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Ein Jahr ohne den beliebten Direktor der Schule ist alles andere als normal. Alte Regeln werden großzügig ausgelegt und neue Regeln gebrochen. Die unerwarteten Neuigkeiten der Schule bereiten den fünf jungen Frauen schlaflose Nächte. Voller Tatendrang stürzen sich die nerdige Sophie, die quirlige Onta, die ruhige Japanerin Suki, die weltoffene Alba und die verwöhnte Lulu in ihr gemeinsames Abenteuer Neuseeland. Sie lernen dort nicht nur neue Freundinnen kennen, sondern auch, dass auf einem Internat andere Regeln gelten. Lulus große Liebe sorgt für Aufregung, schlaflose Nächte und einen Eintrag in das Buch der Missetaten. Im vierten Band werden Rekorde gebrochen, Geheimnisse gelüftet und Nerven strapaziert.
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Honora Holler
Das Törtchen-Team packt die Koffer
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Da hilft nur noch ein Törtchen
Der Krisengipfel
Ein Sturm kündigt sich an
Brot und Salz
Einmal Japan und zurück
Unter Hackern
Die Coul-Studios
Unverhofftes Wiedersehen
Eine super Idee
Madame Fine schwebt
Sophies Geburtstag
Die lustigen Marktfrauen
Zeitdruck
Von wegen Selbstlos
Schneeflockenballett
Weitergedacht
Ungewöhnliche Einblicke
Weihnachtsstress
Es geht los!
Neue Regeln
Das Buch der Missetaten
Kurzschluß
Die Strafe
Wieder da!
Interne Regelungen
Das Urteil
Schlußspurt
Das muss gefeiert werden!
Impressum neobooks
Wie versteinert schaute Sophie auf die Zeilen. Herr Grün ein Betrüger? Unmerklich zerrissen ihre Finger die grauen Seiten des Zeitungspapiers. Sie atmete tief aus. Wieder glitten ihre Augen über den Artikel. Was stand da? Sie kniff ihre Augen zu kleinen Sehschlitzen zusammen und runzelte ihre Stirn.
Ein Hintergrundbericht über den Leiter der Friedrich-Stein-Schule war im Gesellschaftsteil abgedruckt. Sophie raschelte hektisch mit den Seiten. Wirtschaft, Kultur, Sport und endlich – ganz zum Schluss: der Gesellschaftsteil. Soweit hatte sie die Zeitung sonst nie durchgeblättert.
Autor des kurzen Textes war ein gewisser Henry Nassen.
Der Bonvivant und Schuldirektor – die vielen Gesichter des Richard Grüns
Geboren als Ricardo Palavioni, dritter Sohn eines alten italienischen Adelsgeschlechts und aufgewachsen in der Schweiz. Nach Abschluss des Lyceum Alpinum Zuoz besuchte er die Londoner Universität und beendete nach vier Jahren sein wirtschaftswissenschaftliches - und mathematisches Studium. Zwischen seinen Examensarbeiten und mehreren Praktika bei renommierten Banken war er gern gesehener Gast auf den Society-Partys der englischen Hauptstadt. Mit seinem Charme und Witz bezirzte er vor allem die Frauen. Selbst seine Lehrtätigkeit an einem Jungeninternat in Südfrankreich schränkte ihn in seinem Lebensstil nicht ein. Erst mit der Verlobung und späteren Heirat mit Lady Helene Fitz-James, die er in einem früheren Zeitungsinterview als „Liebe seines Lebens“ - bezeichnete, wurde es um ihn ruhiger. Zwei Jahre nach der Hochzeit verunglückte das Paar während seines Skiurlaubs in den französischen Alpen nahe ihres Hauses bei Courchevel. Das Lawinenunglück tötete sieben Menschen, darunter auch seine Frau Lady Helene Fitz-James.
Erst als er die Direktorenstelle an der renommierten Friedrich-Stein-Schule drei Jahre später annahm, betrat er als Richard Kast wieder die Öffentlichkeit.
Zwei Jahre später heiratet er seine Sekretärin Viktoria Grün und bezog mit ihr ein feudales klassizistisches Stadthaus in der Innenstadt. Selten sieht man das kinderlose Paar in der Öffentlichkeit. Sie geben jedoch regelmäßig private Feste, bei denen die angestellten Servicekräfte Verträge mit Verschwiegenheitsklauseln unterzeichnen müssen.
Die raren Urlaubstage als Schuldirektor verbringt das Paar entweder in der Karibik, an der Côte d'Azur oder auf Martha Vineyard. In der Tat mag der illustre Lebensstil mit den Gehältern eines Schuldirektors und einer Sekretärin unvereinbar sein, doch wird der erfahrene und gewiefte Staatsanwalt Sascha Sigrun dies bestimmt bald aufklären können…
Sophie schluckte schwer. Sie spürte, wie sich ein bitterer Geschmack in ihrem Mund ausbreitete. Ihr Blick wanderte über die Bilder, die den Artikel begleiteten: Nobel Häuser, Luxushotels und das Auto von Direktor Grün aufgenommen vor der Schule. Plötzlich klingelte es. Sophie erschrocken schaute auf: Telefon? Türglocke? „Ich bin´s“, hörte sie Ontas Stimme dumpf durch die Tür rufen. Schnell eilte sie zu Tür und machte sie auf. „Na, endlich!“, stöhnte Onta und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Hast du es schon gehört?“, fragte sie keuchend zwischen zwei Japsern. „Ja“, antwortete Sophie kurz. In der Küche reichte sie ihrer erschöpften Freundin erst mal ein Glas Wasser, während Ontas Kopf in der Zeitung verschwand. „Unglaublich! Ich habe die Nachrichten am Terminal gesehen, als ich meine Eltern verabschiedet habe“, erklärte sie kopfschüttelnd. „Und was in dem Artikel steht, ist richtiger Bullshit!“, ereiferte sie sich und zerknüllte die Zeitung, bevor Sophie „Halt!“, rufen konnte. Mit Bedauern betrachtete sie die graue Kugel und hob sie mit einem Seufzen auf. Tja, dann würde ihre Mutter eben keine Zeitung heute Abend haben. „Nachdem wir wieder Zuhause waren, bin ich bei Suki vorbei, doch da war niemand“, schnaubte Onta aufgebracht, während sich ihre Gesichtsfarbe wieder normalisierte.
Mit großen Augen schaute sie Sophie an: „Und was machen wir jetzt?“ Sophie zuckte mit den Achseln und ließ sich neben Onta auf den Stuhl plumpsen. Wieder klingelte es. Telefon! Schnell rannte Sophie hin und nahm den Hörer ab. „Hallo Sophie“, rief Suki leicht panisch aus der Telefonmuschel. Sophie konnte ihre Anspannung fast schon spüren. „Wo bist du?“, wollte Sophie wissen, während sie das Telefon auf Lautsprecher umschaltete. „Ich bin bei Alba in der neuen Wohnung, ihre Mutter hat es uns gerade eben gesagt“, kam stoßweise aus dem Lautsprecher. „Hallo Sophie“, hörten sie Albas Stimme aus dem Hintergrund rufen. „Hallo ihr zwei“, antworte Onta und winkte unbewusst mit der Hand. „Was machen wir?“, wollte Suki wissen. Sophie sah zu Onta. „Wir treffen uns bei der Schule, so ...“, sie sah auf ihre Uhr. „... in einer halben Stunde. In Ordnung?“ Einen Augenblick herrschte Schweigen. „In Ordnung, das schaffen wir“, ertönte Albas Antwort. „Habt ihr schon Lulu erreicht?“, wollte Onta noch wissen. „Nein, sie geht leider nicht an ihr Telefon“, erklärte Alba mit einem Seufzer in der Stimme. „Und daheim bei ihr geht auch keiner dran“, fügte sie noch hinzu. Verständlich schoss es Sophie durch den Kopf. Die Goldblatts werden sicherlich von Journalisten belagert sein. Schließlich war Herr Goldblatt Mitglied im Stiftungsrat der Schule. Mit einem dann „Bis gleich“, verabschiedeten sich die Mädchen voneinander.
Schnell stapelte Sophie ihr Frühstücksgeschirr in der Spülmaschine, zog sich um und rannte zehn Minuten später mit Onta die Treppe zu den Fahrrädern hinunter.
Eine knappe Viertelstunde später hatten sie die Gartenanlage der Schule erreicht. „Haupeingang?“, fragte Onta unsicher. „Ja, aber besser wir lassen die Räder hier, wer weiß, was da vorne los ist“, mahnte Sophie. „Stimmt“, nickte ihre rothaarige Freundin und stieg ab. Der Kies knirschte, als sie mit eiligen Schritten in Richtung Haupteingang gingen. Je näher sie kamen umso lauter wurde das Summen der vielen Stimmen. „Du glaubst es nicht“, entfuhr Onta, als sie um die Ecke einbogen, die auf den Vorplatz führte. Sophie schüttelte den Kopf. Zwischen unzähligen Schülern und besorgten Eltern standen gut sichtbar in ihrem Gebaren mehrere Reporterteams. Doch irgendwie schien kein Schüler gewillt zu sein sich mit ihnen zu unterhalten, wie Sophie erleichtert feststellte als sie hinter einem Team zu Alba und Suki huschten. „Die sind echt sie Pest“, erklärte Alba, nachdem sie sich begrüßt hatten. „Wir haben schon zwei Reportern gesagt, dass wir kein Interview geben werden“, schimpft sie lautstark, während sie sich umschaute. „Na, na, wir werden euch schon beschützten“, grinste sie Tobias gönnerisch an und winkte Paul zu. Onta verdrehte sie Augen, während Alba nur kopfschüttelnd Sophie angrinste. „So wie es aussieht, sind alle, die nicht weggefahren sind hier“, meinte Suki, nachdem sie die Jungs begrüßt hatten. „Sehe ich genauso“, sagte Sophie, während die anderen zustimmend nickten. „Hat sich schon jemand von den Lehrern blicken lassen?“, wollte Onta von Paul wissen. „Bis jetzt noch nicht, also nicht seitdem wir hier sind“, war seine Antwort während der fragend zu Tobias schielte. „Nein, ich hab auch keinen gesehen“, stimmte er seinem Freund zu. „Und die Türen sind auch alle abgeschlossen“, fügte er hinzu. Plötzlich kam Bewegung in die anwesenden Reporter: Sie drängten sich an den Schülern vorbei, setzten sich in ihre Übertragungswagen und fuhren davon. Alle blickten ihnen stirnrunzelnd nach. Plötzlich knackte es in den Schullautsprechern. „Was?!“, blieb Ontas Frage in der Luft hängen. „Verehrte Schüler und Eltern, leider wissen die stellvertretende Schulleitung und der Stiftungsrat zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr als in der Presse mitgeteilt wurde“, tönte Herrn Oberreuts tiefe Stimme über den Platz. Ein enttäuschtes Raunen ging über den Platz. „Direktor Grün und seine Frau geht es gut oder genauer gesagt den Umständen entsprechen. Das Anwaltsteam der Kanzlei Hirsch und Herb wurde heute Morgen zu ihnen gelassen und hat sich mit den beiden beraten. Direktor Grün ist fassungslos und bestreitet ebenso wie seine Frau irgendetwas gewusst zu haben.“ Er machte eine Pause und jeder konnte hören, wie schwer dem Mittelstufendirektor das Sprechen fiel. „Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, eins Komma fünf Millionen Euro von den Stiftungskonten veruntreut zu haben. Die Anzeige erfolgte nach einer internen Überprüfung der Röhn-Bank.“
Röhn-Bank? Sophie schaute die anderen an. Ratlose Gesichter.
„In zwei Wochen wird es eine Schulversammlung geben, wo ich hoffentlich mehr sagen kann. Auch ob und wie der Schulbetrieb aufrechterhalten wird. Bitte verzichtet auf Anrufe bei der Staatsanwaltschaft oder Ähnliches. Danke“, verabschiedete sich Herr Oberreut mit müder Stimme.
Ein bisschen hatte Sophie Mitleid mit ihrem Lehrer. Der hatte sich die Ferien bestimmt auch anders vorgestellt. „Und was machen wir jetzt?“, fragte Onta leise. Tobias schnaubte. „Also ich werde mir mal ein paar andere Schulen anschauen, nur so als Plan B. Kommst du Tobias?“, meinte Paul und kickte einen Stein zur Seite. Mhm, dachte Sophie und schaute zu den anderen. Vielleicht keine schlechte Idee für jemanden mit reichen Eltern, doch aufgrund ihrer monetären Verhältnisse keine wirkliche Option. Sie konnte nur hier zur Schule gehen, weil sie ein Stipendium gewonnen hatte und bei Onta zahlten ihre Eltern und ihre Tante die Schulgebühr.
„Vielleicht müssen wir auf eine staatliche Schule gehen“, orakelte Onta auf dem Rückweg zu ihren Fahrrädern. Überfüllte Klassenräume, miefige Zimmer unmotivierte Mitschüler und Lehrer, Drogenprobleme, technische Wüste und schnöder Frontalunterricht. Sophie schauderte. „Noch dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Was sind schon eins Komma fünf Millionen von einem Stiftungskonto“, meinte Alba missmutig. „Eine Menge oder?“, fragte Onta hinter ihr. Sophie schüttelte den Kopf. „Bedenk doch mal, was die hier einnehmen. Jeder Schüler muss eine nicht unerhebliche Schulgebühr bezahlen. Stifter wird man nur wenn man mindestens eine Millionen Euro pro Jahr investiert und außerdem gibt es ja noch die Gönner“, rechnete Sophie vor. „Eigentlich ist die veruntreute Summe, die Aufregung gar nicht wert, wenn man mal das Gesamtvolumen betrachtet“, fügte Suki mit einem dumpfen Lachen hinzu.
Irgendwie, schien das Bild, das sie von ihrem Direktor hatte und die scheinbaren Tatsachen nicht miteinander vereinbar zu sein, dachte alle und machten sich grüblerisch auf den Weg zu den Fahrrädern. Onta und Sophie nahmen Alba und Suki hinten auf ihren Rädern mit. Jetzt konnte nur noch ein Stück Torte und Limonade helfen, um den Tag wenigstens ein bisschen zu retten.
Sie hatten noch nicht die Räder am Zuckerstückchen abgestellt als Lulu auf sie zugestürmt kam. „Himmel wo seid ihr gewesen“, begrüßte sie ihre Freundinnen. „Wir waren in der Schule“, erklärte Alba, während sie von Ontas Fahrradträger abstieg und ihren Hintern rieb. Suki fasste kurz zusammen, was Herr Oberreut gesagt hatte, während Onta und Sophie die Fahrräder abschlossen. „Was weiß dein Vater über die Sache?“, wollten alle von Lulu wissen, als sie in die Backstube des Zuckerstückchens eintraten. „Nicht viel mehr als in der Presse stand“, erklärte Lulu frustriert. Zumindest hatte er ihr nicht mehr sagen wollen.
Frau Hummel streckte den Kopf durch die Tür, begrüßte alle und stellte ein Tablett mit Schokotörtchen auf den Tisch. „Ich glaube ihr könnt sie jetzt brauchen“, meinte sie mitfühlend und entschwand wieder Richtung Laden. Tief sog jede den verlockenden Duft, aus Schokolade, Vanille und Kakao ein. „In Ordnung, du Suki nimmst die Gläser, Sophie die Limonade, Alba die Teller und Lulu das Besteck und die Servietten“, kommandierte Onta.
Die Luft im Garten war warm und roch nach Blumen und Kräutern, die Frau Hummel dort anbaute. Geschwind deckten sie den Gartentisch unter der großen Kirsche ein und ließen sich mit einem allgemeinen Seufzen der Erleichterung auf die Stühle gleiten. „Und was machen wir jetzt?“, fragte Suki, nachdem jede von ihrem Törtchen gekostet hatte. Tja, das war die große Frage. Alle runzelten die Stirn. „Vielleicht sollten wir erst mal die Fakten zusammenfassen“, meinte Alba und schaute ihre Freundinnen an. „Gute Idee“, stimmte ihr Sophie zu. „Also: auf dem Schulkonto der Röhn-Bank fehlen eins Komma fünf Millionen Euro“, schrieb sie mit großen Buchstaben auf das Blatt Papier das Onta ihr gebracht hatte und unterstrich dies dreimal energisch. „Zugriff auf das Konto hatten?“ „Auf alle Fälle Direktor Grün und seine Frau“, sagte Suki. „Und die Bankangestellten der Röhn-Bank“, warf Lulu ein. „Stimmt“, pflichtete ihr Sophie bei und schrieb Angestellte mit Fragezeichen unter den Punkt Verdächtige. „Vielleicht aber auch mehr“, mutmaßte Aimee und schaute die jungen Frauen, die erschrocken den Kopf reckten, spitzbübisch an. „Hast du uns erschreckt“, murmelte Onta. Sophie musterte Aimee und nickte langsam. Ontas Schwester hatte in der Bank gearbeitet, sie war sozusagen ein Insider. „Je nachdem, wie die Sicherheitslücken sind, kann ein Computerexperte Zugriff erlangen“, erklärte sie. Lulu schoss das Blut in den Kopf, nicht auszudenken, wenn es Sicherheitslücken bei ihrem Vater in der Bank gab. „Also schreiben wir mal auf: Zugriff auf Konto mit einem Fragezeichen“, sagte Sophie. Gemeinsam betrachteten sie das Blatt. „Könnt ihr euch vorstellen, dass das was in der Zeitung stand wahr ist?“, fragte Suki zögerlich. Sophie Blick wanderte in die Ferne. In Gedanken resümierte sie den Artikel, den sie vor wenigen Stunden gelesen hatte. „Also vielleicht hat Direktor Grün einen etwas ausschweifenden Lebensstil, doch wer sagt denn, dass er dafür auf das Geld der Schule zurückgreifen musste. In den Jahren vorher hat schließlich nie etwas gefehlt oder?“, gab Aimee zu bedenken, während sie sich über den Stuhl ihrer kleinen Schwester lehnte und sich blitzschnell das letzte Törtchen schnappte. Stimmt, das war ein Argument. „Also gut, wie wäre es wir nutzen die Zeit und überprüfen die Details des Artikels. Du Lulu frägst, deinen Vater. Onta und ich fragen Richard. Alba und Suki machen die internationale Recherche“, delegierte Sophie. Es grollte am Himmel. „Ein Sommergewitter“, sprach Alba missmutig und schaute in den Himmel. Stahlgraue Wolken schienen den blauen spätnachmittäglichen Himmel schier zu überfluten. Eilig packten sie zusammen. „Wir treffen uns in zwei Tagen wieder hier“, verabredeten sie sich beim Verabschieden, während die ersten Tropfen mit lautem Platschen auf das Pflaster klatschten.
„Und was habt ihr?“, fragte Sophie als sie es sich in Ontas Küche bequem gemacht hatten. „Also aus meinem Vater war nichts rauszubekommen“, gestand Lulu. „Die letzten beiden Tage war er ständig unterwegs in Sachen Stiftungsrat“, fügte sie hinzu und machte ein wehmütiges Gesicht. Nicht wegen der Abwesenheit ihres Vaters, sondern mehr wegen ihrer eigentlichen Verabredung, die sie wegen dieser Sache verschieben hatte müssen: Vic, musste jetzt eben ohne sie die Stallungen beim Gestüt ausmisten und die Pferde bewegen. „Aber ...“, meinte sie triumphierend. „... meine Großmutter hat mir erzählt, dass Direktor Grün wirklich ein Bonvivant gewesen war. Als er hier die Stellung antrat, waren viele Stiftungsräte skeptisch gewesen, ob er die richtige Person für diese Position sein würde. Schließlich hatte er damals einen gewissen Ruf“, erläuterte sie mit hektische Flecken im Gesicht. „Stimmt“, pflichteten Alba und Suki zu, während sich Sukis Wangen rötlich färbten. „Wir haben uns mal durch die alten Archive der englischen Boulevard-Presse gearbeitet. Unser Direktor war ein wirklicher Hecht, wie meine Mutter sagen würde“, erklärte Alba triumphierend und legte mehrere Ausdrucke auf den Tisch. Alle betrachteten die Aufnahmen mit ihrem Direktor. „Im Prinzip, stimmt alles, was Herr Nassen geschrieben hat“, sagte Suki mit einem Seufzen. „Allerdings hat er diesen Lebensstil, schon von klein auf vorgelebt bekommen. Er und seine Geschwister stammen aus einer wohlhabenden italienischen Adelsfamilie. Eigentlich müsste er nicht arbeiten oder Geld von der Schule veruntreuen“, führte sie aus. „Und die Sache mit den Frauen hörte mit seiner ersten Heirat auch schlagartig auf - zumindest offiziell“, raunte Alba. „Stimmt, das hat auch meine Großmutter gemeint. Zwar haben gewisse Frauen der gehobenen Gesellschaft ihn umschwärmt wie Wespen einen Apfelkuchen, doch scheint er nie nachgegeben zu haben. Und mit seiner Hochzeit von Frau Grün, die übrigens auch aus einer vermögenden Familie stammt, war das Gesumme schlagartig vorbei“, erzählte Lulu glucksend. „Gut“, meinte Sophie mit einer gewissen Erleichterung und durchstrich das Motiv „Geld“ auf ihrem Blatt. „Das deckt sich mit den Informationen, die wir aus Richard herausgekitzelt haben“, erklärte sie ernst und schaute wieder auf das Blatt vor ihr. Richard hatte ihnen erläutert, dass Direktor Grün sich immer sehr korrekt verhalten hatte – als Direktor wie auch als Privatperson. Seine Partys hatten nichts Anrüchiges sondern waren eben nur sehr diskrete Veranstaltungen, weil sich dort: Gleichgestellte trafen, die nicht am nächsten Tag in der Klatschspalte der Zeitung auftauchen wollten. „Gut, das alles hilft uns leider nicht viel weiter. Im Prinzip spricht nichts gegen unseren Direktor bis auf die Tatsache, dass das Geld fehlt“, schnaubte Alba. Still kauten die Mädchen ihre Kekse. Es war frustrierend. „Wahrscheinlich fehlen uns einfach zu viele Puzzleteile um sich wirklich ein umfassendes Bild zu machen“, fasst Sophie die Situation zusammen. „Und so wie uns, geht es bestimmt auch den anderen“, seufzte Suki. Onta zog die Nase kraus. „Vielleicht sollten wir eine Selbsthilfegruppe gründen“, murmelte sie sarkastisch. Alle schauten sie verblüfft an. „Naja, damit man darüber reden kann. Raushauen aus dem Gefängnis werden wir Direktor Grün eh nicht können“, erklärte sie und hob ihre Hände in die Luft. „Wir hatten eine Gruppe, nach dem Bombenanschlag“, fügte sie leise hinzu. Sophie und Suki nickten mit den Köpfen. „Ja, vielleicht keine schlechte Idee“, stimmten sie ihr zu. Sophie nahm sich vor nachher Tobias und Paul anzuschreiben und kritzelte den Punkt auf ihr Papier. „Ich glaube nicht, dass sie die Schule schließen“, meinte Lulu plötzlich bestimmt. „Hoffentlich hast du da mal recht“, antwortet Sophie mit Grabesstimme. Keiner hatte Lust die Schule zu wechseln und in drei Wochen waren die Sommerferien zu Ende. „Mal sehen, was uns Herr Oberreut in zwei Wochen erzählen wird“, unkte Onta und schob den leeren Teller frustriert von sich. „Ja“, nickten die anderen gedankenverloren und ließen ihre Blicke ins Weite schweifen.
Die Jungs waren von der Idee begeistert und innerhalb von vier Tagen hatte man einen Treffpunkt organisiert: bei den Tischtennisplatten im städtischen Schwimmbad.
Die Sonne brannte vom Himmel. Das Schwimmbad war selbstverständlich gut besucht. Die paar mehr Jugendlichen, die wegen etwas anderem als dem schnöden Wasservergnügens gekommen waren, fielen überhaupt nicht ins Gewicht, fand Onta. Nur der Bereich bei den Tischtennisplatten war einzig und allein von Schülern der Friedrich-Stein-Schule belagert. Wie eine Trutzburg. Sophie war überrascht, wie viele Schüler gekommen waren, als sie ihr Handtuch am Rand der Wiese hinlegte. Onta kam aus dem Winken kaum noch raus. „Wahnsinn wie viele gekommen sind“, hörten sie Tobias anerkennend sagen, als er an ihnen vorbeiging. Plötzlich stupste Suki Sophie in die Seite: „Da drüben ist ja die Linse“, raunte sie leise und zeigte nach rechts zu dem Kinderbereich des Schwimmbads. Sofort schauten alle in die angegebene Richtung. Tatsächlich, da stand ihre ehemalige Physiklehrerin im Bikini und winkte ihnen zu. Alle winkten ihr höflich zurück. Sie sahen, wie Frau Linse kurz mit einer anderen Frau sprach und dann auf sie zukam. „Hallo“, begrüßte sie ihre ehemaligen Schülerinnen. „Gibt das hier ein Symposium?“ „So was in der Art“, druckste Onta herum. „Hallo zusammen“, hörten sie Tobias laut sagen. Alle schauten rüber. Tobias stand auf der mittleren Tischtennisplatte und wedelte mit den Armen um Aufmerksamkeit. Langsam wurde es stiller. „Wir haben uns hier getroffen, um über die Verhaftung unseres Direktors zu sprechen“, erklärte Tobias kurz. „Glaubt einer von euch das er es wahr?“, fragte er sein Publikum. Die meisten der Schüler schüttelten die Köpfe, und man hörte ein „Nein“ oder „Bestimmt nicht“ über die Wiese schallen. „Seht ihr, ich glaub es auch nicht! Und was Herr Nassen geschrieben hat, ist so auch nicht wahr. Reiner Rufmord um Herrn Grün in Misskredit zu bringen“, verlautbarte Tobias erregt. „Ich habe eine Webseite eingerichtete auf der jeder posten kann, was er weiß und auf die nur wir Zugriff haben. Die Zugriffsdaten habe ich jedem in seinem Schulkonto hinterlegt.“ Ein zustimmendes Murmeln waberte über den Platz. „Aber weiß eigentlich jemand, warum der Staatsanwalt ihn hat festnehmen lassen? Fluchtgefahr bestand doch sicherlich nicht“, fragte Babette aus der Unterstufe, die vor so viel ungewohnter Aufmerksamkeit rot anlief. Alle blickten zu Tobias, der mit den Achseln zuckte. „Vielleicht hat der Herr Sigrun eine kleine Rechnung mit dem Grün offen“, mutmaßte jemand laut, nahe der Hainbuchenhecke. Sehen konnten sie die Person nicht von ihrem Platz, so sehr die Freundinnen auch ihre Hälse reckten, aber die Männerstimme kam ihnen bekannt vor. Überrascht schaute auch Tobias dorthin. „Tja, vielleicht weiß du ja mehr als wir“, ermunterte er die Person im Schatten. Onta stand kurz auf und tat so, als wollen sie etwas aus der Tasche holen. „Sorokin“, entfuhr es ihr leise. Alle zogen ihre Brauen hoch. Was machte denn Natalias Cousin hier? „Sind auch noch andere der Oberstufe hier?“, wollte Alba leise wissen. „Ja“, meinte Onta trocken und grinste Alba an. „Holger ist auch da drüben“, fügte sie hinzu, während ihr Grinsen breiter wurde und dabei Alba tief in die Augen blickte. „Oh“, war der einzige Kommentar der die schlanke Norwegerin abgab während ein rötlicher Schimmer ihr Gesicht überzog. Innerlich verdrehte Sophie die Augen, sie waren schließlich hier, um über den Direktor zu reden und nicht, um mit den Oberstufenschülern zu flirten. Sorokin stand auf und lief zu Tobias. Mit einer eleganten Bewegung betrat er die Platte, während Tobias mit einem überraschten Gesichtsausdruck Platz machte. Wieder wurde es still, nur das Kreischen der Kinder und Jugendlichen wehte vom Beckenbereich rüber. „Ihr wisst es vielleicht nicht, aber der Sohn des Oberstaatsanwalts Saums, war Schüler unsere Schule“, erklärte Kristian mit ruhiger tiefer Stimme.
„Das ist zwar schon ein paar Jahre her, doch kann ich mich erinnern an den Vorfall erinnern: Der Typ hat versucht Stoff an der Schule zu verkaufen und wurde erwischt.“ Ein Raunen ging über das Feld. Drogen an unserer Schule schoss es Sophie durch den Kopf, unmöglich! „Sein Vater war damals gerade Staatsanwalt geworden. Er konnte natürlich keine negative Publicity gebrauchen und so wurde der Sohn, nach langem Hin und Her, offiziell von der Schule verwiesen - wegen seiner nicht ausreichenden schulischen Leistung“, verlautbarte Kristian laut. „Weiß man, was aus dem Sohn geworden ist?“, wollte Peter von der zehnten Klasse wissen. Kristian zuckte mit den Achseln und sprang von der Platte. Sofort ging das Geschnatter los, jeder äußerte eine Mutmaßung und sprach mit seinem Nachbarn. „Interessanter Ansatz“, hörte Sophie Frau Linse neben sich murmeln. Erschrocken zuckte sie zusammen. Ihre Lehrerin hatte sie schon fast vergessen gehabt. Gebannt verfolgten ihre Augen ihre ehemalige Physiklehrerin, die Aufstand und zu Tobias ging, während sie gleichzeitig das Gehörte verknüpfte: Rache, nach Jahres des Wartens? Frau Linse sprach kurz mit dem verblüfft aussehenden jungen Mann, der bei ihrem Gespräch mehrmals mit dem Kopf nickte. „Zu schade, dass ich es nicht hören kann“, raunte Sophie zu Suki, die seltsam still vor sich hin brütete. Onta hatte sich inzwischen die Picknicktasche von Lulu zurückerobert. „Wer will was essen?“, nuschelte sie mit halb gefülltem Mund. „Ich!“, hörte man alle schnell rufen. Bei Onta wusste man schließlich nie.
„Kann man jetzt wieder spielen?“, fragte ein kleiner verstruppelter Sechsjähriger mit schüchterner Stimme ein paar Augenblicke später Lulu. Diese lüpfte ihre überdimensionierte Sonnenbrille und schaute sich um. Die Wiese war so gut wie leer. Die meisten ihrer Mitschüler hatten sich einen anderen Platz zum verweilen gesucht oder waren schlicht schwimmen gegangen. „Ich denke schon“, meinte sie mit einem Glucksen in der Stimme, als sie die restliche Gruppe des Jungen entdeckt hatte: Neugierig um die Ecke linsen. Mit lautem Geschrei stoben die fünf Mädchen und Jungen auf die Platten zu, nachdem ihr Anführer genickt hatte. Das anschließende Klacken des Tischtennisball und die Anfeuerungs- und Jubelrufen schallten wie an einem normalen sommerlichen Schwimmbadtag über den Rasenbereich.
Die Füße scharrten über den Boden, überall wurde gesprochen, dennoch drangen die Geräuschfetzen nur undeutlich zu Sophie durch. Mit einem starren Blick fixierte sie den Vorhang, der die Bühne des Schulauditoriums einhüllte, wie ein schwerer Wintermantel. In den vergangen zwei Wochen hatte sich die Schule in Schweigen gehüllt. Von Lulu wussten sie, dass der Stiftungsrat und Herr Oberreut mehrere Vorstellungsgespräche mit potenziellen Interimsdirektoren geführt hatten. „Manche von denen hatten wirklich absurde Vorstellungen, hat mein Vater erzählt“, hatte Lulu gestern Abend im Zuckerstückchen rausgelassen, nachdem sie Vic dort glücklich strahlend abgesetzt hatte.
Hoffentlich haben sie jemanden gefunden, dachte Sophie angespannt und kreuzte ihre Finger. Sie blickte zu Suki rüber, die anscheinend das Gleiche dachte, denn auch sie hatte ihre Finger überkreuzt. Heute erschien sie ihr noch ein bisschen blasser als sonst. „Es geht los“, raunten Onta und Alba gleichzeitig. Sofort wurde es still und alle schauten nach vorne.
Herr Oberreut hatte etwas von seiner stattlichen Figur verloren. Sein Anzug schlackerte und sein Gesicht sah fahl im Licht der Bühne aus. Auweia, schoss es Sophie durch den Kopf. „Ich heiße euch alle hier willkommen“, ertönte die volle Stimme ihres Mittelstufendirektors durch den Raum. „Zuerst einmal möchte ich mitteilen, dass die Schule nicht geschlossen, sondern weitergeführt wird“, verkündete er mit fester Stimme und blickte in die Gesichter der Schüler, Eltern und anwesenden Lehrer. Erst vereinzelt, dann im Chor klatschten die Anwesenden vor Erleichterung. Gut, gut, gut, dachte Sophie erleichtert und schaute ihre Freundinnen an. Ontas Gesichtsausdruck war entspannt wie immer, Suki hatte Tränen in den Augen, Albas verkniffener Gesichtsausdruck hatte sich gelöst und auch Lulus Körpersprache signalisierte, dass sie erleichtert war. Freudig drückte Sophie Sukis Hand. „Allerdings wird das Schuljahr ohne Direktor Grün stattfinden“, mit diesen Worten holte sich Herr Oberreut die Aufmerksamkeit der Anwesenden zurück. „So wie es bisher aussieht, wird der Prozess erst im Januar beginnen.“ Er machte eine Pause und drehte sich nach hinten, zu jemand, der im Seitengang der Bühne stand hin. Eine Frau trat aus dem Schatten. Alle reckten ihre Köpfe, um einen Blick zu erhaschen. „In der Zwischenzeit wird Frau Sturmvoll die Schule leiten“, sprach er betont laut aus, um das Scharren der Stühle zu übertönen, während die neue Direktorin in den Vordergrund trat. „Frau Sturmvoll, bitte schön“, bat er die zierliche Frau an das Mikrofon. „Ist die jung!“, entfuhr es Onta und anderen, als alle höflich zur Begrüßung klatschten. Tatsächlich sah Frau Sturmvoll nicht älter aus als fünfundzwanzig, trotz ihrer strengen Hochsteckfrisur, dem grauen Kostüm und der Perlenkette. „Vielen Dank, für das Willkommen und dem Vertrauen, dass der Stiftungsrat und Herr Oberreut in mich setzen“, durchflutete ihre melodische Stimme das Auditorium. „Ich freue mich sehr darauf, hier an dieser renommierten Schule, die Rolle eines Interimsdirektors ausfüllen zu dürfen“, erklärte sie. Jeder im Saal spitzte die Ohren, um kein Wort zu verpassen. „Und dank der Unterstützung durch die Kollegen und der tollen Vorbereitung des Schuljahrs durch Herrn Grün und seiner Frau denke ich auch, dass das neue Schuljahr zu aller Zufriedenheit in einer Woche beginnen kann“, erläuterte sie und nickte Herrn Oberreut zu. Ganz so entspannt, wie man hätte annehmen können, sah der allerdings nicht aus, fand Sophie - eher ein bisschen zu angestrengt.
„Da gab´s bestimmt Knatsch“, meinte Onta mit einem selbstsicheren Nicken, als sie die Stufen der Schultreppen nach unten gingen. Jede von ihnen hatte es bemerkt, das etwas nicht stimmte. „Ich frag mal meinen Vater, nach Frau Sturmvoll. Vielleicht erzählt er mir, ja was“, meinte Lulu nachdenklich. „Und wir schauen Mal im Netz nach“, erklärten Sophie und Suki mit einvernehmlichem Nicken. Die ist einfach zu jung um Direktorin zu werde, dachte Sophie grüblerisch, als sie die Haustüre aufschloss. „Und wie war es?“, wollte ihre Mutter wissen, kaum das sie die Tür geschlossen hatte. „Gut“, antwortete Sophie langsam. Ihre Mutter zog die Augenbraue hoch und schaute ihre Tochter skeptisch an. „Das Schuljahr beginnt, wie immer in einer Woche“, erklärte Sophie lapidar. „Das ist doch prima!“, meinte ihre Mutter freudestrahlend. „Warum, dann so ein Gesicht meine Kleine?“, fragte sie nachdenklich, während sie ihrer Tochter in einer zärtlichen Geste über den Kopf strich. „Ach, weil die neue Direktorin so komisch ist“, äußerte sich ihre Tochter unwirsch. „Und wenn schon, sobald Herr Grün freigesprochen ist, ist doch alles wieder beim Alten. Und nun komm, ich habe uns ein wunderbares Abendessen vorbereitet“, erklärte Frau Morgenbesser und nahm ihre Tochter beim Arm und führte sie in die Küche. Sophie reckte ihre Nase, schloss ihre Augen und schnupperte: sie roch Koriander, Vanille und irgendetwas sehr Würziges, das sie in der Nase kitzelte, sie aber nicht zuordnen konnte. Der Wochenendkochkurs, den ihrer Mutter absolviert hatte, hatte sich definitiv gelohnt, dachte Sophie beim anschließenden Abwaschen des Geschirrs.
Eine Welle der Erleichterung machte sich am Abend in den unterschiedlichen Häusern und Wohnungen der Stadt breit. Die meisten Schüler und Eltern waren erfreut über die Nachricht, dass die Schule nicht geschlossen wurde. Allerdings glühte das Netz förmlich vor Nachfragen nach einer gewissen Frau Sturmvoll.
„Und was habt ihr herausgefunden?“, fragte Aimee mit Charlotte auf dem Arm leicht amüsiert als sich das Törtchen-Team vollzählig am nächsten Tag, im Garten des Zuckerstückchens traf. Neugierig setzte sie sich dazu, platzierte Charlotte so auf ihrem Schoss, dass die Kleine nicht an die Törtchen kam, und schaute die Runde mit fragenden Augen an. „Also … “, druckste Sophie herum. „Im Prinzip ….“, setzte Suki an. Die beiden blickten frustriert in die Runde. „... nicht so viel“, gab Sophie leise zu. Suki fasst ihre Ergebnisse schnell zusammen, was nicht viel mehr war als das, was auf der Schulhomepage zu lesen war. Frau Sturmvoll, war entgegen ihres jugendlichen Äußeren, schon fünfunddreißig und hatte einen Abschluss in Kommunikationswissenschaft, mehre Praktika in unterschiedlichen Firmen und war laut ihrem Lebenslauf Single. Ansonsten war nichts über sie zu finden gewesen, wie Sophie und Suki zugeben mussten. „Aber warum setzt man ein so unbeschriebenes Blatt auf eine solche Position?“, fragte Aimee laut und runzelte die Stirn. „Tja, das ist die Frage“, murmelte Sophie und zerteile nachdenklich ihr Zitronentörtchen. Die anschließende Stille wurde nur durch Charlottes fröhliches Quicken unterbrochen, als ein Schmetterling auf dem Teller ihrer Mutter landete. Die Flügel des Tagpfauenauges öffneten sich immer wieder und präsentierten jedem, der es sehen wollte, seine großen Augen. Lulu räusperte sich. „Vielleicht kann ich noch ein bisschen was zu Frau Sturmvoll beitragen, auch wenn mein Vater nicht viel rausgerückt hat.“ Alle schauten sie mit auffordernder Miene an. Langsam nahm Lulu einen Schluck von dem Assamtee aus ihrer Porzellantasse. Zeitschinderin, dachten alle. „Nun sag schon“, drängelte Onta. „Also gut, Frau Sturmvoll hat erst im zweiten Anlauf studiert“, erklärte sie mit geheimnisvoller Stimme. „Ja, und weiter“, wollte Sophie wissen. „Zuerst hat sie eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht, bevor sie zehn Jahre beim Militär war.“ Aimee gluckste hörbar, während Onta und Alba sich beinah verschluckten. Mit Tränen in den Augen japste Aimee so stark, dass Charlotte ihre Mutter überrascht anlächelte und dann mitlachte. „Was bitte schön, gibt es da so zu lachen?“, fauchte Onta ihre ältere Schwester an. „Die Frau ist einfach perfekt für euch“, entfuhr es Aimee stoßweise, nachdem sie wieder zu Atem gekommen war. Lulu nickte und sagte mit einem gewissen Sarkasmus in der Stimme: „Das fand der Stiftungsrat auch.“ In Sophies Kopf ratterte es: Frau Sturmvoll konnte demnach mit Kinder umgehen, das hieß, dass sie mit dem Lehrkörper zurechtkommen sollte. Ihre Erfahrung aus dem kommunkationswissenschaftlichen Studium würde ihr helfen, die Schule während des Prozess gut durch die Tücken der ungewollten Aufmerksamkeit zu manövrieren. Und die militärische Ausbildung? „Hat dein Vater gesagt, was sie beim Militär gemacht hat?“, wollte Sophie von Lulu wissen. „Leider nein. Ich habe natürlich nachgefragt“, gab sie mit einem Schulterzucken und einer entschuldigenden Geste zu. „Doch zu diesem Punkt hat er keine weiteren Details rausgerückt. Er hat mich nur schelmisch angelächelt und dann laut gelacht“, erklärte sie unwirsch und goss Milch in ihre Teetasse.
Herr Goldblatt hatte manchmal schon einen komischen Humor, fand Sophie und schaute die anderen nachdenklich an. Wozu brauchte eine Direktorin eine militärische Ausbildung? Um den Schülern Disziplin beizubringen? Dafür hatten sie doch Madame Fine!
„Egal“, seufzte Suki und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Hauptsache wir haben Unterricht.“ Alle nickten zustimmend, das war das Wichtigste. Und so schnell würde die neue Direktorin keine Neuerungen einführen, hoffte Sophie.
„Was wird die nächste Überraschung sein?“, gluckste Onta als sie die Treppe zu dem Klassenzimmer der neunten Klasse hinaufgingen. Hoffentlich keine weiteren schlechten Nachrichten, dachte Suki und versuchte das schlechte Gefühl, das in ihr aufkeimte zu ersticken. „Hat Aimee oder deine Eltern noch irgendwelche Briefe von der Schule bekommen?“, wollte Sophie von ihren beiden Freundinnen wissen. Beide schüttelten den Kopf. Das war gut, denn normalerweise kündigte die Friedrich-Stein-Schule die Überraschungen des Schuljahrs zumindest bei den Eltern an. „Na, dann gibt es vielleicht diesmal keine Studienreise oder ähnliche Überraschungen dieses Jahr“, meinte sie zuversichtlich, als sie durch die Tür zum Klassenzimmer traten.
„Oh, wir sind ja die letzten“, bemerkte Onta überrascht und grüßte die anderen schnell, während sie zu ihren Tischen huschten. Tatsächlich, alle anderen waren schon da, selbst Lulu und Alba. Und sogar Natalia saß schon neben Ines und plauderte angeregt mit ihr. Sie sah ein bisschen blass um die Nase aus und hatte deutlich an Gewicht verloren, fiel Sophie auf. Sie mochte Natalia zwar nicht, doch wünschte sie ihr nicht wirklich eine schlimme Krankheit an den Hals - nur, manchmal eben. „Ups, sieht die aber blass aus“, raunte Onta und schaute zu der Russin hinüber. „Wer weiß, was sie hat“, murmelte Alba. Doch bevor sie weitere Mutmaßungen anstellen konnte, betrat Herr Kaslow das Zimmer. „Einen wunderschönen Guten Morgen!“, begrüßte er seine Schüler, voller Elan und machte eine Handbewegung, dass sie aufstehen sollten. „Ihr werdet in der Mensa erwartet“, fügte er hinzu.
Im Gänsemarsch gingen sie zu der Mittelstufenmensa. Doch zu ihrer Überraschung begrüßte sie dort nicht Herr Oberreut, sondern die neue Direktorin. Gespannt setzten sie sich auf die Stühle und warteten, bis auch die Parallelklassen anwesend waren. Insgesamt waren sie in dieser Klassenstufe dreißig Schüler und Schülerinnen, was ein absoluter Rekord war, wenn Sophie sich richtig erinnerte.
„Willkommen im neuen Schuljahr“, begrüßte Frau Sturmvoll die Anwesenden. Heute waren ihre Haare offen und sie trug auch nicht so konservative Kleider wie bei der Schulversammlung. Lächelnd musterte sie die Schüler. „Die meisten von euch kennen mich sicherlich und für die anderen möchte ich mich kurz vorstellen: Ich werde Direktor Grün bis zum Ende des Schuljahrs vertreten. Ich freue mich sehr diese spannende und herausfordernde Aufgabe übernehmen zu dürfen.“ Höflicher Beifall wurde von den Schülern gespendet. „Dieses Schuljahr ist etwas Besonders“, sie machte eine kunstvolle Pause und wippte kurz mit ihrem Körper auf und ab. „Nächstes Jahr steht ihr vor der großen Prüfung, was bedeutet, dass ihr dann keine Zeit für große Aktivitäten haben werdet. Doch dieses Jahr habt ihr die Zeit, neue Erfahrungen zu machen, die euch kein Schulstoff vermitteln kann“, sagte sie bedeutungsvoll.
Was meinte sie damit? Unverständlich schauten sich die Freundinnen an. Klar sie mussten noch zwei Praktika absolvieren, doch so bedeutend, wie ihre Interimsdirektorin dies darstellte, war dies auch nicht. Nachdem sich das Raunen und Murmeln wieder beruhigt hatte, fuhr Frau Sturmvoll mit ihrer Ansprache fort. „Ihr werdet die Schule verlassen!“, ließ sie die Nachricht platzen.
Sophie spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete und sie leicht würgen musste. Suki hustet stark und auch Onta wurde blass. „Was soll das heißen“, rief jemand in die entstehende Unruhe hinein. „Aber, aber“, versuchte Frau Sturmvoll zu beruhigen. „Ich versteht mich falsch. Die Friedrich-Stein-Schule hat ein Austauschprogramm gestartet, bei dem ihr drei Monate ein Internat im Ausland besuchen werdet.“ „Wissen unsere Eltern schon davon“, wollte Finn mit besorgter Miene wissen. „Ja, genau“, rief jemand laut. Frau Sturmvoll hob ihre Hände. „Nein, die Briefe werden in dieser Woche noch verschickt, da Frau Grün leider nicht mehr dazugekommen ist“, erklärte sie mit ruhiger Stimme. Die Mädchen schauten sich mit großen Augen an. Ein Internat? Für drei Monate? „Könnten Sie uns kurz schildern, wie das Schuljahr ablaufen soll?“, fragte Matthias und versuchte so wenig wie möglich seine Stimme schwanken zu lassen. „Dazu wäre ich gleich gekommen“, erwiderte die neue Direktorin mit einem verschmitzten Lächeln. „Doch der Reihe nach: Also zuerst einmal der Herbstball im Oktober fällt dieses Jahr aus.“ Na wenigsten etwas, dachte Sophie mit einer gewissen Erleichterung. „Ende Oktober, findet eine Informationsveranstaltung der unterschiedlichen Internate statt mit denen wir zusammenarbeiten. Bis Ende November müssen ihr und eure Eltern euch entschieden haben, wo es hingehen soll“, erklärte sie ruhig. „Ja? Josi?“ Die adrette gekleidete junge Frau stand auf, räusperte sich und fragte mit hektischen Flecken auf den Wangen: „Ist der Aufenthalt in diesen Internaten durch unsere Schulgebühr gedeckt, oder müssen unsere Eltern dafür extra zahlen?“ Eine gute Frage. Sophie und Onta nickten mit den Köpfen, wie viele auch. „Eine gute Frage“, gab Frau Sturmvoll zu. „Dies war ein Punkt, der zwischen Direktor Grün und dem Stiftungsrat sehr diskutiert wurde, als Herr Grün das Programm vorgestellt hat“, erklärte sie. „Dennoch, bei Euch – da ihr die Versuchsgruppe seid – werden die Kosten durch die Schule getragen. Einzig die Schuluniformen, sollte es welche geben, müsst ihr selbst bezahlen. Aber diese Details werden auf der Informationsveranstaltung erläutert werden.“ Die meisten Schüler nickten zufrieden mit den Köpfen. „Der Aufenthalt wird von Mitte Januar bis Mitte April durchgeführt, danach habt ihr Zeit für eure letzten beiden Praktika und die Klassenarbeiten, die natürlich auch geschrieben werden müssen. Ihr könnt schließlich die neunte Klasse nicht ohne Zeugnisse beenden“, kommentierte sie das Raunen der Schüler.
„Ein ganz schöner Hammer“, meinte Onta, als sie sich später wieder in ihr Klassenzimmer begaben. Grüblerisch und in Gedanken versunken stimmten ihr die anderen zu. „Ah, schön, dass ihr wieder da seid“, begrüßte Frau McFinn die Jugendlichen. Nachdem sich alle wieder gesetzt hatten, eröffnete die korpulente Englischlehrerin, dass sie dieses Jahr das Amt des Klassenlehrers übernommen hatte. Mit gekräuselter Nase studierte Sophie den Klassenplan, der ausgeteilt worden war. Vertieft, gingen die Freundinnen in die Mensa. Keine neuen Fächer! Na zumindest etwas, dachte jede von ihnen mit einer gewissen Portion Galgenhumor. Der Unterricht von Madame Fine und Herrn Fröbes würde im Wechsel ein Mal pro Woche stattfinden, was Sophie und Onta mehr als recht war. Fröhlich und fast schon ausgelassen betonte Onta mehrmals auf dem Weg zur Mensa, wie sehr ihr der Unterricht bei Madame Fine fehlen würde. „Also wirklich Onta, wenn dir Etikettenunterricht so viel bedeutet, dann können wir bei mir üben“, bot Lulu freundlich an. „Nur, wenn ich dir Schwimmunterricht geben darf, liebste Lulu“, antwortete Onta zuckersüß zurück. Alba lehnte sich zurück und seufzte: „Leute ich glaube, das wird das entspannendes Schuljahr was wir bisher hier hatten.“ „Naja, bis auf die Tatsache, dass der eigentliche Direktor in Untersuchungshaft sitzt“, raunte Onta zu Suki, die zustimmend nickte. Versonnen blickte Suki auf ihren Plan. Kleine Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch. Madame Feng, hatte sie für den Kurs Komposition eingetragen und diesen betreute nicht sie, sondern Herr Weyz.
„Also kommt, wir müssen zu Frau Heide, in den Kunstsaal. Mal sehen, was wir dieses Jahr bei ihr machen“, trommelte Sophie ihre Freundinnen nach der Pause zusammen. Gut gelaunt, schlenderten sie durch die Gänge der Schule in Richtung Kunstsaal. „Wie sieht es denn hier aus?“, murmelte Suki, als sie den großen Raum mit den hohen Fenstern betraten. Eine Projektionswand war auf der Kopfseite aufgebaut. Ihr gegenüber prangte auf einer großen Leinwand ein übergroßes Graffiti. Auf den Tischen der Stirnseite lagen Comichefte und Plastikfiguren. Stirnrunzelnd betrachtete Suki die Hefte und Figuren. „Das sind ja Mangas und Animedolls“, hauchte sie verblüfft. „He, super! Endlich mal ein Fach, wo man Comics lesen darf“, hörten sie Tobias hinter sich jubeln. Vor allen die Jungs waren begeistert von der Auswahl an Heften, Figuren und dem Graffiti, wie die Freundinnen amüsiert feststellten. Gerade als sie ihre Plätze eingenommen hatten, betrat die Kunstlehrerin den Saal. „Einen wunderschönen Tag, zusammen“, begrüßte sie ihre Schüler. „Dieses Jahr beschäftigen wir uns mit moderner Kunst.“ Sie deutet auf die Leinwand und ließ ein Video starten, dass ein wilder Mix aus real Szenen und Zeichentrickfilmen war. „Und moderner Zeichentrickkunst“, erklärte sie unter spontanem Beifall der Jungs. Der größtenteils der weiblichen Schüler hingegen sah, nicht so erfreut aus, wie Sophie mit einem kurzen Rundumblick feststellte. Selbst Lulu und Alba sahen alles andere als begeistert aus. „Wir werden beim nächsten Mal eine Ausstellung besuchen, die sich explizit mit diesen Formen der modernen Kunst beschäftigt“, erläuterte die, wie immer schwarz gekleidete, Lehrerin fröhlich. „Heute dürft ihr euch, als Einstieg mit den ausgelegten Medien beschäftigen. Auf den Schulrechner habe ich eine Dokumentation bereitgestellt, die euch eine Einführung bieten soll. Wer will, kann sie sich in der Stunden ansehen, oder als Hausaufgabe später“, fügte Frau Heide hinzu. Die Jungs stoben größtenteils auf die ausgelegten Comics zu. Unschlüssig sahen sich die Freundinnen an. „Wie wäre es Suki gibt uns einen kurze Einführung zu den Mangas und Animedolls“, schlug Alba vor. Alle schauten zu ihrer japanischen Freundin. „Natürlich, das mache ich sehr gerne“, erwiderte Suki höflich. Während Suki mit ihrer leisen Stimme einer kurze Zusammenfassung über Mangas und deren Kultur in Japan gab, beobachtete Sophie wie Josi, als einziges Mädchen, sehr interessiert vor dem Graffiti verweilte. „Ich wette Josi wird auf der Übungswand im Garten die erste sein, die eine Dose in die Hand nimmt und loslegt“, kommentierte Onta Josis offenkundiges Interesse. Lulu kicherte: „Bestimmt sehr zum Entsetzten von Madame Fine.“ „Stimmt“, fielen alle lachend mit ein.
Selbige begrüßte die Schülerinnen der neunten Klasse stilvoll in ihrem Salon priveé zwei Tage später. „Einen wunderschönen guten Tag meine jungen Damen“, flötete sie zur Begrüßung auf Französisch. Mit einem wohlwollenden Nicken quittiere die Lehrerin das gepflegte Erscheinungsbild ihrer Schülerinnen und bat sie Platz zu nehmen. Nachdem Natalia und Beatrice den Tee gereicht hatten, erklärte sie den Anwesenden, dass der Schwerpunkt ihres Unterrichts in diesem Jahr in der leichten Plauderei lag. „Ich möchte nicht, dass Sie sich blamieren, wenn Sie die internationalen Internate besuchen, weshalb ich Sie auch in den spezifischen Konventionen ihrer Gastländer einführen werde“, erklärte sie zum Schluss der Stunde. „Small Talk bis zu umfallen“, stöhnte Onta, als sie die Treppenstufen hinunter gingen. „Naja, besser als die ganze Zeit einen eleganten Gang oder Kleiderordnungen zu lernen“, kommentierte Alba Ontas Jammern und blinzelte sie schalkhaft an. Alle um sie herum grinsten.
