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Irgendwo im Schwarzwald, tief unter der Erde, liegt ein Uhrwerk, das der Zeit der Welten ihren Takt vorgibt. Nun droht es zu zerbrechen – und ausgerechnet Ambra soll es reparieren. Als hätte sie nicht schon genug Probleme. Aber wenn die Welt jeden Moment stehenbleiben kann, ist es höchste Zeit, wieder jemandem zu vertrauen … vielleicht sogar Jo, diesem sonderbaren Typen mit den grünen Haaren.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
HYBRID VERLAG
Vollständige elektronische Ausgabe
09/2022
Das Silberlicht der Zeit
© by Susa Reichmann
© by Hybrid Verlag
Westring 1
66424 Homburg
Umschlaggestaltung: © 2022 by Magical Cover Design, Giuseppa Lo Coco
Lektorat: Senta Herrmann
Korrektorat: Petra Schütze
Buchsatz: Lena Widmann
Autorenfoto: privat
Coverbild ›Woodtalker – Das Lied der Bäume‹
© 2019 by Creativ Work Design, Homburg
Coverbild ›Die Welt hinter den Zeilen‹
© 2022 by Creativ Work Design, Homburg
Shutterstock-Nr. 1554268784, Bildnachweis: titanlee
Coverbild ›Eibe und das Buch der Schatten‹
© 2017 by Creativ Work Design, Homburg
Coverbild ›Der Fluch der Grinsekatze – Ankunft‹
© 2022 by Creativ Work Design
Coverbild: 106186907 Bilddatennachweis: Larissa Kulik, 1211207515, 1500012110 Bilddatennachweis: Julia Raketic
ISBN 978-3-96741-155-3
www.hybridverlag.de
www.hybridverlagshop.de
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar. Printed in Germany
Susa Reichmann
Das Silberlicht der Zeit
Fantasy
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
26.
27.
28.
29.
30.
31.
32.
Epilog
Danksagung
Die Autorin
Hybrid Verlag …
Vorwort
Liebe Leser*innen,
ich freue mich, dass ihr Ambra und Jo bei ihrem Abenteuer begleiten wollt.
Das Silberlicht ist ein bisschen mehr als eine reine Fantasy-Geschichte – es geht darin auch um böse Erinnerungen und wie wir mit ihnen umgehen. Und böse Erinnerungen beruhen auf schlimmen Erfahrungen. Ich weiß selbst, wie schwer es ist, nach traumatischen Erlebnissen weiterzuleben. Deswegen kommt hier eine Warnung für diejenigen unter euch, für die manche Inhalte besonders schwierig sein könnten.
An alle anderen, vor allem an die, die nicht gespoilert werden wollen: Blättert einfach genau jetzt weiter und startet direkt bei Kapitel 1 in die Geschichte! Ihr seid herzlich eingeladen, nach dem Ende hierher zurückzukommen und den Rest des Vorworts zu lesen.
Alle weg?
Wirklich?
Okay, fangen wir an. Thematisiert werden hier Suizidgedanken und –versuche, außerdem Mobbing inklusive Cybermobbing, und nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen. Bitte entscheidet selbst, ob ihr euch stark genug fühlt, euch mit diesen Inhalten zu konfrontieren.
Wir alle finden unterschiedliche Wege, mit unseren Erinnerungen zu leben. Ich glaube nicht daran, dass es die eine Universallösung gibt, die für sämtliche Menschen, jede Situation und jeglichen Zeitpunkt richtig ist. Woran ich dagegen sehr wohl glaube: Dass wir uns dabei Hilfe suchen können, dürfen und sollen, wenn wir sie brauchen. Wenn ihr also Probleme habt, die euch unüberwindbar scheinen, denkt daran, dass ihr nicht alleine seid! Vielleicht können euch Freund*innen, Familienmitglieder oder ein*e Therapeut*in unterstützen, vielleicht hilft euch im akuten Notfall auch ein Anruf, zum Beispiel bei der Nummer gegen Kummer 116 111.
Auf jeden Fall: Habt den Mut, weiterzumachen! Es kann verdammt hart sein, aber es lohnt sich.
Und jetzt will ich euch nicht länger aufhalten.
Viel Spaß beim Lesen und liebe Grüße
Susa
1.
Der Schrei hallte aus dem Wald zu mir herüber. Lautes Gejohle folgte.
Billie verkroch sich unter den Holunderstrauch, dessen verschrumpelte Beeren sie gerade beschnüffelt hatte. Sie stellte die Ohren auf und winselte.
»Alles okay, du Riesenbaby. Wir gehen sofort. Und einen anderen Weg als sonst. Dann kommen wir diesen Vollpfosten nicht in die Quere.« Ich seufzte und knotete die Plastiktüte mit dem gigantischen Hundehaufen zu. Billie presste sich derweil bäuchlings auf den Boden. Beruhigend streichelte ich ihren Rücken.
»Albernes Vieh. Mann, du bist eine Dogge! Hat dir deine Mama nie gesagt, dass alle vor dir Angst haben sollten und nicht umgekehrt?«
Sie legte den Kopf schief und schenkte mir einen treuherzigen Blick aus tiefbraunen Hundeaugen, die ein paar helle Sprenkel zierten.
Ein zweiter Schrei, noch jämmerlicher als der erste. Dann ein metallisches Scheppern.
Billie sprang auf und zerrte an der Leine, weg von der Lärmquelle. Dabei produzierte sie ein erbärmliches, hohes Wiff, für das sich selbst ein Chihuahua geschämt hätte. Ich stemmte die Füße in den Boden, damit sie mich nicht umriss. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte ich, die Urheber der Geräusche im Wald zu orten. Was nicht klappte, das Gebüsch am Waldrand versperrte mir die Sicht.
Der dritte Schrei gellte markerschütternd in meinen Ohren. Bis er abrupt abbrach.
Das gab den Ausschlag. Ich rannte los, zu meiner eigenen Überraschung in die Richtung, aus der die Schreie gekommen waren. Die widerstrebende Billie schleifte ich hinter mir her. Je näher wir dem Wald kamen, desto mehr Kraft musste ich dafür aufwenden. Keuchend bahnte ich mir einen Weg durch die Sträucher. Meine Gedanken rasten schneller als meine Beine. Bist du wahnsinnig, Ambra? Lauf lieber weg, hol Hilfe!
Eine kleine Lichtung tat sich zwischen den Bäumen auf. Dunkle Silhouetten fesselten meine Aufmerksamkeit, sodass ich vergaß, auf den Boden zu sehen. Gerade noch rechtzeitig bemerkte ich das verbeulte Fahrrad im Unterholz. Mit aller Kraft stieß ich mich ab und warf Arme und Beine nach vorn wie beim Weitsprung. Die Hundeleine rutschte mir aus der Hand. Billie verschwand aus meinem Sichtfeld, kurz bevor ich krachend auf der Lichtung landete. Mein linker Knöchel erinnerte sich sofort an den Bänderriss vom Sportfest im vergangenen Schuljahr und schickte heiße Schmerzwellen in Richtung Gehirn. Ich rappelte mich auf und unterdrückte einen Fluch.
Drei Paar Augen richteten sich auf mich. Sie gehörten zu Jungs, die ein wenig älter als ich sein mussten, achtzehn oder neunzehn ungefähr. Groß, durchtrainiert. Teuer aussehende, enganliegende Rollkragenpullis, Lederhandschuhe (WTF? Wir hatten mindestens achtzehn Grad!), schwarze Markenjeans. Einer trug seine dunkelbraunen Haare kurz, die anderen beiden besaßen helleres, längeres Haar. Der eine hatte es zu einem Pferdeschwanz gebunden. Nicht gerade die typischen Schläger. Doch sie duckten sich wie Raubtiere, die sich zum Sprung bereit machten, und ihre Gesichter … Ich stolperte einen Schritt rückwärts. Wo steckte Billie, wenn ich sie brauchte? Hektisch schaute ich mich um und erhaschte einen Blick auf ein Stück schwarzes Fell unter einem Brombeerstrauch. Wieso zum Teufel war dieser Hund bloß so feige?
Die Jungen rückten näher. Mit schwarzen Augen, in denen die Pupille kaum von der Iris zu unterscheiden war, stierten sie mich an. Ein Netz aus dünnen Linien, wie Narben oder missglückte Tattoos, überzog ihre Haut. Sämtliche Härchen auf meinen Armen stellten sich auf, der Rest meines Körpers erstarrte vor Angst. Selbst wenn ich versucht hätte, mich zu bewegen, es ging nicht. Auf einmal wusste ich, wie sich ein Reh fühlen musste, wenn ein Rudel Wölfe es umzingelte.
Der Dunkelhaarige hob eine Hand, und die beiden anderen blieben stehen. Zwischen ihren muskulösen Körpern blitzte etwas Helles hindurch, ein weites weißes Hemd, das in Fetzen über einer ebenfalls weißen, weich fließenden Hose hing. Sie war mit Schmutzflecken übersät. Garniert wurde das Ensemble mit einem roten Rinnsal, das aus der Nase eines vierten Jungen floss. Er war zierlich und mindestens einen Kopf kleiner als die drei anderen. Den Rücken an den kahlen Stamm einer Fichte gepresst, stand er am Rand der Lichtung. Ein grobes Seil umwickelte ihn von den Knien bis zu den Schultern, sodass seine Arme sich in einem scheußlichen Winkel nach hinten bogen. Der Junge sah mich an, als wäre ich eine Art Ritter in strahlender Rüstung und allein zu dem Zweck hier aufgetaucht, die Armen und Hilflosen vor den Bösen zu retten. Also explizit: ihn. Nur dass ich dazu blöderweise diese drei Bestien hätte bekämpfen müssen. Verdammt, warum hatte ich nicht auf den Vernunftanteil meines Gehirns gehört?
Der Typ mit den dunklen Haaren machte zwei weitere Schritte in meine Richtung. Seine schwarz glänzenden Schuhe hätten eher in eine Bank als hier in den Wald gepasst. Oder in einen Bootsverleih, wenn man die Größe in Betracht zog.
»Wen haben wir denn da? Hey, Josian, warum hast du nicht erwähnt, dass du eine Freundin hast?«
Wie auf Befehl wieherten die anderen beiden los.
»Lasst sie in Ruhe!« Die Stimme des Jungen an der Fichte war leise und schallte dennoch wie ein Glockenschlag über die Lichtung. Das brachte die anderen zum Schweigen. Für zwei Millisekunden.
Dann breitete sich ein fettes, unverschämtes Grinsen auf dem Gesicht des blonden Jungen mit dem Pferdeschwanz aus. In schleimtriefendem französischem Akzent gluckste er: »Sie war zwar niescht sü der Party eingeladen, aber wo sie schon mal ’ier ist — das ist ein netter Süfall, niescht wahr?« Er rückte mir auf die Pelle, sodass ich seinen Atem im Gesicht spürte. Fischgestank umhüllte mich. Ich kämpfte einen heftigen Würgereiz nieder.
»Willst dü erst was sü trinken, oder sollen wir uns gleisch ein Simmer süchen?« Der Junge strich mit dem Zeigefinger über meine Wange.
»Verpiss dich!«, zischte ich. Lauter zu reden wagte ich nicht, sonst hätten alle gehört, wie meine Stimme bebte.
Er lachte dreckig. »Ooooh, sie will miesch niescht. Was sagst dü dasü, Marius?«
»Du musst massiv an deiner Ausstrahlung arbeiten, Pierre!« Der Erste schubste ihn weg. »Mit mir geht sie bestimmt.«
»Davon träumst du wohl!« Ich ballte die Fäuste. Die rechte krampfte sich um die Plastiktüte mit Billies Haufen. Notfalls konnte ich sie diesem Marius ins Gesicht feuern. Das würde ihn zumindest für einen Moment ablenken. Auf jeden Fall würde er hinterher besser riechen als jetzt, offensichtlich benutzte er dasselbe Deo wie sein Kumpel. Nämlich gar keins. Seit mindestens vier Jahren.
Der Junge an der Fichte fixierte mich mit ungewöhnlich großen Augen. Sie lenkten mich für einen Moment von den Schlägertypen ab.
»Na, wie wär’s, du und ich, hä?« Marius streckte mir feixend die Hand entgegen und zwinkerte mir zu.
Kalter Schweiß rann mir den Rücken hinunter. Weg. Ich musste weg. Mein Knöchel pochte, rennen war keine Option. Das Fahrrad? Nein, mit dem Achter im Vorderrad kam das keinen Meter weit.
Marius betrachtete unterdessen die Tüte in meiner Hand. Der Hellste war er wohl nicht, denn es dauerte eine Weile, bis er kapierte, was er vor sich hatte. »Hey, sie hat ihr Schoßhündchen dabei!«
»Pass auf, dass es diesch niescht beißt!« Wildes Gelächter. Marius grinste siegesgewiss und grapschte nach mir.
Reflexartig machte ich einen Schritt von ihm weg, ohne auf das Fahrrad zu achten. Mein Fuß kollidierte mit dem Pedal. Das drehte sich und ich verlor das Gleichgewicht. Panisch ruderte ich mit den Armen durch die Luft, was den Sturz jedoch nicht aufhielt. Der Fahrradlenker bohrte sich in meine Seite, Schmerz schoss durch meinen Körper und verpasste meinem Hirn den dringend notwendigen Stromstoß.
»Billie! Bei Fuß!«, brüllte ich.
Die Dogge brach aus dem Gebüsch. Ein gewaltiger Sprung und sie stand über mir, zog drohend die Lippen hoch und entblößte ihre beeindruckenden Zähne. Die beiden Jungen mit den hellen Haaren wichen zurück, um sich am Rand der Lichtung umzudrehen und mit Höchstgeschwindigkeit durchs Unterholz zu flüchten.
Marius dagegen schnaubte lediglich verächtlich. »Glaubst du etwa, ich renne vor einem Köter weg wie die beiden Feiglinge da hinten?«
Billies Ohren drehten sich hin und her, und sie machte Anstalten, rückwärtszugehen.
Schnell. Sonst würde Marius merken, dass dieser Hund sich sogar vor seinem eigenen Schatten fürchtete. Shit. Wie lautete nochmal dieser Befehl? Der, den dieser Drogendealer Billie beigebracht hatte, bevor sie ins Tierheim gekommen war? Der Befehl, den ich auf keinen Fall, niemals, unter absolut keinen Umständen, anwenden sollte?
»Billie, kill ihn!«
Ein Knurren wie Donnergrollen. Billie fletschte die Zähne. In Zeitlupe, eine Pfote vor die andere, schritt die Dogge auf Marius zu.
»Gut so, Billie! Kill ihn!« Ich tastete verstohlen nach dem Smartphone in der Hosentasche an meinem Hintern. Wenn ich es schaffte, die Polizei zu alarmieren …
Billie baute sich in ihrer vollen Pracht direkt vor Marius auf. Sechsundfünfzig Kilo Hund, die Schnauze mühelos auf Höhe seines Bauchnabels. Ihre Ohren lagen flach am Kopf, und sie stieß ulkige kleine Jaultöne aus. Sie wartete.
»Das ist vollkommen unmöglich …« Marius glotzte Billie so ungläubig an, als wäre ihm soeben der Weihnachtsmann erschienen. Ein sehr böser Weihnachtsmann mit pechschwarzem Fell. »Du … wie kommst du …«
Kannte dieser Typ Billie etwa aus ihrem früheren Leben?
Billie legte den Kopf schief und fiepte. Dabei tapste sie einen Schritt beiseite. Mist.
»Billie, kill ihn! Los!« Sie drehte den Kopf zu mir und beäugte mich. »Komm schon«, murmelte ich. »Bitte!«
Die Dogge sog die Luft ein. Sicher konnte sie meine Angst riechen. »Waff«, machte sie leise, wie um mir Mut zuzusprechen. Dann stellte sich auf die Hinterbeine und setzte die Vorderpfoten auf Marius’ Schultern. Sorgfältig positionierte sie ihre Nase direkt vor seiner. Insgeheim leistete ich Billies Ex-Besitzer Abbitte. Drogendealer hin oder her — dem Hund dieses Kunststück beizubringen, um seine Konkurrenten einzuschüchtern, war ein Geniestreich gewesen.
Marius wurde kreidebleich. Er ging leicht in die Knie, doch er traute sich nicht, Billie anzurühren. Die schnupperte an Marius’ Nase und bellte, tief und sehr laut. »Rrrrrwau!«
Das genügte. Marius warf sich herum und rannte, was seine Beine hergaben. Billie hopste mit fröhlich wedelndem Schwanz ein paar Sprünge hinter ihm her.
»Feiner Hund! Komm zu mir! Ja, braves Mädchen. Braves Mädchen!« Ich schlang von unten beide Arme um ihren Hals und drückte mein Gesicht an das glatte, warme Hundefell. Zum einen, damit Billie nicht ihren Riesenwaschlappen von Zunge an mir erprobte, zum anderen, um mein Herz zu beruhigen, das hämmerte, als wolle es meinen Brustkorb sprengen. Mit zitternden Fingern holte ich eine ganze Handvoll Leckerlis aus meiner Tasche. Billie verschlang sie mit einem einzigen Happs.
»Reizender Hund«, ertönte eine glockenklare Stimme hinter mir.
Ich kämpfte mich ein Stück nach oben, um über Billies Rücken schauen zu können. Der gefesselte Junge strahlte mich an. Ihn hatte Billies Vorstellung anscheinend nicht im Geringsten beängstigt.
»Warte, ich binde dich los.« Ich versuchte aufzustehen. Gar nicht so einfach, wenn man unter einer Dogge lag, Beine aus Pudding hatte und dazu Schmerzen wie von glühenden Nadeln in der Seite und im Knöchel.
»Nur keine Eile.« Der Junge nickte mir zu. Vorhin waren mir nur seine weißen Kleider aufgefallen. Jetzt, mit etwas mehr Ruhe, erkannte ich ein fein geschnittenes Gesicht. Lange, leicht gelockte Haare umrahmten es. Grüne Haare. Musste am Licht hier unter den Bäumen liegen. Oder er hatte sie selbst gefärbt. Das funktionierte bei mir auch nie so richtig. Mein Schwarz spielte immer ins Lila, egal, welches Mittel ich verwendete. Trotzdem färbte ich weiterhin. Es half wenigstens ein bisschen dagegen, auf dem Schulhof ständig erkannt und angegafft zu werden.
Der Junge räusperte sich. »Ich revidiere das. Ein wenig Eile wäre durchaus angebracht.«
»Sorry, äh, Josian.« So hatte ihn Marius genannt, oder? Ich gab mir einen Ruck und zog mich an Billie hoch. Mein Knöchel protestierte. Ich biss die Zähne zusammen und humpelte zu der Fichte, wobei ich versuchte, den Fuß möglichst vorsichtig aufzusetzen.
Das Seil, mit dem Josian an den Baum gebunden war, ließ sich zum Glück leicht aufknoten. Ein Messer gehörte nämlich nicht zu meiner Grundausstattung. Sollte ich wohl in Anbetracht des heutigen Nachmittags mal drüber nachdenken. Oder Billie beibringen, Stricke zu zerbeißen. Im Augenblick wühlte sie mit der Nase im Laub wie ein Wildschwein, wobei sie laut und sehr glücklich schmatzte.
»Meinen ergebensten Dank.« Josian rieb sich die blauroten Striemen an seinen Handgelenken. Dann bückte er sich nach dem Seil, rollte es sorgfältig zusammen und hängte es über seine Schulter.
»Was wollten denn diese Arschlöcher von dir?«, fragte ich.
Er guckte mich an, als wäre ich es gewesen, die ihn an den Baum gefesselt hatte. »Solltest du deine Worte nicht sorgfältiger wählen?«
»Stimmt. Also, was wollten diese Megavollpfostenarschlöcher von dir?«
Offenbar war das nicht die Wortwahl, die er sich erhofft hatte. Er biss sich auf die geschwollene Unterlippe und schwieg.
»Verstehe. Du willst nicht drüber reden.« Konnte ich nachvollziehen. Und wie. Es gab Dinge, über die sprach man nicht. Man vergaß sie besser sofort. Wenn man konnte.
»Hör zu, ich hau ab hier, bevor diese Typen zurückkommen.«
»Natürlich.« Josian reckte sich, um mir ins Gesicht zu sehen — er war ungefähr zwanzig Zentimeter kleiner als ich. »Wie gesagt: meinen ergebensten Dank für deine Hilfe.«
Ich musterte ihn genauer. Ganz niedlich eigentlich, auch wenn seine Ohren ein wenig spitz geraten waren und sein oberer linker Eckzahn leicht hervorstand. Dafür hatten seine blaugrünen Augen definitiv was. Sie blitzten wie der Gletschersee, um den meine Eltern und ich vor Jahren mal gewandert waren. Damals, als sie noch zusammen gewesen waren. Genauso wie bei dem See konnte ich gar nicht anders, als hineinzusehen, bis ich schier darin versank. Was für eine Farbe! In ein, zwei Jahren würde dieser Kerl bestimmt alle Mädchenherzen brechen. Vorausgesetzt, er wuchs fleißig und legte sich einen anderen Kleidungsstil zu. Mein Herz kriegte er allerdings garantiert nicht. Mit Jungs war ich durch. Für immer.
Josian betrachtete mich ebenfalls eingehend. »Kennen wir uns nicht aus der Schule? Ich besuche die zehnte Klasse. 10 c. Mein Name ist Josian, wie du bereits gehört hast. Du darfst mich Jo nennen.«
Ich zuckte zusammen. Um Leute aus meiner Schule schlug ich lieber einen weiten Bogen. Obwohl, dem Typ war ich dort noch nie begegnet. Grüne Haare wären mir aufgefallen. »Du musst neu sein.«
Er nickte. »Der Direktor hat mich letzte Woche erst aufgenommen.«
»In die Zehnte? Bist du so ’n Hochbegabter? Vorzeitig eingeschult oder ’ne Klasse übersprungen?« Würde die sonderbare Sprechweise erklären. Leute mit besonders großem Hirn tickten irgendwie anders.
»Wie bitte?«
»Du bist doch allerhöchstens fünfzehn.«
»Siebzehn.«
»Das kannst du deiner Großmutter erzählen!«
Jo krauste die Nase, was drollig aussah und ihn noch jünger erscheinen ließ. »Warum sollte ich das tun? Sie weiß selbstverständlich, wie alt ich bin.«
Verblüfft starrte ich ihn an und beschloss, die Sache anders anzugehen. Vielleicht erst mal mit Höflichkeit. »Ich bin …«
»Ambra Paulsen. 10 a«, ergänzte er.
Mir wurde heiß. Ich kannte ihn nicht, er aber mich. Das bedeutete, er kannte —
»Und wer magst du sein?« Jo kniete sich vor Billie auf den Boden, woraufhin sie ihm artig die Pfote reichte.
»Kill Bill«, antwortete ich mechanisch, während in meinem Kopf sämtliche Alarmglocken schrillten. Er weiß von dem Video. Hundertprozentig. Hau ab, Ambra! »Kurz: Billie. Die erstens nicht sprechen kann und zweitens schleunigst heim muss.« Raus aus dem Wald, weg von den Schlägertypen und diesem seltsamen Grünschopf. Der es zu allem Übel wagte, Billie über den Kopf zu streicheln, und diese Verräterin wedelte doch tatsächlich mit dem Schwanz.
»Dir gebührt ebenfalls mein ergebenster Dank für die Rettung, Billie«, sagte Jo ernsthaft zu ihr und verbeugte sich leicht. Sie stempelte ihm einen nassen Schnauzenabdruck auf die Wange.
»Schönen Tag noch.« Ich drehte mich um und wollte losgehen. Mein Knöchel machte mir einen Strich durch die Rechnung. »Autsch!«
»Soll ich dir behilflich sein?«, bot Jo an.
»Nö.« Ich brauchte keine Hilfe. Schon gar nicht von einem Kerl, der sich a) von einem Trupp entlaufener Horrorfilmdarsteller an einen Baum fesseln ließ, b) quatschte, als befänden wir uns hier in so einem abstrusen Live-Rollenspiel, und c) meinen Namen kannte, obwohl ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte.
Die Zähne so fest zusammengebissen, dass mein Kiefer schmerzte, trat ich auf. Mein Fuß knickte weg, und ich landete halb im Laub, halb auf Billie.
Jo schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich geleite dich besser nach Hause. Schließlich trage ich die Schuld an diesen ganzen Kalamitäten.« Er holte eine Art weißen Seesack, der zum Bersten vollgestopft war, hinter einem Brombeerstrauch hervor. Dann schaute er nach oben und murmelte etwas wie anderes Mal holen vor sich hin.
Ich folgte seinem Blick. Zwischen zwei Buchen, in etwa zehn Metern Höhe, blähte sich eine weiße Stoffbahn im Wind. Sie besaß eine dezente Ähnlichkeit mit einer Hängematte. »Gehört das dir?«
»Ja.« Jo hängte sich den Seesack um.
»Wie hast du das dorthin bekommen?«
»Mit Leichtigkeit.« Er zögerte. »Soll ich … dich vielleicht stützen?« Als würde es ihn eine Menge Überwindung kosten, streckte er mir eine Hand entgegen.
Ich wog meine Optionen gegeneinander ab. Dieser Typ war womöglich noch durchgeknallter als Marius und Co. Ohne seine Hilfe würde ich es jedoch nicht zurück zum Tierheim packen. Mit zwei heilen Füßen brauchte ich auf dem kürzesten Weg fünfzehn Minuten. Auf nur einem Fuß würde sich die benötigte Zeit vermutlich auf unendlich verlängern. Und ich wollte auf keinen Fall mehr hier im Wald sein, wenn die Gruselgestalten zurückkehrten. Dann lieber diese grünhaarige halbe Portion, mit der wurde ich notfalls fertig. Also ergab ich mich meinem Schicksal und hängte mich bei Jo ein.
Glücklicherweise stank er nicht wie Marius und dessen Kumpels. Im Gegenteil, er roch ganz angenehm nach feuchter Erde — was mich nicht erstaunte, bei dem ganzen Dreck an seinen Kleidern — und Sonne auf frischem Frühlingsgras. Dabei begann in ein paar Tagen der November.
Jo passte sich meinem Schneckentempo und meinem hartnäckigen Schweigen an. Nebenbei warf er ein Stöckchen nach dem anderen für Billie. Die sprang, hocherfreut über ihr vergrößertes Rudel, wie ein überdimensionales Kaninchen im Kreis um uns herum. Ich kam nicht umhin, Jos Geduld zu bewundern. Für gewöhnlich gab ich nach etwa fünfzehn Stöckchenwürfen auf, selbst wenn ich weder eine Riesentasche noch ein humpelndes Mädchen schleppen musste.
»Ist das dein Anwesen?«, fragte Jo, als die sonnengelb gestrichenen Tierheimgebäude in Sicht kamen. Er betrachtete die Kleintierfreigehege, die sich auf der umzäunten Wiese vor dem Haupthaus aneinanderreihten, den Hof und die Baracken mit den Katzenboxen und Hundezwingern so genau, als müsse er alles in sich aufsaugen.
»Nein.«
»Was bringt dich sonst hierher?«
Die Frage traf mich wie eine Faust in den Bauch. Die Bilder, die sie heraufbeschwor, erst recht.
* * *
Warme Frühlingssonne, in der die Bahngleise glänzen wie Gold. Der Stahl an meiner Wange fühlt sich fast heiß an. Das Signal schon auf Grün. Nur noch ein paar Sekunden, dann ist endlich Schluss mit all dem Schmerz und der Scham. Ich kneife die Augen zu und warte.
Ein Bellen.
»Um Himmels willen, runter da, Mädchen!« Eilige Schritte, ein Stück entfernt. Zu weit. Der Zug wird schneller sein. Die Gleise vibrieren bereits.
Etwas Feuchtes schließt sich um meinen Knöchel. Ich reiße die Augen auf. Ein gigantischer schwarzer Hund hält mein Bein in seinem Maul und zerrt mich von den Gleisen. Ich wehre mich, klammere mich an den Schienen fest. Zuglärm dröhnt in meinen Ohren.
Meine Arme zittern, die Hände krampfen sich um die Schiene. Aber der Hund ist viel stärker als ich. Zentimeter für Zentimeter zieht er mich vom Gleisbett, bis ich den Bahndamm herunterrolle. Der Schotter bohrt seine Spitzen in meine Haut, und der ICE rast vorbei. Meine Haare wirbeln im Luftzug.
Neben mir fällt eine Frau auf die Knie, verwaschene Jeans, ein Gesicht, das früher mal schön gewesen sein muss. Der nachlässig gebundene Haarknoten an ihrem Hinterkopf ist nahezu vollständig aufgelöst.
Sie packt meine Schultern, schüttelt mich. »Meine Güte, Kind, was tust du denn bloß? Du hättest tot sein können!«
Eine riesige rosa Zunge schleckt über meine Stirn. Ich hebe die Hände, lege die Arme um den Hundehals und vergrabe mein Gesicht in dem schwarzen Fell.
* * *
»Geht dich nix an«, sagte ich so schroff, dass Jo meinen Arm losließ. »Danke fürs Bringen.« Die letzten Meter bis zum Gittertor hüpfte ich auf einem Bein. Allein. Jo blieb unschlüssig stehen.
Die Tür des Katzenhauses öffnete sich, und Sarah trat heraus. Als sie sah, dass ich mich am Tor festhielt, eilte sie sofort herüber. Die graue Strähne, die sich wie immer aus ihrem Dutt befreit hatte, flatterte im Wind. »Da seid ihr ja! Was ist passiert, bist du verletzt?«
»Hab mir den Knöchel verstaucht oder so.«
Sarah bugsierte mich auf die Bank neben der Bürotür und ich streckte dankbar die Beine aus. Sie bückte sich und untersuchte meinen Fuß. »Wie ist das passiert?«
Jo näherte sich zögerlich. »Sie … hat mir geholfen und ist dabei gestürzt.«
Sarahs Blick glitt über seine blutige Nase, die zerrissenen, dreckigen Kleider und den Seesack. »Aha. Geholfen. Wobei?«
Er errötete und suchte offensichtlich nach Worten.
»Irgendwelche Vollpfosten haben ihn an einen Baum gebunden«, erläuterte ich.
Jo nickte. »Billie hat sie vertrieben.«
Die Dogge, die sich neben uns im Gras wälzte, spitzte die Ohren. »Guter Hund«, lobte Sarah. Billie kläffte bestätigend.
»Am besten fahre ich dich mit dem Auto heim, Ambra.« Sarah wandte sich an Jo. »Soll ich dich auch nach Hause bringen?«
Er knetete an seiner Nase herum, die umgehend wieder zu bluten begann, und seufzte. »Zurzeit besitze ich kein Zuhause.«
Sarah runzelte die Stirn. »Wieso nicht?«
»Meine Familie … ich …« Jo fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Das ist alles etwas kompliziert.«
»Was ist kompliziert?« Mitleidig legte Sarah ihm die Hand auf den Arm.
Er zuckte zusammen und wich zurück, bis Sarah ihn nicht mehr berührte. »Unsere … momentane Notlage«, brachte er heraus.
Sarah zog ein Papiertaschentuch aus der Tasche ihres Overalls und reichte es ihm.
Jo putzte sich die Nase und Sarah musterte ihn erneut von den grünen Haaren bis zu den Schuhen aus scheinbar selbst zusammengenähten Lederflicken.
Oh nein. Ich ahnte, worauf das hinauslief. Und das durfte einfach nicht passieren. Hier war mein Rückzugsort. Der einzige Platz, an dem ich nicht ununterbrochen an all die Dinge erinnert wurde, die ich in einem tiefen Loch in meinem Inneren begraben hatte. Im Tierheim gab es niemanden außer Sarah und mir und den Tieren, die meine Vergangenheit nicht störte. Ich musste um jeden Preis verhindern, dass Jo Sarah um den Finger wickelte.
»Ach was, komplizierte Familienverhältnisse!« Ich schnaubte. »Wetten, dass meine komplizierter sind als deine? Mein Vater, die Oberpflaume, hat letztes Jahr zum dritten Mal geheiratet, und ich habe so ungefähr sieben Halbgeschwister in — warte mal — sechs verschiedenen Bundesländern. Nein, fünf. Mein einer Halbbruder wohnt in Österreich. Und von alldem habe ich erst erfahren, als ich vierzehn war. Das kannst du nicht toppen, oder?« Trotzig verschränkte ich die Arme vor der Brust. Normalerweise sprach ich nie über meinen Vater. Doch hier ging es um alles.
»Nein. Nicht auf diese Weise kompliziert. Aber nach Hause kann ich dennoch nicht.« Jo starrte auf die plattgetrampelten Grashalme zu seinen Füßen.
»Wirklich nicht?« Sarah schaute ihn durchdringend an.
Ich kannte diesen Gesichtsausdruck. In Sarahs warmen braunen Augen schienen dann silberne Punkte zu wirbeln, und irgendwie machte es das unmöglich, sie anzulügen. So wenig ich wollte, dass Sarah Jo aus der Klemme half, um dieses Verhör beneidete ich ihn nicht.
Jo hob den Kopf und hielt Sarahs Blick stand, schweigend und ohne zu blinzeln.
Schließlich nickte Sarah. »Also gut. Du kannst fürs Erste hierbleiben. Da drüben neben der Futterküche gibt es eine Dusche. Wenn du fertig bist, wartest du im Büro auf mich. Wir klären den Rest, wenn ich Ambra nach Hause gebracht habe.«
Jo stieß erleichtert den Atem aus. Er hängte sich seine Tasche um, winkte mir zu und lief in die Richtung, die Sarah ihm gewiesen hatte.
Als die Tür hinter ihm zuklappte, explodierte ich. »Bist du verrückt? Du kannst ihn nicht einfach hierbehalten!«
»Wieso nicht? Du kommst auch jeden Tag her.«
Kopfschüttelnd kämpfte ich mich auf die Beine und humpelte an Sarahs Arm zu dem alten VW-Bus, in dem sie Fundtiere und Futtersäcke zu transportieren pflegte. »Das ist was vollkommen anderes! Meine Ma weiß, dass ich hier bin. Was ist mit seinen Eltern? Bestimmt ist er abgehauen! Und außerdem — was, wenn er das Büro durchwühlt und die Kasse klaut, sobald wir weg sind? Wie der Obdachlose, den du neulich im Haus schlafen gelassen hast?«
»Oh, der.« Sarah hielt inne und strich sich mit der Hand über die Stirn. »Hoffentlich geht es ihm gut. Der arme Mann.« Sie schloss die Autotür auf. »Keine Sorge, Ambra. Billie wird auf Jo aufpassen.«
Ja, sicher. Billie, der weltbeste Wachhund. Der sich winselnd unter dem Schreibtisch verkroch, sobald jemand klingelte. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du den Leuten viel zu leicht vertraust?«
»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass man nur klug entscheiden sollte, wem man sein Vertrauen schenkt?«
»Hmpf.« Ich schob eine mit Haaren übersäte Hundedecke beiseite und ließ mich in das abgewetzte Sitzpolster fallen.
Sarah stieg auf den Fahrersitz und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Der Motor orgelte jämmerlich, bevor er mit einem tuberkuloseverdächtigen Husten ansprang. Während sie sich angurtete, zwinkerte Sarah mir zu. »Keine Sorge, Ambra. Ich bin mir beinahe vollkommen sicher, dass wir Jo vertrauen können.«
Wenn sie so anfing, war Widerspruch zwecklos. Ich verdrehte die Augen und lehnte mich zurück. Beinahe vollkommen sicher. Na, herzlichen Glückwunsch!
2.
»Habt ihr gesehen, wie Zoe heute rumläuft?« Mina warf ihre rot getönte Mähne zurück und richtete die Kamera ihres Smartphones auf unsere Chefstreberin.
Die hatte sich offensichtlich aus dem Kleiderschrank ihrer Oma bedient. Ihr bodenlanger Rock mit dem Blumenprint konnte gut und gerne original aus dem Jahr 1968 stammen, und ihre schwarzen Locken wallten ungebändigt um ihren Kopf.
Mina postete das Foto von Zoe direkt in der Klassengruppe, mit dem Kommentar Summer of Love is over! und einem kotzenden Smiley.
Nele lachte enthusiastisch, ich eher pflichtschuldig.
Mina grinste. »Im Gegensatz dazu ist das Teil übrigens mega«, bemerkte sie und zupfte an meinem schwarzen Spitzentop. »Find ich gut, dass du endlich aufgehört hast, dich in diesen Hoodie-Säcken zu verstecken. Bloß noch ein paar Kilo abnehmen, und du kriegst die nächsten Modeljobs.«
»Mhm«, machte ich unbestimmt. Ich hatte nicht die Absicht, jemals wieder zu modeln. Oder abzunehmen. Unauffällig zu bleiben schützte vor blödem Gegaffe.
Zum Glück fesselte mein Top Minas gesamte Aufmerksamkeit. Sie fummelte das Etikett heraus, um den Markennamen zu lesen. »Wow. Wo hast du das Ding her?«
»Hat meine Ma letzte Woche vom Shooting aus Paris mitgebracht. Kommt eigentlich erst im nächsten Frühjahr raus.«
»Ich wünschte, meine Mutter würde in der Modebranche arbeiten. Müsste nicht mal als Fotografin sein. Aber nee, die füttert lieber irgendwelche Opas mit Brei.«
»Muss ja auch jemand machen.« Ich zuckte mit den Schultern. Dafür war Minas Mutter nicht wochenlang unterwegs und kehrte grundsätzlich jetlaggeplagt heim. Lediglich von Samstag auf Sonntag hatte Ma daheim übernachtet, danach musste sie für die nächsten fünf Tage nach New York. Wenn der Job sie nicht so glücklich gemacht hätte … Doch das tat er, und das war verdammt viel besser als die depressive Phase, in der sie nach der Trennung von meinem Vater gesteckt hatte. Lieber eine Mutter, die selten da war, als eine, die nur dasaß und ins Leere starrte.
Mina überflog die stetig eintrudelnden Kommentare zu Zoes Foto und tippte ein paar Antworten. Nele schaute ihr dabei über die Schulter.
Ich nahm einen Schluck von meinem quietschblauen Lieblings-Energydrink und ignorierte das Dauergesumme meines Smartphones. Stattdessen schloss ich die Augen. Die Oktobersonne schien mir aufs Gesicht, wärmte meine Wangen und trug mich fort vom Schulhof.
* * *
Die Sonnenstrahlen setzen den Wellen des Bodensees glitzernde Kronen auf. Ich stütze meine Arme aufs Fensterbrett, strecke den Kopf aus dem Fenster und bade in Lichtreflexen und Frühlingsluft. Der erste richtig schöne Tag in diesem Jahr, und Fynn kommt gerade rechtzeitig zu Minas Geburtstagsparty heute Abend aus dem Skiurlaub zurück. Mein ganzer Körper kribbelt bei dem Gedanken an ihn — und unseren Deal.
»Haaallo, Ambra, genug geträumt! Wir müssen uns dringend um die Wirklichkeit kümmern. Genauer gesagt: um dein Party-Outfit!«
Mina schiebt mich zu meinem Kleiderschrank. Sie kramt eine knallenge schwarze Jeans heraus, dazu ein blaues Paillettentop. Bauchfrei. Mit schiefgelegtem Kopf begutachtet sie die Sachen, bevor sie sie mir entgegenstreckt. »Hier. Das ist genau deine Farbe. Macht deine Haare noch blonder und passt total gut zu deinen grauen Augen.«
»Wir haben März«, protestiere ich.
»Kannst ja eine Jacke drüberziehen«, kichert Nele von meinem Bett aus, wo sie auf ihrem Handy herumdaddelt.
»Hauptsache, du ziehst sie rechtzeitig wieder aus!« Mina zwinkert bedeutungsvoll. Ich schneide ihr eine Grimasse.
Sie grinst breit und hält mir das Top an. »Komm schon, du kannst den armen Fynn nicht ewig warten lassen! Irgendwann platzt er.«
»Mina, du …«
Nele schmeißt das Smartphone aufs Kopfkissen und fängt an, meine Nachttischschublade zu durchwühlen. »Ich wusste es«, triumphiert sie und wedelt mit einer Packung Kondome herum.
»Gib das her!« Mein Gesicht glüht. Ich reiße ihr die Schachtel aus der Hand. »Die hat meine Ma gekauft, als ich ihr gesagt habe, dass Fynn und ich zusammen sind. Das heißt nicht, dass wir sie sofort benutzen müssen.«
Hektisch suche ich nach einem besseren Versteck, finde keins und stopfe die Schachtel kurzentschlossen in die Seitentasche meines roten Rucksacks, der seit dem letzten Shooting in Barcelona unausgepackt in der Ecke steht.
Mina und Nele gackern. Wohlweislich habe ich ihnen nichts von dem Deal zwischen Fynn und mir erzählt. Beste Freundinnen hin oder her, sie würden mir keine ruhige Minute mehr lassen. Allerdings sind wir davon jetzt auch nicht weit entfernt. Ein Themenwechsel muss her. Dringend.
Ich schnappe mir das Handy vom Nachttisch. Mein Daumen fliegt übers Display. Nehme ab sofort Wetten für die Party heute Abend an. Wer besäuft sich am schnellsten, wer trägt die heißesten Klamotten und wer blamiert sich am meisten?, tippe ich in die Klassengruppe, platziere einen cocktailschlürfenden Smiley dahinter und drücke auf Senden.
Die Smartphones von Mina und Nele summen simultan.
Nele antwortet unverzüglich. Ich setze auf Zoe: Auszeichnung für das mieseste Outfit! Ach, halt: Die ist ja gar nicht eingeladen!
Minas Antwort kommt lediglich Sekunden später. Schnellster Säufer: Leon. Heißeste Klamotten: Wie immer Ambra, unser Supermodel (und ob, BFF!!! Dafür sorge ich schon!). Größte Blamage: ??? Grübelsmiley.
Ich lache. Über die Sache mit den Klamotten reden wir noch, schreibe ich. Und für die Blamage logge ich ein: Überraschungssieger. Wie viel setzt du?
Noch bevor ich die Nachricht abschicken kann, vibriert mein Handy weitere vier Mal.
Mina wirft sich neben Nele aufs Bett, ich lege mich auf ihre andere Seite. Wir lesen gemeinsam die Kommentare, beantworten sie, lästern über Jonas’ Machosprüche und albern herum. Na bitte. Manöver gelungen. Keine blöden Fragen mehr.
* * *
Mit Gewalt riss ich mich in die Gegenwart zurück. Ich ließ den Blick über den Schulhof schweifen, wo er nur ein paar Meter weiter an blaugrünen Augen hängenblieb. Die fixierten mich, als täten sie das schon eine ganze Weile. Oh nein.
»Hallo, Ambra.« Jo trug genau dieselben schneeweißen Flatterklamotten wie letztes Mal, mit dem Unterschied, dass sie heute weder zerfetzt noch dreckig waren.
Mina und Nele starrten ihn an wie einen Geist. Die Farbe passte ja.
»Hi«, presste ich hervor.
»Ist dein Fuß geheilt?«, erkundigte er sich.
Sofort drehte Mina sich zu mir um. »Was ist mit deinem Fuß?«
»Nix«, erwiderte ich möglichst beiläufig.
Jo lächelte. »Gut, das zu hören.«
Mina räusperte sich und rammte mir den Ellbogen in die Seite.
»Entschuldige!«, sagte ich. »Das ist Jo aus der 10 c. Jo, das sind —«
»Mina Ottmann und Nele Roth. 10 a. Es ist mir eine Ehre.«
Jo neigte den Kopf wie zu einer kleinen Verbeugung.
Mina und Nele gafften ihn mit offenen Mündern an.
Anscheinend kannte Jo nicht bloß meinen Namen. Sollte mich das beruhigen?
»Hallo, Jo. Schön, dich kennenzulernen«, säuselte Mina, als sie sich gefasst hatte.
Nele ergänzte in gefaked unschuldigem Ton: »Was war denn mit Ambras Fuß?«
Hinter dem Rücken meiner Freundinnen zog ich die Augenbrauen zusammen und schüttelte heftig den Kopf.
Jos Lächeln wurde beinahe unmerklich ein Stückchen breiter. Er strich sich eine grüne Locke hinters Ohr. »Sie ist gestürzt. Beim Ausgang mit dem Hund.« Sein Ton klang dermaßen harmlos, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt und außerdem das Einzige, was passiert war. Unhörbar atmete ich auf.
»Das schwarze Monster?«, quiekte Mina. »Ambra, wie oft hab ich dir schon gesagt, dass dieses Vieh nochmal dein Tod sein wird?«
»Sie ist kein Monster. Sie ist ein Baby! Grade mal anderthalb Jahre alt!« Und von wegen Tod — sie hatte mir das Leben gerettet, gestern nicht zum ersten Mal. Aber das wusste Mina nicht und dabei sollte es bleiben.
Mina verdrehte die Augen und setzte zu einer Lästersalve über Hunde im Allgemeinen und Billie im Besonderen an. Glücklicherweise unterbrach die Pausenklingel ihre Tirade.
»Werden wir uns heute Nachmittag sehen?«, fragte Jo.
»Vielleicht«, antwortete ich unverbindlich.
Mina glotzte Jo noch einen Moment hinterher, während er aufs Schulhaus zuschlenderte. Dann verpasste sie mir einen weiteren Rippenstoß. »Soso, heute Nachmittag also. Was hast du denn da vor? Mit dem?«
»Gar nix. Ich kenne ihn überhaupt nicht!«
Nele feixte. »So wie der dich angeschaut hat, will er das schleunigst ändern!«
»Deine Chance!« Mina klopfte mir auf die Schulter. »Höchste Zeit, dass du diese jungsfreie Phase beendest. Die Sache mit Fynn ist mehr als sechs Monate her. Irgendwann musst du drüber wegkommen.«
Natürlich. War ja absolut kein Problem, dass sogar irgendwelche Sechstklässler hinter meinem Rücken die Köpfe zusammensteckten, flüsterten und kicherten, sobald sie mich entdeckten. Oder mich blöd anquatschten. Jeden Tag. Immer noch.
»Sagt die Richtige!«, gab ich den Ball an Mina zurück. »Dein letzter Freund ist schon seit einem Jahr Geschichte. Außerdem: Was, wenn ich gar nicht will?«
»Danach hat keiner gefragt.« Nele grinste und Mina nickte.
»Ran an den Kleinen! Der ist perfekt für den Anfang. Selbst wenn er grüne Haare hat und sich auf die Zehenspitzen stellen muss, um dich zu küssen.«
»Ich. Will. Niemanden. Küssen!«
Mina ignorierte meine Worte. »Eines musst du uns versprechen.«
»Was?«
»Uns zu verraten, ob er auch weiße Unterhosen trägt!« Sie und Nele prusteten los wie zwei auftauchende Nilpferde.
»Schau doch selber nach!« Ich knüllte meine Bäckertüte zusammen, feuerte den Papierball in den nächsten Mülleimer und ging.
»Du hast diesen Jo hoffentlich nach Hause geschickt?«, erkundigte ich mich bei Sarah, kaum dass ich das Büro betreten hatte.
Sie tippte im Einfingersystem etwas in den Computer ein. »Er mistet gerade die Kaninchenställe aus.«
Ich stöhnte. Sarah und ihr Helfersyndrom! Wenn jemand mit einem Hornissennest ankäme und behauptete, die armen Tiere würden demnächst obdachlos, sie würde die Biester mit offenen Armen aufnehmen. Falsch. Nicht würde. Hatte. Weswegen ich mich seit drei Monaten nicht traute, Heu aus der Scheune zu holen, wo die Hornissen-Ersatzheimat am Dachbalken baumelte.
»Hast du wenigstens mit Jos Eltern gesprochen?« Gerade noch rechtzeitig vor dem Hinsetzen erinnerte ich mich daran, dass es keine gute Idee war, sich mit voller Wucht auf den Besucherstuhl vor dem Schreibtisch plumpsen zu lassen. Der Stuhl knarzte und bebte.
»Hat er selbst getan.«
»Das behauptet er.«
Sarah überhörte meinen Kommentar geflissentlich. »Er darf bleiben, wenn er mir hilft, die Tiere zu versorgen. Du weißt, wie überbelegt wir im Augenblick sind.«
Dagegen konnte ich nichts sagen. Seit den Sommerferien war jede verfügbare Box im Tierheim mit ausgesetzten Hunden und unerwünschten Katzenbabys gefüllt. Selbst mit mir zusammen schaffte Sarah es kaum, alle Aufgaben zu bewältigen, obwohl sie buchstäblich Tag und Nacht arbeitete.
»Du könntest ihm helfen. Ich habe noch einiges an Bürokratie zu erledigen.«
Trotzig warf ich die Haare zurück. »Nee. Ich geh erst mal eine Runde mit Billie.« Eine lange Runde. Je länger, desto besser. Nach der Schule brauchte ich Zeit zum Runterkommen.
Die Dogge lag neben den Kaninchenställen im Gras und schlief. Jo kratzte Mist aus den Boxen.
»Billie, komm!« Ich pfiff nach ihr. Sie hob kurz den Kopf von den Vorderpfoten und kläffte.
Jo drehte sich um. »Hallo, Ambra! Ich bin erfreut, dich zu sehen!«
Konnte ich umgekehrt nicht behaupten. Ich wäre sehr viel erfreuter über einen ruhigen, friedlichen und vor allem Jo-losen Nachmittag gewesen. Stumm klinkte ich die Leine in den Ring an Billies Halsband ein. Billie gähnte und machte keinerlei Anstalten aufzustehen.
»Was ist denn los?« Vergebens zupfte ich an der Leine.
»Wir haben bereits eine weite Strecke hinter uns«, erklärte Jo.
Das war doch die Höhe! Billie war seit jenem Tag auf den Eisenbahngleisen mein Hund, jedenfalls so gut wie. Wäre sie nicht zu groß für unsere Dreizimmerwohnung gewesen, hätte ich sie längst mitgenommen. Bei jedem Tierheimbesucher, der sich die Hunde ansah, zitterte ich aus Angst, mich von ihr verabschieden zu müssen. Und nun dachte dieser zu kurz geratene Grünkopf, er könnte sie mir abspenstig machen!
»Wolltest du sie ausführen?«
Jetzt tat er auch noch unschuldig!
»Mach ich jeden Nachmittag. Eigentlich.« Ich hakte die Leine aus. Billie grunzte und rollte sich auf den Rücken, damit ich sie am Bauch kraulen konnte. Dabei schlief sie umgehend wieder ein.
»Oh«, sagte Jo. Sonst nichts. Er stand nur da, die Mistschaufel in der Hand, und guckte mich mit diesen Gletscherseeaugen an. Wahrscheinlich hoffte er, mich auf diese Art zu besänftigen. Aber gegen Tief-in-die-Augen-Schauen war ich immun. Seit Fynn.
»Pfoten weg von Billie! Gibt genug andere Hunde in diesem Tierheim. Nimm in Zukunft einen von denen. Verstanden?«
Er nickte und öffnete den Stall von Julius und Caesar. Die zwei gescheckten Zwergkaninchen schnupperten neugierig nach draußen.
Jo griff in den Stall und packte Julius. Der strampelte heftig und hinterließ einige Dreckspuren auf Jos weißem Hemd. Ha! Kluges Kaninchen.
»Noch was, Jo.« Ich spuckte seinen Namen beinahe aus. »In Zukunft denkst du nicht mal mehr dran, mich in der Schule anzusprechen. Sonst sorg ich dafür, dass Sarah dich rausschmeißt.«
Als wäre das sein Stichwort gewesen, stieß sich Julius mit den Hinterpfoten von Jos Brust ab und landete in hohem Bogen exakt zwischen Billies Ohren.
Billie riss erst die Augen auf, dann den Kopf hoch. Aus dem Liegen schoss sie einen halben Meter rückwärts. Julius rettete sich mit einem gewagten Weitsprung und hoppelte über den Rasen davon. Jo setzte ihm nach.
Ich streichelte Billie über den Rücken. »Ist gut, mein Schnuffel. Die sind alle doof hier. Komm, wir gehen!«
Von der Tür des Hundehauses aus warf ich einen Blick zurück. Auf der umzäunten Wiese schlug Julius einen Haken nach dem anderen, während Jo ihn verfolgte. Mr. Grünkopf schien bereits ziemlich verzweifelt. Geschah ihm recht.
Ich brachte Billie in ihre Box und setzte mich neben sie auf die Hundedecke. Die Dogge legte den Kopf auf meine Beine, und ich kraulte sie gedankenverloren hinterm Ohr.
Sarah würde sich niemals davon überzeugen lassen, Jo rauszuwerfen. Wenn sie jemanden unter ihre Fittiche nahm, war sie äußerst hartnäckig. Das wusste ich aus eigener Erfahrung, mich betüddelte sie schließlich seit dem Frühjahr jeden Tag. Ich konnte also nur darauf hoffen, dass meine leere Drohung wirkte und Jo mich in Ruhe ließ. Noch mehr Komplikationen konnte ich in meinem Leben echt nicht brauchen.
3.
Ich stand an einem weißen Strand. Der feine, warme Sand quoll zwischen meinen Zehen hindurch und das rote Kleid blähte sich in der Brise, die vom Meer zu mir wehte.
»Super, Ambra! Nochmal hierherschauen, prima, genau so!« Meine Ma drückte im Akkord auf den Auslöser. »Gleich haben wir’s im Kasten. Das gibt ein Titelbild, hundertprozentig! Lauf ins Wasser, Arme hoch!«
Die Kamera klickte. Das Wasser umspielte meine Füße, und ich strahlte in die Kamera.
Kleine Wellen schwappten an meinen Beinen hoch und — summten.
Verwirrt bückte ich mich, um das Wasser von Nahem zu betrachten. Es summte lauter. Und lauter. Ich hielt mir die Ohren zu.
»Alles in Ordnung, Ambra?« Meine Mutter übergab ihrem Assistenten die Kamera und kam zu mir herüber. »Was ist denn mit deinem Kleid?«
Ich schaute an mir herunter. Anstelle des roten Kleides trug ich plötzlich ein blaues Paillettentop. Rot war nur noch eins: die Flecken auf meinem Slip. Hastig zerrte ich am Saum des Tops, um sie zu verdecken, doch es reichte nicht weiter als bis zu meinem Nabel.
Auf Mas Stirn bildete sich eine steile Sorgenfalte. »Was hat das zu bedeuten?«
»Nichts.«
Das Wasser stieg höher. Es wogte bereits über meine Knie und summte unaufhörlich.
»Ambra, da stimmt doch was nicht. Willst du darüber reden?«
Ich versuchte, das Geräusch zu ignorieren. Und die Flecken, die immer größer wurden. »Nein.«
»Du musst es mir sagen!« Meine Ma schrie jetzt fast.
»Nein!« Ich wich vor ihr zurück.
Die Wellen erfassten meinen Slip. Rote Schlieren färbten das kristallklare Wasser, und dessen Summen ließ meine Trommelfelle beben, unaufhörlich, bis meine Ohren schmerzten …
Ich fuhr keuchend hoch. Durch die kleinen Schlitze im Rollladen drang das Licht der Straßenlaterne und malte orangefarbene Punkte aufs Laminat.
Ächzend sank ich ins Kissen zurück und tastete auf dem Nachttisch nach meinem Handy. Die Uhr auf dem Display zeigte 06:47 Uhr und der Weckton summte auf höchster Lautstärke. Mit einem Wischen brachte ich das Ding zum Verstummen. Ich Trottel. Heute war der erste Tag der Herbstferien und ich hatte vergessen, den Wecker auszuschalten.
Eine Weile wälzte ich mich noch hin und her und versuchte, die Traumbilder zu verdrängen. Aber an Schlaf war nicht mehr zu denken. Also schlug ich die Decke zurück und zog den Rollladen hoch. Der obligatorische Bodensee-Herbstnebel beschränkte die Sicht auf wenige Meter. Fröstelnd holte ich meinen dicksten Hoodie aus dem Kleiderschrank. Wenn ich schon so früh auf den Beinen war, sollte ich das nutzen. Billie wäre sicher entzückt über einen Sonnenaufgangsspaziergang.
Im Tierheim herrschte verschlafene Ruhe. Die Vorhänge an Sarahs Fenster waren zugezogen, das Licht aus. Ich angelte den Schlüssel zum Hundehaus von seinem Nagel hinter der Regenrinne und schloss auf.
Billie bewohnte gleich die zweite Box auf der rechten Seite, die fand ich leicht im Dunkeln. Die Hunde kannten mich und wussten, dass es noch zu früh für ihre Futterzeit war. Außerdem verbanden sie Fütterungen ausschließlich mit Sarah. Mit etwas Glück würden sie nicht allzu viel Radau machen, wenn ich Billie herausholte.
Ich öffnete die Gittertür und schob mich in die Box. »Billie«, flüsterte ich. »Lust auf einen Spaziergang?«
Meine Hand stieß auf etwas Weiches. Lange Haare. Verwirrt ließ ich meine Finger weiter gleiten. Hatte Sarah den Bobtail-Mix hierher umquartiert? Wieso? Unter meinen Fingerspitzen fühlte ich Stoff. Jetzt war ich vollends irritiert.
»Billie, wo steckst du?«, fragte ich halblaut ins Dunkel hinein.
»Im Korb in der Ecke«, antwortete eine schläfrige Stimme.
Mit einem Aufschrei sprang ich zurück, stolperte über Billies Futternapf und krachte ans Gitter.
Sämtliche Hunde kläfften gleichzeitig los. Ein Höllenlärm.
Ich tappte blindlings aus der Box, fand zu meinem größten Erstaunen auf Anhieb den Lichtschalter und drückte darauf. Schlagartig erhellten Neonröhren das Hundehaus.
In Billies Box hing, links und rechts am Gitter festgeknotet, eine Art Hängematte aus weißem Stoff. Sie ähnelte verdächtig dem Stofffetzen, der neulich auf der Lichtung in den Baumwipfeln geflattert hatte. Darin lag eine karierte Wolldecke, und aus der blinzelte Jo unter einem verstrubbelten Haarschopf hervor. »Was tust du hier?«
Ich rang um Fassung und Atem. »Heilige Scheiße, verflucht nochmal, was tust du hier?«
»Schlafen. Zumindest bis gerade eben.« Jo strich sich die Haare zurück.
»In Billies Box?« Meine Stimme klang schrill, trotzdem übertönte sie kaum das ohrenbetäubende Gebell aus allen Richtungen.
Lediglich Billie schien davon vollkommen unberührt. Sie erhob sich aus ihrem Korb und streckte sich. Dann stupste sie Jo kurz die Nase ins Gesicht, duckte sich unter der Hängematte durch und begrüßte mich mit fröhlichem Schwanzwedeln. Ich kraulte sie am Ohr und sah Jo auffordernd an.
Er zog die Wolldecke hoch bis an sein Kinn und lächelte müde und ziemlich verpeilt. Irgendwie süß, gestand ich mir widerwillig ein.
»Ja.« Jo gähnte. »Nachts pflegst du nicht hier zu sein, sodass ich annahm, dein Fernhaltegebot gelte um diese Uhrzeit nicht. Billie war einsam, ich war einsam, und wir hielten das beide für eine gute Lösung.«
Ich rieb mir den Kopf, in dem sich ein Stechen breitmachte. Viel zu früh aufzustehen und inmitten einer wildgewordenen Hundemeute zu landen, war keine gute Kombination. »Du hast definitiv einen gewaltigen Dachschaden.«
Jo krauste die Nase und guckte nach oben.
Hinter mir öffnete sich die Tür. Sarah, in einem ausgeleierten Flanellpyjama, grauer Strickjacke und Pantoffeln, stemmte die Hände in die Seiten. »Was soll dieser Aufruhr hier so früh am Morgen?«
»Sorry. Ich wollte nur Billie zu einem Spaziergang rausholen, und er war im Weg.« Mit dem Daumen wies ich auf Jo. Der blieb stumm.
Sarah blickte von mir zu ihm und wieder zurück. Dann seufzte sie. »Na gut. Wenn wir nun sowieso alle wach sind, können wir genauso gut die Tiere füttern, damit hier wieder Ruhe einkehrt.« Sie schlurfte den Gang zur Futterküche entlang, wobei sie beruhigend auf die Hunde einredete.
Ziemlich bedröppelt bugsierte ich Billie zurück in ihre Box. Jo schälte sich aus seiner Wolldecke und stieg aus der Hängematte.
Ich prustete los. »Hat Sarah dir das Nachthemd geliehen?«
Er zupfte an dem altmodischen weißen Spitzenkragen. »Nein, das gehört mir.«
»Sehr sexy.« Es kostete mich einige Mühe, mit dem Lachen aufzuhören.
»Was bedeutet das?« Jo, der gerade den obersten Knopf seines Nachthemds öffnen wollte, hielt inne und runzelte die Stirn.
Ich ebenfalls. Wo kam dieser Typ her? »Vergiss es! Und bitte warte, bis ich in der Futterküche bin, bevor du dich umziehst!«
Bis zum frühen Nachmittag schufteten Jo, Sarah und ich in den Ställen. Der Nebel hatte sich aufgelöst und die Luft war kühl und klar, als ich mit Billie endlich zu unserem Spaziergang aufbrach. Kein Mensch störte unsere vertraute Zweisamkeit, nicht einmal Jo. Uns umgaben nur Felder und Bäume und der Himmel, der heute so blau leuchtete wie auf einer kitschigen Postkarte. Gerade so, als wollte der Herbst dafür sorgen, dass der Winter noch lange keine Chance auf seinen Einzug bekam. Und ich liebte ihn dafür.
Billie hopste im Kreis um mich herum, einen dicken Ast im Maul, und stieß ulkige kleine Töne aus. Ich nahm ihr den Stock ab und schleuderte ihn weit auf ein umgepflügtes Stoppelfeld hinaus. Sie überschlug sich fast vor Eifer, als sie hinterherrannte.
Ich blieb stehen, sog die Luft tief in meine Lunge und breitete die Arme aus. Einfach hier sein. An diesem Ort. In diesem Moment. Alles vergessen. Nicht zulassen, dass etwas davon durch die Oberfläche brach, heraus aus dem schwarzen Loch, in das ich es mühevoll verbannt hatte und jeden Tag aufs Neue niederkämpfte —
»Grrrrrr.« Billie hob witternd die Nase. Sie spuckte den Stock aus. »Grrrrrr«, wiederholte sie mit Nachdruck.
»Was ist denn?« Ich packte ihr Halsband und scannte die Umgebung. Weit und breit niemand außer uns.
»Grrrrrrwau!« Billies ganzer Körper versteifte sich. Sie galoppierte los, quer übers Stoppelfeld, hechtete durch einen Bach und preschte über eine sumpfige Wiese. Mich schleifte sie hinter sich her, als würde ich nicht mehr wiegen als ihr Plüschteddy.
»Billie, stopp!« Mein Fuß blieb an irgendwas hängen, einem Stein oder einem Ast. Billie zerrte mich weiter. Zwei Stolperschritte und ich lag im feuchten Gras. »Verdammt, Billie, aus!«
Sie dachte nicht daran.
Ich versuchte, die Finger aus dem Halsband zu befreien. Es ging nicht. Irgendwie klebten sie fest, keine Ahnung, woran. Die Dogge raste über die Wiese und ich pflügte durchs Gras. Dass ich mich nach Leibeskräften bemühte, Billie abzubremsen, hielt sie nicht im Geringsten auf. Ich spuckte Grashalme und Erde. Was war in diesen Hund gefahren?
»Aus, Billie! Stopp!«
Unvermittelt rammte Billie alle viere in den Boden. Ein Schatten fiel auf mich. Ich hob den Kopf und fluchte innerlich. Mir blieb auch gar nichts erspart!
»Beim großen Kelpie, wovor rennt ihr denn davon?«
Josian. Er hielt Cindy an der Leine, einen winzigen Langhaardackel, der sofort zu mir herüber wackelte und mich von oben bis unten beschnüffelte.
Ich rappelte mich auf. Zu Jos Füßen wollte ich wirklich nicht liegen. »Blödes Vieh!«, schimpfte ich mit Billie und befreite meine Hand aus ihrem Halsband. Jetzt ging es auf einmal tadellos. Zum Glück waren meine Finger heil geblieben.
»Du grünhaariger Gnom hast Billie gerufen!«, beschuldigte ich Jo.
»Nein.« Er betrachtete die Dogge, die die Nase in den Wind reckte und schnupperte.
»Vielleicht hast du sie heimlich nachts trainiert, ihr mit einer Hundepfeife ein Kommando gegeben und —«
»Grrrrrrrrr!« Billie verpasste mir einen gewaltigen Schubs. Beinahe wäre ich wieder hingefallen.
»Billie! Schluss jetzt!« Furcht schlich sich in meine Stimme.
Die Hündin legte die Ohren an und knurrte, diesmal mit hochgezogenen Lefzen und entblößten Zähnen.
»Billie!«, krächzte ich.
Sie umkreiste uns, das Nackenfell gesträubt, die Muskeln angespannt. Ein kampfbereites Ungeheuer statt der schüchtern-verspielten Dogge, die ich liebte.
Schließlich standen wir alle drei, Jo, Cindy und ich, zusammengedrängt am Wegrand. Jo bückte sich und hob Cindy hoch. Sie presste sich ängstlich an ihn, und er streichelte ihr über den Kopf. »Tut sie so etwas öfter?« Mit dem Kinn wies er auf Billie.
»Nein«, wisperte ich. Laut zu sprechen traute ich mich nicht, geschweige denn, mich zu bewegen.
Billies Knurren wuchs zu einem Donnergrollen an. Sie witterte, als würde sie etwas suchen. Unvermittelt begann sie erneut, im Kreis um Jo und mich herumzulaufen, den Kopf ganz tief, und trieb uns vom Weg herunter über ein Stück frischgepflügten Acker.
Ich suchte zwischen den schweren Erdbrocken nach Halt für meine Füße. Billie stieß die Schnauze in meine Seite und schob mich an, dann tat sie dasselbe mit Jo, dann wieder mit mir, bis wir, Acker hin oder her, rannten. Was war in diesen Hund gefahren? Und wie sollte ich sie unter Kontrolle bekommen, bevor sie jemanden verletzte?
Auf dem nächsten Feld stand noch der Mais. Über zwei Meter reckte er sich in die Höhe wie eine fahlgelbe Mauer, trocken und längst bereit zur Ernte. Billie scheuchte uns in die schmalen Gänge zwischen den Pflanzen. Tiefer und tiefer. Die scharfen Kanten der Blätter zerschnitten mir die Haut, während ich vorwärtsstürmte.
Als ich kaum noch sagen konnte, aus welcher Richtung wir gekommen waren, hielt Billie an. Jo tätschelte beruhigend Cindys Kopf. Der Dackel winselte jämmerlich vor sich hin.
»Billie, zum Teufel, was soll das?«, schnaufte ich.
Billie schaute mich an. Ihre Augen baten um Verzeihung.
»Er war ’ier!«
Wir zuckten alle zusammen.
»Iesch ’ab ihn genau geseh’n, iesch schwöre!« Eine weinerliche Stimme, die mir ebenso wie der französische Akzent vage bekannt vorkam. Dumpfe Angst wallte in mir auf. Billie drückte sich schlotternd an mein Bein.
»Warum hast du ihn dir nicht geschnappt?«
Die zweite Stimme erkannte ich sofort. Jo offenbar auch. Seine Augen weiteten sich.
Marius.
Mir stockte der Atem.
»Iesch … er ’atte so eine Monster dabei, wie die neuliesch …«
»Dasselbe?«
»Nein, diese war kleiner, in eine andere Farbe —«
»Du Schwachkopf! Das war ein ganz normaler Hund. Mit dem wirst du leicht fertig. Wo ist er hin?«
»Iesch weiß niescht, er war plötzlisch verschwünden, als ich diesch angerüfen ’abe.«
Ein Klatschen.
»Au!«
»Warum schicke ich dich auf Patrouille, wenn du zu feige bist, meinen Befehlen zu folgen? Los, such ihn! Er kann nicht weit gekommen sein. Wo hast du ihn zuletzt gesehen?«
»Dort drüben auf die Weg.«
»Worauf wartest du?«
Schnelle Schritte entfernten sich von uns.
Am Rand des Maisfeldes raschelten Blätter. »Wenn ich du wäre, Josian, würde ich mich verstecken. Gut verstecken. Aber so schlau bist du nicht, oder?« Leise, sanft. Fast sang Marius die Worte. Das Rascheln näherte sich.
Jo und ich schauten uns an. In seinem Gesicht las ich dieselbe Panik, die mich erfüllte. Ich hob fragend die Hände. Was zur Hölle wollte dieser Typ von Jo?
Billie stupste uns an. Diesmal musste sie uns nicht vorantreiben, wir folgten ihr freiwillig. Sie führte uns durch die Reihen. Wir gingen langsam und bemühten uns, keine Geräusche zu machen, die Marius auf unsere Spur bringen würden. Was sich in dem trockenen Maisfeld als unmöglich erwies.
»Ich höre dich, Josian!«, brüllte Marius. Ganz nahe. Fischgestank drang zwischen den Maisstängeln hindurch.
Billie blieb stehen. Ihr gesamter Körper bebte. Mit der Schnauze machte sie eine Bewegung nach rechts, als wollte sie uns den Weg zeigen.
Ich starrte die Dogge an.
»Waff!«, bellte Billie. Und ich hörte darin: »Lauft!« Mein Herz raste, mein Hirn kämpfte mit Schock und Unverständnis.
Jo packte meine Hand. »Komm!« Er zog mich den engen Gang zwischen den Pflanzen entlang, mit einer Kraft, die ich ihm niemals zugetraut hätte. Maisblätter peitschten mir ins Gesicht, dass mir Tränen aus den Augen schossen.
Am Rand des Feldes stoppte Jo. »Wohin?«
Ich blinzelte durch den Tränenschleier, orientierte mich kurz. »Links!«
Quer über ein Stoppelfeld. Halme stachen in meine Beine. Der Asphalt des Fahrradwegs kam als Erlösung.
Ein Rentner auf einem E-Bike bremste scharf. »Rücksichtslose Rotzgören!«
Wir wichen aus, liefen weiter. Noch ein Kilometer bis zum Tierheim. Meine Lunge platzte beinahe. Jo umklammerte meine Hand, als hinge sein Leben daran. Oder meines. Er hielt mich aufrecht, fing jedes Stolpern ab. Woher nahm er die Energie?
Ein schwarzer Schatten holte uns ein, flog neben uns her. »Sie sind weg!«, kläffte Billie.
Ich wandte ihr den Kopf zu. Was um alles in der Welt …? Meine Beine gaben unwiderruflich nach, obwohl Jo versuchte, mich nach oben zu zerren. Stattdessen riss ich ihn mit zu Boden.
Im letzten Moment schob Billie sich vor uns und fing unseren Sturz ab. Sie jaulte kurz auf, verrenkte sich dann jedoch den Hals, um mein Gesicht abzulecken, als wäre ich ein Welpe, den sie beruhigen müsste. Dabei fiepte sie ununterbrochen. Diesmal hörte es sich nicht an, als würde sie mit mir sprechen. Den Blödsinn hatte ich mir in meiner Angst bestimmt nur eingebildet.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis mein Atem gleichmäßiger ging und ich realisierte, dass ich nach wie vor Jos Hand hielt. Seine war schweißnass und zitterte dermaßen, dass ich nicht wagte, sie loszulassen. Ich setzte mich auf. »Verdammt nochmal, Jo, was für ein Problem haben diese Horrorclowns mit dir?«
»Ich wünschte, ich wüsste es. Wahrhaftig, ich wünschte es. Doch ich weiß nicht einmal, was sie sind.« Er schaute mich nicht an, sondern irgendwo in die Ferne, Richtung Horizont.
»Wie meinst du das — was sie sind?« Ich hob die Augenbrauen.
Jo blieb stumm.
»Du bist vielleicht eine Knalltüte! Das war jetzt das zweite Mal. Billie muss gemerkt haben, dass die Typen in der Nähe waren. Deshalb hat sie mich zu dir gelotst. Die verfolgen dich. Irgendwas wollen die von dir. Und ich nehm dir nicht ab, dass du gar nichts darüber weißt.«
Jos Gesicht war weißer als seine Kleider. »Ich kann dir nichts davon erzählen. Jeder hat Geheimnisse. Du nicht?«
Treffer. Wenn ich allein daran dachte, was meine Ma alles nicht wusste … »Du brauchst es nicht mir zu sagen. Geh zur Polizei!« Als hätte ich das gemacht.
»Die würde mir nicht helfen.« Er sprach so leise, dass ich ihn kaum verstand.
Wir schwiegen. Ich beobachtete eine einsame Schäfchenwolke, die den ansonsten makellos blauen Himmel entlangwanderte, und Jo, der seine Wange an Cindys Fell schmiegte. Er sah sehr klein und kraftlos aus, so zusammengekauert auf dem Boden. Und sehr, sehr allein.
Immerhin ließ das Zittern seiner Hand allmählich nach. Ich drückte sie. »Billie und ich sollten wohl in Zukunft besser auf dich aufpassen, wenn du spazieren gehst.«
Jo hob den Kopf. »Ist das womöglich ein Friedensangebot?« Einer seiner Mundwinkel kroch zaghaft ein paar Millimeter nach oben.
»Nur für hier. In der Schule hältst du dich weiterhin von mir fern.« Mina würde mir das Leben zur Hölle machen mit ihren behämmerten Kuppelversuchen, sobald sie Jo in meiner Nähe erspähte. Und diese Art von Aufmerksamkeit war so ungefähr das Letzte, das ich brauchte. Gerade in der Schule. »Kannst du damit leben?«
»Selbstverständlich.« Er lächelte so breit, dass der eine vorstehende Eckzahn in der Sonne blitzte.
Seltsamerweise schoss mir bei diesem Anblick kein blöder Witz über Zahnspangen durch den Kopf, sondern ein warmes Gefühl in den Bauch.
4.
Das Wasser ergoss sich in breiten Strömen aus dem Gartenschlauch über den Betonboden bis in die hinterste Ecke des Ponystalls. Als der ganze Boden unter Wasser stand, drehte ich den Hahn zu und band meine Haare zusammen. Wenn meine früheren Modelkolleginnen mich so sehen könnten, in Latzhose und Gummistiefeln anstelle von Minirock und High Heels! Ich kicherte bei dem Gedanken und schnappte mir den Straßenbesen.
»Oh, Hochwasser«, sagte Jo von der Stalltür aus. »Dabei ist hier draußen bereits über alle Maßen viel Wasser in der Luft.« Vom Novembernebel umwabert schlüpfte er durch den Türspalt.
»Irgendwann bring ich dir nochmal bei, wie man richtig redet. Bis dahin pass auf, dass du nicht wegschwimmst. Wo bleibst du eigentlich? Ich hab den ganzen Mist allein rausgekarrt.«
»Ich wurde nach dem Nachmittagsunterricht aufgehalten.«
Das grelle Licht der Neonröhre fiel auf Jos Gesicht, als er die Tür hinter sich zuschob.
Ich schnappte nach Luft. Sein linkes Auge war schwarzblau zugeschwollen und seine Nase machte einen ziemlich verbeulten Eindruck. »Himmel! Wer genau hat dich aufgehalten? Ein Monstertruck? Oder schon wieder diese Typen?«
»Nur einer von ihnen. Pierre. Ansonsten hätte es vermutlich noch länger gedauert.«
»Mann, Jo, so geht das doch nicht weiter!«
Seit Jo nur noch gemeinsam mit Billie und mir spazieren ging, hatten Marius und seine Schläger ihre Angriffe auf Jos Schulweg verlagert. Nicht nur einmal war er ihnen in die Arme gelaufen. Seine Haut musste inzwischen flächendeckend aus blauen Flecken bestehen. Trotzdem lehnte er sämtliche Hilfsangebote von Sarah und mir ab und schwieg hartnäckig auf alle Fragen.
Obwohl … Einen Versuch konnte ich ja noch starten, um ihn aus der Reserve zu locken. Gestern Abend hatte ich beim Fernsehen in eine Wiederholung von Outlander gezappt. Da ließ sich sicher was draus basteln.
»Ich weiß jetzt, wer diese Gruseltypen sind«, verkündete ich.
Jo, der gerade den zweiten Besen aus der Ecke holte, drehte sich zu mir um. »Wirklich?« Seine Augen wurden noch größer, als sie sowieso schon waren.
