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Die spannende Fortsetzung von "Ich liebe dich für immer - nur sterben kostet mehr". Tony ist mittlerweile in Österreich und schaffte das Unmögliche. Er brachte mit seinem orientalischen Charme eine österreichische Frau dazu, aus ihrem bis dahin funktionierenden Leben auszubrechen und alles hinter sich zu lassen, koste es, was es wolle. Die Liebe war unbesiegbar. Lisa holte nach unzähligen, immer wiederkehrenden Problemen Tony kurzerhand nach Österreich und heiratete ihn, um ihm das Bleiberecht zu ermöglichen. Zu groß war ihre Angst, dass er wieder nach Ägypten abgeschoben würde. Doch Tony sah die Situation anders. Mit der Hochzeit hatte er das Bleiberecht erwirkt und mit der Scheidung hatte er die Möglichkeit, sich ein eigenes Leben in Österreich aufzubauen. Das war fantastisch für ihn. Diese Chance wollte er sich nicht entgehen lassen.
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Seitenzahl: 379
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Impressum
Lisa Luxor, »Das Tor zu Europa«
www.edition-winterwork
© 2014 edition-winterwork
Alle Rechte vorbehalten
Das Tor zu Europa
Für immer in Wohlstand und Sicherheit
Inhaltsverzeichnis
Einleitung..3
Kapitel 1..5
Zurück ins Leben.5
Im Krankenhaus in Kairo – Juli 2010.5
Nur noch einen Monat bis zum Wiedersehen – Rückblick - Juni 2010.9
Ägypten lässt grüßen.16
Meine Flucht ans andere Ende der Welt – August 2010.23
Der tiefe Fall, aber – ICH LEBE NOCH – September 2010.24
Die Hoffnung stirbt zuletzt – Oktober 2010.30
Kapitel 2..41
Warten auf Tony.41
Erneut beginnt die Wartezeit - November 2010.41
Verlobung - Dezember 2010.47
Politische Unruhen – Jänner 2011.55
Das fünfte Wiedersehen – Februar 2011.75
Die Sehnsucht treibt mich weiter – Februar 2011.79
Das Visum – April 2011.90
Die Österreichische Botschaft in Kairo – April 2011.101
Das sechste Wiedersehen – April 2011.107
Warten auf das Wiedersehen – Mai 2011.113
Kapitel 3..121
Neubeginn in Österreich – TONY IST DA..121
Tonys Ankunft am Flughafen in Wien – Mai 2011.121
Unsere Hochzeit – Juni 2011.126
Lebe ich noch oder sterbe ich schon?.128
Die Arbeitserlaubnis.131
Die zweite Arbeitsstelle – August 2011.134
Die Sache mit dem Führerschein…..135
Silvester 2011/2012.140
Kapitel 4..159
Tonys Leben in Österreich.159
Tonys Rückkehr nach Österreich – Jänner 2012.159
Das ganz normale Familienleben – März 2012.164
Nilkreuzfahrt und Strandurlaub – Juli 2012.168
Führerschein – Die Fahrprüfung – August 2012.174
Die Abendschule – September 2012.177
Die erste eigene Wohnung – November 2012.180
Die Scheidung – Dezember 2012.183
Das Weihnachtsfest – Dezember 2012.203
Kapitel 5..205
Das Ende unserer Geschichte.205
Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit – Jänner 2013.205
Das Ende unserer Geschichte.208
Nachwort.209
Danksagung
.211
Einleitung
Ich habe beschlossen dieses Buch zu schreiben, weil ich bemerkt habe, wie gut es tut, seine Erfahrungen an Menschen weiterzugeben, die sich dafür interessieren. Nach meinem ersten Band„Ich liebe dich für immer – Nur sterben kostet mehr“war klar, dass ich aus zwei Gründen weiterschreiben muss
·weil nach Fertigstellung des Buches die Turbulenzen in meinem Leben erst so richtig begonnen haben
·und weil ich bemerkt habe, wie groß das Interesse von Frauen war, die selbst Ähnliches schon erlebt haben, die in ähnlichen Situationen gefühlsmäßig gefangen waren und mich um Rat ersucht haben, Frauen, die ähnliche Erfahrungen nicht ebenso machen wollten, und Frauen, die meinen Erzählungen Gehör geschenkt haben und mich zum Weiterschreiben animiert haben.
Viele Menschen, Frauen wie auch Männer, haben meine Lesungen besucht und mich im Internet kontaktiert und mir auch mitgeteilt, wie groß ihr Inter-esse an der Fortsetzung meiner Geschichte sei; nur leider, das ist eben keine Geschichte, es ist meine Realität.
Diese Parallelwelt, in der ich beinahe vier Jahre meines Lebens verbracht habe, war eine Scheinwelt, so wie man es täglich hören und auch immer wieder im Internet nachlesen kann. Man denkt, als vernünftiger Mensch überlegen zu sein, und schüttelt oft den Kopf oder stellt ganz einfach und nüchtern fest, wie unvernünftig und leichtgläubig Menschen doch sein können, um so tief in den Strudel der Gefühle abzutauchen, aber ich kann Ihnen versichern, dass das ganz einfach und leicht geht. Man braucht nur die richtigen Voraussetzungen dazu. Unsicherheit, die Angst, etwas zu versäumen, und ein Quäntchen Unzufriedenheit oder ganz einfach zu viel Routine im Leben, und schon wird aus dem neugierigen Menschen ein Mensch mit Mut zum Risiko; mit dem Willen, etwas zu verändern, mit dem Wunsch, sein Leben umzukrempeln und neu auszurichten, und mit der Bereitschaft, viel zu riskieren… ja, vielleicht zu viel. Und genau das ist auch mir passiert. Ich habe viel riskiert und ich habe noch mehr dadurch verloren. Ich habe die Erfahrungen, die ich machen wollte, gemacht, aber leider ist das Ende nicht jenes gewesen, das ich mir erträumt hatte.
Meine Freundinnen haben mich gerade noch rechtzeitig aufgeweckt, so ist mir noch Schlimmeres erspart geblieben. Meine Kinder aus der Ehe davor habe ich auf dieser Reise in die Selbstverwirklichung verloren, glücklicherweise habe ich sie zu einem späteren Zeitpunkt wiederfinden können. Jetzt begleiten sie wieder meinen Weg, wenn sie auch nicht mehr bei mir leben können. Ich habe auch meinen Ex-Mann auf diesem Weg verloren. Von ihm habe ich mich getrennt, damit ich diese spannende Multi-Kulti-Beziehung eingehen konnte. Der Vater meiner Kinder war wohl jener Mann, der mich in meinem Leben am meisten geliebt und verwöhnt hat. Und mit meiner Familie habe ich auch alle materiellen Werte zurück gelassen.
Heute, nachdem ich endlich mein Gleichgewicht wieder gefunden habe und meine Lebensfreude wieder zurückgekehrt ist, halte ich viele Lesungen ab, um Frauen zu informieren. Ich schreibe, gehe viel in die Berge wandern, ich erfreue mich ganz einfach daran, dass ich lebe. Und ich bin froh, dass ich der multikulturellen Beziehung gerade noch rechtzeitig entfliehen konnte. Ich war mir so sicher, dass es gut gehen würde, doch unterschiedliche Kulturen kann man schwer vermischen. Es würde beinahe an eine Selbstaufgabe der Frau grenzen, denn der Mann darf ja niemals in seiner Kultur das Gesicht verlieren, sonst ist auch er ein Ausgestoßener. Also, die Frau verbiegt sich bis ins Unendliche, so lange, bis sie ihre Freunde und Freundinnen nicht mehr wieder erkennen können. Und das ist auch mir so passiert.
Das haben mir auch meine Eltern immer wieder gesagt, doch damals habe ich ihnen nicht geglaubt. Erst dann, als ich mich nicht mehr verbiegen konnte, habe ich bemerkt, dass ICH gar nicht mehr ich selbst war. Und als mir dann auch mein ägyptischer Ehemann mitteilte, dass er sich nach einer „normalen“ Familie sehnen würde - und das wären eine ägyptische Frau und Kinder - brach für mich eine Welt zusammen. War ich vielleicht wirklich nur„Das Tor nach Europa“?
Kapitel 1
Zurück ins Leben
Im Krankenhaus in Kairo – Juli 2010
Tony hatte einen Autounfall. Er lag in einem Krankenhaus in Kairo. Irgendwie schaffte er es, von irgendeinem Computer ins Internet zu gelangen, um mich von dort virtuell zu erreichen.
Sein Blick war verwirrt. Um den Kopf trug er einen dicken Verband. Sein rechter Arm war in einer Armschlinge. Er versuchte, mir in der Webcam etwas zu sagen, doch ich verstand sein Englisch nicht. Er sprach so undeutlich und wiederholte sich immer wieder.
Er konnte sich nicht erinnern, was passiert war. Er wusste nicht, seit wann er im Krankenhaus war, er wusste nur, dass er in Kairo war. Er versuchte zu schreiben, da ihm das Sprechen so schwer fiel, aber er konnte seinen rechten Arm nicht bewegen und er konnte die richtigen Buchstaben nicht auf der Tastatur erkennen. Seine Augen konnten nicht scharf sehen und er konnte sich an die englischen Worte nicht mehr erinnern. Er sprach in wirren Sätzen.
Ich war entsetzt, als ich ihn so sah. Ich wartete schon tagelang im Internet, immer und immer wieder ging ich online, um meinen geliebten Tony zu treffen. Laut den Berichten seiner Freunde war er gestorben, tragisch verunfallt nach seiner vorletzen Prüfung an der Universität, auf dem Heimweg nach Luxor. Es gab fünf Tote. Den Unfallhergang wusste keiner so genau, aber es musste zwischen siebzehn und achtzehn Uhr gewesen sein.
Laut Aussage seines Freundes Mena wurde er ins Krankenhaus in Luxor eingeliefert und sei dort vor den Augen von Menas Vater, der in diesem Krankenhaus als Pfleger arbeitete, verstorben. Tonys Familie würde trauern. Alle seine Freunde wären bereits informiert worden. Und es hätte ja auch bereits am nächsten Tag in der Kirche eine Totenmesse für ihn gegeben. Danach, und das hatte mir sein Freund Bishoy erzählt, wäre er zu Grabe getragen worden. Nein, Bishoy hätte am Begräbnis nicht mehr teilgenommen, denn es wären so viele Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde anwesend gewesen, dass er sich zurückgezogen hätte, doch er war auch in der Kirche und hätte für ihn gebetet – und die Kirche sei voll gewesen.
Und jetzt das. Nach meinen tagelangen Weinkrämpfen war Tony wieder auferstanden. Ich als seine zukünftige Frau trug damals schwarz. Und ich war noch immer da - zu Hause in Österreich. Aus war mein Traum, so jäh, so schmerzhaft. Ich konnte keine klaren Gedanken mehr fassen. Ich hatte die Nachricht von seinem Tod von seinem Freund Mena in der Früh im Internet erhalten. Wie in Trance zog ich mich an, ging so wie jeden Tag zu meiner Arbeit und brach dort zusammen.
Kollegen brachten mich zu einem Nervenarzt, der mir schwere Medikamente verabreichte. Diese nahm ich regelmäßig, so wie mir das verordnet wurde. Da ich beruflich vor einem wichtigen Projektabschluss stand, wollte ich meine Kollegen auch nicht hängen lassen. Niemals dachte ich daran, die Arbeit kurz ruhen zu lassen und zu Hause zu bleiben, denn ich befürchtete, ich könnte mir dort das Leben nehmen. Also versuchte ich, immer in der Nähe von Menschen zu sein. Doch ich war nur mehr ein Schatten meiner selbst, ich war kaum ansprechbar. Beruflich funktionierte ich, doch meine Privatsituation war tabu. Hätte mich jemand gefragt, so wären meine Tränen heruntergelaufen wie aus einer Schleuse, die nicht mehr geschlossen werden hätte können.
Und nun war er wieder da. Zurück im Leben, in Kairo, verwirrt. Zuerst dachte ich, ich sei verrückt geworden, als ich Tony wiedersah, denn offiziell war er ja tot. Doch er war es, er - TONY. Sein verängstigter Blick suchte die Webcam. Er zitterte. Ich konnte die Situation im Moment nicht begreifen. Tony fiel das Sprechen schwer und er sagte mir, dass er nicht wüsste, wie lange das Internet funktionieren würde. Er hätte den Laptop ausgeborgt von jemandem im Krankenhaus, nur um mich zu treffen.
Ich sah ihn mit großen Augen an. Weil er sich immer wieder wiederholte und kaum mehr Englisch sprechen konnte, rannten mir die Tränen herunter. Ich versuchte zu sprechen. „Tony, Tony, was ist los mit dir? Was ist geschehen? Wo bist du? Du lebst…“ Erneut brach ich psychisch zusammen. Tränen flossen aus meinen Augenwinkeln und legten sich wie Schleier vor meine Augen. „Mein Kopf tut so weh. Sie haben mich irgendwo am Kopf operiert. Ich kann nicht mehr richtig sprechen. Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Sie haben mir gesagt, dass ich einen Unfall gehabt habe, aber ich weiß nicht wo. Der Bus wäre in den Fluss gefallen. Ich hatte Glück, dass der Bus am Ufer liegen geblieben ist. Sie hatten uns gerettet und in die umliegenden Krankenhäuser gebracht. Seither bin ich in Kairo. Aber ich habe kein Geld mehr und keine Papiere. Und mein Handy ist auch verloren gegangen. Alles ist weg.“
„Ich komme zu dir, wenn du mich brauchst. Ich fliege mit dem nächsten Flugzeug Richtung Kairo. Ich werde dir helfen. Ich bin für dich da.“Doch er wollte nicht, dass ich zu ihm kommen und ihn so sehen würde.
Ich ließ ihn erzählen, während mir die Tränen über meine Wangen herunter kollerten. Ich verstand ihn nur schwer, aber ich konnte ihn zumindest gerade noch verstehen. Ich fragte ihn, ob er schon Kontakt mit seiner Familie aufgenommen hätte, doch er verneinte. Er könne sich nicht mehr an die Telefonnummern seiner Mutter, seiner Schwester und seines Bruders erinnern, und Handy hatte er auch keines mehr. Er konnte sie also nicht anrufen. Und zurück nach Luxor konnte er nicht, da er kein Geld mehr hatte. Doch er hätte Gamal angerufen, einen guten Freund und Arbeitskollegen, der eine einfache Nummer hatte. Diesen hatte er gebeten, in das Haus seiner Familie nach Luxor zu fahren, um diese zu informieren, dass er noch leben würde.
Irritiert nahm ich die Situation zur Kenntnis. In der Webcam sah ich im Hintergrund einen rot bekleideten Mann herumlaufen, der ein gelbes Kreuz auf dem Rücken seiner Jacke trug mit der Aufschrift STAFF. Außer hüstelnden Geräuschen hörte ich nicht viel im Hintergrund. Im Krankenhausgang war außer dem Mitarbeiter niemand zu sehen.
Behutsam fragte ich immer wieder nach. „Hast du die Prüfung auf der Uni noch gemacht?“ Ja, das hatte er, und sie wäre sehr leicht gewesen. „Kannst du dich noch erinnern, ob du den Mann vom Militär noch getroffen hast?“ „Ja, das hab ich gemacht, und ich hab ihm das Geld gegeben und er hat mir den Befreiungsschein gegeben. Aber ich habe ihn beim Unfall ebenfalls verloren. Ich habe alles verloren, mein Geld, meine Ausweise, mein Handy und alle Papiere. Alles war in meiner Tasche und meine Tasche ist weg.“
Vorsichtig informierte ich ihn, dass mir erzählt wurde, dass er nicht mehr am Leben wäre. „Vielleicht haben sie meine Tasche gefunden und gedacht, ich wäre ertrunken.“
Ich konnte die Situation noch immer nicht fassen. Ich begann bitterlich zu weinen. Ich hatte geplant, in drei Wochen zu TONY, meinem zukünftigen Mann, nach Ägypten auszuwandern. Meine Habseligkeiten und meine Kleidung hatte ich zum Großteil schon in Kartons verpackt, teilweise, um sie für ein Jahr oder bis zu meinem nächsten Besuch in Österreich einzuwintern, und teilweise, um sie mitzunehmen. Ich hatte auch bereits einen kleinen Lagerraum gemietet, in dem mein Hab und Gut warten musste, um entweder nach Ägypten nachgeholt zu werden oder um in Österreich zu einem späteren Zeitpunkt verwendet zu werden; oder um ganz einfach auf irgend einem Flohmarkt verkauft zu werden. Und nun war alles wieder offen, meine Zukunft war ungewiss.
Tony machte mich dafür verantwortlich, dass Gott ihm den Unfall geschickt hätte.
„Ich hätte mich von dir trennen müssen. Ich hätte deine Scheidung niemals akzeptieren dürfen. Das war die Strafe Gottes. Er wird mich immer wieder strafen - so lange bis ich auf dich verzichte. Er wird uns niemals zusammen akzeptieren. Lisa, ich muss dich verlassen.“ „Nein, bitte Tony, nein“,und wieder schluchzte ich laut auf. „Was machst du denn mit einem wie mir? Du verdienst einen guten Mann. Ich bin jetzt dumm. Ich habe meinen Verstand verloren. Ich kann kaum mehr Englisch mit dir sprechen. Ich sehe nicht mehr klar. Mein Arm funktioniert schlecht. Lisa, du hast einen guten Mann verdient, aber ich bin dumm. Und ich werde von Gott so lange bestraft, bis ich dich verlasse. Wir können uns nicht mehr wiedersehen. Gott wird mich solange strafen, bis ich sterbe. Und ich möchte noch nicht sterben. Lisa, ich verlasse dich.“
Ich weinte, dass ich Tony nun kaum mehr in der Webcam erkennen konnte. Ich zitterte am ganzen Körper. Ich liebte ihn so sehr, ihn, nur ihn, TONY. Er war mein Anker, ich war das Schiff. Er war meine Seele, ich war physisch und psychisch sein fehlendes Puzzle-Stück. „Wann werden wir uns wiedersehen?“ „Vielleicht morgen, wenn ich wieder einen Laptop ausborgen kann.“ Es gab also ein Morgen, zumindest noch einmal konnte ich ihn wiedersehen.
Nur noch einen Monat bis zum Wiedersehen – Rückblick - Juni 2010
Der Juni begann nicht so sehr harmonisch. Zu Beginn des Monats sagte mir Tony, ein koptischer Christ, wieder einmal mit, dass der Mönch in der Kirche ihn erneut aufgefordert hätte, mich zu verlassen. Er würde sonst wohl zum Militär müssen. Als Tony mir das mitteilte, brach ich wieder einmal in Tränen aus. Er verletzte mich so oft, aber wahrscheinlich war ihm diese Tatsache gar nicht bewusst. Warum teilte er mir immer wieder mit, dass er sich von mir trennen wolle, tat es dann aber doch nie? Immer wieder kam er zurück ins Internet und tat so, wie wenn vorab nichts geschehen wäre, und wiederholte auch, wie sehr er mich lieben würde.
Heulend kontaktierte ich meine Mutter. Sie reagierte, nach anfänglicher Überzeugung, dass Tony meine große Liebe sei, nun schon wirklich ziemlich allergisch auf ihn, wenn sie auch nur seinen Namen hörte. „Vergiss ihn. Er möchte dich nur los werden, deshalb hat er dir diese Geschichte mit dem Mönch erzählt. Du bist ganz einfach zu alt für ihn. Und mit dir würde er sich vor seine Familie blamieren, du bist ja schon geschieden. Er hat dich so lange akzeptiert, solange du ihm Geld geschickt hast. Aber nun wolltest du heiraten, so muss er dich vorher noch schnell los werden. Er hat dich bereits nach eurem letzten Urlaub verlassen, er hat noch Liebe mit dir gemacht und jetzt, da kein Geld mehr von dir kommt, hat er bemerkt, dass seine Geldquelle versiegt ist.“
„Ich weiß nicht mehr, wohin ich gehen soll, wo ich leben soll, was ich arbeiten soll. Ob ich ein Jahr Auszeit nehmen soll oder nicht? Ich schäme mich so für alles, aber ich weiß genau, ich habe mich für meine Liebe entschieden. Ich habe alles getan, was möglich war, um uns eine schöne gemeinsame Zukunft zu ermöglichen. Und ich habe dich immer unterstützt. Nur dasletzte Mal habe ich dir gesagt, du müsstest auch allein zurechtkommen… und diese Entscheidung war sicherlich falsch. Ich fühle denselben Schmerz, als ob du gestorben wärst. Mein Herz ist mit dir gestorben. Warum habe ich dich im Mai nicht einfach ohne Ringe geheiratet? Warum?“So viele Gedanken kreisten in meinem Kopf.
Auch Hany, mein anderer ägyptischer Bekannter und manchmal auch mein Berater über die Lebensweise der Ägypter in dieser fremden, arabischen Kultur, den ich im Mai 2010 in Hurgharda kennengelernt hatte, bestätigte, ich solle endlich zur Kenntnis nehmen, dass Tony einfach genug von mir hatte. Er hätte nun alles bekommen, was er wollte, und nun wollte er ganz einfach wieder seine Ruhe haben. Er hätte nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, an dem er mir alles sagen konnte. Er riet mir, ihn zu verlassen. „Du brauchst einen verlässlicheren Mann. Auch wenn er jetzt weitermacht mit der Beziehung, wird er sie eben später beenden. Und du wirst noch viele Probleme mit ihm haben in der Zukunft.“
Ich hätte Hanys Worten damals mehr Glauben schenken sollen. Auch er konnte nicht verstehen, dass ich unbedingt in Ägypten leben wollte. Alle meine Begründungen waren für ihn nicht verständlich genug.„You have to forget him. Time will manage your problems“,sagte er mir nur.
Bald danach meldete sich auch Tony wieder bei mir. Doch anstatt nett zu mir zu sein beschimpfte er mich, weil ich mit einem seiner Freunde im Internet gechattet hätte. Allerdings war es ja sein Freund, der Kontakt mit mir aufgenommen hatte, nicht umgekehrt. Und da Tony mich auch wieder einmal verlassen hatte, wollte ich ganz einfach einmal so entscheiden, wie ICH das wollte. Er war darüber wirklich böse und teilte mir mit, dass wir uns daher erst am Abend im Chat wiedersehen würden. „Tony, ich werde nicht mehr auf dich warten. Ich will nicht mehr.“ Schlagartig wurde sein Gesicht freundlicher und er entschuldigte sich bei mir für seine bösen Worte. Er wäre nur eifersüchtig, meinte er. Und er wolle auf keinen Fall, dass ich mit anderen Männern meine Webcam verwenden würde, denn er wolle nicht, dass mich andere Männer sehen könnten. „Habibi, please forgive me“,bat er mich.
„Warum bist du immer so gemein zu mir? Und du behandelst mich schlecht, Tony“,sagte ich kleinlaut zurück. „Es tut mir wirklich leid, Schatzi.“
Und schon war alles wieder vergessen. „Ich liebe dich mein Schatz, hundert Prozent. Ich liebe dich so, meine Frau, ich bin verrückt nach dir.“ „Dann werde ich im Juli zu dir kommen.“ Ich war erleichtert. Es gab also doch eine gemeinsame Zukunft. „Du bist verrückt, Schatzi“, meinte er dazu nur.
So knapp vor seiner Prüfung war Tony oft angespannt, oft reagierte er geradezu böse auf banale Kleinigkeiten. Und falls einer seiner Freunde es wagte mich in Facebook zu kontaktieren, bekam ich unverzüglich den Ärger von Tony zu spüren. Im nächsten Augenblick schickte er mir schon heiße Worte durchs Internet und wieder glaubte ich ihm. Ich war einfach viel zu naiv. Ich glaubte noch immer an das Gute im Menschen, doch bei Tony traf das sicher nicht zu.
Am nächsten Tag ging er nach tagelangen Schmerzen endlich zum Zahnarzt. Meine Finanzspritze war also gut bei ihm angekommen, so konnte er die Arztkosten bezahlen. Als er dachte, dass der Zahnarzt seinen Zahn ziehen müsste, war ich überrascht über seine Unkenntnis. So erkundigte er sich bei mir doch tatsächlich, wie der Zahnarzt ein Loch im Zahn beheben würde. Und als er den Zahnarzt dann um eine weiße Zahnfüllung bat, war wiederum dieser sehr verärgert. Und Tony versprach mir fest, ab nun die Zähne zweimal täglich zu putzen, um diese Schmerzen nicht noch einmal ertragen zu müssen.
Tony lernte sehr viel für seine vorletzte Prüfung an der Universität, trotzdem chatteten wir täglich. Ich hatte ebenfalls sehr viel Arbeit und musste alle meine Projekte zu Ende bringen. Schließlich wollte ich Mitte Juli für vorerst ein Jahr zu Tony ziehen, und falls das Zusammenleben gut funktionieren würde, hatte ich vor, für immer dort zu bleiben. Meine Arbeit durfte ich ruhen lassen, so hatte ich doch noch ein Sicherheitsnetz in Österreich. Wenn es allerdings nicht funktionieren und ich doch vorab wieder zurückkommen sollte, hoffte ich, dass mein Arbeitgeber dieses eine Jahr, das ich pausieren wollte, doch irgendwie verkürzen würde. Schließlich musste ja jemand meine Arbeit übernehmen und sollte auch die gesamte versprochene Zeit beschäftigt bleiben. Ohne Arbeit konnte ich natürlich nicht in Österreich leben. Ich konnte mir nicht wieder eine Wohnung in Miete nehmen, ich konnte dann mein Auto nicht bezahlen, meine Lebensmittel nicht kaufen und natürlich musste ich auch für meine Kinder aufkommen, die ich – blind durch die Liebe – schweren Herzens für meinen ägyptischen Traummann verlassen hatte. Sie waren schon groß und ich hoffte, dass sie mich eines Tages verstehen würden. Ich hoffte, dass sie mir irgendwann einmal alles vergeben würden.
Ständig träumte ich vor mich hin. Die Liebe machte mich blind und verzauberte mich in eine Tagträumerin. Noch immer war ich süchtig nach Tony und wartete auf sein Kommen im Internet.
Tony
Halloooo
Ich
Hallo, wie geht´s dir?
Gut, danke.
Was hast du gerade getan?
Ich habe die Sterne beobachtet und mit dem Mond gesprochen.
Was hast du ihm erzählt?
Ich habe ihn über dich und mich gefragt.
Was hat er dir gesagt?
Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn in sieben oder in acht Jahren mit dir besuchen werde.
Und was hat er dir dann gesagt?
Er sagte, er hoffe das. Er hoffe, mich immer mit meiner Liebe zu sehen und er sagte mir, ich dürfe meine große Liebe nicht mehr fortlassen. „Du wirst nie mehr so eine Liebe finden, und wenn du eine finden würdest, dann wäre sie nicht mehr so wie diese erste Liebe.“
Mit wem willst du den Mond treffen?
Mit dir mein Schatz, und wir werden beide mit ihm sprechen, ich in Arabisch und du wirst auch versuchen, Arabisch mit ihm zu sprechen.
In sieben Jahren werden wir ihn treffen? Und was ist vorher?
Ich weiß nicht. Wenn du ihn vorher treffen willst, ist das auch OK. Aber sag mir das vorher, damit ich buchen kann, denn ich habe erst in sieben Jahren gebucht.
Wenn wir ihn sehen, werden wir ihn dann vom Himmel aus sehen?
Sicherlich von der Erde, oder möchtest du, dass ich sterbe?
Tony war ein großer Romantiker und er war auch ein Träumer, das machte ihn so begehrenswert für mich. Während er träumte, wurde mir dennoch kalt, sodass ich, obwohl es Juni war, die Heizung kurz einschalten musste. Während es in Luxor naturgemäß extrem heiß war, vermisste ich die Sonne in Österreich so sehr.
„Sag mir, was ist besser, Massagen zu verkaufen oder Tauchgänge? Ich kann nach meiner Prüfung am 13. Juni in Hurgharda zu arbeiten beginnen. Mein Cousin hat mir den Job besorgt“,erzählte er mir stolz. „Verkaufe Tauchgänge, das ist besser. Da kommen die Taucher zu dir und sagen dir, wie oft sie tauchen wollen. Du musst nicht alle Gäste am Strand ansprechen und sie überreden, sondern du verkaufst einfach an die, die sowieso tauchen wollen. Das finde ich besser.“ Ich erzählte Tony von meiner Tauchprüfung und meinemTauchschein, der mich berechtigte, in allen Weltmeeren und Ländern zu tauchen. Ich versprach ihm auch gleich, dass ich dann zu ihm tauchen kommen würde. „Aber DU tauchst gratis, ich werde der Managerin einfach sagen, „das ist meine Frau“ und sie wird dich ohne Bezahlung tauchen lassen.“
Und wieder kam sie, die Frage.
Während wir uns nett im Chat unterhielten, benötigte er wiederum Geld, doch nun sollte es tatsächlich zum letzten Mal sein. Er hatte mich schon vor einigen Tagen darum gebeten, bis Ende Juli das Geld zu schicken, doch nun brauchte er es etwas überraschend schon in drei Tagen.„Ich kann dir Geld geben, aber bestimmt nicht 2.700,- Euro und nicht in drei Tagen. Das hab ich nicht. Ich war vor einem Monat in Hurgharda und ich habe dafür 1.000,- Euro bezahlt.“„Dann schick mir 2.500,- Euro“,erwiderte Tony. Wie ungeniert und hemmungslos er immer wieder Geld von mir erbat, war für mich immer wieder überraschend. Und wie dumm ich reagierte, es auch nur in Betracht zu ziehen, ihm das Geld auch wirklich zu schicken, war für meine Freunde noch weniger nachvollziebar.
„Tony, ich werde dir jetzt maximal 1.000,- Euro schicken, den Rest bekommst du, wenn ich bei dir in Hurgharda bin. Ich komme schon im Juli, du musst eben einen Monat warten.“ „Das geht nicht, ich muss den Mann vom Militär bezahlen, damit ich von der Armee befreit werde, und der geht in einer Woche in Pension. Dann kann er nichts mehr für mich tun. Den Befreiungsschein kann nur er ausstellen und er will das Geld dafür sofort. Er will 2.200,- Euro und 300,- Euro brauche ich für meine Mutter für Medikamente.“
„Kann ich dich was fragen, Tony?Wirst du mich verlassen, wenn ich dir das Geld diesmal nicht schicke?Und wenn du mich verlässt, wann wird das sein? Heuer, nächstes Jahr oder in drei Jahren? Wirst du mich immer wieder so unter Druck setzen? Wirst du mich immer wieder um Geld bitten?“
Tony hatte es so an sich, dass er mich jedes Mal, wenn ich besonders glücklich und zuversichtlich war, um Geld ersuchte. Und so, wie ich bemerkt hatte, wurde es immer mehr. Und obwohl ich mir selbst versprochen hatte, ihm nichts mehr zu schicken, sagte ich zu mir selbst, dass es diesmal das letzte Mal sein würde. Ich schloss in Gedanken meine Augen, um zu vergessen und schickte ihm einfach das, was er brauchte. Trotz meiner Worte schwelgte Tony sofort wieder in liebevollen Verzauberungen umher.
„Weißt du noch, was das Schönste war in Hurgharda? Als wir jeden Abend fest umarmt einschliefen.“ Er konnte mich punktgenau entspannen. „Und weißt du auch, was schlecht war? Ich werde dich jetzt zum Lachen bringen… Du magst keine Klimaanlage.“ Und tatsächlich schmunzelte ich wieder und der Ärger war verflogen.
Tony machte mir auch diesmal wieder ganz romantische Komplimente. Das Wort LIEBE sei nicht genug um das zu beschreiben, was er fühlen würde. Ich sei wunderschön. Er würde meine Seele lieben, mein Herz, meine Lippen, er würde alles an mir lieben. Er fesselte mich erneut mit seinen Worten. Jeglicher Widerstand in meinem Gehirn war zwecklos. Er versprach mir ein Geschenk, das er mir im Juli überreichen würde, weil wir dann unseren ersten Jahrestag feiern würden.
Leider musste ich gerade jetzt zu chatten aufhören, da ich noch Gäste erwartete. So küsste er mich noch zum Abschied ganz feurig durchs Netz.
Am Sonntag, dem 13. Juni 2010, startete Tony Richtung Universität. Wir vereinbarten, dass er mir unverzüglich nach der Prüfung ein SMS schickte, wie es ihm ergangen sei. Wir vereinbarten außerdem, dass wir uns spätestens um 18 Uhr im Chat treffen. Bevor er morgens startete, schrieb er mir noch gegen 7:30 Uhr eine sehr nette E-Mail:
„Guten Morgen mein Schatz. Ich habe so viel gelernt und ich bin stark, aber du bist es, die mich stark gemacht hat. Ich liebe dich so, so sehr. Ich verspreche dir, dir mein ganzes Leben als dein Sklave zu dienen und für dich alles zu machen, was dich glücklich macht. Ich möchte deine Lippen küssen, ich liebe sie so sehr. Mit dir weiß ich, was Liebe bedeutet und was großartige Prinzessin bedeutet. Ich werde dich heute Abend wiedersehen, wenn ich zurückkomme. Ich glaube, ichwerde um 6 Uhr wieder zurück sein.Ich küsse dich, meine Frau. Ich liebe dich.“
Das waren die letzten Worte, die ich von Tony gelesen habe. Gehört haben wir nichts mehr voneinander.
Ich zitterte den ganzen Tag mit ihm, denn ich wusste, dass seine schriftliche Prüfung drei Stunden dauern würde. Ich rief ihn mehrmals an, doch folgerichtig antwortete er nicht, er war ja bei der Prüfung. Nach der Prüfung wollte er sich mit dem Militärarzt treffen und ihm die 2.200,- Euro übergeben, die er in einem Kuvert in seiner Tasche bei sich führte. Da diesmal 2.000,- Euro nicht mehr ausreichten, blieben seiner Mutter von den übersandten 2.500,- Euro nur mehr 300,- Euro für Arztkosten und Medikamente zur Verfügung. Ich ermahnte ihn noch, vorsichtig zu sein und niemandem zu erzählen, dass er so viel Geld bei sich hatte. Ich wies ihn darauf hin, wie gefährlich das wäre. Diese Summe entsprach immerhin ein bis zwei Jahresgehältern eines ägyptischen Durchschnittsverdieners.
Doch Tony schickte mir keine SMS mehr. Er meldete sich auch nicht mehr. Trotz stundenlangen Wartens auf ihn im Internet erschien er auch nicht mehr online. Er schickte mir auch keine E-Mail. Ich begann ab drei Uhr nachmittags auf eine SMS zu warten. Ab 18 Uhr war ich andauernd online.
Ich konnte nicht schlafen. Ich weinte. Ich fror. Ich kann mich genau an alles erinnern. Wirre Gedanken schwirrten durch meinen Kopf. Ich hatte Angst und weinte – ich weinte um ihn. Und ich fürchtete mich. Ich konnte niemanden, der ihn kannte, erreichen. Sein Bruder war nicht online, seine Freunde waren ausnahmsweise nicht im Chat. Glücklicherweise hatte ich sein Passwort auf Facebook. Ich stieg in seinen Link ein und wartete online, ob einer seiner Freunde im Internet erschien. Sie alle mochten mich nicht, weil ich älter war als er, weil ich Europäerin war, weil ich ihn und er mich liebte, weil ich geschieden war, weil ich keine Ägypterin war, weil ich ganz einfach ehrlich war und weil ich meine Meinung offen sagte. Sie mochten mich nicht, weil ich auch mit Männern sprach, also war ich folgedessen eine Hure. Und sie mochten mich nicht, weil ich das hatte, was sie wollten – Freiheit, Geld und Arbeit.
Trotzdem brauchte ich gerade jetzt einen seiner Freunde, um mir weiterzuhelfen. Ich brauchte sie jetzt ganz einfach. Und ich vertraute ihnen, dass sie mich in dieser Situation unterstützen würden. Sie alle wussten, dass ICH ihn wirklich liebte.
Ägypten lässt grüßen
Drei Tage nach Tonys Unfall, als ich noch immer im Glauben war, dass er gestorben sei, und ich noch immer im Netz nach ihm suchte und auf ihn wartete, kam sein Freund Micky online und nahm Kontakt mit mir auf. Ich war dankbar für jeden Kontakt, so war für mich Micky auch ein Teil von Tony. Und Tony würde mich nicht beschimpfen, weil ich mich auf diesen Chat einließ.
Micky
Kann ich dich etwas sagen?
Ich
Sicher.
Vergiss Tony.
Warum sagst du das?
Du weißt, dass er tot ist.
Wann ist er gestorben?
DU hast mir das ja erzählt.
Vergisst du auch deine Freunde?
Wenn du jetzt über Tony sprechen willst, gehe ich wieder.
Entschuldigung.
So unterhielten wir uns also über die Fußball-Weltmeisterschaft, von der ich bis zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Spiel gesehen hatte. Meine Zwischenfrage, ob Micky Tonys Familie besuchen würde und er sein Beileid ausdrücken würde, verneinte Micky. Das machte mich etwas skeptisch.
Am nächsten Tag war Micky wieder in Yahoo, und als er mich online sah, begann er unverzüglich ein neues Gespräch. Er zitierte das, was ich in Facebook hinterlassen hatte. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich schon nicht mehr, dass Tony wirklich gestorben war. So postete ich in Facebook, traurig, verzweifelt und verärgert. „Ich habe für meine große Liebe alles aufgegeben. Ich gab ihm meine ganze Liebe, mein Geld, ich verließ meine Kinder, mein Heim, ich gab ihm alles, was ich hatte… und nun ist er tot… Tony ist jetzt tot… ich liebe dich, Tony, ich kann nicht mehr leben ohne dich…. ich vermisse dich soooo.“ Micky las mein Posting und natürlich fragte er sofort nach.
Micky
Wie viel hast du ihm gegeben?
Ich
Warum? Er ist jetzt tot…
Wie viel hat er von dir genommen?
Micky, es ist nur Geld. Ich habe ihm € 6.000,- gegeben. Er hat mir immer wieder gesagt, dass wir heiraten würden.
6.000,- Dollar???
Nein, 6.000,- Euro, aber ich habe nie darüber nachgedacht. Wir wollten heiraten, also war meins auch seins. Ich war mir sicher mit der Hochzeit. Und er brauchte immer Geld. Und seine Mutter hatte eine schlimme Herzoperation.
DAS hat er dir erzählt?
Ja, stimmt´s leicht nicht? Und dann musste er noch fürs Militär bezahlen, um einen Befreiungsschein zu kaufen. Hast du ihm auch Geld geborgt? Ich weiß, dass er auch von Freunden Geld geborgt hat.
Wann hat er das Geld bekommen?
Ich hab ihm gerade erst vor ein paar Tagen 2.500,- Euro geschickt. Und dann ist er gestorben. Das war auch für mich so viel Geld. Ich habe ihm alles geschickt, was ich hatte. Und jetzt ist er tot.
Warum hat Gott mich nicht mit Tony mit in den Himmel genommen?
Sag bitte seiner Familie, dass Tony beim Unfall viel Geld bei sich hatte. Ich hoffe, dass er nicht wegen des Geldes sterben musste. Ich hab mir deshalb solche Sorgen gemacht. Und ich habe ihm noch gesagt, dass er niemandem erzählen dürfte, dass er Geld bei sich hätte.
Warum?
2.500,- Euro sind sehr viel Geld.
Micky dachte wahrscheinlich, ich sei steinreich. Ich versuchte, ihm klarzumachen, dass auch ich für diesen Betrag viele Monate arbeiten musste, um so viel Geld zu ersparen. Aber Tony war arm. Er benötigte jeden Cent viel mehr als ich. Und wir wollten nach einem gemeinsamen Jahr in Ägypten gemeinsam nach Österreich gehen. Und ich glaubte Tony jedes Wort, das er sagte. Das war ein fataler Fehler.
„Gott sagte mir, ich sei zu alt für ihn. Gott sagte mir, dass ich in Österreich bleiben sollte. Und dann hat Gott mir Tony weggenommen…“Ich haderte mit meinem Schicksal. Ich kannte die Wahrheit nicht.
Doch schon bald traf ich Tony im Internet wieder. Schwer geschockt und traumatisiert versuchte ich, mein Leben so in den Griff zu bekommen, dass das unaufhörliche Weinen ein Ende nahm. Voller Medikamente, die meine Depressionen und meine Trauer bekämpften, versuchte ich, die Situation einfach zu verstehen. Und immer neue Freunde hörten offensichtlich Tonys und meine Geschichte und immer neue Freunde suchten meinen Kontakt. So auch Kerolos.
Kerolos
Du schreibst „Entschuldigung“ auf Tonys Facebook-Seite?
Ich
Ja. Ich weiß nicht, was wahr ist. Er hat mir erzählt, dass er einen schweren Unfall hatte. Ich habe seine Freunde beschimpft, weil sie mir gesagt haben, dass er tot sei. Deshalb hat er jetzt sein Passwort geändert, damit ich bei ihm nicht mehr online gehen kann.
Er hat nur mit dir gespielt.
Er hatte also keinen Unfall?
Nein.
Sicher?
Ja.
Du glaubst, dass er nur mein Geld wollte? Ich habe für ihn mein ganzes Leben zurückgelassen, meine Kinder, meinen Mann, mein Haus, meine drei Katzen, alles…
Ich kann nicht glauben, dass jemand so schlecht sein kann.
Also, vergiss ihn!
Er tat so, als ob er Schmerzen hätte. Er hatte seinen Arm in einer Schlinge und um den Kopf hatte er einen dicken Verband.
Weißt du, was das in Ägypten kostet, sich den Kopf und den Arm verbinden zu lassen? 200 Ägyptische Pfund, oder 100, das sind 20 Euro oder auch weniger. Es tut mir leid, aber er hat dich betrogen. Versuch ihn zu vergessen.
Aber er sagte mir, dass wir in vier Wochen heiraten würden. Und er schenkte mir im Mai eine Halskette, und seine Mutter schenkte mir im Februar einen Ring. Ich glaubte, dass sie mich wirklich gern mochten.
In Gold?
Nein.
Hahahaha. Du bist sooo nett.
Ich schäme mich so für mich selbst. In meiner Arbeit hab ich erzählt, dass er tot sei…
Bitte, ich rate dir, vergiss ihn. Vergiss ihn. Er ist ein Lügner. Sei stark. Wein nicht mehr, bitte!!!!
Meine Freunde sagten mir immer, dass ein guter Mann von einer Frau kein Geld nehmen würde.
Ja sicher, also…
Und weißt du, einmal hat er mich heimlich gefilmt, als ich aus dem Bad gekommen bin und ich hab ihm gesagt, dass er das sofort löschen müsse. Er tat das dann auch. Später hat er mir dann einmal gedroht, dass er ja einen Film von mir hätte, auf dem ich nackt zu sehen sei. Er könnte ihn ins Internet stellen, aber er sei nicht so böse, das zu tun. Er wäre viel besser als ich.
What a fuck, he is crazy…
Kerolos sagte mir, dass nicht alle Freunde Tonys der Meinung wären, dass das, was er mit mir machen würde, gut sei. Manche würden lachen über mich, manche aber seien schon jetzt nicht mehr mit Tony befreundet.
An Mena, der mir die Nachricht von Tonys Tod brachte, schrieb ich auf Facebook eine Nachricht. „Danke, dass du mir erzählt hast, dass du am Montag für Tony in der Kirche beten warst, bevor er dann begraben wurde. Er lebt nun aber doch – er ist im Krankenhaus in Kairo… also ist er sicherlich nicht im Grab. Sehr, sehr lustig, wirklich.“
Obwohl ich Tony einerseits eine gerechte Bestrafung durch Gott wünschte, begehrte ich ihn wieder zurück in mein Leben. Wir waren so knapp vor der Verwirklichung unserer Träume, eine gemeinsame Zukunft leben zu können. Doch nun, was tun?
Als ich Kerolos gegenüber meinen Wunsch äußerte, antwortete er nur mit „So wirst du niemals dazulernen“. Wie kann sich eine erwachsene Frau nur so in ihren eigenen Gefühlen verlaufen? „Ich vermisse ihn soooo. Ich hätte ihn NIEMALS verlassen. Und ich würde ihn wieder zurücknehmen.“ „Wenn du ihn wieder zurücknimmst, wird er dir diesmal alles wegnehmen, was er von dir kriegen kann“, sagte mir Kerolos noch – und wieder glaubte ich ihm nicht. Kerolos erzählte mir auch, dass seine Freunde in Luxor Tony nach seinem Unfall am Sonntag noch in Luxor spazieren gehen gesehen hätten. „Glaub mir das. Und er arbeitet auch wieder. Vergiss ihn einfach.“
Ich war total verunsichert. Wem sollte und konnte ich noch glauben? Tony schrieb ich offline, dass ich alles für ihn aufgegeben hätte, aber er hätte gar nicht bemerkt, wie sehr ich ihn wirklich lieben würde. Und bald war auch Tony wieder online. Er teilte mir mit, dass ihm das Gehen und auch das Sprechen wieder leichter fielen und dass er mich so sehr vermisse. Und er fragte mich auch, ob ich ihm den Unfall noch immer nicht glaube. Auf meine Bitte nach Benützung seiner Webcam meinte er nur, dass sie nicht funktioniere. „Du hast so Schlechtes über mich im Internet geschrieben. Ich war nie so schlecht zu dir. Aber du bist so. Du wirst dich nie ändern, “ schrieb er mir. Ich schämte mich für meine bösen Gedanken und dafür, dass ich ihm nicht geglaubt und vertraut hatte. Er schrieb mir, dass er Luxor nun verlassen müsse, da alle seine Freunde glauben würden, dass er ein Betrüger und ein Dieb sei. Er würde wieder nach Marsa Alam zum Arbeiten fahren. Doch diesmal hatte ich kein Mitleid mit Tony. Damals hatte ich in einer Woche vier Kilo verloren, mein Gesicht war schmal und eingefallen. Und ich hatte begonnen, unsere Beziehung in Buchform zu verfassen, um diesem Wirrwarr in meinem Kopf zu entfliehen und um meine Gedanken zu ordnen. Vielleicht würde ja, wenn ich alles niederschreiben würde, manches in ganz anderes Licht rücken und vielleicht würde ich mir dadurch mehr Klarheit über unsere Beziehung verschaffen.
„Ich kann nicht mehr zu dir zurück kommen, obwohl du mir so fehlst. Meine Freunde würden denken, ich hätte Angst vor dir oder vor der Botschaft, und sie hätte damit natürlich nicht Recht. Und ich werde dir dein gesamtes Geld zurückzahlen. Ich werde es dir sagen, wenn ich es habe. Wenn ich ein Dieb wäre, warum bin ich dann nicht gleich nach Österreich gekommen. Oder warum habe ich nicht bis Juli gewartet, dich ein Auto und ein Haus kaufen lassen und dich dann aus dem Haus geworfen? Ich könnte dir dein gesamtes Vermögen wegnehmen. Ich kann dich nicht hassen, zur selben Zeit kann ich aber auch nicht mit dir zusammen bleiben. Das ist einfach nicht möglich. Wirst du jetzt wieder zu deiner Familie zurückgehen? Ich hoffe, du vergibst mir eines Tages. Bitte vergiss mich. Wir treffen uns später wieder im Chat.“Tony zog keinen Schlussstrich und ich hörte nicht auf zu hoffen.
Auch Tonys Freunde schrieben mir ständig im Internet. Bishoy wiederholte unaufhörlich, dass Tony mich betrogen hätte, weil er reich sein wollte. Ich solle meine Finger von ihm lassen. Und Mena wies mich an, auf seiner Facebook-Seite keine Postings mehr zu machen. Er schrieb mir abschließend, dass ich mir das Leben nehmen würde, wenn ich die gesamte Geschichte um Tony erfahren würde. Und dann kündigte er mir auch seine Facebook-Freundschaft auf. Nach momentaner Verärgerung war ich dann doch erleichtert, mit diesem Betrüger im Internet keinen Kontakt mehr haben zu können.
Ich
Ich weine so viel jeden Tag. Das alles ist zu viel für mich. Ich hätte mich letzten Montag beinahe umgebracht, als ich hörte dass du tot bist. Ich wollte dir in den Tod folgen. Das Leben hat keinen Sinn mehr ohne dich.
Tony
Wir werden gute Freunde sein. Ich werde immer für dich da sein.
Du fehlst mir so.
Du fehlst mir auch. Ich kann nicht vergessen, was du alles für mich getan hast. Auch wenn du am Schluss böse über mich geschrieben hast. Vergiss alles. Ich verspreche dir, dass ich mindestens drei Jahre keine andere Frau haben werde.
Ich werde niemals mehr lieben können. Mein Herz wird immer dir gehören.
Ich werde dir jetzt etwas erzählen, glaub mir das bitte. Du wirst niemals mehr einen Mann finden, der dich mehr liebt, als ich es getan habe. Ich gab dir all meine Liebe, aber leider kann es so nicht weitergehen.
Ich werde niemals mehr jemanden lieben. DU bist mein Leben, Tony.
Und schon brach die Internetverbindung wieder ab. Tony verlor das Netz.
Mittlerweile kamen auch die ersten Reaktionen der Selbsthilfeplattformen, die ich kontaktiert hatte, als Tony offensichtlich doch nicht gestorben war. Inhttp://forum.1001geschichte.deschrieb ich einen kurzen Beitrag zu den schon 388 Themen, die allein zum Land Ägypten verfasst wurden. Ich bemerkte, dass es zu jedem Thema bis zu 25.000 Zugriffe und bis zu 200 Antworten gab. Auch die Redaktion vom Forum 1001Geschichte.de meldete sich mit Informationen.
Tony schrieb ich einen letzten Brief mit folgendem Inhalt:
„Ich beginne zu realisieren, dass es viele Dinge an mir gibt, die du nicht magst und dass du mich nicht mehr willst. Ich bin nicht hübsch genug für dich, nicht klug genug für dich, nicht flexibel genug für dich, nicht attraktiv genug für dich, nicht sexy genug für dich, nicht jung genug für dich und nicht reich genug für dich.
Ich muss akzeptieren, dass du für mich gestorben bist, nur um mich loszuwerden. Du willst mich eben nicht mehr. Das hast du mir nun schon unzählige Male gesagt, aber ich wollte es nicht verstehen und ich habe es nicht akzeptiert, weil du meine Seele gestohlen hast, weil du mein Herz gebrochen hast, weil du meinen Charakter gebrochen hast, du hast die ganze Lisa gebrochen. Ich hoffe, dass eines Tages ein Mann kommen wird, der mich liebt, so wie ich bin.
In Verbundenheit und ewiger Liebe, deine Lisa.“
Danach buchte ich bei meiner Freundin im Reisebüro eine Reise nach Kuba. Diese Reise sollte mich ans andere Ende der Welt bringen, so weit weg wie nur möglich, und so lange dauern, so lange mein Budget ausreichte. So schlug sie mir schlussendlich eine dreiwöchige Kubareise vor, die ich auch buchte. Sie sollte für mich den notwendigen Abstand zu Tony bringen und die schon so benötigte Erholung. Somit war ich beinahe den gesamten Juli unterwegs.
Meine Flucht ans andere Ende der Welt – August 2010
Tony wurde von mir im Vorfeld informiert, dass ich drei Wochen nicht erreichbar wäre, doch er reagierte kaum darauf. Als ich ihm mitteilte, dass ich am nächsten Tag wegfliegen würde, war er außer sich. Ich musste ihm erklären, warum ich so lange wegfliegen würde und wo Kuba überhaupt sei, und ich musste ihm versprechen, mich mit keinem Kubaner anzufreunden. Er zeigte sich plötzlich sehr besorgt, ich verstand ihn einfach nicht. Und schon packte ich meine Sachen und war unterwegs zum Flughafen.
Der Hinflug war extrem spannend, saß ich doch neben dem Fenster und zudem inmitten einer großen Gruppe von Kubanern, die auf Verwandtenbesuch heimflogen. Sie sprachen fast ausnahmslos spanisch, so war ich auch bald richtig in Urlaubsstimmung. Nach vielen Stunden Flug angekommen stellte sich bald heraus, dass das Hotel zwar reserviert, aber nicht benutzbar war, da die Klimaanlage im ganzen Hoteltrakt nicht funktionierte. Nach stundenlangem Warten wurde ich in der Nacht per Taxi in ein anderes Hotel gebracht, das dann meinen Vorstellungen entsprach. Ich war nach den unzähligen Ägyptenaufenthalten ohnehin nicht sehr verwöhnt vom Standard. Schon bald bemerkte ich, dass die Hotelgäste vorwiegend aus Kanada kamen, manche auch aus Spanien oder Italien. Schnell fand ich Anschluss zu etlichen Menschen, ich hatte viel Spaß und war auch abends immer unterwegs. Ich freundete mich rasch mit zwei Italienerinnen an, denen ich auch von Tony erzählte. Sie hatten für Gespräche immer offene Ohren und machten mich seelisch etwas stärker. Ich begann, mich von allen Gedanken zu lösen und zu entspannen. Auch der Schlaf kehrte wieder zurück. Und schon kamen sie wieder – die SMS von Tony.
