Das schwerwiegende Missverständnis - Marisa Frank - E-Book

Das schwerwiegende Missverständnis E-Book

Marisa Frank

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Mami.« Heiko preßte seine zu Fäusten geballten Hände an den Mund. Es würgte ihn in der Kehle. Er hätte am liebsten geschrien. »Sie muß wiederkommen«, sagte er schließlich mit tränenerstickter Stimme. Ulf Lenz, der Vater des siebenjährigen Jungen, wandte sich brüsk um. »Wie oft soll ich dir noch sagen, daß das nicht geht?« »Mami kann doch nicht ewig da unten bleiben.« Jetzt kamen doch die Tränen. »Heiko, deine Mutter ist tot.« Die Miene von Ulf Lenz war verschlossen und hart. »Wir haben uns doch schon darüber unterhalten. Du kannst dich doch noch an Omas Tod erinnern. Mami ist nur, genau wie sie, beim lieben Gott im Himmel.« »Aber Mami war doch noch nicht so alt wie die Omi.« Heiko fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. Er verstand, was sein Vater sagte, aber er wollte nicht, daß es wahr war. Seine Mutter gehörte doch zu ihm. »Ich will zu Mami!«

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sophienlust – 361 –Das schwerwiegende Missverständnis

Vati, warum bist du nicht mehr lieb zu mir?

Marisa Frank

»Mami.« Heiko preßte seine zu Fäusten geballten Hände an den Mund. Es würgte ihn in der Kehle. Er hätte am liebsten geschrien. »Sie muß wiederkommen«, sagte er schließlich mit tränenerstickter Stimme.

Ulf Lenz, der Vater des siebenjährigen Jungen, wandte sich brüsk um. »Wie oft soll ich dir noch sagen, daß das nicht geht?«

»Mami kann doch nicht ewig da unten bleiben.« Jetzt kamen doch die Tränen.

»Heiko, deine Mutter ist tot.« Die Miene von Ulf Lenz war verschlossen und hart. »Wir haben uns doch schon darüber unterhalten. Du kannst dich doch noch an Omas Tod erinnern. Mami ist nur, genau wie sie, beim lieben Gott im Himmel.«

»Aber Mami war doch noch nicht so alt wie die Omi.« Heiko fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. Er verstand, was sein Vater sagte, aber er wollte nicht, daß es wahr war. Seine Mutter gehörte doch zu ihm.

»Ich will zu Mami!« Der Junge drängte sich an seinem Vater vorbei und lief bis zum Rand des Grabes, in das man eben den Sarg hinuntergelassen hatte.

»Heiko!« Ulf Lenz machte einige Schritte, dann packte er seinen Sohn unsanft an der Schulter. »Habe ich dir nicht gesagt, daß du dich anständig benehmen sollst?«

»Mami, meine Mami!« Nun schrie der Kleine. Es sah aus, als wollte er sich in das Grab stürzen.

»Wirst du wohl aufhören!« Zornig schüttelte Ulf Lenz seinen Sohn.

»Nicht doch.« Der Pfarrer war herangekommen. »Weine nur, mein Junge. Das erleichtert.«

»Verzeihung, Herr Pfarrer. Heiko ist noch etwas klein. Er begreift noch nicht so recht, was geschehen ist.«

Irritiert sah der Pfarrer den Vater des Jungen an. Ging dieser so sehr in seinem eigenen Schmerz auf, daß er für seinen Sohn kein Verständnis hatte?

»Es ist nicht leicht, wenn man mit dem Tod konfrontiert wird, auch nicht für ein Kind.« Begütigend fuhr der Pfarrer dem Siebenjährigen durch das braune Haar. »Wir wollen jetzt gemeinsam für deine Mutter beten, und dann sprechen wir nochmals miteinander.«

Heiko preßte die Lippen zusammen. Er sagte kein Wort.

Kaum war der Pfarrer an seinen Platz zurückgegangen, zischte Ulf Lenz seinem Sohn zu: »Du hättest dich wenigstens bedanken können, wenn der Pfarrer schon so nett zu dir ist. Ich hoffe, du hältst nun in der nächsten Viertelstunde den Mund.«

Mit großen Augen sah Heiko zu seinem Vater empor. Warum war sein Vati denn so böse zu ihm?

Heiko senkte den Kopf. Seine Augen füllten sich schon wieder mit Tränen.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe?« Die Stimme von Ulf Lenz klang scharf.

Heiko konnte nicht antworten. Er nickte nur.

Gleich darauf fuhr sein Vater ihn erneut an: »Willst du nicht deine Hände falten? Du kannst doch beten, oder?«

Gehorsam bewegte Heiko die Lippen, aber er konnte nicht sprechen. Seine Kehle war wie zugeschnürt.

»Es ist für deine Mutter. Etwas lauter«, befahl Ulf Lenz leise.

»Ich… ich kann nicht. Bitte, Papi…« Heiko schniefte auf. »Mutti kann es ja auch nicht hören.«

»Pst, nicht so laut. Du störst schon wieder. Wenn du nicht still sein kannst, dann verlasse den Friedhof.«

Wortlos drehte sich Heiko um.

»Wohin willst du?« Ulf Lenz umspannte so fest den Arm seines Sohnes, daß es Heiko weh tat, aber er verzog sein Gesicht nicht.

»Ich gehe hinaus. Dann kann ich nicht mehr stören.« Heiko sagte es mit gesenktem Kopf. Im Grunde wartete er darauf, daß sein Vater ihn zurückholen würde, denn er sehnte sich nach einem lieben Wort, wäre gern in die Arme genommen worden, aber Ulf dachte gar nicht daran.

»Gut, aber warte beim Tor.« Ulf sah seinen Jungen unfreundlich an, dann ließ er ihn los und wandte sich ab.

Um Heikos Mundwinkel zuckte es. Er wollte etwas sagen, aber sein Vater beachtete ihn nicht mehr. Da drehte sich der Junge abrupt um und hetzte dem Ausgang zu.

Der Friedhofswärter, der gerade in der Nähe des Eingangs beschäftigt war, hob den Kopf. »He, wohin willst du?«

»Fort, weit fort!«

»Allein wird das wohl nicht gut gehen.« Der Mann legte die Schaufel weg und kam heran.

»Bist du nicht der kleine Lenz?« Mitleid schwang nun in seiner Stimme mit.

»Ich heiße Heiko.«

»Heiko, du kannst doch nicht weglaufen.« Der Mann legte seine Hand auf die Schulter des Jungen. »Der Herr Pfarrer spricht doch erst die Grabrede.«

»Doch, ich kann.« Heiko schniefte auf. Ein trotziger Ausdruck trat in sein Gesicht. »Mein Papa hat es selbst gesagt.«

»Was hat dein Papa gesagt?« Der Mann hob Heikos Kopf an.

»Papa hat gesagt, ich kann gehen.«

»Aber doch nicht weit fort.«

»Das ist doch egal. Papa mag mich sowieso nicht mehr.«

»Wie kannst du das nur sagen!« Der Friedhofswärter, ein älterer Mann, strich Heiko über das Haar. Ihm tat der kleine Junge, der seine Mutter so unvermittelt durch einen Verkehrsunfall verloren hatte, sehr leid.

»Es stimmt aber«, beharrte Heiko. »Papa schimpft nur immer mit mir. Ich kann ihm gar nichts mehr recht machen.«

»Dein Papa ist nur traurig«, versuchte der alte Mann zu erklären.

Als Heiko verzweifelt den Kopf schüttelte, sagte der Friedhofswärter betont munter. »Komm mit mir, mein Junge. Wir wollen mal sehen, ob ich nicht etwas für dich habe.« Damit stapfte er zum Pförtnerhäuschen hinüber.

Heiko zögerte. Erst als der Mann sich umdrehte und rief: »Na, auf was wartest du denn? Was hast du lieber, Bonbons oder Schokolade?« setzte er sich in Bewegung.

»Ich mag gar keine Süßigkeiten«, sagte Heiko, als der Mann ihm die Tür zum Pförtnerhäuschen aufhielt. »Vielleicht haben Sie aber etwas zum Trinken?«

»Aber klar, mein Junge. Mal sehen, was da ist.« Der Mann öffnete den Kühlschrank. »Milch, Cola, Limo«, begann er aufzuzählen.

»Einen Schluck Limonade, bitte«, sagte Heiko höflich.

»Sofort, bitte gleich«, versuchte der Mann zu scherzen. Er hätte den Jungen so gern aufgeheitert, doch Heikos Gesicht blieb verschlossen.

»Danke.« Heiko nahm das Glas entgegen und leerte es. Dann fingerte er in seiner Hosentasche herum und holte ein Zweieurostück hervor. »Mein Taschengeld«, erklärte er. »Ich habe es mitgenommen. Vielleicht können Sie mir eine Büchse Limo verkaufen. Wenn ich fortlaufe, habe ich sicher bald wieder Durst.«

Der Friedhofswärter erschrak. Er erkannte, der kleine Kerl meinte es wirklich ernst. Er überlegte hin und her, schließlich sagte er: »Das kannst du nicht tun. Da wäre dein Papa sehr traurig.«

»Da irren Sie sich. Papa wäre froh. Jetzt, wo Mami tot ist, will er mich auch nicht mehr haben.«

»So ein Unsinn«, sagte der Mann und schüttelte den Kopf. »Gerade jetzt braucht dein Papi dich.«

»Das stimmt nicht. Er hat mich fortgeschickt. Ich soll beim Tor warten. Aber ich werde nicht warten. Auch ohne Limonade werde ich fortlaufen. Weit fort werde ich laufen, bis ans Ende der Welt.«

»Das würde ich an deiner Stelle nicht tun. Da würden dir bald die Füße weh tun.« Der Mann füllte Heikos Glas nochmals. Dabei überlegte er, wie er dem Jungen diese Idee ausreden konnte. Er verstand nur zu gut, daß dieser verzweifelt war.

»Ich muß ja nicht alles laufen«, meinte Heiko mit todernstem Gesicht. »Auf der Straße fahren viele Autos. Eins wird mich schon mitnehmen. Es ist mir egal, wohin.«

»Das glaube ich nicht. Alle Autofahrer wissen, daß so ein kleiner Junge wie du nicht allein fortfahren darf.«

»Bei mir ist es ganz etwas anderes«, beharrte Heiko. »Meine Mami ist tot, und Papi hat keine Zeit. Um mich kann sich sowieso niemand kümmern. Glauben Sie mir, es ist besser, wenn ich einfach weggehe. Papi wird darüber nur froh sein.«

Wie kam der Junge nur auf solche Gedanken? Der Friedhofswärter wunderte sich und sagte: »Heiko, ich glaube, darüber müssen wir uns noch unterhalten. Du bist noch zu klein, um solche Entscheidungen zu treffen. Wenn du nichts dagegen hast, dann begleite ich dich zum Tor.«

Heiko überlegte. Er musterte den Mann und fand, er sah so aus, als ob man mit ihm reden könnte. Also erwiderte er: »Mitkommen kannst du ja… ich meine, können Sie«, verbesserte er sich sogleich, »aber viel Zeit habe ich nicht. Ich muß gleich weiter.«

»Dann laß uns einmal zum Tor gehen«, schlug der Friedhofswärter vor. Er dachte an seine beiden Enkel, die beide älter waren als Heiko und in Hamburg lebten. Er war selten dazu gekommen, ernsthafte Gespräche mit ihnen zu führen. Er sah sie höchstens einmal im Jahr. Dieser Junge wartete jedoch auf ein Gespräch. Das spürte er instinktiv.

»Weißt du, Heiko, wenn du fortgehst, dann mußt du unter fremden Leuten leben, und das ist sicher nicht lustig.«

»Mit meinem Papi ist es auch nicht mehr lustig«, kam prompt die Antwort.

»Und was hältst du davon, daß ich mit deinem Papi spreche?«

Heiko hörte gar nicht mehr auf den Mann. Er sah auf das Auto, das eben in seiner Nähe gehalten hatte. Ein Mann stieg jetzt aus und ging auf die andere Straßenseite. Dort befand sich ein Kiosk.

»So ein Auto müßte mich mitnehmen.« Heiko seufzte.

»Das schlage dir gleich aus dem Kopf«, sagte der Friedhofswärter nun energisch. Er fühlte sich inzwischen für den Jungen verantwortlich. »Solche Leute nehmen dich ganz gewiß nicht mit. Das dürfen sie gar nicht.«

Trotzdem starrte Heiko noch immer zu dem Auto hin. Jetzt stieg auch noch eine Frau aus. Sie war dunkelhaarig, groß und schlank. Heiko verschlang sie fast mit den Augen. »Die ist sicher lieb. Sie sieht so aus wie meine Mami. Nicht wahr? Meine Mami war auch so hübsch.«

»Ich glaube fast, deine Mami war noch hübscher.« Der Friedhofswärter zog den Jungen an sich. Er wollte ihn trösten.

Mit einem heftigen Ruck befreite sich Heiko. »Nein, das stimmt nicht. Die da schaut aus wie eine Schauspielerin. Aber lieb war meine Mami schon.« Heikos Augen füllten sich wieder mit Tränen.

Der Friedhofswärter wagte es nicht mehr, nach dem Jungen zu greifen. Auch wußte er nicht, wie er ihn trösten sollte.

Heiko schluckte. »Ich will gar nicht weinen«, versicherte er. »Ich bin doch schon groß.« Er machte ein paar Schritte auf das Auto zu, hielt dann aber an.

»Ich glaube, die mögen Kinder«, sagte er zu dem Friedhofswärter. »Auch der Mann wird sicher nie so böse werden, wie mein Papa jetzt ist. Soll ich fragen, ob sie mich mitnehmen?«

»Heiko, das können sie nicht. Auch wenn sie lieb sind, können sie es nicht. Für sie bist du ein fremder Junge.«

»Sie haben recht. Zu fragen hat keinen Sinn.« Heiko streckte seinen Kopf vor. »Vielen Dank für die Limo. Ich werde dann hier auf meinen Papi warten.«

»Ich habe Zeit. Ich warte gern mit dir.« Der Friedhofswärter hätte dies auch zweifellos getan, aber wenige Minuten später wurde er von einem Friedhofsbesucher angesprochen und mußte diesen zu einem Grab begleiten.

Heiko war das egal. Die Hände am Rücken verschränkt, schlenderte er zu dem parkenden Auto. Das Auto interessierte ihn weniger als der Mann und die Frau, die daraus ausgestiegen waren und nun am Kiosk gegenüber standen und etwas tranken. Heiko ließ sie nicht aus den ­Augen. Er war überzeugt, daß sie lieb zu ihm sein würden. Vielleicht würde ihn sein Papi auch wieder liebhaben, wenn er nicht mehr bei ihm sein würde? Sicher würde der Papi ihn vermissen, aber damit er ihn vermißte, mußte er zuerst weg sein.

Nachdenklich nagte Heiko an seiner Unterlippe. Er sah, daß der Mann zahlte. Gleich würden die beiden wieder zu ihrem Auto zurückkehren und wegfahren. Das durfte nicht sein.

Ohne weiter zu überlegen, handelte Heiko. Er ging ganz nahe an das Auto heran, sah sich flüchtig um, griff dann blitzschnell nach der Türklinke der hinteren Tür und war erstaunt, als diese aufsprang.

Ein Blick zum Kiosk hinüber. Gleich würden sich der Mann und die Frau umdrehen. Heiko spürte es. Er zögerte nicht länger, sondern schlüpfte ins Auto. Hastig zog er die Tür zu. Vorsichtig hob er dann den Kopf und sah zum Kiosk hinüber. Der Mann und die Frau kamen bereits auf das Auto zu.

Heiko preßte die Lippen zusammen. Dann ließ er sich zwischen Vordersitz und Rücksitz auf den Boden fallen. Er hielt den Atem an, als die Autotüren geöffnet wurden.

*

»Können wir?« Alexander von Schoenecker, er war der Besitzer des Autos, lächelte seiner Frau zu.

Denise lächelte zurück. »Natürlich. Frau Rennert wartet auf mich. Ich muß noch nach Sophienlust, um Bericht zu erstatten.«

Alexander von Schoenecker, ein gutaussehender Mann mittleren Alters, schnitt eine Grimasse. »Jetzt verstehe ich deine Eile. Deshalb hast du nicht einmal Zeit zu einer gemütlichen Tasse Kaffee gehabt. Und da soll ich nicht eifersüchtig werden. Deine Liebe gilt Sophienlust und nicht mir.« Seine Augen blitzten. Man merkte ihm an, daß sein Vorwurf nicht allzu ernst gemeint war. Er liebte seine Frau über alles und war daher stets in Sorge, daß sie sich bei ihrer großen Aufgabe – der Verwaltung des Kinderheims Sophienlust – übernahm.

»Irrtum, mein Lieber. Es ist nur so, daß die Kinder mich brauchen.« Denise von Schoenecker lächelte glücklich. Sie erwiderte die Liebe ihres Mannes von ganzem Herzen.

»Glaubst du etwa, ich brauche dich nicht?« Ehe Denise es sich versah, hatte Alexander nach ihrer Hand gegriffen und diese an die Lippen gezogen. »Ich glaube, ich brauche dich am allermeisten. Wir haben einfach zu wenig Zeit füreinander.« Seine Stimme klang jetzt ernst. »Durch dich hat mein Leben wieder einen Sinn bekommen. Nie hätte ich dies gedacht.«

Denise legte ihre Wange in seine Handfläche. Diese Geste sagte mehr aus als alle Worte. Die beiden waren eine Einheit.

»Es ist schön, wenn uns unsere Aufgabe in die gleiche Richtung führt.«

»Dies sollte viel öfter der Fall sein.« Alexander schenkte seiner Frau noch ein Lächeln, dann startete er den Wagen. Auch er hatte für den Abend noch einiges vor. Er war ein vielbeschäftigter Mann, denn er verwaltete das Familiengut Schoeneich selbst.

Das Kinderheim Sophienlust gehörte Denises sechzehnjährigem Sohn Dominik von Wellentin-Schoenecker, genannt Nick. Es war das Erbe von Nicks Urgroßmutter, Sophie von Wellentin, die bestimmt hatte, daß aus dem alten Herrenhaus ein Heim für elternlose oder Geborgenheit suchende Kinder gemacht werden solle. Denise verwaltete das Kinderheim für ihren Sohn und verbrachte die meiste Zeit des Tages dort. Auch ihre Kinder, Dominik und Henrik, ihr Jüngster, waren viel in Sophienlust. Denise hatte in Sophienlust zwar viele hilfreiche Hände, wie Frau Rennert, die Heimleiterin, und Schwester Regine, die Kinder- und Krankenschwester, aber sie selbst war der gute Geist von Sophienlust.

Alexander von Schoenecker war zügig gefahren und warf nun einen Blick in den Rückspiegel. Er hatte ein Martinshorn gehört. Jetzt sah er auch den Polizeiwagen, der mit Blaulicht herangeschossen kam. Vorschriftsmäßig drosselte er das Tempo und fuhr an den Straßenrand heran.

»Du, ich glaube, das gilt uns«, sagte er nach einigen Sekunden erstaunt. Der Polizist gab Zeichen und setzte sich dann vor das Auto von Alexander von Schoenecker.

Alexander bremste ab.

»Erforsche dein Gewissen, mein Lieber. Welche Verkehrsübertretung hast du begangen?« fragte Denise.

»Ich bin mir keiner bewußt. Lassen wir uns überraschen.« Alexander kurbelte das Autofenster herab und wartete auf den Polizisten.

»Was ist denn das?« Erstaunt hob Denise den Kopf. Sie hatte das Gefühl gehabt, unterdrücktes Schluchzen zu hören.

Alexander konnte nicht antworten, denn der Polizist war bereits an das Auto herangetreten und grüßte. Er beugte sich etwas vor und sagte: »Entschuldigen Sie, haben Sie nicht vor kurzem bei einem Friedhof gehalten?«

»Bei einem Friedhof?« Verständnislos sah Alexander seine Frau an. »Wir hielten in der Nähe eines Kioskes und tranken dort ein Mineralwasser. Das habe ich ordnungsgemäß bezahlt.«

»Einen kleinen Jungen haben Sie nicht gesehen?« Der Polizist versuchte ins Auto zu sehen.

»Moment!« Denise ergriff den Arm ihres Mannes. »Höre doch! Mir war vorhin schon so, als hätte ich ein Schluchzen gehört.

»Das ist doch unmöglich.« Alexander und Denise drehten sich gleichzeitig um, um nach hinten zu sehen. Da sahen sie den Jungen. Er lag ganz flach auf dem Bauch. Selbst das Gesicht hatte er an den Boden gepreßt.

Auch der Polizist hatte Heiko nun entdeckt. Er öffnete die hintere Tür. »Da ist ja der kleine Ausreißer. Da hat sich der Friedhofswärter also doch nicht geirrt. Er hat uns Ihren Wagen genau beschrieben.«

Heiko sah ein, daß es keinen Sinn hatte zu leugnen. Er kam langsam hoch. Den Blick gesenkt, stammelte er: »Er ist ein Verräter.«

»Einfach in ein fremdes Auto einzusteigen. Was ist dir da nur eingefallen? Du verdienst eine Tracht Prügel«, grollte der Polizist. Die Augen, mit denen er Heiko musterte, blickten alles eher als freundlich.

»Bitte, überlassen Sie das mir«, bat Denise. Sie hatte sofort erkannt, daß der Junge völlig verzweifelt war. Sie wartete die Antwort des Polizisten nicht ab, sondern stieg nach hinten zu Heiko ein.

»Du wolltest also ausreißen?« fragte sie.

Heiko nickte. Noch wagte er es nicht, seinen Blick zu heben.

»Wohin wolltest du?« fragte Denise weiter. Sie streckte ihre Hand aus, und Heiko ließ zu, daß sie ihm über das Haar fuhr. Freundlich lächelte sie dem Jungen zu, dann wiederholte sie ihre Frage.

»Weg, weit weg. Sie fahren doch weit weg?«

Der Polizist streckte seinen Kopf durch das Fenster. »Ich bringe dich jetzt zurück, mein Junge. Das Weitere kann dann dein Vater mit dir klären.«

»Nein, bitte nicht!« Ungestüm warf sich Heiko an Denises Brust und klammerte sich an sie. »Ich will nicht! Ich will bei dir bleiben. Du bist sicher so lieb, wie meine Mami war.«