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Ursula kommt ungeplant zur Welt und wird bald zu einer Leihmutter abgeschoben. Dann beginnt die wahre Odyssee durch verschiedene Pflegefamilien und später drei verschiedene katholische Klöster, wo sie ungewollt und ungefragt ein neues Zuhause findet. Doch der Frieden währt nie lange, denn Ursula ist für diese fromme Lebensweise einfach nicht geeignet. Ihre Streiche und Ausbruchsversuche werden streng geahndet. Ein Griff in den Opferstock schließlich sorgt für die entscheidende Wende in ihrem Leben … doch welchen Verlauf wird es nun nehmen?
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2017
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das schwarze Schaf im Kloster
Ich über mich
Nachwort
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2017 novum Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-99048-748-8
ISBN e-book: 978-3-99048-749-5
Lektorat: Dr. phil. Ursula Schneider
Umschlagfotos: Andreykuzmin, Pavel Mastepanov, William Park | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Das schwarze Schaf im Kloster
Meine Autobiografie ist in erster Linie ein Seitenhieb gegen die römisch-katholische Kirche und der leidige Versuch, das Zölibat endlich zu reformieren. Warum mir das ein so großes Anliegen ist, werde ich Ihnen auf den kommenden Seiten genau erzählen.
Wir alle leben gemeinsam im 21. Jahrhundert nach Christi Geburt und das sollte keine große Weltreligion ausgrenzen. Als bekennende Atheistin glaube ich an Aktion und Reaktion, Ursache und Wirkung. Und doch biete ich meinen Kindern eine Wahlmöglichkeit, indem ich noch immer Kirchensteuer bezahle! Meine Kinder werden, wenn sie es denn so wollen, die heiligen Sakramente der Taufe und Firmung erhalten.
Ich darf Ihnen versichern, dass eine gute Tat weniger mit einer Örtlichkeit als mit dem Glauben zu tun hat. Es ist viel mehr die Fähigkeit zur Herzensgüte sowie die Förderung und Entwicklung eines freien Geistes. Begriffe wie Ethik und Moral sowie Aufklärung über alle Religionsformen sollten endlich in den ebenfalls reformbedürftigen Religionsunterricht aufgenommen werden!
Auf unserem Planeten verhungern im Jahr EINE MILLIARDE Menschen, darunter eine mir Gott sei Dank unbekannte, hohe Zahl an Kindern.
Glauben Sie, dass das sein muss? Nein, aber es kümmert UNS nicht! Wir sitzen ja alle vor voll beladenen Tellern und schlemmen meist zu viel in uns rein!
Ehrlich, kennen Sie noch das Gefühl des knurrenden Magens, bei dem Ihnen schon eine zarte Übelkeit über die Speiseröhre kriecht? NEIN? Kein Vorwurf, aber ein globales Umdenken wäre wünschenswert! Aber ich werde hier kein Kochbuch schreiben, denn ich küsse besser, als ich koche.
Im Anhang werden Sie erfahren, was es mit diesem Satz auf sich hat. Ich fand also im Alter von 14 Jahren in drei unterschiedlichen Klöstern, natürlich ungefragt, ein neues Zuhause. Meine Wenigkeit, das schwärzeste Schaf unter allen, würde auch seinen Platz in der Herde finden.
So lade ich Sie ein auf meine Reise hinter hohe Mauern. Geprägt von Emotionen, Eindrücken und vielen Persönlichkeiten, die ich nicht immer kennenlernen wollte. In diesem Sinne Halleluja und viel Spaß beim Lesen! Ich machte mich auf den Weg in einem Zeitraum von nicht mal zwei Jahren durch drei Bundesländer. In meinem Rucksack hatte ich die unendliche Liebe – zu einer älteren Dame – verschnürt, eine Menge Mut und körperliche sowie geistige Fitness.
Ich über mich
Es folgen einige Fakten, die ich Ihnen nicht ersparen kann, damit Sie wissen, wo wir hier einsteigen. Am 30.10.1967 kam ich gesund und munter zur Welt. Meine Mutter hatte damit wenig Freude und mein biologischer Erzeuger war überrascht. So gesehen bin ich ein Produkt eines Abends, aber mit ungeahnten Nebenwirkungen, wie sich bald zeigen sollte.
So begibt sich meine Mutter auf die Suche nach einer Tagesmutter, da bin ich gerade mal sechs Monate alt. In einem Fleischergeschäft wird sie auch bald fündig, eine 62-jährige Pensionistin wird mich bei sich aufnehmen.
Die wiederum hat die Entscheidung wohl eher mit ihrem Herzen getroffen als mit dem Verstand. Aber ich darf sagen, ich war ein süßer Fratz und von mir aus war es Liebe auf dem ersten Blick.
Mit Sack und Pack wurde ich dann bei meiner neuen Leih-Oma abgeliefert. Zu meinem Besitz gehören ein hölzernes Gitterbett, Babybekleidung und mein weißes Seidentuch. Dieses Seidentuch ist meine Einschlafhilfe. Ich reibe es zwischen meinen Daumen hin und her, rauf und runter, immer wieder – und schwups bin ich eingeschlafen.
Zu diesem Zeitpunkt konnte ich sitzen, das machte ich auch. So schwankte ich immer angeblich brummend hin und her wie ein kleiner Bär.
Vier Monate vergehen, meine Mutter schickt das vereinbarte Geld und ich bin endlich mal erwünscht. Was meinen Sie, was das für ein Gefühl ist und wie ich mich prächtig entwickle.
Ja, da schau her, ich hörte nach wenigen Tagen auf zu brummen! Können Sie sich denken, wer dafür verantwortlich ist? Ja, dieses unsichtbare Band der sogenannten Liebe. Es wurde zwischen drei Personen geknüpft!
Zwischen der älteren Dame mit ihrem Sohn und diesem kleinen, süßen, fremden Spatz. Er, der Sohn, ist wohl mein größter Fan und ich seine kleine Prinzessin. Ich wurde verwöhnt und auf Händen getragen. Ein Nein, den deutschen Begriff der Verneinung, dessen Bedeutung kannte ich nicht. Ich bekam alles, was ich mir nur wünschte, Spielzeug und allem voran Puppen. Sogar die haben fast alle Nationalitäten, ich hab sogar ein schwarzes Baby. Ich äußerte meinen Wunsch und da schau her, es wurde gekauft. Den Großteil meiner Wünsche bezahlte mein Papa und in den ganzen 14 Jahren wurde er mir gegenüber nur ein einziges Mal richtig sauer. Es gab da mal ein Erdbeben in einem angrenzenden südlichen Land, bei dem Hunderte Menschen zu Tode kamen. Ich wollte denen helfen und bestellte im Verlauf einer Schulaktion 100 grüne Schrauben mit dem Schriftzug: WIR HELFEN FRIAUL! Das Stück kostete seinerzeit 10 Schilling und so hatte ich 1000 Schilling zu bezahlen. Da bin ich zwischen zehn und elf Jahre alt und möchte halt helfen, aber so viel Geld habe ich nicht zur Verfügung. Was meine liebe Klassenlehrerin dazu veranlasste, mein Mitteilungsheft für einen Roman zu halten. Eine Mahnung jagte die nächste.
Mal waren die Ausreden zu Ende und mein Papa entdeckte das, ich bekam dafür ein paar Schläge auf den Hintern. Dafür hatte ich aber endlich das notwendige Geld und 100 grüne Kugelschreiber – das hatte doch was.
Weil ich mich so sehr für dieses Erdbeben interessierte, fuhr er mit mir dorthin und zeigte mir die zerstörten Ortschaften.
Und Oma war für meine seelische Entwicklung sehr prägend. Sie war immer für mich da, kochte täglich, was ich wollte, las mir alle Kinderbücher vor, die sie zur Verfügung hatte. Und ich konnte, bevor ich zu lesen begann, alles auswendig aufsagen und verstand die Bedeutung der Worte schon ziemlich früh.
Das und vieles mehr verdanke ich ausschließlich dieser unendlichen Liebe, die diese ältere Dame für mich übrig hatte. Mein Lieblingsspiel ist die Puppenküche, ein Stockwerk mit Möbeln und Puppen. Stunden verbringe ich hier spielend als Lehrerin. Mit diesem Puppenhaus verbinde ich nicht nur meine schönsten Kindheitserinnerungen, da drinnen steckte ein kleiner Teil von mir!
Die beiden waren ja Wirtschaftsflüchtlinge mit jüdischen Wurzeln. Sie wissen, was das damals bedeutete. In bescheidenen Arbeiterverhältnissen wurde ehrlich und freundlich in einer Mietwohnung gelebt. Es dauerte nicht lange und bald waren wir im ganzen Stadtviertel bekannt. Und irgendwann nahm mal wieder das Schicksal seinen Lauf.
Der junge Berufskraftfahrer und meine gut aussehende, aber trinkfreudige Mutter lernten sich kennen und vielleicht sogar lieben. Wir, also seine Mutter und ich, hatten keinen Einfluss mehr. Es wurde schnell geheiratet und ich war endlich meinen ledigen Namen los. Zu diesem Zeitpunkt säuft meine Mutter schon wie ein Bauarbeiter und verhält sich auch nicht anders, echt peinlich.
Jahre vergehen, ich bin glücklich und es macht sich ein Geschwisterchen auf den Weg zu mir. Auf einmal stehen die beiden da mit so einem ganz kleinen, fast zerbrechlich wirkenden Baby. Da bin ich schon neun und denk mir nur: witzig, wie er da so liegt. Eingedreht und dünn, etwas kränklich ausschauend. Das ist mein Bruder und endlich hab ich ein lebendiges Spielzeug. Gemeinsam ist es doch am schönsten, obwohl ich sagen muss, bis er laufen konnte, hielt sich meine Freude in Grenzen.
Die Alkoholprobleme wurden immer größer und es kam zur Trennung. Zuvor wurde noch eine große Eigentumswohnung gekauft mit Geld, das niemand hatte. Für Kinder, die wir nun mal waren, ist es ja schon schlimm genug, wenn es zur Scheidung kommt, aber die Streitereien davor sind unerträglich für mich und meinen Bruder.
Alles ist geklärt, glauben zumindest die Erwachsenen, und für uns geht die Reise zu unserer leiblichen Oma am Rande der Stadt. Zuvor waren wir aber noch kurzfristig bei drei anderen Pflegefamilien untergebracht. Koffer packen konnten wir sehr bald ganz schnell.
Besagte leibliche Oma steht als Witwe mit zwei heranwachsenden Jungs, einer 18 und einer 19, alleine da. Mein Opa starb recht früh an Lungenkrebs und den Folgen des Alkohols. Viel Mitgefühl brauchten wir da nicht erwarten, sie ist bekennende Nationalsozialistin und kennt nur eine Lebensregel – Arbeiten macht frei! Ich wandere sofort, so kommt es mir zumindest vor, zur Gruppenübung beim Bundesheer. Ein Wahnsinn, von Montag bis Freitag mit dem Rad zur Schule, im Winter zu Fuß, und am Wochenende war ich Bauhilfsarbeiter! Ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt bemerkte, dass ich ein Mädchen war. Auch als Reinigungsdame bin ich im Einsatz.
Meine Onkel, einer davon Maurer, der andere Fliesenleger, hatten nicht mal die Möglichkeit zur freien Berufswahl. Der Oberfeldwebel liebt also Beton und so kommt eine alleinstehende Frau im Handumdrehen zu zwei Einfamilienhäusern. Bei einem davon habe ich vom Fundament bis zur Deckung mitgearbeitet. Der Maurer hatte die Bauaufsicht und mein anderer Onkel hatte wie ich zu helfen. Ich führte mit dem Schubkarren den Beton, oft war mir richtig schummrig vor den Augen. Die Zementsäcke wogen damals fünfzig Kilogramm und ja, die hob ich alleine vom Fleck. Am Abend wie tot ins Bett, zum Frühstück warme Milch mit Honig und vor dem Wegfahren einen Löffel Lebertran als Starthilfe. Zum Kotzen, ich hätte liebend gerne darauf verzichtet. Oft genug schluckte ich die Kotze wieder runter, hielt mir dabei den Mund zu und atmete nicht.
Aber da sie in der Nacht – welch Zufall – in einem Betonwerk sauber machte, kamen wir als Einzige in unserer Siedlung in den Genuss von frischen Semmeln und Zuckerschnecken. Bald sah ich körperlich auch so aus wie ein Bauarbeiter. Unsere Mutter bekamen wir kaum mehr zu sehen, die jobbte im Ausland. Und sobald alle zusammenkamen, gab es unaufhörlich eh nur Streit. Mein Onkel, der Fliesenleger, hatte wie wir nichts zu lachen, er war immer nur ein Trottel und Versager.
Er starb im Alter von 48 Jahren an den Folgen des Alkoholmissbrauchs. Ich behaupte heute, auch an den Folgen der suggestiven Kräfte, die wir als Eltern auf unsere Kinder bewusst oder unbewusst einwirken lassen.
Als Belohnung dafür, dass ich so brav geschuftet habe, bekam ich jede Menge Taschengeld, das ich natürlich in Klamotten und Schminkzeug investierte. Und ich war echt gehorsam und machte alles, was der Oberfeldwebel verlangte. Ich stahl sogar auf Anordnung jedes Gemüse, das im ganzen Umkreis unserer Siedlung mit dem Fahrrad erreichbar war.
Das Originellste war ja die Kartoffelernte nächtens mit dem Anhänger.
Da verlor mein Onkel in der Nacht 100 Schilling irgendwo am Acker beim Bauern. Was glauben Sie, was die erneut verlangte? Die Kartoffeln bleiben da und retour zum Acker, bewaffnet mit Taschenlampen machten wir uns gemeinsam auf die Suche nach dem verlorenen Geld. Und wehe, ihr findet den Hunderter nicht! Für so viel Geld hätten wir ja die Kartoffeln auch gleich kaufen können.
Es wagte niemand, etwas zu sagen, ich kam nur oft aus dem Staunen nicht heraus. Es gab noch zwei, drei Vorfälle und dann die Tatsache, dass mein Körper immer mehr zur Frau wurde – Sie wissen, wie sich das bei Mädchen ankündigt. So kamen mit derPubertät nicht nur Akne und Körperhaare, sondern auch mein innerer Widerstand kündigte sich schrittweise an. Mit meiner Tante aus Amerika stand ich in diesem Haus völlig allein da. Sie meinte nur, ich solle ja aufpassen, aber von einem aufklärenden Gespräch waren wir meilenweit entfernt. Ich war schon froh, dass sie mir alles einkaufte, was ich benötigte. Ich hätte das wohl nicht gekonnt, immerhin bin ich erst 13 Jahre alt, da schämt man sich noch. Sexualität und Aufklärung gab es in erster Linie in der Schule und bei meinen Freundinnen. Dort wurden meine weiblichen Anliegen auch ernst genommen, wir hatten alle das gleiche Problem und jede Menge zum Lachen. Und da es ohnehin um unser Lieblingsthema ging, hatten wir noch dazu eine Menge Spaß und das Jugendmagazin „Bravo“ diente aufklärend als fachliche Information für uns – Doktor Sommer.
Ich hatte dann aber doch genug von dem ganzen Zirkus dort und meine richtige Oma konnte ich bald nicht mehr anschauen! Nachdem sie einige Hamsterjunge neben mir mit heißem Wasser überbrühte und so zu Tode brachte, hatte ich nur noch Ekel für sie übrig!
Ihre Befehle hörte ich nicht mehr und so wurde aus einem Skorpion ein Esel im Tierkreiszeichen. Für mich gab es noch einmal echt geile Sommerferien mit meinen Freunden in unserer Siedlung. Einige Unwahrheiten wurden verbreitet und so wurden sie mich dann endgültig los. Meine Mutter und meine richtige Oma waren im Lügen echte Landesmeister.
Meinen Bruder nahm sie mit nach Deutschland in ein Mönchskloster. Es sollte Jahre dauern, bis ich ihn wiedersehen konnte – in Worten nicht zu beschreiben, was man ihm damit antat. Einem Hund im Tierheim ging es zeitgleich bestimmt besser. Es steht beim Jugendamt fest, dass ich in ein Heim für verhaltensauffällige Jugendliche komme.
Zu meiner geliebten älteren Dame durfte ich nicht zurück und das nur, weil wir nicht biologisch verwandt waren.
Ein Sozialarbeiter kommt mich am Montag in der Früh mit seinem uralten VW abholen und bringt mich weg. Es ist die erste Woche vor meinem eigentlich letzten Schuljahr – ach ja, und ich hatte nur gute Noten. Im Herbst ist das Wetter wie meine Stimmung, dunkel und vernebelt wie meine künftigen Aussichten. Mein Sozi ist ein ungepflegter Mann und sein Auto ist flotter als er. In wenigen Minuten Fahrzeit erreichen wir das riesige Kloster. Mein Fahrer ist erleichtert, er macht seinen Job und möchte mich so schnell als möglich forthaben. Dass er von dieser Aktion selber nicht überzeugt ist, sehe ich ihm an. Er beobachtet mich traurig, wie ich meine Habseligkeiten wortlos vom Rücksitz nehme.
Traurig bin ich schon, aber auch etwas neugierig, denn ich hätte es dort, wo ich war, nicht mehr ausgehalten. Ich werde kurz und bündig informiert und danach begleitet er mich schnellen Schrittes hinein.
Das Gebäude ist echt riesig. Was mir aber sofort auffällt, sind die vergitterten, großen, bunten Fenster. Ich selbst sehe auf den ersten Blick aus wie ein frecher, kleiner, durchtrainierter Junge. Bekleidet bin ich mit Jeanshose, Kurzarmleibchen und darüber ein Armeehemd.
Wir oder besser gesagt ich werde erwartet von der Oberin dieses Klosters, eine dünne Nonne mit kalten Augen. Im Pinguin-Stil läuft sie mir geschäftig entgegen. Auch sie beobachtet mich im Gehen und ist sichtlich amüsiert. Dabei grinst sie so, als wisse man ja bestens Bescheid über meine Wenigkeit.
Die guten Hirtinnen, wie sie sich nennen, gehören zu den Franziskanern. Mal sehen, ob sie halten werden, was sie versprechen, ich habe so eine dunkle Vorahnung.
Im nächsten Moment sitzt sie mir direkt gegenüber in einem gepflegten Zimmer mit einem beeindruckenden alten, schönen Schreibtisch. In die Nase steigt mir der angenehme Duft der Möbelpolitur, im Moment das einzig Wärmende in diesem Raum. Die Formalitäten sind innerhalb weniger Minuten erledigt und ich werde nach einer knappen Verabschiedung in mein neues Zuhause geleitet.
Schon als ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen ließ, erkannte ich meinen dramatischen Fehler sofort. Beim Datenaufnehmen gab ich meinen Stiefvater als meinen leiblichen – also richtigen – Vater an, der er ja für mich auch immer war. Aber hier wurde das wohl anders aufgenommen, keinen Schimmer.
Ich sah meinen richtigen Vater das erste Mal, als ich vier Jahre alt war. Daran kann ich mich kaum noch erinnern. Aber wir waren Eis essen gegangen, daran kann ich mich noch sehr genau erinnern. Aber ich weiß, dass es eine erbbiologische Untersuchung gab in einem anderen Bundesland. Bis auf die weiblichen Geschlechtsteile totale Übereinstimmung mit meinem Erzeuger.
Ich werde also nach einer kurzen telefonischen Voranmeldung von der Oberin persönlich in die Gruppe geleitet. Einen sehr langen Gang runter, das Nebengebäude hinauf und dort in den zweiten Stock.
Auch hier werde ich schon ungeduldig erwartet und es herrscht kollektive Unruhe. Ich bin der Neuzugang, so wird das hier genannt. Und schon wieder kommt eine Nonne auf mich zu. Sie watschelt wie eine Riesenente mir entgegen, die Beine auffällig seitlich weggedreht. Im gleichen Moment frage ich mich, wie so eine Gestalt sich überhaupt fortbewegen könne. Ihr Gesicht hat nichts Liebliches an sich und ich sollte mit meinem ersten Eindruck recht behalten. Es geht wieder bis zum Ende der Enziangruppe, der letzte Raum vor der Küche, dort befindet sich das Büro. Dieses ist der Stützpunkt und Aufenthaltsort vom Gruppendrachen, wenn er nicht gerade in der Kirche weilt, und den beiden weltlichen Erzieherinnen, die von außerhalb der Klostermauern kommen. Sie wechseln sich ab, alle zwei Wochen oder wöchentlich, keine Ahnung. In der Zwischenzeit ist die Chefin irgendwohin abgebogen. Ich habe keinerlei Orientierung im Gebäude, was mich total nervt. Das sollte sich bald ändern, ich beginne sofort, Kontakte zu knüpfen. Die Mädchen sitzen ja ohnehin alle im selben Boot und jede von ihnen ist überaus freundlich. Von den Nonnen haben sie sich das aber bestimmt nicht abgeschaut. Das wäre unmöglich, da lacht kein Pinguin, immer wird die Fassung gewahrt, keine Emotion wird sichtbar.
Die Menschheit sucht verzweifelt nach anderen Lebensformen. Ja, dann machen Sie mal einen Klosterbesuch, besser noch, Sie buchen einen Urlaub.
Meine neue Gruppenchefin erklärt mir müde und mit wenig Interesse den genauen Tagesplan, der sofort penibel einzuhalten ist. Der, auf den Punkt gebracht, viele Verpflichtungen, aber keinerlei Rechte für mich beinhaltet. Sie lässt bei mir keinen Zweifel, dass sie mich nicht ausstehen kann.
Von einer pädagogisch ausgebildeten Erzieherin werde ich in mein neues Zimmer gebracht, hier sollte ich mich mal ordnen. Was das genau bedeutet, weiß ich nicht, es ist mir schlicht und ergreifend egal.
Zur Verfügung stehen mir ein Kasten, ein unbequemes Bett mit alter Matratze, ein Schreibtisch aus Holz, eine Schuhablage und zwei schmale Regale. Hier sind wir zu viert im Zimmer untergebracht und ich sehe in den Innenhof dieses Klosters mit dem Ausgangstor!
Nun bin ich ein Zögling. Dieses Wort leitet sich von Zucht ab und man will auch bei mir mit der Züchtigung sofort beginnen. Um Gewalt auszuüben, benötigen sie nicht zwingend eine Peitsche, es genügen Worte der Demütigung.
Ich bin gerade mit meinem bescheidenen Kleiderschrank fertig und will nur kurz meine Matratze testen. Einmal runterkommen und erholen von meinen ersten fremden Eindrücken, das plante ich. Aber nichts da, der Gruppendrachen kontrolliert meinen Kasten und wirft mein gesamtes Zeug vor mir auf den Boden.
Alles wird hier Bug auf Bug gelegt, die gesamte Bekleidung ist faltenfrei, also glatt gebügelt natürlich, und rein abzulegen. Es schleicht sich ein neugieriges, aber total nettes Mädchen vorsichtig an mich heran. Sie ist sehr hübsch, etwas älter als ich und hat blondes, gelocktes Haar und traurige, blaue Augen. Sie beginnt, statt meiner den Kasten richtig einzuräumen mit zwei Worten, Disziplin und Gehorsam seien hier überlebensnotwendig. Ich beobachte sie neugierig. Das ist im Übrigen eine Leidenschaft von mir.
Ich liebe den Blick auf das Detail und liebe alles, was klein ist. Das und vieles andere lehrte mich mein Papa und das, obwohl uns kein gemeinsames Genom verbindet.
Ein Genom ist eine Erbinformation, sie prägt unser Wachstum entscheidend mit.
Zurück zu meiner neuen Freundin und zu meiner wieder gewonnenen Fassung. Also ich bin auf der Suche nach Verhaltensauffälligkeiten, aber bei keinem Mädchen, das ich hier kennenlerne, fällt mir was auf.
Bei den Nonnen sieht das merklich anders aus, die spinnen und sind echt schräg drauf.
Die Stunden vergehen und ich bin bemüht, mir alles zu merken, was mir meine neue Freundin erzählt und zeigt. Für ein angeblich friedliches Zusammenleben hier muss man sich an den Tagesablauf halten, der wie folgt aussieht.
Um fünf Uhr dreißig ist Wecken, zu diesem Zeitpunkt geht die Nonne von Zimmer zu Zimmer. Später kommt die Erzieherin nach. Gleich darauf geht es in den Waschraum, es folgt eine kurze, aber ordentliche Waschung am Waschbecken. Im Nachtgewand ruhig zurück in das Zimmer, flott anziehen und aufbetten. Auch eine Herausforderung für mich! Dreimal dürfen Sie raten. Ja, wieder alles bügelglatt gezogen und mit einer Tagesdecke wird das Bettzeug extra abgedeckt. Viel reden in normaler Lautstärke ist nur in den Zimmern erlaubt, nicht auf den Gängen, dort gilt maximal Flüstern, besser ist aber das Schweigen. Sonst fängt der Drachen nämlich schnell zu zischen an. Das wäre ja nicht so schlimm, aber dieses blöde Gesicht dazu ist nicht zum Anschauen. Sie will böse und Furcht einflößend rüberkommen. Beängstigend ist das für mich nicht, wenn einem der Speichel aus dem Mundwinkel tropft.
Unnötig zu erwähnen, dass ich sie lieber von hinten sehe als von der Vorderseite.
Da wir ja die Gruppe in der Regel nicht verlassen dürfen, habe ich keinen Einblick in die anderen drei Gemeinschaften.
Danach heißt es sammeln im Wohnzimmer oder, wie es hier genannt wird, im Gemeinschaftsraum. Dort teilen sich die Arbeitsgruppen rasch auf. Meine Aufgabe für die nächsten Wochen ist, mit meiner neuen Freundin das Essen aus der Großküche zu holen, die im Erdgeschoss dieses riesigen Gebäudes liegt. Das Essen wiederum befindet sich in tragbaren Alu-Behältern und wir bringen es in unsere Gruppe. Das ist im Moment mein einziger Lichtblick, denn dieser Arbeitsauftrag bringt mir Orientierung.
Dort sind schon einige Mädchen mit Küchenarbeiten beschäftigt, sie decken und dekorieren liebevoll den Tisch und das Frühstück wird zügig angerichtet. Bevor wir aber damit beginnen, kommt der Gruppendrachen und es wird das erste Mal gebetet.
Stehend in gerader Körperhaltung, jeder vor seinem eigenen Platz mit gesenktem Blick auf den eigenen Teller. Zu diesem Zeitpunkt haben die Nonnen schon ihren ersten Kirchengang und die Messe hinter sich.
Mit übertriebener Sauberkeit wird hier gelebt und während der Zeit des Betens wird kein Laut geduldet. Die Holzböden werden hier noch mit Bürsten poliert, was wie folgt abläuft: Die Mädchen bekommen eine Fußbürste an ein Bein und damit wird in Reih und Glied wie beim Tanzen ein Bein in kurzen, schnellen Schritten nach vorne gedreht. Das zweite Bein zieht dich weiter und es entsteht eine tanzähnliche Bewegung wie beim Twisten. Diese Arbeit, das Bürsteln, wie wir es nennen, gefällt allen sehr gut und mit Musik wäre das noch viel geiler.
In unserer Freistunde proben wir das mal und es hat uns allen Spaß gemacht, aber eine Fortsetzung gab es nicht. Der Drachen hält von Humor gar nichts und das Lachen kann einem bei so einer dominanten Persönlichkeit auch bald wieder vergehen.
Nicht ein Mal locker lassen, immer nur treten auf uns Mädchen. Vielleicht sieht sie auch schlecht, ich bin kein Fußabstreifer, fühle mich aber so.
Unter der Woche ist ein Kirchgang in der Früh nicht einzuhalten, aber zur Lourdes um 16 Uhr müssen auch wir alle mit.
Dort wird täglich der Rosenkranz gebetet, diverse Kirchenlieder gesungen und auf Themen bezogen gebetet. Das sind Fürbitten für die ganze Welt. Die betende Gemeinschaft bittet um Hilfe zum Beispiel für hungernde Kinder in Afrika.
Es versteht sich, dass wir täglich beten und immer im gleichen Rhythmus. Anders wäre ja ein Vordringen in unsere Köpfe nicht möglich.
Am Wochenende gehen wir alle gemeinsam in die Kirche und hier ist unser zentraler Treffpunkt. Es wird gesungen und – klar – wieder gebetet und ein Pfarrer gestaltet die Messe. Sollte man sich hier ein Späßchen erlauben, fliegen die Fetzen. Beim Singen im Kirchenchor wurde ich zur dritten Stimme eingeteilt. Und auch wenn ich nicht singen möchte, ich muss, meine Stimme wird benötigt. Alle Wohngruppen und alle Mädchen bekam ich da wenigsten zu Gesicht und natürlich auch die Obernonnen der anderen Gruppen.
Hier ist es so: Wenn man sich eine Woche lang als Zögling auf das Ordentlichste benommen hat, bekommt man am Freitag für das Wochenende drei Zigaretten. Diese kann man am Wochenende im Freien auf einer Terrasse rauchen. Die Mädchen, die nicht rauchen, bekommen Süßigkeiten. Hier werde ich das lassen, zu Hause habe ich aber beim Ausgehen auch schon mal geraucht.
Klar, in der Clique mit guter Musik zum Tanzen, ja, da war ich auch immer mit dabei. Aber hier, im Rahmen eines versperrten Geländes ohne Humor, habe ich darauf keinen Bock. Die Mädchen müssen sich aber das Feuerzeug immer bei der Erzieherin oder der Nonne abholen und es wieder zurückbringen. Hier werden also sanfte Drogen an die Mädchen gegeben, um sie bewusst und mit vollem Vorsatz abhängig zu machen.
Die Idee selber ist ja nicht so dumm, nur im Hinblick auf die römisch katholische Kirche echt harter Tobak. Zu meiner Zeit war das Rauchen erst im Alter von 16 erlaubt. Was geschieht denn hier? Die meisten in unserer Gruppe sind unter 16. Ach ja, Entschuldigung bitte, ich habe vergessen, dass das Jugendschutzgesetz und somit der Schutz von minderjährigen Personen für die Kirche nicht von Belang ist. Meine drei Zigaretten, die ich bekam, hab ich verschenkt oder umgetauscht.
Mit Gabi, meiner Freundin, verbringe ich die meiste Freizeit und sie gibt sich echt Mühe, mich für diesen Ort zu begeistern. Ich hingegen bin abwartend.
Beim Frühstück stehen zur Auswahl Tee, Kaffee oder Kakao. Zum Beißen altes Brot und Marmelade oder pikante Aufstriche aus der Dose – Hundefutter, gerade gut genug für uns. Am Wochenende gibt es dann aber doch für die ganze Gruppe frische Semmeln und ab und an eine Mehlspeise. Danach wieder sammeln und es kommt wieder zur Aufteilung.
Ich bin nun in der letzten Schulstufe und gehe mit dem Gruppendrachen und den anderen im Gänsemarsch über den Innenhof, also hinter der watschelnden Ente in die Sonderschule direkt hier im Kloster.
Also ich in einer Sonderschule – das reißt mich echt vom Hocker, denn das ist in keiner Form gerechtfertigt. Überhaupt ist das alles eine Scheiße, die mich nach und nach immer zorniger macht. Die Schule liegt gegenüber meinem Zimmerfenster im Innenhof auf der rechten Seite im zweiten Stockwerk.
Eine andere Gruppe von Mädchen geht in die Schneiderei, denn dort kann man den Beruf zur Damenkleidermacherin erlernen. Da wird einem dann beigebracht, wie man sich den Habit selbst nähen kann, das ist die Berufskleidung der Ordensfrauen. Dorthin geht meine neue beste Freundin Gabi und die Lehre dort ist sehr mühsam, immer in gebückter, wortloser Haltung über der Nähmaschine. Ein anderer Teil geht in die Hauswirtschaftsschule, man lernt, auch vor Ort hier, die Befähigung zum nützlichen Diener. Ich für mich bin dankbar, mal in die Schule zu kommen, denn ich weiß nicht, wie lange ich es nur in der Gruppe ausgehalten hätte. Abwechslung, Bücher und was zum Lernen, das hilft mir mal, über die ersten Tage der Trauer zu kommen.
Ich vermisse meinen Papa und meine Oma und überhaupt bin ich hin und her gerissen von meinen Gefühlen. Gefangen in einem nicht enden wollenden, eiskalten Albtraum.
Immer wieder suche ich verzweifelt nach Lösungen. Wer oder was könnte mir denn helfen? Aber da drehe ich mich nur im Kreis. Ich hab ein großes Problem, meine leiblichen Eltern wollen keine Verantwortung übernehmen, sonst hätten sie es ja schon getan. Und dieses eine Scheißproblem haben die meisten Mädchen hier, eigentlich alle, die ich kennenlernte. Ja, und die beiden, die dazu bereit wären – liebend gerne –, dürfen plötzlich nach 14 Jahren nicht mehr.
Und ich bin das schwächste Glied in dieser Kette. Was mache ich nun? Diese Frage beschäftigt mich schon sehr und ich komme damit immer wieder gewollt oder ungewollt in Berührung.
Die Fakten aber sehen so aus, die missratenen Umstände zwingen mich, hier zu sein!
Nach der Schule kommen wir als Erste in die Wohngruppe zurück und warten dort auf die anderen.
Immer vor Ort die Nonne, die uns Enzian-Kinder überhat, und je eine Erzieherin, die sich wöchentlich abwechseln. Die sind aber etwas lockerer als die Nonne. Im Büro der beiden Ladys werde ich oft vorstellig, weil ich ab und an eine Lektion nötig habe, wie die Schwester Margret meinte. Mit meinen Dummheiten kann sie nichts anfangen, es gibt manchmal Stress und ich entschuldige mich halt. Beim Umdrehen denke ich mir, dich soll doch der Teufel verschlucken. Nur sinnbildlich, bitte verstehen Sie meine Emotionen.
Mein erster Schultag ist besser vorübergegangen, als ich es mir vorgestellt habe. Die Zöglinge, wie wir hier genannt werden, sollten oder müssen Schwester Margret wie folgt ansprechen: MUTTER Margret, darf ich Sie bitten, mich etwas in Ruhe zu lassen. Das sagte ich nicht, aber diese Betonung auf „Mutter“ ist unwahr und höchst suggestiv. Die Zehn Gebote, auf denen unser Glaube aufgebaut ist, kennen Sie. Eines davon lautet – ja, genau, DU SOLLST NICHT LÜGEN! Wie bereits von mir geahnt, der Gruppendrachen spinnt total. Gabi meinte aber, ich solle sie so ansprechen, wenn ich was von ihr wolle. Ja, und ich gebe sogar nach, vorerst mache ich das reumütig.
Die Schülerinnen warten, bis die Arbeiterinnen von ihrer Arbeit zurückkommen.
Ich lege mich auf mein Bett, aber nicht lange, denn die Erzieherin kratzt gerade die Kurve. Es folgt eine Aufklärung. Tagsüber hat niemand sich ins Bett zu legen, außer bei Krankheit und nur mit Fieber.
Auch in Ordnung, ich steh halt wieder auf und bügle mein Bett abermals widerwillig gerade. Gabi kommt von der Arbeit und hat nun eine Mittagspause. Zuvor holen wir schnell wieder für die Gemeinschaft das Essen.
Der andere Trupp ist wieder mit dem Tisch beschäftigt und ich hab Pause.
Uns Mädchen ist es gestattet, uns im Gruppenbereich frei zu bewegen. Sollte ich diesen Bereich verlassen wollen oder müssen, geht das nicht, ohne das vorher anzumelden im Büro. Jeder Schritt wird überwacht und da gibt es keine Ausnahme für keine von uns Mädchen. Dieser Arbeitsplan, den jede von uns einzuhalten hat, wird schriftlich einmal im Monat festgelegt. Ich bezweifle, ob ich noch eine andere Tätigkeit übernehmen werde.
So setze ich mich in Bewegung und informiere mich, denn ich möchte so viel als möglich erfahren. Und dazu brauche ich die anderen Mädchen. Alle Zimmer sind gleich aufgeteilt, nur ich bin in einem Vierbettzimmer. Es dauert keine drei Tage und ich kenne mich in meiner Gruppe bestens aus.
