Das Törtchen-Team - Honora Holler - E-Book

Das Törtchen-Team E-Book

Honora Holler

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Beschreibung

Sophie geht gerne auf ihre Schule. Dank eines Unterstufen-Stipendiums kann sie die Friedrich-Stein-Schule besuchen. Diese ist die beste Schule der Stadt, wie sie findet, doch leider eine Privatschule mit Ansprüchen. Sophie muss um ihren Platz kämpfen, denn entweder erreicht sie einen sehr guten Notendurchschnitt oder gewinnt am Ende ihres sechsten Schuljahres das große Schul-Stipendium. Ihre geliebte Schule verlassen will sie nicht kampflos, doch Englisch und Sport stellen sie vor immense Herausforderungen. Für die wissenschaftsbegeisterte Einzelgängerin Sophie ändert sich einiges als der sportliche Wirbelwind Onta und die musisch begabte Suki in ihr Leben treten. Zu dritt nehmen die drei unterschiedlichen Freundinnen jede Herausforderung an: die alltäglichen Mühen an der Friedrich-Stein-Schule genauso wie ein zuckersüßes Hochzeitsdilemma oder das Treiben eines geheimnisvollen Stipendien-Saboteur, der den Mittelstufen-Wettkampf torpediert. Unterhaltsam und modern bildet der erste Band den Auftakt zu einer mehrbändigen Jugendbuchreihe.

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Honora Holler

Das Törtchen-Team

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Sophie, Deutschland - Der Wettbewerb

Onta, Irland - Ein guter Tag

Sophie – Das Zuckerstückchen

Suki, Japan - Das Beben

Sophie - Das Zwischenzeugnis

Vorsicht Laster!

Überraschung im Kaufhaus

Der erste Schultag

Der Knoten platzt

Hochzeitsvorbereitungen

Tolle Neuigkeiten

Der Saboteur schlägt wieder zu!

Die Falle

Prüfungen

Wartezeit

Bleiben oder nicht?

Das Törtchen-Team in Turbulenzen

Impressum neobooks

Sophie, Deutschland - Der Wettbewerb

Auf jeder Packung Wunderkerzen steht in kleiner Schrift immer: Nicht in geschlossenen Räumen anzünden! Der Chemieraum musste da wohl eine Ausnahme bilden, überlegte Sophie und grinste in sich hinein. Bis auf gelegentliches Husten und Räuspern war es still im Raum. Sie roch das Hustenbonbon von Iris und konnte die Ecken des Streichholzes in ihren Fingern genau spüren, so angespannt vor Aufregung waren ihre Sinne. Würde es klappen? Hatte sie sich beim Mischen der Chemikalien auch nicht vertan?

Da, das Kommando von Herr Weißhardt: „Ihr könnt sie jetzt anzünden.“ Endlich! Mit einem beherzten Zug zündete sie ihr Streichholz an und hielt es an das metallische Stäbchen vor ihr. Es zischte, Schwefelgeruch durchdrang die Luft, zwanzig Lichtpunkte tanzten durch den Raum. Die gelbroten Flammen spiegelten sich in den Sicherheitsbrillen, erhellten für kurze Zeit den Raum und entzündeten die Metallstäbchen. Fünfzehn violette und eine orangefarbige Funkenblume erleuchteten den Raum. Sophie hörte laute „Ahs“ und „Ohs“ und einige „Verdammt, bei mir brennt nichts“.

Sophies Augen leuchteten, während ihre selbst gemachte Wunderkerze abbrannte. Es hatte geklappt, jubelte sie innerlich.

Von anderen Schülern ihrer Altersstufe außerhalb der Friedrich-Stein-Schule hatte sie noch nie gehört, dass sie aktiv in der sechsten Klasse experimentieren durften. Doch hier in der Friedrich-Stein-Schule war das anders, hier durfte und sollte man experimentieren. Natürlich nur unter Anleitung! Doch nur so machte Chemie ihr Spaß, es zischte und blubberte, manchmal roch es gut, manchmal stank es zum Himmel: angewandte Chemie eben. Die meisten ihrer Mitschüler dachten genauso. Na ja, abgesehen von Lulu vielleicht - die mit ihrer orangefarbigen Wunderkerze alles andere als glücklich aussah.

Die letzten Funken erleuchteten den Raum kommentiert von einem leisen: „Schön“, von Svenja, die neben Sophie saß. Die Luft roch metallisch und irgendwie auch verkohlt, als hätten die brennenden Metallspäne irgendwo Holz angekokelt. Das Licht ging an. Die plötzliche Helligkeit schmerzte in den Augen. Sophie blinzelte und nach ein paar Augenblicken sah sie auch, warum es verkohlt roch: Kleine Brandlöcher hatten sich in die Halterung der Wunderkerzen gefressen. „So, das war doch ein schönes Experiment“, unterbrach Herr Weißhardt Sophies Gedankengang fröhlich, nach dem Motto: Wieder mal ein Experiment geklappt, dass die Schulbehörde sicherlich nicht genehmigt hätte. Er grinste die Klasse an und sagte: „Bitte legt die Wunderkerzen in eure Experimentierschale und dann könnt ihr gehen.“ Mit einem Kopfnicken quittierte er, das Gehen der Schüler, während er durch den Raum ging. Er stellte sich vor Lulu, die zwei Reihen vor Sophie mit ihren Freundinnen saß, und sah sie ernst an. „Und Lulu für deinen Betrugsversuch gebe ich dir eine Sechs“, sagte er mit lauter Stimme, sodass wirklich jeder, der noch anwesend war es hören konnte. Sophie war natürlich auch aufgefallen, dass Lulus Wunderkerze anders leuchtet als die restlichen im Raum. „Aber“, erwiderte Lulu mit hochrotem Kopf und zittriger Stimme. „Nichts aber! Du kannst gehen und sei froh, dass ich dich nicht dem Rektor melde“, fügte Herr Weißhardt ernst hinzu. Alle schauten zu Lulu, die eiligst ihre Sachen einpackte und schnell den Experimentierraum verließ.

„Wie hat den Lulu betrogen?“, fragte Irene Michael beim Herausgehen so laut, dass jeder es mitbekam. Sophie verdrehte die Augen. „Hast du denn nicht gesehen, dass Lulus Kerze orange gebrannt hat und nicht lila?“, hörte Sophie Michael noch ungläubig fragen, bevor der Schülerstrom die beiden aufnahm.

Mit einem Bedauern packte Sophie ihre Sachen ein. Der Rest des Tages würde nicht so vergnüglich sein. Englisch und Sport standen noch auf dem Stundenplan. Sie seufzte, doch plötzlich starrte sie wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den Aushang, den Herr Weißhardt soeben an der Tür anbrachte.

„Der besondere Schüler“ stand da in großen blauen Buchstaben. Endlich! Der Stein-Wettbewerb war wieder eröffnet. Sophie jubelte innerlich. Dank diesem Wettbewerb, war sie hier auf der Friedrich-Stein-Schule.

Vor zwei Jahren hatte sie ihn als Grundschülerin in ihrer Altersstufe gewonnen. Jetzt lief ihr Stipendium aus, und nur wenn sie einen Notendurchschnitt von Eins Komma fünf oder besser vorweisen konnte, durfte sie gegen einen verminderten Gebührensatz bleiben. Wenn sie den Wettbewerb allerdings wieder gewinnen würde, dann musste sie sich keine Gedanken über das Schulgeld machen, denn der Gewinner brauchte bis zur Oberstufe kein Geld mehr zu bezahlen. Ich muss wieder gewinnen! Ihre Schultern strafften sich, sie nahm ihre Schultasche und stellte sich direkt neben Dominique, die auch das Plakat studierte.

So, so, für das Mittelstufenstipendium musste man eine naturwissenschaftliche Arbeit einreichen. Glück gehabt, dachte Sophie bei sich. Denn ein Losverfahren, loste die einzelnen Aufgaben den verschiedenen Stufen zu. Die Grundschüler hatten diesmal ein Kunstprojekt einzureichen. Das würde Babette interessieren, ihre kleine Nachbarin, und die Oberstufe musste ein Theaterstück entwickeln. Ideeneinreichung bis zum 1. März und Abgabe der Arbeit bis zum 1. Juni.

Nachdenklich ging Sophie nach draußen und schloss sich dem Schülerstrom an. Für die Ideenentwicklung hatte sie noch mehr als zwei Monate Zeit, doch der Abgabetermin lag genau in der Phase der Prüfungen, das würde stressig werden. „Mist“, entfuhr es Dominique, sie war anscheinend zum gleichen Ergebnis gekommen.

Den Rest des Schultages zog sich für Sophie qualvoll langsam dahin. Ihre gute Laune aus dem Chemieunterricht verpuffte sofort, als ihr klar wurde, dass Frau Allington die Klassenarbeit von gestern korrigiert hatte. Eine Vier in Englisch, wieder mal. Verdammt, dachte sie bei sich und ließ ihre Finger knacken, was ihr einen tadelnden Blick von Lulu eintrug, die vor ihr saß. Englisch war Lulus Glanzfach. Kein Wunder, wenn man seine Sommerferien auf einer Sprachschule verbrachte, dachte Sophie säuerlich. Der restliche Englischunterricht schleppte sich mit der Korrektur der Klassenarbeit dahin. Als der Gong zur Mittagspause erklang, war Sophie richtig erleichtert. Anschließend noch drei Stunden Sportunterricht und danach war für diese Woche Schluss. Denn Freitags gab es glücklicherweise keine Lerngruppe.

Im gesamten Sportunterricht überlegte Sophie, in welchem Fach sie starten sollte: Physik, Chemie oder doch Biologie? „Sophie pass auf!“ Hörte sie noch, als ein Volleyball sie unsanft aus ihren Überlegungen riss. „Aua“, schrie sie und rieb sich mit ihrer Hand am Kopf, wo der Ball sie getroffen hatte. „Alles in Ordnung? Setz dich besser für den Rest der Stunde auf die Bank“, sagte Frau Löffel, die junge Sportlehrerin besorgt. Dankbar setzte sich Sophie an den Rand.

Während sie ihre Mitschülerinnen beobachtete, die leicht und schlagkräftig den Volleyball über das Netz spielten, wanderten Sophies Gedanken wieder zu dem Stipendium und ihrem Notendurchschnitt.

Neben Englisch war ihr zweites schlechtes Fach: Sport. Warum legte man in dieser Schule nur so viel Wert auf Sport, sinnierte sie missmutig. Dreimal die Woche je drei Stunden Sport. Sophie fand das viel zu viel. Mehr Naturwissenschaft hätte sie besser gefunden. Sie brauchte ein kleines Wunder um ihren Notendurchschnitt auf Kurs zu bringen. Mit einem Seufzer stand sie auf, die Sportstunde war zu Ende und ein halbes Jahr blieb ihr ja noch. Mit der Prüfung am Ende des Schuljahres konnte sie ja noch viel ausgleichen, aber eben auch viel verlieren. „Es ist zum verrückt werden“, haderte Sophie. Warum musste Frau Sommer auch nur schwanger werden. Mit ihr als Englischlehrerin hatte es so gut geklappt. Nur Zweier, mündlich sogar eine Eins und jetzt abgerutscht auf eine Vier - schriftlich wie mündlich.

Als letzte zog sich Sophie an und verließ dick eingepackt die Umkleidekabine. Seit Weihnachten hatte es immer wieder geschneit und jetzt Mitte Januar zeigte sich der Winter von seiner schönsten Seite. Sie lächelte als sie im dämmrigen Rest des Tageslichts durch den Schulpark stapft. Der Schnee knirschte bei jedem Schritt. Sie sog die kalte Luft ein. Mit einer kindlichen Freude atmete sie große Dampfwolken aus. Wie eine Lokomotive stapfte sie an den Schulgärten mit seinen Raureif überzogenen Grünkohlpflanzen und den Streuobstbäume, mit ihren leuchtenden Äpfeln, vorbei. Die Außensportanlagen ließ sie mit einem innerlichen Frösteln hinter sich. Glockengeläut hallte durch die Luft. Sie musste schneller gehen, wollte sie ihren Bus zur Frau Hummel erwischen. Sie kürzte den Weg ab, indem sie über den zugefrorenen Teich lief. Die Fassade der Friedrich-Stein-Schule hob sich hinter ihr, wie ein Scherenschnitt von der weißen Winterpracht, ab.

Onta, Irland - Ein guter Tag

Der Bus fuhr auf den Parkplatz, öffnete seine Türen und entließ unter Gelächter und Gekreische eine rot gemusterte Schülerinnenschar. „Onta, Onta! Schau mal die von der Lough Neagh-Schule sind auch schon da“, rief Megan und deutete auf eine Gruppe Mädchen, in blauer Schuluniform, die gerade die Tür des Antrim Schwimmbads passierten. Sind die groß, dachte Onta. „Keine Sorge Mädchen, die schlagen wir“, versuchte Frau Ellroy ihre Schützlingen zu beschwichtigen: Dreißig Mädchen in der roten Schuluniform der Mourne Wall-Schule. Das dreißigköpfige Schwimmteam mit seinen Fans und der Sportlehrerin Frau Ellroy.

Onta, war aufgeregt, es kribbelte in ihrem Bauch. Dies war ihr dritter Schwimmwettkampf. Sie sog die chlorgeschwängerte Luft des Schwimmbads tief ein. In den ersten beiden Wettkämpfen hatte sie nur einen Fünften und Vierten Platz belegen können, doch diesmal wollte sie siegen. Wie jede ihrer Teamkolleginnen hatte sie in den letzten Wochen jede freie Minute im Schwimmbecken der Mourne Wall-Schule verbracht und trainiert. Hundert Meter Freistil war ihre Disziplin. Das Kribbeln und die Übelkeit nahmen zu, je näher sie der eigentlichen Schwimmhalle kam. Wie in Trance zog sie ihren Badanzug an, das Kichern und Gerede der anderen Schwimmerinnen rauscht einfach an ihr vorüber. Du musst dich auf deine Atmung konzentrieren, wiederholte Onta immer wieder innerlich, als sie die Tür zur Halle durchschritt. Sie blickte sich kurz um.

Die Tribüne war ein bunter Teppich aus Rot-, Blau- und Grüntönen. Alles Farben der unterschiedlichsten Schulen, die an diesem Wettkampf teilnehmen würden. „Los, Mädchen auf zum Einschwimmen“, forderte Frau Ellroy sie auf. Nacheinander ließen sich Rebekka, Abby, Isabelle und auch Onta in das Wasser gleiten. Ihre Altersstufe war zuerst dran. Das kühle Nass und die gewohnten Bewegungen beruhigten Ontas Nerven ein bisschen und das lähmende Gefühl der Übelkeit verschwand Zusehens.

Zwanzig Minuten später begann der Wettkampf. Zuerst war Abby dran: Kurzstrecke fünfzig Meter Schmetterlingsschwimmen, danach Onta. Sie sah sich um, die anderen Schwimmerinnen machten sich bereit. Die Mädchen der Lough Neagh-Schule, waren die Favoritinnen: groß, schlank, durchtrainiert. Es hieß sie verbrachten mehr Zeit im Wasser als in den eigentlichen Schulräumen. Dann gab es da noch, die Mädchen der Armagh-Schule mit ihren grün-goldenen Badeanzügen, die grauen Giants-Schülerinnen, die blauen Glens und die schwarzen Falcon-Mädchen.

Alles gute Schwimmerinnen, die hier um den Einzug in das Landesfinale kämpften. Onta atmete tief durch. „Trii!“, das Startsignal, ertönte. Abby sprang mit den anderen zeitgleich ab. Kein Fehlstart, dachte Onta erleichtert. Abby tauchte ein und durchbrach nach zehn Meter wieder die Wasseroberfläche. Der Lärmpegel schwoll an, das Neagh-Mädchen setzte sich bereits ab, dicht gefolgt von Abby und der Glenschwimmerin. Abby holte auf, doch wie ein grauer Blitz zog die Giants-Schwimmerin an ihr vorbei und auch das Glenmädchen, setzte an Abby zu überholen. Sie waren gleichauf. „Du schaffst es Abby“, schrie das Schwimmteam, Frau Ellroy und die Mädchen von der Tribüne. Das Ende der Bahn näherte sich. Das Neagh-Mädchen schlug als erste an, gefolgt von der Giants-Schwimmerin und – Onta kniff ihre Augen zusammen um besser sehen zu können: Ja! Abby hatte es geschafft! Das Schwimmteam jubelte und die Mädchen auf der Tribüne, schwenkten wie wild ihre Wimpel. Das war schon mal ein guter Anfang, dachte Onta.

Dann war sie an der Reihe. Nochmals nass machen, auf den Startblock gehen, tief durchatmen. „Trii!“ Onta taucht ein und hörte einen doppelten Pfeifton. Fehlstart. Verdammt! Alle kletterten mit verärgerten Gesichtern aus dem Wasser. Das rothaarige Giantsmädchen, war zu früh gesprungen. Also noch mal, nimm all deine Konzentration zusammen, sagte sich Onta, als sie sich wieder auf den Startblock stellte. Ihre Zehen krallten sich um den Startblock. „Trii!“ Das Startsignal, abspringen, eintauchen und los. Kein Fehlstart. Alle kraulten wie besessen los. Noch war Onta gleichauf mit der Neagh-Schwimmerin neben ihr. Doch auf der anderen Seite - zwei Bahnen weiter - sah sie beim Luftholen, dass das Mädchen im rot-grünen Badeanzug bereits die Führung übernahm. Schneller Onta, feuerte sie sich selbst an und erhöhte das Tempo. Die Wende. Der Lärmpegel in der Halle schwoll an. Onta hatte die Ausreißerin schon fast wieder eingeholt. Diese hatte nur noch einen halbe Armlänge Vorsprung. Das schaffst du, sagte sich Onta immer wieder und holte tief Luft. Kraul durch, nicht mehr Luftholen und du hast sie geschlagen. „Onta, Onta“, hörte sie Frau Ellroy noch schreien, bevor die Anfeuerungsschreie zu einem murmelnden Klangteppich unter dem Wasser verschmolzen. Das Neagh-Mädchen wurde langsamer, und fiel zurück. Jetzt hatte sie die Armagh-Schwimmerin eingeholt. Onta durchpflügte die Wasseroberfläche, das Wasser schäumte, silbrige Luftblasen stiegen auf, sie sah das Ende der Bahn. Anschlag. Geschafft!

Sie tauchte auf und holte tief Luft. Das Blut hämmerte in ihren Adern, die Sicht wurde nach und nach wieder klarer und sie hörte, wie der Hallensprecher verkündete: „Erste: Rose Abigall von der Armagh-Schule, Zweite: Onta Namara von der Mourne Wall-Schule und Dritte: Chloe Fitzpatrick von der Lough Neagh-Schule.“ Zweite, ich bin Zweite, Jiphiie! Jubelte Onta und riss sich die Badekappe vom Kopf. Sie strahlte Rose an, die ebenso von einem Ohr zum anderen grinste. „Gratuliere ihr beiden“, presste Chloe zwischen ihren Zähnen hervor, als sie das Wasser verließ. Mit einem „Toll, gemacht Mädchen“, umarmte sie Frau Ellroy bevor sich Abby, Isabelle, Rebekka und die anderen jubelnd auf sie stürzten.

Onta atmete tief durch, nachdem sich alle wieder beruhigt hatten.

Rebekka war jetzt am Startblock: hundert Meter Rückenschwimmen, und danach noch Isabelle mit fünfzig Meter Brustschwimmen. Rebekka wurde Vierte ebenso wie Isabelle. Das Lough Neagh-Team gewann beide Male. Dennoch herrschte keine Katerstimmung im Team. Jetzt stand noch der Teamwettbewerb der Zwölfjährigen an: hundert Meter Lagenschwimmen. Abby ging als Erste an den Start und klatschte als Dritte ab. Rebekka holte auf den Zweiten Platz auf, bevor Isabelle ins Wasser ging. Onta sah auf dem Startblock wie Isabelle kämpfte, aber immer mehr an Boden verlor. Als Fünfte schickte sie Onta ins Rennen. Mach es wie vorhin, dachte sie, als sie endlich ins Wasser eintauchte. Nur alle zehn Schläge atmen und diesen Rhythmus halten, nicht verhaspeln. Rosie, die Dritte von vorhin, lag vorne: eine volle Körperlänge. Onta, konzentrierte sich, wie eine aalglatte Lokomotive zog sie sich durch Wasser. Stückchen für Stückchen versuchte sie den Abstand zu verringern. Nach der Wende, lag sie auf dem vierten Platz. Ihre Arme taten ihr weh, ihre Lungen brannten, dennoch pflügte sie durchs Wasser, ohne nachzulassen. Ein Stöhnen ging durch die Menge auf der Tribüne. Onta hob kurz den Kopf aus dem Wasser. Da, die Giants-Schwimmerin brach ein und fiel zurück. Das Wasser schäumte vor Ontas Augen. Schlag um Schlag arbeitete sie sich vor. Der Beckenrand kam in Sicht: Anschlag und Aus. Müde und erschöpft ruhte sich Onta auf dem Begrenzungsseil aus und sah noch, wie die restlichen Schwimmerinnen anschlugen. Lough Neagh hatte gewonnen und feierte lautstark ihren Sieg. Armagh war Zweite und Onta hatte es geschafft, dass die Mourne-Schule nach zehn Jahren wieder Dritte im Lagenwettbewerb wurden. Frau Ellroy hatte so sehr geschrien, dass sie Onta und dem Team nur noch mit krächzender Stimme gratulieren konnte.

Jubelnd und unter lautem Gesang, stiegen sie nach der Siegerehrung in den wartenden Bus ein.

Onta streichelte immer wieder glücklich ihre zwei Medaillen. Es war ein guter Tag, dachte sie versonnen, als sie sich im Bus umblickte. Zoe, Clara und Megan schwenkten immer noch ihre Wimpel. Isabelle sah etwas geknickt aus, doch Frau Ellroy flüsterte ihr was ins Ohr, was sie sichtlich wieder auflächeln ließ. Der nächste Wettkampf würde erst in drei Monaten in Dublin stattfinden, überlegte Onta versonnen. Genug Zeit um besser zu werden

Der Bus rumpelte mit seiner singenden Schar über die Landstraße in Richtung Mourne Wall-Schule. Onta schaute mit einem Seufzer auf die Uhr in zwei Stunden würden sie daheim sein: Essen, Schlafen und morgen wieder … KAWUMM! Ein lauter Knall unterbrach Ontas Gedankengang. Alles verlangsamte sich, sie sah wie sich in Zeitlupe die Gesichter ihrer Mitschülerinnen veränderten: ungläubig, ängstlich schreien. Wie die Fensterscheiben Risse bekamen und der Bus zu kippen begann. Sie blinzelte, merkte, wie sie aufprallte, und konnte nichts dagegen tun, ihre Arme und Beine waren wie in Sirup eingeschlossen. Ein Schrei entkam ihren Lungen und ihre Umgebung wechselte von – von Zeitlupe zu Schnelldurchlauf. Sie spürte den Schmerz an ihrem Kopf und Beinen, roch das Blut, registrierte den Geruch von verschmortem Gummi. Raus hier, bevor der Bus brennt! Sie versuchte auf die Beine zukommen. Beim ersten Mal klappte es nicht, Glasscherben schnitten sich in ihre Beine, Grashalme und Schnee schauten aus dem blutigen Scherbenhaufen unter ihr heraus. Um sie herum stöhnte, ächzte und wimmerte es. Jeder der konnte versuchte herauszuklettern, über die Sitze und Armlehnen nach hinten. Jemand hielt ihr eine Hand hin - Rebekka - gemeinsam kletterte aus dem umgefallen Bus durch die zerschlagene Heckscheibe. Wie lange es dauerte, bis sie endlich am Straßenrand saßen, zusammengekauert und frierend, wusste sie nicht. Sie blickte sich um. Sie zählte kurz – alle dreißig Schülerinnen schienen, da zu sein, blutend mit Schnittverletzungen, aber am Leben. Kein Unterschied mehr zwischen der Schuluniform und dem eigenen Blut, der den Schnee verfärbte. Mrs. Ellroy ging von Grüppchen zu Grüppchen und sagte etwas, der Busfahrer versuchten das brennende Rad zu löschen. Der Bus war ein Scherbenhaufen. Blaue Lichter begannen auf dem Schnee zu flackern. Rettungskräfte fluteten die Umgebung: halfen, bargen, verarzteten und löschten den Brand. Ein Sanitäter kam zu ihr, behandelte sie notdürftig und hüllte sie in eine Rettungsdecke. Die ganze Zeit bewegte er seinen Mund, doch hören konnte Onta nichts. Komisch dachte sie noch und fing an zu giggeln, wie in einem Stummfilm, nur das niemand Textkarten hochhielt und erklärte, was geschah.

Große Schneeflocken, die wie Daunenfeder vom Himmel fielen, waren das letzte, was Onta sah, bevor sie später im warmen Rettungstransporter einschlief.

Sophie – Das Zuckerstückchen

Sophie stieg aus dem Bus. Weiße Wölkchen ausatmend, ging sie durch die verwinkelten Gässchen des mittelalterlichen Stadtviertels mit seinen schiefen Häusern. Sie schaute sich um, egal wie oft sie in den letzten Wochen diesen Weg genommen hatte, immer wieder konnte sie etwas Neues entdecken. Die Eisblumen auf den Fenstern im zweiten Stock der Metzgerei. Vorgetrieben Hyazinthen auf einer Fensterbank, die gefleckte Katze, welche die Straße beobachtete. Seit drei Monaten kam sie zweimal in der Woche in das Altstadtviertel, um zu arbeiten. In einer kleinen Confiserie: das Zuckerstückchen.

Goldenes Licht strömte aus den Schaufenstern in die hereinbrechende Dunkelheit, ein leichter Duft nach Schokolade und Zimt umwehten den Laden. Sophie schaute noch einen Augenblick durch das Schaufenster bevor sie mit einem Lächeln durch die alte Ladentür eintrat und „Guten Abend Frau Hummel“, rief. Früher war das Zuckerstückchen eine alte Apotheke gewesen, die Frau Hummel einfach umgebaut hatte. Statt Pillen und Salben beherbergten kleine Törtchen, Kekse unterschiedlichster Art, bunte Bonbons und gedrehte Lutscher ebenso wie Pralinen die durchgehende Verkaufstheke. Die beiden winzigen Tischchen, die an dem großen Schaufenster standen, erlaubten den Kunden gleich ihren Appetit auf Süßes zu stillen. Hinter dem Verkaufsraum befand sich die große Küche, in der Sophie zweimal die Woche Frau Hummel half. Mit einem „Hallo, da bist du ja“, begrüßte sie die kleine korpulente Frau Hummel. Nachdem die Ladentür abgeschlossen war, gingen sie gemeinsam nach hinten in die Küche. Dort zog Sophie ihren schweren Wintermantel und die Schuhe aus. Versonnen streifte sie sich den weißen Kittel über, setzte das Haarnetz auf, schlüpfte in die Pantoletten und wusch sich die Hände. Frau Hummel hantierte in der Küche und der Duft von heißer Schokolade durchzog den Raum. Während Sophie ihre Finger selig um den Schokoladenbecher legte und die aufsteigenden Duftschwaden einatmete, schaute sie sich um. Als war so sauber wie immer. Sie nahm einen tiefen Schluck und überlegte, was sie wohl heute machen durfte. Vielleicht Pralinen überziehen oder Bonbons schneiden? „Heute müssen wir Inventur machen“, riss Frau Hummel sie aus ihren Überlegungen. „Mach, nicht so ein Gesicht, einmal im Jahr muss es sein. Und jetzt kommen eh nicht so viele Kunden, so kurz nach Weihnachten“, fügte sie mit leisem Bedauern hinzu.

In den nächsten zwei Stunden zählten und katalogisierten sie, was sie in der Küche fanden: Zutaten, Geschirr, Formen, Pinsel, Geräte. Plötzlich durchbrach ein Telefonläuten die betriebsame Küchenatmosphäre.

Frau Hummel eilte so schnell sie konnte in die Diele zum Telefon. „Ja hier, das Zuckerstückchen. Frau Hummel am Apparat“, hörte Sophie sie noch sagen, bevor die Tür wieder zuging und sie alleine in der Küche stand.

Sie öffnete den letzten Schrank mit einem Seufzer der Erleichterung. Nachdem sie die Anzahl der Schüssel, Tortenringe und Tartletts in die Liste eingetragen hatte, machte sie sich um Frau Hummel Sorgen. Eine Dreiviertelstunde war seit dem Anruf vergangen und sie war immer noch nicht wieder zurück. Vorsichtig ging sie zur Dielentür und rief nach ihr. Keine Antwort. Behutsam drückte sie die Klinke runter und lauschte.