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Ein Adventskalender ohne Türchen oder Säckchen ist alles andere als langweilig! Eine Schnitzeljagd durch den Advent erwartet die beiden Geschwisterpaare. Erst seit drei Monaten leben Primus und Lenchen auf dem alten Gut, auf dem auch die Zwillinge Jale und Birke wohnen. Eigentlich rechnen Primus und Lenchen gar nicht damit, dass sie einen Adventskalender bekommen. Doch tatsächlich haben es die Eltern, der verrückte Onkel, die Tante, Anwohner des Gutes und ehemalige Angestellte geschafft, einen Adventskalender für die vier Kinder auf die Beine zu stellen. Gemeinsam werden die Rätsel gelöst, Häuser gebastelt, Experimente durchgeführt und Schlüssel gehortet. Leuchtende Augen und ungewöhnliche Überraschungen lassen die Adventszeit wie im Fluge vergehen. Doch nicht immer verläuft ein Tag wie geplant: Eine Haustür wird nicht geöffnet, eine Autopanne passiert und eine blöde Erkältung verdirbt die Jagd. Trotzdem ist ein Kind am Ende fast bereit auf seine Geschenke zu verzichten, wenn es im nächsten Jahr wieder so einen Adventskalender bekommt.
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Honora Holler
Ein Adventskalender für alle
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Inhaltsverzeichnis
Titel
30. November
Dezember: 1. Advent
2. Dezember
3. Dezember
4. Dezember
5. Dezember
6. Dezember
7. Dezember
8. Dezember: 2. Advent
9. Dezember
10. Dezember
11. Dezember
12. Dezember
13. Dezember
14. Dezember
15. Dezember: 3. Advent
16. Dezember
17. Dezember
18. Dezember
19. Dezember
20. Dezember
21. Dezember
22. Dezember: 4. Advent
23. Dezember
24. Dezember
Impressum neobooks
Der schlaksige Junge stand still da. Der Duft von frischen Plätzchen umstrich seine Nase. Der Wohlgeruch aus gebackenen Keksen, Vanille, Zimt und gerösteten Haselnüssen forderte einen geradezu auf, die Küche zu betreten - wenn man denn durfte. Primus durfte nicht, er hatte Küchenverbot!
Dennoch stand er seit zehn Minuten, im toten Winkel der Küchentür auf dem Flur und wartete wie ein Krokodil auf seine Gelegenheit. Irgendwann würde seine Mutter ihre Backwaren unbeobachtet lassen, sie backte schließlich schon seit zwei Stunden. Plötzlich schrillte das Telefon mit seinem lauten „Rrring“ durch das Haus. Erschrocken zuckte Primus zusammen. Jetzt musste er sich schnell entscheiden: Stehen bleiben oder schnell um die Ecke rennen? Mit angehaltenem Atem drückte er sich gegen die Wand des Flurs.
Er konnte das leise Klicken nicht hören, da das „Rrring“ immer noch ertönte, aber er fühlte, wie die Wand kurz nachgab. Ein neuer Geheimgang? Er war froh darüber, dass seine Eltern das Erbe seiner Urgroßmutter angenommen hatten, denn dieses alte Haus, war wirklich ein Paradies für neugierige Kinder: Geheimgänge, ungenutzte Zimmer, große Speicherräume.
Ein weiteres „Rrring“ ertönte, als mit Schwung die Küchentür aufging und seine Mutter in den Gang stürmte, während sie gleichzeitig versuchte, ihre teigverklebten Hände an einem Handtuch zu säubern. Primus wartete ab, bis er sie nicht mehr sehen konnte, ehe er durch die offene Küchentür spazierte.
Auf dem großen Tisch standen die Mehl- und Zuckertüte. Das Nudelholz lag achtlos am Rand des großen Nudelbretts, die Ausstecher für die Plätzchen steckten noch im Teig. Primus schaute noch mal Richtung Büro. Die ruhige Stimme seine Mutter klang gedämpft über den Gang. Jetzt hieß es schnell sein. Nicht, dass er wieder erwischt wurde. Grinsend und siegesgewiss näherte er sich dem Küchentisch: Roher Plätzchenteig zum Greifen nah oder lieber die fertigen Vanillekipferl?
„Solltest du es wagen, kleiner Plätzchendieb, dann kriegt Lenchen alle deine Adventsplätzchen morgen“, unterbrach unerwarteterweise die Stimme seiner Mutter seinen Gedankengang. Erschrocken schaute der Neunjährige auf. „Aber ich will doch nur ein bisschen Teig“, bettelte er und schaute seine Mutter mit großen Hundeaugen an. Bei seiner kleinen Schwester funktionierte der Trick immer, hatte er neidvoll feststellen müssen. „Gestern hatte ich fast keinen Teig mehr zum Backen, Engelchen“, erwiderte seine Mutter mit vorwurfsvollem Blick, während sie sich dem Tisch näherte und mit einer schnellen Handbewegung eine Teigkugel teilte. „Hier“, seufzte sie. „Eine für dich und eine für Lenchen“, wies sie ihn mit gespielt strenger Miene an. Mit blitzartiger Geschwindigkeit schnappte sich Primus die mildtätigen Gaben und sauste aus der Küche.
Irgendwo in diesem riesigen Haus würde er seine kleine Schwester schon finden. Seine Eltern stöhnten zwar ab und zu über die Größe des geerbten Herrenhauses, doch für ihn und seine kleine Schwester war es der tollste Abenteuerspielplatz, den man sich vorstellen konnte. Seit drei Monaten lebten sie nun hier, und immer noch entdeckten sie unangetastete Zimmer und vergessene Gänge im Haus.
Jemand rüttelte an seiner Bettdecke! Verschlafen öffnete Primus seine Augen. „Steh endlich auf!“, forderte ihn seine kleine Schwester auf. „Wir haben den ersten Dezember und noch immer nicht unseren Adventskalender gefunden“, hörte er schlaftrunken, Lenchen quengeln. Wie viel Uhr war es überhaupt? Primus linste auf seinen grünen Monsterwecker: Sechs Uhr. „Mach schon!“, grummelte seine Schwester entnervt und zog mit einem Ruck die Bettdecke weg. Kalt, es war so verdammt kalt, schauderte Primus und schaute die zierliche sechsjährige Bettdeckenräuberin, die mit siegesgewissem Grinsen am Bettrand stand, strafend an.
Lenchen hatte ihre langen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der ungeduldig hin und her wippte. Sie trug ihre ausgebeulten Cargohosen, ihren Lieblingspullover, der mal Papa gehört hatte und Turnschuhe. In den ausgebeulten Taschen der Hose befand sich mit Sicherheit: eine Taschenlampe, Bindfaden, eine Lupe und drei Schokoladenriegel – Standardausrüstung für ihre Abenteuer.
Er kannte Lenchen, wenn er jetzt nicht sofort aufstand, würde sie ihn weiterquälen, die Wasserpistole hatte sie bereits in ihrer Hand. Da er morgendliches Nassspritzen nicht mochte, kletterte er notgedrungen aus seinem übergroßen Himmelbett. Schnell huschte er in sein Badezimmer und erschien fünf Minuten später gewaschen und angezogen.
„Endlich bist du fertig!“, stöhnte Lenchen theatralisch und stemmte ihre Hände in ihre Hüften. Gebieterisch forderte sie: „Die Karte!“ Primus sah kurz zur Decke, ehe mit einem Seufzer in der Stimme seine Schwester daran erinnerte, dass auch kleine Diktatoren ein bisschen Höflichkeit nicht schaden würde, ehe er die Truhe unter der Fensterbank öffnete und die gefaltete Karte entnahm. Mit ihren flinken Fingern und einem kleinen Triumphschrei entriss Lenchen ihm diese. „Da versteckst du sie also“, nuschelte sie. Ja, da hatte er sie versteckt und das nächste Versteck würde ein anderes sein, grinste Primus in sich hinein.
Gemeinsam setzten sie sich auf den Boden und betrachteten den Plan. Sie hatten bereits in den drei Wohnzimmern, der großen und kleinen Bibliothek, den fünf Schlafzimmern – die unbenutzt waren – und in der Küche sowie im Büro nachgeschaut. Nirgendwo hatten sie auch nur die Spur eines Adventskalenders gefunden.
Ihre Eltern kauften keine fertigen Adventskalender, sondern bastelten jedes Jahr einen, den sie zusammen öffnen durften. Letztes Jahr befanden sich grob ausgesägte Holztiere darin, die sie gemeinsam nachgeschnitzt, gefeilt und angemalt hatten. In einem anderen waren Geschichten gewesen. Primus hatte sie seiner Schwester vorgelesen, während Lenchen die beiliegenden Bilder ausgemalt hatte. „Und, wenn sie dieses Jahr gar keinen gemacht haben?“, fragte Lenchen mit bebender Unterlippe. „Du weißt schon, wegen des Umzugs.“ Das konnte gut sein, dachte er. War schließlich alles sehr drüber und drunter gegangen, als sie erfahren hatten, dass Urgroßtante Hortensie ihnen ihr Anwesen vermacht hatte.
„Selbst wenn sie es nicht geschafft haben, dann bekommen sie wenigsten unseren Adventskalender“, meinte er und lächelte seine Schwester an. „Stimmt!“, strahlte Lenchen zurück. Heimlich hatten sie beide abends Bilder gemalt, Gedichte abgeschrieben und sogar Tonaufnahmen gemacht, welche die Eltern zum richtigen Zeitpunkt in ihrem Email-Postfach finden würden.
Plötzlich knarrte es auf dem Gang. „Mama oder Papa“, flüsterte Lenchen mit großen Augen. Primus nickte, ja einer der beiden würde jetzt sicher das Frühstück vorbereiten. Den Kalender gab es - wenn überhaupt - erst heute Nachmittag beim Adventstee. Es war hier Tradition, dass sich alle Mieter und ehemaligen Angestellten an den Adventssonntagen zu einem Tee in einem der Salons trafen. Diese Tradition gab es schon seit mehr als fünfzig Jahren, hatte ihnen ihr Vater erklärt, und daran wollten sie auch nichts ändern.
Primus betrachtete die Karte. „Wir waren noch nicht auf dem östlichen Dachboden“, raunte er und deutete nach oben. „Auf dem östlichen Dachboden?“, hauchte Lenchen mit zittriger Stimme. „Da, wo die vielen Spinnen sind?“ Er konnte förmlich das Entsetzen in ihrer Stimme hören. „Dachboden!“, sagte er bestimmt und nahm Lenchen bei der Hand.
„Wie seht ihr denn aus?“, begrüßten ihre Eltern sie erstaunt als sie anderthalb Stunden später in das gemütliche Esszimmer, neben der Küche, traten. Primus und Lenchen schauten an sich herab: Spinnweben und Staubflusen hingen ihnen beiden in den Haaren und an den Hosen, dennoch grinsten sie wie Honigkuchenpferde. Den Adventskalender hatten sie zwar immer noch nicht gefunden, doch der Speicherraum, war an sich schon eine Schatzkiste gewesen. Schnell setzten sich an den gedeckten Tisch. Eier, Speck, warmes frisch gebackenes Baguette, selbst gemachte Marmelade von Frau Wiese und ein kleiner Gugelhupf standen auf dem, mit feinstem Porzellan, gedeckten Tisch. So was hatte es in ihrer alten Wohnung nie gegeben, doch als Mama die Geschirrvorräte von Urgroßtante Hortensie gesichtet hatte, beschloss sie, dass von nun an immer mit gutem Geschirr gespeist wurde. Am Anfang war es für Primus und Lenchen richtig ungewohnt und sie hatten aus jedem Essen ein Spiel gemacht: das „Feine Leute“ hieß. Mittlerweile hatten sie sich daran gewöhnt, mit mehreren Tellern und unterschiedlichen Gläsern und Besteck zu essen. Glücklicherweise durfte am sonntäglichen Frühstückstisch jeder Platz nehmen, wie er wollte: die Kinder in ihrer Abenteuermontur, Mama mit den verwuschelten Haaren in ihrem buntbedruckten Morgenmantel und Papa mit seinem Bartschatten und dem roten Trainingsanzug. Tatsächlich waren er und seine Schwester mehr angezogen als ihre Eltern, dachte Primus vergnügt, als er sich ein Stück vom Gugelhupf nahm und in den sanft-zuckrigen Kuchen hineinbiss. „Was machen wir heute eigentlich?“, wollte Lenchen wissen. Ihre Eltern tauschten verwunderte Blicke. „Also …“, begann ihre Mutter. „… heute Mittag kommen die Gäste so um fünfzehn Uhr zum Adventstee. Das heißt, nach dem kleinen Mittagessen dekorieren wir das südliche große Wohnzimmer.“ Erklärte sie und schaute ihren Mann bestätigend an. Herr Jahn nickte und tupfte sich den Mund mit seiner Serviette ab. „Aber davor könnten wir einen Spaziergang im Schnee machen und noch ein paar Tannenzweige holen“, fuhr ihr Vater fort. Primus brauchte seine kleine Schwester nicht anzuschauen, er wusste einfach, dass sie eine Schnute zog. „Oder wir üben auf unseren Musikinstrumenten und helfen dir nachher in der Küche“, schlug er deshalb mit Blick zu seiner Mutter schnell vor. Lenchen schauten ihn ebenso wie seine Eltern mit schockierten Augen an. Üben, spinnst du!, schien Lenchens Gesicht zu sagen. Ihre Eltern schauten sich kurz an. „Also gut, wenn ihr üben wollt, stehen wir euch natürlich nicht im Weg“, griente ihr Vater. „Und wenn ihr in der Küche helfen wollt, würde ich mich freuen“, fügte ihre Mutter an. Perfekt jubelte Primus innerlich.
Nach dem Essen, als sie auf dem Gang Richtung Treppenhaus liefen, maulte Lenchen: „Warum muss ich an meinem freien Sonntag üben?“ Primus schnappte sich die Hand seiner jammernden Schwester und grinste sie an. „Weil das Musikzimmer eine geheime Tür hat, die zur Dienstbotentreppe geht, und von dort kommen wir bestimmt wieder in den Speicher“, gluckste er verschwörerisch. Spontan drückte Lenchen ihrem völlig verdutzten Bruder einen Kuss auf die Wange.
Das Musikzimmer mit dem eingehüllten Klavier befand sich im dritten Stock des Hauses. Die große Fensterfront eröffnete einen schönen Blick in die verschneite Auffahrt und ließ das dämmrige Dezemberlicht sanft hinein. Eigentlich mochte Primus sein Musikinstrument, das Papas verrückter Bruder ihnen zum Einzug geschenkt hatte. „Es ist besser als diese Blockflöten, die einem nur den letzten Nerv kosten“, hatte er in seinem Paket geschrieben. Alle hatten ihm da zugestimmt. Von Blockflöten hatten beide eh genug – in ihrer alten Schule hatten sie damit musizieren müssen. Die reinsten Folterinstrumente, hatte ihre Mutter immer gestöhnt, wenn sie geübt hatten.
Mit einem leichten Grinsen nahm Primus seine Schlägel in die Hand und schlug auf die karibische Steel Drum ein. Sofort bekam er gute Laune und auch Lenchen stimmte in ihren selbstkomponierten Calypso mit ein. „Bei diesem Instrument gibt es keine falschen Töne“, hatte Onkel Richard geschrieben und hinzugefügt, dass er an Weihnachten von ihnen ein richtiges Konzert hören wollte. Noten waren den Drums beigefügt und da die einzelnen Töne in den Halbkugeln markiert waren, hatten sie sofort loslegen können.
„Oh, Papa geht“, rief Lenchen und streckte ihren Hals Richtung Fensterfront. Stimmt, ihr Vater stapfte mit Dampfwölkchen ausstoßend, die Einfahrt runter. „Er geht jetzt sicherlich die Tannenzweige holen“, erklärte Primus überflüssigerweise, während Lenchen ihre Stöcke schon weggelegt hatte und ihren großen Bruder erwartungsvoll anschaute. Geheimnistuerisch deutete er auf die grüne Wand. „Schau mal, ob du dort eine Geheimtür findest“, forderte er seine Schwester auf. Lenchen kräuselte ihre Nasenspitze und machte einen Schritt auf die Wand zu, während Primus weiter trommelte.
Lenchen schritt die Wand, wie ein Tiger im Käfig, auf und ab. „Ich finde sie nicht“, grummelte sie enttäuscht nach einer Weile und blickte wieder zu ihrem Bruder. „Spür den Luftzug“, antwortet Primus, während er mit ausgestreckten Fingern zu seiner Schwester ging.
Wenige Augenblicke später standen sie auf der alten Dienstbotentreppe. Lenchens Mundwinkel zeigten nach unten: Sie hatte die Tür nicht gefunden, sondern war auf die Hilfe ihres Bruders angewiesen gewesen, was an ihrem Ego kratzte. Primus sah sich um, irgendwo hier musste es einen Aufgang zu den Speicherräumen geben. Schließlich waren dort die großen Überseekoffer der früheren Bewohner gelagert, weshalb es eine Treppe geben musste. Sie gingen den dämmrigen Flur entlang, leise knarzten die alten ausgetretenen Dielenbretter, Staub wirbelte auf. Dienstboten hatte es hier schon lange keine mehr gegeben. Für Urgroßtante Hortensie hatte eine Haushälterin, die im Dorf lebte, gearbeitet und wie ihr Vater mit leidendem Gesichtsausdruck seiner Erklärung hinzugefügt hatte, hatten er, sein Bruder und ihre Schwester helfen müssen, das alte Gemäuer sauber zu halten.
Primus schwante, dass er und Lenchen auch bald eine Aufgabe dieser Art bekommen würden. „Da!“, rief Lenchen leise und deutete auf das alte Hinweisschild „Speicher“, dass am Ende des Gangs angebracht war und nach oben zeigte. Mit einem schaurigen Quietschen öffnete sie die Tür. Primus überkreuzte beide Finger hinter seinem Rücken und hoffte, dass sie unentdeckt blieben. Flink wie die Mäuse huschten sie die alte Treppe nach oben. „Schade, dass ich hier nicht mein Zimmer habe“, seufzte wenig später seine kleine Schwester glücklich. Als sie vorhin oben waren, hatten sie das große Tuch des Sessels über die Schränke gespannt und eine Taschenlampe dagelassen. Lenchen machte es sich in ihrer Höhle gemütlich und schaute verzückt in das Dämmerlicht des riesigen Speicherraums. Auf einer Seite standen alte Möbel, die Überseekoffer und eine Menge Krimskrams. Den größten Teil des Raumes nahmen alte Schränke ein, die eine schier unglaubliche Anziehungskraft für die Kinder hatten. Zwei Schränke hatten sie schon geöffnet und der Duft aus Lavendel und Orangen strömte leicht in den Raum. In einem waren alte große Betttücher gelagert, in dem anderen: Küchentücher und Tischdecken. Primus ging in den nächsten Gang und rüttelte an den alten Türen, als er plötzlich freudig aufschrie. Lenchen zischte wie der Blitz um die Ecke und schaute in das zufriedene Gesicht ihres Bruders. „Alte Bücher und Magazine“, jubelte er und entnahm ein Buch, auf dem stand: „Jahrbuch für Jungs.“ „Mensch und ich dachte schon, dass du alte Kleider zum Verkleiden gefunden hast“, maulte Lenchen enttäuscht. Primus vertiefte sich in das Buch und bekam nicht mehr mit, wie sie eine weitere Schranktüre öffnete.
„Davon dürfen wir Mama aber nichts erzählen, Ehrenwort?“, wisperte Lenchen, als sie sich später zur Küche aufmachten. „Ehrenwort!“, versicherte ihr Primus. Die Magazine und Bücher nahm er sich vor, würde er nach und nach in sein Zimmer schleppen.
