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Olga und Oxana, zwei junge russische Frauen aus Sankt Petersburg reisen auf der Suche nach Olgas Verwandten und einem alten Tortenrezept ihrer Familie in die Schweiz. Die beiden kulturinteressierten Frauen sind seit drei Jahren ein Liebespaar, aber zu ihrer lesbsichen Beziehung zu stehen ist in ihrem homophoben Heimatland nicht einfach. In der Schweiz begegnen sie sich letzlich selbst und so wird die Reise zu einem Wendepunkt in ihrem Leben.
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2022
PETRA WALFISCH
DAS TORTENREZEPT
Erzählung
Für dich, meine Geliebte, mein tröstliches Licht, in Erinnerung an
jene Zeit, als wir noch in Sankt Petersburg lebten und uns nicht
zu schämen brauchten, dass wir Russinnen sind.
P. W.
1
An die Unbeschwertheit jener Tage dachten sie später oft zurück, manchmal fast staunend. Sie erinnerten sich, wie sie am Flughafen Zürich mit ihrem Reisegepäck den Schnellzug nach Luzern bestiegen. Damals waren sie seit drei Jahren ein Liebespaar, doch zu ihrer lesbischen Beziehung zu stehen, war für sie in ihrem Heimatland nicht einfach. In der Öffentlichkeit gingen sie nur selten Hand in Hand, und sie küssten sich nie auf der Straße. Olga, großgewachsen und blond, hatte in Moskau russische und europäische Geschichte studiert, arbeitete mittlerweile aber als Kundenberaterin bei einer Bank im Zentrum von Sankt Petersburg. Oxana, etwas kleiner als ihre Freundin, mit dunkelbraunem, lockigem Haar, war Dolmetscherin und zeigte Touristen aus aller Welt die bedeutenden Sehenswürdigkeiten der ehemaligen russischen Hauptstadt.
Die Schweiz als Reiseziel hatte sich Olga ausgesucht, weil sie dort entfernte Verwandte hatte. Oxana war von dem Vorschlag zunächst nicht begeistert gewesen. Das Land schien ihr teuer zu sein und obschon sie beide gut verdienten, fürchtete sie, dass die Reisekosten aus dem Ruder laufen könnten. Doch Olga beteuerte, wie viel ihr daran lag, ihre Verwandtschaft kennenzulernen, und sie erzählte zudem, dass in der Schweiz nach einem alten Rezept ihrer Familie, die über Generationen in Sankt Petersburg eine Bäckerei betrieben habe, noch immer Torten hergestellt würden. So willigte Oxana schließlich ein und da sie – anders als ihre Freundin – auch deutsch sprach, kamen die beiden Frauen überein, Olgas Verwandte gemeinsam aufzusuchen.
„Ach, die Zugfahrt dauert noch eine volle Stunde“, stellte Oxana nach einem Blick auf ihr Smartphone fest und verzog dabei ein wenig den Mund: „Erzählst du mir nun die Geschichte deiner Familie? Das hast du mir doch versprochen.“
„Ja, das mache ich gerne“, antwortete ihr Olga und strich sich dabei eine Haarsträhne aus dem Gesicht, „doch du musst wissen, dass es eine lange und vielleicht auch eine etwas verworrene Geschichte ist, deren Anfänge über dreihundert Jahre zurückliegen. Fast alles hat sich so zugetragen, wie ich es erzählen werde, und doch möchte ich angesichts der dürftigen Quellenlage einzelne Begebenheiten etwas ausschmücken. Das darfst du mir nicht übelnehmen.“
Sie lehnte sich im Sessel des Abteils zurück, streckte ihre langen, schlanken Beine aus, bis sie jene Oxanas berührten, schloss für einen Moment die Augen und öffnete sie erst wieder, als sie zu erzählen begann:
Alexej Beljajew, ein schlaksiger junger Mann aus der Stadt Surgut, der das Handwerk eines Bäckers erlernt hatte, verließ im Frühjahr 1714 seine sibirische Heimat, um in die neue russische Hauptstadt Sankt Petersburg auszuwandern. Dort, so hoffte er, würde er leicht Arbeit finden und dereinst sogar eine eigene Bäckerei eröffnen können. Als er im Herbst sein Reiseziel erreichte, staunte er über die großen Bauten, die überall entstanden waren. Doch fiel ihm auch das Elend jener Leibeigenen und schwedischen Kriegsgefangenen auf, die mit der Trockenlegung der Sümpfe, dem Anlegen von Straßen, der Pfählung des Untergrunds, dem Herbeischleppen von Steinen und dem Aufbau von Mauern beschäftigt waren. Tiefe Furchen prägten ihre Gesichter, ihre Hände waren von Schwielen gezeichnet, die Haare struppig. Ihre Augen wirkten wie erloschen und oft bedeckten Ausschläge ihre Haut. Viele der Männer waren krank und starben auf offener Straße.
In einer neu eröffneten Bäckerei unweit der Festungsanlage Peter und Paul fand Alexej eine Anstellung. Es waren lange Arbeitstage. Er stand schon frühmorgens in der Backstube, trug dann das Brot aus und half anschließend bis zum Abend im Laden mit. Dort lernte er die siebzehnjährige Brotverkäuferin Alinka kennen. Sein Herz pochte unruhig, als er zum ersten Mal ihre kleine, kühle Hand hielt. Wie wunderschön dieses Mädchen war, wie weiß, fast durchscheinend ihre Haut schimmerte, wie erwartungsvoll ihn der Blick ihrer blauen Augen traf. Beide wussten sofort, dass sie zusammengehörten, wie sie sich später gegenseitig gestanden. Sie heirateten 1716 und hatten sieben Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten.
Alexej war nicht nur ein tüchtiger Bäcker, sondern auch ein begabter Konditor und Zuckerbäcker, der mit immer neuen Kreationen von süßen Backwaren die Wünsche des Sankt Petersburger Adels zu befriedigen wusste. Als Zar Peter der Große das damals geltende Monopol zum Brennen und dem Verkauf von Wodka aufhob, stellte Alexej erstmals jene Torte her, die sich in den folgenden zwei Jahrhunderten unter dem Namen Sankt Petersburger Wodkatorte großer Beliebtheit erfreuen sollte. Viele Adelsfamilien waren nur widerstrebend von ihren Palästen in Moskau ins erst im Aufbau begriffene Sankt Petersburg umgezogen, und so ließen sie sich ihr trübes Dasein in der neuen Hauptstadt gerne von Alexejs Kreationen versüßen. Als der bisherige Inhaber verstarb, übernahm Alexej als sein treuster und bester Mitarbeiter das Geschäft, das fortan den Namen Bäckerei Beljajew trug. Selbst der Zar gehörte nun bis zu seinem Tod 1725 zu Alexejs Kunden.
Wenn auch das Rezept der Sankt Petersburger Wodkatorte geheim war, sei an dieser Stelle doch so viel verraten: Der Boden der Torte bestand aus Krokant, über dem eine Schicht Sahne lag. Damit der Boden nicht feucht wurde und schön knusprig blieb, belegte ihn Alexej mit hauchdünn ausgewalltem Marzipan. Die Sahne wiederum sollte sehr steif und angenehm süß sein, sie durfte auf keinen Fall sauer, geschweige denn käsig werden wie die Produkte der Konkurrenz. Mitten in die Sahneschicht eingebettet lag als Kernstück und Clou der Torte eine luftige, mit Wodka getränkte Biskuit-Scheibe. Der Wodka musste mit zwei Teilen Wasser verdünnt werden, und das Gemisch wurde mit leicht karamellisiertem Zucker versehen, nicht zu viel, nicht zu wenig. Einige Tropfen Rosenwasser gehörten noch dazu, aber nicht mehr, denn die Torte, fand Alexej, sollte ja nicht wie eine Seife riechen. War das süße Kunstwerk vollständig aufgebaut, wurde es dezent mit Puderzucker bestäubt. Je nach Anlass konnten obendrauf noch drei Ostereier oder eine Hochzeits- kutsche gesetzt werden. Weiß, aus Zucker, versteht sich. An der Sankt Petersburger Wodkatorte war alles weiß, farbiges Marzipan beispielsweise wäre ihrer Eleganz abträglich gewesen.
Nun ja, gehobelte Späne aus weißer Schokolade hätten der Torte zwar gut angestanden und sie wären auch geschmacklich eine Bereicherung gewesen, aber Schokolade gab es, als Alexej die Torte kreierte, noch nicht, nicht einmal braune Schokolade, die aber wegen ihrer Farbe ohnehin nicht infrage gekommen wäre. Die Sankt Petersburger Wodkatorte war ja schließlich keine Schwarzwälder Torte. In der Geschichte des Rezepts wird hingegen die Verwendung weißer Schokolade noch eine Rolle spielen, aber wir wollen den Dingen nicht vorgreifen. Und noch etwas gibt es hier anzufügen: Der Genuss der Sankt Petersburger Wodkatorte hing ganz wesentlich davon ab, wie viel Alkohol im Biskuit verblieben war. Je frischer die Torte auf den Tisch kam, desto besser schmeckte sie. War der Wodka einmal verdunstet, schien jeglicher Reiz dahin zu sein, und es blieb nur schale Süße übrig.
Hier unterbrach Oxana ihre Freundin: „Nun weiß ich wenigstens, nach welcher Torte wir in der Schweiz suchen werden. Aber sag, ist das wahr, hatte Alinka wirklich blaue Augen? Wie kann man so was drei Jahrhunderte später noch wissen? Klingt alles schon fast ein wenig kitschig, aber ich mag deine Erzählung dennoch, sie ist schön.“
Und dann sah sie Olga lächelnd an und sagte leicht errötend: „Deine warmen weichen Hände würde ich den kleinen kühlen Alinkas bis in alle Ewigkeit vorziehen.“
Ohne sich zu dieser Liebeserklärung, zum Vorwurf des Kitsches oder jenem der mangelnden Authentizität des Erzählten zu äußern, fuhr Olga fort.
Nach dem Tod Katharinas I., die ihrem verstorbenen Gemahl Peter dem Großen auf den Zarenthron nachgefolgt war, wurden die Geschicke Russlands Peter II. übertragen, der als jugendlicher Kaiser die Hauptstadt wieder nach Moskau verlegte. Darunter hatte auch die Bäckerei Beljajew zu leiden, weil ein nicht unbedeutender Teil der adeligen Kundschaft ausblieb. Kaiserin Anna machte einige Jahre später Sankt Petersburg wieder zur Hauptstadt, worüber sich Alexej sehr freute. Doch die Zeit von Annas zehnjähriger Regentschaft, die als die Dunkle Epoche in die Geschichte Russlands eingegangen ist, warf ihren Schatten auch auf die Familie Beljajew: Zwei der drei Söhne fielen fern der Heimat im Russisch– Österreichischen Türkenkrieg. Einzig Pjotr, der jüngste, der nicht eingezogen worden war, weil er damals noch ein Kind gewesen, kam später für die Übernahme der Bäckerei infrage. Seine Schwester Olga hatte in jungen Jahren nach Nowgorod geheiratet.
Das Leid, das der Tod der beiden Söhne über die Familie gebracht hatte, nagte lebenslang an Alexej und Alinka. Sie fiel wenige Jahre später einem Fieber zum Opfer, er wurde schwermütig und trank. Die Bäckerei indes florierte, und Pjotr führte sie mit dem gleichen Eifer, mit dem Alexej einst in seiner Jugend das Bäckerhandwerk betrieben hatte. Die Sankt Petersburger Wodkatorte erfreute sich nebst anderen süßen Backwaren nach wie vor großer Beliebtheit, und um den Bedarf zu decken, kaufte Pjotr große Mengen an Wodka ein, den er freilich vor seinem Vater verstecken musste.
Alexej war sich seiner sibirischen Herkunft stets bewusst gewesen, und er kleidete sich bis zuletzt äußerst einfach, während sein Sohn schöne Seidenstoffe liebte und mit der eleganten Lebensweise der Sankt Petersburger Aristokratie zu liebäugeln begann. Und so verwunderte es niemanden, dass Sophia, mit der er sich im Frühsommer 1747 vermählte, eine Tochter aus niederem Adelsstand war. Sie mochte zwar nicht von so herausragender Schönheit sein, wie es Alinka in jungen Jahren gewesen, aber in ihren schmucken Kleidern, die sie gerne auf Bällen trug, war sie durchaus eine attraktive Erscheinung. Sophia hatte einige Verehrer gehabt, unter ihnen auch Barone, die sich galant um ihre Gunst bemühten. Doch Pjotr, großgewachsen und schlank, mit den blauen Augen seiner Mutter, hatte ihr besser gefallen. Und ökonomisch betrachtet – dies war Sophias Eltern wichtig gewesen – erschien die Heirat mit dem aufstrebenden, mittlerweile recht vermögenden Bäckereibesitzer nicht uninteressant zu sein. Ihm wiederum ermöglichte diese Ehe den Eintritt zu einem neuen sozialen Leben und verhieß Vorteile in den Geschäftsbeziehungen zu den Sankt Petersburger Adelsfamilien.
Wie alt er geworden war! Alexej besah sein Gesicht im Spiegel: Faltig war es und grau, nur die Wangen wirkten etwas gedunsen und gerötet vom Alkohol. Er dachte an seine Jugend in der sibirischen Stadt Surgut zurück, an Mädchen, die er damals geküsst, aber nicht geliebt hatte, an seine Eltern, die gestorben waren, ohne dass er sie je wiedergesehen hätte. Wann der Entschluss, nach Sankt Petersburg auszuwandern, in ihm gereift war, daran konnte er sich nicht mehr entsinnen. Aber an die erste Begegnung mit Alinka erinnerte er sich, als wäre es gestern gewesen. Wie schön sie damals war, wie unbeschwert und jung! Und wie aufrichtig und tief er sie geliebt hatte. Er dachte mit Gram an ihren Tod, er dachte an die Kindersärge, die sie gemeinsam hinaus zum Friedhof hatten karren müssen, und an die Unerträglichkeit der Todesnachricht ihrer beiden herrlichen Söhne.
Gewiss, er hatte auch Erfolge in Beruf und Familie erleben dürfen, die Übernahme und den Ausbau der Bäckerei durch seinen Sohn Pjotr, die Hochzeit seiner Tochter Olga mit einem erfolgreichen Pelzhändler in Nowgorod, die Geburt dreier Enkelkinder, die er dort zweimal besucht hatte. Und auch Sophia würde bald ein Kind gebären. Mochte ihn das zu freuen? Dieses, sein Leben, wie war es verlaufen? Freude und Leid, Glück und Unglück lagen in all den Jahren nah beisammen. Jetzt aber, da er alt geworden, spürte er nur noch Trauer, Bitterkeit und eine innere Verzweiflung. Seine Augen, so schien ihm, wirkten im Spiegel wie zwei erloschene Sterne, wie die Augen der Leibeigenen und Kriegsgefangenen, die er nach seiner Ankunft in Sankt Petersburg gesehen hatte.
Olga setzte zu einer Pause an und sah für einen Moment aus dem Zugfenster. Auch Oxana blickte hinaus, war in Gedanken aber noch ganz bei der Erzählung, die sie sehr bewegte.
„Es ist wirklich traurig“, unterbrach sie dann das Schweigen, „dass in Russland, eigentlich zu allen Zeiten, immer wieder so viele Söhne zum Kriegsdienst eingezogen wurden und gefallen sind. Wofür nur? Stell dir all die verzweifelten Mütter und Väter in jeder Generation vor.“
„Vielleicht hätten sich die Mütter damals weigern sollen, Kinder zu kriegen“, warf Olga ein.
„Und heute?“, fragte Oxana zurück.
„Hm“, erwiderte Olga, „die Frage stellt sich uns beiden wenigstens nicht.“
Oxana blickte ihre Freundin forschend an. Der Zug fuhr nun am Rotsee entlang. „Wir sind bald da“, stellte Olga fest. „Heute Abend erzähle ich dir weiter.“
Nach dem Abendessen in einem traditionellen, italienischen Lokal in Luzern, dem Ristorante Barbatti, wo die beiden an einem weiß gedeckten Tisch unter einem großen Spiegel mit geschnitztem Goldrahmen saßen, nahm Olga die Erzählung beim Kaffee wieder auf. Diesmal schloss sie die Augen nicht, bevor sie zu erzählen begann. Oxana streckte ihre rechte Hand aus und legte sie auf die Linke ihrer Liebsten. In der Schweiz durfte sie sich das erlauben.
Als Katharina II. – die Große, wie sie, wie du weißt, später genannt wurde – im Sommer 1762 den russischen Kaiserthron bestieg, wurde eben der jüngste Sohn von Pjotr und Sophia geboren, das vierte Kind des Paares, dem sie den Namen Igor gaben. Der Junge wuchs zusammen mit seinem älteren Bruder Dimitrij und seiner Schwester Irina auf. Galina, die Zweitgeborene in der Geschwisterfolge, war schon kurz nach ihrer Geburt gestorben.
Die Bäckerei Beljajew zog in jenen Jahren an den Newski–Prospekt um, wo großzügige Geschäftsräumlichkeiten zur Verfügung standen. Dieser Schritt und die neue, noble Adresse verhalfen dem Betrieb, rasch zur bekanntesten Bäckerei der Stadt Sankt Petersburg aufzusteigen: Nebst betuchten Bürgern gehörte fast der gesamte Adel und schließlich auch der Zarenhof zur Kundschaft. Es ist verbürgt, dass Katharina II. ihren Besuchern mit Vorliebe zum Kaffee eine Sankt Petersburger Wodkatorte auftischen ließ, und selbst westliche Staatsgäste rühmten diese in höchsten Tönen als Meisterwerk der Zuckerbäckerkunst.
Während Dimitrij in die Fußstapfen seines Vaters trat und Bäcker wurde, entschloss sich Igor nach anfänglichem Zögern, zum Militär
