Das Sing-horn - Henrik Woelk - E-Book

Das Sing-horn E-Book

Henrik Woelk

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Beschreibung

Es ist verwunderlich, dass der Koloss von Rhodos oder der Pharos von Alexandria zu der Liste der sieben antiken Weltwunder gehören, die Bibliothek von Alexandria aber nicht. Die Inhalte, die in dieser Bibliothek zusammengekommen und verwoben worden sind, bestimmen das europäische Denken bis heute. "Das siebte Weltwunder", die längste Erzählung dieses Bändchens, verzichtet auf den theoretischen Diskurs und stellt den phantastischen Anriss der Lebensgeschichte zweier Menschen in den Mittelpunkt: die von Alexander dem Großen und Zenon von Kition. Für gewöhnlich ist der Zufall etwas Kurzlebiges, in der Mann-trifft-Frau-Erzählung "Das Sing-horn" erweist er sich aber als ausgesprochen hartnäckig.

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Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Das siebte Weltwunder

Schlechte Freundin

Das Labyrinth des Seins

Ansporn aus dem Dunkel

Der Nashornvogel

Der Tapir

Das Sing-horn

Das Gericht

Das siebte Weltwunder

Teil I: Die Bibliothek von Alexandria

„Das durch hundert hohe Säulen hochgepumpte Wasser des Euphrat füllte in diesen Gärten mächtige Marmorbecken und bildete dann, durch andere Kanäle zurückgeleitet, unten im Park sechstausend Fuß lange Wasserfälle und hunderttausend Springbrunnen von fast unübersehbarer Höhe;“

(Voltaire: „Die Prinzessin von Babylon“)

Das Aufsteigen der Sonne

Alexander kannte keine Furcht, die Götter und das Universum waren ihm wohlgesonnen. In der Nacht seiner Geburt wurde der Artemis Tempel von Ephesus von einem Brandstifter, dessen Namen bei mehrfacher Todesstrafe nicht genannt werden darf, niedergebrannt. Später würden die Menschen sagen: „Der Tempel konnte niedergebrannt werden, weil die Göttin nicht anwesend war. Sie war in Makedonien, um bei der Geburt Alexanders Pate zu stehen.“

22 Jahre später führte er seine Truppen vor die Ruinen des Artemis Tempel.

Als achtjähriger Junge schaute er zu, wie Männer im Auftrag des Königs Wildpferde einritten. Nur die kräftigsten Tiere waren ausgewählt worden. Das Tier war nicht nur größer als der Mann, sondern ihm auch an Kraft des Körpers weit überlegen. Und es sträubte sich sehr, den Fremden auch nur in seine Nähe zu lassen. Der Mann schien keine Chance gegen das Tier zu haben. Und doch fügte sich am Ende das Pferd, immer wieder, und gehorchte von da an dem kleinsten Zeichen des Reiters, einem sanften Schenkeldruck, einem kaum hörbaren Schnalzen der Zunge. Dies ist die Überlegenheit des Geistes.

Ein Pferd jedoch beugte sich nicht. Es hatte bereits mehrere Männer schwer verletzt. Der achtjährige Alexander beobachtete es genau, sah jede Erweiterung der Nüstern und folgte dem Blick und verstand dann mit einem Mal: Das Pferd kämpfte nicht gegen den Mann. Das Tier scheute vor dem eigenen Schatten, erschrak und trat um sich. All seine Kraft vergeudete es sinnlos und verletzte dabei die Umherstehenden.

In der Nacht schlich Alexander, Sohn des Königs, aus dem Palast und in die Stallungen und blieb im Dunkeln eine Weile stehen. Er hörte das Pferd, spürte, dass es ihn roch und unentschlossen war. Schließlich sagte er leise: „Ich bin ein kleiner Junge. Du musst vor mir keine Angst haben. Ich bin gekommen, um auf dir zu reiten. Ich habe gesehen, dass du sehr stark bist. Aber du hast Angst, du bist nervös. Ich bin ein kleiner Junge, vor mir brauchst du keine Angst zu haben. Es ist dein Schatten, vor dem du Angst hast. Dein Schatten ist ein Teil von dir, er ist kein Gegner und kein anderes Pferd. Fürchte dich nicht, vergeude deine Kraft nicht. Ich bin ein kleiner Junge, ich werde dir deine Angst nehmen. Ich reite mit dir, ich reite mit dir in die Nacht, wo wir unseren Schatten nicht sehen können, obwohl er dennoch immer da ist. Und wenn am Morgen die Sonne aufgeht, wirst du genügend Vertrauen zu mir haben, um deinen Schatten nicht mehr zu fürchten.“ Alexander lauschte in das Dunkel des Stalls. Das Pferd atmete ruhig und horchte interessiert, es mochte den Klang der Stimme. Dann öffnete der Junge die Stalltür. Er war klein, hatte Mühe und musste sich eines Hilfsmittel bedienen, um überhaupt auf das Pferd steigen zu können. So sehr sich dieses am Tag gegen jeden Mann gewehrt hatte, so ruhig stand es nun. Langsam ritten sie in die Nacht, ohne Eile. Als die Sonne aufging, fürchtete das Pferd seinen Schatten nicht mehr. Sehr viel später, als Erwachsener, sagte Alexander zu einem Freund: „Die Menschen bleiben klein, weil sie ihren Schatten fürchten und ihm aus dem Weg gehen, anstatt sich mit ihm zusammen zu tun.“

Alexander hatte, als Sohn eines Königs, die beste Erziehung. Aristoteles war sein persönlicher Lehrer. Aristoteles erklärte ihm den Grundpfeiler seiner Lehre: die Logik. Und er erklärte ihm, dass die Welt, die er für wirklich hielt, ein Produkt seiner Wahrnehmung und seines Denkens war. "Deine Augen und dein Denken erschaffen dir diese Welt, die allein in deinem Kopf existiert." Der kleine Alexander stellte die Frage: "Aber gibt es denn eine Welt außerhalb unserer Köpfe? Gibt es eine Welt, die unsere Sinne zwar nicht wahrnehmen können - jedenfalls nicht, ohne sie zu verändern -, die aber trotzdem da ist?" Aristoteles ließ ihm diese Frage unbeantwortet: "Versuche es selbst heraus zu finden. Ich kann es dir nicht sagen. Benutze die Werkzeuge, die ich dir gelehrt habe, benutze die Logik."

Alexander glaubte an eine absolute Wirklichkeit, auch wenn sie dem menschlichen Geist gemeinhin verborgen blieb. Er nahm an, dass sie ähnlich unbeständig war, wie das menschliche Denken. Er stellte sich diese verborgene Wirklichkeit als etwas vor, dass sich ständig veränderte. Und ähnlich, wie sich der Kapitän eines Segelschiffs Winde aus verschiedenen Richtungen nutzbar machen konnte - wenn er es nur verstand, bei Gegenwind geschickt zu kreuzen -, glaubte Alexander, sich die verschiedenen Winde, die aus der verborgenen Wirklichkeit in sein Leben wehten, nutzbar machen zu können.

Darüber hinaus vermutete Alexander - über die Logik seines Lehrers in jugendlicher Unbedarftheit hinweggehend - richtig, dass es dem Menschen möglich war, einen Wind überhaupt erst zu erzeugen, das Geschick seines Lebens selbst zu lenken. Er konzentrierte seine Bemühungen darauf, diese Fähigkeit zu entwickeln. In der Nacht, als er hinausgegangen war und das Pferd gezähmt hatte, war ihm zum ersten Mal eine Ahnung vermittelt worden, wie das zu tun sei. Von da an trainierte er beständig, die Phantasie der Wirklichkeit vorauszuschicken. Und bald hatte er seine erste magische Fähigkeit erlangt.

Aristoteles versuchte Alexander für die Frage nach der Beschaffenheit der Seele zu interessieren. So waren es in den meisten Unterrichtsstunden die Seele und die Wirklichkeit, an denen sie erprobten, die Mittel der Logik anzuwenden. Der Lehrer Aristoteles bestand immer wieder auf eine exakte Schlussfolgerung, der Weg zur Erkenntnis war ihm wichtiger als das Ergebnis. Der junge Alexander dagegen scheute sich nicht, die ungewissen Zwischenräume mit schnellen Vermutungen anzufüllen. Er hatte die Gabe, richtig zu vermuten. War dies das Entgegenkommen der wohlwollenden Götter? Es war die Intuition, mit der Alexander von Geburt an beschenkt war. Und so formte er seine Vorstellung von der verborgenen Welt weiter. Er nahm an, dass in dieser Welt die Seele zu Hause sei, dass in dieser eigentlichen Welt, bevor unsere Wahrnehmung sie zur Alltagswelt modelliert, alles Seele ist. Und jeder Teil der Seele, der in der angeblich dinglichen Welt war, der in den einzelnen Körpern steckte, konnte leicht mit jedem anderen Seelenteil in anderen Körpern in Verbindung gebracht werden, einfach weil sie im verborgenen Grunde schon längst verbunden waren. Belegen konnte er das mit den Mitteln der Logik nicht. Sein Lehrer lobte ihn für seine vielfältige Phantasie, bestand aber darauf, dass er sich weiter darum bemühen sollte, seine Annahmen zu belegen oder auch zu widerlegen und auch sogar hinzunehmen, dass weder das eine noch das andere möglich sein konnte. Und so trainierte Alexander auch die Mittel der Logik, wenngleich sie nicht seine erste Wahl zu Ergründung der Wirklichkeit waren.

Sein intuitives Wissen brachte ihn weitaus schneller voran. Er sah mögliche Wege deutlich vor sich. Schon als Kind wusste er jederzeit die nötigen Verbündeten zu finden und entdeckte schnell den Schwachpunkt des Gegners, der ihm dann ausgeliefert war. Später, als kaum Erwachsener, würde er sich die Kraft seiner Gegner nutzbar machen, was er konnte, weil er ihren geheimen Grund verstand: mit einigen würde er sich verbünden, bevor überhaupt eine Schlacht geschlagen werden musste, andere würde er erst besiegen und ihnen dann das Vasallentum anbieten. Gleichzeitig wird er dann wissen, welche Feinde er erbarmungslos zu vernichten hat - und um welche potentiellen Gegner er besser einen großen Bogen macht.

Den Menschen seiner Zeit wird Alexander dann göttlich erscheinen, und vielleicht war er das auch, denn was anders zeichnete die Götter aus, als einen Wissens- und Machtvorsprung vor den Menschen zu haben - addiert mit der Unsterblichkeit. Und so würden dann auch Gerüchte auftauchen und sich schnell weiter verbreiten, dass Alexander der Große nicht nur unbesiegbar, sondern auch unsterblich sei. Aber so weit reichte sein Wissen nicht. Er mochte durch Glück, Fleiß und Einsicht einige magische Fähigkeiten erlangt haben, unsterblich jedoch war er nicht.

Auszug nach Ägypten

Mit neunzehn war Alexander König, und er dachte über die Grenzen Makedoniens hinaus. Mit all seinem Wissen und seinen Ahnungen stellte er ein Heer zusammen für einen Feldzug, wie es noch keinen gegeben hatte. Die Auswahl der Soldaten überließ er den Generälen und ihren Untergebenen, die verstanden mehr davon. Lieber beriet er sich mit den trefflichsten Erfindern, neues Kriegsgerät zu ersinnen. Und den besten Strategen hörte Alexander zu, still, immer überlegend, wie er auf ihre Taktik reagieren würde, wäre er der Gegner - und wie diese Reaktion dann durch einen weiteren Zug wieder unwirksam gemacht werden könnte.

„Dies soll ein Feldzug werden, den die unsterblichen Götter mit Wohlwollen begleiten“, sagte er. Sich selbst stellte er die Frage: „Wie muss ein Feldzug sein, damit die Götter ihn mit Wohlwollen begleiten?“

Er liebte Homer - Aristoteles hatte ihm zum Abschied eine Abschrift der Ilias anfertigen lassen - und war überzeugt, dass - wenn es Götter gab - sie den Starken beförderten, ihn noch stärker machten, dem Siegreichen halfen und dem Ruhmreichen den Weg ebneten - solange er ihnen nicht entgegen handelte und keinen ihrer Lieblinge kränkte.

„Ich werde den Göttern huldigen und ihren Lieblingen helfen“, schwor er sich. Er wusste, dass das allein nicht reichen würde, denn er bezweifelte, dass die Götter als menschenähnliche Wesen existierten. Und dennoch würde er ihnen huldigen, weil er damit etwas Ungreifbares hinter diesem Bild günstig stimmte. Das war notwendig, die Vorbedingung, „und dann werden die Gelehrten und Künstler mein wahres Heer sein. Die Soldaten, sind der Rammbock, der die Tore der Festungen öffnet. Hinter den Mauern dann beginnt der wahre Feldzug.“ Und so verpflichtete er die gelehrtesten Männer und begabtesten Kunsthandwerker, sich seinem Feldzug anzuschließen.

Die Klügsten und Gebildetsten von ihnen fragte er: „Welches ist die höchste Errungenschaft der heutigen Menschheit.“ Die Meinung darüber gingen auseinander. Das Denken, die Sprache, die Schrift nannten alle, die Pyramiden von Gizeh auch. Das unvollendete Grabmal des Halikarnassos hätte es werden können, glaubten einige, der Artemis Tempel von Ephesus wurde genannt, doch der war bereits niedergebrannt. Einige glaubten, es sei der höchste Turm, höher als alles andere, der Turm von Babylon; andere nannten nicht den Turm, sondern die unbezwingbaren Mauern derselben Wüstenstadt oder auch deren wundersame, künstliche Oase, die hängenden Gärten, als das wahre Wunderwerk.

Alexander stimmte jedem Vorschlag zu, er war sicher, all diese Dinge waren Menschenwerk, welches die Götter - sofern es sie gab - erfreuen musste. Der am Tag seiner Geburt niedergebrannte Artemis-Tempel war den Grenzen Makedoniens am nächsten. Also war sein erster Befehl an das neu formierte, riesige Heer, dorthin zu marschieren, um den Tempel wieder aufzubauen und so das Wohlwollen der Götter zu erlangen.

Dort angekommen ließ er die Truppen vor den Ruinen eine Paradeformation einnehmen und bot dem König von Ephesus an, den Tempel wieder aufzubauen. Obwohl dieser den Wiederaufbau mit sehr einfachen Mitteln - die Bürger hatten ihren Schmuck gespendet - bereits begonnen hatte, er nur langsam voran kam und die mächtige Hilfe gut hätte gebrauchen können, lehnte er den Vorschlag Alexanders, dessen Wünsche Befehle waren, mit diplomatischen Geschick ab: „Es ist Sache der Menschen, den Göttern Tempel zu errichten, nicht Sache der Götter.“ Er fürchtete nichts mehr, als das riesige, fremde Heer über Jahre in seinem Land stehen zu haben.

Alexander der Makedonier musste sich mit dieser Antwort zufrieden geben, denn es würde den Göttern kaum gefallen, wenn er einen anderen von der Ehrerbietung abhalten würde, nur um dann zu tun, was dieser sowieso getan hätte. Also zog mit seinem Heer weiter nach Halikarnassos und ließ dort den gewaltigen Grabtempel des Maussollos fertig stellen.

Er eroberte Ägypten, verbeugte sich vor den Pyramiden, gründete die Stadt Alexandria, und zog mit seinem Heer durch die Wüste zur Oase Siwa, zum Ammon-Orakel. Seine Truppen ließ er im vorgeschriebenen Abstand lagern, den Tempel betrat er, wie die Zeremonie es vorschrieb, allein, ehrfürchtig und stellte, nachdem der Priester ihn als Sohn des Ammon begrüßt hatte, eine Frage: „Gewährt mein Vater mir die Herrschaft über die Welt?“ Der Gott antwortete durch den Priester in ungewohnter Eindeutigkeit: „Das tut er, das tut er ganz gewiß.“ Daraufhin ließ Alexander sich zum Pharao von Ägypten und Kaiser von Asien krönen und zog in Richtung Sonnenaufgang, dorthin, woher das Licht kam, um mit seinem Heer bis zum östlichen Ende der Welt vorzudringen.

Eroberung der Welt

Die Tore des als unbezwingbar geltenden Babylons öffnen sich ihm kampflos. Er flaniert auf den Mauern Babylons, die so groß und breit waren, dass sie später einmal als eines der sieben Weltwunder bezeichnet werden würden. Vierspannige Pferdewagen konnten gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung auf ihnen fahren. Die schönen Babylonierinnen warfen den staunend auf diesem monumentalen Bauwerk spazierenden makedonischen Soldaten ermunternde Blicke zu.

Der Turm von Babylon war vor seinem Eintreffen eingestürzt. Alexander fühlte eine Verbundenheit mit dem Streben Babylons. Er befahl, den Turm wieder aufzubauen. Aber er verweilte nicht, sondern zog weiter, Richtung Osten, dem Ruf seiner Ahnungen folgend.

Jeden besiegte er, Liebling der Götter, Sohn des einen Gottes, spielerisch, die meisten unterlegenen Herrscher bindet er freundlich in sein immer schneller wachsendes Reich ein. Persepolis jedoch ließ er niederbrennen, als Antwort der Götter auf die Zerstörung der Akropolis.

Und auch hier hielt er nicht inne, sondern zog weiter, immer in Richtung Osten, nun in vollkommen unbekanntes Land.

Wo denn waren die Sirenen? Wo waren die Riesen und