Das Spiel - Opfer - Jeff Menapace - E-Book

Das Spiel - Opfer E-Book

Jeff Menapace

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Beschreibung

Am idyllischen Crescent Lake im amerikanischen Hinterland ist die Welt noch in Ordnung. Vor der Kulisse des malerischen Sees findet sich in wild-romantischer Umgebung eine Siedlung von Ferienhütten. Hier will die Familie Lambert ihr Wochenende verbringen: Mit Fischen, Barbecue und Freizeitspielen. Auch die beiden Fannelli-Brüder haben sich zum See aufgemacht. Auch sie möchten das Wochenende genießen. Auf ihre Art. Mit Spielen. Bösen Spielen. Und ihre Mitspieler haben sie schon auserkoren …

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Seitenzahl: 444

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Zum Buch

Das erste Messer sauste auf Patrick zu. Amy verfolgte dessen Flugbahn und schloss erst einen Sekundenbruchteil, bevor es sein Ziel traf, fest die Augen. Sie öffnete sie erst wieder, als sie hörte, wie die Klinge sich in die Gipskartonwand hinter ihrem Mann bohrte.

»Mist«, sagte Arty.

»Mach dir nichts draus, Bruder«, sagte Jim. »Du hast ja noch zwei.« Jim zwinkerte Amy zu. »Nur keine Panik; er beherrscht das wirklich gut. Hätte damit in einem Zirkus auftreten können.«

Zum Autor

Jeff Menapace, geboren in Philadelphia, verbringt seine meiste Zeit damit, Bücher zu schreiben und sich Horrorfilme anzusehen. Mit seiner Spiel-Trilogie wird er in Amerika als neuer Stern am Horror-Himmel gefeiert. Er liebt Martial Arts, die 3 Stooges und ist überzeugt davon, dass The Texas Chainsaw Massacre von 1974 der größte Film aller Zeiten ist.

JEFF MENAPACE

DAS SPIEL

OPFER

THRILLER

Aus dem Amerikanischen vonSven-Eric Wehmeyer

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe BAD GAMES erschien bei Mind Mess Press

Unter www.heyne-hardcore.de finden Sie das komplette Hardcore-Programm sowie den monatlichen Newsletter. Weitere News unter www.heyne-core.de/facebook

Vollständige deutsche Erstausgabe 08/2016

Copyright © 2013 by Jeff Menapace

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Kristof Kurz

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © Colleen Farrell / Arcangel Images

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-18731-6V001

www.heyne-hardcore.de

1

Frühherbst 2008

Patrick war sich ziemlich sicher, dass der weiße Pontiac ihnen folgte. Das war auf einer einsamen Landstraße mit wenigen Abzweigungen nicht allzu ungewöhnlich, aber er wurde das Gefühl dennoch nicht los.

Als sich die durchgehende in eine gestrichelte Mittellinie verwandelte und der Pontiac sofort an Patricks silberfarbenem Highlander vorbeizog, schaute er nach links. Der Fahrer erwiderte seinen Blick – länger als nötig.

Arschloch.

Dennoch war es derselbe weiße Pontiac, der Patrick ein paar Meilen später einen Tankstopp einlegen ließ. Hätte der Wagen nicht neben einer der Zapfsäulen der runtergekommenen Tankstelle geparkt, wäre Patrick daran vorbeigefahren, ohne das Bremspedal auch nur anzutippen, so öde und leer wirkte der Ort.

Wird es Ärger mit dem Kerl geben, wenn ich anhalte?

Ach was. Sie hatten sich weder angehupt noch ihre Mittelfinger in die Höhe gereckt. Nicht mal ein finsterer Blick hatte sich in das lange gegenseitige Anstarren geschlichen. Der Mann hatte nichts weiter getan, als ihn auf einer Landstraße zu überholen – und Patrick war tatsächlich ziemlich langsam gefahren. Wenn er allein unterwegs war, klebte sein rechter Fuß üblicherweise auf dem Gaspedal, aber mit seiner Familie im Auto fuhr Patrick wie ein Rentner. Außerdem brauchten sie Benzin. Wer konnte schon wissen, wann und wo sie hier draußen auf eine weitere Tankstelle stoßen würden?

Er schlug das Lenkrad ein und hielt auf die einzige verbliebene Zapfsäule vor dem Pontiac zu. Der verbeulte Metallkasten bot zwei Güteklassen: NORM  L und S  PER – Vokale waren, wie Patrick sinnierte, in dieser Gegend offenbar die bevorzugte Nahrung der Elemente. Er wählte S  PER und füllte den Tank des Highlanders.

Und das war der Augenblick, in dem er den Mann mit dem weißen Pontiac kennenlernte.

»Sie waren auf der Penn State, was?«

Patrick sah über die Schulter. Der Mann saß lächelnd auf seiner Motorhaube. Der schwarze Zapfsäulenschlauch wand sich wie eine von der Größe ihrer Mahlzeit maßlos überforderte, aber dennoch stur darin verbissene Schlange aus dem Tankloch. Der Mann hatte offensichtlich den metallenen Schnappriegel der Zapfpistole einrasten lassen, damit der Sprit automatisch einlief. Patrick befingerte den Riegel seines eigenen Hahns und fragte sich, warum er nicht selbst daran gedacht hatte, drückte jedoch trotzdem weiter mit der Hand zu.

»Wie bitte?«, fragte Patrick.

»Ihr Kennzeichen«, erwiderte der Mann und deutete darauf.

Entsprechende Logos auf den Nummernschildern des Highlanders wiesen darauf hin, dass sein Besitzer ein Absolvent der Pennsylvania State University war. Patrick vergaß immer wieder, dass er sie hatte. »Oh«, gab er schließlich mit einem schmalen Lächeln zurück. »Stimmt – Abschlussjahrgang ’92. Auch Ihre Uni?«

Der Mann glitt von der Kühlerhaube und stellte sich aufrecht hin. Patrick schätzte ihn auf knapp unter eins neunzig. Er war schlank, aber kräftig gebaut. Sein bleicher Teint bildete einen starken Kontrast zu den tiefdunklen Augen in dem massigen Kopf. Das dichte schwarze Haar darauf wucherte chaotisch in alle Richtungen – offenbar das Ergebnis einer Kombination aus wenig Schlaf und fehlendem Kamm. Vielleicht war eine absichtsvoll derangierte, ungekämmt-struppige Frisur auch momentan der letzte Schrei; wenn dem so war, hatte Patrick nicht den leisesten Schimmer davon. Als achtunddreißigjähriger Familienvater war er bezüglich Modetrends ebenso wenig auf dem Laufenden wie über den gegenwärtigen Beziehungspartner von Paris Hilton.

»Und ob – ’98er Jahrgang«, antwortete der Mann. »Dann sind wir schätzungsweise sechs Jahre auseinander, oder? Was es recht unwahrscheinlich macht, dass sich unsere Wege jemals gekreuzt haben.«

Patrick nickte und fügte hinzu: »Na ja, die Penn State ist groß. Wir hätten im selben Jahr den Abschluss machen und uns trotzdem nie treffen können.«

Der Mann lachte. »Absolut korrekt.«

Ja – seine ursprüngliche Vermutung war richtig gewesen; es gab keinen Ärger, im Gegenteil. Dennoch konnte es Patrick kaum erwarten, das erlösende Klicken der Benzinpumpe zu hören. Oberflächliche Alltagskonversation war für ihn ebenso erfreulich wie Hämorrhoiden.

Patrick nahm durch das Heckfenster seines SUV Blickkontakt mit seiner Frau Amy auf. Sie ließ ihren Kopf kurz in Richtung des Fremden zucken, wobei das neugierige Runzeln auf ihrer Stirn nach dem Wer und Was fragte. Patricks Antwort bestand in einem dezenten Augenrollen. Amy konterte es mit einem mitfühlenden Verdrehen ihrer eigenen Augen, warf ihm eine Kusshand zu und widmete ihre Aufmerksamkeit dann wieder den beiden Kindern auf der Rückbank.

»Sind Sie noch hin und wieder an der Uni?«, wollte der Mann wissen.

Patrick schüttelte den Kopf. »So gut wie gar nicht. Früher war ich ab und an bei einem Footballspiel, aber jetzt, mit einer Familie, ist das eher schwierig.«

Der Mann beugte sich wie ein Geier vor und gaffte durch das Heckfenster des Highlanders. Im Inneren unterhielt die über den Beifahrersitz gelehnte Amy die Kinder. Sie sah auf und dem Mann in die Augen. Er starrte unverwandt zurück.

Amy unterbrach den Blickkontakt als Erste und senkte den Kopf hastig wieder zu den Kindern hinab, als wäre sie dabei erwischt worden, heimlich etwas Verbotenes angeglotzt zu haben.

Sekunden später blickte sie erneut auf, um festzustellen, dass die Augen des Mannes sich keinen Millimeter bewegt hatten; er starrte sie nach wie vor an, und auf seiner Miene lag dabei ein entspannter und leicht neugieriger Ausdruck – wie bei jemandem, der ein unterhaltsames Rätsel löst. »Aha«, sagte er leise.

Der Mann richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Patrick und setzte erneut ein Lächeln auf. »Tja, das kann ich gut nachvollziehen, mein Freund.« Er zeigte mit dem Daumen über die Schulter. »Ich habe selbst zwei.«

Patrick stieß sich mit dem Oberkörper vom Wagen ab, beugte sich vor und spähte blinzelnd durch das Frontfenster des Pontiacs. Obwohl ihn das von der Windschutzscheibe reflektierte Licht leicht blendete, konnte er undeutlich zwei Kindersitze auf der Rückbank ausmachen. Über jedem ragte ein dunkler, struppiger kleiner Kopf aus einer Decke hervor.

Patrick lächelte seinerseits. »Wie alt sind die beiden?«

»Eins und eins«, grinste der Mann mit einem Gesichtsausdruck unverhohlener Freude – die Freude desjenigen, der die Lösung seines Rätsels so lange wie möglich auskostet, um es dann umso souveräner und effektiver zu lösen.

Patrick kapierte auf der Stelle, stellte die Frage aus Höflichkeitsgründen aber dennoch. »Zwillinge?«

Der Mann schien sich ein Kichern nur mit Mühe verkneifen zu können. »Jawoll.«

»Oha.«

Jetzt strahlte der Mann übers ganze Gesicht. »Genau das habe ich auch gesagt, als ich es erfuhr. Jackpot, hat meine Frau gewitzelt. War dann aber gar nicht so schlimm; es sind prima Jungs. Wie sieht’s bei Ihnen aus?«

»Ein Junge, ein Mädchen«, sagte Patrick. »Vier und sechs.«

»Nett«, gab der Mann zurück.

Patrick sah sich nun in der Pflicht, eine angemessene Nachfrage zu stellen, bevor ihn das selige Klicken eines Zapfhahns erlöste. »Also nehme ich an, dass Sie unserer Alma Mater in jüngster Vergangenheit ebenfalls keinen Besuch abgestattet haben?«

Der Mann schüttelte mit betrübt gesenkten Mundwinkeln den Kopf. »Nö. Ich hätte ja auf dem Weg hierher einen Abstecher gemacht und kurz vorbeigeschaut, aber meine Frau hatte keine Lust. Hat mir das Herz gebrochen.« Er atmete tief ein, als ließe er einen tragischen Vorfall noch einmal innerlich Revue passieren. Und dann, schnell wie eine aufklappende Schnappmesser-Klinge, war das Lächeln wieder da. »Die Familie meiner Frau hat hier draußen in der tiefsten Provinz eine hübsche kleine Ferienhütte. Sie dachte, das wäre das richtige Ziel für einen längst überfälligen Familienausflug. Um sich den Stadtmief aus den Klamotten zu schütteln. Sie und ihre Eltern sind bereits dort und warten auf mich und die Kinder.«

»Das ist nicht Ihr Ernst«, sagte Patrick. »Wo genau ist das?«

»Mitten im Nirgendwo, Pennsylvania«, scherzte er. »Warum?«

»Ist nur ein seltsamer Zufall. Meine Familie und ich unternehmen mehr oder weniger genau das Gleiche. Wir sind den ganzen Weg von den Vororten Philadelphias bis hierher gefahren. Noch dazu gehört der Familie meiner Frau ebenfalls eine Hütte hier draußen. An einem See namens Crescent Lake. Schon mal davon gehört?«

Der Zapfhahn des Mannes klickte, und die verblichenen Zahlenräder der alten Tanksäule rollten aus und blieben stehen. Der Mann drehte sich um und ging zum Heck seines Wagens hinüber. »Nein, kommt mir nicht bekannt vor«, sagte er über seine Schulter hinweg, während er den Hahn aus dem Stutzen zog und ihn wieder an dessen Platz an der Zapfsäule einrasten ließ. »Wir sind auch aus Philadelphia, aber direkt aus der Stadt, also komme ich mir in dieser Gegend ziemlich hilflos vor.« Der Stutzen wurde zugeschraubt, der Tankdeckel geschlossen. »Tatsächlich habe ich, um es ganz offen zu sagen«, er kehrte zu seinem vorherigen Platz vor seinem Wagen zurück, »an abgelegenen Orten wie diesem mehr Angst, als wenn ich spätnachts im Norden von Philly falsch abgebogen wäre.«

Patrick gluckste. »Ich weiß genau, was Sie meinen. Unsere Hütte ist Teil eines kleinen Städtchens am Seeufer. Es ist idyllisch und einladend, aber eben auch mitten in der Pampa, am Ende der Welt – was der Fantasie manchmal die Gäule durchgehen lässt. Wahrscheinlich habe ich zu oft Beim Sterben ist jeder der Erste gesehen, oder?«

Der Mann lächelte. »Guter Film.«

Patrick nickte. »Gut, aber reichlich verstörend.«

»Inwiefern verstörend?«

Patrick zog das Kinn zurück. »Ist das Ihr Ernst?«

Der Mann sagte nichts, sondern wartete einfach stumm auf nähere Ausführungen.

»Diese Szene«, meinte Patrick. »Diese eine, ganz spezielle Szene? Die mit Ned Beatty?«

»Oh, alles klar«, entgegnete der Mann. »Hat Ihnen nicht gefallen, was?«

Patricks Kinn zog sich erneut bis zur Brust zurück. »Ihnen etwa?«

»Ich fand sie eigentlich ziemlich lustig.«

»Mann, Sie haben einen ganz schön makabren Sinn für Humor.«

»Sie sollten erst mal meinen Bruder erleben.«

Patrick grinste. »Ich glaube, darauf verzichte ich lieber.«

Der Mann legte eine Hand auf sein Herz und zog eine Grimasse, als wäre er verwundet worden. »Autsch.«

Schnell fügte Patrick hinzu: »Oh Mann, war nicht böse gemeint. Es ist nur so, dass die meisten Leute – besonders aber Männer – gerade diese Szene ziemlich beunruhigend finden. Der Film hatte auf das Camping den gleichen Effekt wie Der weiße Hai auf Badeurlaube, wenn Sie mich fragen.«

Der Mann kicherte und trat mit ausgestreckter Hand einen Schritt vor. »Gut ausgedrückt. Und hören Sie auf, mich ›Mann‹ zu nennen – ich bin Arty.«

Patricks Zapfhahn klickte. Er hängte ihn in die Säule zurück, bevor er die Hand des Mannes ergriff. »Patrick.«

»Einen ganz schön festen Händedruck pflegen Sie da, Patrick. Sie haben mal Football für Penn State gespielt, nicht nur zugesehen, oder?«

Angezogen wirkte Patrick mit einer Größe von einem Meter neunzig und einem Gewicht von gut neunzig Kilogramm wie ein kräftiger Mann. Die in Jugendjahren geformten, wohldefinierten Konturen seines Körpers waren jedoch über die Jahre dank Kindern, Arbeit und Krispy-Kreme-Donuts systematisch getilgt worden. Sein einst gehegt-gepflegter Waschbrettbauch war inzwischen ein glatter, weicher Waschbärbauch, aber die massige, breitschultrige Statur hatte er behalten und hielt sie durch gelegentliches Hanteltraining im heimischen möblierten Keller einigermaßen in Form.

»Nein, nein, bloß auf der Highschool«, sagte er. »In die Penn-State-Auswahl hätte ich’s nie geschafft.«

»Verstehe«, gab Arty zurück. »Nun, wenigstens sind Sie ehrlich. Mit Al-Bundy-typischen Größenwahnfantasien haben Sie nichts am Hut, oder? Oder fragen Sie sich manchmal, wie es wäre, wenn Sie keine Schrecklich nette Familie hätten?«

Patrick verstand den Witz (den er als Fan der Serie sogar ziemlich lustig fand) und reagierte entsprechend. »Oh nein – meine Frau gibt eine hervorragende Peg Bundy ab. Sie sorgt dafür, dass ich immer schön genügsam und bescheiden bleibe.«

Arty lachte laut und fragte dann: »Also … Wie hoch ist Ihr Verlust?«

Patrick stutzte.

»Sprit«, erklärte Arty und zeigte auf Patricks Zapfsäule. »Wie viel braucht der?«

»Oh …« Er las den Zähler ab. »Verflucht viel. Ich hätte in einer Million Jahren nicht gedacht, dass ich mal eins dieser Dinger fahren würde. Aber wenn man Kinder hat, ist es recht praktisch und komfortabel, und …«

»Passen Sie auf, Patrick«, unterbrach Arty. »Jeder Penn-State-Absolvent ist mein Freund. Diese Runde geht auf mich.« Er zog ein Bündel Geldscheine aus der Vordertasche seiner Hose und machte sich auf den Weg zur Kasse innerhalb des gläsernen Tankstellenhäuschens.

»Nein«, sagte Patrick. »Das kann ich nicht annehmen. Bitte, Arty.«

Doch der Mann war bereits unterwegs. Dabei machte er eine wegwerfende Geste, als würde er einen aufdringlichen Hund verscheuchen.

Ein paar Minuten später kehrte Arty zurück, schüttelte den Kopf und wies mit einem Daumen über seine Schulter. »Der Typ war ein Kracher«, meinte er. »Ich konnte ihn durch die Glasscheibe riechen.«

Patrick suchte nach den richtigen Worten. »Hey, Mann, das war wirklich großzügig von Ihnen. Ich weiß nicht, was ich … haben Sie vielen Dank.«

Arty lächelte. »Bitte, vergessen Sie’s einfach. Ich glaube daran, dass Freundlichkeit und Güte ansteckend wirken, wenn wir sie oft genug verteilen.« Er verschränkte die Arme fest vor der Brust. »Manche Menschen sind der Überzeugung, dass unser Umfeld uns zu dem macht, was wir sind. Also liegt es an uns, dieses Umfeld zu verändern, um einen freundlicheren Ort aus unserer Welt zu machen.«

Patrick zog unwillkürlich eine Augenbraue hoch; er konnte einfach nicht anders.

Arty brach in Gelächter aus. »Ich klinge wie ein gottverdammter Politiker, stimmt’s?«

Patrick schüttelte den Kopf. »Nein, nein, ich war darauf einfach nur nicht gefasst. Ich, äh … ich war bloß … doch, stimmt, Sie haben sich tatsächlich wie ein Politiker angehört.«

Arty lachte erneut.

Patrick grinste. »Aber es ist schön, jemanden zu treffen, dessen Großzügigkeit von Herzen kommt. Ohne Hintergedanken.«

»Es war mir jedenfalls ein Vergnügen.« Arty streckte die Hand aus und tätschelte Patrick zweimal den Oberarm, wobei er den zweiten Klaps in einem harten Klammergriff um den Bizeps enden ließ. Es war eine befremdliche Geste, die Patrick beinahe dazu brachte, seinen Arm mit einem Ruck wegzureißen. Die Art der Berührung kam ihm primitiv, irgendwie brutal vor – wie ein grobes Abschätzen seiner Kraft oder Wehrhaftigkeit. Als wäre er ein Stück Vieh.

Als hätte er Patricks Gedanken gelesen, nahm Arty beide Hände hinter den Rücken und wippte auf seinen Fersen vor und zurück. Die merkwürdige Aura, die von ihm ausging, hatte sich allerdings nicht verflüchtigt; sie war sogar noch stärker als zuvor. Er grinste nur. »Viel Spaß am Crater Lake.«

»Crescent Lake«, korrigierte Patrick, während er sich den Arm rieb, als wollte er ihn mit dieser Bewegung zurückerobern.

»Richtig, Crescent Lake«, sagte Arty. »Hoffentlich wird’s ein erholsamer Urlaub.«

»Das Gleiche wünsche ich Ihnen auch.«

Patrick sah zu, wie der Mann in seinen Pontiac stieg, und beugte sich dann über den Fahrersitz seines eigenen Wagens, um nach den Kindern zu sehen. Als Arty ihm erneut das Gesicht zuwandte, bemerkte er, dass Patrick ihn durch seine Frontscheibe beobachtete. Er winkte, bevor er den Rückwärtsgang einlegte.

Patrick winkte zurück, nickte und legte ein freundliches Abschiedslächeln auf.

Im selben Moment, als Patrick sich wieder im Highlander niederließ, erhob Amy das Wort. »Wer war das?«

»Ein Typ namens Arty. Er ist auf die Penn State gegangen.«

»Kanntest du ihn?«

»Nein. Aber er hat unser Nummernschild gesehen, und wir kamen ins Gespräch. Er war in Ordnung. Ein bisschen seltsam. Ob du es glaubst oder nicht, er hat unser Benzin bezahlt.«

»Was?«

»Ich weiß, ist das nicht unfassbar?«

»Warum hast du ihm das erlaubt?«

Patrick startete den Motor. »Widerspruch war zwecklos. Er war bereits auf halbem Weg Richtung Tankwart, bevor ich was sagen konnte.«

»Merkwürdig. Ich frage mich, was er damit bezweckt hat.«

»Das hab ich mich zuerst auch gefragt. Ich dachte, er wäre ein Vertreter oder Geschäftsmann oder so was in der Art – einer, der uns Honig ums Maul schmiert, bevor er uns dann irgendwas andrehen will.« Er legte seinen Sicherheitsgurt an. »Aber der Kerl hatte seine Kinder bei sich im Auto, und sie sind nach Westen unterwegs, um seine Frau und den Rest der Familie zu treffen, daher …«

»Seltsam.«

»Auf jeden Fall.« Er schwieg einen Augenblick lang, seinerseits darum bemüht, sich einen Reim auf die Sache zu machen. »Ich nehme an, dass er einer von diesen Typen ist, die unbedingt gemocht werden wollen. Denen als letztes Mittel nur noch bleibt, sich menschliche Zuneigung zu erkaufen, verstehst du?«

»Er war merkwürdig.«

Patrick reagierte mit einem Achselzucken. »Na schön, er war merkwürdig. Aber unterm Strich hat er uns einiges an Geld gespart.«

Selbst die Gratis-Tankfüllung – im Falle eines Spritfressers wie ihrem keine Kleinigkeit – schien nichts gegen Amys Pessimismus ausrichten zu können. »Es ist nicht normal, Patrick. Kein Mensch tut so etwas.«

Er stieß ein leicht gereiztes Seufzen aus. »Ich weiß, Amy, aber es ist nun mal geschehen. Wir können es nicht mehr ändern. Was soll ich deiner Meinung nach machen?«

Sie sagte nichts.

»Okay, vielleicht hat der Kerl auch einfach nur einen kleinen Schwanz und kompensiert das, indem er mit Geldbündeln herumwedelt.«

Amy versetzte ihm einen Schlag gegen das Bein, und Patrick zuckte zusammen, worauf sich ihre sechsjährige Tochter Carrie neugierig vorbeugte. »Was hat Daddy gesagt?«, fragte sie.

»Nichts. Daddy ist bloß ein Dummkopf.«

Carrie kicherte und ließ sich in ihren Sitz zurückplumpsen.

»Das ist wirklich reizend, Schatz. So flößt du unseren Kindern angemessenen Respekt gegenüber ihrem Vater ein.«

»Tja, wenn ihr Vater in Gegenwart seiner Kinder seine Zunge hüten würde …«

Patrick packte den Oberschenkel seiner Frau, und sie kreischte auf. Eine Salve laut schmatzender Küsse folgte. Amy entwand sich den aufdringlichen Lippen ihres Ehemannes, und ihr Lachen schwoll zu ausgelassenen spitzen Schreien an. »Aufhören! Aufhören!«

Nach einem letzten widerlich feuchten Kuss sank Patrick in seinen Sitz zurück. Er war mehr als nur ein bisschen zufrieden mit sich. Amy lachte, setzte sich ihrerseits wieder gerade hin, schlug ihrem Mann leicht gegen die Schulter und lachte erneut. Patrick drehte sich zu seinen Kindern auf der Rückbank um und setzte ein dümmliches Grinsen auf. Sie grinsten zurück. Beide waren von der Schamlosigkeit, mit der ihre Eltern ihre gegenseitige Zuneigung zur Schau gestellt hatten, gleichzeitig abgestoßen und entzückt.

Patrick wandte den Blick wieder nach vorne. »Also, weiter geht’s.«

Arty parkte den weißen Pontiac am Rand eines abgelegenen Weges unweit der Tankstelle. Er stieg aus und öffnete eine der Hecktüren.

»Kommt, Jungs«, sagte er, streckte die Arme ins Wageninnere und riss die Decken von seinen Zwillingssöhnen. Er packte die beiden Kinder jeweils an einem Bein und zog sie von ihren Sitzen. Dann entfernte er sich von der unbefestigten Landstraße und ging über eine flache Anhöhe auf ein Waldstück zu, das ungefähr zwanzig Meter von dem Platz entfernt lag, an dem er seinen Wagen geparkt hatte. Die Jungen baumelten an den Fußknöcheln in seinem Griff hin und her.

Als er das dichteste Gestrüpp am Rand der Waldfläche erreichte, hob er den Jungen in seiner rechten Hand hoch zu seinem Mund, küsste ihn sanft auf den Hintern und beförderte ihn dann mit einem kräftigem Tritt tief ins Unterholz.

Dem zweiten Jungen wurde die gleiche Behandlung zuteil; er landete noch weiter als sein Bruder im dichten grün-braunen Gewirr. Arty streckte beide Hände in die Luft wie ein Schiedsrichter, der einen Touchdown bestätigt.

»Macht’s gut, Jungs«, rief er den beiden Plastikpuppen hinterher, die er soeben mit dem Fuß weggeschossen hatte. Dann fügte er lächelnd und in sanftem Ton hinzu: »Ihr habt eurem Daddy gute Dienste geleistet.«

Arty schlenderte zum Pontiac zurück. Er öffnete die Fahrertür, stieg jedoch nicht sofort ein. Er stand mit geschlossenen Augen einfach da und nahm einen tiefen Atemzug der Herbstluft, bis seine Lunge gefüllt war. Er atmete langsam wieder aus und spürte, wie ein Prickeln seinen ganzen Körper durchströmte.

»Oh ja«, flüsterte er lustvoll.

Der Beginn eines neuen Aktes. Die Wonnen des Vorspiels. So unvergleichlich gut.

Arty stieg in den Wagen, ließ den Motor aufheulen und schlug das Lenkrad hart links ein. Schotter spritzte unter den Reifen hervor, als der Wagen kurz ins Schlingern geriet. Es dauerte nicht allzu lange, dann befand er sich wieder auf der Hauptstraße in westlicher Richtung. Die gesamte Fahrt über lag ein Grinsen auf seinem Gesicht, und mitunter musste er leise kichern.

2

»Daddy, Caleb hat gesagt, dass er Hunger hat. Wie weit ist es noch?«

»Hab ich nicht gesagt!« Caleb schlug nach seiner Schwester, verfehlte sie jedoch.

Patrick warf seiner Frau einen kurzen Blick zu. »Sollen wir irgendwo haltmachen? Wir haben immer noch ungefähr eine halbe Stunde Weg vor uns.«

Amy sah auf die Uhr am Armaturenbrett und verglich deren Anzeige mit ihrer Armbanduhr. Es war halb eins. Sie hatten seit sieben Uhr nichts mehr gegessen. »Ja, vielleicht. Nur wo?«

»Ich bin sicher, dass wir bald auf etwas stoßen werden«, meinte er. »Die Leute hier essen ja gerne.«

»Weil das wahrscheinlich das Einzige ist, was man hier überhaupt tun kann.«

»Nun, genau darum geht es doch, oder?«

»Um’s Essen?«

»Nein – darum, absolut gar nichts zu tun zu haben. Essen, Trinken, S-e-x und noch mehr Essen und Trinken. Wie die Höhlenmenschen, Baby.«

»Solange du nicht anfängst, mich an meinen Haaren in der Gegend herumzuzerren.«

»Nicht? Ich dachte, das gefällt dir.«

Amy entschied sich dagegen, ihm einen Schlag aufs Bein zu verpassen – diesmal war ein kräftiger Kniff in seinen Arm das Mittel der Wahl. »Lass das gefälligst!«

Patrick zuckte von dem Kniff zurück. »Autsch.« Er rieb sich den Arm. »Das verstehen sie garantiert noch nicht.«

»Unsere Kinder? Sei dir da nicht so sicher, Höhlenmensch.«

Patrick drehte sich zum Fond um und kratzte sich wie ein Affe am Kopf. »Ihr Kleinen wollt Futter, was?«, grunzte er.

Caleb und Carrie tauschten ein unsicheres Lächeln aus. Es war zwar typisch für ihren Vater, in alle möglichen Rollen zu schlüpfen, aber diese neue – der Höhlenmensch – hatte ihr Lachen ein paar Sekunden lang hinausgezögert. Sie hatten erst herausfinden müssen, wen genau ihr verrückter Dad dieses Mal darstellen wollte. Nicht dass das so eine große Rolle gespielt hätte. Höhlenmensch, Seeräuber, Monster – es war die Häufigkeit des Rollenwechsels, die ihnen am besten gefiel. Daher bestand keine Notwendigkeit, die jeweilige Darbietung des Tages offiziell anzukündigen; die innige und aufrichtige Zuwendung sowie die kindliche Begeisterung, mit denen ihr Vater sie fortwährend bedachte, waren genug.

»Was für Futter wollt ihr?«, knurrte Patrick weiter.

»Pizza«, gluckste Carrie.

»Was is mit Caleb? Welches Futter Caleb will?« Patrick behielt seine linke Hand am Lenkrad, griff mit der rechten hinter seinen Sitz und kitzelte den Bauch seines Sohnes. »Pizza gut für Caleb?« Der Junge schaffte es, ein »Ja« zwischen den Lachkrämpfen herauszuquetschen.

»Pizza! Pizza! Pizza!« Patrick drehte sich zu Carrie herum und versuchte sie zu packen. Das kleine Mädchen entwand sich seinem Griff so weit, wie die Rückenlehne es zuließ, und quietschte jedes Mal vor Wonne, wenn die Fingerspitzen ihres Vaters sie streiften.

Amy konnte sich weder ein Grinsen noch eine spitze Bemerkung verkneifen. »Du bist ein solcher Idiot.«

»Und du liebst diesen Idioten«, erwiderte Patrick, jetzt wieder im korrekten Englisch des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

»Du hast deine guten Momente.«

Sofort begann Patrick, mit Schnulzen-Stimme Edwin McCains »These are the Moments« zu intonieren.

Amy schlug sich beide Hände auf die Ohren und krümmte sich wie unter Schmerzen. »Bitte, mach jemand, dass es aufhört!«

Patrick fuhr mit seinem Gejaule fort (jetzt ein bisschen lauter, um ihnen so richtig auf die Nerven zu gehen), während er seine Frau wie ein Irrer angrinste.

Sie wandte sich von ihm ab, erlag jedoch dem Charme seines Lächelns. »Idiot.«

3

Wenn man vom Himmel fallen und vor Tony’s Pizza landen würde, käme einem unweigerlich der Gedanke, es sei das einzige Restaurant auf der Welt. Das war jedenfalls Amys Eindruck. Ein Blick nach Osten offenbarte nichts als Berge und Bäume, und wenn man in westliche Richtung schaute, sah man einen endlosen Streifen Highway, der schließlich auf einen Punkt am Horizont zusammenschrumpfte. Hinzu kam, dass auf dem großräumigen Parkplatz der Gaststätte mehr Wagen standen als in einem Autokino bei der Premiere des neuesten Harry-Potter-Films.

»Donnerwetter, beliebtes Plätzchen«, sagte Amy.

»Das ist ein gutes Zeichen«, sagte Patrick. »Das bedeutet, dass sie gutes Essen servieren.«

Carrie sah aus dem Fenster. Ihre kastanienbraunen Augen huschten von Wagen zu Wagen, während sie auf der Suche nach einem freien Platz herumkurvten. »Parken wir hier?«, fragte sie.

»Daddy ist grad dabei, Schatz.«

Carrie drehte ihren Kopf vom Fenster weg und strich sich die braunen Ponyfransen aus der Stirn. »Mommy, ich muss dringend zum Friseur.«

Amy, die über Adleraugen verfügte, wenn es darum ging, einen freien Parkplatz zu suchen, antwortete in einem langsamen, träumerischen Tonfall – sie hatte die Äußerung ihrer Tochter zwar gehört, aber für mehr als eine mechanische Reaktion reichte es nicht. »Okay, Schatz …«

»Heute noch?«

»Hmmm …?«

Mit einem Wimpernschlag erlosch Amys suchend-starrer Blick, und ihre Aufmerksamkeit kehrte zu ihrer Tochter zurück. »Kannst du dich bitte noch eine Minute gedulden, Carrie? Dein Vater und ich versuchen gerade, einen Parkplatz zu finden, damit wir essen können.«

Carrie schnaubte und grapschte sich ihre Puppe, deren Beine sie wie Gelenkkolben vor und zurück bewegte, um ihrem Ärger Luft zu machen.

Caleb beobachtete seine Schwester belustigt. »Ich muss auch zum Friseur«, teilte er ihr mit.

Carrie legte die Puppe ab und warf ihrem Bruder, dessen Solidaritätsversuch sie nur noch weiter aufzuregen schien, einen stechenden Blick zu. »Nein, musst du nicht«, sagte sie. »Du hast nicht mal Haare.« Sie beendete ihre Äußerung mit einem kräftigen Hieb gegen den brünetten Stiftenkopf ihres Bruders. Caleb stieß ihre Hand zur Seite und zog ein finsteres Gesicht.

»Da ist einer!« Amy wies in die entsprechende Richtung.

»Prima. Gute Arbeit, Baby.« Patrick schwenkte den Highlander nach links und bugsierte ihn behutsam in die Parklücke. »Ich hasse es, dieses verdammte Ding einzuparken.«

Amy stieg als Erste aus, gefolgt von Patrick, der peinlich genau darauf achtete, seine Wagentür nicht gegen den Chevy daneben zu schlagen. Beide Kinder warteten darauf, dass ihre Mutter und ihr Vater sie einsammelten.

Patrick öffnete die Hintertür und löste die Gurte an Calebs Kindersitz. »Los geht’s, Sportsfreund.« Caleb beugte sich vor und krabbelte in die geöffneten Arme seines Vaters. Patrick grunzte absichtlich laut, als er ihn hochhob. »Du nimmst langsam kolossale Ausmaße an, Kumpel.« Er stellte seinen Sohn auf dem Boden ab und gab ihm einen Kuss auf den Kopf. »Hast du etwa Krafttraining gemacht?«

Caleb blinzelte in die Sonne und lächelte, als er zu seinem Vater hinaufsah. Patrick nahm ihn bei der Hand, drückte sie zweimal fest und zwinkerte ihm zu.

Carrie, die darauf bestand, ohne die Hilfe ihrer Mutter allein aus dem Wagen zu steigen, war einem hysterischen Anfall nahe, als sie bemerkte, dass Amy die Autotür schließen wollte, ohne Josie vorher mitzunehmen.

»Schon gut, schon gut, nur die Ruhe.« Amy griff in den Wagen, nahm die Puppe ihrer Tochter und gab sie ihr.

»Alles in Ordnung?«, fragte Patrick.

»Fast hätten wir Josie vergessen«, gab Amy in sarkastischem Ton zurück. Carrie hätte nicht für sämtliches vom Weihnachtsmann am Nordpol gelagertes Spielzeug erklären können, was das Wort Sarkasmus bedeutete, aber sie erkannte ihn verflucht noch mal, wenn er ihr begegnete. Dementsprechend weigerte sie sich auch, die Hand ihrer Mutter zu ergreifen, indem sie ihre Puppe fest umklammert hielt. Amy sog scharf die Luft durch die Nase ein und hatte im Nu die Hand ihrer Tochter geschnappt. »Für derartige Zickereien sind hier zu viele Autos unterwegs, du kleine Nervensäge.«

Wie erwartet wimmelte es im Restaurant vor Gästen. Obwohl es erst September war, hätte es im Westen Pennsylvanias genauso gut Januar sein können. Flanellhemden, Bluejeans und vereinzelte Wollmäntel füllten sämtliche Nischen, Stühle, Hocker und Tische. Große, wohlgenährte Menschen betraten oder verließen das Lokal, wobei sie jedes Mal eine oberhalb der Glastür angebrachte kleine Glocke ertönen ließen. Caleb sah sich so gut wie außerstande, ihr ständiges Klingeln zu überhören.

Eine kleine, unverkennbar italienische Frau näherte sich der Familie. »Hallo, Sie zu viert?«, fragte sie in gebrochenem Englisch.

»Genau. Vier Personen«, antwortete Patrick.

»Wenn möglich, hätten wir gern eine Sitznische«, fügte Amy hinzu.

Die Frau nickte lächelnd und geleitete die Familie dann zu einer leeren Nische. Der Weg dorthin führte an einer nahe der Kasse platzierten, ausladenden Süßigkeiten-Theke vorbei, auf die Carrie unverzüglich ihre volle Aufmerksamkeit richtete. Nachdem sie Platz genommen hatten, zögerte das Mädchen nicht, auf ihre Entdeckung hinzuweisen.

»Hier gibt’s Süßigkeiten«, verkündete sie.

Calebs Augen leuchteten auf, um sich sofort wieder zu trüben, nachdem Amy sagte: »Kommt nicht infrage.«

So einfach wollte Carrie nicht aufgeben. »Warum nicht?«

»Weil davon eure Zähne verfaulen.«

Carrie wandte sich an ihren Vater. »Daddy, darf ich …«

»Langsam, langsam, willst du etwa, dass Daddy Ärger mit Mommy bekommt? Mommy hat gesagt, dass es nichts Süßes gibt. Tut mir leid, Kleines.«

Carrie gab ihr patentiertes Groll-Schnauben von sich und wandte sich brüsk von beiden Eltern ab. Patrick schielte nach links und zwinkerte Amy zu. Sie schickte ein mattes Augenrollen zurück und fuhr sich dann mit beiden Händen kräftig durch ihr dichtes rotbraunes Haar. Unter dem Tisch rieb Patrick ihr Bein.

»Also«, begann Patrick und beugte sich zu seinen Kindern vor, »wir bestellen doch garantiert Pizza mit Sardellen, oder?«

Die Kinder starrten ihn mit entsetzt aufgerissenen Augen an.

Patrick befand sich mit Caleb auf der Toilette, während Amy an der Kasse stand und bezahlte. Carrie stand dicht an ihrer Seite, den Blick fest auf das Süßigkeiten-Angebot wenige Zentimeter vor ihrer Nase geheftet.

»Bitte, Mommy«, bettelte sie.

Amy überreichte dem Kassierer zwei Zwanziger und sah dann mit strengem Gesicht zu ihrer Tochter hinab. »Ich habe nein gesagt. Ende der Diskussion.«

»Haben Sie Kleingeld?«, fragte der Kassierer, der aufgrund seiner äußeren Erscheinung und des schweren Akzents ebenso italienisch wie die Kellnerin zu sein schien.

Amy betrachtete erneut den Rechnungsbetrag. Wenn sie dem Mann noch fünfunddreißig Cent geben würde, bekäme sie einen glatten Fünfer zurück. Sie schob sich ihre Geldbörse zwischen die Zähne. »Ich glaub schon«, murmelte sie und wühlte mit beiden Händen in ihren Gesäßtaschen.

Nachdem Amy ein entlaufenes Zehn-Cent-Stück eingefangen hatte, drückte sie dem Kassierer schließlich fünfunddreißig Cent in die Hand. Der Mann lächelte angesichts ihrer Bemühungen und gab ihr dann eine zerknitterte Fünf-Dollar-Note zurück. Amy steckte den Schein gerade in ihre Brieftasche, als Patrick und Caleb zurückkehrten.

»Wo ist Carrie?«, fragte Patrick mit einem Blick auf die Knie seiner Frau.

Amy wirbelte herum. Carrie war verschwunden. »Carrie!«, rief sie laut.

»Ihre Tochter?«, fragte der Kassierer.

»Ja.« Amy schrie fast. »Wo ist sie hin?«

»Sie ist da draußen.« Der Mann zeigte Richtung Eingang, wo Carries Rücken durch die Glastür zu erkennen war. Sie schien sich mit jemandem zu unterhalten.

Amy rannte zur Tür. Patrick hob hastig seinen Sohn auf den Arm und folgte seiner Frau. Kaum hatte Amy einen Fuß über die Türschwelle des Restaurants gesetzt, packte sie den Arm ihrer Tochter so heftig, dass diese das Gleichgewicht verlor und beinahe zu Boden gestürzt wäre. Carries Augen weiteten sich schockiert, ihr Mund klappte auf … und gab eine blaue Zunge preis.

Amy warf einen Blick auf Carries Hand und entdeckte einen großen blauen Dauerlutscher, den diese fest in ihrer Faust umschlossen hielt. Amys Ärger über das ungehorsame Verhalten ihrer Tochter machte Verwirrung Platz. »Woher hast du den?«, fragte sie.

Carrie hielt den Kopf gesenkt und schwieg.

»Carrie Lambert, woher kommt dieser Lolli? Hast du ihn etwa aus dem Restaurant gestohlen?«

Carries Kopf schoss in die Höhe; sie sah ihrer Mutter direkt in die Augen. »Nein, Mommy, ich hab ihn nicht gestohlen, ich schwöre. Ein Mann hat ihn mir gegeben. Wir haben getauscht.«

Jetzt war es Amys Mund, der aufklappte. Die nächste Frage lag nahe, aber sie stockte für einen Moment. Die Worte ihrer Tochter ergaben keinen Sinn. »Was meinst du damit, getauscht? Was für ein Mann?«

Patrick, der Caleb noch immer fest an seine Brust gedrückt hielt, bemerkte etwas. »Wo ist deine Puppe?«, fragte er.

Carrie schaute zu ihrem Vater auf. »Die hab ich doch eingetauscht.«

Patrick runzelte irritiert die Stirn.

Amys Gesichtsausdruck war leichter zu deuten. Sie hatte eine Stinkwut.

»Du hast Josie irgendeinem Mann für ein Stück Naschzeug gegeben?«, sagte sie. »Wem? Welchem Mann?«

»Hoppla«, meinte Patrick. »Was für ein schräger Zufall.« Seine Aufmerksamkeit hatte sich von seiner Tochter ab- und einem Punkt irgendwo auf dem Parkplatz zugewendet. Amys Blick löste sich von Carrie und folgte dem ihres Mannes.

Die gesamte Familie stand stumm da und starrte denselben weißen Pontiac an, den sie vor über einer Stunde gesehen hatten. Arty saß hinter dem Steuer und winkte den vieren mit breitestmöglichem Grinsen zu.

Carrie zeigte mit ihrem kleinen Finger auf den davonfahrenden Pontiac. »Ihm.«

4

Arty stellte den Pontiac mitten in der breiten Zufahrt ab. Mit Carries Puppe in der Hand stieg er aus und betrachtete eingehend das Haus vor ihm. Es war einsam und abgelegen – perfekt. Meilenweit nichts, worüber man sich Sorgen machen musste.

Die letzten Wochen an diesem besonderen Ort hatten ihm mehr geboten, als er je zu träumen gewagt hätte, und das Spiel um viele herrliche Extradetails ergänzt. Neue Elemente war zu einem vergnüglichen Einsatz gekommen, ohne etwaige Nachbarn zu alarmieren; alle Schreie, die den Weg ins Freie fanden, hätten viel zu große Entfernungen überbrücken müssen, um auf neugierige Ohren zu treffen.

Es war bedauerlich, ein solches Haus aufgeben zu müssen. Aber Arty war kein Dummkopf. Das Spiel hatte ein Zeitlimit, und häufige Ortswechsel waren der Schlüssel zu einem reibungslosen Ablauf.

Schließlich war nicht alles verloren. Ja, sie würden weiterziehen, doch ihr nächstes Ziel hatte Artys Einschätzung zufolge noch weitaus mehr Potenzial.

Arty genoss das wohlige Prickeln, in dem er sich bereits zuvor geaalt hatte, schloss zügig die Vordertür auf und hastete die mit Teppich belegten Stufen hinauf. Oben neben dem Treppenabsatz befand sich unmittelbar zu seiner Rechten eine Schlafzimmertür. Sie war geschlossen.

»Wehe, du schläfst noch.«

Arty drehte langsam den Türknauf, hielt kurz inne und platzte dann mit lautem Krachen in den Raum. Sein Bruder Jim fuhr mit einem Ruck aus einem breiten Doppelbett hoch.

»Fauler Sack«, feixte Arty.

Sobald Jim seinen Bruder erkannte, runzelte er die Stirn und stieß den Atem aus, den er aufgrund des überfallartigen Besuches angehalten hatte. »Soll’n das, Mann?« Er ließ sich zurück auf das Kissen fallen und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

Sobald Jims Oberkörper wieder in der Horizontalen lag, erhaschte Arty einen Blick auf das gesamte Bett. Er war nicht erfreut. »Was zum Teufel soll das?«

Jim setzte zu einer Antwort an, aber seine verschlafene Stimme brach. Er räusperte sich, hustete, schnaufte und setzte sich wieder auf, wobei er seinen nackten Rücken gegen das Kopfende des Bettes lehnte. Mit der Hand fuhr er über den kahl rasierten Schädel und sah seinen Bruder aus verquollenen Augen an.

»Was?«, brachte er endlich hervor.

Arty hielt den Blick auf seinen Bruder gerichtet, während er bedächtigen Schrittes den Raum durchquerte und sich breitbeinig vor dem Fußende des Bettes aufstellte.

Auf der linken Betthälfte lümmelte der nach wie vor mit dem Oberkörper gegen den Bettkopf lehnende und von der Hüfte abwärts in Decken gewickelte Jim.

Neben Jim lag eine unbedeckte und völlig nackte Frau. Sie war außerdem gefesselt und geknebelt. Die Frau kämpfte nicht, zappelte nicht, wimmerte nicht, rührte sich nicht einmal, aber sie lebte. Sie lag einfach eingerollt wie ein Fötus in größtmöglicher Distanz zu Jim da und starrte mit hoffnungsleerem Blick vor sich hin wie eine bis zum Rand mit Sedativen vollgestopfte Geisteskranke aus einem Krankenhausfenster.

»Warum zum Geier hast du sie hierhergebracht?«

Jim wirkte leicht gereizt. »Weil jede Frau in dieser Hinterwäldlerstadt schweinehässlich ist.« Er deutete auf die gefesselte Frau neben sich. »So eine scharfe Stadtschlampe wie die hab ich echt vermisst. Gott sei Dank hatten sich die beiden Yuppie-Ärsche für den Bau einer Ferienwohnung hier draußen in Mayberry entschieden.« Jim schnappte sich seine Zigaretten vom Nachttisch. Er zündete sich eine an und inhalierte tief.

»Du bist ein ziemlich großes Risiko eingegangen, Jim. Was, wenn der Ehemann sich zur Wehr gesetzt hätte?«

Jim lachte und verschluckte sich an seinem Lungenzug. »Ich bitte dich, Arty, du weißt ganz genau, dass er nicht das Geringste in dieser Richtung versucht hätte. Wir haben diesen Waschlappen doch praktisch schon am ersten Tag kleingekriegt.« Er seufzte und schnippte sich Aschekrümel von der Brust. »Ich hab Sehnsucht nach Philly.«

Arty dachte an ihre Mutter, den einzigen Grund für ihren Aufenthalt im westlichen Teil des Bundesstaates. »Du wirst drüber wegkommen«, sagte er.

Jim grunzte.

»Tja, weißt du, es ist nun mal, wie es ist, ob’s deinem Schwanz gefällt oder nicht.«

»Mag sein«, erwiderte Jim. »Aber wie’s in letzter Zeit um Mom steht, hätten wir sie wahrscheinlich ins Nachbarhaus verfrachten und ihr erzählen können, sie wär hier … den Unterschied hätte sie vermutlich kaum bemerkt.«

Arty ließ den Bettrahmen durch einen Kniestoß erzittern. »So schlecht geht es ihr noch nicht, du Arschgeige. Zeig gefälligst ein bisschen Respekt.«

Jim ließ den Kopf hängen und nahm einen schuldbewussten Zug von seiner Kippe. »Du hast recht. Meine Schuld.«

Arty und Jim hatten ihre Mutter nach West-Pennsylvania übergesiedelt, als sich ihr Zustand verschlechtert hatte. Sie wünschte sich, die ihr noch verbleibenden Jahre in der Nähe ihres Geburtsortes zu verbringen, und obwohl sich die Jungs zunächst dagegen gesträubt hatten, lag ihnen nichts ferner als die Absicht, ihrer dahinsiechenden Mutter einen solchen Wunsch zu verwehren. Ausgeschlossen.

ENDE DER LESEPROBE