Das Seufzen des Priors - Morena Pelicano - E-Book

Das Seufzen des Priors E-Book

Morena Pelicano

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Beschreibung

Das Seufzen des Priors Kurzgeschichten In der Titelgeschichte wartet der Prior eines Sonntagnachmittags wieder einmal auf Gäste. Sie suchen das Kloster regelmässig heim, um mit den übriggebliebenen Brüdern und Schwestern zu beten, meditieren und diskutieren. Dem Prior macht in den letzten Minuten vor der Intrusion weniger die Verführung durch weibliche Gäste Angst als der Ausverkauf der gottgeweihten Stätte, die aufs zahlende Volk angewiesen ist, um zu überleben. Er hadert mit Schicksal, das ihm der Schöpfer auferlegte. Die Autorin, Journalistin und Fotografin Morena Pelicano legt in ihrem neusten, reifen Werk eine Reihe rasanter, frecher, fulminant geschriebener Kurzgeschichten vor, die einerseits aussenstehenden Protagonisten gewidmet sind, die fast immer die Zwei (Drei oder Vier) auf dem Rücken tragen, oder in denen die Icherzählerin anderseits mit viel Ironie und Sarkasmus von der eigenen Selbstfindung und Introspektion berichtet oder beichtet. Da ist die Rede von Luca Gianni, einem erfolglosen Maler, der nachdem er sich durch die ganze Stilgeschichte probierte stets das gleiche Abstraktum kleckst. Damit aber kann sich der äusserlich durchaus ungepflegte Protagonist vorab bei der Damenwelt kaum mehr des Erfolgs erwehren. Vor einer besonders aufdringlichen Bewunderin vermag er sich am Schluss nur noch in den Keller der von der Stadt für seine besonderen Verdienste zur Verfügung gestellten Villa zu retten. Erfolg macht sexy. Ob Karin sie lässt sich auf der Suche nach Liebe von Herrn Reinhard das ganze Ersparte abnehmen und landet in der Selbsthilfegruppe Die Asche des Lebens, ob Haubesetzer Roland, der eine Erbschaft annimmt, die Welt retten will, sein Erbe verprasst und schliesslich in kompletter Selbstüberschätzung und Umnachtung endet Der kapitalistische Wahn des Hausbesetzers, oder Hauswirtschaftsleiterin Füchslin sie läuft gegen den Sittenzerfall der jungen punkigen Mitarbeiterin Sturm, muss am Ende aber zugeben, jahrzehntelang vom Gatten betrogen worden zu sein Karl selig und die Rotzgöre oder Jean-Claude, der nach einem One Night Stand sein Hab und Gut veräussert und schliesslich vor der ebenso verschlossenen wie verlassenen mallorquinischen Villa der Angebeteten durchdreht Bügelnd in die Zukunft. Immer beobachtet Morena Pelicano ihre Heldinnen und Helden nicht lieblos aber doch ohne ihnen etwas zu schenken. Michael Walther, Journalist, Autor, Lektor, Wattwil SG. 18.2.25

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Seitenzahl: 202

Veröffentlichungsjahr: 2025

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INHALT

Vorwort:

Das Seufzen des Priors

1. Das Seufzen des Priors

2. Che Guevara hat sich nicht verliebt

3. Mr. Bip, mein philosophierender Hahn

4. Der sündige Geruch der bösen Lüste

5. Der kapitalistische Wahn des Hausbesetzers

6. Die Asche des Lebens

7. Im Paradies gibt es keinen Hunger

8. Wintertränen

9. Die Schamanin und der Ruf der Handpan

10. Von Postgelb zu Schillernd

11. Mein erster Liebesbrief oder der Kaktus

12. Karl selig und die Rotzgöre

13. Erfolg macht sexy

14. Bügelnd in die Zukunft

15. Feng Shui und der Weg zurück

16. Der ewige Winter des einsamen Alters

17. Selbstcoaching oder wie aus einer Karotte eine Erdbeere wird

18. Sie träumten vom Meer und gingen immer in die Berge

19. Die Liebe im Quadrat

20. Die rappende Rollatorgang

21. Die Sehnsucht nach dem ersten Kuss

22. Ein Hamster auf Speed

23. Beuteschema

24. Was ich von den Bäumen lernte

VORWORT

DAS SEUFZEN DES PRIORS

In der Titelgeschichte wartet der Prior eines Sonntagnachmittags wieder einmal auf Gäste. Sie suchen das Kloster regelmässig heim, um mit den übriggebliebenen Brüdern und Schwestern zu beten, meditieren und diskutieren. Dem Prior macht in den letzten Minuten vor der Intrusion weniger die Verführung durch weibliche Gäste Angst als der Ausverkauf der gottgeweihten Stätte, die aufs zahlende Volk angewiesen ist, um zu überleben. Er haderte mit dem Schicksal, das ihm der Schöpfer auferlegte.

Die Autorin, Journalistin und Fotografin Morena Pelicano legt in ihrem neusten, reifen Werk eine Reihe rasanter, frecher, fulminant geschriebener Kurzgeschichten vor, die einerseits aussenstehenden Protagonisten gewidmet sind, die fast immer die Zwei (Drei oder Vier) auf dem Rücken tragen, oder in denen die Icherzählerin anderseits mit viel Ironie und Sarkasmus von der eigenen Selbstfindung und Introspektion berichtet – oder beichtet.

Da ist die Rede von Luca Gianni, einem erfolglosen Maler, der – nachdem er sich durch die ganze Stilgeschichte probierte – stets das gleiche Abstraktum kleckst. Damit aber kann sich der äusserlich durchaus ungepflegte Protagonist vorab bei der Damenwelt kaum mehr des Erfolgs erwehren. Vor einer besonders aufdringlichen Bewunderin vermag er sich am Schluss nur noch in den Keller der von der Stadt für seine besonderen Verdienste zur Verfügung gestellten Villa zu retten. (»Erfolg macht sexy«).

Ob Karin – sie lässt sich auf der Suche nach Liebe von Herrn Reinhard das ganze Ersparte abnehmen und landet in der Selbsthilfegruppe (»Die Asche des Lebens«) –, ob Hausbesetzer Roland, der eine Erbschaft annimmt, die Welt retten will, sein Erbe verprasst und schliesslich in kompletter Selbstüberschätzung und Umnachtung endet (»Der kapitalistische Wahn des Hausbesetzers«), oder Hauswirtschaftsleiterin Füchslin – sie läuft gegen den Sittenzerfall der jungen punkigen Mitarbeiterin Sturm, muss am Ende aber zugeben, jahrzehntelang vom Gatten betrogen worden zu sein (»Karl selig und die Rotzgöre«) –, oder Jean-Claude, der nach einem One-Night-Stand sein Hab und Gut veräussert und schliesslich vor der ebenso verschlossenen wie verlassenen mallorquinischen Villa der Angebeteten durchdreht (»Bügelnd in die Zukunft«): Immer beobachtet Morena Pelicano ihre Heldinnen und Helden nicht lieblos – aber doch ohne ihnen etwas zu schenken.

Die Icherzählerin wiederum umarmt Bäume, kontert die Werbebotschaften des glücklichen Alters mit einer rappenden Rollatorgang oder erlebt, dass die Nachbarin ihren neuen Liebling im Landidyll, den mitunter aggressiven Hahn, zu Suppe verarbeitet: Nie erfolgt die Glücksuche einfach, geschweige denn geradlinig.

In der Sprache glänzend und perfekt, geht Morena Pelicano auch bei den Rollenbildern einen erfrischenden, eigenen Weg. Ihre HeldInnen sind nicht woke; nicht mal immer sind die kunstvoll gezeichneten Rollenbilder politisch korrekt. Den indiskutablen Rollenbildern der Neokonservativen entsprechen sie schon gar nicht: Die offensichtlich lebenserfahrene und journalistisch erprobte Autorin zeichnet ihre Helden realistisch – zwischen Idealen und rückwärts zerrenden, zeternden Ideologien.

Morena Pelicano wuchs in der Ostschweiz auf. Die ausgebildete Journalistin und Fotografin lebt seit mehreren Jahrzehnten in Sutz am Bielersee. Sie veröffentliche bereits zahlreiche literarische Werke. »Das Seufzen des Priors« ist ihre besonders reife, überragende Textsammlung: Bei bester Unterhaltung, lässt sie einen ab und zu in die eigenen Abgründe blicken.

Michael Walther, Lektor, Autor, Wattwil SG. 18.2.25

1. DAS SEUFZEN DES PRIORS

Der Prior sass in seinem Büro und trank Coca Cola Zero. Er konnte seiner Gedanken nicht Herr werden. So sündig es war, er dachte: «Wären nur diese Weiber nicht!»

Es war Sonntagnachmittag, Anfang Mai. Die kleine Klostergemeinschaft – sieben Brüder und zwei Schwestern – musste finanziert werden. Sie machten es wie viele andere Klöster auch. Sie verkauften das Klosterleben.

Siebenhundert Franken für sieben Tage. Die Gäste konnten mit den Brüdern und Schwestern beten, meditieren und diskutieren. Und, das war entscheidend: Sie halfen bei der Wäsche, sie machten sich im Garten nützlich, reinigten die Fenster, saugten die Teppiche und wischten die Treppen. Denn Tatsache war auch: Der älteste Mönch war 96 Jahre alt. Der jüngste Bruder war vierzig. Er war der einzige Novize der vergangenen fünfzehn Jahre. Der Prior aber lebte schon seit dreissig Jahren im Kloster.

Er dachte mit Wehmut an die ersten zwanzig Jahre zurück, in denen er in stiller Einkehr die Tage mit Gebet und dem Bibelstudium zugebracht hatte. Im Schweigen hatten er und seine Mitbrüder gelebt. Die Tage vergingen im Gleichmass des Glockenklangs. Mit dem heiligen Eifer eines gottesfürchtigen Menschen hatte er sich diesem Leben hingegeben und hatte seinen Entschluss, sein Leben Gott zu weihen und in Keuschheit zu leben, nie bereut. Nun Ja – fast nie.

Der Prior warf einen Blick zur Wanduhr. Halb vier. In einer halben Stunde kamen die vier Gäste. Es war jedes Mal ein Zweifeln an seinem Entschluss. Der Prior sehnte sich nach der Stille. Er wollte, wenn er ehrlich war, nichts oder nicht mehr viel von der Welt wissen. Er wollte nur am Morgen das «Vaterunser» beten, die Psalmen singen und im Buch der Weisheit lesen. Während dreier Wochen empfingen sie Besuch. In der vierten Woche waren die Brüder und Schwestern jeweils unter sich. Der Prior wünschte, die drei Wochen bereits hinter sich zu haben. Es führte jedes Mal zu Unruhe im Kloster, wenn die Gäste eintrafen. Jeder brachte sein weltliches Leben mit. Die Menschen waren gebunden an Arbeit und Familie, und sie erhofften sich Wunder von den sieben Tagen im Kloster. Die aber konnte er nicht bieten.

Während langer einundzwanzig Tage musste er sich seinem Schicksal beugen und den geduldigen Mönch spielen. Ja, er war wie ein Schauspieler, der seine Rolle perfektioniert und seinen Text auswendig gelernt hatte. An jedem Morgen dieser Tage flehte er Gott um die notwendige Geduld an, schlüpfte, mit ziemlich viel Widerwillen, in die braune Kutte und wurde zum Manager.

So vieles musste bedacht werden. Der Lebensmitteleinkauf. Die lästige Frage, was es wann zum Mittagessen gab. Wer Küchendienst machen konnte und wer für den Waschgang zuständig war. Jeder Gast brauchte einen Ansprechpartner, einen Mönch oder eine Nonne, die für ihn Zeit hatte und ihm oder ihr mit spirituellem Rat zur Seite stand.

Heute kamen zwei Frauen und zwei Männer. Grundsätzlich hatte der Prior nichts gegen das weibliche Geschlecht. Im Grundsatz. Doch in Wahrheit tat er sich sehr schwer damit, dass die Bruderschaft vor zehn Jahren den Entscheid gefällt hatte, zwei Schwestern im Kloster Heimat zu geben. Denn die weiblichen Gäste wollten sich lieber mit einer Schwester austauschen als einem Mönch. Sie bevorzugten den Rat von Frau zu Frau. Und – das gestand der Prior sich nur ungern ein – sie, die Besucherinnen waren, wenn es ums Kochen und Fensterputzen ging, weitaus geschickter als die Brüder und die Schwestern.

Ohne die zahlreichen weiblichen Hände, die den Staub aus den Ecken kratzten, den Sonntagsbraten spickten, abgesprungene Knöpfe wieder festnähten und das Kochgeschirr schrubbten, bis es wieder glänzend war, hätten sie, die Alten, den Klosterbetrieb nicht mehr aufrechterhalten können.

Die in die Jahre gekommenen Brüder und Schwestern konnten das Markusevangelium zitieren und mit noch ausreichend wohlklingender Stimme die Psalmen darbieten. Sie konnten schöne Geschichten aus längst vergangener Missionars- und Lehrerinnenzeit in Afrika zum Besten geben. Aber wenn es um die profanen Alltagsdinge ging, waren sie ziemlich hilflos.

Grundsätzlich, wie gesagt, hatte der Prior nichts gegen Frauen. Auch sie waren von Gott erschaffen. Doch sie brachten Unruhe ins Leben, die ihm besonders viel Geduld abverlangte. Die Männer, die zu Besuch kamen, fügten sich meist still und zurückhaltend in den Alltag ein. Sie waren anspruchslose Gäste, die den Brüdern und Schwestern einfach zuhörten, wenn sie während des Abendessens vom Klosterleben erzählten.

Aber die Frauen fragten schon beim Morgenessen, wie es war, wenn einem Gott begegnete. Sie wollten wissen, ob es dann ein besonderes Licht gab. Wie war es, wenn Gott zu einem sprach? Und wie genau musste man die zehn Gebote interpretieren? So viele Fragen. So viel Neugier. So viel Unruhe.

Der Prior blickte erneut zur Uhr. Ein Viertel vor. Er trank noch ein Glas Cola Zero. Dann atmete er tief durch. Auch diese erneute Prüfung würde er mit Gottes Hilfe durchstehen. Seit zehn Jahren managte er das Kloster nicht nur, weil er in enger Vertrautheit mit Gott lebte. Nein, er war der einzige Bruder, der diese Aufgabe bewältigen konnte. Vor schier unendlich langer Zeit, bevor er ins Kloster eingetreten war, hatte er in einem Hotel gearbeitet. Da hatte er gelernt, sich auf die Bedürfnisse der Gäste einzustellen, um ihnen einen angenehmen Aufenthalt zu bescheren, und nebenbei die tausend Dinge zu organisieren, die es brauchte, damit das Essen pünktlich serviert wurde, die Bettwäsche ordentlich in den Schränken lag, die Zimmer glänzten.

Das Leben, das der Prior nun führte – wobei er still bei sich dachte, das Leben, das ihm aus finanziellen Gründen aufgezwungen worden war – gefiel ihm ganz und gar nicht. Ja, und in Augenblicken wie diesen, eine Viertelstunde vor dem Eintreffen der Gäste, fragte er sich, ob es denn keine Möglichkeit gab, wieder in die Beschaulichkeit des stillen Mönchslebens zurückzukehren.

Als er nach der Zeit als Novize das Gelübde abgelegt hatte, hatte er sich bereit erklärt, die Wege zu gehen, die Gott für ihn auserkoren hatte. Würde er zu seinem jetzigen Leben Nein sagen, würde er sich also Gott verweigern – er würde das Gelübde brechen. Bei all den Mühen und den Zweifeln, die ihn immer wieder überkamen: Sein Wort konnte er nicht brechen. Dann hätte er versagt. Und welches Leben könnte er schon noch führen, wenn er die Klostergemeinschaft verliess? Es waren Gedanken, die sich der Prior verbot. Denn sie führten zu nichts. Zu nichts als genau der gähnenden Leere, die ihn umfangen würde, wenn er die Klostergemeinschaft verliesse.

Nun sah er gottesfürchtig zum hölzernen Kruzifix auf, das die Wand über dem Sofa zierte. Der gekreuzigte Jesus begleitete ihn seit dreissig Jahren. In seiner Novizenzeit hatte er stundenlang ins Gebet versunken davorgekniet. Er konnte alles Weltliche vergessen und war ganz und gar eins mit dem Gekreuzigten. Welch gesegnete Zeit. Reich beschenkt vom Heiligen und von Gott geführt, kehrte der Novize jeweils wieder in den Alltag zurück. Sein Herz hatte jubiliert. Sein Gang war federleicht, seine Gedanken waren heiter und das Leben war gut und er war auf dem richtigen Weg gewesen. Mit Stolz und Ehrfurcht hatte er damals die braune Mönchskutte getragen und jeden Tag mit glühendem Herzen die Gebete gesprochen und Gott für die Weisung gedankt.

Warum, oh Gott, konnte es nicht wieder so sein – wie es zu Anfang war, als es nur die Klostergemeinschaft gegeben hatte. Die Brüder, die mit ihm lebten und mit denen er über die grossen Fragen des Lebens disputieren konnte. Denn jeder Besucher, der ins Kloster kam, führte ihn schliesslich fort von seinem Weg zu Gott. Die meisten Männer, die einen Dreitagesaufenthalt im Kloster buchten, waren pensioniert. Sie hatten das Berufsleben erfolgreich gemeistert, Frau und Kinder ernährt. Sie suchten einfach Besinnung, unterhielten sich mit den Brüdern über ihre Neuorientierung, und dann gingen sie wieder, dankbar für die erlebte Zeit und den begonnenen Weg – und, mehr als davor, auf Gott vertrauend.

Mit den Frauen war das aber nicht so einfach. Vor allem mit jenen, die so zwischen vierzig und fünfzig waren – ohne Ehemann und ohne Kinder. Die vielleicht vollständig berufstätig, aber seit einigen Jahren auf einer spirituellen Suche waren. Was, fragte der Prior sich jedes Mal, suchten diese Frauen eigentlich?

Für ihn gab es nur zwei Möglichkeiten für Frauen. Das Gelübde ablegen und ins Kloster eintreten. Oder heiraten und sich mit Hingabe um Mann und Kinder kümmern. Aber das konnte er natürlich nur im Geheimen denken. Nicht auszumalen, was geschähe, wenn er seine Meinung bei einem Abendessen verkünden würde.

Der Prior hatte lange Jahre gedacht, er sei auch als Mönch aufgeschlossen und mit dem Zeitgeist unterwegs. Doch die Emanzipation der Frau hatte er verpasst. Und seine Stellung als Klostervorsteher verschaffte ihm dafür auch die nötige Autorität. Natürlich gab er sich Mühe, auch die Schwestern gleichberechtigt zu behandeln. Aber Fakt war: Sie durften nicht predigen und den Segen nicht erteilen. Diese Ordnung hatte ihm in den zehn Jahren, in denen die Schwestern zur Klostergemeinschaft gehörten, Überlegenheit gegeben. Sein Wort war zwar nicht gerade ein Gesetz. Doch nach seinen Entscheidungen hatten sich die Brüder und Schwestern zu richten. Jedenfalls – er war es sich auch nach zehn Jahren nicht gewohnt, dass seine Gedanken zu Gott und dem Glauben hinterfragt wurden. Fünf Minuten vor jetzt. Er tat einen Stossseufzer, zupfte die Kutte zurecht.

Und heute? Vier Gäste erwarteten ihn: Zwei Pensionierte, eine Witwe – und dann eine von diesen Jungen. Mit stoppeligem Kurzhaar und grossen orangen Ohrringen. Der Prior seufzte schwer und ohne einen Laut. So eine Junge hatte ihm in seiner wankelmütigen Stimmung gerade noch gefehlt. Warum nur hatte Gott ihm dieses Schicksal auferlegt?

Der Erste, der sich vorstellte, war siebzig und ein passionierter Jäger. Er bringe eine grosse Kühlbox voller Rehfleisch mit, auch Wein habe er als Geschenk dabei. Er tue sich schwer mit dem Beten, weil er nie die richtigen Worte finde und er hoffe, dass ihn die Brüder und Schwestern diesbezüglich inspirieren können. Der andere Mann berichtete, er sei erst kürzlich pensioniert worden. Er sei verheiratet und habe Enkelkinder. Da er nun Zeit habe, möchte er sich gerne intensiv dem Bibelstudium widmen. Das sei aber nicht so einfach, wie er gedacht habe und er wünsche sich, dass er sich mit den Brüdern und Schwestern darüber austauschen könne. Die dritte Besuchende, eine Witwe, wiederum gab preis, dass ihr Mann vor einem halben Jahr gestorben sei. Ihre beiden erwachsenen Kinder hätten ihr den Klosteraufenthalt geschenkt, damit sie ein wenig zur Ruhe kommen und neue Kraft aus Gottes Wort schöpfen könne. So weit ihre Erwartungen.

Die Junge sass gelassen im Sessel. Sie spielte mit dem orangen Ring an ihrem Finger. Sie sei, begann sie, auf der Suche nach Antworten. Seit Jahren sei sie auf dem Weg. Doch Gott habe sie bisher nicht gefunden. Du wirst ihn auch hier nicht finden, dachte der Prior. Denn Gott lebt nicht in einem halbweltlichen Kloster, das sich für schnödes Geld verdingen muss. Er wirkt in der Stille. Und bei uns ist es fast so laut wie auf einem Bahnhof.

Als der Prior den Gästen die Zimmer zuwies, staunte er abermals, über den extrem grossen Koffer der Jungen. Was schleppte die denn alles mit? Im Verlauf der Woche würde sich das Rätsel lüften. Täglich kleidete sich diese Suchende in ein komplett neues Outfit. Mal erschien sie grellorange, dann giftiggrün und schrillpink im Speise- oder Gebetssaal. Und jedes Mal dazu passende Ohrringe, gross wie Unterteller. Sowie Schuhe, bei denen sich der Prior fragte, wo man denn so etwas überhaupt kaufen konnte. Er betete um Nachsicht.

Und er bat auch jeden Morgen beim Frühstück um Geduld. Warum konnte diese Gattung von – Entschuldigung – Weib nicht einfach in demütiger Stille das Honigbrot und Müesli essen? Warum mussten solche Menschen ihn schon in den frühsten Stunden ins Schwitzen bringen, etwa, indem sie wissen wollten, wie er Gottes Gegenwart spürte?

Beinahe hätte der Prior gesagt, wenn Gott ihm an ihrer Statt trauernde, schweigsame Witwen vorbeischickte. Stattdessen antwortete er: Im Gebet und in der Stille erlebe er des Schöpfers Gegenwärtigkeit.

Und ob es nicht frauenverachtend sei, dass Gott die Frau aus einer Rippe Adams erschaffen habe? Noch sechs Tage. Und kaum hatte der Morgen begonnen, betete der Prior schon zum zweiten Mal um Geduld und Nachsicht.

Es gehörte zum täglichen Klosterleben, dass sich die Brüder und Schwestern mit ihren Gästen um halb zehn zu einer Pause mit Kaffee und Keksen trafen. Die Junge? Trabte mit der Bibel in gerechter Sprache an und wollte ihm partout aus dem Lukas-Evangelium vorlesen – Kapitel 14, Vers 16 bis 22.

Das sei, sagte sie, doch ein Gleichnis über einen reichen Patriarchen, der – weil seine ebenso begüterten Freunde nicht zum Fest kamen – die Blinden, Tauben, Gelähmten und Aussätzigen in sein Haus holte. Hier handle es sich doch um ein Paradebeispiel… wollte sie wohl sagen. Weiter kam sie nicht, denn der Prior unterbrach mit schneidendem Ton, jetzt sei er nicht gewillt für einen bibelkritischen Disput. Jetzt sei Kaffeezeit.

Könnte er die Klostergemeinschaft nicht einfach zur strikten Stille einladen, überlegte der Prior, als er wieder an seinem Schreibtisch sass. Während sieben Tagen schweigend mit den Gästen zusammenleben. Striktes Schweigen. Die ganze Zeit kein Geschwafel aufmüpfiger Emanzen. Kein Keifen oder Ohrringgeklirre um halb acht. Einfach nur besinnliche, göttliche Stille.

Vertieft in diese Gedanken und für einen Moment von einer köstlichen Ruhe beseelt, dankte der Prior Gott für diese Idee. Er wollte sich gerade daran machen, ein neues Besucherreglement zu verfassen, da klopfte es laut und forsch an der Tür. In düsterer Vorahnung rief er: «Herein!»

Dieses Weib!

2. CHE GUEVARA HAT SICH NICHT VERLIEBT

Che Guevara wachte mit stoischem Blick über der Wohngemeinschaft. Eine Frau mit einem kahl rasierten Schädel und vier bleichgesichtige Typen sassen an einem wackligen und verschrammten Esstisch. Schweigend löffelten sie Teigwaren mit Ketchup. Neben der verkohlten Pfanne stand ein überquellender Aschenbecher. Alle hatten ein Bier vor sich. Die Frau starrte mich mit einem stechenden Blick an, trank einen Schluck, rülpste und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Die Fünf hatten weder «Hallo» gesagt noch sich vorgestellt. Niemand bot mir einen Stuhl an. Ich zog einen heran und setzte mich mit einem Meter Abstand vom Tisch.

Vor vier Wochen hatte ich eine Stelle als Küchenplanerin angetreten. Jeden Morgen stand ich um halb fünf auf, pendelte mit dem Zug von der Ostschweiz in die Zürcher Agglo, damit ich um sieben Uhr am Schreibtisch sass. Das war mir zu anstrengend. Deshalb suchte ich nach einem WG-Zimmer, nicht für immer und ewig, nur für ein paar Wochen, bis ich eine Bleibe gefunden hatte. So kam ich an die Carmenstrasse in Zürich, in eine grosse Wohnung, in der die Kleider neben üppigen Staubflusen auf dem Boden lagen.

Es roch nach schmutzigen Socken und faulen Eiern. Trotz der schönen Abendsonne und einer Brise waren alle Fenster geschlossen. Die Fünf trugen schwarze Shirts, ausgeleiert und schmuddelig. Che Guevera blickte nachsichtig auf die schmatzende und rülpsende Truppe.

«Du bist ziemlich hässlich», sagte die Frau.

Tja, das konnte ich jetzt auch nicht auf die Schnelle ändern. Ich trug die schwarz gefärbten Haare sehr kurz, der Pony war violett, und am Hinterkopf hatte ich einen schmalen Zopf, der mir weit auf den Rücken reichte. Auf der rechten Kopfseite hatte ich mir erst tags zuvor beim Coiffeur ein Zickzackmuster rasieren lassen. Schönheit war Geschmackssache, und ich legte keinen Wert darauf.

«Deine Kleidung ist so ordinär.»

Ich warf einen Blick auf meine pinke Samtleggins mit den Flecken in allen Farben. Dazu trug ich eine schwarze ärmellose Bluse mit einem grossen Kragen. Ich fand meine Kleidung um einiges schicker als die der jungen Frau. «Wie müsste ich mich denn anziehen, damit ich dir gefalle?» Eine gewagte Frage, und ich war nicht besonders scharf auf die Antwort.

Die junge Frau starrte mich an, trank vom Bier, rülpste erneut und wischte sich schon wieder mit dem Handrücken den Mund ab. Die Typen hatten bis jetzt kein Wort gesagt. Ihr hypnotisches Starren wurde mir langsam unheimlich.

«Deine Klamotten sind bieder. Du siehst aus wie eine Tussi. Und ich steh nicht auf Tussen.»

Ich, eine Tussi? Das hatte mir bis jetzt noch nie jemand gesagt. Ich trug kein Makeup. Aber vielleicht störten sie die langen, durchaus gepflegten Fingernägel. Ich trug sehr elegante Sandalen, und vielleicht machten mich die rot lackierten Zehennägel zu einer Tussi.

«Du siehst überhaupt nicht geil aus», verkündete die Frau, während sie sich eine Zigarette drehte. Bis jetzt hatte ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, ob ich selbst Frauen sexy fand. Aber falls, dann sicher nicht kahlköpfig und rülpsend.

Es war am Mittag desselben Tages gewesen, als ich im Radio von diesem WG-Zimmer gehört hatte. Einzige Bedingung: Es musste eine Frau sein. Das war schon mal ein Vorteil. Besichtigen könne man das Zimmer am Abend. Ich war sehr zuversichtlich, denn ich war flexibel und anpassungsfähig. Dass ich schön und sexy sein musste, davon war im Radio keine Rede gewesen.

«Welche Zeitung liest du?»

Die Frage überrumpelte mich.

«Am Samstag lese ich den ‹Tagesanzeiger›.»

«Wir lesen ausschliesslich die alternative ‹Wochenzeitung›, denn wir sind keine Handlanger der Kapitalisten.»

Gierig zog die Frau an der Zigarette und starrte mich unverwandt an. Mit dem Kapitalismus hatte ich mich bis jetzt nie beschäftigt. Die Frau deutete meine Antwort als politisches Statement. Wieder einen Punkt verloren.

«Gehst du wählen?»

Ich fühlte mich wie in einem Verhör, hoffte aber immer noch auf das Zimmer.

«Nein», sagte ich, und das war die reine Wahrheit. Politik war etwas, das mich nun wirklich nicht interessierte.

«Das ist schon mal gut, denn wir unterstützen das korrupte System nicht.»

Meine Hoffnung auf das Zimmer bekam Aufwind.

«An welche Demos gehst du?»

Demos? Gehörte das jetzt auch zur Bewerbung? Etwas kleinlaut sagte ich: «Ich war noch nie an einer Demo.»

«Du bist ja politisch eine Null. Und du lieferst sicher deine Steuererklärung pünktlich ab.»

«Was spricht dagegen?», wagte ich mich vor.

«Was dagegen spricht? Du unterstützt ein politisches System, das den Reichen Geld in die Tasche spült und die Armen ausbeutet.»

Nun ja, darüber hatte ich mir bis jetzt, wenn ich die Steuerrechnung bekam, auch noch keine Gedanken gemacht. Langsam, aber sicher kam ich mir wirklich bieder vor.

«Trennst du deinen Müll?»

Zu verlieren hatte ich nicht mehr viel. Also antwortete ich mit Ja.

«Du bist ein totaler Bünzli! Müll trennen, wie kann man nur!»

Ich sah diskret zur Ketchupflasche. So was von ordinär.

«Wenn ihr so gegen das System seid, warum übergiesst ihr eure Teigwaren denn mit dieser roten Pampe?»

Die junge Frau zögerte etwas, bevor sie fragte: «Was hat Ketchup mit dem System zu tun?»

«Das ist Kapitalismus in Reinkultur. Che Guevara würde nie Ketchup kaufen.»

«Was weisst denn du über Che? Du hast doch keine Ahnung, wofür dieser Freiheitskämpfer sein Leben opferte.»

Das wusste ich tatsächlich nicht. Aber dann traute ich mich wieder einen Schritt vor. «Wer für die Freiheit kämpfte, kauft sicher kein Ketchup von den bösen Amerikanern.» Diese Weisheit hatte sogar mich, die fünfundzwanzig Jahre auf dem Land gelebt hatte, gestreift.

«Du bist sicher stockhetero. Ich mach´s mit Männern und Frauen», wechselte die Kahlgeschorene das Thema. «Und wir haben in unserer WG alle Türen ausgehängt. Wir verstecken uns beim Ficken nicht. Wir sind nämlich nicht prüde wie die Bünzli und Mülltrenner. Hast du überhaupt schon mal vor anderen gefickt?»

Ich stellte mir vor, wie die schmuddeligen Typen auf die Toilette gingen, während ich am Duschen war. Langsam schwamm das Zimmer davon. «Manchmal schätze ich meine Privatsphäre.»

Die Frau starrte mich noch einen Zacken schärfer an. Höhnisch rief sie: «Privatsphäre! Wir sind ein Kollektiv. Wir unterscheiden nicht zwischen Privat und Öffentlich. Alles gehört allen.»

Das hatte ich mittlerweile begriffen.

«Wir legen auch alles Geld in eine gemeinsame Kasse. Jeder gibt, was er kann.» Das konnte nicht viel sein, wenn sie Teigwaren mit Ketchup assen und Billigbier schlürften. Ich stellte mir vor, wie ich in dieser Küche stand, Gemüse und Reis garte, Tofu briet und Salat anrichtete. Und wie die Fünf mit ausgehungerten Blicken gierig auf ihre Portion warteten.

«Wir sind Anarchisten.»

«Dann habt ihr keinen Mietvertrag und zahlt keine Miete?» Der Blick der Frau sprühte Funken.

«Was geht dich das an?»

Die Typen schwiegen und schwiegen. Chefin war definitiv die Frau.

«Wie müsste denn deine Mitbewohnerin sein?»

«Na, halt geil. Mit einem scharfen Body, langen Haaren. Und ohne Tussi-Zehennägel.»

«Es wäre nur für kurze Zeit.» Ich könnte ja im Badeanzug duschen, dachte ich.