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Anna, eine junge Frau aus dem Osten der Ukraine, trifft nach einer beschwerlichen Reise im Obdachlosenheim einer Kleinstadt im Westschweizer Jura ein. Kurz darauf bricht in ihrer Heimat der Krieg aus und auch sie ist ohne Zuhause. Im Heim kommen Menschen aus verschiedenen Ländern und mit verschiedenen Geschichten zusammen. Gemeinsam mit ihnen bestreitet Anna den aufreibenden Alltag der Obdachlosengemeinschaft. Sie führen Haus- und Wohnungsräumungen durch, sortieren und reparieren die abgeholten Gegenstände und verkaufen sie im eigenen Laden. Aber nicht nur die weggeworfenen Dinge erhalten so einen neuen Wert, auch die Menschen im Heim erlangen ihre Würde zurück. Als Anna beim Aussortieren ein aus Streichhölzern gebasteltes Haus findet, erkennt sie darin ihre neue Lebensumgebung wieder: So zerbrechlich jedes einzelne Hölzchen auch sein mag, zusammengeklebt mit anderen fügt es sich zu einem stabilen Haus. Die Autorin hat mehrere Monate in diesem Obdachlosenheim verbracht. Der Roman ist den Menschen gewidmet, denen sie im «Streichholzhaus» und in dessen Umfeld begegnet ist. Das Buch ist illustriert mit ganzseitigen Zeichnungen des ukrainischen Illustrators Serhii Kostyshyn.
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Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2022
Einmal am Morgen fand ich unter dem zahlreichen Kleinkram, den ich auf die Gestelle verteilte, ein kleines, aus Streichhölzern gefertigtes Häuschen. Als ich es in die Hände nahm, musste ich an uns denken, die wir trotz unserer Verschiedenartigkeit zusammenhielten und nicht nur ein kleines Häuschen, sondern ein ganzes Haus bildeten. Unsere Zusammensetzung wechselte zwar häufig, ab und zu fiel ein Streichholz heraus und es wurde durch ein neues ersetzt, aber das Haus blieb stehen.
Eine junge Frau aus dem Osten der Ukraine trifft in einem Obdachlosenheim im Westschweizer Jura ein. Als in ihrer Heimat der Krieg ausbricht, ist auch sie ohne Zuhause. Die Heimgemeinschaft führt Haus- und Wohnungsräumungen durch, sortiert und repariert die abgeholten Gegenstände und verkauft sie im eigenen Laden. Nicht nur die weggeworfenen Dinge erhalten so ein neues Leben, auch die Menschen, die in dieser Materialsammelstelle der Überflussgesellschaft leben und arbeiten, erlangen ihre Würde zurück.
Die Autorin hat mehrere Monate in diesem Obdachlosenheim verbracht. Ihr erstmals in deutscher Übersetzung vorliegender Roman, der in der Originalausgabe zu den besten ukrainischen Büchern 2019 (PEN Ukraine) gekürt wurde, ist den Menschen und ihren Geschichten gewidmet, denen sie im «Streichholzhaus» und in dessen Umfeld begegnet ist.
Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.
Autorin und Verlag danken für die Unterstützung:
Die ukrainische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel
Будинок із сірників, узятих із різних коробок bei Knyhy-XXI
in Chernivtsi und wurde für die deutsche Ausgabe in Zusammenarbeit mit der Autorin vollständig durchgesehen.
Die Namen der handelnden Personen sind geändert.
© 2022 der deutschsprachigen Ausgabe Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung und Illustrationen: Serhii Kostyshyn
Übersetzung: Matthias Müller
Lektorat: Andjelka Antonijevic
E-Book-Produktion: CPI books GmbH, Leck
ISBN E-Book: 978-3-7296-2372-9
www.zytglogge.ch
Ich erwachte vom schrillen Läuten des Weckers, der mich aufforderte, aufzustehen und mein Zimmer zu verlassen. Odile war schon angezogen. Sie stand neben dem Fenster und goss sich Kaffee ein. Sie hatte mich nicht gesehen.
Bevor ich etwas sagte, blieb ich noch eine Weile in der Tür stehen und betrachtete die Stube im Morgenlicht. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie ich hierher geraten war. Es wurde mir langsam bewusst, dass dies von jetzt an mein Zuhause sein würde. Die Uhr an der Wand bestätigte mir, dass der Arbeitstag eigentlich schon begonnen hatte, aber Odile hatte mich nicht geweckt, bestimmt weil ich erst gestern angekommen war. Ab morgen würde ich wohl kaum mehr so lange im Bett bleiben können.
Was hatte mich hierhergeführt? Ich erinnerte mich nur noch an die tiefen, blauen Augen und den durchdringenden Blick. Er dauerte länger als die drei Sekunden, die bei einem Unbekannten noch angebracht waren, und war noch mehrere Tage lang in meinem Gedächtnis haften geblieben. Mich interessierte damals nur, wohin dieser Mann mit dem ausdrucksvollen Blick heimkehrte, zu wem er eilte, wer auf ihn wartete und wer der Sinn seines Daseins war. Es war dieser Blick, der mich hierhergebracht hatte, eine andere Erklärung hatte ich an diesem Morgen nicht.
In den nächsten Tagen wurde mir noch ein weiterer Grund meines Aufenthalts hier bewusst. Ich war einsam. Dort, auf der anderen Seite der Zivilisation, hatte ich öfters unerträgliche Anfälle von Einsamkeit erlitten, die nicht dem Üblichen entsprachen. Und seltsamerweise brachten mich diese Anfälle ausgerechnet in dieses Land, von dem es hieß, es sei zwar wirtschaftlich weit entwickelt, habe aber die einsamsten Menschen.
«Sie sind reich und haben alles, deshalb sind sie einsam», sagte mir jener Mann mit den tiefen, blauen Augen, der sich an diesem Ort darum kümmerte, die Menschen gegen die Einsamkeit zu behandeln.
Es ist schwierig zu sagen, wie es dazu kam, dass ich ohne Arbeit und ohne Dach über dem Kopf dastand. Ich wusste keine Antwort darauf. Es war mir einfach plötzlich klar geworden, dass ich nicht mehr das tun konnte, was ich bis jetzt getan hatte, dass ich nicht mehr so leben konnte wie bis anhin. Es schien mir, als lebte ich an der Zeit vorbei, als gehe das Leben an mir vorüber. Eines schönen Tages kündigte ich meine Stelle, die mir keine Befriedigung mehr brachte. Ich hatte einen Monat Zeit, eine neue zu finden, um meine Mietwohnung nicht zu verlieren. Aber ich suchte keine. Und das geschah weder aus Sorglosigkeit noch aus Leichtsinnigkeit.
Meine engsten Freunde, denen mein Schicksal nicht egal war, boten mir zwar Geld an, ich lehnte jedoch meistens ab. Dies würde mein Problem nicht lösen, sondern nur mein nutzloses Dasein um einige Tage, Wochen oder Monate verlängern. Geld war sinnlos, ich brauchte kein Geld – mir fehlte das Leben. Ich wusste, dass es nicht leicht war, ein Mensch zu sein, und Freunde und Bekannte sind dazu da, einem die Existenz zu erleichtern. Ich aber hatte meine Leichtigkeit verloren und wollte niemandem zur Last fallen.
Einmal sah ich im Spiegel meinen düsteren Blick. Das Feuer war aus meinen Augen verschwunden, es war keine Wärme mehr in ihnen. Ich trieb im Strom des Alltags und verlor mehr und mehr den Kontakt zu mir selbst. Da bedankte ich mich bei allen für die Hilfe und gab zu, was alle, die mir noch helfen wollten, schon lange wussten: Ich war obdachlos.
Ich packte meine wenigen Sachen zusammen und fuhr mutig über die Grenze. Wenn ich meinen Platz auf der Erde schon nicht fand, dann war es mir auch egal, wo ich obdachlos war. Nur frei wollte ich sein.
So kam ich in das Obdachlosenheim. Hier fragte man mich nicht nach meiner Vergangenheit und warum ich kein Daheim mehr hatte. Und ich war sehr froh darüber. Man bat mich lediglich, zwei Dinge vorzuweisen: den Pass und die Telefonnummer eines Verwandten oder eines Freundes für den Fall, dass mir etwas zustoßen sollte oder ich schwer erkranken würde. Einmal nur wurde ich nach meinen Zukunftsplänen gefragt, worauf ich antwortete, ich hätte keine. Jener Mann mit den blauen Augen sagte, dass keine Pläne zu haben auch ein Plan sei. Ich lächelte und mir wurde warm. Das waren Worte, die man in einem solchen Moment hören wollte.
Da ich nicht nach meiner Ausbildung oder meinem Beruf gefragt wurde, sagte ich nicht, dass ich früher Lehrerin gewesen war, dass ich den Leuten Sprachen beigebracht hatte. Man wollte nur wissen, womit ich mich hier nützlich erweisen könne. Ich sagte, dass ich gut putzen könne, aber nicht so gut kochen, dass ich aber in der Küche helfen könne, falls Bedarf bestehe. Ich könne auch Dinge sortieren und die Waren aufstellen, denn ich sei sehr ordnungsliebend. Ich war froh, nicht mehr für die Unterkunft und die Verpflegung bezahlen zu müssen. Alle Ausgaben konnte ich mit meiner Arbeit kompensieren, die auf den ersten Blick zwar unbedeutend war, hier aber ihre Wichtigkeit hatte. Die Hauptsache war, dass ich gebraucht wurde. Ich wusste, dass nur ich den Staub so gewissenhaft von den Gestellen wischen und mich um die Blumen kümmern würde. Sie hatten dafür keine Zeit, Arbeit hatten sie mehr als genug. Außerdem war ich sehr froh, für mich allein arbeiten zu können. Wenn man eine Leere in sich fühlt, darf man nicht mit Menschen arbeiten, da diese Leere sonst weitergegeben wird. Und mit Kindern zu arbeiten, wäre sogar gefährlich. Aber auf das Aufräumen hat die Leere keinen Einfluss. So hatte ich mich mit gutem Gewissen an die Arbeit gemacht.
Ich wusste nicht, wie lange ich hierbleiben würde – zwei Monate, fünf Jahre? Ich wollte nicht darüber nachdenken. Zum ersten Mal seit langem fühlte ich mich gut. Endlich begann die Leichtigkeit wieder zu mir zurückzufinden.
Aber eins nach dem anderen.
Bei meiner Abreise hatte ich nur einen Rucksack dabeigehabt. Die Haare trug ich kurz, wohl zum ersten Mal in meinem Leben, und die Fingernägel hatte ich bis zur Kuppe geschnitten, was ich sonst nur selten tat. So hatte ich es entschieden.
Der Weg vor mir war lang und dauerte fast zwei Tage. Ich fürchtete mich ein wenig, aber ganz im Innersten war ich froh. Vor allem genoss ich den Vorgeschmack der Freiheit, die ich entdeckt hatte.
Die Grenze zu Polen überschritt ich zu Fuß. Es wurde mir gesagt, dass man das einmal erleben sollte – diese anmaßenden Worte hatten sich mir eingeprägt. Ich beschloss, das selbst zu überprüfen. Zahlreiche Drahtnetze und Stahlgitter trennten die Ukrainer vom Rest der Welt. Mehrere Passkontrollstellen, hinter Netze gepferchte Menschen, die ungeduldig warten, bis sie an der Reihe sind, endlich ins freie Europa zu gelangen und entweder im ersten Land, das ihnen seine Tore öffnet, Arbeit zu suchen, oder weiterzuziehen und sich auf der Welt zu verstreuen. Ich gehörte zu dieser zweiten Gruppe.
Im Bus nach Przemysl, einer Stadt in Polen an der Grenze zur Ukraine, sagte ich mir: «Alles ist vorbei, du bist in der Freiheit.» Aber ich konnte es noch nicht glauben. Erst im Zug nach Krakau wurde es mir richtig bewusst, und ich fühlte eine tiefe Erleichterung. Ich kann das nur schwer erklären, denn ich liebe die Ukraine, und mein Leben dort war bis zu einem bestimmten Zeitpunkt auch ziemlich interessant und glücklich. Bis mir alles zu schwer wurde. Diese verschlossenen Türen und Gitter ließen mich weder am Tag noch in der Nacht in Ruhe.
Ich konnte nicht begreifen, warum wir Menschen, die wir uns alle unter dem gleichen Himmel bewegen, die wir alle von der gleichen Sonne beschienen werden, geteilt sind in solche, die fliegen können, und solche, die an den Boden, an dieses kleine Stückchen Erde gekettet sind. Ich wollte fliegen, wollte sicher sein, dass mir das zu jedem Zeitpunkt möglich war. Im Zug nach Krakau fühlte ich mich als Mensch, zwar nur in Form eines kleinen und unbedeutenden Staubkörnchens auf diesem Planeten, aber als freies Staubkörnchen, von dem niemand mehr etwas wollte. Niemand sah mir an den Grenzen nach, ich war frei, dorthin zu fliegen, wohin es mich trieb. Und ich flog los.
Ein kleines Flugzeug hob mich im Flughafen von Krakau in die Luft, und von diesem Moment an entschwand ich denen, die noch irgendetwas von mir wussten. Im Anflug auf Zürich bot sich meinen Augen ein Wunder – die Alpen. Sie waren herrlich.
Früher, als ich nach einem Flug den Fuß auf die Erde setzte, hatte ich bereits kurz darauf wieder Sehnsucht nach dem Himmel. Jetzt aber, wie ich die Alpen aus dem Fenster des Flugzeuges erblickte, verstand ich, dass die Erde ebenso einmalig ist wie der Himmel. Die weiche Landung gab mir das angenehme Gefühl, dass dieses Land mir freundlich gesinnt sein würde.
Ich musste noch zwei Züge nehmen, bis ich meinen Zielort erreichte. Die letzten Ängste verließen mich und machten einer tiefen Ruhe Platz. Ich wollte diese Ruhe sammeln, so wie den Tau auf einer Wiese, und sie denjenigen weitergeben, die ich hinter mir gelassen hatte. Wenn ich dieses Land in wenigen Worten hätte beschreiben müssen, dann hätte ich es das Land der absoluten Ruhe genannt. Und wenn ich vom Paradies auf Erden sprach, dann hatte ich genau dieses kleine Land vor Augen. Wenigstens schien es mir anfänglich so. Oder ich wollte glauben, dass es so sei. Vielleicht lag es an der Umgebung, in die ich nach meiner Ankunft geraten war, vielleicht auch an jenem Zustand, in dem ich mich damals befand. Aber die Ruhe war derart angenehm, dass ich sie nicht stören wollte. Die Leute hier lieben die Freiheit, ich fühlte das, sie lieben sie so sehr, dass sie nicht auf die Freiheit der anderen starren. Und das erste, was man mir hier gab, war die Freiheit zu handeln und die Ruhe des Daseins.
Ich wurde bei einer Frau namens Odile einquartiert. Sie stand den Obdachlosen schon seit vielen Jahren zur Seite und war einverstanden, mich bei sich aufzunehmen. In der Obdachlosengemeinschaft konnte ich nicht übernachten, da dort nur Männer wohnten und Samuel, der Leiter der Gemeinschaft, niemandem unnötige Probleme machen wollte.
Odile war eine reizende und für ihr Alter sehr aktive Frau. Ihr Mann Leland war Amerikaner, gebürtig aus Kalifornien, deshalb sprach sie Englisch, was mir das Leben hier beträchtlich erleichterte. Fast niemand hier sprach Englisch, höchstens Französisch. Die Jungs in der Gemeinschaft meinten im Scherz, sie müssten keine andere Sprache mehr lernen, da sie ja schon Französisch sprächen und gar nicht von hier weg wollten. Möglicherweise hatten sie recht: Wenn ich Französisch sprechen würde und dazu noch in der Schweiz geboren wäre, dann würde ich wohl kaum eine andere Sprache lernen und auch nicht wegziehen wollen.
Trotzdem dachte ich nicht, dass die Schweizer diese Reglosigkeit und Ruhe schätzten. Ich war mir nicht einmal sicher, dass sie die Stille überhaupt wahrnehmen, so wie die Menschen die Luft, die sie atmen, und die Fische das Wasser, worin sie schwimmen, nicht wahrnehmen. Die postkommunistischen Länder kamen mir nun wie die Hölle vor. Man musste dort geboren sein und die Kindheit und die Jugend verbracht haben, um die Ruhe wirklich schätzen zu können und sich nichts Größeres zu wünschen, als die Ruhe selbst. Es schien mir, den Schweizern würde ihr Frieden zuweilen auf die Nerven gehen, und da sie diesen nicht zu würdigen wussten, suchten sie jeden Anlass, um sich aufzuregen. Und womöglich hätte ich mich an ihrer Stelle genauso verhalten.
Aber ich war nicht an ihrer Stelle, und das freute mich. Mich freute auch die Gelassenheit in ihren Bewegungen und in ihrem Lebensrhythmus. Ich bewunderte ihren Sinn für den Wert der Erholung und für die qualitätsbewusste Ernährung. In diesem Land mit dem gut ausgebauten Sozialsystem war überhaupt alles gut, und deshalb konnten seine Bewohner die Freizeit mit Nähen und Stricken verbringen, mit der Hilfe für andere oder mit dem Zusammensein im Freundeskreis.
Mir war es, als ob ich aus dem Gefängnis entlassen worden war, als ob jemand beschlossen hätte, meinem Leidensweg ein Ende zu setzen und mich freizukaufen. Ich wurde abgeholt, in ein Auto gesetzt und in ein warmes und behagliches Haus am Rande der Stadt gefahren. Man gab mir zu essen, umsorgte mich respekt- und verständnisvoll, gab mir Ruhe und – was am wichtigsten war – Freiheit. Weshalb ausgerechnet mir, wusste ich nicht, aber es tat mir gut. Richtig gut.
Ich fühlte eine große Liebe, die aber nicht brannte, sondern mich mit einer tiefen Zärtlichkeit erfüllte. Ja, das ist es, eine Zärtlichkeit; ich fühlte eine Zärtlichkeit allen diesen Menschen gegenüber. Von dieser Zärtlichkeit ergriffen fühlte ich, wie meine Augen manchmal feucht wurden. Nein, ich weinte nicht, ich hatte einfach Tränen in den Augen.
Die ersten Tage in der Gemeinschaft ließ man mir für die Eingewöhnung. Ich konnte selbst entscheiden, wo ich während des Tages arbeiten oder wem ich helfen wollte. Das machte mich aber nicht passiv, im Gegenteil, durch das mir erwiesene Vertrauen bemühte ich mich, so viel wie möglich zu arbeiten. Hier wäre ein anderer Begriff als «arbeiten» angebracht, da ich ja tat, was mir gefiel, und wie es mir gefiel. Ich konnte mir erlauben, etwas ganz langsam und sorgfältig zu tun. Zum Beispiel die Gestelle gut abstauben und die Bücher daraufstellen. Ich verlor mich für einige Tage in der Welt der Bücher, es war nur schade, dass ich nicht verstand, was sie mir sagten. Aber mir gefiel es, ihre glatten Einbände zu berühren, den Staub von ihnen zu wischen und sie sorgfältig und nach Größe und Thema aufzustellen. Ich konnte für einen Augenblick innehalten und still eines der Bücher in den Händen halten. In einem solchen Moment blieb die Zeit für mich stehen.
Hier fand ich Bildbände mit Reproduktionen der Impressionisten, Michelangelos, Leonardo da Vincis … Ich konnte sie anschauen, solange ich wollte, und sie dann wieder an ihren Ort zurückstellen. Ich hätte sie auch mit nach Hause nehmen können, doch hätte das keinen Sinn ergeben, denn ich war ja schon zu Hause. Niemand trieb mich an und kontrollierte mich, und dies gab mir eine gewisse Ruhe und den Wunsch, meine Sache aufs Beste zu machen.
Zu Beginn der folgenden Woche bekam ich einen festen Arbeitsplatz und einen Stundenplan zugewiesen; meine gemäßigte Arbeitsweise musste der Konzentration und der Schnelligkeit Platz machen. Die Eingewöhnungszeit war vorbei, und ich wurde den Compagnons – so wurden die Bewohner der Gemeinschaft genannt – gleichgestellt.
«Glaub nicht alles, was deine Augen sehen und deine Ohren hören. Du musst ausführliche soziologische Studien machen, um zu verstehen, wie dieses Land funktioniert. Trau dem ersten Eindruck nicht», sagte mir Samuel, als ich ihm meine Gedanken mitteilte.
Ich wollte aber keine soziologischen Studien machen, sondern einfach nur leben und eine gewisse Zeit in dieser Gemeinschaft verbringen. Ich wollte das Leben in einer isolierten Umgebung kennenlernen, es begreifen oder wenigstens versuchen, es zu verstehen. Dafür brauchte ich jemanden, der mich begleiten konnte, einen Menschen, der sich darin besser auskannte als ich. Samuel war während der ersten Etappe mein Begleiter, wie er jedem zur Seite stand, der neu in der Gemeinschaft war. Dies ahnte ich schon mit dem ersten Blick in seine tiefen, blauen Augen. Er antwortete mir auch auf die zahlreichen Fragen, die sich mir im Laufe der Tage stellten.
Ich konnte immer noch nicht sagen, wie lange ich vorhatte, hier zu bleiben, aber es schien mir, dass ich für immer bleiben wollte. Ich fühlte mich so gut, dass ich mir nichts mehr wünschte, als in dieser Lage zu verweilen. Samuel sagte, dass diejenigen, die in den ersten Tagen sagten, sie wollten für immer bleiben, es meist nicht lange in der Gemeinschaft aushielten. Ich hatte noch keine Antwort darauf, aber ich war gespannt.
Ungefähr zwanzig Männer unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Nationalität öffneten mir gastfreundlich die Tür zur Gemeinschaft und hießen mich warm willkommen. Sie schenkten mir eine übertriebene Aufmerksamkeit, so dass meine Wangen bei ihren Blicken erröteten. Diese Aufmerksamkeit rührte zum großen Teil daher, dass ich praktisch die einzige Frau unter ihnen war. Außerdem war ich jung und unverheiratet.
Ich reagierte auf ihre Wärme mit einem nicht weniger warmen Lächeln, denn mehr hatte ich nicht, und ihnen etwas anderes in ihrer Sprache als bonjour und merci zu sagen, konnte ich nicht. Ich erfreute mich an ihnen und an ihrer Gesellschaft.
Ich kam aus dem Staunen nicht heraus über die Stimmung, über ihre Fürsorglichkeit, ihre Bemühungen und ihre Sorge um mich. Im Gegenzug staunten sie über mein zartes Äußeres und jene Wärme, die ich ihnen zurückgab. Ich versuchte alles zu geben, was ich hatte, denn sie gaben mir das Wichtigste für meine rasche Genesung – das Gefühl, wichtig zu sein und gebraucht zu werden.
Hier fühlte ich, dass man mich mochte. Und zwar nicht nur wegen meines sympathischen Äußeren und des netten Lächelns, sondern einfach um meiner selbst willen. Auch ich mochte sie sofort. Alle zusammen. Es schien mir sogar, dass ich sie schon gernhatte, noch bevor ich hierherkam, ohne sie persönlich zu kennen, ohne zu wissen, wer sie waren und woher sie kamen. Jeder verhielt sich anders, und die Verständigungsprobleme hinderten einige daran, ihren Wunsch, mir zu gefallen, in die Tat umzusetzen. Aber sie gefielen mir alle; so verschieden sie waren, so sehr glichen sie sich auch wieder. Sie machten mir ohne Unterlass Komplimente und fragten ständig, ob es mir hier gut gehe. Ich wunderte mich über diese Frage, da doch alles wunderbar war: das Essen, der Einsatzplan und die Arbeitsbedingungen. Nicht, dass ich keine Ansprüche hatte, ich war einfach unsäglich dankbar für alles. Jemand brachte mir Schuhe, jemand ein Kleid, jemand machte mir Kaffee und jemand gab mir sonst eine nette Kleinigkeit.
Bis ich auf einmal das Gefühl hatte, zu viel von ihrer Aufmerksamkeit zu erhalten. Als ob ich zu viel Schokolade gegessen hätte, auch wenn es die beste Schweizer Schokolade gewesen wäre. Aber auch davon konnte man zu viel bekommen, und mir wurde sie direkt in den Mund geschoben.
Ich unterhielt mich mit ihnen, sprach Deutsch oder Englisch, wenn es jemand verstand, später machte ich meine ersten Gehversuche auf Französisch. Ich fragte sie nach ihrem Leben, nach dem Befinden und den Erwartungen. Sie teilten sich mir gerne mit und kamen während der Arbeit auch manchmal zu mir, um mir ihre Geschichten zu erzählen. Ich hörte gerne zu, und sie erzählten gerne. Aus ihren Geschichten versuchte ich zu verstehen, warum wir alle hier waren. Ich sagte mir, wenn ich wisse, weshalb jeder von ihnen in diese Gemeinschaft geraten sei, so würde ich eine Antwort auf meine Frage finden, was ich hier tue.
Die Beziehungen zwischen mir und den Compagnons durchliefen mehrere Phasen, die wie Wellen auf mich einschlugen. Bereits im ersten Monat wurde die mir anfänglich bezeugte Aufmerksamkeit durch Gleichgültigkeit oder gar völliges Ignorieren abgelöst. Ich lächelte sie an, und jeder interpretierte dieses Lächeln auf seine Weise; ich hörte ihnen zu, und jeder reagierte anders darauf. Dabei hegte ich nicht den geringsten Wunsch, mit jemandem eine Beziehung anzufangen: Das Territorium war begrenzt, alles wurde aufmerksam beobachtet. Jemanden besonders auszeichnen wollte ich nicht. Ich versuchte, auf gleicher Höhe mit ihnen zu sein, eine von ihnen zu werden und in ihrer Welt aufzugehen. Ich wollte jedem von ihnen die gleiche Aufmerksamkeit widmen. Aber das war von Beginn an nicht möglich.
Als sie sich immer mehr auf mich zubewegten und dabei aber auf meinen Widerstand stießen, wurden sie oft wütend. Die einen hörten auf, mit mir zu sprechen, und schlugen die Tür vor meiner Nase zu, die anderen wandten sich von mir ab, wenn ich sie grüßte, und wieder andere aber trösteten mich und fragten, wie ich mich fühle. Und diese Wellen von Gefühlsbezeugungen schüttelten mich hin und her in dieser Welt der Männer, die ich zwar mochte, deren Anzahl mich aber überforderte. Alles, was ich jetzt brauchte, war ein Freund, oder noch besser, eine gute Freundin.
Ich hatte bis jetzt offensichtlich den Stellenwert der Frauen in meinem Leben unterschätzt. Ich hatte immer viele Freundinnen um mich herum, wohl deshalb war mir ihre Bedeutung nicht bewusst. Hier umgaben mich Männer; mir wurde zu viel Aufmerksamkeit zugeteilt, und in meinem Kopf begann es zu drehen.
Deshalb nahm ich mir vor, die Kontakte zu ihnen zu begrenzen. Odile riet mir, an Samstagen und Sonntagen nicht in die Gemeinschaft zu gehen. So verbrachte ich die Wochenenden ruhig in ihrem stillen Haus.
Zur Gemeinschaft gehörten nicht nur die Compagnons, sondern auch viele Freiwillige. Diese kamen jeweils einen Tag in der Woche, um ihren Beitrag zu leisten. Es waren vor allem Frauen, meistens Rentnerinnen, die in der Kleiderabteilung auf dem zweiten Stock arbeiteten. Sie hatten einen eigenen Einsatzplan, und sie erledigten ihre Arbeit ausgezeichnet, so dass weder Samuel noch seine Mitarbeiter sich um diese Abteilung kümmern mussten. Ich meinerseits, obwohl auch eine Frau, wurde nur selten zur Arbeit im oberen Stockwerk eingeteilt. Und ich bestand auch nicht darauf. Die Arbeit mit den Jungs lag mir mehr.
Eine der Freiwilligen war Odile, die mich liebenswürdigerweise bei sich zu Hause unterbrachte. Odile fiel auch das Los zu, mir während dieser Zeit Mutter, Schwester und bald darauf auch Freundin zu sein. Sie war darauf nicht vorbereitet gewesen, und ich im Übrigen auch nicht.
Das erste, was Odile nach meiner Ankunft sagte, hatte sich mir für immer ins Gedächtnis eingeprägt: «Ich liebe die Menschen einfach.» Diese Worte bestätigten sich später täglich. Die Schlichtheit ihrer Liebe rührte mich bis ins Herz. Damals, noch am ersten Tag, fragte ich sie, um das Gespräch zu beginnen, wer das Bild, das im Flur hing, gemalt habe. «Das war Lees erste Frau. Sie malte sehr schön.» Diese Worte reichten aus, um zu verstehen, weshalb es wert war, Odile zu lieben oder wenigstens mit Hochachtung zu begegnen.
Meine Dankbarbarkeit dieser Familie und dieser Frau gegenüber war grenzenlos. Ohne zu wissen, wer ich war, noch was ich für einen Charakter und für Gewohnheiten hatte, waren sie damit einverstanden, mich, solange es nötig war, bei sich aufzunehmen. Odile überließ mir sogar ihr Zimmer und zog selbst ins Gästezimmer um, das ihr nun erwachsener Sohn früher bewohnt hatte. Sie besaßen ein wunderbares altes Haus, das fast am Stadtrand lag. Nur dasjenige der Gemeinschaft lag noch weiter außen.
Im Zimmer wurde ich mit Blumen und Stille empfangen. Am Dachfenster hatte ich meine besondere Freude. Ich hatte immer davon geträumt, ein Zimmer mit Blick auf den Himmel zu haben, um beim Einschlafen die Sterne zu sehen. Bilder schmückten die Wände, und auf den Gestellen standen Bücher und hübsche Kleinigkeiten. In allem war Odiles Hand erkennbar und mit ihr die Hand Frankreichs. Odile war Französischlehrerin und stammte aus Westfrankreich. Sie war äußerst arbeitsam, und trotz ihres Alters schien sie keine Müdigkeit zu kennen. Sie konnte viele Dinge fast perfekt und erledigte diese oft auch gleichzeitig. Sie sagte, dass sie diese Fähigkeit ihrer Mutter verdanke.
Odile liebte es zu plaudern und hatte immer einige interessante Geschichten aus ihrem Leben in Frankreich, Amerika, der Schweiz, Afrika oder Australien bereit. Sie ärgerte sich nur selten und klagte fast nie über ihre Gesundheit. Sie hatte meist gute Laune und einen großartigen Sinn für Humor.
Nachdem ich beschlossen hatte, an den Wochenenden nicht mehr in die Gemeinschaft zu gehen, verbrachten Odile und ich die Samstage und Sonntage mit Gesprächen. Sie half mir, Französisch zu lernen und begleitete mich während meiner ersten Schritte. Ich meinerseits half Odile im Haushalt, damit ich mich ihr für ihre grenzenlose Güte erkenntlich zeigen konnte. Auf diese Weise lernte ich, die Menschen so zu lieben, wie sie es tat. In ihrer Freizeit beschäftigte sich Odile gerne mit Sticken. Jeden zweiten Donnerstag zogen wir den Esstisch auseinander, damit sie und ihre Freundinnen sich in der Stube versammeln und an ihren Stickereien arbeiten konnten.
Ihre Liebe für die Farben konnte auch ein ungeübtes Auge feststellen. Bestickte Handtücher lagen im Bad, Bilder hingen im Wohnzimmer und an den Wänden der Veranda. Ihr erlesener Geschmack war sogar auf der Toilette zu erkennen: Eine kleine Blumenvase stand neben dem Waschbecken, eine Reproduktion Van Goghs blauer Schwertlilien hing an der Wand, die zartblauen Kacheln und die kleinen Teppiche passten farblich zusammen, ein Blumentopf stand auf dem Fensterbrett.
Dieser Raum wurde fast zu meinem Lieblingszimmer. Ich war bestrebt, ihn so sauber wie möglich zu halten, obwohl Odile mich nur selten um Hilfe bat. Wenn sie es aber einmal tat, dann mit viel Takt, indem sie sehr darauf bedacht war, der angesprochenen Person die Freiheit der Wahl zu lassen: «Würdest du mir nicht gerne helfen? Ich bräuchte nur für eine Viertelstunde deine Hilfe.» Alles, was ich tat, wurde unwichtig und trat in den Hintergrund, wenn Odile mich um etwas bat. Ich ließ alles fallen, womit ich mich gerade beschäftigte, um Odile zu helfen, worauf sie entgegnete: «Nein, nein, nicht sofort. Mach zuerst nur das Deine fertig.»
Sie und ihr Mann Leland ließen mir völlige Freiheit, gleichzeitig aber umsorgten sie mich. In ihrem Haus hatte ich auch genügend Zeit, für mich allein zu sein. Genau das brauchte ich unter der Woche, nach dem mit Gesprächen und Kontakten übersättigten Arbeitstag.
«Es bekümmert mich, dass du so einsam in deinem Zimmer sitzt, aber ich nehme an, dass du das Alleinsein brauchst.» Ich denke, es gibt nur wenige Menschen, die das verstehen können, und die einem diese Möglichkeit geben.
In unserer Freizeit gingen wir zusammen einkaufen, ins Kino oder Museum. Odile interessierte sich für vieles und konnte während unserer Kaffeepausen über alles sprechen. Sie hatte kein Mobiltelefon, war aber pünktlich, wenn wir uns verabredeten. Wenn Odile irgendwohin verschwand und weder ich noch ihr Mann wussten, wo sie war, saßen er und ich fast bewegungslos im Wohnzimmer und warteten ruhig auf ihre Rückkehr. Das Leben in diesem Haus schien während der Abwesenheit Odiles stillzustehen.
Odile lehrte mich das leise Glück. Nirgends und niemals zuvor war ich so glücklich, so ruhig glücklich wie in ihrem Haus.
Man konnte nicht eindeutig sagen, worin unsere Arbeit bestand. Die Komplexität unseres gemeinschaftlichen Lebens konnte nicht auf den einen Satz «Wir verkaufen gebrauchte Sachen» reduziert werden. Vielleicht konnte man es so zusammenfassen: Die Menschen brachten uns ihre alten Sachen oder auch neue, die sie nicht brauchten und nicht mehr brauchen würden. Wir sortierten sie, trennten die für den Verkauf geeigneten von denen, die ihre Existenz aufgeben mussten, und verkauften sie im Laden. Davon lebte die Gemeinschaft. Vom Staat erhielt sie keine Mittel. Nur einzelne Institutionen und Organisationen unterstützten sie. Zum Beispiel spendeten große Supermärkte Lebensmittel, deren Haltbarkeit kurz vor dem Ablauf stand. So gab es hier sehr viel zu essen, aber darauf komme ich später zu sprechen.
Ich wurde an einen besonderen Ort eingeteilt: an die Empfangsstelle für das «Material», wie hier die Gegenstände genannt wurden, mit denen die Gemeinschaft zu tun hatte. Ich konnte meinen Augen nicht trauen, als ich diese Unmenge an Material sah, die wie eine Lawine auf uns niederstürzte.
Auf einmal wurde mir bewusst, dass unsere Welt aus Dingen bestand. Aus Hunderttausenden, Millionen unterschiedlichster Gegenstände. Täglich, ja jede Minute entstanden auf der Welt neue Dinge und zeugten vom Wandel und der Vergänglichkeit der Welt und von uns selbst. Die Welt produzierte ohne Unterlass neue Waren, was aber geschah mit den alten?
Dinge werden hergestellt, um dem Menschen von Nutzen zu sein oder ihm Freude zu machen. Wir schenken jemandem einen Gegenstand, um ihm Anerkennung oder Wohlwollen, Dankbarkeit oder Liebe zu zeigen. Natürlich stellen wir unsere edlen Gefühle nicht einem dinglichen Äquivalent gleich, nein, aber es fällt uns Menschen halt leichter so; es ist einfacher, das Gefühl, womit wir erfüllt sind, was wir aber nicht klar fassen und beschreiben können, in einen Gegenstand zu packen. Dieser erhält so die gewünschte Bedeutung und wird zum Symbol des Guten, der Großzügigkeit, der Dankbarkeit oder der Liebe. Das kann ein Stein vom Ufer eines Meeres sein oder auch ein Kugelschreiber mit einem schönen Aufdruck. Der Preis hat keine Bedeutung, denn für den Schenkenden und entsprechend für den Beschenkten hat das Ding einen eigenen Wert.
Dinge werden hergestellt, um verschenkt zu werden; und von «Schenken» bis «Erfreuen» ist es nur ein kleiner Schritt. Ein aufrichtiges Geschenk bereitet dem Beschenkten eine große Freude.
Wie lange aber hält diese Freude an, wenn sich die Welt dauernd ändert und wir uns in ihr? Unsere Welt ist eine unbeständige Materie. Das, was uns gestern noch erfreut hat, haben wir morgen schon wieder vergessen. So bereiten unsere Dinge nur vorübergehend und kurz Freude. Und schließlich haben sie ihre Aufgabe erfüllt. Wir haben unsere Gefühle in das Ding gelegt und ihnen eine Form gegeben, damit der Beschenkte unsere aufrichtigen Gefühle mit seinen Händen fassen kann. Denn wir sind körperliche Wesen und begreifen besser, was wir berühren können.
Das Ding weilt eine Zeit lang an einem sichtbaren Ort und bereitet uns jedes Mal Freude, wenn wir unseren Blick darauf richten. Etwas später schauen wir schon weniger oft hin. Und dann wird es in eine Ecke gestellt und noch später in eine Schublade gelegt. Wir erinnern uns wieder daran, wenn wir den Tisch aufräumen oder etwas suchen, nehmen es dann in die Hände und schenken ihm ein warmes Lächeln. Aber dann kommt der Zeitpunkt, wo das Ding auf den Dachboden oder in den Keller gestellt wird, denn auch in der Schublade fehlt der Platz. Von diesem Moment an hört seine Existenz für uns auf. De facto existiert es zwar noch, seinen ursprünglichen Zweck aber erfüllt es nicht mehr, und es wird nicht mehr wahrgenommen.
Gleichwohl bewahrt das Ding seine Geschichte und gewinnt an Wert, während sich bei uns eine Unzahl neuer Dinge anhäuft, für die der Platz in den Zimmern und Schubladen knapp wird. Das ist für uns eine gute Gelegenheit, den Gegenstand wegzugeben, damit er weiterleben und andere Menschen – wenn auch nur für kurze Zeit – erfreuen kann. Denn ein Ding, das für den einen alt ist, ist für den anderen neu. Es freut uns, dass wir die Welt dadurch ein Stück weit vor der Verschwendung und dem Versinken in immer neuen Dingen retten können.
Für mich bedeutete das, was wir hier taten, die Rettung der Welt vor dem Überfluss an Dingen. Es war es der Mühe wert, denn die Verschwendungssucht der Menschen hatte mich immer bedrückt.
Viele betrachteten unsere Arbeit als minderwertig, vor allem, wenn sie unsere Hände sahen, deren Haut von der schweren Arbeit trocken und rau und voller Risse und Blasen war. Aber jemand musste die Haufen wegtragen, wenn die anderen schliefen, damit die Schlafenden nicht unter der riesigen Menge an Schachteln begraben worden wären.
Nur hatte ich das nicht sofort verstanden. Ich weinte, als ich sah, wie mitleidslos Dominique, in dessen Gruppe ich arbeitete, die Gegenstände fortwarf. Dominique machte seine Arbeit perfekt, sprach aber weder Englisch noch Deutsch, um mir den Grund für sein Tun zu erklären. Und mir flossen die Tränen, als er die schönen, weißen Teller mit dem feinen, blauen Blumenmuster zerbrach. Es traf mich, dass solches Geschirr, wie es in der Ukraine nicht mal die Menschen der Mittelschicht besaßen, hier einfach zerbrochen wurde, ohne dass die Hand ob dieser Brutalität erzitterte.
Meine Empfindlichkeit berührte Dominique, und er erklärte mir mit Hilfe seiner Arbeitskollegen aus der Gemeinschaft, die ein bisschen Deutsch sprachen, dass es hier derart viele solcher Sachen gäbe, dass, wenn er dies nicht täte, die Gemeinschaft bis zum Dach damit zugeschüttet wäre.
Jeden Tag sah ich neue Gegenstände, und ich empfand schon kein Bedauern mehr, sondern Wut. Ich konnte nicht verstehen, warum die Menschen so viele Dinge herstellten, wenn sie sie gar nicht brauchten. Ich wollte um jeden Preis und wie auch immer diese end- und nutzlose Produktion stoppen. Doch meine eigene Machtlosigkeit ließ mich verzweifeln.
Ich sprach mit den anderen Compagnons darüber, die aber fuhren ruhig mit ihrer Arbeit fort und beteuerten mir, dass es da nichts zu machen gäbe und uns nichts anderes bliebe, als immer weiter die Kartonschachteln auszupacken. Wenn man nur einen einzigen Tag aufhörte, würde einem das Ganze über dem Kopf zusammenbrechen.
Später erfuhr ich noch einen anderen Grund dafür, dass die Leute uns so viele Dinge gaben, die sie nicht mehr brauchten. Ich war erstaunt, in den Schachteln auch völlig untaugliche und kaputte Dinge zu finden. Man erklärte mir, dass es hier ziemlich teuer sei, den Abfall wegzuwerfen. Und wenn auch nur selten, kam es doch vor, dass die Leute nicht nur aus Großzügigkeit und mit dem Wunsch zu helfen ihre Gegenstände der Gemeinschaft brachten, sondern uns auch aus finanziellen Gründen die Entsorgung ihres Abfalls überließen – als ob wir nichts anderes zu tun hätten.
Bei meiner täglichen Arbeit an dieser Masse von Dingen kam es mir oft vor, als ob die Gesellschaft sehr durchdacht funktioniere. Jene, die an den Hebeln der Wirtschaft stehen – die großen Produzenten irgendwelcher Waren –, sind ausschließlich am Verkauf interessiert, am Wachstum des Verkaufs, am Wachstum der Produktion, am Wachstum ihres Vermögens. Es ist ihnen scheinbar egal, dass sie ihren Planeten verschmutzen und somit ihr eigenes Haus, in dem sie gerade wohnen. Sie denken sich Sonderangebote aus: zwei für den Preis von einem, beim Kauf zweier gleicher Pullover erhältst du einen dritten als Geschenk; Weihnachtsaktionen, Neujahrsrabatte, Totalausverkauf. Offenbar sind das sehr kluge Leute, die sich diese Strategien ausdenken: Wir lassen uns von diesen Rabatten verführen und kaufen das, was wir im Grunde gar nicht brauchen, denn morgen, übermorgen oder vielleicht in einer Woche oder einem Monat tragen wir diese Dinge auf den Müll oder bringen sie in die Gemeinschaft.
Aber ich war trotzdem froh darüber, dass es mich gerade hierher verschlagen hatte. Denn ich erlag selbst oft der Versuchung, Dinge besitzen zu wollen. Hier war ich jeden Tag von hübschen Gegenständen, reizenden Kleinigkeiten, schönem Geschirr, einer Unzahl Kleider und einwandfreien Möbelstücken umgeben. Alles, was ich wollte, bekam ich für einen reduzierten Preis. Aber wenn ich dieses und jenes nehmen würde, hätte ich dann überhaupt Platz in meinem Zimmer? Und was sollten die Dinge in meinem Zimmer, wenn ich sie ja doch den ganzen Tag über um mich herum hatte, und ich in meinem Zimmer vor allem schlief? Ich konnte sie während der Arbeit berühren, sooft ich wollte, sie in den Händen halten, mich an ihrer Schönheit erfreuen; nachts aber konnte ich in Gedanken an das tagsüber Gesehene nicht einschlafen. Es waren zu viele Eindrücke, zu viel Begeisterung, zu viel Buntheit, zu viele Ideen und Kreationen. Ich brauchte Ruhe, aber die Dinge drangen in meinen Schlaf und ließen mich auch in der Nacht nicht los.
In der zweiten Tageshälfte packte ich die Schachteln mit dem Material, das für die Gemeinschaften in Polen und der Ukraine bestimmt war. Hier konnte ich mich davon überzeugen, dass noch viel Brauchbares und Hochwertiges weiterverwendet wurde: Geschirr, Spielsachen, Gebrauchsgegenstände und sogar Möbel.
Einige Wochen später warf aber auch ich viele schöne Teller, Gläser und Tassen auf den Abfall. Sie zerbrachen in Stücke, und ich zuckte nicht einmal mit der Wimper; nur Dominique blinzelte mir zu und lächelte beifällig. Das war das erste, was mich die Schweiz gelehrt hatte: sich nicht an Dinge zu binden, sondern sich auf das Wichtige zu konzentrieren, das zu wählen, was es wert war, und sich von dem zu trennen, was von der Arbeit ablenkt.
Von den Schweizern wollte ich auch lernen, mich zu schonen und nicht mehr auf mich zu nehmen, als ich tragen und aushalten konnte. Mein größter Fehler war aber, dass ich beim Start des Rennens zu schnell loslief, obwohl es ein langer Marathon werden sollte. Jeden Tag sah ich diese Schachteln, und ihr Gewicht und ihre Zahl lasteten auf mir. Ich wollte sie möglichst schnell auspacken, die Ware verteilen und die Sachen für Polen einpacken.
Einige der Compagnons legten mir die Hand auf die Schulter, sagten «slowly» und rieten mir, nicht zu hasten, da es auch morgen und in einem Monat noch Schachteln geben würde. Ich solle mich ein wenig abkühlen, denn so hitzig wie ich sei, würde ich bald brennen, und dann gäbe es niemanden mehr, der auspacken könne. Ich aber hob die Schachteln eine nach der andern auf, die schweren und die weniger schweren, bis mein Rücken es nicht mehr aushielt und ich den Rest des Tages im Bett verbringen musste. So schied ich für eine Weile aus dem Rennen aus.
Nach einer Zeit merkte ich, dass die Compagnons jeden geeigneten Moment ausnutzten, um sich auszuruhen. Und ich sah auch, dass sie teilweise schon älter waren, Krankheiten hatten oder aus psychischen Gründen einige Aufgaben nicht übernehmen konnten. Ich verstand, dass dies eine Gemeinschaft war, und dass jeder Compagnon nach seinen Fähigkeiten arbeitete. Und wenn auch alle gleich viel Taschengeld erhielten, tat jeder nur so viel, wie es ihm seine körperliche und geistige Verfassung erlaubte. Ich hingegen war jung und voller Kraft und Energie. Und deshalb nahm ich gern viel auf mich und hatte meine Rückenschmerzen rasch vergessen. Ich dachte damals nicht, dass die Kräfte die Eigenschaft besaßen, zu Ende zu gehen, wenn man sie nicht erneuerte.
Ich schlief wenig, denn abends hatte ich Mühe einzuschlafen, und am Morgen fiel es mir immer schwerer aufzustehen. Einmal in der Nacht wachte ich wegen großer Schmerzen in den Beinen auf, am folgenden Morgen achtete ich aber nicht mehr darauf. Tags darauf taten mir meine Beine aber schon so weh, dass ich kaum noch einen Schritt tun konnte. Der Körper reagierte schnell auf die ungewohnte Belastung. Ich war viel auf den Beinen, setzte mich während der Arbeit aber nie hin, um mich auszuruhen. Und so kam der Moment, an dem meine Beine nicht mehr wollten.
Ich hatte nicht begriffen, warum die Compagnons sich die Freiheit nahmen, sich während der Arbeit auszuruhen. Ich tat das als Faulheit ab, ohne aber eine Bemerkung zu machen. Erst mit der Zeit verstand ich, dass sie nicht faul, sondern klug waren, denn sie wussten, dass es noch ein Morgen und ein Übermorgen gab, ja noch viele Monate und vielleicht Jahre. Und wenn man sich jetzt nicht für fünf Minuten hinsetzte, kam man am nächsten Tag nicht mehr auf die Beine.
Ich hatte fast jede Nacht Schmerzen in den Muskeln und den Gelenken, die Knie plagten mich und die Knöchel taten mir weh. Ich merkte jetzt, dass ich mich schonen musste, ich konnte so nicht weitermachen. Der Schlafmangel erschöpfte mich. Mir kam jetzt wieder in den Sinn, wie ich bei meiner Ankunft dachte, diese Schachteln auszupacken und die Waren zu sortieren sei ja gar keine Arbeit, sondern eine Kleinigkeit. Ich hatte nicht verstanden, warum die anderen so müde, apathisch und niedergedrückt waren. Jetzt aber wurde mir bewusst, dass wir vor denselben Karren gespannt waren. Ich begann, ihre Erschöpfung zu fühlen und wurde Teil ihrer Gemeinschaft. Dabei war die Erschöpfung nicht nur körperlicher, sondern auch seelischer Natur. Die Unendlichkeit der Schachteln, die Ausweglosigkeit und Verzweiflung und das Bewusstsein der eigenen Machtlosigkeit lasteten schwer auf mir.
Und am Schlimmsten wurde es dann, wenn wir mit unserer Erschöpfung nicht mehr fertig wurden und einer über den andern herfiel. Jene Atmosphäre der Ruhe und Stille, die ich zuerst festzustellen meinte, wurde zu einer Atmosphäre der Frustration und der Belastung. Ich wollte nur noch schlafen, wollte mich in mein Zimmer einschließen und nichts mehr sehen, weder diese vollen Schachteln noch die Menschen, mit denen ich diese Schachteln auspackte. Anstatt einander zu helfen, ließen wir unsere Gereiztheit aneinander aus. Nach dem Abendessen ging jeder schweigend in sein Zimmer und zog sich in seine Welt zurück.
In meiner abgeschiedenen Welt las ich nach der Arbeit Kobo Abes Erzählung Die Frau in den Dünen. Dieses Buch beeindruckte mich durch die präzise metaphorische Beschreibung der menschlichen Existenz, durch den Vergleich des Lebens mit dem unaufhörlichen Herausschaufeln des Sandes aus dem Haus. Jeder meiner Tage begann mit dem Wegschaufeln dessen, was uns die Leute brachten, und endete damit, dass ich die aussortierten Dinge in Kartonschachteln für Polen packte. Ich fürchtete, bald den Verstand zu verlieren. Ich fühlte, dass mir der Sand schon bis zum Hals stand.
Ich wollte schlafen, wollte aufgeben, wollte, dass diese Schachteln das Haus unter sich begraben würden. Dieses endlose Herausschaufeln des Sandes erschöpfte mich. Die unersättlichen Menschen aber stellten immer neue Dinge her. Was sollte man damit tun? Jemand musste dies alles beiseite räumen. Jemand musste über den ruhigen Schlaf der sorglosen und wohlhabenden Schweizer wachen, musste ihren Sand wegschaufeln, damit er sie nicht unter sich begrub. Dieser Jemand waren wir, die der Wind wie Sand von überall her auf der Welt in dieses Land der totalen Ruhe und der endlosen Menge an Dingen wehte.
Einmal am Morgen fand ich unter dem zahlreichen Kleinkram, den ich auf die Gestelle verteilte, ein kleines, aus Streichhölzern gefertigtes Häuschen. Als ich es in die Hände nahm, musste ich an uns denken, die wir trotz unserer Verschiedenartigkeit zusammenhielten und nicht nur ein kleines Häuschen, sondern ein ganzes Haus bildeten. Unsere Zusammensetzung wechselte zwar häufig, ab und zu fiel ein Streichholz heraus und es wurde durch ein neues ersetzt, aber das Haus blieb stehen. Die vielen Streichhölzer, aus denen unser Gebäude bestand, hatten alle eine andere Form und oft auch einen andersfarbigen Kopf. Jedes war einmalig, besonders und einzigartig. Und nun öffne ich die erste Streichholzschachtel, nehme ein Hölzchen heraus und beginne zu erzählen. Es ist Giorgio. Er war Italiener.
Giorgio sprach wenig. Er hörte gerne zu und ließ nur selten ein gleichgültiges Wort fallen. Aber dennoch gaben mir seine wenigen Worte mehr, als wenn er sich ausführlich zu einem Thema geäußert hätte.
Einmal während der Arbeit, als wir zum ersten Mal gemeinsam zum Auspacken der Schachteln eingeteilt waren, fragte ich ihn nach seinem Leben. Zu meinem Erstaunen platzte er los und erzählte in einem Atemzug, dass er mehr als zehn Jahre lang Drogen genommen hatte, im Gefängnis gewesen war und zwei Kinder hatte. Dann lachte er, hob die Arme hoch, wie das nur die Italiener konnten, und beendete seinen kurzen, aber inhaltsreichen Bericht mit dem Satz: «Ich habe aus meinem Leben einen Salat gemacht!»
Ich bat ihn dann, mir beim Heraustragen der Abfallsäcke zu helfen, und gerade als wir beim Papiercontainer waren, sagte er – nicht als Frage, sondern als Behauptung – die für mich wichtigen Worte: «Ich weiß, warum du das wissen willst. Du möchtest das Leben verstehen.»
