Das Spiel des Greifen - Frank Siller - E-Book

Das Spiel des Greifen E-Book

Frank Siller

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Beschreibung

In Frank Sillers spannenden Debütkrimi "Das Spiel des Greifen" stolpern zwei Amateur-Detektive unverhofft in einen dubiosen Fall von Kindesmissbrauch und geraten bei dessen Aufklärung immer mehr zwischen die Fronten eines blutigen Schachspiels zwischen machthungrigen Politikern und einem Clan, die allesamt ihre gierigen Klauen in die verarmte Südstadt Nürnbergs geschlagen haben. Schon sehr bald verwandelt sich der entspannte Alltag von Felix Locke und seiner Ermittlungspartnerin Viktoria Costello in einen wahrhaftigen Albtraum. Ob der unscheinbare Yunis und seine beiden Freunde ebenfalls in die ominösen Machenschaften verwickelt sind?

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Seitenzahl: 674

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impressum

© Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

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ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere

für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen

und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in

weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

© Parlez Verlag 2022

ein Projekt der Bluecat Publishing GbR

Gneisenaustraße 64

10961 Berlin

www.parlez-verlag.de

Covergestaltung: Norma Vohland

ISBN: 978-3-86327-077-3 

Inhaltsverzeichnis
Prolog: Die Geburt des Spielers
Teil Eins: Startaufstellung
Das Läuferpaar
Der Bauer
Läuferzug
Die Dame
Der schwarze Turm
Der weiße Spieler
Auf der Grundlinie
Teil Zwei: Die Eröffnung
Kurze Rochade
Der Narr
Der Zuschauer
Der Spieler und sein Bauer
Die Fesselung
Berührt, geführt
Auch eine Dame muss gehorchen
Neuformation
Verdeckter Zug
Der Springer
Die Uhr läuft
Teil Drei: Das Mittelspiel
Narrenmatt
Der Zuschauer, Teil 2
Damengambit
Schlachtplan
Caissa
Die Leichtfiguren
Teil Vier: Greif I
Teil Fünf: Stellungskampf
Gardez
Der Spieler zieht
Flügelangriff von Schwarz
Freibauer
Im Greifenhorst
Tripelbauer
Zugumstellung
Bajonett-Angriff
Der Turm und sein Springer
Aus dem Spiel
En passant
Teil Sechs: Bauernopfer
Blockade
Nebenpartie
Der Springer, der keiner sein will
Die Schwerfiguren
Bauernfängerei
Blitzschach
Als ein kleiner Bauer seine Seele verlor
Die Umwandlung
Materialverlust
Mattangriff
Der Patzer?
Zurück ins Spiel
Befreiungsschlag
Teil Sieben: Greif II
Teil Acht: Figurentausch
Fianchetto
Der Turm fällt
Gegenangriff
Schachmatt?
Springeropfer
Teil Neun: Greif III
Teil Zehn: Endspiel
Der schwarze König
Greif IV
Zugzwang
Kreuzfesselung
Unendliche Remispartie
Die Entfesselung
Remis?
Die weiße Königin
Der schwarze Spieler offenbart sich
Das Mattnetz
Schach und …
Das Damenbauern(trauer)spiel
Elementarendspiel
…Matt
Epilog: Das Spiel ist aus!

Prolog: Die Geburt des Spielers

 

Sophias Magen kribbelte, als sie am Fenster in der kleinen Küche stand und nach draußen spähte. Es war kein angenehmes Kribbeln, wie damals, als sie ihn kennengelernt hatte. Eher eine Mischung aus Nervosität und dunkler Vorahnung. Ob er wieder getrunken hatte? Der Regen machte es beinahe unmöglich, draußen etwas zu erkennen außer Dunkelheit. Noch keine Spur von Tom. Ihr Atem kondensierte an der milchigen Scheibe und sie musste mit dem Ärmel ihres Pullovers mehrfach darüberwischen, um weiter auf die Schatten starren zu können. Noch war alles still, was ihre Nerven etwas beruhigte. Ein Blitz zuckte vom Himmel und erleuchtete die Einfahrt für den Bruchteil einer Sekunde, als wäre hellster Tag. Dort wo sonst sein Auto stand, hatten sich tiefe Pfützen im Schlamm gebildet. Der Donner rollte grollend über Sophias Haus hinweg. Ein Kind schrie. Nicht schon wieder. Die Krämpfe in ihrem Magen kehrten zurück. Etwas pochte hinter ihrer Schläfe gegen den Knochen. Sie bahnte sich einen Weg durch die Küche ins angrenzende Wohnzimmer. Das Schreien wurde dringlicher.

»Ja, ich komm‘ ja schon!«, fuhr Sophia das Kleinkind an, das verzweifelt an den Gittern seines Laufstalls rüttelte. Der kleine Junge hatte platinblondes Haar, beinahe so fein wie Seide und ein ungewöhnlich schmales Gesicht, das vom Heulen bereits dunkelrot angelaufen war. Er konnte sich gerade so an den Stäben festhalten, um nicht von seinen wackeligen Füßchen zu kippen und schrie jetzt mit der ganzen Kraft, die seine kleine Lunge hergab. »Was ist?!« Sophia biss sich auf die blutige Lippe und raufte das widerspenstige Haar zurück. Sie war vielleicht mal schön gewesen, aber das war lange her. Damals, als sie noch jung und unbeschwert war. Das Geschrei ihres Sohnes ging ihr durch Mark und Bein.

»Halt den Mund, ich gehe ja schon.« Die Mutter ging in die Küche zurück und fischte zwischen den Stapeln dreckiger Teller ein Fläschchen hervor. Es war noch halb voll. Das muss reichen. Sie stellte es in die Mikrowelle, überlegte es sich aber nochmal anders. Wenn du so rumschreist, dann kannst du es auch kalt trinken. Sie nahm die Flasche und kehrte zu dem Kind zurück. Der Junge rüttelte immer noch an dem Gitter, als ginge es um sein Leben. Er war etwa ein Jahr alt, dürr und schwächlich. Vielleicht hatte er ja Polio oder sonst irgendeine Krankheit. Und dafür hatte sie ihren Job aufgegeben, ihr Leben und alle ihre Träume gleich mit. Für dieses schreiende Etwas und für einen Mann, der seine Tage damit verbrachte, sie mit seinen Kumpels in der Kneipe zu versaufen. Der Kleine brüllte in einer Tonlage, die drohte ihre Trommelfelle wie Papier zu zerreißen. »Halt dein Maul«, schrie Sophia zurück. »Halt endlich dein Maul!« Ohne dass sie wusste, was sie tat, warf sie dem Jungen die Glasflasche an den Kopf. Er kippte nach hinten um und seine Schreie verwandelten sich in ein leises Wimmern. Sofort bildetet sich ein roter Fleck auf seinem Gesicht. Sophia schlug die zitternden Hände vor den Mund. »Es tut mir leid. Oh Gott, es tut mir leid.« Sie hob das wimmernde Bündel aus dem Stall und presste es an sich. »Alles gut, Mami ist da. Es ist alles gut.« Das stahlblaue Auge des Kindes schwoll schnell zu einem dicken Klumpen an, bis er es nicht mehr richtig öffnen konnte. Dennoch lächelte er seine Mutter von unten an. Das war zu viel für Sophia. Von plötzlichem Ekel gepackt, legte sie das Kind zurück in den Stall. »Tom sage ich, du bist beim Laufen hingefallen. Ja, das wird er mir glauben.« Bitte, er muss es einfach glauben.

Kies knirschte in der Einfahrt. Ein einsamer Lichtstrahl fand seinen Weg durch die Küche, bis ins Wohnzimmer. Er ist da. Sophia überließ das jammernde Kind sich selbst und eilte zu ihrem Posten am Fenster zurück. Der klapprige, alte Opel Kadett rollte durch den Regen auf das Haus zu. Der rechte Vorderreifen wühlte sich durch das Gras neben dem Kiesweg. Er ist betrunken. Das ungute Kribbeln in Sophias Magen kehrte zurück. Mit den Zähnen riss sie am abgekauten Nagel ihres Zeigefingers, bis dieser tief ins Nagelbett einschnitt. Der brennende Schmerz ließ sie Handeln. Sie drehte den Herd auf die höchste Stufe, auf dem bereits einige Schweinekoteletts in einer Pfanne schwammen. Hoffentlich hat er gute Laune, bitte lass ihn gute Laune haben. Sie zupfte ihre Bluse zurecht, um die Speckröllchen an der Hüfte zu verstecken. Tom nannte sie immer eine fettärschige Kuh, wenn er ihre Hüfte sah. Sie öffnete den obersten Knopf ihrer Bluse. Früher hatte das immer geholfen. Der Motor heulte ein letztes Mal auf und erstarb dann. Schwere Arbeiterstiefel polterten den kurzen Weg bis zum Eingang herauf. Einen Augenblick später ging die Tür auf. Tom stand groß und schwankend in der Tür und fixierte mit blutunterlaufenen Augen seine Frau. »Hi Schatz«, begrüßte Sophia ihren Mann und versuchte ein Lächeln zustande zu bringen. Er war mal schön gewesen. Groß und stark und voller Tatendrang und Träumen für ein gemeinsames Leben. Jetzt war sein Gesicht picklig und fleckig vom vielen Saufen und von den Träumen war nichts geblieben, außer einem fernen Echo leerer Versprechungen.

»Was stinkt hier so?«, grunzte er seine Frau an. Sophia erschrak. Die Koteletts. Sie eilte in die Küche und zog die schwarzen Fleischbrocken vom Herd. Ihre Nerven flatterten. Tom war ihr in die Küche gefolgt. Der Raum stank penetrant nach billigem Schnaps. »Was gibt's zum Abendessen?«

»Koteletts. Sie sind etwas angebrannt.«

»Was kannst du eigentlich, du nutzloses Weibsstück?«, stöhnte er. »Und was ist das hier überhaupt für ein Saustall? Was machst du eigentlich den ganzen Tag, außer mit deinen fettärschigen Freundinnen zu telefonieren?!« Arschloch. Und womit nahm er überhaupt das Recht sich zu beschweren? Saß den ganzen Tag mit seinen nichtsnutzigen Kumpels in der Kneipe und versoff das ganze Geld, während sie hier alles alleine machen musste und sich mit weniger als nichts um sein verdammtes Kind kümmern musste. »Wenn du nicht dein letztes bisschen Spatzenhirn versaufen würdest, dann ...« Toms Faust landete so plötzlich in Sophias Gesicht, dass sie nicht mal mitbekam, wie sie erst gegen die Tischkante und schließlich auf den Boden prallte. »Du nutzlose Schlampe machst mir Vorwürfe? Ich gehe die ganze Woche schuften, während du hier deinen fetten Arsch platt sitzt. Und alles, was du zu tun hast, ist was zu essen auf den Tisch zu bringen und dich um das Kind zu kümmern! Ich sollte dich windelweich prügeln, du…«

Er hielt inne. Sophia hörte es auch, trotz ihrer Benommenheit. Das leise Wimmern aus dem Wohnzimmer hatte zugenommen. »Was zur ...« Tom stapfte aus der Küche. Sophia schob sich, von Panik getrieben, über den Boden vorwärts. Ihr Kopf tat so schrecklich weh. »Tom, er – er ist gefallen.« Sie erreichte das Wohnzimmer, als ihr Mann an dem Laufstall angekommen war. Er stand da und sah auf das weinende Kind herab. Sein versoffener Verstand versuchte offenbar zu verstehen, was er da gerade sah. Sophias Herz schlug bis zum Hals. Er glaubt mir nicht. Gott, er glaubt mir nicht. Sie sah nach oben. Das Telefon war im Durchgang zwischen Küche und Wohnzimmer an der Wand befestigt. Gegen den Schwindel ankämpfend schob sich Sophia an der Wand nach oben. Ihre blutverschmierte Hand – wo kam bloß das ganze Blut her – umschloss den Hörer. Der zerbissene Zeigefinger drückte zweimal die Eins und einmal die Null.

»Was hast du getan?«, fragte Tom tonlos. Es klingelte. »Nichts, Tom. Er ist gefallen. Er ist so ungeschickt...«

»Du hast ihn geschlagen. Er hat geweint und du hast ihn geschlagen, du beschissenes Weibsstück.« Es klickte in der Leitung. »Polizei ...«

»Nein, ich schwöre.« Sophia ließ den Hörer fallen, als Tom auf sie zukam. Plötzlich war er doch wieder groß und stark und voller Tatendrang. Ganz so wie früher. Sie ging in die Knie und kauerte sich unter dem Telefon auf dem Boden zusammen. »Hallo, können Sie mich hören?", drang es ganz leise aus dem Hörer. Tom nahm sich einen schweren, gläsernen Aschenbecher von der Kommode. Sophia hatte ihn ihrem Mann zu Weihnachten geschenkt. »Bitte nicht, Tom. Bitte nicht...« Dann kam er über sie. Der Junge stand an dem Gitter und beobachtete seine Eltern. Er lächelte wieder.

Teil Eins: Startaufstellung

 

Das Läuferpaar

 

»Warte hier, Honey, ich bin gleich zurück.« Der blonde Mann schwang sich elegant, so als hätte er es heimlich bereits 100-mal geübt, über den Bügel seines Porsche Targa auf den belebten Bürgersteig vor dem Nürnberger Hauptbahnhof. Die Sonne knallte ihm ins verschmitzte Gesicht und nachdem er sein Basecap sorgfältig gerichtet hatte, stürzte er sich ins Gedränge auf dem Platz. Allerdings nicht, ohne der Frau auf dem Beifahrersitz, noch ein Zwinkern über die Schulter zuzuwerfen.

»Fick dich, Locke«, rief sie ihm hinterher und nur um sicherzugehen, dass die Botschaft auch angekommen war, streckte sie ihm noch den Mittelfinger hinterher. Einige Passanten, die sich um das, quer über zwei Parkplätze stehende Fahrzeug, herum drängen mussten, warfen ihr finstere Blicke zu oder schüttelten verständnislos den Kopf. Die schwarzhaarige Frau war sich nicht zu hundert Prozent sicher, ob es an ihrem Mittelfinger, dem knallroten Porsche mit laufendem Motor, oder an einer Mischung aus allem zusammen lag. Sie lehnte sich über den Fahrersitz auf die linke Seite, drehte den Schlüssel um und versuchte so weit, wie nur irgendwie möglich, in ihrem Sitz zu verschwinden.

Felix Locke drängte sich durch die Ströme an Menschen, die entweder in die Nürnberger Innenstadt wollten oder auf dem Weg zu dem neubarocken Monument aus Stein – dem Bahnhof – waren. Er selbst schlängelte sich auf die andere Seite des Bahnhofsplatzes, zum Le Méridien Hotel, dem altehrwürdigen Grand Hotel aus dem neuzehnten Jahrhundert, das direkt gegenüber dem Hauptbahnhof, das Tor zur Innenstadt flankierte.

Er war ja eher der Jeans- und T-Shirt-Typ, aber heute hatte er sich ausnahmsweise einmal zurechtgemacht und ein knittriges Hemd zu einer ebenso knittrigen, grauen Stoffhose angezogen. Bügeln kam gar nicht in Frage, irgendwo musste man auch mal Grenzen setzen. Die roten Sneakers, die er dazu kombiniert hatte, waren abgerockt und löchrig, so wie es sich gehörte. Außerdem waren sie auch sein einziges Paar Schuhe, was seine modischen Kombinationsmöglichkeiten etwas einschränkte. Wenn es nach seiner Mutter ging, sollten diese Scheusalitäten aus der Hölle, wie sie sie nannte, dringendst mal ersetzt werden, aber er konnte sich einfach nicht davon trennen. Warum auch? Und warum dachte er eigentlich an seine Mutter bei der wichtigen Aufgabe, die ihm gleich bevorstand? Er fühlte sich jedenfalls todschick und bereit, einem anscheinend recht bekannten Lokalpolitiker namens Hermann Perek gegenüberzutreten.

 

Felix hatte noch nie zuvor von dem Mann gehört, aber als er gestern am Telefon gelangweilt »Aha, Perek also, ja wissen Sie wir, haben leider gerade viel zu tun und … «, in den Hörer gähnte und schon dabei war aufzulegen, bemerkte er wie sich seine Partnerin Viktoria bei Nennung des Namens fast an ihrem Kaffee verschluckte. Hustend und gestikulierend war sie zu ihm an den Tisch gestolpert, den heißen Kaffee über die Hände verteilt. »Wer ist da dran?«, zischte sie, ihre Stimme mit Mühe im Zaum haltend. Felix zuckte nur mit den Schultern. »Liest du keine Nachrichten? Hermann Perek ist vielleicht unser nächster Bürgermeister.« Sie sah förmlich, wie es in Felix’ Kopf ratterte, während sie ihn mit hochrotem Kopf anstarrte, die Hand zur Faust geballt.

»Verzeihung, tut mir leid, ich habe in den falschen Monat in meinem Kalender geschaut. Ja klar haben wir …. aha, ... aha. Ja natürlich, das geht, das können wir tun.«

»Um was geht’s?!« fuhr ihn Viktoria an. Felix wedelte abweisend mit dem Arm, so als würde er eine lästige Fliege vertreiben. Viktoria warf ihm einen bösen Blick zu.

»Tip top, bis morgen dann.« Er legte auf und grinste seiner Partnerin frech ins Gesicht.

»Tip top? Hast du den Arsch offen? Wer zur Hölle war da dran?«

»Das, meine liebe Vicky, war der Sekretär unseres allseits geschätzten Stadtrates Perik oder so, der uns morgen ins Méridien zum Mittagessen eingeladen hat.«

Felix wusste, dass es Viktoria zur Weißglut brachte, wenn er sie Vicky nannte, aber sie ließ sich nicht provozieren. Immerhin ging es um den ersten potenziellen Fall, den sie seit Wochen hatten.

»Erstens, der Mann heißt Perek, mit einem »e«. Zweitens, tu’ nicht so, als ob du ihn kennst, hättest ihn doch gerade fast abgewimmelt. Und drittens: Was wollte er?« Sie betonte jedes Wort sehr deutlich, ein Zeichen, dass der Spaß jetzt vorbei war. Felix nahm seine löchrigen, roten Sneaker vom Schreibtisch und richtete sich mühsam aus seiner halb liegenden Position auf.

»Herr Perek mit einem »e« möchte mit uns über einen Auftrag sprechen, der ihm persönlich sehr am Herzen liegt, Details gibt es dann morgen.«

»Sonst nichts?«

»Nope, aber du kennst das doch, Costello. Wenn ein Mann sagt, ihm liegt privat sehr viel daran, dann geht seine Frau fremd, während er seine wertvolle Zeit im Senat oder am Golfplatz verbringt.« Er nahm genüsslich einen Schluck aus seiner Dose Vanilla Coke. »Und wir zwei Hübschen sollen der Sache mal nachgehen und gucken, wer da alles noch so einlocht.« Er gluckste über sein eigenes Wortspiel.

»Du bist so ein Trottel, Locke.« Den ganzen restlichen Tag hatte Viktoria dann damit zugebracht Felix zumindest die Grundzüge der Nürnberger Stadtverwaltung näherzubringen, soweit sie das aus der Zeitung mitbekommen hatte. Alles überflüssige Zeitverschwendung, wenn man ihn fragte.

 

»Du bist so ein Trottel, Locke«, sagte Felix zu sich selbst, während er durch die Lobby des Hotels schlenderte und versuchte so zu tun als gehöre er wirklich hier her. Er hätte diesen Perek vielleicht doch wenigstens mal googeln sollen, um zu wissen, wie er aussah.

An der schicken Bar saß ein Herr mittleren Alters im grauen Zweireiher und schütterem Haar, der sah doch mal aus wie ein Bilderbuchpolitiker. Außerdem war sonst niemand in der Lobby. Selbstbewusst stellte sich Felix neben den Mann und räusperte sich. Als dieser irritiert von seiner Zeitung aufsah setzte Felix sein, wie er hoffte, charmantestes Perlweiß-Lächeln auf und war schon drauf und dran sich vorzustellen, als er an der Schulter berührt wurde.

»Herr Locke, es freut mich, dass Sie es einrichten konnten. Wie ich sehe, haben Sie noch einen Bekannten getroffen. Ich hoffe, ich störe nicht.«

»Ähhhhh« der Mann von der Bar blickte verunsichert zwischen dem Anfang 30er mit blondem Wuschelkopf und dem schlanken Herrn im perfekt sitzendem Nadelstreifenanzug hin und her.

»Nein, nein ganz und gar nicht, Herr Perek, wir waren gerade fertig.« Felix klopfte dem sitzenden Mann auf die Schulter »Bis später dann, ich melde mich.« Und damit nahm er Perek beim Arm und führte ihn einige Schritte von der Bar weg. »Ein wichtiger Klient, wissen Sie. Er möchte nicht erkannt werden. Das verstehen Sie sicher.« Der Mann in Nadelstreifen drehte sich noch einmal halb um, eine kleine Falte auf der Stirn, der andere Herr blickte dem Duo verständnislos hinterher.

»Ja, ich verstehe. Mein Name ist übrigens Richard Markenhof, mein Sekretär hat Sie gestern angerufen. Herr Perek wartet auf der Terrasse.«

Verdammter Idiot, die Stimme hättest du erkennen können. War ja klar, dass das nicht Perek selbst ist. Felix ärgerte sich so über sich selbst, dass er fast den letzten Satz von Markenhof verpasste.

»… äußerste Diskretion« verstand er gerade noch.

»Ich kann Ihnen versichern, dass unser Geschäft hauptsächlich aus Diskretion, Verschwiegenheit und vor allem Vertrauen besteht.« Es schien die richtige Antwort gewesen zu sein, Markenhof führte ihn nickend auf die Terrasse hinter dem Hotel in einen begrünten Innenhof, wo der Verkehrslärm des hektischen Platzes vor dem Nürnberger Hauptbahnhof nicht mehr so stark zu hören war. Die Terrasse mit den wenigen, großräumig angeordneten Tischen war beinahe leer, bis auf ein älteres Ehepaar, das sich in der Ecke unter einem blühenden Kirschbaum schweigend bei einem Kaffee gegenübersaß.

Nur noch ein weiterer Tisch war besetzt. An diesem saß ein Mann, auf den die Beschreibung feist so gut passte, als wäre sie für ihn erfunden worden. Der Koloss machte sich gerade über einen Teller her, auf dem etwas wabbeliges Weißes hin- und herwackelte, während seine Gabel immer wieder unbarmherzig darin eindrang. Als er Markenhof und Locke entdeckte, streckte er einladend die gewaltigen Arme aus, um die beiden herzubitten. Wer zur Hölle näht nur solche Anzüge?

»Herr Locke, bitte setzen Sie sich.« Seine kleinen Schweinsäuglein, die in der Masse aus Gesicht fast verschwanden, blitzen in Richtung Tür.

»Wo haben Sie denn Ihre reizende Kollegin gelassen?« Felix meinte etwas Enttäuschung in seiner Stimme zu vernehmen. »Die hätte ich mir gerne wirklich mal aus der Nähe angesehen.« Wie, um seine Worte zu unterstreichen, leckte er sich mit der Zunge über die bläulichen, feuchten Lippen, um ein Stück Sülze einzufangen, das sich versucht hatte, vor dem gähnenden Schlund in Sicherheit zu bringen. Felix musste unwillkürlich an Jabba the Hutt denken.

»Frau Costello lässt sich entschuldigen, sie hat einen Termin mit einem anderen wichtigen Klienten.« Er versuchte eine entschuldigende Miene aufzusetzen.

»Wie bitte? Wichtiger als ich? Na, ich hoffe es ist niemand von der Konkurrenz.« Er lachte.

Tatsächlich hatte es noch direkt nach dem Telefonat gestern eine endlos lange Diskussion gegeben, ob Viktoria mitkommen sollte oder nicht. Felix würde es niemals im Leben zugeben, aber er fühlte sich sicherer und selbstbewusster, wenn sie in seiner Nähe war und ihn unterstützte. Darum hatte er auch direkt verkündet, dass sie beide da morgen zusammen aufschlagen würden.

»Du wirst da aufschlagen«, korrigierte sie ihn. Viktoria hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt mitzukommen, von »unprofessionell« war die Rede, und, dass es nur einen Ansprechpartner pro Fall geben sollte, so wie immer. Felix kam das alles wie ziemlich dünne Ausreden vor, aber wenn sich Viktoria etwas in den Kopf gesetzt hatte, halfen auch Argumente wie »Teamwork«, »unsere Agentur« und »du kannst ruhig auch mal was machen«, nicht mehr. Letzteres bereute er noch während er es aussprach, denn jetzt war er schachmatt.

»Auch mal was machen?«, hatte sie gebrüllt. »Ich mache die verdammte Buchhaltung, kümmere mich um neue Kunden, mache die Drecksarbeit und höre mir das Geflenne von weinenden Hausfrauen an und außerdem putze ich die ganze Zeit deinem Scheiß hinterher. Du machst jetzt mal deinen verdammten Job und schwingst deinen faulen Arsch morgen ins Méridien und Felix: Verkack es bitte nicht.« Damit war die Diskussion beendet. Der Kompromiss, den er noch kleinlaut raushandeln konnte, war, dass sie zwar mitkam, aber im Auto wartete.

 

»Bitte, Herr Locke, bestellen Sie doch was zu essen. Verzeihen Sie mir, dass ich schon mal losgelegt habe, der Vormittag war so stressig und ich kam bereits um vor Hunger. Sie wissen ja, bei all den Aufgaben bleibt kaum Zeit sich um sich selbst zu kümmern, aber das bringt der gewissenhafte Dienst am Volk wohl so mit sich.«

Kaum zu glauben, wie jemand von solch gewaltigen Ausmaßen überhaupt Hunger bekommen konnte, wenn man ihn nicht zuvor mindestens drei Wochen auf Wasser und Zwieback rationiert hatte. Felix war wirklich nicht nach Essen zumute, er wollte eigentlich nur so schnell wie möglich wieder weg. Gott, diese feuchten Lippen und Kaugeräusche, die aus dem Schlund drangen, mit dem Perek die Sülze zu weißlichem Brei zerdrückte. Er bekam direkt Gänsehaut, zum Glück hatte er heute ein langes Hemd ange …

»Herr Locke, ist alles in Ordnung?«

»Was glotzen Sie so, Mann?«

Erst jetzt fiel Felix auf, dass er Perek wohl mit einiger Abscheu anstarrte. Dieser hatte aufgehört zu essen und auch Markenhof sah ihn finster an. Markenhof sah schrecklich aus, er hatte tiefschwarze Augenringe und wirkte, als hätte er nächtelang nicht geschlafen. Der Kellner wartete neben ihnen am Tisch und stierte ungeduldig in die Luft. »Ich nehme einen Kuchen bitte.«

»Welcher Kuchen darf es denn sein, wir hätten heute Apfel …«

»Ja, den nehme ich.«

Der Kellner notierte sich die Bestellung und zog sich schnell aus der unangenehmen Situation zurück.

»Stört Sie etwas, Herr Locke?«, bohrte Perek nach. »Ist es mein Übergewicht?« Jetzt ganz cool bleiben, Felix.

Er lehnte sich entspannt zurück und lächelte entwaffnend. Eigentlich das Lächeln, das er exklusiv für Frauen, die er nett fand, reserviert hatte. Jetzt musste es für diesen älteren Herrn herhalten. Verkack es nicht, schwirrte Viktorias Stimme in seinem Hinterkopf herum.

»Nein, nein, wissen Sie, es ist die Sülze.« Er zeige auf den fast leeren Teller.

»Mein Vater hat die früher immer tonnenweise gegessen, nachdem er von der Arbeit heimkam. Daran hat mich das gerade erinnert.« Sein Vater hatte im Leben noch keine Sülze angerührt, aber das musste jetzt einfach reichen, um das Thema abzuhaken.

»Ach ja, ihr Vater. Guter Mann. Wie viele Jahre ist es jetzt her, dass er in den Ruhestand gegangen ist? Drei? Vier? Er fehlt der Kriminalpolizei von Nürnberg wirklich. Solche Leute vom alten Schlag sind schwer zu ersetzen, nur noch Akademiker und Schreibtischcops, die mehr fordern, als dass sie liefern.« Er schnaubte verächtlich, so als wisse er, wovon er redete, was Felix allerdings stark bezweifelte. Vor allem, da er Perek selbst dem Schlag mehr fordern als liefern zuordnete. Der Kellner stellte Felix seinen Kuchen vor die Nase und zog sich sofort wieder von diesem merkwürdigen Trio zurück.

»Was sagt er eigentlich dazu, dass Sie die Polzeihochschule abgebrochen haben und ihrem …«, er machte eine lange Pause, als gäbe es keine rechte Beschreibung für das, was Felix beruflich machte, was ihn maßlos ärgerte. » … Ding, nachgehen?«.

Tja, was sagte er dazu? Felix Vater war sprichwörtlich die fünf Phasen der Trauer durchlaufen, von Leugnen, über Wut und Verhandeln, bis hin zu einigermaßen Akzeptanz. Wobei er es wohl niemals voll akzeptieren würde, dass sein Sohn, der Sohn eines bundesweit bekannten Polizisten, Privatdetektiv geworden war. In Deutschland Privatdetektiv, das musste man sich mal vorstellen. Zum Glück war seine Mutter gewesen, die zwar auch nicht glücklich war, aber immerhin hinter ihm stand. Da hatte Perek wirklich in ein gewaltiges Wespennest gestochen, in dem es immer noch nur so brummte.

»Er ist unheimlich stolz auf mich«, gab Felix zurück und aß ein Stück seines Apfelkuchens.

»Ah ja.« Perek schien nicht besonders beeindruckt. »Sagen Sie, ist Ihr Vater nicht eigentlich Vegetarier? Ich meine mich zu erinnern.«

»Herr Perek, warum haben Sie mich hergebeten? Ich nehme an, Ihre Zeit ist noch wesentlich kostbarer als meine.« Felix wollte endlich von diesem wunden Punkt, genannt »mein Vater«, wegkommen, um nicht völlig in einer emotionalen Treibsandkiste unterzugehen.

»Sie haben recht.« Perek wischte sich mit einer Serviette die Lippen ab, nur um sie sogleich mit der Zunge wieder zu befeuchten. Er nickte Markenhof zu. »Wir brauchen Ihre Hilfe Herr Locke, in einer Angelegenheit, die wie gesagt, sehr diskret zu behandeln ist. Sie und Ihre Partnerin genießen einen recht guten Ruf auf ihrem, ähm ganz speziellen Fachgebiet.«

Jetzt plötzlich. Gerade eben wusstet ihr Pappnasen noch nicht mal, was ich überhaupt tue.

»Und wie ich bereits sagte, Diskretion ist Teil unseres Geschäftsmodells. Wenn Ihre Frau einen Geliebten hat, Herr Perek, dann finden wir das heraus und handhaben die ganze Sache äußerst verschwiegen. Niemand außer Ihnen wird informiert.« Perek und Markenhof sahen sich an. »Ich bin nicht verheiratet, Herr Locke. Ich bin schwul und habe einen Lebensgefährten. Lesen Sie keine Zeitung?« Felix merkte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Er spürte förmlich die Schelle von Viktoria in seinem Genick.

»Na ja, vielleicht spricht es ja für Sie, dass Sie keine Boulevardzeitungen lesen. Jedenfalls, es geht um nichts dergleichen. Herr Markenhof, bitte.«

Markenhof griff in die Tasche neben seinem Stuhl und holte einen dünnen Stapel Papier hervor. Die unteren waren wohl Fotos.

»Zunächst muss ich Sie bitten diese Verschwiegenheitserklärung zu unterschreiben. Ich weiß, ihr Vertrag enthält eine ähnliche Klausel, aber wir müssen uns schon vor Zustandekommen des Vertrages absichern, im Falle, dass Sie ablehnen.« Markenhof schob das Papier rüber, zusammen mit einem Kugelschreiber. Die beiden sahen Felix erwartungsvoll an. Er überflog das Papier rasch … rechtliche Konsequenzen, … Haftstrafe, … mit vollem persönlichem Vermögen … blabla. Er unterschrieb einfach. No Risk no Fun.

»Gut, Herr Locke, sagt Ihnen der Name Johannes Greif etwas?« Felix tat so, als würde er ernsthaft nachdenken, Viktoria hatte den Namen eventuell erwähnt, aber ganz sicher war er sich nicht. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr Perek fort: »Johannes Greif ist langjähriges Mitglied im Nürnberger Stadtrat und somit quasi ein Kollege von mir und ein langjähriger Wegbegleiter. Er gehört nicht zu unserer Partei, um genau zu sein, ist er parteilos angetreten und hat es auf eigene Faust in den Stadtrat geschafft. Dies hat er zweifelsohne seinem sozialen Engagement in der Südstadt zu verdanken. Ich nehme an, Sie sind mit der, äh, nennen wir es Problematik vertraut?«

»Ja etwas«, bluffte Felix. Wenn man es mit einem Wort zusammenfassen und gemein sein wollte, konnte man die Nürnberger Südstadt als Ghetto bezeichnen. Alle Bezirke von Galgenhof bis Gleißhammer, die südlich des Hauptbahnhofs lagen, gehörten zur Südstadt. Die Geschichte war klassisch für einen deutschen Industriestandort. Die Nazis bauten dort Panzer, Motoren und sonstige schwere Kriegsgerätschaften, was den Alliierten verständlicherweise ein Dorn im Auge war. Die Royal Air Force machte mit ihren Flächenbombardements letztendlich das gesamte Gelände dem Erdboden gleich. In der Nachkriegszeit kam dann der Boom der Industrie, viele Gastarbeiter zog es in die Südstadt. Eintönige Wohnbaracken so weit das Auge reichte, wurden zwischen grauen Maschinenhallen hochgezogen. Bis dahin lief alles gut. Die Südstadt blühte auf und gedeihte. Und dann kam der Knall. Stahl und Eisen waren plötzlich uninteressant, Elektronik war der neue Player. Mit dem Niedergang der Schwerindustrie ging der komplette Bezirk den Bach runter, man hatte die Kurve nicht gekriegt. Seitdem herrschten prekäre Lebensverhältnisse, Armut, Drogen und Ghettoisierung. Wer konnte, zog von dort weg. Das war die Südstadt für Felix, ein Ort, den er nur betrat, wenn er es unbedingt musste.

Er selbst wohnte in Gostenhof, dem angesagten Szene-Viertel, das fast dasselbe Schicksal wie die Südstadt ereilt hätte, aber die Verantwortlichen waren schlau und setzen anstatt auf Stahl, lieber auf Party, Bars und hippe Cafés. Gentrifizierung at its best, die Mieten explodierten und Felix konnte es sich geradeso leisten dort in einem schicken Penthouse, wie er es nannte, zu wohnen. Natürlich nur dank einer großzügigen Spende seitens seiner Eltern.

»Gut, dann wissen Sie bestimmt, dass Herr Greif sein ganzes Herzblut und Engagement in die Sanierung dieses Stadtteils steckt und persönlich sehr involviert ist. Er hat auf privater Basis einen Verein gegründet, den Aufräumen e.V., ein herrlich pragmatischer Name wie ich finde, der mit ehrenamtlichen Helfern versucht die südlichen Viertel sicherer und sauberer zu machen. Stadtfeste, Nachbarschaftswachen, Restauration von Parks und öffentlichen Gebäuden, solche Dinge eben. Das Viertel wieder lebenswert machen.« Felix wartete noch auf die Pointe.

»Greif ist sogar ein heißer Kandidat auf das Amt des Oberbürgermeisters, nachdem Beck nächstes Jahr endlich nicht mehr neu kandidieren wird.«

»Da haben Sie beide ja noch eine Gemeinsamkeit«, bemerkte Felix.

»Gut beobachtet, Herr Locke«, er lächelte verschmitzt, »doch es geht mir um etwas ganz anderes.«

»Mir, meinen Parteikollegen der Christlichen Partei, wie Herrn Markenhof hier, und auch jedem anderem im Stadtrat liegt mindestens ebenso viel am Wiederaufbau und der Integration der Südstadt wie Johannes Greif selbst. Aber ich muss neidlos anerkennen, dass ohne ihn und seinen Verein, der einen Großteil der sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen stemmt, das Projekt um Jahre zurückgeworfen würde. Darum sollte es im ureigenen Interesse eines jeden liegen, dem Nürnberg etwas bedeutet, zu verhindern, dass Greifs Projekt scheitert.«

»Worauf möchten sie hinaus, Herr Perek? Wird Johannes Greif erpresst?«

Felix fragte direkt heraus, was sonst könnte den Verein und seinen Schirmherren bedrohen?

»Nein, zumindest noch nicht. Zeigen Sie es ihm bitte, Herr Markenhof.«

Der Politiker legte das erste Bild auf den Tisch und schob es zu Felix. Er wirkte sehr angespannt, seine Haut war teigig. Felix fragte sich, ob das mit diesem Fall zusammenhing, oder, ob der Gute einfach Stress nicht gut abhaben konnte. Auf dem Foto war ein Mann zu sehen, vermutlich Johannes Greif, wie Felix mutmaßte – auch ihn hatte er ärgerlicherweise nicht gegoogelt – Arm in Arm mit einer Frau, deren Klamotten ziemlich eindeutig auf ihre Profession schließen ließen: Prostituierte. Der Mann war groß, schmal, aber doch irgendwie kräftigt, mit grau-weißem, langem Haar. Ja, Felix hatte ihn vielleicht doch das eine oder andere Mal bereits im Fernsehen gesehen.

»Ich nehme an, das ist nicht seine Frau?«

»Sehr scharfsinnig, Herr Locke. Nein ganz und gar nicht.«

»Na gut, das Bild ist draußen am helllichten Tag aufgenommen, das könnte alles Mögliche bedeuten. Und selbst wenn, Greif wäre nicht der erste Politiker, der mit einer Prostituierten erwischt wird, ich glaube kaum, dass dies das gesamte Projekt gefährden könnte, von dem Sie sprachen.«

»Es geht noch weiter.« Markenhof schob das zweite Bild zu Felix.

Dieses war schon schlechter, in einem eher schummrigen Raum mit schlechter Beleuchtung. Wieder ein Mann, der gleiche wie auf dem ersten Bild, auf einer Couch sitzend, mit einer leicht bekleideten, blonden Frau. »Was soll das, Leute?«, fragte Felix.

Als Antwort gab ihm Markenhof das dritte und letzte Bild. Ähnliches Setup, wieder der Mann und eine Frau auf einem Bett. Es gab allerdings einen kapitalen Unterschied, der Felix auch bei schlechter Bildqualität sofort ins Auge sprang und ihn schlucken ließ.

»Ach du Scheiße.«

Die Frau war keine Frau, sondern ein Mädchen, ein Kind, höchstens 10 Jahre alt. Nur mit einem Tanga bekleidet. Felix kam der Apfelkuchen hoch.

»Was soll das, Leute?«, wiederholte er leise. »Das ist ein Fall für die echten Bullen.«

»Hören Sie, Locke, wie ich bereits eingangs versuchte klarzumachen, handelt es sich um ein Thema höchster Brisanz. Wie Sie selbst sagten, diese Fotos beweisen gar nichts. Und darum sind wir auch hier.«

»Wenn der Typ kleine Kinder fickt, dann haben wir keine Zeit zu … «

Perek knallte die schwere Faust auf den Tisch, dass die Teller klapperten. Das Ehepaar im Eck blickte ärgerlich in ihre Richtung.

»Reißen Sie sich zusammen, Locke! Ich habe hier ihre schriftliche Erklärung, dass sie die Klappe halten, so lange bis Klarheit in der Sache herrscht. Glauben Sie mir, wenn am Ende herauskommt, dass das alles bloß ein böser Scherz ist, wie ich glaube, dann mache ich Sie fertig bis von Ihrer Kanzlei und Existenz nichts mehr übrig ist außer Klagen und Schulden.« Er beruhigte sich etwas und senkte die Stimme weiter.

»Hören Sie, ich glaube nicht, dass an der Sache was dran ist. Ich kenne Johannes Greif schon sehr lange und er … ich kann mir so was einfach nicht vorstellen. Aber wir brauchen Klarheit. Klarheit und Fakten. Es steht viel mehr auf dem Spiel als Greifs guter Ruf, das ganze Projekt Südstadt könnte kippen, wenn der gemeinnützige Verein mit hineingezogen wird und die Entwicklung des Bezirks um Jahre zurückwerfen, was sich wiederum auf die Gesamt-Attraktivität Nürnbergs auswirken kann. Und hier kommen Sie ins Spiel. Finden Sie heraus was hier los ist. Wenn Johannes unschuldig ist, umso besser. Dann können wir die Sache handhaben und ihn gegebenenfalls auch öffentlich entlasten, im Falle, dass sich ein Erpresser meldet. Falls was dran ist, leiten wir die nötigen Schritte ein, darauf haben Sie mein Wort.«

»Woher haben Sie die Bilder?«

Markenhof schaltete sich ein. »Die waren gestern Morgen in der Amtspost, der Stadtverwaltung. Ich war der erste im Büro, darum sind sie mir in die Hände gefallen, ich bin damit direkt zu Herrn Perek.«

»Irgendein Begleitschreiben oder ähnliches?«

»Nichts, auch kein Absender.«

»Aber warum schickt ein Erpresser die Bilder nicht direkt an Johannes Greif, sieht eher so aus als würde jemand wollen, dass es öffentlich wird. Vielleicht jemand der sich nicht traut selbst zu den Cops zu gehen und Anzeige zu erstatten…« Felix dachte laut vor sich hin.

»Genau das sollen Sie herausfinden, lieber Herr Locke«, sagte Perek kühl.

Felix seufzte resigniert »Also, jetzt mal ernsthaft, warum ich?«

»Nun,« Markenhof räusperte sich, »wie gesagt ihre ‚Kanzlei’«, Felix konnte förmlich hören, wie er das Wort in verbale Anführungszeichen setzte, »genießt einen gewissen Ruf in derlei Fällen. Im Endeffekt entspricht es doch genau ihrem Metier. Ein Mann mittleren Alters, verheiratet mit einer wundervollen Frau und fest im Leben, versteckt seine dunkle Seite. Ein Doppelleben, wenn Sie so wollen.« Felix sah Markenhof fragend an, dann plötzlich kam es ihm.

»Ich wusste es doch, bei Markenhof hat was bei mir geklingelt. Ist ihre Frau nicht letztes Jahr etwas aus der Reihe getanzt? Ja stimmt, das war doch die, die mit dem gesamten Tennisclub-Personal gev …«

»Es reicht, Locke! Was glauben Sie eigentlich, wen Sie hier vor sich haben? Verscherzen Sie es sich nicht mit uns.« Perek hatte wieder drohend die Stimme erhoben, Markenhof hatte einen hochroten Kopf.

»Verschwinden Sie jetzt, bis Ende der Woche wollen wir Ergebnisse. So erreichen Sie uns.« Er gab Felix ein Post-It mit einer Mobil-Nummer darauf. »Und hier Ihr Vorschuss.« Ein kleiner brauner Umschlag wechselte den Besitzer. Felix wollte Cash und Bilder einstecken und aufstehen, doch Markenhof schlug seine Hand auf die Papiere. »Die bleiben hier.«

»Die nehme ich mit. Wie stellen Sie sich vor, dass ich ermitteln soll?«

Keine Reaktion.

»Wollen Sie meine Hilfe oder nicht?«

Nach kurzer Überlegung nickte Perek. »Lassen Sie ihn.«

Markenhof nahm seine Hand von den Fotos. »Vergessen Sie nicht Felix, äußerste Diskretion.«

»Diskretion ist mein zweiter Vorname.« Er steckte die Bilder ein und schenkte den beiden zum Abschied ein kurzes Nicken. »Danke für den Kuchen.«

Nichts wie weg hier.

 

Viktoria platzte fast vor Neugier.

»Was hat denn da so lange gedauert?«

Mit einem ebenso eleganten Hopser, wie er den Wagen verlassen hatte, beförderte sich Felix zurück auf den Fahrersitz. Ein roter Zettel flatterte unter dem Scheibenwischer. »Ein Strafzettel? Warum hast du denn nichts gesagt oder bist weggefahren?«, ignorierte er ihre Frage.

»Bin ich deine Sekretärin? Wer parkt wie ein Arschloch, kriegt nun mal Strafzettel.« Tatsächlich war Viktoria ausgestiegen, zum nächstbesten Beamten vom Ordnungsamt gegangen, dessen Spezies in Nürnberg extrem häufig anzutreffen war, und hatte sich über einen rücksichtslos parkenden Porsche beschwert. Der Beamte hatte nur den Kopf geschüttelt, beim Anblick des über zwei Parkplätze stehenden Gefährts. »Diese Bonzen glauben, sie können sich alles erlauben. Nicht mit mir.« Damit klebte er Felix den Bußgeldbescheid an die Scheibe. Viktoria hatte noch gewartet, bis er außer Sichtweite war, bevor sie sich wieder auf den Beifahrersitz setzte. Danach war es ihr besser gegangen.

»Wie auch immer, das bezahlt sowieso die Firma«, sagte Felix und drehte den Schlüssel im Zündschloss. Der Boxermotor erwachte röhrend zum Leben und Felix beschleunigte die beiden auf den Frauentorgraben in Richtung Plärrer, der schrecklichsten Kreuzung in Nürnberg, vielleicht sogar der ganzen Welt. Sechs Spuren, mehrere Zu- und Abfahrten in der Kurve, Rush Hour. Augen zu und durch, war die Devise. Nicht umsonst gab es das geflügelte Wort »Hier geht’s ja zu wie am Plärrer«, das der gemeine Nürnberger für jede Situation nutzte, bei der mehr als drei Leute aufeinandertrafen. Im Stop-and-go-Verkehr bewegten sie sich entlang der historischen, rotbraunen Sandstein-Stadtmauer der mittelalterlichen Verteidigungsanlagen. In der Ferne sahen sie schon den gewaltigen Turm des Splittertors, dem Südwestlichen Tor in die Innenstadt von Nürnberg.

Frauentorgraben. Der Name der Straße war Programm. Direkt hinter der Stadtmauer befand sich Nürnbergs offizieller Rotlichtbezirk. Eine einzige Konzentration von Nacktbars, Stripclubs und Bordellen. Hauptsächlich harmlose Läden für besoffene Junggesellenabschiede und die Diskoheimgänger, die nicht zum Schuss gekommen waren, und denen man das letzte Geld aus der Tasche ziehen konnte. Die richtig schlimmen Läden und der Straßenstrich mit den Minderjährigen und Flüchtlingen, die zur Prostitution gezwungen wurden, hatten sich in den Süden verlagert.

Der Name der Straße rief Felix ihren Auftrag in Erinnerung, Viktoria hatte überraschend geduldig gewartet, obwohl sie innerlich fast platzte. »Kurz zusammengefasst: Perek hat Hinweise darauf erhalten, dass Johannes Greif, dieser Stadtrat, von dem du mir erzählt hast, sich an Minderjährigen vergreift und möchte, dass wir das entweder beweisen oder widerlegen.« Er gab ihr die Bilder.

»Großer Gott.« Viktoria schossen Tränen in die Augen, die sie versuchte unter ihrer riesigen Sonnenbrille wegzuwischen.

»Felix, das …« ihr fehlten die Worte. Sie schüttelte nur den Kopf.

»Ich weiß, ich weiß, das ist zu groß für uns. Aber wir kriegen das hin. Außerdem gibt’s einen Haufen Kohle.« Er versuchte zuversichtlich zu wirken und warf ihr das Päckchen mit dem Vorschuss auf den Schoß. Sie sah es nicht mal an. Während der Fahrt weihte er sie in die weiteren, mageren Details ein, die er von Perek und Markenhof bekommen hatte. Viel war es nicht, aber ein Anfang.

»Traust du ihm?«, brachte Viktoria hervor.

»Wem? Perek? Nicht weiter als ich ein Blatt Papier werfen kann. Außerdem hat er ein ganz gutes Motiv, Johannes Greif gegen den Karren fahren zu wollen.«

»Du meinst den Bürgermeister-Posten?«

»Klar, ein Konkurrent weniger.«

Sie war nicht überzeugt. »Das wäre ja ziemlich dämlich von ihm. Scheiße Felix, das ist ein Wespennest, wir müssen hier vorsichtig sein, wem wir ans Bein pissen.«

»Ach ja, habe ich das noch nicht erwähnt, wenn wir die Sache verkacken, dann sind wir erledigt. Perek verklagt noch unsere Kindeskinder auf Schadensersatz. Stell dir vor, dann müssen wir uns richtige Jobs suchen.« Viktoria zwang sich zu einem Lächeln.

»Na, so siehst du doch gleich viel hübscher aus. Warum hast du eigentlich schon den ganzen Tag diese blöde Sonnenbrille auf.« Er versuchte ihr das schwarze Monstrum vom Gesicht zu ziehen.

»Felix, lass das«, zischte Viktoria und drehte dabei den Kopf so ruckartig zur Seite, dass ihr die Brille erst recht von der zarten Nase rutschte. Dort wo normalerweise ihr tiefbraunes rechtes Auge war, das Auge, in dem Felix sich stundenlang verlieren konnte, welches immer direkt in seine Seele zu blicken schien, blitzte ein lila-gelb-blauer Fleck zwischen Nase und Wange. Mit etwas Fantasie konnte man den Abdruck eines Ringes erahnen. Eines Eheringes, wie Felix wusste. »Paul?«, fragte er ernst.

»Lass gut sein, Fex.« Viktoria drehte sich weg, ihre Stimme zitterte.

Felix drehte innerlich fast durch, diesmal würde er das Schwein eigenhändig umbringen. Seine Finger krallten sich in das Lenkrad. Er presste die Augen fest zusammen. Durchatmen. Das Thema war gelinde gesagt schwierig. Je mehr er sagte und sich aufregte, das wusste er aus langer Erfahrung, desto mehr würde Viktoria dichtmachen. Und Streit konnten sie gerade nicht gebrauchen. Auch wenn sich jedes Molekül seines Körpers dagegen sträubte, er versuchte ruhig zu bleiben.

»Lass erstmal ins Büro fahren und überlegen was wir jetzt tun.« Sie nickte.

»Beweg dich, du Arschloch!« Felix prügelte auf die Hupe ein, da der Fahrer vor ihm nicht direkt bei gelb losgefahren war.

Der Bauer

 

Yunis wachte mit einem schrecklichen Brummschädel auf. Sein Mund war trocken und er hatte den Geschmack von fauligem Fleisch auf der Zunge. Etwas Galle kroch ihm die Kehle hoch.

Was zur Hölle war denn gestern noch passiert? Ganz langsam jetzt. Er atmete tief durch die Nase ein, ein sanfter Hauch von blauer Gauloises hing in der Luft. Die Alte war wohl schon wach und dampfte eine zum Frühstück.

Seine Schläfen hämmerten hinter seinen Augen. Mit jedem Schlag drang ein Bild von gestern mit Gewalt in sein Bewusstsein zurück. Er war bei Andi, um ein bisschen rumzuhängen und zu kiffen. Sie hatten einen nach dem anderen durchgezogen, über Frauen geredet und nebenher irgendwelche Videos auf Youtube laufen lassen, das Übliche eben. Sergio hatte später noch dazukommen und seine neue Bong mitbringen wollen. Ja genau, Sergio. Yunis verzog angewidert den Mund bei dem Gedanken. Nicht wegen Sergio, der war sein zweitbester Freund, direkt nach Andi. Aber oh Mann, der hatte noch seinen Hurensohn von Kumpel Georgie mitgeschleppt. Yunis hasste Georgie von ganzem Herzen. Der Typ war ihm durch und durch suspekt, immer zugedröhnt und immer etwas zu aggressiv und extrovertiert aufgelegt. Er hatte auch die, für Yunis extrem unangenehme Eigenschaft, einem immer zu dicht auf die Pelle zu rücken. Als wäre seine Superkraft, dass er ganz genau spüren konnte, wo die intime Distanzzone eines Menschen anfing, nur um diese zielsicher um mindestens einen Zentimeter zu überschreiten. So war aus dem gemütlichen Abend mit Kumpels, wieder so eine anstrengende One-Man-Show geworden, bei der es natürlich hauptsächlich um Georgie ging. Er hatte keine Ahnung, wie er es schaffte, aber Yunis fühlte sich stets unwohl in Georgies Anwesenheit, aber Andi und Sergio fanden ihn offensichtlich cool, also wollte er kein Spielverderber sein. Georgie war direkt mit den Worten:

»Zieht’s euch rein, Leute, Gras beschichtet mit astreinem Crack. 1A Quali«, in Andis Zimmer geplatzt. Von da an war klar, worum es die ganze Zeit gehen würde. Yunis stellte sich auf einen langen, anstrengenden Abend ein.

»Alter, krass.« Sergio war sofort begeistert.

»Ich dachte, wir wollten nur eine Runde entspannen und bisschen zocken.« Yunis passte es gar nicht, dass Georgie, oder Georgios, wie er eigentlich hieß den Abend mit seinen Freunden sprengte.

»Komm schon, Yuni, das ist der Hammer, das hat mir einer verkauft, der war letztes Jahr auf Tomorrowland. Der schwört da drauf. Der Beutel hier ist fast ‘nen Tausender wert, freu dich doch, dass du auch mal was Gutes bekommst.«

Yunis hatte den Seitenhieb verstanden, und sah unauffällig, aber mit rotem Kopf, auf seine zerschlissenen Klamotten.

»Ja, komm schon, Alter.« Andi legte den Controller weg und setzte sich zu Sergio und Georgio an den kleinen Couchtisch in Andis Kinderzimmer. Yunis kam widerwillig dazu, Sergio hatte schon die Bong ausgepackt und mit Wasser befüllt.

»Ich schwör euch, Männer, ich war gestern auf einer Party, da war Eine da, die wollte mir, und ich sag euch ich war noch nicht mal richtig durch die Tür, direkt einen blasen. Die war so durch. Ich meine, keine Nutte oder so, die hatte einfach Bock.«

»Alter wie hart«, stimmten Andi und Sergio sofort lachend ein. »Warum nimmst du uns nie mit?«

»Ja, krass«, beteiligte sich Yunis. Georgie war anscheinend nur auf solchen Partys, auf denen irgendwas total Abgefahrenes passierte.

»Wann hat dir eigentlich das letzte Mal jemand einen gelutscht, Yuni? Wirkst immer so unentspannt.« Die anderen lachten. Yunis lachte einfach mit und wurde direkt wieder rot, ihm war keine schlagfertige Antwort eingefallen. Und schon war der Abend wieder maximal unangenehm geworden. Wie lange hatte es gedauert, eineinhalb Minuten? Das musste ein neuer Rekord sein.

»Also wann?« Georgie ließ nicht locker, der wollte tatsächlich eine Antwort haben. Yunis Kopf schien vor Überdruck zu platzen.

»Kein Plan, vor zwei Wochen oder so«, sagte er, nur um irgendwas gesagt zu haben. »Ahhhh-ja«. Andi und Sergio sahen sich vielsagend an. Georgie hatte wohl vergessen, dass er Yunis ärgern wollte und inzwischen einen Ballen von seinem Supergras in die Bong gestopft.

»Na Yuni, willst du anfangen?« Er schlang dem Jugendlichen, wieder eine Nummer zu vertraut, den Arm um die Schulter. Yunis versuchte sich so gut es ging zu entwinden.

»Klar Mann, gib her.«

Er nahm den Glaskolben, hielt professionell das Kickloch zu und das Feuerzeug an das Gras. Die Bong blubberte satt und füllte sich mit dem weißen Rauch. Alle drei sahen gebannt zu, wie die Rauchsäule in dem Gefäß immer höher kletterte.

»He, he, ganz schön gierig der Kleine, lässt du noch was übrig?« Yunis zog den Daumen von dem kleinen Loch, das verhinderte, dass der Druck im Inneren ausgeglichen werden konnte, und der Rauch schoss ihm auf einmal in die Lunge, so wie zuvor schon viele Male. Nur diesmal hatte Georgie leider recht, Yunis hatte zu viel gezogen. Seine Lunge, an der Grenze ihrer Kapazität angekommen, krampfte sich zusammen und er musste heftig husten. Das meiste vom Rauch stand immer noch in der Glasröhre und quoll jetzt langsam und ungenutzt in den schummrigen Raum.

»Alter, du Spasti. Halt’s zu, halt’s zu, Mann!« Georgie war aufgesprungen.

»Es geht doch alles raus!«

Yunis hatte gemerkt, wie er direkt wieder rot wurde und gab schnell die Bong weiter, während er versuchte den beißenden Hustenreiz irgendwie zu unterdrücken, um die Situation nicht noch schlimmer zu machen. Andi machte sich daran noch schnell den restlichen Rauch aufzusaugen.

»Das Zeug ist teuer, Mann. Immer das gleiche mit den Kiddies«. Er zog einige Dosen Bier aus seinem Rucksack und verteilte sie.

Die Bong drehte noch zwei Runden, Georgio erzählte von seinem tollen Job in einem CBD Laden und wie ihm CBD im Alltag half fit zu bleiben und so weiter. Yunis hatte keine Ahnung, was CBD eigentlich war, und da Georgie so selbstverständlich davon sprach, als wäre es allgemeinstes Allgemeinwissen, fragte er auch nicht nach. Andi und Sergio hingen ihm an den Lippen, aber Yunis hatte sich zurückgehalten und war seinen Gedanken nachgehangen, in denen Georgie definitiv nicht vorkam. Nach der zweiten Runde und dem dritten Bier waren bei ihm ohnehin langsam die Lichter ausgegangen.

So viel zu 1A Quali. Yunis spuckte die bittere Galle auf den Boden neben seinem Bett und schlug langsam die Augen auf. Die Sonne blendete bereits durch das verschmierte Fenster herein. Er lag in Boxershorts bekleidet auf seinem Bett, die Klamotten wild verteilt auf dem blauen Teppichboden seines kleinen Zimmers. Es war unerträglich warm, er hatte unerträglichen Durst und es gab keine Flasche Wasser weit und breit, nur den letzten Rest einer abgestandenen Cola, für die das Wort Kohlensäure eine ferne Erinnerung aus längst vergangenen Tagen war. Hilft ja nichts. Er zog sich die Jeans von gestern an, verließ sein Zimmer und ging nach nebenan ins Bad, um sich unter den Wasserhahn zu hängen. Aus dem Flur driftete schon der vertraute Geruch von blauer Gauloises herein, der aus der Küche seinen Weg durch die ganze Wohnung suchte. Nicht dass Yunis blaue oder rote Gauloises, geschweige denn Lucky Strike am Geruch erkennen könnte, aber es war die Marke seiner Mutter. Und seit jeher gab es nun mal eine blaue Gauloises zum Frühstück, noch vor dem ersten Kaffee. Dieses Ritual gehörte so fest zu seinen Kindheitserinnerungen, wie es für andere Kinder Weihnachten oder vielleicht ihre Geburtstage tun mussten. Yunis kam bei dem Geruch direkt wieder die Galle hoch. Er spuckte in die pinke Keramik und spülte sich nochmal den Mund aus. Das würde ein wirklich furchtbarer Tag werden. Es war die Art von Kater, die den ganzen Tag wie ein Schatten über einem hing und die volle Konzentration und aktives Atmen erforderte, um nicht einfach loszukotzen.

Zurück in seinem Zimmer wurde ihm erst richtig klar, wie stickig es hier war. Er riss das Fenster auf und ließ einen Schwall warmer, aber dafür frischer Luft rein. Sofort erfüllte der Verkehrslärm der großen Straße unten sein Refugium. Obwohl Sommer war und der Asphalt in Nürnberg glühte, hasste er es bei offenem Fenster zu schlafen. Der Lärm der Autos, der Lärm der Leute, der Lärm der Tiere und irgendwie hatte er immer das Gefühl es zieht und er würde sofort krank werden. Darum Fenster zu, 30 Grad hin oder her. Yunis pickte irgendein altes T-Shirt vom Boden auf, kurzer Geruchstest unter der Achsel. Geht schon noch – und ab in die Küche.

Der Raum hatte nur ein kleines kippbares Fenster und so schlug ihm erstmal eine Wand aus Dunst entgegen. »Auch schon wach«, begrüßte ihn seine Mutter. Er war sich nicht sicher, ob es nur eine Feststellung oder eine Frage sein sollte, die einer Antwort bedurfte, darum nuschelte er etwas, das eventuell ein ja sein konnte vor sich hin und machte sich daran ein Toastbrot aus der Tüte zu fischen.

»Ich hab‘ dich was gefragt, weißt du, wie spät es ist? Heute ist Schule.« Sie hatte von ihrer Tabakdose aufgesehen, aus der sie unermüdlich neue Gauloises produzierte. Das fettige Haar klebte ihr nass im Gesicht und der Kiefer, der unter den eingefallenen Wangen arbeitete, verhieß nichts Gutes. Warum musste sie ihm nur immer so früh morgens schon auf den Sack gehen? Dieses ewige Gemecker, immer wieder und immer das Gleiche. »Andi wollte mich abholen.« Er bekam direkt einen Kloß im Hals, weil er sofort das Gefühl hatte sich rechtfertigen zu müssen. »Ich warte auf ihn«, brachte Yunis noch raus. »Der Typ ist genauso unzuverlässig wie du. Jetzt pack deine Sachen und sieh zu, dass du Land gewinnst! Oder willst du auch so ein Versager werden wie deine Freunde?« Ihre fahrigen Finger ließen den Tabak aus dem Paper direkt auf den Tisch rieseln. Die Zigarette in ihrem Mundwinkel dagegen, war schon beinahe abgebrannt.

»Ich wollte noch ein Toast essen...«

»Das hättest du essen können, bevor es zu spät zum Losgehen war.«

»Aber…«

»Nichts aber! Hättest genug Zeit gehebt«, ihre Stimme wurde schrill. Die blöde Kuh machte auch immer Sprachfehler, wenn sie sich aufregte. Gehebt, wie dämlich. Yunis grinste in sich hinein und machte sich wieder an seinen Toast.

»Was grinst du denn so frech? Glaubst du das ist Spaß alles?«. Sie warf ihre Zigarette auf die grüne Linoleum-Tischdecke und sprang auf.

»Du hast gehebt ge…« Die ausgemergelte Frau, die einen halben Kopf größer als Yunis war, schlug ihm das Brot aus der Hand. Die Marmelade klatschte satt auf den Fliesen auf.

»Wisch das auf!«

Geschockt von dieser Heftigkeit, bückte sich Yunis und sammelte den Toast auf.

Wisch deinen Scheiß doch selber auf. Seine Augen wurden feucht. aber er riss sich zusammen.

»Du faules Schwein. Wenn dich dein Vater sehen könnte. Was hat er nur getan, um das zu verdienen? Womit hab‘ ich das verdient?!«. Sie setzte sich wieder an den Tisch nahm die Zigarette, die mittlerweile ein Loch in die Tischdecke gebrannt hatte und weinte. Yunis kamen jetzt ebenfalls die Tränen, er wischte die Marmelade auf und schnappte sich so unauffällig wie er konnte seinen Rucksack. Die Erwähnung seines Vaters war immer die Pik-Ass Karte seiner Mutter, die sie nur zu gerne zog. Aber sie hatte recht. Was hatte er nur getan, um das zu verdienen?

 

Yunis packte noch heimlich ein neues Stück Toast in den Rucksack, zwinkerte eine Träne weg und verließ die kleine Wohnung, die er sein Zuhause nennen musste. Ihn empfing das intensiv nach Linoleum riechende Treppenhaus, des vierstöckigen Wohngebäudes. Wenn er darüber nachdachte, war der bestimmende Werkstoff seines Lebens Linoleum. Das Haus, die Böden in seiner Wohnung, die Tischdecken. Einfach alles war aus diesem Stoff. Man, der Typ, der das erfunden hatte, musste stinkreich sein.

Klebrig war das Wort, das den Zustand des Hauses am besten zusammenfasste. Der Boden klebte und gab ein schmatzendes Geräusch bei jedem Schritt von sich. Das Geländer klebte und hinterließ ein schmieriges Gefühl auf der Hand von Jedem, der so unbedarft war es zu benutzen oder gar darauf angewiesen war. Die arme Frau Messner aus dem dritten Stock. Sogar die Wände klebten vom jahrelangen Rauchen im Flur. Wenn es draußen zu kalt war, trafen sich die Raucher gerne im Treppenhaus, hielten dort ihre Zigarettenpause ab und stellten ganz pragmatisch Campingstühle auf. Get together im Ghetto. An der Eingangstür atmete er tief durch, versuchte die dämliche Alte und den dämlichen Georgie zu vergessen und kickte mit dem Fuß die Tür auf. Die Klinke wollte er auf keinen Fall anfassen.

Draußen empfing ihn der Verkehrslärm der großen Kreuzung Frankenstraße und Gugelstraße, zwei vierspurige Straßen, die hier in spitzem Winkel aufeinandertrafen. Genau in diesem Winkel zwischen den beiden Adern lag Yunis Haus. Die Frankenstraße lief einmal quer durch Nürnberg und trennte die Wohngebäude der Südstadt von den alten Industrieanlagen noch weiter im Süden. Die Gugelstraße lief nordwestlich hinauf, am Siemens-Gelände vorbei, wo schon Yunis Vater gearbeitet hat, bis hin zu den Gleisen. Die Gleise bildeten die Grenze zu den nördlichen Stadtteilen. Zu denen, die es geschafft hatten. Direkt nördlich der Trasse, die Nürnberg ebenso wie die Frankenstraße hier im Süden, in westöstlicher Richtung durchschnitt, lag Gostenhof. Da wo die coolen Leute wohnten, die in coole Bars gingen und über cooles Zeug redeten, von dem die Jungs hier unten noch nie gehört hatten. Eingesperrt von diesen beiden Barrieren lag Yunis Welt. Alles, was er kannte. Und auch alles, was er brauchte.

Er ging ein Stück in Ostrichtung, vorbei an seinem Fitnessstudio und schwenkte einen Block später Richtung Norden ein. Der Weg zur Schule führte vorbei am Basketballplatz und ungefähr einem Dutzend Dönerläden. Am dritten von ihnen hielt Yunis kurz an. Wenn man wo hingeht, dann zur »Cantine«. Der Name klang nicht besonders Türkisch, auch nicht besonders nach Döner, aber tatsächlich gab’s hier den Besten der Stadt. Zumindest wenn es nach Yunis und Andi ging. Sergio behauptete immer steif und fest, dass es bei Mavi den besten Döner gab. Aber nur bei dem an der alten SS-Kaserne, auf keinen Fall bei dem Mavi am Bahnhof. Das war nämlich die Filiale, die von Original-Mavis Cousin geleitet wurde und der hatte es einfach nicht drauf.

Yunis zog sich einen Energy-Drink aus dem Automaten, der würde vielleicht die Kopfschmerzen vertreiben. Oder noch schlimmer machen. Eine fifty-fifty Chance war heute gut genug. Die Julisonne knallte Yunis auf den schwarzen Schopf, und der glühende Asphalt garte ihn gleichzeitig von unten durch. Umso glücklicher war er über die eiskalte Dose, die er sich erstmal an die Stirn drückte, bevor er den Verschluss aufriss.

Auf zum Basketballplatz, dort würde Andi schon auf ihn warten. Das war vielleicht der einzige Lichtblick des Tages.

Die Dose war leer, seine Kopfschmerzen etwas besser und die dämliche Alte schon fast vergessen. Halbwegs zufrieden mit der Gesamtsituation kickte Yunis die Dose mit seinen schlaksigen Beinen in hohem Bogen auf die Straße. Vorne am Basketballplatz konnte er schon Andi am Zaun hängen sehen. Der blonde Strubbelkopf mit den blauen Chucks. So wie jeden Tag. Nicht dass Yunis Basketball besonders gerne mochte oder gar sportlich interessiert wäre, aber Andi wohnte genau daneben. Und hier ließ es sich gut rumhängen, wenn die beiden und Sergio keinen Bock auf Schule hatten oder in den Pausen mal dringend einen durchziehen mussten.

Sergio, das arme Schwein, wohnte mit seinem Vater und seinen drei Brüdern auf der anderen Seite der Schule Richtung Dokumentationszentrum, dem riesigen Nazi-Monument aus Stein, drüben am Dutzendteich. Und aus diesem Grund musste Sergio auch immer zu den anderen kommen, wenn es darum ging, wo man sich treffen sollte. Es stand immer zwei zu eins. Yunis war das nur recht, er hatte er auch keinen Bock immer so ewig weit zu latschen und außerdem hatte er auch keine Lust nachts auf dem Heimweg von irgendeiner Gang aufs Maul zu kriegen oder abgestochen zu werden. Sergio schien das ja nichts auszumachen.

»Yo Andi Alter, was geht.«

»Moin moin Mann, es geht nicht nur, es rennt.« Andi kam sichtlich aufgeregt auf Yunis zu und begrüßte ihn per Fistbump.

»Was los, Mann?« Die beiden setzten sich auf die Bänke neben dem hohen Zaun, der den Platz einkesselte und sahen ein paar Jungs beim Spielen zu. Andi wühlte schon die ganze Zeit in seiner Tasche.

»Halt dich fest, oh Mann, Georgie das Opfer. Alter, der war so zugedröhnt gestern, der hat sein halbes Gras vergessen. Ich glaub der hat das nicht mal geschnallt.«

Mit strahlenden Augen zog Andi einen gut gefüllten Gefrierbeutel mit Zippverschluss aus der Tasche. Sattes Grün lächelte den beiden Jungs entgegen.

»Scheiße Mann, das sind ja 30 Gramm oder so.« Yunis hielt sich prüfend den Beutel vors Gesicht. Schweißperlen glitzerten im Sonnenschein auf seiner Nase. Die pechschwarzen Haare klebten an der Stirn. Die Strahlen wurden vom Beutel und dem Gras reflektiert und ließen im grellen Licht beinahe alles wie eine göttliche Erscheinung wirken. Das Schönste, was Yunis diesen Monat gesehen hatte. Abgesehen natürlich von dem einen Augenblick, als die heiße Nachbarin von gegenüber vergessen hatte das Badezimmerfenster zu schließen.

»Fünf - und - Fünfzig verhurte Gramm.« Andi betonte jedes Wort.

»Geile Scheiße. Andi, ich glaube, das wird ein guter Tag.«

»Warte mal was Sergio für Augen machen wird.«

»Auf jeden. Wollen wir heute blau machen und schon mal bisschen naschen?«

Andi wich Yunis Blick aus. »Ja schon. Muss aber in der dritten noch Mathe schreiben, Mann. Das darf ich nicht verhauen. Danach?«

»Junge, scheiß doch drauf.«

»Ist echt wichtig, Mann, sonst wird das nichts mit Gymi.« Das Wort schmerzte Yunis. Andi wollte aus irgendeinem Grund unbedingt Abitur machen und musste dafür aufs Gymnasium wechseln. Auch wenn er sich dabei schlecht fühlte, insgeheim hoffte er ja, dass sein bester Freund das nicht schaffte und ihn dann auch nicht alleine zurückließ.

»Okay, Deal.« Yunis öffnete den Zipper und nahm einen endlos langen Atemzug.

»Aber mal ernsthaft. Georgie ist zwar dumm, Andi. Aber nicht so dumm, dass er fünfzig Gramm nicht vermissen würde.«

»Ach, der hat so viel davon, hatte doch drei Beutel dabei. Das Alter, das ist Karma.«

»Wer ist Karma?«

Andi prustete los und obwohl Yunis nicht so genau wusste warum, stimmte er mit seinem Freund ein.

»He, ihr Spacken!«

Yunis und Andi schreckten ertappt hoch, wie die Jungs, die beim Schlüpfer klauen erwischt wurden. Sie hatten nicht bemerkt, dass die Spieler erst ihr Spiel unterbrochen und ihnen höchst interessiert bei der Diskussion zugesehen hatten und schließlich allesamt nähergekommen waren.

»Was habt ihr denn da feines?«

Ein bulliger Typ, beinahe breiter als hoch, mit kurz geschorenen Haaren, hatte sich vor ihnen aufgebaut. Der Rest der Meute stand im Halbkreis um ihn und die Jungs herum. Alle hatten mehr oder weniger die gleichen blauen oder lila Trainingsanzüge an. Reißverschluss an der Jacke auf Halbmast, damit man das Brusthaar und die Tätowierungen gut sehen konnte.

Das sollte wohl einschüchternd wirken. Und im Augenblick tat es das auch.

Yunis Herz raste. »N…, nichts.« würgte er heraus.

Der vermeintliche Anführer – oder war es eher ein Kapitän beim Basketball? – ließ lässig den Ball auf seiner Hand rotieren.

»N… n… nichts?«, äffte er Yunis nach. Kichern in der Runde. Vereinzelt war ein Spasti oder Opfer zu hören.

Yunis Verstand war im Leerlauf. Wut und Angst tanzten in seinem Kopf aber wusste nicht was er tun oder sagen sollte. Er saß da wie der Hamster vor der Schlange. Andi macht auch keinen Mucks. Sie saßen in der Falle.

»Sorry, Mann. Okay, okay, wenn es nichts war, dann hab‘ ich mich wohl getäuscht.« Captain drehte sich zu seinen Jungs um und hob beschwichtigend die Arme.

»Alles klar, Männer, gehen wir.« Gelächter war die Antwort.

»Los, los, ich mein’s ernst Mann, Abmarsch, ihr habt ihn doch gehört.«

Jetzt gab es doch ein paar irritierte Blicke zur Seite, einige drehten sich schon um. »Hier gibt es keine prall gefüllte Tüte mit Gras, in den Händen von zwei Bastarden. Hier gibt es nur NICHTS!«

Mit dem letzten Wort drehte er sich herum und drosch den prall aufgepumpten Basketball mit aller erdenklichen Gewalt, die sein rechter Arm hergab, in Yunis Gesicht. Die Wucht des Aufpralls ließ seinen Kopf nach hinten schnappen und ihn rücklings von der Bank kippen. Eine Fontäne aus Blut, entsprungen aus Yunis Nase, folgte ihm zeitverzögert in Richtung Erde und regnete auf ihn herab.

»Na los, schnappt sie.« Captain griff sich den Ball noch aus der Luft und dribbelte locker auf den Korb zu. Er war noch keinen Schritt gegangen, da hatten schon zwei der Spieler Andi gepackt, ein dritter rammte ihm die Faust in die Nieren. Andi erbrach sich und klappte zusammen. Ein weiterer riss Yunis das Päckchen Gras aus den benommenen Händen. Yunis wusste nicht so recht, wo er war oder was überhaupt passierte, er wusste nur, ihm war schlecht. Captain kam zurück und begutachtete die Beute.

»Nicht schlecht. Muchas Gracias, ihr Pussies. Und jetzt seid so nett und verpisst euch von meinem Platz.«

Andi half Yunis auf die Beine, der immer noch benommen seine Nase zudrückte. Sein Gesicht sah aus wie ein Picasso, über den der Restaurateur aus Versehen seine Cola gekippt hatte.