in unserer Broschüre zur Historie der Kirche, die ich Ihnen gerne zusende.«
Anna klang ungeduldig, als sie Bauers ins Wort fiel. »Genau darum geht es. Frau Großknecht glaubte, anhand der von ihr aufgefundenen Dokumente beweisen zu können, dass dieser junge Priester, Matthias Goschen, kein Mittäter war, sondern unschuldig und selbst ein Opfer. Es lag ihr wohl am Herzen, dass sein Fall noch einmal begutachtet würde. Offensichtlich ging es um ein geschickt ausgeklügeltes Komplott, bei dem Goschen das Bauernopfer war. Aber der Fall wurde aufgrund der politischen Unruhen nicht weiterverfolgt. Goschen galt als Täter, und den anderen kam man nicht auf die Spur. Das Kreuz zählt zu den vielen sakralen Kostbarkeiten, die in jenen Jahren verloren gingen. Anja hat ihrem Schreiben ein Foto beigelegt, das ein ähnliches Kreuz zeigt. Es liegt in den Cloisters in New York und stammt wohl von demselben Goldschmied wie das verschollene Kreuz aus Groß Sankt Martin.«
Bauers nickte, was Anna natürlich nicht sehen konnte. »Ja, der berühmte Ambrosius Bauernfreund, dem man damals zahlreiche Meisterwerke in den mittelalterlichen Kirchen im Rheinland verdankte. Das Kreuz in den Cloisters hatte sich lange in Privatbesitz befunden. Ein holländischer Mäzen, der viele Jahre in New York lebte, hat es vor vierzig Jahren dem Museum geschenkt.«
»Und es kam nie die Frage auf, ob es nicht zurück nach Köln sollte?« Anna wirkte überrascht.
»Es gab eine Übereinkunft mit Köln, dass das Kreuz, das der Großvater dieses Mäzens in einem Amsterdamer Auktionshaus um 1900 erstanden hatte, am besten im Museum aufgehoben sei. Das Erzbistum und die Gemeinde erhielten von dem Stifter eine stattliche Spende. Ehemalige Kirchenschätze befinden sich ja längst überall in Museen. Unter anderem im Metropolitan Museum in Manhattan, im Kolumba in Köln und in zahlreichen anderen Institutionen findet man wunderbare Zeugnisse sakraler Kunst.« Bauers lachte. »Doch in den Kirchen der Welt mangelt es dennoch nicht an Kunstwerken, auch wenn man meinen sollte, dass in den Vitrinen der großen Museen solche Unmengen von Reliquien, Heiligenikonen und Kreuzen lagern, dass die Kirchen leer sein müssten.«
»Das Kreuz von Trondorf wurde aber nie wieder entdeckt?« Anna klang resigniert.
Bauers erwiderte: »Nein, es ist seit 1801 verschollen. Vielleicht längst im Besitz eines Privatsammlers oder in Einzelteile zerlegt. Es bestand aus massivem Gold, verziert mit etlichen Halbedelsteinen, aber auch einigen Rohdiamanten und zwei ungewöhnlich großen, sehr dunklen Saphiren. Gelegentlich gab es Versuche, das Kreuz zu finden. Ein Kunsthistoriker glaubte um 1890, er habe das Kreuz im Louvre gesehen. Aber das war ein Irrtum.«
»Sicher?«, fragte Anna. »Worin genau unterscheidet es sich?«
»Zu erkennen wäre es wohl außer an den fast schwarzen Saphiren an einer besonders fein gearbeiteten Christusfigur mit einigen ungeschliffenen Diamanten in der Dornenkrone auf der Rückseite. Entfernt ähnelt es dem Nordhäuser Kreuz, das Kaiser Otto III. dem Stift Nordhausen um das Jahr 1000 herum schenkte. Was den materiellen Wert betrifft, kann man nur Mutmaßungen anstellen. Es ist vor allem der ideelle Wert dieses Kreuzes, der seine Besonderheit ausmacht.«
Bauers lachte wieder. »Frau Bentorp, Sie sind schon öfter in Kriminalfälle verwickelt gewesen. Dann wird Sie vielleicht interessieren, dass Ambrosius Bauernfreund nicht, wie meist in offiziellen Biografien angegeben, eines natürlichen Todes starb. Vielmehr wurde er auf einer Pilgerreise nach Köln im Jahre 1322 erschlagen. Er wollte dem Dom nach Vollendung des Binnenchors um 1320 und nachdem 1322 der Schrein der Drei Könige in die der Muttergottes geweihte Achskapelle verbracht worden war, ein weiteres Werk aus seiner Goldschmiede schenken. Eine Monstranz, die er in den Jahren davor erschaffen hatte. In der Nähe des Wirtshauses, in dem er mit seinem Gesellen Herward und seinem Sohn Clemens abgestiegen war, fand man ihn am Morgen in seinem Blut liegen. Die Monstranz war fort, ebenso ein kostbares Kreuz.«
»Hat man herausgefunden, wer der Täter war?«
»Zunächst verdächtigte man Herward, der aber die Nacht bei einer Dame in einem Bordell am Stadtrand verbracht hatte. Auch Clemens geriet in den Verdacht, seinen Vater getötet und beraubt zu haben. Aber Clemens wurde von mehreren Zeugen am Morgen sturzbetrunken am Rhein aufgefunden. Dann fiel der Verdacht auf einen anderen Pilger, mit dem Ambrosius sich am Abend gestritten hatte. Dieser Pilger wurde gefasst, jedoch auf freien Fuß gesetzt, da ihm nichts nachzuweisen war. Der wahre Täter war aber tatsächlich Clemens, wie sich viel später herausstellte. Sein betrunkener Zustand war sein Alibi nach dem Mord. Auch wenn Clemens überführt wurde, blieben das Kreuz und die Monstranz verschwunden. Clemens hatte sie in jener Nacht seinem Komplizen übergeben, ebenjenem Pilger, der nie wiederauftauchte.«
»Woher wissen Sie das alles?«, fragte Anna.
Bauers bedauerte, dass sie sein Schmunzeln nicht sehen konnte. »Solcherlei Ereignisse haben schon immer die Phantasie der Menschen bewegt und ihre Neugierde geweckt. Es gibt dazu einige Aufzeichnungen in Chroniken aus der jeweiligen Epoche. In einer aus dem Jahr 1322 heißt es: ›Henker Adalbert hatte in jenem August reiche Arbeit.‹ Makaber, aber aufschlussreich. Ich habe mich damit vor zwanzig Jahren näher befasst.«
Etwas verlegen fuhr er fort: »Damals hielt ich eine kleine Reihe von Vorträgen zum Thema Kriminalfälle im Mittelalter im kirchlichen Umfeld, insbesondere während größerer Wallfahrten. Da kam einiges zusammen.«
Anna antwortete: »Mich überrascht nichts mehr. Letztens habe ich an einem Quiz über Kriminalfälle in der Bibel teilgenommen. Da soll es einhundertvierundachtzig klassische Morde gegeben haben. Allein König Davids Affäre mit Bathseba ist ein echter Kriminalfall. Immerhin wurde ihr Mann im Auftrag des Königs ermordet.« Nach einer kurzen Pause sagte sie: »Aber schade um Ambrosius Bauernfreund! Der war offenbar ein Meister seiner Zunft.«
Beide schwiegen einen Moment, dann sagte Anna: »Ich breche in zwei Tagen nach Dublin auf und werde eine Weile dort sein. Aber ich bin erreichbar. Und ich schicke Ihnen die Unterlagen von Anja. Hat man je herausgefunden, was mit ihr passiert ist? Hat sie Verwandte in dieser Gegend?«
Bauers seufzte: »Leider habe ich diesen Fall nicht weiterverfolgt. Anja tauchte eines Tages nicht mehr auf, Strobel erklärte auf Anfrage, sie habe sich nicht einmal korrekt abgemeldet. Die Arbeit hier ging damals nur noch wenige Wochen weiter. Strobels Assistent, ein Typ namens Fries, den ich aber nur einige Male von Weitem erblickte, übernahm den Job. Doch vier Wochen später wurde das Projekt zu Grabe getragen.«
Bauers überlegte kurz, ehe er hinzufügte: »Soweit ich weiß, hatte Anja keine Verwandten mehr im Rheinland. Ich erinnere mich vage, dass sie mal einem Kommilitonen, der hier ebenfalls als Hilfskraft gearbeitet hat, anvertraute, sie sei bei der Schwester ihres Vaters im Raum Hildesheim oder Celle aufgewachsen. Ihre Eltern waren 2001 bei einem Bootsunglück in der Nordsee ertrunken. Tragisch! Dieser Kommilitone gab die Information nach Anjas Verschwinden an den Bonner Kommissar Hermanns weiter, der damals Nachforschungen zu ihrem Verbleib anstellte. Und mir hat er es auch erzählt. Er machte sich Sorgen um Anja.«
»Falls Anja Großknecht tatsächlich im Umkreis von Hannover gelebt hat, könnte ich nachfragen, ob der Fall dort je untersucht wurde. Ich habe da gute Verbindungen«, sagte Anna.
»Tun Sie das«, ermunterte Bauers sie. »Ob Anja irgendwann wiederaufgetaucht ist oder ob dies ein ungeklärter Fall ist, das ahne ich nicht. Strobel war wenig später auch weg von der Bildfläche. Das Gerücht hielt sich, er habe Anja belästigt. MeToo oder so etwas in diese Richtung. Doch Strobel wehrte sich entschieden, setzte einen Anwalt ein und wurde nicht weiter belangt. Was nach Strobels Rückzug geschehen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Dieser frühere Kommilitone, mit dem Anja sich offenbar gut verstand, arbeitet heute im Denkmalschutzamt in Köln.«
Anna überlegte einen Augenblick. »Es interessiert mich sehr, was aus ihr geworden ist. Gerne würde ich mit ihr, wenn auch reichlich verspätet, Kontakt aufnehmen. Falls Sie oder ich irgendetwas über Anjas Schicksal erfahren, können wir uns austauschen. Wie heißt dieser ehemalige Kommilitone?«
»Gerd Steffens. Das weiß ich noch, weil ich letztens mit ihm im Rahmen der Arbeiten rund um die Kapelle zu tun hatte. Er erinnerte mich daran, dass er vor bald acht Jahren als studentische Hilfskraft hier war. Netter Kerl und nicht allzu bürokratisch.«
Bauers beendete das Gespräch und setzte sich mit einem leisen Seufzer wieder an die Predigt. Das Gespräch mit Anna Bentorp hatte Erinnerungen im Diakon wachgerufen, die er gern beiseitegeschoben hätte. Er sah Anja Großknecht vor sich, eine schmale junge Frau mit rötlichen Haaren und einem sehr ernsten Gesichtsausdruck. Oft hatte er sie nicht gesehen. Aber einmal hatte sie ihn aufgesucht und ihn um Rat gefragt. Sie habe da etwas entdeckt, das ihr zu denken gebe, ein Kirchenbuch aus dem Jahr 1801. Darin hatte sie einige Vermerke über die Franzosenzeit in Trondorf gefunden.
»Irgendetwas stimmt da nicht mit der offiziellen Darstellung überein, wer das Kreuz damals gestohlen hat«, hatte sie gesagt und Bauers sie vertröstet, da sein Terminplan mit Sitzungen zum Thema Kirchenrenovierung überquoll. Aus dem Treffen wurde nichts, weil er zwei Tage später mit seiner Frau in die Toskana reiste und Anja bereits kurz nach seiner Abreise nicht mehr bei der Grabung aufgetaucht war.
Bauers kaute nachdenklich an seinem Kugelschreiber, eine dumme Angewohnheit, die er nicht ablegen konnte. Er war gespannt, was ihm Anna schicken würde. Vielleicht kam dann Licht in diese seit acht Jahren verfahrene Geschichte. Vielleicht war aber alles nur blasse Theorie. Bauers glaubte nicht, dass das Kreuz jemals wiedergefunden würde, egal, wer es gestohlen hatte.
Falls Matthias Goschen unschuldig war, konnte man durchaus versuchen, ihn auch nach zweihundertvierundzwanzig Jahren zu rehabilitieren. Doch was würde das bringen? Goschen hatte keine Familie, soweit Bauers wusste, die sich nach so langer Zeit darüber freuen würde.
Er sah zum Fenster hinaus und bemerkte eine gewisse Unruhe bei den Studenten, die dort um die Kapelle herum arbeiteten. Gerade wollte er aufstehen und hinausgehen, um nach dem Grund für diese Aufregung zu fragen, da wurde die Tür zu seinem Arbeitszimmer aufgerissen, und Gemeindepfarrer Jochen Gibberts stürmte herein.
»Gregor!«, rief er mit hochrotem Gesicht. »Reiners hat mich eben informiert. Geermann und Fischer haben unter der Kapelle einen halb verschütteten Raum entdeckt. Und nicht nur das. Darin liegen Teile eines Skeletts!« Gibberts, der nicht mehr der Jüngste war, schnappte nach Luft.
Und für Bauers war die Arbeit an der Taufpredigt erst einmal gelaufen.
Hans Schumann war schlecht gelaunt. In seinem Büro im hannoverschen Polizeipräsidium roch es nach kaltem Kaffee und nassem Hund. Letzteres ließ sich leicht erklären. Zu Schumanns Füßen lag auf einer Zeitung ein nasses Bündel, das sich beim näheren Hinsehen als Welpe entpuppte. Ein knapp sechs Monate alter Labradoodle mit Namen Hermes, seit sechs Wochen Schumanns neuer Begleiter, nachdem dessen Vorgänger Opfer eines rücksichtslosen Porschefahrers am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer am Maschsee geworden war. Hermes hatte vorhin einen Schwimmversuch in der Leine unternommen, der damit endete, dass Schumann den kleinen Kerl aus dem trüben Wasser fischen musste. Jetzt tropfte seine Hose genauso wie Hermes, den das aber nicht weiter zu stören schien. Er schlief fest mit seiner Schnauze auf Schumanns Füßen.
Schumann hatte den Tod seines ersten Hundes intensiv betrauert und geschworen, nie wieder sein Glück einem Vierbeiner anzuvertrauen. Doch dann flog drei Monate nach dem tragischen Unglück am Maschsee ein Tierhändlerring auf, der Hunde mit gefälschten Papieren von Polen nach Deutschland importierte. Einer der Welpen, die in dem Lastwagen der Tierquäler mit traurigem Hundeblick vor sich hin starrten, war der kleine Labradoodle, den Schumanns Kollege aus dem Wagen geholt hatte und mit dem er direkt in Schumanns Büro marschiert war.
»Du brauchst dringend einen neuen Hund«, erklärte der Kollege, und ehe Schumann widersprechen konnte, hockte der kleine Kerl vor ihm und sah ihm direkt in die Augen und ins Herz. Das jedenfalls erzählte der inzwischen zum Ersten Kriminalhauptkommissar ernannte Schumann seiner Freundin Anna Bentorp, mit der er mindestens einmal pro Woche telefonierte. Und genau darin lag die Wurzel von Schumanns schlechter Laune.
Draußen schien die Sonne, ein sanfter Wind wehte, aber Schumann empfand eine unangenehme Leere. Seit Anna verkündet hatte, sie würde ab Mitte Juni Sommerkurse in Dublin abhalten und wahrscheinlich erst nach dem Herbsttrimester kurz vor Weihnachten auf Urlaub nach Hannover zurückkehren, fühlte er sich verraten und verkauft. Wie konnte sie ihm das antun? Jaja, man würde häufiger telefonieren, skypen und zoomen. Aber das ersetzte nicht ihre Treffen und Gespräche bei einem Glas Wein oder einem Kaffee mit Kuchen.
Und Annas Aussage, nach ihren letzten Abenteuern mit den Toten auf Island – darunter ein Freund von ihr – wolle sie in der Praxis nie wieder mit Verbrechen zu tun haben, traf ihn tief.
Er hatte die promovierte Kunsthistorikerin Anna bei einem Fall in der Nähe von Bresterholz, einem Ort zwischen Cuxhaven und Stade, kennengelernt, ehe er von dort nach Hameln und schließlich nach Hannover versetzt wurde. Es ging um einen geheimnisvollen Moormann und eine damit verbundene Kriminalgeschichte aus dem 18. Jahrhundert. Nach ihren Anfangsschwierigkeiten, als er Anna erst aus Spott, dann aus Respekt eine »Miss Marple« genannt hatte, waren sie ein gutes Team geworden.
Im letzten Jahr hatten sie einen gemeinsamen Ausflug nach Bresterholz unternommen, wo einst der mysteriöse Moormann gelebt und Annas und Schumanns Freundschaft begonnen hatte. Er vertraute ihrem Instinkt und ihrem Wissen auf kulturellem Gebiet und schätzte ihre manchmal ziemlich verrückten Einfälle sehr. Anfänglich hatte er sich sogar eine engere Beziehung zu ihr vorstellen können. Doch dann war Richard Bernhard dazwischengegrätscht, mit dem Anna seit acht Jahren mehr oder minder eng liiert war.
Inzwischen hatte sich Schumann damit abgefunden und akzeptierte den erfolgreichen Antiquitätenhändler mit eigener Fernsehshow. Sie tranken gelegentlich sogar ein Bier zusammen, und Richard hatte sich durch seine alten Seilschaften mit etwas dubioseren Kreisen der Kunstszene und seine Bekanntschaft mit einem ehemaligen Schwarzmarkthändler in mehreren Kriminalfällen als nützlich erwiesen.
Annas Verehrer Harald Frostauer, den sie selbst mit dem wunderbaren jiddischen Begriff Nudnik für Besserwisser beschrieb, hatte dagegen nie eine ernsthafte Konkurrenz bedeutet. Frostauers Gabe war die Recherche, die er manchmal durch eher indiskrete Nachfragen bestritt. Frostauer konnte einem gehörig auf die Nerven gehen, aber dieser seltsame Bursche hatte dank seiner unergründlichen Quellen gute Hinweise bei komplexen Fällen geliefert. Der gute Mann hatte gerade sein zwanzigstes Buch veröffentlicht, in dem er seine Rolle bei der Enttarnung gewisser Krimineller wortreich schilderte. »Tödliche Wahrheiten – Mein Leben im Schatten des Verbrechens« hatte sich sogar schon recht gut verkauft. Gewidmet war es »Anna, der besten Spürnase«. Albern, aber effektiv.
Und nun sollte all das zu Ende sein? Keine Miss Marple mehr? Schumann betrachtete trübsinnig das kuschelige Hundewesen zu seinen Füßen. Hermes hob kurz den Kopf, sah seinen Herrn mitleidig an und ließ den Kopf wieder auf seine Pfötchen sinken. Trotz seiner Zuneigung zu dem kleinen Wesen bedeutete das keinen wirklichen Trost für den Herrn Ersten Kriminalhauptkommissar.
Er stand auf, schob das Köpfchen von Hermes von seinen Schuhen und ging zur Kaffeemaschine. Seine dritte Tasse heute Morgen. Hermes krabbelte von der feuchten Zeitung und steckte seine Schnauze unterm Schreibtisch hervor.
Schumann konnte den Kleinen, der gerade erst begann, stubenrein zu werden, nicht täglich mit ins Präsidium nehmen. Während der Woche hütete seine neue Nachbarin Gertrude Mais den Welpen. Doch sie hatte heute einen Arzttermin. Gertrude, fast siebzig Jahre alt, war erst vor wenigen Monaten in die Wohnung eingezogen, in der einige Jahre eine Dame mit Hund gelebt hatte, mit der Schumann so etwas wie eine Liaison eingegangen war. Vor allem ihre jeweiligen Hunde waren das Bindeglied gewesen. Doch nun war sie nach Dresden zu ihrer Tochter gezogen, samt Hund. Allerdings war Gertrude Mais eine passende Nachfolgerin, da sie Hunde liebte, und außerdem hatte sie keine Ambitionen, mit dem vierzehn Jahre jüngeren Schumann eine Beziehung zu beginnen, die über ein nachbarschaftliches Verhältnis hinausging.
Schumann rührte gerade den vierten Löffel Zucker in seinen Kaffee, als sein Handy klingelte. Ausnahmsweise hatte er es heute im Büro nicht auf lautlos gestellt. Er setzte die Tasse ab und griff danach. Und plötzlich verpuffte seine üble Laune mit einem Knall. Anna rief an, und das bedeutete für Schumann den ersten Lichtblick an diesem Tag.
Vielleicht wollte sie ihm mitteilen, dass sie nun doch nicht nach Dublin aufbrechen würde, und ihm anbieten, weiterhin an seiner Seite zu recherchieren. Den Gedanken, dass dies ein Abschiedsgruß sein könnte, verdrängte er rigoros.
Erst gestern hatte er mit Richard gesprochen, der Annas Dublin-Pläne allerdings sehr locker sah. »Ich werde alle zwei oder drei Wochen hinfliegen«, hatte Annas Freund erklärt. »Und die Zeit rast ohnehin. Weihnachten kommt schneller als gedacht. Schon jetzt, Anfang Juni, kaufen bei mir Leute die ersten Weihnachtsgeschenke. Und übrigens gehört Irland immerhin noch zu Europa, und du, lieber Hans, bist ja bei eurem letzten gemeinsamen Fall sogar nach Island geflogen. Dublin liegt nur eine Flugstunde entfernt.«
Das war für Schumann kein Trost. Und er konnte es sich nicht leisten, wie Richard häufiger nach Dublin zu reisen. Weder aus beruflicher Sicht noch aus finanzieller. Eigentlich hatte er Anna am heutigen Abend zum Essen einladen wollen. Doch Richard war ihm zuvorgekommen. Er plante, Anna in ein neu eröffnetes Spitzenlokal nach Celle zu entführen. Er, Schumann, könne sich hinterher mit ihnen zu einem Drink treffen. Schumann hatte dankend abgelehnt. Fünftes Rad am Wagen zu sein, kam ihm nicht in den Sinn.
Er holte tief Luft. »Anna? Wie schön, dass du anrufst –«
Sie klang atemlos, als sie ihn unterbrach. »Hans, ich bin praktisch schon weg beziehungsweise fliege ich einen Tag später als geplant, am Sonntag. Aber ich muss morgen nach Köln, um den Flug von Düsseldorf am Sonntag zu bekommen. Meine Mutter möchte mich auch noch mal sehen.«
Schumanns Hoffnungen, dass Anna Dublin sausen ließ, zerplatzten wie übergroße Seifenblasen. »Dann willst du mir jetzt Tschüss sagen?« Seine Stimme klang jämmerlich in seinen Ohren.
»Nein, ich würde jetzt gerne bei dir im Präsidium vorbeikommen, falls du Zeit hast. Ich habe einige Fragen, und außerdem verschwinde ich nicht, ohne mich von dir richtig zu verabschieden.« Sie fügte hinzu: »Natürlich muss ich auch Hermes noch mal kräftig streicheln.«
»Gut, ich bin da. Komm, wann immer du möchtest«, erwiderte Schumann mit trockener Kehle.
Verdammt, weshalb war er so wehleidig! Anna verschwand nicht für immer, und sicherlich würden sie Kontakt halten. Ein oder zwei Flüge nach Irland könnte er vielleicht doch bewerkstelligen, und Anna hatte bestimmt auch vor, zwischendurch nach Hannover oder Köln zu kommen. Immerhin ging ihre Mutter auf die neunzig zu.
»Bin schon unterwegs!«, rief sie und drückte den Anruf weg.
Mit schweren Beinen wankte der Erste Kriminalhauptkommissar zu seinem Bürosessel. Er sagte an der Pforte Bescheid, dass er Anna Bentorp erwartete, und rief dann seinen treuen Assistenten Hartmut Brink an, der glücklicherweise im vergangenen Herbst aus Oldenburg nach Hannover zurückgekehrt war. Schumann schätzte den ruhigen Mann mit dem freundlichen runden Gesicht und dem humorvollen Schmunzeln. Brink war Schumanns rechte Hand, und er konnte sich kaum erinnern, wie er ohne ihn seinen Job gemeistert hatte. Keiner von Brinks Nachfolgern hatte ihm das Wasser reichen können.
»Könntest du bitte zwei Stück Kirschtorte besorgen?« Schumann scheute sich nicht, Brink solche Aufträge zu erteilen.
Der antwortete: »Ah, ich verstehe, Anna kommt vorbei. Dann lieber etwas mehr Kuchen.«
Annas Leidenschaft für Obstkuchen war bekannt. Ihre Mutter pflegte früher in Köln vor Annas Besuchen einen Apfelkuchen aufzutauen, der dann aber meist noch leicht angefroren serviert wurde. Schumann hatte das zweimal erlebt. Inzwischen war Annas rüstige Mutter dazu übergegangen, täglich zu einer Konditorei zu pilgern, um frischen Kuchen zu holen. »Bewegung, verbunden mit Lebensfreude«, so beschrieb sie diesen Ausflug, von dem vor allem ihre Besucher profitierten. Und Anna hatte offenbar ihre Begeisterung für Kuchen geerbt.
Eine halbe Stunde später stand der Kuchen auf Schumanns kleinem Tisch in der Besucherecke, frischer Kaffee tropfte durch den Filter in die Kanne, und Anna klopfte an die Tür. Hermes stürmte auf sie zu und übertraf sich selbst mit seinen hohen Sprüngen. Dazu quietschte er vergnügt. Schumann umarmte seine Miss Marple, und Anna zeigte sich sichtlich gerührt. Nachdem die herzliche Begrüßungsorgie vorüber war, setzten sich die alten Freunde an den kleinen Tisch.
Anna hielt mit ihrem Anliegen nicht lange hinterm Berg. »Lieber Hans, Dublin ist beschlossene Sache. Aber ehe ich abreise, möchte ich mit dir über einen sonderbaren Fall reden, und ich hoffe, du kannst mir helfen.«
