Das Stranddistelhaus - Lina Behrens - E-Book
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Das Stranddistelhaus E-Book

Lina Behrens

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Beschreibung

Das Meer hören, die Liebe sehen, die Wahrheit sagen: Im Leben von drei ganz unterschiedlichen Frauen wird die Reise nach Spiekeroog zu einem Wendepunkt. Seit ihrer Kindheit war Rieke nicht mehr auf Spiekeroog, doch nun erscheint ihr die Insel als einziger Ausweg. Die Erkenntnis, dass ihre Ehe am Ende ist und der darauffolgende Hörsturz bringen Rieke dazu, endlich innezuhalten. Wo sollte das besser gehen als in ihrem Stranddistelhaus auf der "Insel der Stille"? 1962 möchte Viola ihre kranke Mutter vor der herannahenden Sturmflut in Sicherheit bringen, aber diese weigert sich. Viola möchte endlich wissen, was auf der Insel geschehen ist: Warum würde ihre Mutter eher sterben, als die Insel zu verlassen? Im Frühling 1933 überzeugt Silvia ihren Mann Joachim davon, nach Spiekeroog zu flüchten. Da er als kritischer Journalist ins Visier der neuen Machthaber geraten ist, hoffen sie nun, sich auf der ruhigen Insel verstecken zu können … Ein bewegender Roman über die Kraft der Natur, die Bedeutung der Liebe und die Macht der Wahrheit.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Lina Behrens

Das Stranddistelhaus

Roman

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Inhalt

HinweisWidmungProlog1 Köln, 2. März 20192 Spiekeroog, 16. Februar 19623 Berlin, 30. Januar 19334 Köln, 3. März 20195 Spiekeroog, 20. Februar 19626 Lübeck, 18. März 19337 Köln, 5. März 20198 Lübeck, 28. März 19339 Spiekeroog, 21. Februar 196210 Spiekeroog, 6. März 201911 Lübeck, 31. März 193312 Spiekeroog, 24. Februar 196213 Spiekeroog, 7. März 201914 Spiekeroog, 25. Februar 196215 Lübeck, 7. April 193316 Spiekeroog, 27. Februar 196217 Gronau/Westfalen, 10. April 193318 Spiekeroog, 11. März 201919 Spiekeroog, 21. April 196220 Gronau/Westfalen, 13. April 193321 Spiekeroog, 20. März 201922 Spiekeroog, 2. Mai 196223 Spiekeroog, 7. April 201924 Spiekeroog, 12. Mai 193325 Spiekeroog, 12. April 201926 Spiekeroog, 1. Juni 193327 Spiekeroog, 30. Mai 196228 Spiekeroog, 21. Juni 193329 Spiekeroog, 14. April 201930 Spiekeroog, 29. Juni 193331 Spiekeroog, 2. Juni 196232 Spiekeroog, 29. Juni 193333 Spiekeroog, 14. April 201934 Spiekeroog, 6. Juni 196235 Spiekeroog, 30. Juni 193336 Spiekeroog, 23. April 201937 Spiekeroog, 12. Juni 196238 Hamburg, 4. Juli 193339 Spiekeroog, 1. Juni 201940 Hamburg, 8. Juli 193341 Spiekeroog, 1. Juni 201942 Spiekeroog, 13. Juni 196243 Spiekeroog, 2. Juni 201944 Spiekeroog, 13. Juni 196245 Spiekeroog, 10. Juli 193346 Spiekeroog, 2. Juni 201947 Spiekeroog, 14. Juni 196248 Spiekeroog, 3. Juni 201949 Spiekeroog, 16. Juni 196250 Spiekeroog, 2. Juni 201951 Spiekeroog, 3. August 193352 Spiekeroog, 2. Juni 201953 Lübeck, 2. Juni 2019Danksagung

Hinweis

Alle Handlungen, die im vorliegenden Roman beschrieben werden, sind fiktiv. Sie wurden angelehnt an wahre Begebenheiten der deutschen Geschichte und tatsächlich existierende Schauplätze, zum Beispiel den kleinen, von Menschenhand geschaffenen Wald auf Spiekeroog, das Friederikenwäldchen. Einige historische Personen gab es tatsächlich – ihre Handlungen und Dialoge habe ich jedoch frei erfunden.

Für Christel,

die zwischen Spiekeroog und Wangerooge ihren Frieden gefunden hat

Prolog

Als die erste Welle kam und ihre Füße bis zu den Knöcheln umspülte, zuckte sie zusammen.

Das Wasser war eiskalt, und sofort kribbelten ihre Zehen.

Bei der nächsten Welle, die an Land rollte, spürte sie einen stechenden Schmerz, der sich über beide Fußsohlen ausbreitete. Es tat weh, so früh im Jahr barfuß in der Nordsee zu stehen.

Doch der Schmerz war ihr willkommen. Er lenkte sie ab von der Leere, die sich in den Tagen zuvor in ihrem Inneren ausgebreitet hatte. Ein Vakuum, das sich nicht füllen lassen wollte. Nicht durch Vergessen, nicht durch Verdrängen, nicht durch Vorwärtsgehen.

Sie dachte an alles, was sie verloren hatte. Das Leben, das sie sich vor langer Zeit einmal ausgemalt hatte. Die Menschen, die sie verlassen hatten. Die Liebe, die ihr zwischen den Fingern hindurchgeschlüpft war wie die kleinen silbrig schimmernden Fische, die im seichten Wasser des Inseldorfteichs des Inseldorfteichs hektisch von einer Seite auf die andere schwammen, manchmal regungslos zu schweben schienen und nur eine Sekunde später verschwunden waren.

Eine weitere Welle rollte an Land. Sie bückte sich, um die Finger ins Meer zu tauchen. Das kalte Salzwasser prickelte auf der Haut. Ihre Hände wurden taub, genau wie ihre Füße. Keinen einzigen silbrigen Fisch würde sie damit zu fassen bekommen.

Sie richtete sich wieder auf, wischte sich die Hände am Stoff der Hose trocken und vergrub sie in den Hosentaschen. Mit hochgezogenen Schultern sah sie hinaus auf das graue Meer. Am Horizont türmten sich Wolken. Der Wind trieb sie vor sich her. Für einen Moment kam es ihr so vor, als stünde sie in der Mitte der Welt, während sich alles um sie herum weiterdrehte. Die Nordsee, die gegen den weißen Strand brandete. Die Wolken, die über den Himmel eilten. Die Möwen, die in langgezogenen Ovalen über ihrem Kopf hinwegflogen.

Sie schloss die Augen, und das Meeresrauschen wurde lauter. Die See zerrte an ihren Hosenbeinen, rauschte grollend heran, zischte, fauchte, brauste und zog sich dann wieder murmelnd zurück. Welle um Welle, immer derselbe Klang, derselbe Rhythmus. Irgendwo in weiter Ferne zerriss der Schrei einer Möwe die Luft.

Die Augen immer noch geschlossen, zog sie die Hände aus den Hosentaschen und legte sie sich auf die Ohren. Die Geräusche wurden leiser, erklangen nur noch gedämpft, als hätte sie den Kopf unter einem Kissen versteckt. Sie spürte in sich hinein und nahm mit Entzücken den Schmerz wahr, der sich von ihren Füßen bis hoch zur Wade streckte und sich daranmachte, über ihre Knie den Oberschenkel hinaufzuwandern. Für einen kurzen Moment hielt sie die Luft an. Dann schrie sie. Schrie alles heraus. Ihre Muskeln spannten sich an, sie krümmte sich zusammen, schrie, lauter als die Möwe über ihr, die Wellen und der Wind.

Doch kein Laut drang über ihre Lippen. Der Schrei hatte nur in ihr geklungen. Langsam nahm sie die Hände von den Ohren und öffnete blinzelnd die Augen.

Es kam ihr vor, als sähe sie das Meer zum ersten Mal in ihrem Leben.

1Köln, 2. März 2019

Rieke steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn nach links und hielt verblüfft inne. Die Haustür öffnete sich nicht. Stimmte etwas mit ihrem Schlüssel nicht? Sie nahm den Bund prüfend in die Hand und betrachtete die silbernen Zacken. Merkwürdig. Gestern Abend hatte der Schlüssel noch funktioniert. Oder hatte Gustav von innen abgeschlossen? Das war ja gar nicht seine Art.

Sie stellte den Handgepäckstrolley auf dem Absatz vor der Haustür ab und warf einen Blick in die Hofeinfahrt des frei stehenden Einfamilienhauses. Gustavs BMW stand im Carport. Er musste zu Hause sein – ihr Mann ging niemals zu Fuß, und in die Kölner Verkehrsbetriebe würde man ihn nicht unter Androhung von Gewalt bekommen.

Rieke hatte damals, vor beinahe zwanzig Jahren, als sie die Immobilienangebote lange durchpflügt hatten, nicht aus der City rausgewollt. Müngersdorf klang wie das andere Ende von Deutschland. Aber wer in Köln ein Eigenheim mit Garten haben wollte, musste Kompromisse eingehen. Irgendwann hatte die Maklerin das Exposé der zweigeschossigen Villa mit riesigem begrüntem Grundstück vorgelegt. »Scheidungsmasse«, hatte sie gesagt und gelacht. »Ihr Glück!« Rieke hatte mitgelacht und die leise Stimme in ihrem Ohr ignoriert, die gefragt hatte, ob das wohl ein schlechtes Omen sei.

Stattdessen schlugen sie zu. Es war das Jahr 2000, seit einiger Zeit standen auf allen Preisschildern zwei Währungen, und niemand konnte sich vorstellen, dass eine Dreiviertelmillion D-Mark irgendwann einmal nur noch die Hälfte in Euro wert sein sollte. 750000 waren ein super Angebot, fand Gustav, und Rieke, die keine Ahnung von Immobilienpreisen hatte und sich auch nicht sonderlich für die Finanzierung der Villa interessierte, nickte die Entscheidung ab. Sie war der langen Suche müde geworden. Gustav und sie hatten angefangen, sich umzusehen, als Rieke bemerkt hatte, dass sie schwanger war. Und seit zwei Jahren trug sie nun ihren Sohn jeden Tag mehrmals die steile Altbautreppe zu ihrer Mietwohnung in Nippes hoch. Selbst wenn Rieke eigentlich nicht in den Speckgürtel ziehen wollte, die Schlepperei des Kindes und das andauernde Ausschauhalten nach einer passenden und bezahlbaren Immobilie hatten sie zermürbt.

Also zogen sie nach Müngersdorf. Kurz darauf richtete sich Mathilde, das Au-pair-Mädchen aus Frankreich, in der kleinen Anliegerwohnung im Souterrain ein und kümmerte sich fortan um Lukas, damit Rieke wieder arbeiten gehen konnte. Nicht weil sie es musste, denn Geld war genug da. Sondern weil ihr das ewige Alleinsein mit ihrem Sohn, das Wickeln, Füttern, Spazierengehen und Bespaßen, langsam, aber sicher auf die Nerven ging. Sie liebte ihr Kind, aber an das Muttersein würde sie sich nicht gewöhnen.

Das alles war lange her. Mittlerweile war Rieke beinahe so alt wie ihre eigene Mutter, als diese Oma geworden war. In drei Jahren würde sie ihren Fünfzigsten feiern, groß und mit allem Pipapo. Vielleicht würde sie zu diesem Anlass auch Mathilde einladen. Die hatte in Avignon inzwischen ihre eigene Familie gegründet und schrieb seitdem Jahr für Jahr Weihnachtskarten, auf denen die Kinder zahlreicher und die Haare auf dem Kopf ihres Mannes weniger wurden. Riekes Sohn Lukas war nach Kiel gezogen und hatte angefangen, Meeresbiologie zu studieren. Er schrieb keine Weihnachtskarten, aber das war von einem Einundzwanzigjährigen auch nicht zu erwarten.

Rieke versuchte es ein zweites Mal mit ihrem Schlüssel, doch erneut konnte sie die Tür nicht öffnen. Genervt drückte sie auf den Klingelknopf neben dem Namensschild. Im Inneren des Hauses ertönte die Glocke. Rieke wartete einige Augenblicke, dann drückte sie noch einmal auf die Klingel. Vielleicht stand Gustav gerade unter der Dusche? Am Samstagmorgen verbrachte er immer eine Stunde auf dem Rudergerät. Wie viel Uhr war es eigentlich?

Sie zog ihr Handy aus der Tasche und warf einen Blick aufs Display. Halb elf. Trotzdem war der Himmel in dieses fahle Blau getaucht, als hätte sich die Sonne noch nicht entschieden, ob sie heute aufgehen wolle. Im Stockdunkeln hatte Rieke heute früh um fünf Uhr das Haus verlassen, und eigentlich wäre sie vor anderthalb Stunden in Barcelona gelandet. Die Demonstranten vor der Handgepäckskontrolle hatten ihre Pläne jedoch durchkreuzt.

Natürlich waren Rieke die schwarz gekleideten Menschen aufgefallen, die vor der Sicherheitsschleuse herumstanden. Mit den Jahren und den andauernd irgendwo auf der Welt stattfindenden Terroranschlägen wurde man ja misstrauischer, wenn man etwas außerhalb der Reihe sah, vor allem auf öffentlichen Plätzen oder an Verkehrsknotenpunkten. Da sich unter den wartenden Passagieren aber auch einige Junggesellenabschiede und Kegelclubausfahrten befunden hatten, hatte sie den Gedanken schnell verworfen. Bis ein Mann in einem dunklen Kapuzenpulli plötzlich die Faust in die Luft riss und brüllte: »Was wollen wir?« Und die Schwarzgekleideten schrien: »Klimagerechtigkeit!«

Rieke zuckte vor Schreck zusammen und umklammerte ihren Trolley. Dann beobachtete sie fassungslos, wie die Demonstranten sich beieinander unterhakten und eine Art lebende Kette vor der Sicherheitsschleuse bildeten. Weder den Mitarbeitern der Flugsicherheit noch der nach einer halben Stunde anrückenden Polizei war es gelungen, die Menschenkette an einer Stelle aufzulösen, so dass die immer ungeduldiger wartenden Fluggäste durch die Schleuse gehen konnten. Nach einer weiteren Stunde, vielen wütenden Beschimpfungen, lautstarken Auseinandersetzungen und Versuchen, die Demonstranten zum Aufgeben zu überreden, war Riekes Flieger weg gewesen.

Sie wählte Gustavs Nummer aus den favorisierten Kontakten aus und wollte ihn gerade anrufen, als sie eine Bewegung hinter der Milchglasscheibe der Haustür bemerkte. Der Riegel des Türschlosses wurde zur Seite geschoben, und die Tür ging auf.

»Marieke? Was machst du denn …?«

Rieke starrte die dunkelhaarige Frau an, die ihr geöffnet hatte. Es dauerte eine Sekunde, ehe sie Natalie erkannte, obwohl sie sich doch jeden Tag sahen. Allerdings im Büro – und nicht an ihrer eigenen Haustür.

»Ich habe meinen Flug verpasst.« Riekes Blick wanderte am schlanken Körper ihrer Assistentin hinunter. Sie konnte das, was sie sah, in keinen logischen Zusammenhang bringen. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken. Hatte Natalie irgendwas vergessen? Aber wieso in Müngersdorf und nicht im Büro? Und waren das Riekes Pantoffeln?

»Was machst du hier?«

»Ich …« Natalie öffnete die Tür ein kleines Stück. »Ich wollte sowieso gerade gehen.« Sie wandte sich hastig ab und griff nach ihrem Mantel an der Garderobe, schlang sich den Schal um den Hals und schnappte sich ihren Autoschlüssel, der auf der Kommode im Eingangsbereich lag. Beinahe, als wäre sie hier zu Hause.

»Die Pantoffeln.« Rieke nickte in Richtung ihrer Hausschuhe. Sie wusste nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Warum war Natalie an einem Samstagmorgen bei ihr daheim? Wenn sie selbst nicht zu Hause, sondern eigentlich in Spanien war?

Ein Wochenende nur für sich, das hatte Rieke sich am Ende des sehr anstrengenden letzten Jahres gewünscht, und Gustav hatte ihr vier Tage in Barcelona geschenkt, mit allem Drum und Dran. Exklusives Hotel mit riesigem Spa-Bereich, Massagen, eine private Stadtführung mit einem emeritierten Kunstprofessor, der ihr die Symbolik der Sagrada Familia erklären würde, abends eine Flamenco-Vorführung. Alles, was das Klischee bediente. Es war Gustavs Weihnachtsgeschenk an seine Frau gewesen. Rieke waren am Heiligen Abend vor Verblüffung fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Normalerweise marschierte Gustav am 23. Dezember zum Juwelier seines Vertrauens, ließ sich ein paar der teuersten Stücke präsentieren, zeigte wahllos auf eines davon und kaufte es. Glücklicherweise wusste der Juwelier, was Rieke gefiel, denn irgendwann in der Adventszeit schaute sie bei ihm vorbei und suchte sich drei Schmuckstücke aus. Der Juwelier zeigte ebendiese Auswahl Gustav, der sich wiederum für einen Mann mit gutem Geschmack hielt, denn noch nie hatte seine Frau ein Weihnachtsgeschenk nach den Feiertagen umgetauscht. Win-win für alle. Und so fiel der Barcelona-Trip mächtig aus der Reihe. Auch Sohn Lukas hatte überrascht mit den Schultern gezuckt. Doch dann hatte Rieke sich einfach gefreut. Auf den Kurzurlaub allein – und über die Tatsache, dass Gustav ihr offenbar zugehört hatte.

Bis jetzt. Jetzt war sie sich nicht mehr so sicher, wem ihr Mann mit Riekes Kurztrip nach Barcelona die größere Freude gemacht hatte: ihr oder sich selbst.

Natalie war mittlerweile in ihre Stiefeletten und den Mantel geschlüpft und hatte Riekes Pantoffeln ordentlich nebeneinander unter der Garderobe abgestellt. Sie schob sich an Rieke vorbei, murmelte: »Bis Montag«, und war verschwunden.

Mit wachsendem Zweifel sah Rieke ihr nach. Was war hier los? Sie betrat den Eingangsbereich ihres Hauses, stellte den Handgepäckstrolley in die Ecke und lief in Mantel und Schuhen den schmalen Flur entlang, der sie in den großen Wohnraum mit offener Küche, schicker Designersitzgruppe und dem frei stehenden Kamin führte, in dem ein Feuer knisterte.

»Na endlich! Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr. Waren das die Zeugen Jehovas?«

Riekes Mann saß auf der Couch und wandte ihr den Rücken zu. Auf dem niedrigen Tisch vor der Sitzgruppe stand ein Sektkübel, aus dem der Hals einer Champagnerflasche ragte. Daneben erkannte Rieke zwei schmale Sektflöten, in denen die goldene Flüssigkeit perlte.

Ein Gedanke schob sich in Riekes Bewusstsein. Er erklang leise, gedämpft, dann wurde er lauter, klarer. Als hätte Rieke zuerst die falsche Frequenz eingestellt und deswegen am Regler gespielt. Jetzt wurde er verständlich.

Gustav betrügt mich. Mit meiner Assistentin.

Sie spürte ein Ziehen in der Brust, als die Gewissheit mit aller Macht zuschlug. Dann fiel ihr linkes Ohr zu. Von einer Sekunde auf die andere hatte sie das Gefühl, jemand hätte ihr Watte in den Gehörgang gestopft.

Ihr Mann drehte sich um. Als er Rieke erblickte, erstarrte er. Nach einigen Augenblicken sagte er ruhig: »Scheiße«, beugte sich nach vorn, griff nach einer der Sektflöten und trank sie in einem Zug leer.

Rieke machte ein paar unsichere Schritte auf die Couch zu und blieb vor Gustav stehen.

Er betrachtete das leere Sektglas. Es vergingen einige Sekunden, eher er die Stimme wieder erhob. »Erinnerst du dich an das Sommerfest deiner Firma im Juni? Du hast mich mitgeschleift, obwohl ich solche Feste hasse«, sagte Gustav unaufgeregt. »Smalltalk ist einfach nicht mein Ding. Weißt du ja. Deswegen hast du vermutlich auch Natalie gebeten, sich um mich zu kümmern.«

Rieke kam es vor, als wäre die Welt, die sie umgab, in Zellophanpapier gewickelt. Alles klang dumpf, wirkte verlangsamt. Wie dickflüssiger Sirup, der zäh von einem Löffel tropfte. Sie räusperte sich. Ihr linkes Ohr war immer noch taub. »Offensichtlich haben Natalie und ich sehr unterschiedliche Auffassungen davon, was es bedeutet, sich um dich zu kümmern«, sagte sie mit belegter Stimme.

Gustav zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Nun ja.« Dann seufzte er. »Du kannst das Haus haben.«

Rieke blinzelte, sie brauchte einen Augenblick, ehe sie verstand. »Was soll das heißen? Es ist doch nur eine Affäre.«

Aus ihrem Bekanntenkreis wusste sie, dass es in einer langjährigen Ehe offenbar dazugehörte, sich irgendwann nach jemand anderem umzusehen. Das galt für die Männer wie für die Frauen, nur dass sich Letztere in der Regel nicht dabei erwischen ließen. Obwohl Rieke mehrere Freundinnen hatte, die sich während der privaten Tennisstunden nicht nur die richtige Aufschlagtechnik beibringen ließen, hatte sie eine Bettgeschichte für sich immer kategorisch ausgeschlossen. Nicht dass es an Angeboten oder Möglichkeiten gemangelt hatte. Aber Rieke war glücklich mit Gustav. Sie wollte keinen anderen Mann.

»Ich möchte nicht mehr mit dir zusammen sein«, erklärte Gustav knapp. »Natalie und ich werden ein neues Leben anfangen. So einfach ist das.«

Rieke wurde schwindelig, und sie ließ sich langsam auf die Couch sinken. Sie wusste nicht, ob sie ihren Mann richtig verstanden hatte. »Was meinst du damit?«

»Wir lieben uns.«

Rieke starrte in den Kamin. Das Feuer zuckte hektisch und leckte an den Holzscheiten, die rot glühten. Es war warm im Raum, und Rieke trug immer noch ihre Winterjacke. Eigentlich hätte sie schwitzen müssen. Doch sie spürte nichts in sich.

Sie drehte den Kopf in Richtung ihres Mannes, der wieder angefangen hatte zu reden. Sie konnte aber nur noch die Bewegungen seines Mundes sehen. Kein Wort drang mehr an ihr Ohr, kein Geräusch von außen vernahm sie. Lediglich ein tiefes Rauschen war zu hören. Rieke legte beide Hände auf die Ohrmuscheln und nahm sie wieder weg. Doch sie hörte nur noch den Laut in ihrem Inneren – und ihren eigenen, hastigen Atem.

Gustav wirkte mit einem Mal besorgt. Rieke sah, dass er die Augenbrauen zusammenzog und sich zu ihr vorbeugte. Mit der linken Hand berührte er ihren Oberarm.

»Ich kann dich nicht hören!«, sagte Rieke, ohne dass sie den Klang ihrer eigenen Worte vernommen hätte. Sie kniff die Augen zusammen, beugte sich nach vorn, atmete tief durch. Als sie sich wieder aufrichtete, hörte sie jedoch immer noch nichts. Nichts als diesen tiefen, sonoren Ton, der aus der Tiefe ihres Kopfes zu kommen schien.

Der Druck in ihrem Ohr wurde stärker, und auch der Schwindel nahm zu. Ihr Herz raste. Gustav stand von der Couch auf, das Handy am Ohr, sein Gesichtsausdruck wirkte nervös, mit einer Hand gestikulierte er. Unruhig tigerte er vor der Fensterfront zum Garten hin auf und ab, vor dem graublauen Himmel, der wie die Rückwand einer Theaterkulisse wirkte, und vielleicht war das alles ja auch nur ein falsches Spiel, eine Szene aus einem anderen Stück, in das Rieke aus Versehen hineingelaufen war.

Als ihr Mann das Telefonat beendet hatte, kam er zurück und setzte sich neben Rieke. Er sagte etwas zu ihr, was sie nicht verstehen konnte. Mit wachsender Angst und flacher Atmung versuchte sie, von seinen Lippen abzulesen. Er tippte eine Nummer ins Handy und hielt ihr das Display hin: 112. Gustav drückte auf das grüne Hörersymbol und sprach kurz mit jemandem, vermutlich der Einsatzzentrale. Danach wandte er sich wieder Rieke zu. Sein Mund formte Worte, die ihre Ohren nicht verstanden.

Rieke spürte die Panik in sich aufsteigen. Ihr Blick wurde eng, genau wie ihre Kehle. Sie legte sich die Hand auf den Brustkorb und atmete tief ein und aus.

Wie durch eine Nebelwand bekam sie mit, dass Gustav ein weiteres Mal von der Couch aufgesprungen und in die Küche geeilt war. Er kam mit einer Plastiktüte wieder, die er ihr vors Gesicht hielt. Als sie nicht begriff, was sie damit tun sollte, bedeutete er ihr, dass sie in die Tüte atmen solle.

Rieke ergriff die Plastiktüte und saugte Luft durch die schmale Öffnung ihrer Finger ein und aus. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass ihr Mann etwas in sein Handy tippte. Dann hielt er ihr das Display hin. Dort stand: Du hast eine Panikattacke. Wir bringen dich ins Krankenhaus.

Wir?, dachte Rieke noch und erkannte im selben Moment Natalie, die über den Garten auf die große Fensterfront zugerannt kam und die Terrassentür aufschob.

Rieke dachte: Was macht die denn schon wieder hier?, und nahm einen weiteren tiefen Atemzug aus der Plastiktüte.

Sie starrte Gustav hinterher, der aufstand, auf Natalie zulief und in einer Geste, die Rieke so vertraut und zärtlich vorkam, dass sie vor Schreck die Luft anhielt, in eine Umarmung zog.

Dann brach die Dunkelheit über sie herein.

2Spiekeroog, 16. Februar 1962

Plötzlich verstummte das Radio. Die Glühbirne der Deckenlampe zitterte noch ein letztes Mal, dann knallte es einmal kurz, ein Blitz erhellte den Raum, und der Strom war weg.

»Ich habe Streichhölzer«, sagte ihre Mutter.

Kurz darauf flackerte das Gesicht Cäcilias in der Dunkelheit auf. Viola beobachtete sie dabei, wie sie sich nach vorn beugte, das Streichholz gegen den Docht hielt und die Kerze entzündete.

»Sicher ist der Strom auf der ganzen Insel ausgefallen«, meinte Violas Mutter ruhig, während sie das Streichholz auswedelte.

»Wir hätten dich aufs Festland bringen sollen. Spätestens gestern mit der letzten Fähre.«

Ihre Mutter warf Viola einen langen Blick zu und erwiderte knapp: »Ich habe dir gesagt, dass ich bleibe.«

Viola nickte ergeben. Bei jedem anderen hätte sie zu diskutieren angefangen, ziemlich sicher wäre es dabei sogar lauter geworden. Aber bei ihrer Mutter konnte sie es nicht. Seit dem Tag vor fast einem Jahr, an dem der Arzt ihnen mitgeteilt hatte, dass Cäcilia ein Plattenepithel-Karzinom am seitlichen Zungengrund hatte, war es Viola unmöglich, sich mit ihrer Mutter zu streiten. Wofür Cäcilia allerdings mitverantwortlich war. An ihr perlten jeder Vorwurf und jede Einladung zum Streit seit jeher ab wie der Wassertropfen an einer Lotusblüte. Der Zungenkrebs hatte diese Eigenschaft nur mehr verstärkt. Welch Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet das Organ von der Krankheit befallen war, das Cäcilia so ungern nutzte. Als hätte ihr Körper beschlossen, ihrer unausgesprochene Bitte, sich nicht mehr mitteilen zu müssen, endlich nachzugegeben.

Der Wind schlug gegen die einfach verglasten Fenster und ließ das Glas im Rahmen knacken. Im Verlauf der letzten Tage war das Pfeifen und Sausen schlimmer geworden. Heute zog der Sturm allerdings eine neue Saite auf. Er blies so heftig, dass iol den kalten Luftzug spürte. Sie saß neben ihrer Mutter auf dem alten Federkernsofa, dessen mitternachtsblauer Damastbezug sie an ihre Kindheit erinnerte. Solange sie denken konnte, stand dieses Sofa schon in der guten Stube der Mutter, direkt gegenüber des niedrigen Musikschranks mit den gelben Schiebetüren. Hinter der rechten Tür verbarg sich eine kleine Bar, in der seit Jahr und Tag dieselben Spirituosen und Schnapsflaschen auf ihre Leerung warteten. Hinter der linken befand sich ein Plattenspieler, den Cäcilia nur benutzte, wenn sie ihre Lieblingsplatten von Hildegard Knef oder Marlene Dietrich hörte und meinte, ihre Tochter bekäme es nicht mit. Dann stellte sie sich in die Mitte des Raums, legte die Arme um den Oberkörper, so dass es, je nach Winkel, aussah, als werde sie von jemand anderem gehalten, legte den Kopf schief und wiegte sich im Takt der Musik von links nach rechts. Niemals hatte Viola ihre Mutter mit jemand anderem als mit sich selbst tanzen sehen. Nicht einmal beim Tanz in den Mai, wenn sich einige der hartgesottenen Junggesellen dazu überreden ließen, die alleinstehenden Frauen zu einer flotten Sohle aufs Parkett zu bitten, sagte sie ja. »Ich tanze nicht«, meinte Cäcilia schlicht, und nach einigen Jahren waren die Aufforderungen weniger geworden, bis sie schließlich ganz versiegten.

»Sie haben das Tief Vincinette genannt. Das heißt ›die Siegreiche‹.« Cäcilia lächelte schmallippig. »Hatte Napoleon also doch recht. Le plus grand péril se trouve au moment de la victoire.«

»Was heißt das?«

»Der gefährlichste Augenblick kommt mit dem Sieg.«

Viola schmiegte sich enger in die Wolldecke, die ihre Mutter im letzten Winter fertig gestrickt hatte, und schloss die Augen. Sie wusste nicht, wann und wo Cäcilia Französisch gelernt hatte. Möglicherweise in der Schule? Oder sogar auf der Universität? War ihre Mutter eine der wenigen Frauen nach dem Ersten Weltkrieg gewesen, die hatte studieren dürfen? Wo kam sie her? Wer waren ihre Eltern? Cäcilia erzählte niemals aus ihrer Vergangenheit. Weder über Menschen noch über Orte oder Begebenheiten. Manchmal kam es Viola so vor, als wenn alles, was vor ihrem Geburtsjahr stattgefunden hatte, von einer schwarzen Wolke verschluckt worden wäre. In den dunkelsten Stunden fragte sie sich sogar, ob ihr Vater ein Nazi gewesen war und ihre Mutter deshalb nicht über ihn sprach.

Das Einzige, dessen sie sich gewiss war: Cäcilia war gebildet. Viel gebildeter, als es von einer Frau zu erwarten war, die das obere Geschoss ihres einfachen Hauses an Urlaubsgäste vom Festland vermietete und so ihr schmales Einkommen sicherte.

Das Radio knisterte. Wenige Sekunden später ging der Strom im Haus wieder an, nur die Deckenlampe blieb dunkel. Viola sprang auf und suchte mit dem Regler nach dem Sender – die Nachrichten waren ihr wichtiger als die Suche nach einer neuen Glühbirne. Nach einigen Augenblicken hatte sie die Frequenz von Norddeich-Radio gefunden. Die Sturmwarnung wurde verlesen.

»… werden Böen bis Windstärke zwölf an der mittleren Nordsee und in der deutschen Bucht erwartet. Das hydrographische Institut warnt von einer Sturmflut. Das Nachthochwasser kann bis zu vier Meter siebzig über Normalnull steigen …«

Viola drehte den Lautstärkeregler höher, aber da war die Meldung auch schon vorbei, und das reguläre Musikprogramm ging weiter. Lale Andersen sang von einem Schiff, das kommen werde.

»Müssten die die Küste nicht längst evakuiert haben?« Viola schaltete das Radio ab und drehte sich zu ihrer Mutter um.

Die saß mit untergeschlagenen Beinen in einer Ecke des Sofas, das zugeklappte Buch ihres Lieblingsschriftstellers Johannes Mario Simmel in der Hand. Es muss nicht immer Kaviar sein hatte Viola ihrer Mutter letztes Jahr, kurz nach Erscheinen, zu Weihnachten geschenkt. Seitdem hatte Cäcilia es mindestens schon dreimal gelesen, allein in Violas Anwesenheit.

Cäcilia verkniff den Mund. »Es ist nur ein Sturm. Nicht das Ende der Welt.«

»Mama! Auf Helgoland gab es bereits Tote. Wangerooge droht auseinanderzubrechen. Und das Schlimmste soll erst noch kommen!«

Ihre Mutter seufzte, klappte das Buch auf und suchte nach der Zeile, die sie zuletzt gelesen hatte. »Ich weiß wirklich nicht, woher du diese Neigung zur Hysterie hast.«

Viola schwieg. Sie wusste, würde sie nachhaken und ihre Mutter nach ihrem Vater fragen, würde die sich verschließen wie eine Auster und in den nächsten zwei Tagen keinen Ton mehr von sich geben. Und zwei Tage konnten sehr, sehr lange werden, wenn das schlimmste Sturmtief seit Aufzeichnung der Wetterdaten über die Nordsee peitschte und es für eine unbestimmte Zeit unmöglich machte, das Haus zu verlassen.

Zum Glück hatten sie alles da, was sie für eine Woche brauchten, selbst wenn sie eingeschlossen wurden. Zwar waren die Vorräte am Ende des Winters schon ziemlich aufgebraucht, und nur noch einige Gläser mit in Essig eingelegten Gurken, Roter Bete und Kohl standen neben Kirschkompott, Weißdornmarmelade und einigen Tiegeln Honig im Vorratsraum neben der Küche. Viola hatte deshalb vorgesorgt, selbst wenn Cäcilia darüber die Augen verdrehte. Einerseits weil sie Konserven aus dem Supermarkt verschmähte, andererseits weil sie nicht glaubte, dass Vincinette ihnen mehr zusetzen würde als die Stürme der vergangenen Winter. Der Heizöltank im Keller war noch halb voll, der Ofen in der guten Stube wurde mit Holz angefeuert, und wenn sie eine Woche lang mal nur kaltes Wasser hatten, würde die Welt davon schon nicht untergehen.

Aber was würden ihnen Gurken und Heizöl nutzen, wenn die Deiche brachen und das Dorf überschwemmt würde?

Viola schüttelte den Gedanken ab. Es war sinnlos, sich über etwas den Kopf zu zerbrechen, was sie ohnehin nicht ändern konnte. Cäcilia würde Spiekeroog nicht verlassen. Vermutlich nicht einmal dann, wenn die Insel, deren Form Viola nicht an einen Spieker, also einen Nagel, sondern an eine Garnele erinnerte, tatsächlich in zwei Stücke brach. Dann würde Cäcilia auch nur mit den Schultern zucken und sich für eine Seite entscheiden.

Es klopfte an der Tür. Violas und Cäcilias Blicke trafen sich.

»Erwartest du Besuch?«, fragte die Mutter mit einem halbherzigen Lächeln. Immerhin den Humor hatte sie nicht verloren. Trotz allem.

Viola sprang auf, eilte zur Tür und riss sie auf. Eine Windböe schlug ihr ins Gesicht und brachte einen Schwall Regenwasser mit sich. Zuerst erkannte Viola den Mann nicht, der triefend nass vor der Haustür stand. Er war in einen schwarzen Regenmantel gehüllt, an dem das Wasser in kleinen Bächen die Falten entlang nach unten rann. Dann hob er den Blick.

»Friedhelm! Komm rein.« Sie zog ihn in den Flur. Um seine Füße breiteten sich Pfützen aus, die sich sofort gierig in den Teppich hineinfraßen.

Der Bürgermeister wischte sich den Regen von der Stirn. »Los, packt eure Sachen.«

Ohne zu antworten, drehte Viola den Kopf in Richtung ihrer Mutter. Die schlug demonstrativ das Buch zu und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Es ist nur ein Sturm, Friedhelm. Stürme gibt es bei uns jedes Jahr.«

»Aber nicht so einen. Die Meteorologen haben die höchste Alarmstufe ausgerufen. Ein Teil des Nordstrands ist schon weggebrochen. Wir wissen nicht, ob die Deiche halten.« Er breitete die Arme aus. Hilflos, wie Viola fand. »Cäcilia.«

»Im Radio haben sie nichts …«

»Im Radio sagen sie nichts, weil sie es nicht besser wissen, diese Hohlköpfe!«, rief Friedhelm mit einem Mal.

Viola sah ihn entsetzt an. »Mama«, flüsterte sie leise. »Bitte.«

Doch ihre Mutter schwieg.

»Gibt es denn eine offizielle Warnung?«, wollte Viola wissen.

»Soweit ich weiß, nicht. Wenn du mich fragst, müssten sie alles bis Hamburg evakuieren, aber ich habe noch nichts dergleichen gehört. An der Küste denken sie wohl mal wieder, das Meer hätte nichts mit ihnen zu tun.« Friedhelm strich sich mit der Hand durchs Haar, so dass es zu allen Seiten abstand. »Wir gehen aber kein Risiko ein. In einer Stunde kommt der Bundeswehr-Helikopter aus Esens. Es wird der letzte für ein paar Tage sein, nehme ich an.«

Viola schlang die Arme um ihren Oberkörper. Sie fröstelte. »Ein Helikopter? Warum das denn?«

»Swantje Groth kann jeden Moment niederkommen. Die in der Klinik wollen kein Risiko eingehen.« Friedhelm blickte wieder zum Sofa. »Und du fliegst mit.«

»Ich werde nichts dergleichen tun«, antwortete Cäcilia ruhig und schlug das Buch wieder auf.

Friedhelm machte einen Schritt in die gute Stube hinein. Seine Gummistiefel drückten sich tief in die Auslegeware und hinterließen sichtbare Spuren. »Das ist kein Spaß mehr, Cäcilia. Bäume sind bereits entwurzelt worden! Dächer fliegen durch die Luft. Am Bahnhof bröselt der Deich wie Sandkuchen, der hält nicht mehr lang. Da draußen ist der Teufel los!«

»Ich habe gesagt, ich bleibe hier.«

Viola starrte ihre Mutter an, die sich an den Bürgermeister wandte.

»Lass gut sein, Friedhelm. Es hat keinen Sinn.«

Für einen Moment sahen sie sich in die Augen. Er nickte, schlug den Kragen des Regenmantels hoch, so dass die Wassertropfen spritzten, und drehte sich mit einer schnellen Bewegung um. »Wie du meinst.«

Als die Tür ins Schloss fiel, starrte Viola noch einen Moment auf die Wasserlachen, die in den Teppich eingesickert waren. Hoffentlich würde von der Insel am Ende dieser Nacht mehr übrig bleiben als eine dunkle Kontur auf der Landkarte.

3Berlin, 30. Januar 1933

Das Erste, was ihr auffiel, war der orangerote Umriss der Fackeln. Wie ein glimmender Mantel hatte er sich über den Männern ausgebreitet, die Seit an Seit, in vielen, unendlich vielen Reihen hintereinander, wie es aussah, im Gleichschritt vom Brandenburger Tor aus die Straße entlangmarschierten.

Silvia, die eben noch in die Zeichnung Mutter mit Kind auf dem Arm von Käthe Kollwitz versunken gewesen war, trat an eines der Fenster der Akademie der Künste und starrte hinaus auf die Wilhelmstraße. Wie eine schwarz glänzende Lavamasse, die sich gierig einen Kraterhang hinunterfraß, schoben sich die Männer von der SA durch die Straßenflucht. In den Pfützen auf dem Bürgersteig reflektierten die unzähligen Fackeln, die sie über ihren Köpfen hielten. Die Truppen schritten voran, Meter um Meter im selben Rhythmus, nahmen auch die Trottoirs und Bürgersteige in Beschlag. Einige Passanten drückten sich in Hauseingänge oder eilten vor der Sturmflut hastig davon. Andere blieben stehen und beobachteten den Triumphzug.

»Joachim?« Silvia drehte sich zu den Ausstellungsräumen um.

Er streckte den Kopf durch den Türausschnitt und kam auf sie zu. »Hast du die wunderbaren Bronzeskulpturen gesehen? Die sind …« Joachim verstummte, trat mit weit aufgerissenen Augen und fassungslosem Gesichtsausdruck ans Fenster und blickte hinaus. »Um Gottes willen.«

Silvia ergriff seine Hand und drückte sie fest. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Jetzt war es also geschehen. Hitler war an der Macht. Während die restlichen Parteien in Deutschland zankten, hatte sich dieser Unmensch einfach das genommen, was ihm seiner Meinung nach zustand.

»Komm!« Joachim packte sie bei der Hand und zog sie mit sich. Silvia wollte protestieren, doch sie wusste, dass es zwecklos war. Ihr Mann würde sich den Anblick dieses Triumphzuges garantiert nicht entgehen lassen.

Mittlerweile waren auch die anderen Besucher der Akademie der Künste an die Fenster getreten und sahen durch die Scheiben auf die Straße hinunter. Hinter Joachim flog Silvia die Treppenstufen hinab, sprang vorbei am Pförtner, der ihnen erstaunt hinterhersah, den Mund zu einem O geformt. Ihr Mann stieß die schwere Eingangstür auf und trat in die kühle Januarluft. Silvia blieb wie vom Donner gerührt stehen, als die Klänge an ihr Ohr drangen.

Es waren Trommeln, die zum Marsch auf die Demokratie aufriefen. Trompeten, die mit ihren Fanfaren das Ende der Zeit verkündeten. Und der Gesang der Männer. Es waren Tausende. Sie sangen wie aus einer Kehle. Und es wurden immer mehr. Der Strom, die Flut schien nicht aufhören zu wollen. Immer mehr Schwarzgekleidete kamen von links die Wilhelmstraße hinunter, marschierten im Gleichschritt über den Pariser Platz, ihr Ziel war der Reichstag, vermutete Silvia.

Dort, wo Hitler nun offenbar das Sagen hatte.

Ein Zeitungsjunge kam atemlos um die Ecke gerannt. Gegen die Laufrichtung der SA arbeitete er sich Haken schlagend über den Bordstein, vorbei an den stumm dastehenden Passanten. Als er auf ihrer Höhe angekommen war, konnte Silvia ihn rufen hören: »Extrablatt! Extrablatt! Reichskanzler Hitler!«

»Ich nehm eine!« Joachim winkte den Knaben zu sich.

Der händigte Joachim eine Zeitung aus, nahm den Groschen in Empfang und rannte weiter.

Joachim riss die Zeitung auf, machte zwei Schritte zur Seite und begann im Schein einer nahen Laterne zu lesen. Silvia indes ließ die schwarze Lavaflut nicht aus den Augen. Es waren so viele! Ihr Herz schlug schnell, ihre Atmung war flach. Sie wusste, dass ihr Körper in eine Angststarre verfallen war, wie ein Karnickel im Angesicht des weit aufgerissenen Schlunds einer Schlange. Ihre Sinne spielten verrückt. Sie meinte, die Furcht zu riechen, die von ihr ausströmte, und befürchtete zugleich, die marschierenden Männer würden sie wittern, sie aufspüren, auf ihre Spur kommen. Silvia musste unweigerlich an Bluthunde denken, die die Fährte aufnahmen und dann mit hochgezogenen Lefzen Jagd auf sie machten.

Sie blickte in Joachims Richtung. Sein Gesicht war aschfahl, der Ausdruck darin ungläubig und zugleich aufs tiefste verstört.

Als er aufblickte, musste er sich kurz sammeln. »Der Reichspräsident. Er hat Hitler zum Reichskanzler ernannt.«

Silvia schlug sich die Hand vor den Mund. Also war Wirklichkeit geworden, was sie seit Monaten befürchtet hatten.

Ihr Blick saugte sich am Strom der Männer fest. Die polierten Lederstiefel, deren harte Absätze im Gleichschritt auf den Asphalt schlugen, die Trommeln, die den Rhythmus der Marschierenden vorgaben, die Heilrufe, die die Nacht zerrissen. Alles verschwamm in ihrem Kopf zu einer schrecklichen Kakophonie des Grauens, wurde lauter, immer lauter und kam mit jeder Sekunde näher an sie heran. Sie spürte einen Druck auf ihrem Kehlkopf wie eine kalte Hand, die sich um ihren Hals legte und zudrückte. Silvia japste nach Luft und wandte sich ab.

»Geht es dir gut?«, fragte Joachim besorgt.

Sie nickte. Plötzlich nahm sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr und riss den Kopf herum. Mit einem Mal meinte sie, einen Mann zu sehen, der sich aus der skandierenden Masse löste. Er kam auf sie zu, geradewegs, ohne zu zögern, zog seinen Knüppel aus dem Bund, hob ihn in die Luft und holte aus, um ihn auf sie niedersausen zu lassen.

Sie zuckte zusammen, hob die Hände schützend vor das Gesicht und wartete auf den Schlag. Doch er blieb aus. Als sie die Augen zögerlich wieder öffnete, war da kein Mann von der SA, der auf sie zugelaufen war. Er hatte nur in ihrer Vorstellung existiert.

Noch.

Joachim packte sie am Arm und zog sie zurück in die Eingangshalle der Akademie. Immer noch hielt er die Zeitung in der Hand. Entgeistert blickte er sie an. Dann zündete er mit zitternden Händen eine Zigarette an und inhalierte tief.

»Du hast doch erst vor ein paar Tagen noch gesagt, dass der Nazispuk bald schon ein Ende finden wird.« Silvia senkte die Stimme – was in Anbetracht des Höllenlärms vor der Eingangstür des Museums unsinnig war. Doch sie lebten in Zeiten, in denen es manchmal besser war, nicht alles laut auszusprechen, was einem durch den Kopf ging. »Und stand es nicht erst noch in der Neujahrsausgabe des Simplicissimus?«

Joachim nickte langsam und zitierte tonlos: »›Eins nur lässt sich sicher sagen … Hitlern geht es an den Kragen.‹« Er blickte Silvia aus großen braunen Augen an. »Offensichtlich haben wir uns geirrt.«

Sie stand sprachlos da, während sie den an ihnen vorbeiziehenden Horden hinterherschaute. Gerade stimmten sie das Deutschland-Lied an. »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt.« Silvia lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter.

»Aber sie haben bei der letzten Wahl doch sogar Stimmen verloren.«

Joachim lachte trocken auf und trat seine Zigarette aus. »Stärkste Partei war die NSDAP immer noch.« Er knüllte die Zeitung zusammen. »Ich kann einfach nicht glauben, dass es da draußen Menschen gibt, die ihn wählen. Das ist doch heller Wahnsinn!«

»Immerhin haben sie nicht die absolute Mehrheit«, flüsterte Silvia.

»Die braucht man heutzutage nicht mehr.« Joachim klemmte sich die Zeitung unter den Arm. »Ich muss zu einem Telefon. Morgen fahren wir zurück nach Lübeck.«

Er wollte schon loslaufen, doch Silvia hielt ihn zurück. »Joachim! Du kannst doch nicht einfach …« Sie verstummte.

Ihr Mann blieb stehen und sah sie an. »Was kann ich nicht? Weiterleben? Arbeiten? Diesem Irrsinn etwas entgegensetzen? Was schlägst du stattdessen vor? Mich in einem Loch vergraben? Oder unter einem Tisch verstecken, bis das alles vorbei ist?«

Er hatte die Stimme erhoben, und Silvia trat einen Schritt auf ihn zu und legte ihm beruhigend die Hand auf die Brust. »Psst, nicht so laut. Ich will niemanden auf uns aufmerksam machen.«

Joachim sah sie einen Moment lang an, dann drehte er den Kopf weg und machte ein abfälliges Geräusch. »Wen meinst du? Die Männer da draußen? Die sind doch so besoffen von ihrer Macht, die kriegen eh nichts mit! Selbst wenn ich mich direkt vor ihnen aufbauen und ihnen ihre braunen Parolen um die Ohren hauen würde, würden sie keine Notiz von mir nehmen.«

»Joachim.« Silvia spürte, dass ihr übel wurde. Sie eilte um ihn herum und stellte sich ihm in den Weg. »Wir müssen vorsichtig sein. Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl bei alledem.«

Joachim hob die Hände. »Silvia, ich werde nicht dabei zusehen, wie mein Land vor die Hunde geht, weil dieser Verbrecher an die Macht gekommen ist! Wir brauchen eine unabhängige, mutige Presse, eine, die es wagt, auch die unangenehmen Wahrheiten auszusprechen. Es kann doch nicht sein, dass wir den Kopf einziehen und so tun …«

Er sprach weiter, schimpfte, fluchte, doch Silvia hörte die Worte nicht mehr. Beinahe mit Erleichterung, wie sie feststellen musste. Denn die Trompeten hatten eine weitere Melodie angestimmt, und einige Sekunden später quoll der Gesang durch die Straßen Berlins.

»Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen! …«

Joachim verstummte. Dann sah er Silvia lange an und nickte.

4Köln, 3. März 2019

Dr. Brückner betrachtete sie nachdenklich. »Ein Hörsturz.«

Rieke sah ihren behandelnden Arzt mit dem weißen, dichten Bart an, der sie irritierenderweise an den Weihnachtsmann erinnerte. Einen sehr strengen Weihnachtsmann. Er betrachtete sie über den Rand seiner Lesebrille und machte ein ernstes Gesicht. Sie wusste schon, warum sie Krankenhäuser nicht leiden konnte.

Sie strich die Bettdecke glatt, die über ihren Beinen lag. Die Baumwolle fühlte sich vom zu heißen Waschen hart und kratzig an. »Ist das … schlimm?«

Die Miene von Dr. Brückner wurde noch ernster. »Das kommt darauf an. Sie sind zum Glück gleich nach dem Auftreten der ersten Symptome zu uns gekommen. Das ist gut für die Heilungschancen.«

Rieke schluckte, während sie versuchte, die Störgeräusche in ihrem Innenohr zu ignorieren. Sie musste sich konzentrieren, wenn sie jedes Wort über den Lärm verstehen wollte.

Der Arzt seufzte und verschränkte die Finger ineinander. »Ich hole mal etwas weiter aus. Ein Hörsturz oder auch ›Ohrinfarkt‹ kann verschiedene Gründe haben. Virusinfektionen, Stoffwechselerkrankungen oder Verletzungen der Halswirbelsäule können ihn auslösen. Das ist bei Ihnen jedoch alles nicht der Fall.«

Rieke schüttelte den Kopf. Sie war selten krank und fühlte sich eigentlich fit. Klar, mit fast fünfzig war ihr Körper nicht mehr der einer Zwanzigjährigen. Aber sah man von ihren Knöcheln einmal ab, die am Ende eines langen Tages in Absatzschuhen schmerzten, gab es nichts, worüber Rieke sich hätte beschweren können.

»Sie haben in Ihrem Anamnesebogen angegeben, in letzter Zeit viel Stress gehabt zu haben.«

Sie lächelte spöttisch. Wenn es da draußen auch nur einen Geschäftsführer eines Medienunternehmens gab, der sich dann und wann nicht gestresst fühlte, wollte sie ihn sehen. Vor fünf Jahren hatte man Rieke, die damals noch bei einem privaten Fernsehsender gearbeitet hatte, die Leitung der Produktionsfirma angeboten. Seitdem rotierte sie rund um die Uhr. Sechzig-Stunden-Wochen waren keine Seltenheit, und es kam regelmäßig vor, dass sie erst gegen zweiundzwanzig Uhr nach Hause kam, wenn Gustav schon auf dem Weg ins Bett war. Als Leitender Oberarzt auf der chirurgischen Station verbrachte er zwar nicht mehr viele Stunden im Operationssaal, allerdings legte er großen Wert darauf, pünktlich zum morgendlichen Schichtwechsel auf Station zu sein. Deswegen stand er jeden Morgen um kurz vor sechs auf – und ging oft Stunden vor Rieke schlafen. Wenn sie sich am Morgen aus den Federn quälte, war er schon lange weg, und so hatte es in den letzten Jahren immer häufiger Wochen gegeben, in denen sich Rieke und Gustav erst am Samstagvormittag beim Frühstück sahen – wenn sie da nicht schon wieder im Büro saß, um die Dinge aufzuarbeiten, die die Woche über liegengeblieben waren.

Ja, sie hatte oft Stress – doch der war ausschließlich beruflicher Natur. Bis gestern. Da hatte sich der Stress schlagartig in ihr Privatleben ergossen. Sie dachte an Gustav. Und Natalie. Drei waren für eine Ehe einfach einer zu viel.

Dr. Brückner betrachtete seine Fingernägel. »Die wenigsten Menschen wissen, wie schädlich Stress für unseren Organismus wirklich ist.«

Rieke unterdrückte ein Seufzen. Auf eine Gardinenpredigt von einem Halbgott in Weiß hatte sie so gar keine Lust. Vermutlich war er selbst Starkraucher und hatte schon drei Bypässe.

»Wissen Sie, was in Ihrem Körper passiert, wenn Sie gestresst sind?« Der Arzt sah sie auffordernd an.

»Nein. Aber Sie werden es mir sicher gleich verraten.«

Ohne auf diesen Seitenhieb einzugehen, fuhr er fort: »Die Stressreaktion unseres Organismus sollte eigentlich mal unser Überleben sichern. Stellen Sie sich vor, Sie leben in der Steinzeit. Sie sitzen also da am Lagerfeuer, und plötzlich taucht ein Säbelzahntiger auf. Können Sie mir folgen?«

Sie blinzelte. Sie wollte wissen, welche Medikamente sie nehmen musste, und dann schnell nach Hause, um mit Gustav zu reden. Ihre Ehe stand auf der Kippe. Was zum Teufel interessierte sie da ein Säbelzahntiger?

»Frau Horch?«

Rieke riss sich von dem Gedanken los, dass ihr Ehemann die Nacht, in der sie im Krankenhaus gelegen hatte, womöglich mit Natalie verbracht hatte. In ihrem eigenen Haus … Sicher war das schon öfter vorgekommen, bei so vielen Terminen in anderen Städten, wie Rieke sie hatte. Und immer hatte sie Wert darauf gelegt, dass ihre Assistentin als Stellvertreterin in Köln blieb.

»Lagerfeuer, Säbelzahntiger. Ich bin ganz Ohr.«

»Gut. Also in dem Moment, in dem der Säbelzahntiger auftaucht, erkennt ein sehr alter Teil Ihres Gehirns, dass Sie in Gefahr schweben. Er schüttet massenhaft Hormone aus, die in Ihrem Körper eine Kettenreaktion auslösen. Ihre Reflexe werden schneller und Ihre Muskeln besser durchblutet. Und warum?«

Sie zuckte unbestimmt mit den Schultern.

»Damit Sie fliehen können.«

»Aha.«

»Der Zustand Stress ist also ein Schutzmechanismus des menschlichen Körpers, wenn man so will. Und während Sie so durch die Steinzeit rennen und sich vor der Gefahr retten, baut Ihr Körper all jene Hormone wieder ab, die ihn in Stress versetzt haben.«

Rieke sagte nichts und betrachtete die Falten ihrer Bettdecke.

»Wann sind Sie das letzte Mal vor einem Säbelzahntiger weggerannt?«

Sie hob den Kopf. »Wie bitte?«

»Im metaphorischen Sinn. Wann haben Sie das letzte Mal den Stress verarbeitet? Für Entspannung gesorgt? Sie könnten dafür tatsächlich laufen gehen, aber Meditation und Ruhe helfen genauso.«

Rieke lachte auf. »Ich habe keine Zeit …«

»Und genau deshalb haben Sie einen Hörsturz erlitten. Sie sollten in den kommenden Wochen für absolute Ruhe sorgen, wenn Sie irreparable Schäden vermeiden wollen.«

Sie seufzte und strich die Bettdecke glatt. »Ich werde es versuchen.«

»Nein, Frau Horch, nicht versuchen. Sie. Müssen. Dafür. Sorgen.«

Nun wurde sie ärgerlich. »Wie stellen Sie sich das vor? Ich bin Geschäftsführerin, ich kann nicht einfach zwei Wochen von der Bildfläche verschwinden!«

»Ich spreche auch nicht von zwei Wochen. Eher vier. Zwei Monate wären noch besser.«

Rieke sah ihn an, als würde er in einer fremden Sprache mit ihr sprechen. »Das ist unmöglich.«

»Natürlich ist es möglich. Jeder ist ersetzbar.«

Sie spürte den Stich im Herzen, bevor sie begreifen konnte, was der Arzt gerade gesagt hatte. Natürlich hatte er keine Ahnung von der Situation zu Hause – wie auch? Gustav hatte gestern bei ihrer Einlieferung in einer oscarreifen Vorstellung den besorgten Ehemann gemimt, und Natalie hatte man sicher für die gemeinsame Tochter gehalten, so jung, wie sie war. Gerade mal ein paar Jahre älter als Lukas. Rieke unterdrückte ein Schaudern. Das war alles so geschmacklos.

Dr. Brückner machte einen Schritt auf sie zu. Seine Stimme klang jetzt sanft. »Machen Sie mal Urlaub. Gönnen Sie sich eine Pause. Und schalten Sie Ihr Handy ab, wenigstens für ein paar Wochen. Es gibt nichts, was so wichtig ist, dass Sie Ihre Gesundheit dafür aufs Spiel setzen.«

Rieke wandte den Kopf in einer ruckartigen Bewegung in Richtung des Arztes. Der Mann hatte keine Ahnung, wovon er da sprach! Sie war betrogen worden, betrogen und belogen, von den Menschen, die ihr am nächsten standen, und wenn sie jetzt verschwand, überließ sie Natalie das Feld.

Rieke musste mit Gustav reden. Das war doch eine absolute Schnapsidee. Von wegen Liebe. Man wusste doch, wie Männer in diesem Alter waren. Sicher war das nur eine emotionale … Verwirrung. Wenn sie nur endlich die Gelegenheit bekam, mit ihm zu reden, würde sich ganz bestimmt alles als riesiges Missverständnis herausstellen. Gustav musste einsehen, dass er und Natalie keine Zukunft hatten, dass sie, Rieke, die seit so langer Zeit mit ihm zusammen war, die ihm in den ersten Jahren, als Lukas noch klein gewesen war, den Rücken freigehalten hatte, damit er Karriere machen konnte, zu ihm gehörte – und jetzt ließ er sie einfach so fallen? O nein. Nicht mit ihr. So schnell würde sie nicht aufgeben.

Sie schlug die Decke zurück. Ihre nackten weißen Beine, die unter dem Krankenhausleibchen herausguckten, in das man sie gesteckt hatte, waren ihr peinlich. Deshalb schwang sie sie hastig über die Bettkante und stand auf. Schlagartig wurde ihr so schwindelig, dass sie sich am Schrank gegenüber abstützen musste. Und das alles unter dem wachsamen Blick des Arztes.

»Verschreiben Sie mir einfach ein Medikament. Ich werde mich ein paar Tage auskurieren, und dann sehen wir weiter.«

Rieke machte einen Schritt nach vorn, doch da ihr Gleichgewichtssinn nicht mitspielte, musste sie sich immer noch am Schrank entlangtasten, um nicht vornüberzukippen.

»Frau Horch.« Dr. Brückner war um das Bett herumgeeilt und legte ihr einen Arm um die Taille. Mit sanfter Gewalt schob er sie zurück auf die Matratze und breitete die Decke über ihrem schlanken Körper aus. »Sie riskieren bleibende Schäden, wenn Sie jetzt nicht auf sich aufpassen.«

Rieke drehte den Kopf zur Seite, damit der Arzt die Tränen nicht sah, die in ihren Augen aufstiegen. Sie hatte nicht aufgepasst. Und der Schaden war vielleicht wirklich irreparabel. Dabei war sie immer so stolz darauf gewesen, dass Gustav und sie in all den Jahren nie auch nur ansatzweise in die Nähe einer Trennung oder Scheidung gekommen waren. Sie waren doch ein Team.

»Ich verstehe, dass das alles verwirrend für Sie ist. Ist das Rauschen im linken Ohr noch da?«

Ohne ihn anzusehen, schluckte Rieke die Tränen hinunter und nickte kurz. Seit gestern früh, seitdem sie Gustav im Wohnzimmer ertappt hatte, war sie dieses Geräusch in ihrem Ohr nicht losgeworden. Es erinnerte sie ein bisschen an die Brandung des Meeres. Wenn sie sich jedoch darauf konzentrierte, verwandelte es sich in ein monotones, nerviges Brummen, das sie an eine überdrehte Mischung aus Staubsauger und Laubbläser denken ließ.

»Hören Sie, ich will doch nur das Beste für Sie.« Dr. Brückner hatte sich auf ihre Bettkante gesetzt und die Hände im Schoß locker aufeinandergelegt. »Ich glaube, Sie sollten sich wirklich eine Pause gönnen. Können Sie nicht irgendwohin, wo Sie mal etwas ausspannen? Freunde? Familie?«

Sie dachte an Lukas. Was er wohl davon halten würde, wenn sie mit Sack und Pack vor der Tür seiner Studentenbude stand und ihm erklärte, dass sie eine Weile bei ihm bliebe? Und was sollte sie dort auch machen? Rieke hatte keine Ahnung, womit sie sich die Zeit vertreiben sollte, wenn sie zum Nichtstun verdonnert war. Entweder arbeitete sie, oder sie war im Urlaub. Dann aber garantiert keine zwei Wochen wie die Ölsardinen am Strand, sondern irgendwas Aktives. Eine Safaritour durch Afrika. Eine Wanderung zum Machu Picchu. Oder Städtereisen. Das waren ohnehin die besseren Urlaube, denn da musste sie nur ein paar Tage von der Arbeit wegbleiben und nicht gleich mehrere Wochen.

Sie dachte darüber nach, was Dr. Brückner gesagt hatte. Gab es Freunde, die sie anrufen konnte? Hatten sie und Gustav eigentlich Freunde? Oder nur sehr viele gute Bekannte, mit denen sie sich trafen, um bestimmte Aktivitäten auszuüben? Mit den Kellers gingen sie einmal im Monat in die Oper, die hatten auch ein Abo. Die Müllers hatten dasselbe Handicap wie Rieke und Gustav, weshalb man sich oft auf dem Golfplatz verabredete. Und mit Hannes, einem der ältesten Freunde ihres Mannes, fuhren sie einmal im Jahr in den Skiurlaub.

Hannes. Ob der von Natalie wusste? Natürlich. Vermutlich wussten es alle. Nur sie, die dumme, naive Rieke, hatte keine Ahnung gehabt, dass Gustav sie betrog.

Mit einem Mal kam ihr die Vorstellung, am Montag wieder im Büro aufzutauchen, schrecklich vor. Natalie war in der Firma beliebt. Wie konnte es auch anders sein? Sie war nicht nur schön, sondern auch klug und humorvoll, außerdem verfügte sie über eine Eigenschaft, die Rieke leider selbst manchmal an sich vermisste: Anteilnahme. Sie wusste, dass sie von Zeit zu Zeit, vor allem dann, wenn sie viel zu tun hatte, in Bezug auf ihre Mitmenschen nicht besonders aufmerksam war. Wie oft schon hatte sie verblüfft festgestellt, dass Natalie Geburtstage und Firmenjubiläen der Mitarbeiter kannte, Rieke selbst jedoch noch nicht einmal wusste, wie die Leute, mit denen sie Tag für Tag zusammenarbeitete, mit Vornamen hießen. Sie war auf Effizienz ausgerichtet, Erfolg war ihr Antrieb. Sie wollte vorankommen im Leben, etwas erreichen, auf das sie stolz sein konnte. Nicht ohne Rücksicht auf Verluste, aber doch mit einer gewissen Zielstrebigkeit, die nun mal mit sich brachte, dass sie sich nicht merkte, dass der Mitarbeiter aus der Buchhaltung vor kurzem Vater geworden war. Zuweilen, in ihren stillen Stunden, von denen es doch viel zu wenig gab, hatte Rieke Natalies Interesse für Personen in ihrem Umfeld bewundert. Jetzt jedoch, wo sich dieses Interesse in geradezu unanständiger Weise auf Riekes eigenen Ehemann ausgeweitet hatte, war sie beinahe atemlos vor Neid.

Sie schaute den Arzt an. »Wie lange möchten Sie mich denn krankschreiben?«

Er musterte sie lange über den Rand seiner Brille. »Sie wissen, eine Krankschreibung ist kein Arbeitsverbot. Ich kann Sie nicht zwingen, zu Hause zu bleiben.« Er seufzte. »Am liebsten würde ich Sie ja in Kur schicken.«

Gott bewahre. Eine Kur, das klang nach Heilbädern und Darmreinigung. Das wollte Rieke auf keinen Fall.

»Und wenn ich mich einfach für ein paar Wochen schone?«, schlug sie vor.

»Ohne Arbeit?«

Sie schlug die Augen nieder. Rieke wollte kämpfen. Gustav zur Rede stellen. Natalie rausschmeißen. Mit hocherhobenem Kopf am Montag in die Firma marschieren und damit unmissverständlich klarmachen: So leicht kriegt man mich nicht klein! Wie hieß es immer so schön? Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen. Doch selbst wenn sie im Krankenbett lag, spürte sie das leichte Schwanken in ihrem Kopf. An Aufstehen, Kronerichten und Weitergehen war ehrlich gesagt nicht zu denken.

Sie fühlte, dass etwas in ihr zerbrochen war. War es ihr Mut? Ihr Optimismus? Ihre Zuversicht? Oder einfach der felsenfeste Glaube, dass Gustav und sie bislang doch jede Situation gemeistert hatten? Und dann die Arbeit. Schon der Gedanke fiel ihr schwer, all das, wofür sie in den letzten fünf Jahren geschuftet hatte, ausgerechnet Natalie zu überlassen. Riekes Chef würde gar keine andere Wahl haben, als ihre Assistentin als Stellvertreterin einzusetzen. Natalie war in allen Themen drin, außerdem kannte sie die Vorgänge, war entscheidungsfreudig und nicht zuletzt von Rieke in allen Prozessen in ihr uneingeschränktes Vertrauen gezogen worden. Ein Fehler, wie sich nun herausstellte – wenn auch nur für sie selbst, denn für das Unternehmen war es ein Segen.

Ihr kamen Zweifel. Ob sie nicht vielleicht doch einfach abwarten sollte, bis die Medikamente wirkten? Die Medizin war doch mittlerweile so weit. Und ein Hörsturz war ja kein Herzinfarkt.

Doch allein die Vorstellung, wie die anderen über sie tuschelten, wenn sie wieder im Büro auftauchte. Die mitleidigen Blicke. Das Gerede in den Fluren. »Hast du schon gehört? Die Chefin hat sich von ihrer Assistentin den Mann ausspannen lassen.«

»In Ordnung.« Sie sah dem Arzt fest in die Augen. »Ohne Arbeit. Wie lange?«

Ein Lächeln erhellte das Gesicht des Arztes. Er sah erleichtert aus. »Bis das Rauschen in Ihrem Ohr nachlässt. Und dann noch einmal zwei Wochen zur Sicherheit.«

Rieke nickte entschieden. »Also gut.«

»Wissen Sie schon, wo Sie hingehen? Es sollte ein ruhiger Ort sein. Nichts Aufregendes, eher irgendwo auf dem Land.«

Sie lächelte. »Auf die Insel der Stille. Ich denke, damit werden Sie einverstanden sein.«

5Spiekeroog, 20. Februar 1962

Die Ruhe hatte etwas Gespenstisches. Viola hörte nichts außer ihrem eigenen Atem und das Schmatzen der Schuhe im Watt. Das Meer lag totenstill da. Seit einer Stunde lief sie nun über die Insel, um sich ein Bild über den Grad der Verwüstung zu machen. Über den Noorderpad war sie in Richtung Badestrand gelaufen – besser gesagt in Richtung dessen, was noch davon übrig war. Manche Dünen sahen aus, als hätte ein gewaltiger Vorschlaghammer mit brachialer Gewalt eine Schneise hineingehauen. Die Holzplatten des Dünenwegs lagen in ihre Einzelteile auseinandergenommen herum, und die Bretter des Zauns wirkten wie ein willkürlich aufeinandergestapelter Berg von Mikadostäbchen.

Eine Weile stapfte Viola durchs knöchelhohe Wasser. Es war so kalt! Nach dem Sturm waren die Temperaturen deutlich gesunken. Sie marschierte fröstelnd weiter. Das Watt sog an ihren Schuhen, und ihre Schritte wurden langsamer, je weiter sie kam. Sie sollte sich besser näher am Strand halten. Wenn die Flut erst einmal einsetzte, konnte es schwierig werden, trockenen Fußes zurück an Land zu kommen.

Viola dachte über die Katastrophe nach, die, wie der Bürgermeister vermutet hatte, über die Nordseeküste und Hamburg hereingebrochen war. Mehr als dreihundert Menschen waren in der Hansestadt gestorben. Die meisten waren ertrunken, viele andere aber auch erfroren, weil sie, durchnässt, wie sie waren, vor den binnen Minuten hereinbrechenden Wassermassen auf die Dächer ihrer Häuser geflüchtet waren. Dort hatten sie auf die Rettungskräfte gewartet, die niemals kamen. Der eisige Februarwind hatte sein Übriges getan.

Zu Hause hatten sie keinen Fernseher. Aber im Wirtshaus Zur Linde hatte Viola gestern schreckliche Bilder in den Nachrichten gesehen, von Kindern, deren tote Körper im Geäst der Bäume hängen blieben, als der Pegel wieder sank. Von ertrunkenen Kühen, die von ihren Bauern nicht rechtzeitig in den Stall geholt worden waren, als die Deiche brachen. Vincinette war die größte Naturkatastrophe seit dem Ende des Krieges gewesen, und sie hatte Norddeutschland mit voller Wucht getroffen. Der Katastrophenschutz hatte viel zu spät reagiert. Selbst als man schon wusste, dass die Sturmflut kommen würde und nicht nur die Küste, sondern auch die Norddeutsche Bucht ihr schutzlos ausgeliefert waren, liefen die Menschen noch vergnügt auf den Straßen Hamburgs herum. Es war ein Freitagabend, man ging aus, in Kneipen, Tanzcafés, Restaurants oder ins Theater, die Reeperbahn war überfüllt von Vergnügungssuchenden, in der Musikhalle wurde Die Schöpfung von Haydn gespielt. Keiner ahnte, was sich da aus der Nordsee anbahnte. Ein Sturm? Den hatte Hamburg schon oft überlebt. Man fühlte sich sicher, immerhin war die tobende See mehr als einhundert Kilometer entfernt, auch wenn das Nachmittagshochwasser im Hamburger Hafen auf mehr als drei Meter achtzig über Normalnull gestiegen war. Aber die Elbdeiche waren noch einmal fast zwei Meter höher. Und was sollte einhundert Kilometer von der Nordsee entfernt schon passieren? Niemand rechnete zu diesem Zeitpunkt damit, dass an sechzig Stellen die Deiche brechen würden.

Am Ende auch um Mitternacht in Hamburg.

Es traf vor allem die ärmeren Viertel und die Flüchtlingsbaracken in der Nähe des Hafens. Dort, wo man sowieso wenig hatte. Viele Menschen wurden im Schlaf überrascht. Obwohl die Polizei seit den späten Abendstunden durch die Straßen der Hansestadt fuhr und über Lautsprecher vor der Flut warnte, bekam es kaum jemand mit. Der Orkan brauste schon viel zu laut. Selbst den Sirenenalarm hatte man für einen einfachen Gebäudebrand gehalten.

Hunderte waren gestorben, Tausende seitdem in Notunterkünften untergekommen. Der blanke Hans hatte sich die Seelen geholt. So nannte man seit Jahrhunderten die tobende Nordsee bei Sturmfluten.

Auch Violas Heimat hatte es schwer getroffen. Zwar war sich ein jeder Spiekerooger über die ausgestellte Lage der Ostfriesischen Inseln im Klaren, und man wusste mit Sturmfluten umzugehen, immerhin gehörten sie zu den Inseln wie das Watt, die unendliche Weite des Himmels und der immerzu blasende Wind. Dennoch hatte Vincinette mit einer noch größeren Wucht gewütet als alle Stürme, an die man sich erinnern konnte. Die Givtbude, wie man auf Spiekeroog die Strandhalle für die Badegäste nannte, war verloren. Und auch auf der Insel waren Tiere in den Überschwemmungen ertrunken. Am Bahnhof war der Deich gebrochen, genau wie Friedhelm es gesagt hatte. Das Dorf war zu großen Teilen zerstört. Kein Grundstück war verschont geblieben, kein Dach vom Orkan übersehen worden. Und auch der Nordstrand, auf den Viola gerade zulief, hatte einiges abbekommen.

Teile der Dünen waren einfach herausgebrochen. Es sah aus, als hätte ein Riese von einem Apfel abgebissen. Die hölzernen Türme der Rettungsschwimmer waren nur mehr als Brennholz zu gebrauchen. Viola blieb erschrocken stehen und ließ die Zerstörung auf sich wirken. Das Meer musste mit einer ungeheuren Macht auf die Küste eingewirkt haben. Es würde Wochen dauern, den Strand wiederherzurichten. Die finanziellen Einbußen für die Gemeinde durch das Fortbleiben der Urlaubsgäste würden gewiss gewaltig sein. Aber es gab gerade Wichtigeres zu tun. Vor allem das Dorf hatte unter Vincinette gelitten, die meisten Häuser waren ohne Heizung und ohne Elektrizität, viele sogar ganz zerstört. Die Natur interessierte in diesen Tagen niemanden wirklich. Im Grunde verständlich, hatte sie doch gerade ihre zerstörerische Kraft aufs schrecklichste demonstriert.