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Wien, Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Maschinenbauer Otto Mehringer scheitert am ersehnten gesellschaftlichen Aufstieg. Als er auf den Ratgeber ›Erziehung zur Schönheit‹ des Arztes Moritz Schreber stößt, glaubt er, den Weg zum Erfolg gefunden zu haben. Er baut Schrebers Apparaturen nach, entwirft weitere, um die ›geistes- und körperformenden Methoden‹ an seinen eigenen Kindern anzuwenden und wird zum Messias der Schreber'schen Lehre. Doch der Widerstand seines Sohnes und seine eigene Verblendung lassen ihn bald schon die Grenze des Zumutbaren überschreiten.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Michael Mensch-Mayr
Das Teufelskarussell
Michael Mensch-Mayr
Das Teufelskarussell
Roman
Texte: © Copyright by Michael Mensch-Mayr
Lektorat und Korrektorat: Michael LohmannCover Illustration: Maryna Baskakava
Michael Mensch-Mayr
c/o skriptspektor e. U.
Robert-Preußler-Straße 13 / TOP 1
5020 Salzburg
AT – Österreich
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Dank Conny, Michael,
Judith & Sebastian.
Leben ist Streben und nicht bloß Dasein
-Dr. Moritz Schreber (1858)-
Einleitung
Erster Teil
Das Teufelskarussell
Marksteine und Wegweiser zum Ziel
Vernunft, Ehrgefühl und Mut
Ungleichseitigkeit
Täuschung und teilweise Verheimlichung
Dem Heile künftiger Geschlechter
Auf Abwegen
Formung der körperlichen Natur
Das Träumen und Vergessen
Verbreitung der Lehre
Häusliche Einrichtung des Familienlebens
Die Rügentafel
Mängel der gegenwärtigen Menschennatur
Zweiter Teil
Erfolgsvermessung
Zum Umgang mit der Gier
Mittel zum Zweck
Umgang mit dem Tod
Verhalten bei kalten Nord- und Ostwinden
Erkenntnisse und Errungenschaften
Kraft des Glaubens
Dritter Teil
Das Jüngste Gericht
Anmerkungen
Schlusswort
Ganz hinten in der Kleinengasse, wo die Melodien des Wiener Walzers über die niedrigen Dächer hinwegtanzten und der Glanz der Stadt sich zwischen den trüben Tatsachen verlief; am Ende jener Gasse, an der der Rest der Welt ungeachtet vorüberzog, bloß Hunde hineinbellten, dort stand das Haus und focht seinen Kampf gegen die Zeit. Einst in einem Schönbrunner Gelb, das selbst die strahlendste Sonne blass erscheinen ließ, trug es heute das fahle Gewand des Verfalls. Der brüchige Sims müde das Tragische zu zieren, der Sockel leid, das Schwere zu ertragen. Nur sein Tor war stattlich, als hätte es sich im Haus geirrt.
Etwa halb so hoch wie breit so stand es da, drei Wohnungen im Erdgeschoss, drei weitere darüber, jede mit zwei Fenstern, die in die Gasse blickten, ein mittig auf dem Dach platzierter Rauchfang, der zum Himmel schwieg. Es war leicht zu übersehen, das alte Haus, wirkte unscheinbar. Selbst hinter der Fassade schien nichts Ungewöhnliches erkennbar. Da stand eine Pflanze vor Türnummer eins, der das Licht nicht zu fehlen schien. Da hing ein Heiligenbild an Türnummer zwei, ein Kreuz an Türnummer drei. Da war eine schmale Steintreppe am Ende des Gangs, die zum Obergeschoss führte. Eine Strohmatte vor Türnummer fünf, ein Segensspruch über Türnummer sechs, ein Schirm vor Türnummer sieben, sonst war auch hier nichts Merkwürdiges. Kein Flüstern, kein Knarzen, kein Pochen. Stille. Bloß das sichere Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Manch einem mochte es augenblicklich klar sein, andere brauchten vielleicht ein wenig länger – schließlich aber standen alle vor derselben Frage: Wo war die Wohnung mit der Türnummer vier? Spätestens an dieser Stelle wurde klar, dass das Haus eine Geschichte mit sich trug. Und sosehr es sich auch duckte, um den Blicken zu entgehen: Wer diese Geschichte kannte, der vermochte nicht mehr, darüber hinwegzusehen.
Wilhelm Mehringer spürte, dass da etwas Größeres war. Eine höhere Mechanik. Gigantische Kräfte, die in einer riesenhaften Maschine werkten. Eine Maschine, so monströs, dass er dagegen bloß ein Sandkorn war. Zahnräder stellte er sich vor, groß wie tausend Fußballfelder. Zylinder, so dick wie die Beine eines Riesen, und Treibriemen, wie er sie von der Arbeit seines Vaters kannte, bloß tausendhundertmal so lang, sich in seiner Vorstellungskraft verlierend; hinführend zu einem unbekannten Motor mit der Kraft von Tausillionen Pferden. Die nämlich, so schätzte Wilhelm, brauchte es, um all das hier anzutreiben. Auch er selbst, das wusste er, war Teil dieser Weltmaschine. Keine Treibstange jedoch wie sein Vater eine war, keine haltgebende Verbindung, als die seine Mutter wirkte, kein intaktes Zahnrad, wie sein Bruder eines verkörperte – ja nicht einmal eine sich unschuldig drehende Spindel, wie seine Schwester eine mimte. Nein, er war das, was nicht funktionierte. Er war das Hindernde im Ablauf, das Kaputte im Heilen, das Sandkorn im Getriebe, das drohte, zermahlen zu werden.
Stück für Stück kämpfte er sich voran. Schritt für Schritt trotzte er dem Widerstand, der sich aus dem Gegenspiel von Metallplättchen und Zahnradgröße ergab. Ähnlich einem Rindvieh in der Ochsenmühle war er eingespannt im Teufelskarussell. Seine schmale Brust plagte sich, den Holzbalken voranzuschieben, seine Beine zitterten vor Anstrengung, das Lederband, das als Achterschleife um seine Schultern gespannt war, schnitt in die schweißnasse Haut und hatte alle Mühe, den Jungenkörper in aufrechter Haltung zu bewahren. Klack, klack, klack. Im steten Rhythmus seiner Mühen drehte sich das Zahnrad der Mechanik. In dem engen, mit Möbeln überladenen Zimmer erklang jedes Klacken dumpf und nahe, als säße es ihm im Nacken. Klack, klack, klack. Der Schweiß lief in dünnen Bahnen seine Stirn hinab und rann in die Augen, als wollte sein Körper nicht mitansehen, was mit ihm geschah.
Keine Schwäche, Willi! Er grub die Fingernägel tief in das Fleisch seiner Hände, die verschränkt hinter seinem Rücken lagen. Haltung, Willi, Haltung! Heute, so sprach er sich ermutigend zu, heut schaffst du’s. Selbst das große, ja, selbst das ganz, ganz große Rad. Er sah es deutlich vor sich: seinen schwächlichen Körper, der sich im Flackern der Gasflamme vorankämpfte, bis er das letzte metallene Kratzen vernahm, mit dem sich das größte aller Zahnräder vor den Widerstand schob. Und er sah sich weitergehen, als wäre nichts geschehen; als gäbe es nichts, das ihn in die Knie zwingen, keine Kraft, die ihn aufhalten konnte. Ja, heute würde er das Teufelskarussell bezwingen. Mit einem Mal bestand für ihn kein Zweifel mehr. Diese Vorstellung, die eben noch träumerisch gewesen war, hatte sich in seinem Kopf zu einem tatsächlichen Ereignis manifestiert, an das er eine Art Erinnerung zu haben meinte. Wie Vater stolz sein wird!, dachte er.
Wilhelm erwachte wie aus einem Traum. Augenblicklich erkannte er, an welcher Stelle der Umlaufbahn er sich befand. Seine Schultern verkrampften sich, seine Brust versteinerte. Da war der Schubladenkasten, dort das winzige Fenster – er wusste, was nun folgte. Mittlerweile hatte er es im Blut; wusste, was wann wie geschah und warum es das tat. Und er verstand, was das Wie und Wann für ihn bedeutete. Derart, so glaubte er, würde es in ferner Zukunft auch mit der Weltmaschine sein. Irgendwann dann, wenn sein schwacher Körper stark genug dafür wäre, seine Rolle im größeren Spiel der Dinge einzunehmen. Er betrachtete das raue Holz, das auf Brusthöhe vor ihm in der Luft hing, sein Blick balancierte über den Balken bis zur Befestigungsspindel und sprang hinab zur darunterliegenden Mechanik. Das Hin und Her, das Wenn-das-eine-dies-macht-macht-das-andere-Jenes – das alles machte Sinn. Nur er selbst drehte sich im Kreis. Das metallene Kratzen erklang, dann sprang das Teufelskarussell auf die nächste Stufe.
Das Klacken war nun zögerlich. Wilhelm war bei den an der Wand hängenden Ansichtskarten angelangt und glaubte zu ersticken. Es war, als ließe das Bild einer weiten Landschaft unter hohem Himmel seinen Körper erkennen, was er in dieser finsteren, feuchten Zimmer-Küche-Wohnung mit der von Kochdämpfen, Schlaf und Schweiß durchmischten Luft alles zu entbehren hatte. Walther sagte, sein Vater habe sich gerade diese Wohnung ausgesucht, denn sie sei noch die beste im ganzen Haus. Frieda sagte nichts dazu, aber Rudolf sagte, Walther sei ein Trottel und wisse nicht, was er rede, denn die Hausmeisterwohnung sei immer die gleiche: jene im Erdgeschoss neben dem Tor. Es sei der depperte Stand von Walthers deppertem Vater, in dieser depperten Wohnung zu sitzen. Und aussuchen, auch das sagte Rudolf, aussuchen könne sich hier keiner was.
Kl-ack, kl-ack, kl-ack. Wilhelm hatte den Diwan bereits passiert und auch den Tisch mit den Stühlen hinter sich gebracht. Bei den Stickereien war es noch zu früh, erst ab dem Kaiser-Porträt durfte er die Schritte zählen. Ab diesem wären es noch exakt zwei Runden, bevor das letzte Rad seine Zähne in den Widerstand schlüge. Kl-ack, kl-ack, kl-ack, legte die Maschine den Takt unter die Hymne, die wie automatisch in seinem Kopf ertönte: Gott er-hal-te, Gott be-schü-tze un-sern Kai-ser, un-ser Land! Es ist nicht mehr weit, Willi! Heute Willi, heut schaffst du’s! Noch nie zuvor war er derart weit gekommen. Mäch-tig durch des Glau-bens Stü-tze führ’ er u-ns m--it w--ei--ser H---h---
Die täglichen Zusatzrunden, die Wilhelm wegen seines schwächlichen Körpers stets allein zu drehen hatte, waren besonders schlimm. Die Einsamkeit, die Müdigkeit, die Trostlosigkeit – sein Versagen war programmiert. Selbst wenn sie zu viert – sein Bruder Rudolf, Walther, der Hausmeistersohn, Harding, der Sohn des Kammmachers, und er – an die Maschine gespannt waren, scheiterten sie zumeist kurz vor Ende. Die Dicke der Widerstandsplättchen, so hatte Rudolf ihm erklärt, als er ihm zeigte, wie man sie wechselte und wo man die Höhe der einzelnen Balken einstellte, sei der Anzahl an Personen angepasst. Bloß mit einem Fetten wie Walther habe der depperte Vater bei der Konstruktion nicht gerechnet, und bloß deshalb schafften sie es ab und an, auch das große Rad zu stemmen.
»Deppertes Ding«, schimpfte Rudolf, wenn sie dem Teufelskarussell wieder einmal unterlegen waren, und alle stimmten nickend zu. »Von Brennsupp und Apfelbutzen ist noch nie wer zu was g’worden«, fügte meist der Hausmeistersohn Walther Thoringer hinzu, worüber man sich ebenfalls einig war. Doch nun war niemand hier.
»Deppertes, deppertes Ding«, schimpfte Wilhelm und nickte einsam. »Aus dir wird nie was werden, Willi«, fügte er hinzu, und auch dem pflichtete er bei.
Erschöpft schlüpfte er aus der Brusthalterung. Er hatte das Gefühl, als atmete seine ganze Gestalt. Jeden Augenblick würde er explodieren, so glaubte er, denn sein Körper dehnte sich nach Luft ringend aus, über die eigenen Grenzen hinweg. Sein Kopf glühte bereits, die Einbildung eines Triumphs war längst zerronnen. Er schnallte das Schulterband ab und sein Körper sackte zusammen, als versuchte er, dieser todbringenden Überdehnung entgegenzuwirken. Jedes Bemühen, so dachte Wilhelm nach dieser weiteren Niederlage, Teil dieses größeren Ganzen zu werden, war aussichtslos. Er war unbrauchbar, denn er war falsch, verbogen und nicht wiederherstellbar.
Das Teufelskarussell schwieg. Kein Keuchen, kein Schnaufen, kein Mucks war von ihm zu hören, und als Wilhelm es anfasste, spürte er, wie kalt es war. Eiskalt beinahe, als stünde es schon immer still – unbeeindruckt von Wilhelm Mehringers erbärmlichen Bemühungen. Mit letzter Kraft montierte der Junge den Balken ab. Krumm und abgezehrt stand er da und blickte auf das Holz zu seinen Füßen. Wie sollte er die Kraft aufbringen, es hochzuheben und fortzutragen? Er ließ den Balken vorerst liegen und wollte gerade den Vorhang beiseiteschieben, um die Karussellmechanik dahinter zu verstecken, da zuckte er zusammen. Etwas war da hinter ihm – er spürte es! Es fühlte sich an, als hielte ihm jemand einen kalten Maschinenteil an den verschwitzten Rücken, und augenblicklich wurde ihm bewusst, was geschehen war. Ein Seufzen glitt ihm durch die Brust. Er schluckte, um die Tränen zu unterdrücken, korrigierte die krumme Haltung, die er vor Erschöpfung angenommen hatte, packte das Teufelskarussell mit beiden Händen gleichzeitig und zog es zurück auf Position.
»Herr, der ich bin über mein Leben«, sprach er sich vor, »der geistige Freiheit und sittliche Veredelung erschuf. Die Natur lehnt sich auf, wider mich und meinen Willen. Und nun, edle Vernunft, sieh an ihr Verlangen, und gib mir die Kraft, ihm zu entsagen.«
Von nun an genügt ein Blick, ein Wort, eine einzige drohende Gebärde, um das Kind zu regieren. Buch Schreber, 1. Teil, Kapitel B, Absatz 7.
Hier stand es geschrieben. Was für ein fantastischer Tag es gewesen war! Nicht einmal umgedreht hatte sich der Junge. Ohne ein einziges väterliches Wort erheben zu müssen, hatte Wilhelm seinen Fehler erkannt, die Karusselldrehmaschine zurück auf Position geschoben und die Konsequenzen für Haltungsverlust und Ungleichseitigkeit übernommen. Welch ein schönes Beispiel für ihren Fortschritt. Was für ein wichtiger Erfolg in Zeiten des Zweifels. Otto Mehringer schlug Doktor Schrebers ›Kallipädie‹ zu und lehnte sich zurück.
Andere mögen sich täuschen lassen. Doch einem gelernten Schmied wie ihm fiel auf, wenn Dinge sich nicht formen ließen, wie sie sollten. Ein Maschinenbauer, der er heute war, erkannte, wenn eine Fehlfunktion vorlag. Wie lange hatte er sich krummgearbeitet, sich schikanieren und zum Narren halten lassen, ohne dass sich jemals etwas für ihn verbessert hätte? An wie vielen Schrauben hatte er gedreht, wie viele Maschinen gebaut und Rohteile gespant, ehe er erkannte, dass der grundlegende Mechanismus dieser Gesamtkonstruktion defekt war? Dass ein toleriertes Maß überschritten war, etwas nicht ineinandergriff, nicht passgenau sein konnte. Doch nun, nach all dieser Plagerei, nach all der Zeit des fruchtlosen Bemühens, hatte er die Stellschraube gefunden, mit der er in diesem Mechanismus etwas würde bewirken können. Sein Blick tastete den Bucheinband ab, seine Hände lagen auf den Oberschenkeln – zufrieden mit der Arbeit, die sie geleistet hatten. Seine Kinder würde es einmal besser haben. Sie würden soziale Aufstiege erlangen, blieben nicht dieses letzte heiß laufende Teil der Maschine, das mit falschen Übersetzungen und fehlenden Rückholfedern zu kämpfen hatte, sondern würden bald schon an Stelle des Fabrikanten stehen. Er, Otto Mehringer, wäre ihr Messias und Doktor Daniel Gottlob Moritz Schrebers ›Kallipädie‹ die Heilige Schrift, die sie zur Erlösung führen würde.
Otto Mehringer hob den Blick vom Buch und legte ihn auf seinen Sohn, der ihm am kleinen Tisch gegenübersaß. Rudolf aber reagierte nicht. Auch saß er nicht aufrecht, wie es von ihm gewünscht war. Nein, mochte eine mögliche Abweichung noch so gering, noch so unbequem für ihn sein – er kostete sie bis zum Äußersten aus. Er saß da, mit allem Gewicht gegen den Geradhalter gelehnt, dessen Querstab ihm die Brust eindrückte, und zeigte weder Schmerz noch Einsicht. All das, was am physisch benachteiligten Wilhelm geglückt war, schien an Rudolfs gesegnetem Körper misslungen – doch auch ihn würde er noch hinbiegen. Wie auf ein stilles Kommando schlugen Ottos Hände sanft auf Rudolfs Beine.
Schließlich, so überlegte er, musste man das Alter bedenken. Gedanklich öffnete er erneut das vor ihm liegende Buch und blätterte es durch. Es hatte schon seinen guten Grund, weshalb Doktor Schreber nicht nur zwischen körperlicher und geistiger Seite trennte, sondern zudem die erzieherischen Maßnahmen nach vier Altersgruppen unterschied. Zur Herrschaft über seine eigene Natur musste der Mensch gelangen. Dies war das Endziel, dem ein harter Kampf zugrunde lag. Und wie die Natur selbst, so hatte auch jene im übertragenen Sinn Zeiten, zu denen sie still, ja beinahe sanftmütig war, und solche, zu denen sie wild tobte. War nicht Rudolf mit seinen fünfzehn Jahren gerade in einer solchen Phase? Befand er sich nicht bereits in jenem Alter, in dem man sich dieser Naturgewalt hilflos gegenübersah? Die sich ausdehnte und aufbäumte, dass man glaubte, man zerspringe? Und war man in solch einem Alter nicht besonders angewiesen auf Hilfe von außerhalb? Auf Unterstützung im Kampf? Auf entschiedenes Entgegentreten von elterlicher Seite? Er würde ihm diese Naturgewalt austreiben, wie er auch den schwachen Geist aus Wilhelm exorziert hatte.
Otto atmete tief aus, um seinem Blick Schwere zu verleihen, kniff die Augen zusammen, um ihn zu schärfen, doch Rudolf zeigte keine Reaktion. Es schien, als würde ihn nichts berühren.
»Rudolf Mehringer«, sprach der Vater den Sohn an. Seine Stimme war fest, sein Ton um Sachlichkeit bemüht, doch wer genau hinhörte – und das tat Magdalena stets –, vernahm die unterdrückte Wut, die zwischen den Vokalen durchzubrechen drohte.
Sie stand dem Tisch gegenüber an dem an die Wand gerückten Ofen, hatte ihre Schürze glattgestrichen und die Ohren gespitzt.
»Otto«, versuchte sie ihren Gatten abzulenken, um die sich anbahnende Katastrophe zu verhindern. »Darf ich dich bitten?« Ohne hinzusehen, deutete sie zielsicher auf die Schöpfkelle, die mit all dem anderen Kochgeschirr über dem Tisch an der schmierigen Wand hing. Es war zu spät. Sie bekam die Kelle, doch auch Rudolf erhielt seine Konfrontation.
»Ja, Herr Vater?« Der Junge sah den Vater mit ausdruckslosen Augen an und lehnte sich weiter auf gegen den Geradhalter und die aufrechte Position, die das Geradhalt-Gestell erzwingen wollte.
»Rudolf, bitte die Kanne«, bat die Mutter verzweifelt.
»Mir scheint, du sitzt krumm«, ermahnte der Vater. Rudolf schielte auf das T-förmige Metallteil vor seiner Brust, um endlich jene Worte anzubringen, die er sich lange schon zurechtgelegt hatte. Drei, zwei, eins, zählte er gedanklich herunter.
»Rudolf, darf ich dich bitten? Die Schüssel …« Auch dieser Ablenkungsversuch der Mutter blieb wirkungslos.
»Krumm, Herr Vater? Aber ich sitze doch am Geradhalter.« Rudolfs Blick sank hinab, seine Mundwinkel zogen sich spitzbübisch nach oben.
»Bitte die Reibe. Darf ich bitten? Die Reibe?«
»Oder ist er etwa unnütz?« Für einen Moment hingen Rudolfs Worte in der Luft, dann donnerten sie mit all ihrem Gewicht nieder und ließen den gesamten Raum erzittern. Ida, die auf dem einzigen freien Platz zum Spielen unter dem Tisch lag, stieß einen kurzen Schrei aus und verstummte. Frieda, die auf der Kohlenkiste saß und das Hausführungsbuch am Fensterbrett vor sich aufgeschlagen hatte, blickte neugierig über die Schulter und gluckste leise, als bereite ihr die angespannte Stille heimliche Freude.
Er würde ihn schon noch richten, dachte Otto, der sich vorgenommen hatte, nicht mehr die Beherrschung zu verlieren, weil dies Doktor Schreber zufolge einer groben Charakterlosigkeit entsprach. Er bekäme ihn schon hin, wie er auch die Senkrechtbohrmaschine hinbekommen hatte, die der Fabrikant bereits aufgeben wollte; und wie er auch bei Wilhelm, an den ebenfalls keiner mehr glauben konnte, so vieles hatte korrigieren können. Ein wenig Druck an der einen oder anderen Stelle, hie und da ein wenig straffer ziehen, dort ein fester Klaps, da eine kleine Korrektur.
Die Stille, ein seltener Gast, währte an. Frieda, deren linke Hand sich vom vielen Schreiben verkrampft hatte, starrte mit glänzenden Augen direkt in ihr Zentrum, Ida schien sich unter dem Tisch in Luft aufgelöst zu haben, und neben Magdalena wankte der Kochgeschirrturm, bis sie sich nicht mehr anders zu helfen wusste und zum Essen rief. Sie schrie es beinahe heraus und klapperte mit der Schöpfkelle, als wollte sie böse Geister vertreiben. Otto blieb regungslos sitzen, starrte den Sohn an, und auch Rudolf trat zurück in das Blickduell mit dem Vater, in dem es weder Regeln noch Zweitplatzierte gab.
»Darf ich dich bitten, deinen Bruder zu holen?«, rief Magdalena über den Lärm, den sie selbst erzeugte.
»Nun«, sagte der Vater, doch er sprach nicht zu ihr. »Wilhelm arbeitet heute länger an sich. Er wird noch ein wenig Zeit benötigen.« Er ließ eine kurze Pause, streifte erst die Uhr, dann Rudolf mit seinem Blick, und setzte fort: »Aber wir können gerne warten.«
Augenblicklich erhob sich der rebellische Sohn von seinem Platz, montierte den Geradhalter vom Tisch, verstaute ihn in der Schublade, und Otto wusste, dass er gesiegt hatte. Der Junge winkte seiner älteren Schwester, die das Buch zuschlug, ihre Schwester Ida in den Kinderwagen legte, und neben ihrem Vater Platz nahm. Magdalena servierte die Erdäpfel, die ungar waren, und die Einbrennsuppe, die noch klumpte, nahm ebenfalls Platz, und die Familie reichte sich die Hände, als suchte sie die kostbare Mahlzeit vor Dieben zu schützen.
»Herr, der ich bin über mein Leben, der geistige Freiheit und sittliche Veredelung erschuf«, skandierte Rudolf folgsam. Höflich wie stets, doch deutlich irritiert, erwiderte Frieda das scharfe Lächeln, das der Vater ihr zuwarf. Schwer lag der Blick der Mutter auf den Erdäpfeln, als suchte sie diese nachträglich zu schmoren.
»… und nun, edle Vernunft, sieh an ihr Verlangen und gib mir die Kraft, ihm zu entsagen.«
Zur Herrschaft über die eigene Natur müsse er gelangen, der Mensch, so predigte der Vater. Denn dies sei die Voraussetzung für geistig-sittliche Veredelung und geistige Freiheit, die die notwendige Bedingung für einen eindrucksvollen Charakter waren. Es sei ein stetiger Kampf – ein Lebenskampf – und so fochten sie: Frieda gegen ihre Natur zu schweigen, Magdalena gegen ihre Verweichlichung, Rudolf gegen die Zeit, Wilhelm gegen seine Schwäche und Otto Mehringer gegen den unedlen Wunsch, Geschichte zu schreiben.
Im Zimmer war es beinahe finster. Lediglich um die Petroleumlampe in der Ecke hatte sich ein wenig Licht gesammelt, das jedoch zu schwach war, um der Gestalt des Vaters an Düsterheit zu nehmen. In der Ferne tönte das Wummern der Maschinen und das Rattern der Kutschenräder, von deutlich näher drang das Lallen eines Betrunkenen und von nebenan das Klappern des Geschirrs, das, aufgekratzten Kindern gleich, nicht zur Bettruhe finden wollte.
Wilhelms Weinen aber war still. Er lag ausgestreckt auf dem Rücken, hatte die Augen weit aufgerissen und spürte, wie sie ihn brennend ermahnten und sich, einem solchen Kindskopf ausgesetzt, nicht anders zu helfen wussten, als reichlich Tränenflüssigkeit abzusondern. Zwanghaft versuchte er, wach zu bleiben, doch die Müdigkeit hatte seinen Körper stillgelegt und jedes händische Ankurbeln einzelner Teile zwecklos gemacht. Wilhelm dachte an den stotternden Herrn ehemaligen k. u. k. Kommerzialrat Redlich, der im letzten Zimmer des offenen Holzgangs wohnte und bis spät in die Nacht im Suspensionsgerät hing, um seine Haltung zu verbessern. Wie konnte dieser Mann so stark sein, während er, Wilhelm, so müde und schwach war? Ein letztes Mal, so schwor er sich, würde er bloß träumen, doch morgen schon härter an sich arbeiten. Wenn der Vater endlich beginnen würde, dann könnte er sich den Schlaf holen, der dafür notwendig wäre.
Frieda hörte nichts. Sie konnte mühelos jedes noch so aufdringliche Geräusch ausblenden, um in der Stille zu schwelgen, die sie so sehr liebte. Nur dieses drängende Gefühl, das dort aus dem schwachen Licht der Ecke kam, bedrückte sie in ihrem Frieden. Worauf wartete der Vater bloß? Wollte er nicht endlich die Stille verstimmen, auf dass sie bald wieder klingen konnte? Kein Mensch interessierte sich für die dumme Geschichte. Was musste er für ein schlechter Vater sein, wenn er nicht erkannte, dass sie längst zu alt waren für diesen Schmarrn. Von ihm hatte keiner eine ärztliche Begutachtung der Ehe- und Vatertauglichkeit verlangt – sein Glück, denn er wäre durchgefallen.
Rudolf hörte tausend Dinge. Sein Körper lag ruhig und auf Gleichseitigkeit bedacht knapp neben dem seines Bruders, doch innerhalb dieser schalldichten Hülle rumorte es gewaltig. Es war ein wilder Aufstand, der da in ihm tobte: niedere Bedürfnisse, die aufbegehrten und sich nicht mehr unterdrücken lassen wollten. Haushohe Barrikaden, entstanden wie aus dem Nichts, die die einfachsten Wege unbegehbar machten. Eine unfassbare Wut, die über den Tumulten lag und einem die Luft zum Atmen nahm. Der Vater glaubte, er könne über ihn bestimmen? Er glaubte, er könne ihn besiegen in ihren täglichen Gefechten? Das konnte er nicht! Alles, was er zu erzielen glaubte, waren Scheinerfolge. Denn kaum, da er schlief, würden die Aufständischen siegreich sein – und somit auch er. Die Unterdrückten würden ihre Unterdrücker entmachten und er, der Revolutionär Rudolf Mehringer, würde an sie denken – an das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte, doch abends niemals sehen durfte. Warum schwieg der depperte Vater? Was war mit der depperten Geschichte? Und was wollte er ihm mit diesem depperten Blick vermitteln, mit dem er ihn zuvor am Tisch bedacht hatte? Ahnte er von diesem heimlichen Sieg?
Endlich erklang die Stimme des Vaters, und die Kinder freuten sich. Nicht aber auf die Geschichte, die sie schon so oft gehört hatten, sondern auf das Ende des Tages, das nun greifbar wurde.
»Es säte einst der Wind drei Samen auf einem kleinen Hügel aus«, begann der Vater zu erzählen. Und auch an diesem Abend rieb sich die Strenge seiner Stimme an der kindlichen Harmlosigkeit des Textes und produzierte einen grotesken, fast unheimlichen Klang. »Es kam der Regen und wässerte die Erde, es kam die Sonne und schickte Energie. Und eines Tages, da gelangten sie zu Leben und blickten mit ihren Köpfchen in die weite Welt hinaus. Alle drei in Reih und Glied standen sie beisammen, und eines wollten alle gleich, sie alle wollten wachsen – hoch bis zum Himmel und über sich hinaus. Der erste Baum konnte nicht warten, wollte unbedingt der Schnellste sein. Und so schlug er keine Wurzeln, reckte bloß sein Köpflein. Bald schon überragte er die andern und sah verachtungsvoll hinab.«
Da war sie, die erste Pause, die der Vater stets an dieser Stelle setzte, um die Dramaturgie zu steigern – alle hatten sie erwartet. Eine weitere würde folgen, dann käme diese eine, erlösende, große.
»Doch eines Tages zog ein Sturm auf und umwehte unsre Saat. Er rüttelte hier und schüttelte dort und trug das wurzellose Bäumchen einfach fort. Da wurde er ganz ängstlich, jener Baum, der grad noch in der Mitte stand. Er hörte jählings auf zu wachsen und bohrte tausend Wurzeln in den Sand. Es dauerte nicht lange, da kam erneut ein Wetter. Regnen tat es schwer und stark. Wasser überflutete den Boden, und Bächlein rannen flink zum Tal hinab. Sie umspülten unsre Bäumchen, und das kleine, fest verwurzelt, ertrank nun leider kurz und knapp. Nur das dritte hielt das Köpflein über Wasser, stand verankert fest und gut. Denn es war zwar stets gewachsen, doch seine Größe auf drei Wurzeln ruht.«
»Vernunft«, sprachen die Kinder wie auf Kommando im Chor, »und Ehrgefühl und Mut.« Ihre Stimmen klangen hoch und heilig, voll und ganz im kleinen Raum, und an manch einem Morgen meinte Wilhelm, ihren letzten Ausklang als zarttönenden Hauch hören zu können.
Es folgte die zweite Pause, doch sie blieb nicht ungestört. Tnanana, tnananana, tnananana wurde sie vom Geräusch der Nähmaschine erfüllt, die Magdalena im Nebenzimmer angeworfen hatte, um das letzte Dutzend Krägen für diesen Tag zu nähen. Der stotternde ehemalige k. u. k. Kommerzialrat Redlich und Mutter, dachte Wilhelm, wie konnten beide so stark sein – und weshalb war er so schwach?
»An einem heißen Sommertag«, erzählte der Vater weiter, »da kam der wilde Sturm zurück. Hämisch lachend, gierig im Zerstörungswahn, sah er wohl das große Bäumchen, doch nicht, was unter seiner Erde lag. Verankert fest im Boden, so stand der Baum nun da, und der Sturm, der tobte wild und wütend, bis er endlich müde war. Enttäuscht zog er von dannen, und das Bäumchen stand noch stramm. Die Wurzeln nach dem Sturm noch fester, war es stark und unzwingbar. Und so wuchs und wuchs es weiter, hübsch, und stark, und fabelhaft und trug schon bald die reife Frucht …«
»… der sittlichen Willenskraft«, ertönten erneut die Kinderstimmen.
Der Vater nickte zufrieden. Die Kinder nahmen die letzten Korrekturen an ihrer Haltung vor, damit er nichts an ihnen auszusetzen hätte und sie sich endlich in den Schlaf, die Stille und den Frieden zurückziehen konnten, die ihnen die Nacht zugestand. Bloß Wilhelm hatte Eile, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Der Vater öffnete das Fenster, trat an das Bett der Tochter, legte ihr die Schulterriemen an und zurrte die Haltegurte am Rahmen fest. Das machte er gut, dachte sich Frieda: sicher und routiniert. Wäre dies eine Aufgabe der ärztlichen Begutachtung seiner Ehe- und Vatertauglichkeit, zumindest die würde er bestehen. Bloß sein schiefes Lächeln war unangemessen. Was hatte er ihr zu sagen?
Der Vater drehte sich zum Bett seiner Söhne, legte erst Wilhelm, dann Rudolf prüfend die Hände auf die Schultern, tastete ihre Körper nach Unebenheiten ab und befühlte das Geschlecht seines Ältesten, um es in seiner Demut zu testen.
Herr, der er ist über mein Leben, dachte Rudolf. Der geistige Verdepperung und sittliche Unterdrückung erschuf. Die Wut lehnt sich auf, wider ihn und meinen Willen. Und nun, edler Schlaf, sieh an ihr Verlangen und bette es zu Ruhe.
Der Vater setzte Wilhelm die Lederriemen-Haube auf, legte ihm das Kinnband um, und strich ihm sanft über die Wange, ehe er die Hand zurückziehen konnte. Da war sie ihm ausgekommen – diese Zärtlichkeit war nicht vorgesehen gewesen. Sie hatte sich eingeschlichen, weil er an diesem Tag derart stolz auf ihn gewesen war.
Otto trat aus dem Zimmer, schloss die Tür und hörte dumpf ihre letzten Gebete. Um seinen Fehler zu beheben und im Schlafraum wieder jene Kühle herzustellen, die gut für die Kinder war, hatte er bewusst darauf verzichtet, eine gute Nacht zu wünschen. Und auch wenn der stille Abgang ihres Vaters sie verunsicherte, so waren die Kinder insgeheim dennoch froh, dass es so gekommen war. Wilhelm, weil er mit dem Lederband, welches das Missverhältnis zwischen Unter- und Oberkiefer korrigieren sollte, ohnehin nicht hätte sprechen können, Frieda, weil es ihr stets lieber war, wenn es still blieb, und Rudolf, weil er durchaus hätte antworten, jedoch nicht hätte sagen können, wie diese unsägliche Wut in ihm die Worte hätte klingen lassen.
Mit einem Kopfsprung tauchte Frieda ein in die Stille wie in einen See. Kühle Schwärze umgab sie und ließ sie darin fast wie schwerelos sein. Wilhelm schloss die Augen, musste wieder weinen – ob aus Glück, Erschöpfung oder einem anderen Grund, das wusste er nicht –, hörte das Tnanana, tnananana, tnananana aus dem Nebenraum und dachte: Komm, liebe Einschlafmaschine, spring an! Und als er über das Muster nachzudenken begann, von dem er spürte, dass es diesem Geräusch zugrunde lag, da schlief er ein.
Rudolf war längst in den Schlaf gesunken, obwohl er hätte schwören können, dass niemand mit einer derartigen Wut jemals würde schlafen können. Doch er hatte unterschätzt, wie schnell wütende Männer ihren Frieden fanden, wenn es eine Frau in ihrem Leben gab.
Es war eine gütige Nacht, die die Mehringer-Kinder willkommen hieß. Sie war die Retterin in Not, der erlösende Halt auf einem beschwerlichen Weg und trug sie an ferne Orte, damit sie Abstand gewinnen konnten und das große Ganze zwischen den furchtbaren Kleinigkeiten nicht aus den Augen verloren.
Sein Blick schweifte über die ruhenden Körper. Alles schien recht zu sein, keine deformierende oder unsittliche Erhebung war im Halbdunkel des frühen Morgens zu erkennen. Otto Mehringer trat leise an das Klappbett, in dem Frieda schlief, kontrollierte die Schulterriemen und stellte zufrieden fest, dass sie sich nicht gelockert hatten. Eigentlich war Frieda mit ihren einundzwanzig Jahren zu alt für diese Maßnahme, doch ihr Körper hatte ihm keine Wahl gelassen. Beharrlich weigerte der sich, auf dem Rücken zu liegen. Als wäre ein unsichtbarer Kampf im Gange; als versuche die Nacht, all das Gleichseitige und Formschöne, das die Tage aus diesem Körper erarbeitet hatten, durch Verdrehen und Umwälzen zu verunstalten.
Doch nun, dank der Schulterriemen, wurde jede formschädliche Schlaflage unterbunden. Er trat ans Bett der Söhne. Vorsichtig hob er die Decke hoch und begutachtete das von dünnem Stoff bedeckte Geschlecht seines Ältesten. Da lag es: schlaff und willenlos, wie es zu sein hatte. Kein Aufbäumen gegen den sittlichen Charakter, kein Aufbegehren gegen die strenge Unterdrückung – was für ein prächtiger Anblick, verkörperte er doch ihren bisher größten Sieg. Diese ernste Gefahr für die sittliche Willenskraft und den Aufstieg zu einer glorreichen Zukunft schien zu guter Letzt erfolgreich in die Flucht geschlagen. Er würde ihn richten – das hatte er Rudolf versichert. Und hier lag er nun, flach wie ein Marmorblock, bereit, zum Abbild eines glänzenden Menschen gemeißelt zu werden, der in den Prunkbauten dieser Stadt zu bewundern sein würde.
Magdalena träumte ebenfalls, jedoch nichts vergleichbar Schönes. Sie stand an ihrem Ofen und klebte graue Zettel an die Wand. Ida schwirrte ihr wie ein nerviges Insekt um den Kopf, Frieda saß abseits und schmiedete ein Messer, Rudolf seinem Vater gegenüber am Tisch und fragte, ob ein Maschinenbauer denn nicht bloß ein moderner Bauer sei.
Eilig ließ sich Magdalena von ihm den Kochtopf reichen und konnte somit, den drohenden Streit verhindern. Mit Erleichterung stellte sie ihn auf den Ofen, befüllte ihn mit Wasser aus einer Schüssel und fragte sich, wonach es plötzlich so furchtbar stank. Die Weckeruhr schrillte und ließ sie erwachen. Sie sprang auf, zog den Nachttopf unter dem Bett hervor und hatte es eilig, ihn zu leeren.
Auch die Bettgeherin, die einen Schlafplatz unter dem Fenster gemietet hatte, schlug die Augen auf. Sie warf ihr Leinenkleid über, verstaute den Strohsack, auf dem sie gelegen hatte, und nahm sich das Stück Brot, das bereits für sie gerichtet war, ehe sie aus der Tür verschwand.
Otto, der im Licht der Petroleumlampe an seiner Rede arbeitete, korrigierte den Eröffnungssatz. Er musste es kürzer fassen, klarer auf den Punkt bringen. Wer vergisst, notierte er nach kurzem Überlegen, kann keine Geschichte schreiben, denn er weiß nicht, was bereits geschrieben steht.
Er lehnte sich zurück, betrachtete das Geschriebene wie ein Künstler sein Werk und war zufrieden. Den Rest würde er aus dem Stegreif vortragen. Er erhob sich vom Küchentisch, ging ins Nebenzimmer und schloss lautstark das Fenster, um die Kinder zu wecken. Routiniert half er Frieda, die Schulterriemen zu lösen, und beobachtete aus dem Augenwinkel seine Söhne. Doch es gab keinen Grund zur Sorge, nein, er konnte stolz auf sie sein. Keine Sekunde, die sie vertrödelten, keine Minute, die sie sich der Unsitte der Langschläferei hingaben. Rudolf schien wie ausgewechselt. Er hatte seinem Bruder geholfen, den Kinnhalter abzunehmen, und schon waren sie auf den Beinen und vollführten ihre Turnübungen. Fast synchron wendeten sie ihren Kopf, kreisten sie die Arme, beugten sie ihren Rumpf und streckten sie die Knie. Die Bewegungen stets gleichseitig, den Körper stramm und aufrecht, die Blicke konzentriert und geistesgegenwärtig, dass es ein Vergnügen war, ihnen dabei zuzusehen. Wie weit waren sie in dieser kurzen Zeit gelangt! Wie gut hatte die tägliche Bewegung ihrer Körperform und Gesundheit getan; wie hatte sie ihren Mut und ihre Tatkraft gestärkt! Bald schon wären sie vollendet, seine Kunstwerke, wären Herrscher über ihren Körper, Herren wahrer geistiger Freiheit und bereit, ihren Aufstieg in Angriff zu nehmen.
Frieda hatte derweilen die Betten gemacht, Wasser vom Hausbrunnen geholt und es in die Lavoirs gefüllt, die in der Küche bereitstanden. Wilhelm und Rudolf eilten auf den am Ende des Holzgangs gelegenen Abort und wieder zurück in die Küche, wo ihre Schwester bereits wartete. Sie half Wilhelm in die Wanne, griff sich das für die kalte Totalabreibung vorgesehene grobleinene Tuch, tauchte es ins eisige Wasser und wusch den zitternden Körper von oben bis unten ab. Rudolf war mit seinen fünfzehn Jahren selbst verantwortlich für die korrekte Durchführung der Abhärtungsmaßnahme. Unter dem prüfenden Blick des Vaters tauchte er den Lappen besonders lange unter und klatschte ihn sich aufs Gesicht. Er biss die Zähne zusammen, versuchte, sein Zittern zu verbergen, wusch Schultern und Brust, Bauch und Hüften, schlug den Lappen auf sein Geschlecht und scheuerte wild, bis er das Gefühl hatte, dass nichts mehr zwischen seinen Beinen war. Nackt und nass, wie er war, stieg er aus der Wanne und folgte dem Bruder ins Nebenzimmer. Unter den wachsamen Augen des Vaters entkleidete sich Frieda und stieg ins schmutzige Wasser.
Der Tag gab sich noch nicht zu erkennen, doch durch die undichten Fenster drang bereits das Rattern der anlaufenden Maschinen. In der Ferne klang das Läuten der Kirchturmglocken – ein drakonischer Klang, der auch die letzte Verträumtheit aus den gebeutelten Seelen trieb. Empörtes Hufklappern galoppierte darunter hinweg, und eiligen Schritts strömten die Arbeitssuchenden in Richtung Zeitungsgasse, um die neuesten Stellenanzeigen zu durchforsten.
Magdalena stellte das Brotkörbchen – für jeden eine Scheibe, bloß für den Vater zwei – und das Butterschälchen auf den Tisch, um den alle eng aneinandergerückt saßen. Zu trinken gab es vorerst nichts. Nicht für die Söhne, weil Flüssigkeit die Verdauungssäfte verdünnte, und auch nicht für Vater, Mutter und Tochter, weil die drei als Vorbild zu wirken hatten.
»Herr, der ich bin über mein Leben …«, erklangen die Stimmen im Chor. Auch Wilhelm sprach artig mit, doch in Gedanken war er längst wo anders. Er rief sich dieses eine Mal in Erinnerung, als der Vater vergessen hatte, auf die Uhr zu blicken, und er ganze vier Minuten früher zu trinken bekommen hatte. Seither aber war der Vater wachsam und würde es auch heute wieder ganz genau nehmen.
»Die Natur lehnt sich auf wider mich und meinem Willen …«
Für Wilhelm, der stets Durst nach dem Aufstehen und erst recht nach dem Turnen hatte, war diese Viertelstunde Trinkverbot eine qualvolle Zeit. Die Hälfte der Hälfte einer ganzen Stunde – so viel war es in seinem Kopf, denn von bloßen Minuten zu sprechen, würde ihrer Länge nicht gerecht. Mittlerweile hatte Wilhelm gelernt, bei der kalten Totalabreibung zur richtigen Zeit unbemerkt den Mund zu öffnen, um ein wenig Wasser zu trinken – dies aber waren bloß Tropfen auf ein heißes Verlangen. Er blickte auf die Uhr und begann zu zählen.
