Das Schweigen meines Vaters - Mauricio Rosencof - E-Book

Das Schweigen meines Vaters E-Book

Mauricio Rosencof

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Beschreibung

Mauricio Rosencof verknüpft in dieser meisterhaften literarischen Miniatur die Erinnerung an seine Vorfahren, die in Polen Opfer des Holocaust wurden, mit seinen Erfahrungen als Gefangener der Militärdiktatur in Uruguay. In einer wunderbar klaren, auf den wesentlichen Kern konzentrierten Sprache gelingt es dem Autor, eine eigene Welt zu entfalten, in der sich das Schicksal der Menschheit widerspiegelt. Im Zentrum seines Erzählens steht die Erinnerung als Zufluchtsort der menschlichen Würde.

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Seitenzahl: 82

Veröffentlichungsjahr: 2024

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MAURICIO ROSENCOF

Das Schweigen

meines Vaters

MAURICIO ROSENCOF, geb. 1933 als Sohn polnischjüdischer Einwanderer in Florida/Uruguay. Schriftsteller und Dramaturg. Führen des Mitglied der MLN-Tupamaros. Nach dem Militärputsch 1973 als »Geisel des Staates« in Kasernen unter barbarischen Bedingungen inhaftiert. Nach dem Ende der Diktatur u. a. Kulturdirektor von Montevideo. Zu seinen wichtigsten Werken gehören »Kerkerjahre« sowie die Romane »Der Bataraz« und »Die Briefe, die nicht ankamen«.

SVENJA BECKER,gelernte Steinmetzin und ungelernte Kneipenkollektivistin, hat VWL und Spanische Sprach- und Literaturwissenschaft studiert und übersetzt seit mehr als zwanzig Jahren Literatur aus Spanien und Lateinamerika, darunter Isabel Allende, J.C. Onetti und Camila Sosa Villada.

Titel der uruguayischen Originalausgabe: »Los silencios del viejo«

© Mauricio Rosencof, 2022; by arrangement with Literarische Agentur

Mertin, Inh. Nicole Witt e.K., Frankfurt am Main, Germany

© der deutschsprachigen Ausgabe: Berlin/Hamburg 2024

Assoziation A, Gneisenaustraße 2a, 10961 Berlin

www.assoziation-a.de, [email protected], [email protected]

Gestaltung: Andreas Homann

Satz: Kerstin Davies

E-Book ISBN 978-3-86241-642-4

Die Welten des Mauricio Rosencof

Ein Vorwort

Theo Bruns

»Jeder von uns ist jeder und alle anderen.«

Eine Szene aus der Zeit der Militärdiktatur in Uruguay. Ein Vater auf der Zugfahrt ins Landesinnere, zur Militärkaserne in Paso de los Toros. Der Sohn ist dort inhaftiert, Gefangener der Militärdiktatur. Besuchszeit: zehn Minuten. Anreise: sechs Stunden. Während der langen Fahrt verwandelt sich das Fenster des Eisenbahnwaggons zur Leinwand. Das Schtetl in Polen zieht vorbei. Die Schneiderwerkstatt in Lublin. Die Liebeserklärung an Rosa unter dem Pflaumenbaum. Die Soldatenzeit im Krieg. Die Auswanderung in das ferne Land in Südamerika. Und die Erinnerungen an die zurückgebliebenen Angehörigen, die Verschollenen, die Toten.

Bei dem Vater handelt es sich um Isaac Rosencof. 1930 war er vor dem Antisemitismus, den Pogromen und dem Hunger der Nachkriegszeit in Polen nach Südamerika emigriert. Von dem Geld, das er mit seiner Arbeit als Maßschneider in der Kleinstadt Florida nördlich von Montevideo anspart, holt er seine Frau Rosa und den Sohn Léon nach. 1933 wird als zweites Kind Mauricio geboren. Mit den Angehörigen in Polen bleiben die Eltern in Briefkontakt, bis irgendwann nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs keine Briefe mehr ankommen. »Nichts für Sie dabei, Don Isaac.«

Der Herkunftsort der Familie ist Bełżyce, in der Nähe von Lublin. Mit dem Überfall der Deutschen beginnt eine sich dramatisch zuspitzende Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Zwangsarbeit, Umsiedlung, Ghettoisierung, Erschießungen. Ab Frühjahr 1942 führen die Nazis im Rahmen der sog. Aktion Reinhard die systematische Ermordung der polnischen Juden im Generalgouvernement mit dem Ziel ihrer vollständigen Vernichtung durch. Bei den Verschleppungen in die Vernichtungslager Belzec, Treblinka und Sobibor werden nicht einmal die Namen der Deportierten registriert, bei der Ankunft erfolgt ihre sofortige Ermordung. Mehr als eine Million Menschen fallen hier den Mordaktionen zum Opfer. Die Lager werden von den Tätern anschließend dem Erdboden gleichgemacht, die Leichen verbrannt. Alle Beweise sollen beseitigt werden. Weniger als 150 der in diese Lager Deportierten überleben. Als Mauricio Rosencof viele Jahre später eine Reise nach Warschau und Bełżyce unternimmt, bleibt seine Suche nach Spuren der Verwandten, selbst nur nach dem Namen Rozenkopf in seinen verschiedenen Schreibweisen vergeblich.

Isaac Rosencof war Mitglied der Schneidergewerkschaft, seine Lektüre die auf Jiddisch erscheinende kommunistische Zeitung »Unzer Fraint«. In dieser Tradition begleitet Mauricio Rosencof 1962 als Journalist die Bewegung der Zuckerrohrarbeiter, lernt dort Raúl Sendic kennen, den späteren legendären Anführer der Nationalen Befreiungsbewegung MLN-Tupamaros, die getreu dem Motto des uruguayischen Unabhängigkeitskämpfers José Artigas die Welt verändern wollte, damit »die Unglücklichsten die am meisten Privilegierten« sein würden. Mauricio Rosencof schließt sich der MLN an, wird zu einem ihrer führenden Mitglieder. 1972 wird die Bewegung jedoch militärisch zerschlagen. Ein Jahr später putscht das Militär. Uruguay wird das Land mit der höchsten Rate an politischen Gefangenen weltweit. Neun von ihnen werden von den Militärs aus den Gefängnissen entführt und in Dreiergruppen in verschiedenen Kasernen des Landes als »Geiseln des Staates« in kompletter Isolation zwölf lange Jahre buchstäblich lebendig begraben. Erklärtes Ziel: die Gefangenen in den Wahnsinn zu treiben.

Eine der Geiseln ist Maurico Rosencof. Die Gefährten seiner Dreiergruppe sind Eleuterio Fernández Huidobro, genannt El Ñato, und Pepe Mujica, der später als Kandidat des Linksbündnisses Frente Amplio zum Präsidenten des Landes gewählt werden wird. Mit Ñato entwickelt Mauricio ein Morsealphabet, mit dem sie sich durch Klopfzeichen durch die Zellenwand verständigen. Ihre Welt ist reduziert auf zwei Mal einen Meter, ohne Licht, ohne etwas zu lesen, ohne ein menschliches Gesicht, ohne alles. Die Imagination wird zur Kraftquelle, zum Mittel des Überlebens. Nach ihrer Freilassung mit dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1985 legen die beiden in einem langen Zwiegespräch Zeugnis ab von jenen Jahren im Reich der Stille und der Finsternis, das in Buchform erscheint und später verfilmt wird.

Der biografische und familiäre Hintergrund ist im Schreiben Rosencofs stets präsent. Besonders in seinen späteren Werken – wie z. B. »Die Briefe, die nicht ankamen« – verknüpft er seine Erfahrungen als Gefangener der Militärdiktatur in Uruguay mit der Erinnerung an die Vorfahren, die in Polen von den Nazis ermordet wurden. In seinen Büchern erschafft er einen eigenen Mikrokosmos, in dem wie in einem Kaleidoskop oder einer Wortfuge verschiedene Themen, Geschichten und Szenen immer wieder neu aufgegriffen und variiert werden. Dazu zählen Rückblenden in die Welt seiner Kindheit, das Leben im Stadtteil Palermo. Der Tod des älteren Bruders León, der jung an Meningitis stirbt. Der Freund Fito, der ihn ein Leben lang begleitet. Die Rebellion der Zuckerrohrarbeiter, die Solidarität mit den Ärmsten der Armen. Die Zusammengehörigkeit mit den Compañeros, die mit ihm als Tupamaros gekämpft haben. Die Zeit in den Kerkern der Diktatur und die Kunst des Überlebens in einer zutiefst menschenfeindlichen Umwelt.

Und immer wieder die Erinnerung, die Anrufung der Angehörigen, die in Polen Opfer des Holocaust wurden. Rosencofs Schreiben ist der beständige Versuch, ihre vollständige Auslöschung nicht hinzunehmen, den Plan der Nazis zu vereiteln, ihnen ein literarisches Denkmal zu setzen, sie so am Leben zu erhalten. Da ist das Foto in der Werkstatt seines Vaters mit den Verwandten, die nun auch wir als Lesende sehen. Da ist das Zeugnis der Cousine Zofia, die Auschwitz und Ravensbrück überlebt hat und von der wir hören: »Was einer von uns zustößt, das stößt allen zu.« Da ist die Begegnung mit Chil Rajchman, einem Überlebenden des Aufstands in Treblinka, dessen erschütterndes Zeugnis »Ich war der letzte Jude« erst posthum nach seinem Tod veröffentlicht wird. Da sind die jiddischen Lieder der Partisanen und Ghettokämpfer. Und schließlich die Erinnerungen des Vaters, die zu denen des Sohnes werden und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Gebündelt im Ausdruck der tiefen Verbundenheit: »Jeder von uns ist jeder und alle anderen.«

Geschrieben in einer wunderbar klaren, auf den wesentlichen Kern bedachten Sprache hat Mauricio Rosencof ein zutiefst bewegendes Kleinod der Wortkunst geschaffen. In seinen literarischen Miniaturen entsteht vor unseren Augen eine Welt, die das Schicksal der Menschheit in sich birgt. Im Zentrum des Erzählens dieses großen Autors und Menschen steht die Erinnerung als Zufluchtsort der menschlichen Würde.

Es ist für uns ein Glück, dass wir einige seiner Werke auf Deutsch veröffentlichen konnten und daraus eine Freundschaft entstanden ist, die seit langem Bestand hat. Auf das Leben, Ruso!

HAMBURG, 1. IULI 2024

Ein Glas mit meinem Vater

Ich weiß, dass du am Sonntag in Gedankenan deinen alten Barschrank trittstund von dem Klaren in ein Gläschen gießt,den wir in guten Zeiten miteinander tranken.

Ich weiß, dass dir die Freude dran vergällt istund er dir fad durch deine Kehle rinnt,weil ihm der Schmerz die Traubennote nimmt,durch den der Tag auch nicht mehr hell ist.

Aber du weißt, Gewitter ziehen einmal weiter,und die Sonne bleibt nicht etwa stehen,wenn eine dunkle Wolke sie verdeckt.

Und so weiß ich, ich werde eines Sonntags wiedermit dir an deinen Barschrank gehen,wo uns der Grappa unbeschwert aufs Neue schmeckt.

Entschlossen setzte er einen Fuß auf die erste Stufe des Eisenbahnwaggons. Das rheumatische Knie knurrte ihn an. Da packte er mit der freien Hand den Griff und nahm Schwung. Das andere Bein kam schwerfällig nach, und da standen die beiden, als Gefährten zusammen, und schöpften Atem für den finalen Vorstoß.

Er wechselte das Gepäck von der Rechten in die andere, die ruhende Hand. Eine Markttasche mit grünen Äpfeln am Boden, Renetten. Darüber eine Lage Kleidung zum Wechseln, das dicke gelbe Shirt, angeraut, gut gegen die Kälte. Der Rest dazu passend. Der Winter stand bevor.

Und obenauf feinsäuberlich, wie originalverpackt, das Schmuckstück der Tasche: ein Paar schwarze Schuhe, ungetragen und spitz, wie sie ihm gefielen.

Die Inventur wurde von einem Fahrgast vor dem Zug unterbrochen, hinter meinem Vater:

»Auf, Don! Wird’s bald!«

Also schüttelten mein Vater, die Tasche und die gewienerten Schuhe den letzten Rest Rheuma ab, verließen mit einem weiteren Schwung das Trittbrett, erklommen den Waggon und setzten sich auf den ersten Platz am Fenster.

Müde, aber zufrieden, dass er es geschafft hatte, lehnte sich mein Vater in dem Sitz zurück. Er schaute hinaus, ob er jemand entdeckte. Eine der beiden, die er über die Monate, die Jahre immer wieder traf, die mit ihm oft dieselben Fahrten unternahmen, mit denen er Pakete verglich, immer über dasselbe sprach, über dieselben. Die Mutter von Pepe1, die Schwester von Ñato2.

Niemand. Sie waren nicht da. Heute bekam nur einer Besuch.

Er schob sich die Tasche zwischen die Beine, überprüfte die Fracht: Renetten, Kleidung, die Schuhe.

Kein Buch. Nicht gestattet.

Er nahm sich vor, während der fünf, sechs Stunden Fahrt nicht zu pinkeln, und wenn ihm noch so sehr danach wäre. Er würde bis Paso de los Toros3 durchhalten.

Mit erhobenem Zeigefinger hatte Rosa gesagt:

»Lass sie nicht aus den Augen. Nicht, dass was wegkommt.«

Das war das Letzte, was er gehört hatte, schon in der Tür, mit einem Fuß auf dem Gehsteig.

Dann richtete sich das Universum im Fenster ein. Ein Defilee von Erlebtem, Getanem, Erinnertem: das Salatblatt, der Sohn, Rosas Buntnesseln im Regen, die Briefe, die ankamen.