Das Theater in mir - Ralf Michael Pape - E-Book

Das Theater in mir E-Book

Ralf Michael Pape

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Beschreibung

Das Bühnenstück »das Theater in mir« wird in allen Menschen aufgeführt, nur ist es den meisten Menschen nicht bewusst. Die Charaktere und Handlungen aus diesem Buch basieren auf wahren Begebenheiten und Beobachtungen. Bei Jakob wagen wir einen außergewöhnlichen Blick auf die »innere Bühne« und die einzelnen Darsteller. Wir verfolgen seine Entwicklung, als er nach einer Krebs-Diagnose damit beginnt, sich seinem »inneren Theater« mehr und mehr zuzuwenden. Die anderen Charaktere in diesem Buch beobachten wir in der realen Welt, wie sie sich durchs Leben schlagen, funktionieren, sich nach Liebe sehnen, manchmal auch nach einem Sinn fragen, ohne sich der Hintergründe dafür bewusst zu sein. Dazu ist mir folgender Spruch im Internet begegnet: »Unsere Welt ist voller kleiner verletzter Kinder in erwachsenen Körpern.«

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ralf Michael Pape

Das Theater in mir

Buch

Das Bühnenstück »das Theater in mir« wird in allen Menschen aufgeführt, nur ist es den meisten Menschen nicht bewusst. Die Charaktere und Handlungen aus diesem Buch basieren auf wahren Begebenheiten und Beobachtungen. Bei Jakob wagen wir einen außergewöhnlichen Blick auf die »innere Bühne« und die einzelnen Darsteller. Wir verfolgen seine Entwicklung, als er nach einer Krebs-Diagnose damit beginnt, sich seinem »inneren Theater« mehr und mehr zuzuwenden. Die anderen Charaktere in diesem Buch beobachten wir in der realen Welt, wie sie sich durchs Leben schlagen, funktionieren, sich nach Liebe sehnen, manchmal auch nach einem Sinn fragen, ohne sich der Hintergründe dafür bewusst zu sein. Dazu ist mir folgender Spruch im Internet begegnet:

»Unsere Welt ist voller kleiner verletzter Kinder in erwachsenen Körpern.«

Autor

Ralf Michael Pape, 1963 in Duisburg geboren, ist Unternehmer und Führungskraft. Seit vielen Jahren begleitet er nebenberuflich Menschen im Rahmen von Seminaren und Workshops bei den Themen Meditation, Selbstfindung, Spiritualität, inneres Kind und innere Familie. Seit 2019 führt er zusammen mit seiner Frau Sigrid ein Seminarhaus in der Nordeifel.

Ralf Michael Pape

Das Theater in mir

Ein außergewöhnlicher Blick hinter die Kulissen des Lebens

© 2021 Ralf Michael Pape

ISBN:

978-3-347-33183-9 (Paperback)

 

978-3-347-33184-6 (Hardcover)

 

978-3-347-33185-3 (e-Book)

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 42, 22359 Hamburg

Bildnachweis:

©

Cover Vorderseite:

Godehard Erichlandwehr

 

Cover Rückseite:

Ralf Michael Pape

 

Innenteil:

Bea Mildner

Satz und Realisation

Wolfgang G. Schneider

www.trimedia.de

Titelgestaltung:

Godehard Erichlandwehr

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Widmung

Für den kleinen Ralf.

Du bist wunderbar, mein Schatz, ich liebe Dich.

Für die kleine Sigrid.

Du bist das Beste, was mir je passiert ist.

Für die verletzten Kinder dieser Welt.

Es gibt Hoffnung, denn immer mehr Erwachsene machen sich auf ihren Weg.

‚Das Theater in mir‘ – von Bea Mildner

Das Theater in mir

Inhalt:

Des Himmelreichs Schlüssel

Zwölf Monate zuvor

Die Burg

Neue Impulse

Ein ganz normaler Morgen

Unwahrheiten

Wahrheiten

Die Nachricht

Drama erster Akt

Die Zündschnur

Aktion und Reaktion

Im Kern

Kein großes Finale

Drama zweiter Akt

Zurück ins Leben

Nachschub

Wendepunkt

Begegnung

Das Geschenk

Nur ein Spiel

Wie der „Zufall“ es will

Nach den Geburtswehen

Ans Licht kommen

Die Matrix

Ein Kinderlied

Begegnungen im Wald

Schmerzen

Wie im Himmel

Ablenkung

Konformität

Chancen

Entrümpelung

Kapitulation

Veränderung

Ich verzeihe mir

Der Tanz des Lebens

Alleinsein

Ehrlichkeit

Gemeinsam Kochen

Selbsterkennung

Das Seminar

Zurück in die Zukunft

Verbindung

Das innere Kind

Zu Hause

Nachworte

Danksagung

Empfehlungen

Des Himmelreichs Schlüssel

Unaufgeregt wartet der alte, rostrote Theatervorhang auf seinen nächsten Einsatz. Er muss bereit sein, denn jeden Moment kann die neue Szene beginnen, und dann wird er wieder einmal majestätisch und wie von Geisterhand gezogen nach oben schweben, um auch diesen neuen Akt zu eröffnen, so wie er es schon hunderttausende Male gemacht hatte.

Die Darsteller des Improvisations-Theaters sind mucksmäuschenstill. Unbekannte Musik dringt durch den Vorhang von außen auf die Bühne. Ansonsten geschieht momentan rein gar nichts auf diesen Brettern, die doch angeblich die Welt bedeuten.

Normalerweise können sich die Darsteller entspannen, solange der Vorhang geschlossen ist. Aber jetzt ist alles anders. Sie haben eine Aufgabe zu bewältigen und keine Ahnung, wie sie das anstellen sollen. Ratlose Sekunden verrinnen, bis plötzlich eine merkwürdige Gestalt auf der Bühne erscheint.

Ein Mantel aus goldenem Licht scheint sie zu umgeben, wobei das Licht ständig in Bewegung ist. Es ist kein Gesicht zu erkennen, und doch ist alles an ihr irgendwie vertraut. Diese strahlende Erscheinung steht auf einmal mitten unter den Darstellern und lässt einen merkwürdigen Satz auf die Bretter des Theaterbodens fallen:

„Ich möchte Dir des Himmelsreichs Schlüssel geben.“

Jakob ist einer der Darsteller, der in diesem Moment mitten auf der Bühne steht. Seine Gesichtszüge erfrieren geradezu, sein Kopf fährt herum, und seine Augen blicken in die Richtung dieser Licht-Gestalt, die ihm direkt gegenübersteht, nur wenige Meter entfernt.

Jakob ist knapp eins achtzig groß, hat dunkelbraune Augen, und sein kurzes, blondes Haar zeigt erste graue Ansätze an den Schläfen. Nun erstarrt sein ganzer Körper. Er kann sich keinen Millimeter mehr rühren.

In seinem Kopf zieht für einige Sekunden eine wohltuende Leere ein, die bald dem ersten neuen Gedanken weicht.

„Dieser Satz passt überhaupt nicht auf diese Bühne, passt so gar nicht in dieses Theaterstück.“

Er muss es wissen, denn er ist schon sehr lange Teil dieser Truppe. Im nächsten Januar wird er seinen 50. Geburtstag feiern. Damit ist er der Älteste im Ensemble. Seine Augen wurden allmählich schlechter, aber er ist stolz darauf, dass er vom Kopf her immer noch spielend mit den Jüngeren mithalten kann. Im Laufe der Jahre hatte er immer mehr Verantwortung und eine Führungsrolle im Team übernommen.

Das war ihm wichtig.

Inzwischen stellen alle auf der Bühne anwesenden Akteure das Atmen ein. Eine unheimliche Stille kriecht über den Boden in alle Richtungen und scheint jeden möglichen Ton zu schlucken. Obwohl von außen immer noch Musik auf die Bühne dringt, herrscht hier absolute Stille.

Das Ensemble hatte schon sehr viel gemeinsam erlebt, aber nun war eine völlig neue Situation entstanden.

„Wer ist dieses Wesen, wie kommt es überhaupt hierher, und was soll der merkwürdige Satz?“

Dieser Gedanke scheint bei allen gleichzeitig in den Köpfen zu kreisen oder springt von einem auf den anderen über und wieder zurück, um dann noch eine weitere Runde zu drehen, wie auf einem Karussell. Niemand von ihnen hatte sich jemals gefragt, wer die Darsteller ausgesucht hatte, die in diesem Theater mitwirken. Aber auch ohne eine Antwort auf diese nie gestellte Frage ist die Anwesenheit einer fremden Gestalt ein völlig neues, rätselhaftes und verwirrendes Ereignis.

Und dazu auch noch diese Botschaft.

Vorne auf der Bühne steht Jack, der sich noch vor einigen Minuten mit Jakob über den recht ungewöhnlichen Tag unterhalten hatte. Jack kann sich als erster wieder regen. Er ist deutlich jünger als Jakob, und oft ist er es, der schnell improvisieren kann, der eine gute Idee hat, um das Stück fortzusetzen, auch wenn unvorhergesehene Dinge passieren. Doch nun steht dieses Wesen auf der inneren Bühne, mitten in dem normalerweise von der Außenwelt hermetisch abgeschotteten Bereich.

„Wie konnte das nur passieren“, denkt Jack bestürzt.

Aus den Augenwinkeln bemerkt er eine Bewegung an der Tür, die sich im hinteren Bereich der Bühne befindet. Von dort führt eine Treppe nach unten in den Keller. Es ist für alle Darsteller ein ungeschriebenes Gesetz, diese Tür immer gut verschlossen zu halten. Irgendetwas musste dort existieren, das für das Theater und seine Darsteller nicht gut war. Doch nun sieht er, dass diese Tür einen Spalt weit offensteht. Er kann die Umrisse einer zierlichen Gestalt erkennen. Seine Nackenhaare stellen sich auf.

Die kleine Gestalt an der Tür bewegt sich leicht und scheint aufgeregt zu sein. Jack spürt Unruhe, aber auch Neugier.

„Merkwürdig, wo kommen denn diese Gefühle auf einmal her?“, wundert er sich.

„Wie ein Kind, das am Heiligen Abend darauf wartet, endlich zur Bescherung gerufen zu werden“, kommt es ihm in den Sinn.

Er hat keine Ahnung, wie er auf diesen merkwürdigen Vergleich kommt, aber sofort zeigen sich einige alte Bilder vor seinem inneren Auge, die ein wohliges Gefühl in ihm auslösen. Er sieht die Szenerie wieder vor sich, als er zusammen mit seinen Geschwistern den ganzen Tag im Kinderzimmer bleiben musste, weil Mama den Tannenbaum schmückte, die Geschenke einpackte und das Essen vorbereitete. Der Fernseher im Kinderzimmer machte die Wartezeit einigermaßen erträglich.

„Ob Papa wohl heute bei der Bescherung dabei sein wird“, flogen alte Gedanken in ihm vorbei, so wie Sprechblasen in Comic-Heften.

Sein Vater hasste Familienfeiern.

„Weil solche Feste immer so viele Gefühle in mir auslösen“, hatte er später einmal gesagt, in einem der wenigen Gespräche, die sein Vater überhaupt mit ihm geführt hatte.

„Damit kann ich einfach nicht umgehen“.

Es waren keine einfachen Kindheitsjahre, aber Jack und seine Geschwister hatten sich im Laufe der Zeit an diese Situation gewöhnt und freuten sich trotzdem jedes Jahr wieder auf Weihnachten, auf ein wenig heile Welt, besonders auf den Moment, wenn es draußen langsam dunkel wurde und endlich das Glöckchen läutete. Dann durften sie ins Wohnzimmer, zu Tannenbaum, Krippe und einem Geschenke-Meer, das Mama herbeigezaubert hatte. Es war wie ein Wunder, und ihre Kinderherzen hüpften vor Freude.

„Fast wie eine richtige Familie“, denkt Jack gerührt an diese Augenblicke zurück.

Sein Vater war endgültig gegangen, als er zehn Jahre alt war. Jack wischt sich ein paar Tränen aus seinen Augen und versucht nicht in den aufkommenden Gefühlen zu versinken.

Das alles hatte nur wenige Sekunden gedauert, als sich der ungebetene Gast auf der inneren Bühne in Bewegung setzt und langsam auf Jakob zugeht. Sofort wendet sich Jacks Aufmerksamkeit zu Jakob, dem förmlich anzusehen ist, dass er sich am liebsten in Luft auflösen würde. Doch es sieht so aus, als könnte Jakob sich immer noch keinen Millimeter bewegen, und damit ist Flucht keine Option.

Zwölf Monate zuvor

„Ihre Zahlen aus den letzten Monaten sind miserabel, Herr Pracht. Wir sind eine Bank und kein Altersruhesitz“.

Die Stimme von Klaus Bechtle sollte genauso hart und eindringlich klingen. Er war es endgültig leid, dass er sich für seinen Mitarbeiter wieder und wieder bei der Geschäftsleitung rechtfertigen musste. Er stand selbst unter großem Druck und hatte mit seiner Abteilung die geforderten Zahlen zu bringen.

Jakob stand alleine auf der inneren Bühne in der Nähe der Kontaktlinie und sah hinüber auf die Außenwelt. Er hatte damit gerechnet, dass es kein einfaches Gespräch werden würde, aber nun fühlte er sich klein und überfordert.

„Mann, ist dieser Typ ätzend“, dachte er.

Wie gerne hätte er einem anderen Darsteller diese Aufgabe übertragen, aber er war nun mal der „Verantwortliche“ in dem Ensemble. Es war seine verdammte Aufgabe in dieser Situation der Kapitän zu sein, der auf der Kommandobrücke das Schiff in diesem schweren Sturm auf Kurs halten musste.

„Wo ist eigentlich Janos, unsere Kämpfer-Natur?“, fluchte Jakob innerlich. „Sonst hat er eine große Klappe, aber immer, wenn man ihn braucht, ist er nicht da, so eine Scheiße“.

Janos bekam natürlich mit, was Jakob über ihn gedacht hatte, doch er hielt sich weiter im Hintergrund. Er wusste wirklich nicht, was er hätte tun sollen und hatte sich deshalb ganz nach hinten zurückgezogen.

Die Situation war kompliziert. Die Abhängigkeit von diesem Scheiß-Laden ließ sich nicht leugnen, denn sie mussten die Kohle für ihren Lebensunterhalt verdienen, obwohl niemand von ihnen diese Art von Arbeit mochte.

„Für was sollte ich kämpfen? Oder gegen wen? Mein Chef sitzt eindeutig am längeren Hebel, das hat alles keinen Sinn“.

In der Ausbildung zum Bankkaufmann hatte es noch Spaß gemacht, die Kunden zu beraten. Doch in den letzten Jahren wurde der Druck für Neuabschlüsse immer höher, und sie mussten unzählige Überstunden machen, um die Vorgaben irgendwie zu erreichen. Für seinen Geschmack war es auch keine wirkliche Beratung mehr, sondern eher ein Aufschwatzen von Versicherungen und Finanzprodukten, die kein Mensch wirklich brauchte.

„Es tut mir leid, Herr Bechtle, aber sie wissen ja, dass ich einige Tage krank war. Das habe ich noch nicht aufholen können, aber ich bin dran.“

Jakob hatte in letzter Zeit auch schon verschiedene Stellenbörsen durchforstet und feststellen müssen, dass er es schwer haben würde, einen neuen Job zu finden.

„Augen zu und durch“ war die Überlebensstrategie, der sich die meisten Bühnenkollegen gebeugt hatten.

„Sie haben sicherlich gehört, dass nächstes Jahr wieder Umstrukturierungen und vermutlich auch Entlassungen anstehen“, machte Bechtle zusätzlichen Druck.

„Überzeugen sie mich, dass sie ihre Zahlen schaffen, dann werde ich mich für sie einsetzen, Herr Pracht“.

Damit war das qualvolle Personalgespräch endlich beendet, der Vorhang schloss sich nach dieser Szene, so dass Jakob mit Gefühlen von Erleichterung, aber auch der Resignation wieder in sein Büro gehen konnte.

Es war bereits nach 16:00 Uhr, aber er musste noch einige wichtige Telefonate führen.

„Ey Leute, und wann kommen wir endlich mal wieder auf unsere Kosten?“, fragte Jay, der Playboy im Ensemble, der Spaß und am besten auch Sex haben wollte.

„Lasst uns Feierabend machen und in unsere Stammkneipe gehen. Nach ein paar Bier und einer Pizza können wir auch abchecken, ob nette Frauen da sind“, grinste er.

„Ja, wir müssen auch an uns denken“, unterstützte Jack den Vorschlag, was durchaus ungewöhnlich war, weil er Jay eigentlich nicht sonderlich mochte.

Jetzt war sie wieder spürbar, diese tiefe Zerrissenheit im inneren System. Es gab diese äußeren Abhängigkeiten, um ihre materielle Existenz zu sichern und die vielen individuellen Bedürfnisse der Darsteller. Alles zusammen fühlte sich Scheiße an, aber der Job musste gemacht werden.

„Ich kann euch den Deal anbieten, dass wir jetzt konzentriert bis 19:00 Uhr unsere Arbeit so weit wie möglich erledigen, und dann gehen wir in unsere Stammkneipe“, gab Jakob die Richtung für die nächsten Stunden vor.

Allgemeines Gemurre auf der Bühne, aber alle wussten, dass es sein musste. Miete, Auto, Lebensunterhalt, das Ansehen bei Anderen, das alles war abhängig von einem gewissen Einkommen, und dafür musste man sich eben auch mal „durchbeißen“, hatten ihm seine Eltern eingetrichtert.

Jakob nahm den Telefonhörer und wählte die Nummer des nächsten Kunden von seiner Liste, während die gesamte Mannschaft frustriert und gelangweilt auf den Feierabend wartete.

Es war schon nach 20:00 Uhr, als sie endlich ihre Pizza bekamen.

„Und, alles gut?“, fragte die Bedienung.

„Muss“, presste Jakob zwischen den Zähnen hervor.

Nach dem fünften Bier und dem zweiten Cognac wurden die Darsteller endlich lockerer und fühlten sich besser.

„So schlimm ist das alles doch gar nicht“, kam ein Grüppchen von Darstellern überein, das in einer Ecke zusammenstand und versuchte, sich an einen Witz zu erinnern, den man bei passender Gelegenheit erzählen wollte.

Jakob hatte sich zurückgezogen und Jack die vordere Bühne überlassen, denn er wurde langsam müde. Er wusste, dass mit zunehmendem Alkoholspiegel die jüngeren Darsteller das Kommando auf der Bühne übernehmen würden.

„Ich muss aufpassen“, dachte Jack vernebelt, „dass wir hier nicht versacken. Wir können morgen nicht schon wieder krankfeiern“, wurden seine Gedanken langsam schwerer.

„Noch eins, bitte“.

Das selig berauschte Ensemble spürte, dass irgendwo tief im Innern ein Wesen mehr und mehr erwachte und bereit war sich auf die Bühne zu schleichen, sobald die meisten Darsteller betrunken genug waren.

„Das darf heute nicht schon wieder passieren“, dachte Jack, der kurz davor war, Jakob zu folgen und die Segel auf der Bühne zu streichen, um das Feld den Jüngeren zu überlassen. Er war müde, aber ein letzter Rest von Verantwortungsbewusstsein trieb ihn an, zu bezahlen und nach Hause zu gehen.

„Zahlen bitte“, sagte er zum Kellner.

Das bedeutete für ihn eine große innere Anstrengung, auch weil jüngere Darsteller protestierten, die gerade „Highway to Hell”1 mitsangen, während die Hände des Körpers Luftgitarre spielten und auf der inneren Bühne einige Köpfe im Takt der Rockmusik nickten, um die imaginären langen Haare fliegen zu lassen.

Der jugendliche Jake war ganz in seinem Element, und der Körper strahlte durch seine Energie eine Lebensfreude aus, die man am Beginn des Abends nicht für möglich gehalten hätte.

1 AC/DC – “Highway to Hell.” Musik, Text: Angus Young, Malcom Young; Bon Scott, Produzent: Robert John “Mutt” Lange. Atlantic Records, 1979

Die Burg

Es war schon Zwölf Uhr mittags, als sie aufstand, um ihre tröstende Burg zu verlassen, die ihr wie jedes Wochenende ein trügerisches Gefühl von Sicherheit gab. Im Badezimmerspiegel sah sie in meerblaue Augen. Das »Meer« verbindet man mit Lebendigkeit und Schönheit, aber aus ihren traurigen Augen schien jedes Leben gewichen zu sein. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie, dass sich das Wasser an den Ufern rötlich eingefärbt hatte. Ein kurzes Gefühl der Hoffnung keimte in ihr auf, dass ein wunderschönes Morgenrot dieses Farbenspiel auf Ihre innere Wasseroberfläche gezaubert hätte, aber je länger sie hinschaute, desto deutlicher glaubte sie einen blutig eingefärbten Strand an den Rändern eines toten Meeres zu erkennen.

„Ekelhaft, wie in einem Horrorfilm“, schoss es ihr in den Sinn.

Fast hätte sie sich übergeben müssen. Ihr Gesicht verschwamm vor ihren Augen, und das Meer, das Blut und die Abwesenheit von Leben wandelten sich zu einem mulmigen Gefühl, das ihren Atem immer schneller werden ließ.

Als in diesem Moment das Telefon klingelte, kam Nancy aus ihrem Badezimmer-Alptraum zurück.

„Was ist das wieder für ein Scheiß-Tag“, fluchte sie und ging in den Flur.

Für ihre 42 Jahre hatte Nancy eine erstklassige Figur. Die hatte sie ihrer eisernen Disziplin bei der Ernährung und dem harten Fitness-Training zu verdanken, das sie an Wochentagen nach der Arbeit durchzog, egal wie spät es im Büro wurde. Sie selbst hatte trotzdem immer etwas an ihrem Körper auszusetzen. Ihre Waden fand sie zu dick, ihre Brüste ließen sich Jahr für Jahr mehr hängen und überhaupt hätten ihre Eltern, oder wer auch immer dafür verantwortlich war, ihr doch bitte einen schöneren Körper schenken können. Dann würde es ihr bestimmt bessergehen.

Das andere Geschlecht hingegen war immer sehr angetan von ihrem Aussehen, und Nancy genoss durchaus die Blicke und Komplimente der Männer, aber nachvollziehen, nein, nachvollziehen konnte sie das beim besten Willen nicht.

Sie selbst wusste ja, was sie alles zu verbergen hatte und was sie kaschieren musste, um einigermaßen mithalten zu können, mit den Schönheitsnormen und Idealen dieser Gesellschaft.

Vor die Tür ging sie grundsätzlich nur mit einem guten Makeup und schicker Kleidung, denn damit fühlte sie sich einigermaßen geschützt und sicher.

Das war allerdings nicht die ganze Wahrheit, denn tief im Inneren, versteckt hinter der perfekten Maske, blieb die Unsicherheit, aber das wusste nur sie selbst.

Heute war Sonntag, und an den Wochenenden schlief sie möglichst lange und verließ ihre Wohnung nur selten. So hatte es sich seit einigen Monaten eingeschlichen, als sie merkte, dass sie dem Druck und den Anstrengungen der Woche nur standhalten konnte, wenn sie das ganze Wochenende für sich und ihre Regeneration hatte.

In diesen Stunden des Alleinseins bedauerte sie sich und ihr verkorkstes Leben.

Mit Anfang Zwanzig hatte sie sich ihr künftiges Leben anders vorgestellt. Eine gute Ausbildung, ein interessanter Job und ein toller Mann an ihrer Seite, mit dem sie das Leben genießen konnte.

„Wann haben sich meine Träume in Luft aufgelöst? Was habe ich falsch gemacht?“

Als sie am Morgen aufwachte, war ihr Freund Christoph, wie in letzter Zeit üblich, schon gegangen. Sie hatten am Samstagabend zusammen einen Film angeschaut, ein paar Gläser Rotwein getrunken, und irgendwann war sie endlich locker genug, um seinem Begehren nachzugeben und Sex mit ihm zu haben. Wenn er nicht die Initiative ergriff, schliefen sie gar nicht mehr miteinander. Sie hatte keine Erklärung dafür, warum sich ihre Lust verabschiedet hatte, war sie doch zu Beginn der Beziehung eine experimentierfreudige Verführerin.

„Der gelegentliche Sex ist wahrscheinlich der einzige Grund, warum er noch nicht gegangen ist“, dachte sie immer wieder mal.

Als sie nach dem Aufwachen realisiert hatte, dass Christoph nicht mehr neben ihr lag, war sie traurig. Das Gefühl von Einsamkeit war langsam ihren Rücken heraufgekrochen, wie die Raupe eines Prozessionsspinners, besetzt mit kleinen giftigen Härchen, unterwegs sich häuslich niederzulassen und den Wirt endgültig einzuspinnen.

Auf der anderen Seite war sie froh, sich endlich entspannen zu können. Selbst im Schlaf, wenn er neben ihr lag, versuchte sie ihre Haare immer so auf dem Kissen zu drapieren und ihre Körperhaltung so zu inszenieren, dass sie hübsch anzuschauen war.

Erst wenn sie allein war, konnte sie sich fallen lassen.

Doch oft fiel sie tief, so tief, dass sie im vertrauten Sumpf ihrer Unzufriedenheit und der alten, schmerzhaften Gefühle versank.

„Hallo Schatz, ich habe Dich heute Morgen nicht wecken wollen und treffe mich jetzt gleich mit Holger zum Joggen. Hinterher gehen wir noch was trinken“, sagte Christoph gut gelaunt.

„Es ist ein herrlicher Tag. Was hältst du davon, wenn wir danach zusammen etwas unternehmen?“

„Er versucht es immer wieder, obwohl er weiß, dass es mir schlecht geht“, dachte sie mit einem Anflug von Wut.

Gleichzeitig schien eine andere Stimme in ihr sie zu warnen:

„Wenn Du so weitermachst, werden wir ihn verlieren. Wer will schon mit jemanden zusammen sein, mit dem man selbst an den Wochenenden nichts anfangen kann?“

„Mir geht es nicht so gut und ich muss mich auch noch um meine Wohnung kümmern. Ich könnte Hilfe brauchen …“, ließ sie den restlichen Satz wie die Einladung zu einer Wohltätigkeitsgala in der Luft stehen.

Christoph hatte es sich angewöhnt, auf solche Äußerungen seiner Freundin nicht mehr einzugehen. Er hatte es versucht und war einige Male zum „Helfen“ zu ihr nach Hause gefahren. Sie lag dann meist im Halbdunkeln auf ihrem Bett, hatte Migräne, ihre Periode oder einfach Weltschmerz, oder aber sie trank schon recht früh am Tag ein Glas Rotwein, was ihr den letzten Funken Energie nahm, etwas in ihrem Haushalt zu tun. Meist räumte Christoph dann die Spülmaschine ein oder aus, brachte den Müll raus und kam ziemlich schnell ans Ende seiner Motivation, die Wohnung seiner Freundin alleine auf Vordermann zu bringen.

„Ich habe Dir schon so oft gesagt, dass Du Dir endlich eine Putzfrau suchen sollst, damit das ein Ende hat. Du kannst es Dir doch finanziell locker leisten“, sagte er.

Innerlich war er dann etwas angefressen und dachte, „verdammt nochmal, so kann das doch nicht endlos weitergehen“.

Ja, er hatte sie gern und fand sie sehr sexy, aber er wollte auch eine gemeinsame Freizeitgestaltung mit seiner Partnerin. Als er sie vor 9 Monaten im Fitness-Studio kennengelernt hatte, sahen ihre ersten gemeinsamen Wochenenden noch ganz anders aus. Nancy war nicht nur sehr attraktiv und intelligent, sondern konnte auch charmant und witzig sein.

Für Christoph war es wichtig, eine adäquate Partnerin zu haben, und mit Nancy an seiner Seite fühlte er sich vor allem in der Öffentlichkeit gut und irgendwie auch wertvoller.

Im nächsten Moment kam Angst in ihm auf, dass sie Schluss machen könnte, wenn er jetzt zu hart reagieren würde.

„Weißt du was, ich melde mich einfach, wenn ich mit Holger durch bin, und dann schauen wir weiter.“

Seine Zunge schmeckte nach fader Resignation, und seine Lippen formten die letzten Worte eher widerwillig, aber er wollte es auch nicht vermasseln.

Nancy hatte kein Interesse daran, das Gespräch fortzusetzen.

„OK, dann bis nachher!“

Das Telefonat endete wie zuletzt üblich, ohne verbindliche Absprachen und ohne ein einziges liebevolles Wort ausgetauscht zu haben.

„Jeder macht sein eigenes Ding und ist trotzdem nicht alleine. Das hat doch auch Vorteile“, kamen trotzige Gedanken aus den Tiefen ihrer Innenwelt.

Nur wenige Sekunden später meckerte eine andere innere Stimme etwas von Selbstbetrug, und in ihren Augen kam das Meer in Wallung und die Gischt schäumte auf ihre Nase. Schnell sperrte sie diese wenig hilfreichen Gedanken und Gefühle in den tiefsten Kerker, verriegelte die schwere Eichentür und ging zurück in ihre Betten-Burg. Die Dusche und das Frühstück verschob sie auf nachmittags.

Sie zog die Zugbrücke zur Außenwelt wieder nach oben und ließ die Krokodile zurück in den Burggraben.

„Warum immer ich? Kann ich nicht auch ein wenig Glück haben im Leben?“, flogen Gedanken an ihr vorbei, wie ein aufgescheuchter Vogelschwarm, der sich anschickt, gen Süden in freundlichere, wärmere Gefilde zu ziehen.

Sie überlegte kurz, welche Freundin sie anrufen könnte, um ihr Leid zu klagen, aber das hatte ihr in letzter Zeit auch keine Erleichterung gebracht.

Ihre Freundin Marie-Anne war letzte Woche sogar so weit gegangen, ihr zu sagen „weißt Du Nancy, ich glaube Du willst gar nichts ändern, und mich nervt dieses ständige Klagen, wie schlecht es Dir geht. Ich habe genug eigene Probleme, bitte ruf mich erst wieder an, wenn Du wirklich bereit bist aus Deinem Jammerloch herauszukrabbeln, dann helfe ich dir gerne.

Boom, das hatte gesessen und wirkte immer noch nach.

„Diese blöde Kuh werde ich aus meinem Leben streichen, die soll mal sehen, wie sie ohne mich klarkommt“, hörte sie sich selbst in die Kissen fluchen.

„Als wenn Marie-Anne richtige Probleme hätte. Sie ist seit über 5 Jahren mit Jörg verheiratet und das zweite Kind ist unterwegs. Das läuft doch perfekt.“

Leichte Zweifel, ob sie das wirklich beurteilen konnte, wischte sie beiseite.

Sie ließ die Idee mit dem Telefonieren wieder los und verkroch sich tiefer in ihre Burg. Durch ein kleines Guckloch sah sie noch einmal kurz hinaus durch das vergitterte Fenster des Turms, vorbei an dem rankenden Efeu und an den mit spitzen Eisen gesicherten Wänden. Hier konnte sie sich sicher fühlen.

„Ja, so sicher wie in einem Grab“, antwortete eine leblose und traurige Stimme in ihr.

Sie ahnte noch nichts davon, aber die Veränderung war schon auf dem Weg zu ihr.

Neue Impulse

Christoph legte sein Handy auf den Beifahrersitz und fuhr los. Er steuerte den schwarzen Audi in Richtung Grafenberger Wald. Ein perfekter Tag für seine Laufrunde. Der Wetterbericht hatte bis zu 25 Grad und Sonnerschein vorhergesagt. Das Telefonat mit Nancy hatte ihn verärgert, aber er hatte auch keine Lust, sich davon den Sonntag vermiesen zu lassen. Als er auf den Parkplatz am Rande des Stadtwaldes einbog, wartete Holger bereits neben seinem großen, roten Geländewagen und dehnte seine Waden. Christoph hatte seine Jogging-Klamotten schon zu Hause angezogen, so dass sie nach einer kurzen Begrüßung sofort loslaufen konnten. Nach wenigen Metern musste er seinem Ärger Luft machen.

„Sie liegt schon wieder fast das ganze Wochenende im Bett, ich könnte kotzen.“

Holger hatte eigentlich keine große Lust, über Beziehungen zu sprechen.

„War sie mal beim Arzt, vielleicht ist sie ja krank.“

Sie liefen an eine Gruppe Spaziergängern vorbei.

„Einmal habe ich vorsichtig versucht, sie darauf anzusprechen, da wäre sie fast explodiert, und ich durfte mir anschließend einen Vortrag darüber anhören, dass ich mich nicht in ihre Angelegenheiten mischen soll.“

„Krass Mann, aber wie soll es denn mit euch weitergehen? So kann es ja wohl nicht bleiben, oder?“

Christoph wirkte resigniert.

„Unter der Woche sehe ich sie gar nicht mehr, weil sie entweder im Büro oder im Fitnessstudio ist. Und an den Wochenenden wird sie mehr und mehr zu einem weiblichen Zombie. Ich kann mich kaum noch erinnern, wann wir zuletzt gemeinsam ausgegangen sind.“

Holger wollte dieses Thema schnell hinter sich bringen.

„Sag mal, warum bist du denn noch mit ihr zusammen?“

„Tja, das frage ich mich auch immer öfter. Die ersten Monate waren richtig geil, und ich dachte nach ein paar Wochen, das muss wirklich Liebe sein. Endlich eine Frau auf Augenhöhe, die nicht nur einen Versorger sucht. Aber in den letzten Monaten hat sie sich verändert, und ich weiß nicht, was ich machen soll.“

Sie liefen eine schöne Strecke durch den Grafenberger Wald, vorbei an Bäumen und Büschen, die dem geneigten Betrachter ihre Blätter in allen nur erdenklichen Grüntönen darboten. Sie atmeten den von den Pflanzen produzierten Sauerstoff und die umherschwirrenden Pollen, ohne jedes Bewusstsein für all die Geschenke der überfließenden Natur. Ihre Körper liefen im Autopilot-Modus. Sie wichen Hunden aus, nahmen eine hübsche Joggerin wahr, die ihnen ohne jedes Lächeln entgegenkam. 100 Meter weiter hatten sie es vergessen. Sie waren hier, um zu trainieren, und wenn es sich ergab, konnten sie dabei ein Gespräch unter Männern führen. Immerhin!

Sie bogen rechts in einen Weg, der langsam nach unten führte und den Blick auf die vor ihnen liegende Stadt freigab. Sie schauten auf den Boden und ihre Füße.

„Ganz ehrlich, ich bin weit davon entfernt, dir Ratschläge zu geben, aber eine Freundin hat mir mal gesagt, nur sprechenden Menschen kann geholfen werden. Eine offene Aussprache kann sicher nicht schaden“, schlug Holger vor.

„Ja, Männer unter sich. Sie versuchen immer Lösungen anzubieten. So hat es die Evolution wohl eingerichtet, um den Fortbestand der Menschheit zu sichern“, dachte Christoph ein wenig amüsiert über Holgers Vorschlag.

„Sie ist da ziemlich dünnhäutig. Ich will nicht riskieren, dass alles kaputtgehen könnte. Du weißt ja, dass ich nicht gut alleine sein kann.“

Christoph wollte seinem Freund gegenüber nicht zugeben, dass er sogar eine Scheiß-Angst davor hatte, Nancy nach nur gut 9 Monaten wieder zu verlieren. Für ihn hatte es sich so toll angefühlt, als er sie seiner Familie und im Freundeskreis vorstellen konnte.

„Jetzt schon wieder alles aus? Nein, das durfte er nicht riskieren“, dachte er.

Seine letzten drei Beziehungen erreichten alle nicht die magische 12- Monate-Grenze, doch nun war er ganz nah dran.

Er wechselte das Thema.

„Wie läuft es eigentlich bei Dir und Daniela? Ihr seid ja schon über 10 Jahre zusammen.“

„Ich bin zufrieden. Wir verstehen uns meistens gut, und alles läuft seinen geregelten Gang. Das weiß ich sehr zu schätzen und kann mich auf meinen Job konzentrieren.“

„Das klingt ja sehr leidenschaftlich.“

„Sei nicht so zynisch! Machen wir uns doch nichts vor, die Schmetterlinge und die Leidenschaft überleben das erste Jahr nicht. Ich kenne niemanden, der etwas Anderes erlebt hat. Für mich kommt es darauf an, den Weg trotzdem gemeinsam fortzusetzen.“

„Wahrscheinlich hast du Recht, aber ich habe es mit meinen letzten Beziehungen nicht mal ins zweite Jahr geschafft. Nach meiner Scheidung vor über sieben Jahren hatte ich nur Affären oder kurze Beziehungsversuche. Ich weiß nicht, was ich falsch mache.“

„Ich finde Du machst gar nichts falsch. Du siehst doch gut aus, bist gebildet, hast einen trainierten Körper und verdienst genügend Kohle. Die Richtige kommt einfach noch. Vielleicht ist es ja auch Nancy, die momentan einfach eine Krise durchlebt und hoffentlich bald wieder auf dem Damm ist?!“

Sie näherten sich einer Gruppe von Spaziergängern. Einige hatten Hunde dabei, so dass sie besonders aufpassen mussten. Mit leicht verringertem Tempo umkurvten sie das Hindernis. Dann schauten sie sich mit blitzenden Männeraugen an und animierten sich gegenseitig zu einem höheren Tempo, als plötzlich aus einem Seitenweg ein größerer Hund an einer Leine vor ihnen auftauchte. Holger hatte Glück und konnte gerade noch ausweichen, aber Christoph stolperte über die Leine und stürzte auf den Waldboden.

Als er wieder zu sich kam sah er in die tiefbraunen Augen eines Golden Retrievers, der besorgt, oder freudig, oder mitfühlend, oder alles zusammen das Gesicht des Unfallopfers abschleckte.

„Narco, komm zurück“, hörte er eine angenehme, weibliche Stimme, und dann schob sich schon die dazu gehörende Frau in sein Blickfeld.

„Hallo, können sie mich hören?“ fragte sie besorgt.

„Ich rufe am besten einen Krankenwagen“, hörte er Holgers Stimme, und da Christoph das auf gar keinen Fall wollte, richtete er sich langsam auf.

Im Sitzen konnte er sein Gegenüber besser sehen, auch wenn dabei sein Schädel leicht brummte.

„Wow“, dachte er, „tolle Frau.“

Sie war hübsch, aber das war es nicht, was ihn faszinierte.

„Sie hat etwas Natürliches und Herzliches, wie damals meine Tante Hannelore, bei der ich mich immer so wohlgefühlt hatte“, träumte er im Sitzen vor sich hin.

„Warten Sie bitte“, sagte die Frau in Holgers Richtung. „Vielleicht ist es ja nicht so schlimm.“

„Wie geht es Ihnen?“, wandte sie sich an den Verletzten und reichte ihm eine Hand.

Christoph lächelte und stand mit ihrer Hilfe etwas umständlich auf.

„Ich bin noch wackelig auf den Beinen, aber es wird schon gehen.“

„Das tut mir wirklich sehr leid, und ich bitte um Entschuldigung. Ich heiße Nina und übernehme selbstverständlich die Verantwortung für diesen Unfall. Mein Hund sah die anderen Hunde und zog auf einmal ruckartig auf den Hauptweg, und dann war es zu spät.“.

„Da habe ich wohl noch Glück gehabt. Es fühlt sich nicht an, als wenn etwas Ernstes passiert wäre“, sagte Christoph erleichtert.

Narco schnupperte an seiner Hand und ließ sich von ihm streicheln. Das beruhigte auch Holger. Er wollte den gemeinsamen Lauf fortsetzen, aber Christoph gab ihm zu verstehen, dass er lieber zum Auto zurückgehen wollte, um kein Risiko einzugehen.

„Wissen Sie was“, lächelte Nina, „ich bringe Sie zu ihrem Auto, dann kann ihr Freund seine Joggingrunde zu Ende laufen. Falls es ihnen schlechter gehen sollte, könnte ich einen Arzt rufen“.

Christophs kurzen, höflichen Protest, der ohne jeden Nachdruck blieb, strahlten Ninas herzliche Augen einfach weg. Holger verabschiedete sich und setzte seine Runde fort.

„Ich heiße übrigens Christoph“, sagte er und reichte der hübschen Frau ganz bewusst noch einmal die Hand.

Er fühlte sich von Minute zu Minute besser und das nicht nur auf der körperlichen Ebene.

„Können Sie mir vielleicht sagen, was hier gerade passiert? Vor wenigen Minuten lag ich noch auf dem Boden und war kurz weggetreten, und nun habe ich das Gefühl, als würde es mir besonders gut gehen.“

Nina schien diese Frage nicht zu irritieren. Sie lächelte.

„Glauben Sie an Zufälle, Christoph?“

Dann blieb sie stehen und sah ihn direkt an. Narco war ein paar Meter vorgelaufen und beschnüffelte die Duftnoten seiner Vorgänger an den im vollen Saft stehenden Brennnesseln, sonst war weit und breit niemand zu sehen.

„Ach, das war einfach Pech, so etwas kommt vor. Zufall hin oder her, ich glaube in erster Linie an mich selbst.“

„Bitte entschuldigen Sie meine Direktheit, aber sie wirken auf mich nicht wie jemand, der an sich selbst glaubt.“

„Wir kennen uns seit fünf Minuten, und Sie sagen so etwas zu mir? Woher nehmen Sie denn diese Erkenntnis?“

Christoph war einerseits etwas ungehalten, andererseits fühlte er sich ertappt.

„Das kann ich spüren, und ich sehe es in Ihren Augen. Aber bitte machen Sie sich keine Sorgen, denn ich habe nicht vor, irgendetwas mit diesem Wissen anzufangen. Wie Sie schon sagten, ich kenne Sie ja gar nicht.“

Sie setzen ihren Weg langsam fort.