Beschreibung

Der junge Spielmann Wolfram von Küren­berg hat ein Problem: Er leidet unter chronischem Lampenfieber und vermasselt jeden Auftritt. Von seinem Lehrmeister entlassen, findet er sich im Fahrwassser der ehemaligen Küchenmagd Krona, die den Kochlöffel gegen das Schwert getauscht hat und von großen Taten träumt. Als schließlich noch der junge Adelige Sindri aus einem Sauerkrautfass steigt, ist Wolfram schnell klar: Er ist der einzige bei dieser Truppe, der Verstand hat – und Lampenfieber ist sein geringstes Problem. Die Vorgeschichte zum großen Fantasy-­Epos "Feuerjäger" - denn auch große Helden fangen mal klein an. Von Susanne Pavlovic ist im Abrantes-Zyklus erschienen: Das Spielmannslied Der Sternenritter Feuerjäger 1: Die Rückkehr der Kriegerin Feuerjäger 2: Herz aus Stein Feuerjäger 3: Das Schwert der Königin Die Herren von Nebelheim Drei Lieder für die Königstochter

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WOLFRAMVON KÜRENBERG

DAS SPIELMANNSLIED

ROMAN

AUSDEM ABRANTINISCHENVON SUSANNE PAVLOVIC

zweite, durchgesehene Auflage

Copyright: Susanne Pavlovic 2013 Amrûn Verlag 2016

eBook-Erstellung: Corinna Rindlisbacher, www.ebokks.de

Umschlaggestaltung: Tom Jay, www.tomjay.npage.de

Bildquellen:

© Eky Chan – Fotolia.com

© gianluca90 – Fotolia.com

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www.textehexe-fantasy.com

Vorwort der Übersetzerin

Diese Geschichte hat mir mein guter Freund Wolfram während einiger lauer Sommernächte erzählt, und sie gefiel mir so gut, dass ich sie gerne einem größeren Publikum zugänglich machen wollte. Außerhalb des Königreiches Abrantes gibt es jedoch wenige Menschen, die des Abrantinischen mächtig sind – eine Sprache, die dem Mittelhochdeutschen ähnelt, was wiederum dem heutigen oberbayerischen Dialekt ähnelt.

einen Spielmanns-Eid, er habe alles genau so erlebt, wie wir es erzählen.

Ich schwöre: Er hat eine blühende Fantasie …

Bamberg, im Sommer 2013

Susanne Pavlovic

Erstes Kapitel:Eine gebadete Katze, zwei linke Hände, eine Romanze mit einem Spanferkel und das Versmaß der Erinnerung

Mein Name ist Wolfram von Kürenberg. Ich bin ein Spielmann, ein fahrender Sänger. Ich kann nicht Feuer spucken und nicht sieben Bälle gleichzeitig in der Luft halten. Ich kann auch nicht über ein Seil tanzen oder auf meinen Händen laufen.

Ich kann Geschichten erzählen. Das ist alles, und das ist eine Menge.

Das Tor aus dickem, eisenbeschlagenem Holz vor meiner Nase gehört zur Burg Rabenstein, und ich hätte wirklich gerne, dass sie es mir aufmachen, mich hineinlassen, mir etwas zu essen geben und einen Schlafplatz. Vielleicht sogar bis zum Frühling. Die letzten Nächte im Straßengraben waren empfindlich kühl. Mittags wärmt die Sonne, aber nachts kriechen einem schon die langen Finger des Winters unter die Kleider.

Man hat mich längst bemerkt, da bin ich sicher, aber es gehört zum guten Ton, einen wie mich warten zu lassen. Ich bin geduldig.

Das muss ich auch sein. Ich habe bereits meinen Rucksack abgenommen und begonnen, mich auf der Zugbrücke häuslich einzurichten, als sich endlich das Mannloch öffnet und ein Bewaffneter mir entgegentritt.

Ferinor, Schutzpatron der Spielleute! Ich will hinein in diese Burg, wo sogar die Wachleute Bratenduft in den Kleidern haben.

»Was wollt Ihr?«, schnauzt der Bratenduft.

»Ich wünsche einen guten Abend. Mein Name ist Wolfram von Kürenberg. Ich bin hier, um die Herrschaft mit alten Weisen und neuen Geschichten zu unterhalten.«

»Seid Ihr bestellt?«

»Nicht direkt. Ich bin ein fahrender Spielmann und keiner Herrschaft untertan. Betrachtet es als Glücksfall, dass mein Weg mich hierher geführt hat.«

»So«, sagt er, lässt seinen Blick an mir hinuntergehen und kann ganz klar keinen Glücksfall erkennen.

Kein prächtiges Ross, kein pelzverbrämter Mantel, keine Musikantentruppe. Ein schmächtiger, abgekämpfter Mann in zerrissener Robe. Man sieht ihm an, dass er dringend eine Mahlzeit braucht. Und ein Paar neue Stiefel, wenn es keine Umstände macht. Das Beste an ihm ist noch seine Laute aus schimmerndem Kirschholz, die er im Arm hat wie eine Geliebte.

»Ich habe nicht nur alle Winkel unseres schönen Königreiches bereist, sondern auch Reisen nach Zentallo und hinunter bis auf die Südlichen Inseln unternommen.« In meiner Fantasie, aber das muss er nicht wissen. Er muss mich nur hineinlassen, ehe der Bratenduft mich auf der Brücke umbringt. »Ich kann Euch und Eurer Herrschaft Unglaubliches berichten, von Trollen, dunklen Zauberern und feuerspeienden Drachen, und ich habe alles mit eigenen Augen gesehen.«

»So«, sagt er wieder, wenig begeistert. Ich lege noch einen drauf.

»Natürlich sind meine Reiseberichte nichts für schwache Nerven. Man benötigt ein gewisses Maß an Abhärtung, um danach ruhig zu schlafen. Üblicherweise erfreue ich die Herrschaft mit der – nun, abgemilderten Version, während ich die nackten, schockierenden und blutigen Tatsachen dem Wachpersonal vorbehalte.« Ich betone die nackten Tatsachen, nur ein bisschen.

»Hmmm«, sagt er, der Meister der einsilbigen Kommunikation. »Nun. Also, dann kommt mal rein.«

Er öffnet das Mannloch weiter, und ich schiebe mich an seinem bratenduftenden Wanst vorbei ins Innere und verberge meine Erleichterung.

Die Rabenstein hat eine beeindruckende Größe. Das Gemäuer ist ein paar hundert Jahre alt und im Rahmen der Möglichkeiten oben auf dem Felssporn immer wieder erweitert worden. In der Außenburg haben sich alle Handwerker angesiedelt, die eine solche Anlage benötigt, und noch ein paar mehr. Sogar eine zwergische Schmiede erkenne ich an den Runen über der Tür. Der Wachmann führt mich durch die engen Gassen zwischen den Hütten, und ich schlage den Mantel über meiner Laute ein wenig zurück. Die Kunde soll sich verbreiten, dass ein Spielmann angekommen ist. Die besten Bratenstücke erhält man nicht vom Tisch der Herrschaft, sondern aus der Küche.

Meine Gedanken kreisen unablässig ums Essen. Ich habe einfach zu lange nichts Vernünftiges zwischen den Zähnen gehabt. Löwenzahnsalat und Sauerampfersuppe, und seien sie auch noch so delikat zubereitet, sind in der Summe nichts als ein Maulvoll Wiese. Ich muss mich zusammenreißen, sonst werde ich nichts als Fressgeschichten von mir geben und beim Anblick eines abgenagten Hühnerknochens weinend zusammenbrechen.

Viele stellen sich das Leben eines fahrenden Sängers glorreicher vor. Ich auch; da war ich aber noch sehr jung.

Durch ein zweites Tor geht es in die Innenburg, und endlich ragen Pallas und Wohnturm vor mir auf.

»Hier entlang«, weist der Wachmann mir den Weg und gibt mich schließlich bei den Wirtschaftsgebäuden in die Obhut eines hohen, schlanken Mannes mit strengen Gesichtszügen, der mir als der Truchsess vorgestellt wird.

»Severin von Thrain«, sagt er und sieht an seiner langen Nase entlang auf mich hinunter. »Und Ihr seid …?«

»Wolfram von Kürenberg.« Ich deute eine höfische Verbeugung an. »Spielmann und Schüler des großen Volker von Alzeie. Ich bin hier, um Kunde von fernen Ländern und fabulösen Ereignissen zu bringen.«

»Und um Euren leeren Magen an unseren Töpfen zu füllen«, ergänzt der Truchsess, zieht eine Augenbraue hoch und wirkt in seiner Strenge tatsächlich ein wenig einschüchternd.

»Hm … ja, das auch. Es wäre doch schade, wenn man über dem Knurren meines Magens meine Stimme nicht mehr hören könnte, oder?«

»Das hängt ganz von der Qualität Eurer Geschichten ab.«

»Die wird Euch ganz bestimmt zusagen«, versichere ich ihm. »Ich habe schon am Königshof Kostproben meiner Kunst gegeben, zur großen Zufriedenheit meines Publikums.«

Vor zwanzig Jahren, unter König Adelbart, der von Kunst so viel verstand wie eine Kuh vom Fliegen. Also nicht gelogen, oder?

»Zu Euren besseren Zeiten vielleicht«, sagt er und mustert mich mit unversteckter Abfälligkeit. Sein Blick heftet sich an jeden Schlammspritzer auf meinem Mantel, dringt durch jedes Loch, löchert jeden Flicken, missbilligt mein unrasiertes Gesicht, meine zottigen Haare, meine knochigen Schultern.

»Die Zeiten sind hart für Künstler«, sage ich. »Alle Gedanken richten sich auf einen möglichen Krieg mit Zentallo, und niemand sucht die Zerstreuung, die aber gerade in angespannten Zeiten so wichtig ist.«

»Und warum sollte es an diesem Hof anders sein?«

»Lasst mich erzählen«, bitte ich ihn und bemühe mich, nicht allzu verzweifelt zu klingen. »Gönnt Euch und Eurer Herrschaft ein wenig Ablenkung vom harten Kriegsgeschäft. Ich verspreche, es wird Euren Geist erfrischen.«

»Ihr seid es, der zuerst erfrischt werden muss. Ihr stinkt.«

»Oh«, sage ich betroffen. Ich hätte nicht gedacht, dass man die Nacht im Ziegenstall noch riecht, nach so viel Regen.

»Reinigt Euch, und legt Eure gute Kleidung an«, befiehlt er mir. »Danach werdet Ihr mir eine Kostprobe Eures Könnens geben, und wenn ich es als angemessen empfinde, werde ich Euch der Herrschaft zu Gehör bringen.«

»Nur zu gerne, und ich danke Euch sehr. Allerdings … hm … das hier ist bereits meine gute Kleidung.«

Er seufzt und zeigt die Leidensmiene einer über die Maßen gequälten Kreatur.

»Ich werde Anweisung geben. Etwas wird sich finden, was das Auge weniger beleidigt als die Fetzen, die Ihr Eure gute Kleidung nennt.«

»Ich danke Euch und rühme Eure Großmut«, sage ich. Ich habe kein Problem, mich selbst zu erniedrigen, wenn dafür ein neuer Mantel herausspringt.

Ich werde an den Küchenmeister weiter gereicht, einen freundlichen, haarlosen Menschen mit Froschaugen und einem guten Herzen, denn er versorgt mich mit Brot und Käse, während ich darauf warte, dass das Wasser für meine Reinigung im Kessel heiß wird.

Es ist eine Weile her, seit ich es zuletzt bis in eine Burgküche geschafft habe. Die Tore der Burg Hohenfels eine Wochenreise südwärts sind mir verschlossen geblieben: Man wollte mir nicht glauben, dass ich nicht von den Rabensteinern geschickt bin, um den Brunnen zu vergiften. Auf Scharfeneck trug man Trauer und hatte keinen Sinn für Geschichten. Was dazwischen lag, waren Heuschober, freundliche, aber arme Bauern und gelegentlich ein Gasthaus, in dem ich Geschichten gegen Bier und Gerstenbrei tauschen konnte. Kein Wunder, dass nichts zwischen meinem Herz und meinem Hemd ist als ein paar Rippen.

In der Burgküche herrscht reger Betrieb. Das Abendessen wird vorbereitet, und eine Vielzahl von Düften umweht mich, während ich mich mit meinem Käsebrot beschäftige und versuche, nicht allzu gierig zu wirken. Kleckse von dickem, gelbem Brei werden in schwimmendem Fett ausgebacken, während sich nebenan ein halbes Schwein am Spieß dreht. Würste und Käse werden aufgeschnitten und mit Essig und Zwiebeln angerichtet. Honig wird in Sahne verrührt und über kleine, dunkle Kuchen gegeben. Die Küche selbst hat eine niedrige, rußgeschwärzte Decke, die auf dicken Balken ruht, und ist geräumig genug, dass ein Dutzend Bediensteter gleichzeitig seinen Aufgaben nachgehen kann. Die Luft ist warm und ein bisschen rauchig, und in Gedanken preise ich Ferinor, der so freundlich für Reichtum auf dieser Burg gesorgt hat. Vielleicht, wenn ich es geschickt anstelle und eine Fortsetzungsgeschichte auswähle, kann ich einen Aufenthalt von einigen Tagen einrichten. Ich gehe mein Repertoire an Drachen- und Rittergeschichten durch, eben das, womit der Adel sich einen langen Abend aufhellen will, und fühle mich schon selbst beinahe wie in einer Drachenhöhle, mit all dem Rauch in der Nase.

Rauch?

Ich lehne mich auf meinem Hocker nach vorne und gucke mal ums Eck.

»Himmel, Arsch und Zwirn!«

Wer da so unfein flucht, ist eine dralle blonde Magd mit einem dicken Zopf, den sie ärgerlich über die Schulter nach hinten schleudert. Mit großen Schritten eilt sie zum Herd, wo dicker, schwarzer Rauch aus einem Topf quillt. In ihrer Eile wickelt sie sich lediglich ihre Schürze um die Hände und reißt dann den Topf von der Feuerstelle, doch ihre Schutzmaßnahmen reichen nicht aus. Mit einem Schmerzlaut lässt sie den Topf los. Der kommt schief auf der gemauerten Kochstelle zu stehen, kippt und stürzt um. Eine dünne, schwärzlich verfärbte Soße, in der undefinierbare Klumpen treiben, ergießt sich über den Herd und den sauber gefegten Steinboden. Die Magd springt rückwärts und gibt ein paar weitere blumige Flüche von sich.

Ich lasse meine Mahlzeit liegen, bin mit ein paar Schritten am Herd und rette den Topf vor dem Absturz.

»Heiß!«

Ich schüttele meine Finger, während die Magd über ihre Handfläche pustet.

»Vorsicht«, sagt sie finster. »Heiß.«

»Ja. Danke für die rechtzeitige Warnung.«

Düster starrt sie hinunter auf die schwarz verkohlten Reste einer wie auch immer gearteten Mahlzeit. Der scharfe Geruch von Verbranntem liegt in der Luft. Langsam verzieht sich der Rauch.

»Alle Götter«, sagt sie. »Das wird richtig Ärger geben.«

»Es war ein Versehen«, versuche ich zu trösten. »Das kann vorkommen, oder nicht?«

»Ja, aber bei mir kommt es einfach zu oft vor. Ich bin ein Tollpatsch und habe zwei linke Hände. Und zwei linke Füße, wie Waldo immer wieder gerne betont.«

»Der Küchenmeister?«

Sie nickt düster.

»Ich hasse es«, erklärt sie entschieden. »Ich hasse mein Leben.«

»Götter!«, faucht Krona. Sie steht vor mir, und die Kraft ihrer Wut lässt mich schaudern. »Wie ich mein ganzes beschissenes Leben hasse!«

»Das tun wir alle gelegentlich«, sage ich. »Aber vielleicht tröstet Euch der Gedanke, dass Ihr mich soeben darauf gebracht habt, welche Geschichte ich heute Abend erzählen werde. Wenn man mich lässt, soll das heißen.«

»Ihr seid der Spielmann«, sagt sie erstaunt und sieht mich zum ersten Mal richtig an.

»Ja. Mein Name ist Wolfram von Kürenberg.«

»Ich bin Katlina.« Sie hält mir die Hand hin. »Katlina von nirgendwo, und Ihr braucht mich nicht mit Ihr und Euch anzusprechen. Ich bin nur eine einfache Küchenmagd.«

Ich nehme ihre Hand, vorsichtig in Hinblick auf mögliche Verbrennungen, und hauche einen angedeuteten Kuss darüber.

»Adel ist eine Angelegenheit des Geistes, nicht eine der Geburt«, sage ich.

Sie lacht, und ich fühle mich ein bisschen wärmer. Sie ist ein hübsches, junges Mädchen mit dichten blonden Haaren und süßen, spitzbübischen Rundungen, und ich bin zwar nicht mehr jung, aber auch noch nicht tot, und sehr empfänglich für ihr frisches Lächeln.

Ich deute hinunter auf die schwarzen Suppenreste. »Was meinst du? Wollen wir die Spuren beseitigen?«

Kurz darauf knien wir mit einem Wassereimer und ein paar Lumpen auf dem Boden und wischen auf. Ich bin noch ganz beschwingt von ihrem Lächeln, und ich spüre, wie mir plötzliche überschüssige Wärme die Wangen rötet, als sie mich wieder anspricht.

»Dein Name passt zu dir«, sagt sie. »Du siehst aus wie ein abgerissener, hungriger Wolf.«

»Oh«, sage ich. »Ich hoffe, du hast nicht zugesehen, wie ich das Käsebrot verschlungen habe.«

Sie lacht. »Was glaubst du? Es kommen nicht jeden Tag weitgereiste Fremde auf die Burg. Natürlich musste ich dich ausgiebig betrachten.«

»Ich habe meine inneren Werte«, versichere ich ihr. »Falls du von dem Anblick enttäuscht bist.«

»Willst du ein Kompliment hören?«

»Wie gut kannst du lügen?«

Sie hängt den Putzlumpen über den Eimer und sieht mich mit unversteckter Neugier an.

»Es muss schwer sein, mit Geschichten seinen Lebensunterhalt zu verdienen«, sagt sie. »Ich habe deine Stiefel gesehen. Und deinen … hm … Heißhunger. Warum mögen die Leute deine Geschichten nicht?«

»Sie mögen sie. Sie mögen nur nicht dafür bezahlen. Sie glauben anscheinend, dass allein die Beschreibung eines Festmahles den Erzähler satt macht.«

»Warum bist du Spielmann geworden?«

»Weil mich vorher niemand auf diese Schwierigkeit aufmerksam gemacht hat«, sage ich und bemühe mich, die Bitterkeit aus meinem Lächeln zu halten. »Als ich ein junger Mann war, waren die Zeiten besser. Außerdem habe ich nie etwas anderes gelernt und nie etwas anderes lernen wollen.«

»Du kannst nicht kämpfen?«

»Mit Worten besser als mit scharfen Gegenständen.«

»Und du hast alle deine Geschichten selbst erlebt?«

»Viele. Natürlich beherrsche ich auch die alten Mythen und Legenden. Die Ovinarssaga, die Abenteuer des Hildingur, das Wargoldlied…«

»Die Geschichte von den Alten Wölfen.«

»Genau.«

»Wirst du die heute Abend vortragen?«

»Nicht wenn es nach mir geht. Wie bereits erwähnt, hast du in mir die Erinnerung an eine andere Geschichte geweckt. Eine, die ich tatsächlich selbst erlebt habe.«

»Und wovon handelt sie?«

»Von einer Frau«, sage ich und lächle ihr in die grauen Augen. »Einer starken, schönen, jungen Kriegerin. Und von der Liebe. Und von Träumen.«

»Komm schon, kleiner Wolf«, schmeichelt Sindri und gibt mir einen langen Blick aus seinen blauen Sternenaugen. »Erzähl mir eine Geschichte.«

»Das klingt großartig«, sagt Katlina. »Nicht wie der übliche Kram von Rittern und Kriegszügen und Ehre.«

»Ehre ist enthalten«, sage ich. »Eine Menge Ehre. Wenn auch nicht die Ehre auf dem Schlachtfeld. Wir waren jung, und sehr, sehr ehrenhaft.«

Mein jüngeres Ich. So neugierig, so ängstlich. So voller großer Gefühle, und die Zukunft vor mir ausgebreitet wie ein glitzernder, geheimnisvoller Schatz.

Wie lange habe ich nicht in dieses Gesicht gesehen, das aus der Vergangenheit auftaucht und einmal meines war? Ich frage mich, ob ich diesen Wolfram noch kenne, über den ich berichten will, ob er überhaupt noch in mir ist wie die beiden anderen Gefährten, die sich zeitlos in mir erhalten haben, die nicht vom Leben abgeschliffen und ihres Glanzes beraubt wurden, nicht in meiner Vorstellung, wo sie ewig jung sein werden.

Ein Treffen mit alten Bekannten und Unbekannten wird es werden, eine Reise in die goldenen Tage der Vergangenheit, und nicht ohne die süßen Töne der Wehmut.

Jemand fasst mich an der Schulter, und ich mache einen erschreckten Schritt.

»Ich darf mich wiederholen: Euer Wasser ist heiß«, betont Waldo, als spräche er zu einem Schwerhörigen oder Schwachsinnigen. Katlina grinst.

»Oh«, sage ich. »Ja. Natürlich. Entschuldigung. Ich … war in Gedanken.«

»Und welche sollen das wohl gewesen sein«, brummt Waldo. »Ihr seid ein komischer Kauz, Herr Dichter.«

Dann vergeht Katlina das Grinsen, als der füllige Küchenmeister den Topf mit den schwarz verkrusteten Resten entdeckt und den schmuddeligen Eimer mit Putzwasser, auf dem die Fettaugen schwimmen.

»Ich kann das erklären«, macht sie einen unglücklichen Versuch.

»Sie trifft keine Schuld«, sage ich schnell. »Ich habe sie von ihrer Arbeit abgelenkt mit meinen Reden von Ehre und Rittertum.«

»So«, sagt Waldo.

»Ja«, sage ich. Katlina sieht mich von der Seite an.

»Meine Geschichten sind nicht nur für die Herrschaft«, versichere ich ihm. »Sie sind für alle, die sie hören wollen. Nur manchmal verpasse ich in meinem Eifer den richtigen Zeitpunkt.«

»Was Ihr nicht sagt«, sagt Waldo, und ich entschuldige mich wortreich, bis er mich in eine enge Nische der Küche abschiebt, wo eine Wasserschüssel friedlich vor sich hin dampft und gesottener Kräuterseife auf ihre Bestimmung wartet.

Ich lege meine Kleidung ab, soweit der Anstand es mir erlaubt, tauche die Hände ins heiße Wasser und genieße die Schauer, die mir den Rücken hinunter laufen. Ich will nicht darüber nachdenken, wie lange es her ist, seit ich etwas anderes als einen Bach oder Teich zu meiner Reinigung hatte.

Mir ist klar, dass es eine Menge Dinge gibt, über die ich nicht nachdenken will. Vielleicht kann ich ja einfach eine Weile so tun, als wäre ich ein angesehener Künstler, der von Hof zu Hof weitergereicht wird.

Es tut gut, den Staub der Straße und den Duft des Ziegenstalles von der Haut zu bekommen. Ich säubere mich gründlich und reibe mir gerade mit einem groben Leinentuch das Wasser aus den Haaren, als Katlina meine dunkle Nische betritt, ein gefaltetes Kleiderbündel über dem Arm. Erschreckt ziehe ich das Tuch vor die Brust.

»Ich bin nicht angezogen«, erkläre ich überflüssigerweise. Sie lacht.

»Und verschämt wie eine Jungfrau«, sagt sie. »Keine Sorge. So abstoßend ist dein Anblick nun wirklich nicht.«

Ich räuspere an meiner Stimme herum, die sich auf halbem Wege zurück in den Stimmbruch befindet.

»Danke schön«, sage ich, so sonor wie möglich. »Aber die Sitte …«

»Hab dich nicht mit der Sitte. Hier ist etwas zum Anziehen für dich.«

Ich bedanke mich und nehme eilig das Bündel entgegen.

»Ich habe zu danken«, sagt Katlina. »Du hast mir aus der Patsche geholfen.«

»Ich bin immer gerne zu Diensten«, sage ich und habe immer noch einen peinlichen Knacks in der Stimme.

»Erweist du mir noch einen Dienst?«, fragt sie und zupft am Ende ihres Zopfes.

»Mit Freuden«, versichere ich, Ritter von der traurigen Gestalt, und klammere mich an meine Beredsamkeit wie an das Kleiderbündel, in der Hoffnung, es möge von meinen knochigen Schultern ablenken.

»Fang mit deiner Geschichte nicht an, bevor die Kuchen aufgetragen werden«, sagt sie. »Ich möchte sie so gerne hören, aber ich muss zuvor meine Arbeit machen.«

»Versprochen. Ich kann eine Mahlzeit problemlos mit kurzen Anekdoten und Balladen füllen.« Falls ich nicht beim Anblick des knusprigen Schweins ohnmächtig werde.

»Wie schön«, lächelt sie, beugt sich über das Kleiderbündel, das ich noch wie mein Erstgeborenes gegen die Brust drücke, und küsst meine soeben frisch rasierte Wange. Sie riecht jung und süß und ein wenig nach angebranntem Essen.

»Hrx«, sage ich. Oder so ähnlich. Ein rechtes Wort zu jeder Gelegenheit, das ist es, was den weitgereisten Spielmann auszeichnet.

»Bis später«, sagt sie. »Ich überlasse dich nun deinem Sinn für Sitte und Anstand, der dir ja so wichtig ist.«

»So wichtig nun auch wieder nicht«, sage ich, während ihr Kuss noch auf meiner Wange brennt, und sie lacht und geht leichtfüßig davon, um an anderem Ort etwas anbrennen zu lassen, seien es nun Töpfe oder männliche Herzen.

Meine neue Kleidung ist für einen Mann von größerer Statur gefertigt, als ich es bin, aber trotz der üppigen Leerstände adelt sie mich zum Prinzen, zumindest im Vergleich zu dem, womit ich mich zuvor bedecken musste. Ich kremple die Ärmel hinauf und überlege gerade, ob ich die prächtige Gewandung zurückzugeben habe, wenn meine Kunst nicht gefällt, und wie sehr ich das bedauern würde, als Severin von Thrain in meinem Blickfeld auftaucht.

»Fertig?«, sagt er. »Nun seid Ihr zumindest keine Beleidigung für meine Augen mehr. Wie es sich mit meinen Ohren verhält, wird sich weisen.«

Ich übe mich in Demut. Ich bin längst dem Lehrlingsalter entwachsen, habe selbst junge Spielleute ausgebildet und schätze es nicht, wie ein siebzehnjähriger Rotzlöffel behandelt zu werden, dem man die Tonleitern abprüft. Andererseits steigert das Schwein am Spieß meine Motivation enorm, und diese großartige Robe aus Samt und feinem Leinen würde ich auch gerne behalten. Also folge ich ihm eilig, als er mich mit langen Schritten in ein niedriges, kühles Gemach über der Küche bringt, das nach der Einrichtung zu schließen eine Schreibstube ist.

Er setzt sich hinter einen schweren Schreibtisch und beschäftigt seine langen, schlanken Finger mit einer blütenweißen Schreibfeder.

»Ihr könnt beginnen«, sagt er.

Ich stehe mit meiner Laute und meiner neuen Robe mitten im Raum und komme mir für einen Augenblick verloren vor, ehe die Routine meiner Profession greift. Ich kann vor jedem Publikum spielen und erzählen, seien es nun betrunkene Bauern, feinfühlige Hofdamen oder ein säuerlicher Mensch mit reduzierten Umgangsformen.

Ich greife ein paar Akkorde und stimme behutsam nach.

»Hegt Ihr eine bestimmte Vorliebe?«, frage ich, doch er winkt ungeduldig ab.

Die Erfahrung lehrt nicht nur, vor jedem Publikum spielen zu können, sondern auch, für jedes Publikum die passende Geschichte zu erspüren. Dieser Truchsess scheint gar zu angetan von seinem Intellekt und Scharfsinn, mit Rittern und Drachen braucht man ihm nicht zu kommen. Ich gebe ihm die Kurzversion einer verwickelten Kriminalgeschichte, die uns auf die Südlichen Inseln führt, vor die Mauern von Trava, der Glänzenden Stadt, die unter der Belagerung durch die Halikanter stöhnt, während eine geheimnisvolle Serie von Mordfällen die Bürger der Stadt in Aufruhr versetzt.

Ihr mögt mir verzeihen, dass ich mich gerne reden höre. Es ist eine der wenigen Eitelkeiten, die ich mir leiste, und ich genieße mein Talent, mit dieser einen Stimme, ohne Zuhilfenahme von Zauberei, einen ganzen Stadtrat darstellen zu können, einen verängstigten Bürgermeister, einen ärgerlichen Fürsten, den jungen, ungestümen Belagerungsführer, eine unsterblich verliebte junge Bürgerliche, den Betreiber einer Gastwirtschaft und alle anderen Figuren, die mir in den Straßen Travas so begegnen, und ich wäre ein lausiger Künstler, wenn es nicht jedes Mal andere wären.

Demzufolge werde ich aber auch nicht gerne unterbrochen.

»Der junge Feldherr ist der Mörder«, sagt Severin von Thrain, gerade als ich zu einem Aufruhr im Feldherrenlager aushole.

»Wie«, sage ich. »Was? Ihr kennt die Geschichte? Aber ich habe sie selbst erfun… erlebt!«

»Ich kenne sie nicht. Ich benutze meinen Verstand. Harkan von Halikante ist die Person mit dem überzeugendsten Motiv.«

»Aber er war bei der Zusammenkunft mit dem Stadtadel, als Rosina Thalheim umgebracht wurde«, werfe ich ein. »Er hat ein wasserdichtes Alibi.«

»Er war nicht dort«, sagt Severin. »Er hat sich von seinem Zwillingsbruder vertreten lassen.«

»Von einem Zwillingsbruder war nie die Rede«, sage ich und ziehe in Gedanken meinen nicht vorhandenen Hut vor der kombinatorischen Gabe dieses Mannes.

»Aber von einem Zelt im Halikanterlager«, sagt Severin, »das niemand betreten darf. Und von einer verschleierten Person, die sogar einen Schleier über den Augen trägt, was ungewöhnlich ist für Halikanter und darauf schließen lässt, dass die verschleierte Person die gleiche auffällige Augenfarbe hat wie Harkan, und diesen Umstand verbergen möchte. Außerdem das merkwürdige Verhalten Harkans der schönen Lea gegenüber, was nur damit erklärbar ist, dass hier zwei Personen unabhängig voneinander agieren.«

Ich deute eine Verbeugung an. »Meinen Glückwunsch, Herr Truchsess. Ihr habt mich durchschaut.«

»Das war nicht sonderlich schwer«, sagt er, und im Geiste trenne ich mich schon wieder von der schönen Robe und dem Schwein, steige in meine durchlöcherten Stiefel und ziehe völlig schweinfrei von dannen, um in irgendeinem Straßengraben Hungers zu sterben.

»Für einen Mann von meiner Intelligenz«, fährt er fort und leistet sich tatsächlich etwas wie ein Lächeln. »Ich denke, wenn Ihr für heute Abend einen etwas weniger verwickelten und blutigen Stoff wählt, werdet Ihr die Herrschaft sehr gut unterhalten.«

Ich verspreche ihm alles und verschweige, dass ich bereits eine Geschichte ausgesucht habe, die ganz ohne Blut nicht auskommen wird.

»Ihr könnt gehen«, sagt er. »Die Glocke wird Euch zum Essen rufen. Findet Euch dann drüben im Langhaus ein, in der großen Halle.«

»Mit Vergnügen«, sage ich und bewege mich in demütiger Geste rückwärts zur Tür. Wenn ich schon behandelt werde wie ein Diener, will ich auch einen perfekten abgeben.

Ich finde meinen Weg zurück in die Küche, den Düften folgend, und bemühe mich, die Vorbereitungen nicht zu stören, während ich gleichzeitig Details über die Herrschaftsfamilie in Erfahrung bringe. Zwischen zwei Töpfen berichtet mir Katlina, dass Herr und Herrin ein ruhiges Leben führen und sich aus höfischem Trubel weitgehend heraus halten. Während der Edle Herr von Rabenstein seine Zeit und Leidenschaft überwiegend der Falknerei widmet und im Dienste der Vögel auch schon weite Reisen bis hinunter in die Wüsten Lande unternommen hat, pflegt die Edle Frau einen geschulten Sinn für Literatur und Musik und hat sich auch als Spenderin und Gönnerin des großen Skriptoriums in Dalen hervor getan. Zwei junge Mädchen gehören noch dem Haushalt an, die Töchter der Herrschaft, und ein halbwüchsiger Sohn, der als Knappe auf Burg Starkfels dient, zu Katlinas Bedauern, wie es scheint.

»Ich hoffe, deine Geschichte von Liebe und Ehre taugt für dieses Publikum«, sagt Katlina.

»Keine Sorge«, sage ich. »Sie taugt für alle, die nicht vergessen haben, dass sie selbst einmal jung gewesen sind. Und natürlich für alle, die ihren Weg noch vor sich haben.«

»Ja«, seufzt sie. »Ich wünschte, mein Weg würde mich einmal aus dieser Küche hinaus führen. Hinüber in die Ställe, das würde schon genügen. Ich habe lieber mit Tieren Umgang, die noch am Leben sind.«

»Du wirst meine Heldin mögen. Krona Jarkur. Ihr zweiter Name ist aus dem Orda abgeleitet, der Alten Sprache, die heute nur noch Zauberer und einige Wissenschaftler verwenden, und bedeutet Mut. Auch sie ist aus einer Küche geflohen.«

»Was du auch tun solltest, übrigens«, sagt sie und fixiert einen Punkt irgendwo über meiner Schulter. »Umgehend.«

Ich drehe mich um und stehe Nase an Nase mit Waldo, dessen Freundlichkeit spürbare Risse bekommen hat.

»Ihr haltet mein Personal von der Arbeit ab«, sagt er. »Verschwindet aus meiner Küche! Und lasst die Finger von den jungen Dingern! Schamlos, wirklich.«

»Meine Finger hatten nichts damit zu tun«, beteuere ich und vergrabe die Hände vorsichtshalber in den Taschen meiner neuen Robe. »Ich schwör’s, bei Ferinors Fiedel!«

»Packt Euch«, schnauzt er, und ich tauche unter ihm hinweg und bringe mich schleunigst in Sicherheit.

Ich habe unter anderem deshalb das siebenundvierzigste Lebensjahr erreicht, weil ich schon immer wusste, wann Rückzug die beste Verteidigung ist.

Auf der Burgmauer finde ich ein warmes, sonniges Plätzchen. Von dort aus schaue ich übers Land: den dichten, dunkelgrünen Wald, unter dessen Dach ich auf schmalem Pfad gewandert bin, den glitzernden Flusslauf der Wiesent, den ich durchwatet habe, das winzige Dorf am Fuß des Berges, in dem es immerhin einen Krug Wasser und ein paar freundliche Worte für mich gegeben hat, und der steile, mit Wald und Gesträuch dicht bewachsene Burgberg. Mit angestrengtem Auge suche ich die grünen Hänge auf der anderen Seite des Flusstales ab. Ich bin sicher, mit der Sehschärfe des zwanzigjährigen Wolfram könnte ich dort drüben auf den Felszinnen die Burg Neideck erkennen, wo ich vor vielen Jahren ein spektakuläres Hoffest erlebt habe … aber das ist eine andere Geschichte.

Und Ihr seid noch mit mir auf der Mauer? Ihr wollt die Geschichte von Liebe und Ehre hören. Verstehe. Gleich sind wir soweit.

Jetzt nämlich reißt mich schallendes Glockengeläut aus meiner Beschaulichkeit. Ich rutsche von der Mauer und verscheuche versehentlich ein paar Hühner auf meinem eiligen Weg über den Burghof.

Glücklicherweise ähneln sich alle Burgen dem Grunde nach, und ich finde die große Halle auf Anhieb. Weniger glücklich, um nicht zu sagen tragisch, ist der Umstand, dass mein knuspriges Schwein, dem ich so zärtliche Gedanken widme, vor meinen Augen den Weg in anderer Leute Mägen finden wird, während mein eigener mit dem Käsebrot schon längst fertig ist.

Tragischer Held, der ich bin, vom Ziel meiner Sehnsüchte getrennt wie Jedesil, der Königssohn, von seiner geliebten Anka.

Oder doch nicht.

»Euer Platz«, sagt Severin von Thrain, der den ständigen Zustrom und Abfluss von Menschen um die beeindruckende Tafel herum koordiniert wie ein Feldherr, und zeigt auf einen Stuhl an der Tafel. »Setzt Euch, und wartet auf meine Ankündigung.«

Ich setze mich, und mein Herz schlägt dem Schwein entgegen. Auf einer Empore am Fenster richten einige Musiker ihre Instrumente, und rund um mich füllen sich allmählich die Plätze. Ich zähle vierzehn Stühle. Offenbar ist es auf dieser Burg Sitte, Teile des Gesindes am höfischen Leben zu beteiligen, und tatsächlich fällt mir einer auf, der die Kutte der Mydalon-Mönche trägt und vermutlich als Lehrer oder Heilkundiger tätig ist, ein anderer, an dessen Stiefeln der Schlamm des Exerzierplatzes klebt, und eine rundliche Frau mit Haube, vielleicht die Kinderfrau. Ich lächle verbindlich und deute eine Verbeugung im Sitzen an, wann immer ein neugieriger Blick mich trifft, und schließlich erhebe ich mich mit allen anderen, als ein großer, bärtiger Mann mit einem Brustkorb vom Umfang eines Fasses die Halle betritt. An seinem Arm geht eine schmale, blonde Frau mittleren Alters, und ihr folgen zwei kleine Mädchen, die sich an den Händen halten, kichern und sich die Hälse in meine Richtung verrenken.

Man verbeugt sich, und ich mit, während die Herrschaft ihre Plätze an der Stirnseite der Tafel aufsucht. Mein Platz ist ziemlich weit oben auf der Seite der Edlen Frau. Kein schlechtes Zeichen.

Stühle werden gerückt, und schließlich sitzt die Herrschaft. Der Edle Herr nickt, damit wir anderen ebenfalls wieder Platz nehmen.

»Rademar Edler von Rabenstein«, sagt der Truchsess mit einer Stimme, die den Raum füllt, ohne laut zu sein. »Und Minhild Edle von Rabenstein. Gewährt diesem Spielmann die Gunst der Bewirtung. Sein Name ist Wolfram von Kürenberg, und er weiß auf kunstvolle Art zu unterhalten und die Laute zu schlagen.«

Ich erhebe mich erneut und lege ein wenig Schmelz in meine Verbeugung.

Die Edle Frau Minhild weist mit einem Blick ihre kichernden Töchter zurecht und schenkt mir dann ein huldvolles, außerordentlich liebenswürdiges Lächeln.

»Herr von Kürenberg«, sagt sie. »In wessen Diensten steht Ihr?«

»In keinen anderen Diensten als denen der Hohen Frau Literatur«, sagte ich. »Sie ist eine gestrenge und gnadenvolle Herrin und verlangt nicht weniger als vollständige Hingabe im Tausch für einen zarten Kuss.«

»Also sind es allein die Weisungen der Hohen Frau Literatur, die Euch auf die Rabenburg führen?«, fragt sie und neigt ein wenig den Kopf.

»Sie und die Kunde, dass die Kunst des Wortewebens an diesem Ort eine hohe Achtung erfährt«, setze ich mein in der Küche frisch erworbenes Wissen ein.

»In der Tat«, sagt die Edle Frau, offensichtlich angetan. »Wir schätzen die Literatur, und wir sind begierig darauf, neue Geschichten und Balladen zu hören.«

»Wir mögen aber auch die alten«, wirft der Edle Herr Rademar ein. »Hildingur und sein Kampf gegen den Großen Grend, zum Beispiel.«

»Eine hervorragende Wahl«, bestätige ich ihm. »Ein Heldenepos von wahrer Größe und hohem moralischem Wert.«

Rademar nickt und strahlt.

»Ein Lehrstück über die blutigen Grausamkeiten des Krieges«, füge ich hinzu, und Rademar fängt sich einen missbilligenden Blick von seiner Frau ein.

»So etwas wollen wir heute Abend nicht hören«, verfügt sie. »Etwas Leichtes soll es sein. Spannend, ohne zu ängstigen. Und etwas Neues.«

»Es wird mir eine Freude sein, all Eure Wünsche zu erfüllen«, sage ich, und, mit Blick auf den frustrierten Rademar: »Vielleicht möchtet Ihr das Hildingur-Epos in anderem Rahmen vorgetragen bekommen. Es wird immer wieder gerne in den Erziehungsplan der jungen Ritter und Knappen aufgenommen.« Und es ist lang. So lang, dass man es auf zwei oder drei Abende verteilen muss. Schließlich ist meine Sehnsucht nach einem Dach aus Zweigen und einem Bett aus Blättern immer noch mehr als begrenzt.

»Gute Idee«, sagt Rademar, einigermaßen befriedet. Er hat einen beeindruckenden Bass und rasche dunkle Augen über dem dichten Bart, und ich kann mir bildhaft vorstellen, wie er seine Reiter und Knappen auf dem Exerzierplatz herumscheucht.

»Etwas Beschwingtes also, für heute Abend«, sagt die Edle Minhild. »Aber zunächst setzt Euch wieder und stärkt Euch.«

Musik in meinen Ohren. Ich setze mich.

Du bist mein, ich bin dein, süßes Schwein, des sollst du ganz gewisse sein.

Meine lustvolle und äußerst befriedigende Begegnung mit dem edlen Tier nimmt seinen Lauf, während die Musiker auf ihrem Podium, weniger mit Glück gesegnet als ich, aber dafür in Festanstellung, lockere Weisen schalmeien. Das Tischgespräch ist angeregt und unzeremoniell. Man fragt mich nach den Stationen meiner Reise und nach meinen Referenzen, wobei die Geschichte vom Königshof mit zufriedenem Nicken quittiert wird. Man tauscht sich über die Falknerei und über die mangelnden mathematischen Leistungen der Töchter aus, reicht sich den Brotkorb hin und her und fühlt sich offenbar wohl. Einzig der Truchsess sitzt schweigend und streng am Tisch und schiebt das zarte Fleisch mit dem Essmesser vor sich hin und her.

Ich lehne dankend ab, als eine freundliche Magd mir zum dritten Mal Braten reichen will, und dann ist das Essen vorbei und Katlina kommt mit einem großen Brett, auf dem dunkel glänzende Kuchen um eine Kanne herum angeordnet sind, aus der es dampft.

»Einen Krug Gewürzwein?«, bietet sie mir an. »Um Eure Kehle zu befeuchten.«

Ich nehme den Wein entgegen, während um mich herum das Gespräch langsam in der Stille versickert. Ich schaue mich um. Alle Augen sind auf mich gerichtet.

Mein Einsatz.

Ich erhebe mich eilig von meinem Stuhl, nehme einen Schluck Wein und verbrenne mir in meiner Hast die Lippen. Katlina stellt das Brett in der Mitte des Tisches ab und zieht sich zurück in eine schattige Fensternische, als wäre ihr lieber, dass man ihr Bleiben nicht bemerkte.

Ich nehme die Laute und schlage ein paar Akkorde. Ich bin davon abgekommen, meine Geschichten zu singen, eine affektierte Mode, die sich nur ein paar Jahre gehalten hat, aber zur Untermalung ist mir meine Laute die Liebste.

Ich atme durch und versenke mich in die Geschichte, die ich erzählen will. Da sind sie, meine Freunde von damals, alterslos und unberührt vom Schicksal, in meine Geschichte gegossen wie Insekten im Bernstein, genauso unbeweglich, genauso ewig, genauso schön.

Und da bin ich.

Ich schlüpfe in den zwanzigjährigen Wolfram und beginne zu erzählen.

Zweites Kapitel:Ein Geschichtenfriedhof, haarige Dämonen, viel Wein und die Fesseln der Sklaverei

Die Geschichte beginnt mit einem Knall. Und einem unfeinen Fluch, der mir die Röte in die Wangen trieb. Oder vielleicht hing die plötzliche Hitze auch mit dem dampfenden Gewürzwein zusammen, der sich soeben über meine Beine und Füße verströmte.

Die Person, in deren Händen der Krug sich soeben noch befunden hatte, starrte für einen Augenblick hinunter auf die Scherben, dann holte sie mit dem Fuß aus und trat eine der Scherben gegen die Wand, dass es klirrte. Ich machte einen Schritt rückwärts, nur falls sie auf die Idee käme, als Nächstes nach mir zu treten.

Sie begnügte sich damit, mich anzuschreien.

»Meridias nackter Arsch! Was hast du dir dabei gedacht?«

»Ich? Also, ich dachte – ich dachte, ich geh mal um diese Ecke. Ich wusste nicht, dass es verboten ist, um diese Ecke zu gehen.«

Die Person, mit der ich soeben unsanft zusammengestoßen war, blitzte mich aus dunklen Augen an, als wollte sie mich an Ort und Stelle zu einem rauchenden Häuflein eindampfen. Sie war mir zuvor schon aufgefallen, allein schon durch die Tatsache, dass sie Reiterstiefel unter ihrer Schürzentracht trug. Überdies war sie hochgewachsen und hatte eine trainierte, gestählte Erscheinung, wie man sie sonst nur bei Rekruten auf dem Kampfplatz sieht. Ich fand, sie war durchaus eine ungewöhnliche Küchenmagd.

»Pass gefälligst auf, wo du hingehst«, zischte sie mich an, »und steh nicht im Weg, wenn andere Leute arbeiten!«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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