Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
"Jede Geschichte hat einen Anfang. Manchmal ist es ein glücklicher Anfang. Traurige Geschichten haben immer einen glücklichen Anfang. Meine Geschichte ist traurig." Sabine Jakobs In "Das Trauerbuch" verarbeitet die Autorin den Tod eines geliebten Menschen in literarischer Form. Ihre Trauerarbeit in Form von Tagebuchauszügen, lyrisch verdichteter Prosa und Gedichtform erstreckt sich über einen Zeitraum von fast 20 Jahren. "Das Trauerbuch" will all jenen eine Stimme geben, die einen ähnlichen schmerzhaften Verlust erlitten haben und ihre Empfindungen nur unzureichend in Worte fassen können.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 62
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
"… die Liebe höret ewig auf."
Uwe Johnson
Die Geschichte
Die Totenliste
Pik As
Verrat
Traum
Falten
Gezählt
Feiern
Schmerz und Verzweiflung
Am Tag deines Todes
Trauer
Regen
Am Grab / I
Gegenwart
Schande
Begegnung im Zug
Kurze Nähe
Am Grab / II
Nachtrag
Ich sein?
Little Helpers
Rückblende
Trance
Der Trauerleib Ein Traum
Stromboli
Am Rheinbord
Das Verdikt
Herbst
Frei?
Reflexion
Das Trauerbuch
Blut
Trauerarbeit
50
Zweifel
Am Grab / III
Epilog
Jede Geschichte hat einen Anfang. Manchmal ist es ein glücklicher Anfang. Traurige Geschichten haben immer einen glücklichen Anfang. Meine Geschichte ist traurig.
Es fing also glücklich an. Doch auch nach über 25 Jahren (ab Anfang), bzw. bald 20 Jahren (ab Ende) fällt es mir immer noch schwer, die Geschichte von vorn nach hinten zu erzählen, einfach so, wie‘s war. Ich merke, dass ich viele schmerzhafte Erinnerungen gespeichert habe (wovon die glücklichen natürlich am meisten wehtun), dass ich aber die Reihenfolge der Ereignisse nicht mehr wirklich rekonstruieren kann. Aber es geht nicht um die Reihenfolge. Es geht um Schuld.
Neuer Versuch. Die kürzeste Version ist: Wir trafen uns an einer Studentenparty in einer fremden Küche, es funkte auf den ersten Blick, und nach einigen Stunden, in denen wir dicht an dicht auf einem fremden Sofa saßen und er ein ums andere Mal mein Weinglas füllte, ohne eine dumme Bemerkung dazu zu machen, war klar, dass wir zusammenbleiben würden. Er war jung, 21 erst, ich war 25 damals. Er hatte gerade einen Klinikaufenthalt hinter sich wegen einer schweren Depression.
Amor omnia vincit, war ich überzeugt, wenn wir uns nur liebten, würde alles gut werden. Nach wenigen Wochen kam der erste Rückfall. Schleichend. Dann Zusammenbruch. Ich schleppte ihn zu einem Psychiater, keine Klinik. Der Arzt kam zweimal täglich, brachte Medikamente, ich war da, rund um die Uhr, ich schlief auf dem Boden neben seinem Bett. Nach einigen Tagen rief ich meine engsten Freunde zu Hilfe. Wir brachten ihn wieder auf die Beine. Ich dachte, es wäre überstanden.
Die Liebe besiegt alles, dachte ich. Die Liebe ist so stark wie der Tod. Ich glaubte so fest daran… Es ist eine Lüge. Der Tod gewinnt immer.
Er würde keine 30 Jahre alt werden, sagte J immer. Er behielt Recht. Nach unzähligen Aufs und Abs, nach jahrelangen Kämpfen, Therapien, vergeblich allesamt, starb er mit 29 Jahren. Und ich habe Schuld daran.
Er hatte sich irgendwann in ein junges Mädchen verliebt, er trennte sich von mir, wollte mich auch nicht zurück haben, als die Geschichte, die gar nie eine Beziehung geworden war, scheiterte. Ich bettelte. Er wollte mich nicht zurück. Und dann quittierte er seinen Job und brauchte sein Erspartes auf, er kündigte seine Wohnung, und als endgültig alles weg war, wies er sich selbst in die Klinik ein.
Mich wollte er nicht mehr sehen. Ich musste ihn loslassen. Ich liebte ihn immer noch.
Ich stürzte mich in irgendwelche Abenteuer, und nach einigen Geschichten war da unversehens jemand, der mich heiraten, mit mir Kinder haben wollte, ich zögerte 10 Sekunden und sagte ja. Ich entschied mich für das Leben. Sechs Monate nach der ersten Begegnung waren wir verheiratet.
Und drei Monate später, im Winter 1995, war J tot. Er war gerade mal 29 Jahre alt geworden. Zusammengebrochen auf einem Spaziergang, erfroren, irgendwann kurz vor dem Jahreswechsel – mein Hirn weigert sich heute noch, sich das exakte Datum zu merken…
Niemand konnte meinen Schmerz verstehen – ich war ja frisch verheiratet und hatte glücklich zu sein. Ich hatte jeden Tag zweimal zehn Minuten Zeit, um zu trauern – auf dem Arbeitsweg. Sonst, immer nur lächeln…
Sieben Jahre nach J’s Tod sagte ich erstmals: «Ich fange langsam an, darüber hinweg zu kommen». Heute ist es noch immer nicht vorbei. Ich werfe mir immer noch vor, nicht lange genug gewartet, nicht genug geliebt zu haben. Oder war meine Liebe nicht genug? Nicht stark genug, um ihn zu retten?
Auch wenn keiner mich schuldig spricht – ich habe doch versagt. Lebe schon mein halbes Leben mit dieser Schuld…
Die Liebe bleibt. Der Tod gewinnt. Ich muss damit leben.
26.10.2013
Immer kürzer werden die Abstände zwischen den Toden, und immer näher kommen sie zu mir. Sie kreisen mich ein, und ich frage mich oft, warum ich bis jetzt verschont geblieben bin vom Tod eines Menschen in meiner nächsten Nähe, von einem Verlust, der mich so tief trifft, dass er mich selbst an den Rand des Todes brächte.
Als hielte sich irgendein Schicksal noch zurück, bevor es desto härter zuschlägt. Als sparte man sich für mich etwas ganz Besonderes auf. Aber was könnte man mir nehmen, das mich noch härter träfe als das, was andere schon jünger verkraften mussten? Ich stand hilflos dabei und etwas beschämt, als junge Eltern ihr Neugeborenes begruben – nie werde ich den Schrei der Mutter vergessen in der Kirche.
Ich wusste keinen Trost zu sagen, als eine Freundin zwei geliebte Menschen verlor an unheilbare Krankheiten in einem einzigen Jahr, und als der Mann, den sie liebte, im Meer ertrank.
Gestern sah ich jenen Mann in der Stadt, dessen Bruder man ermordet hatte. Ich sah seine glasigen Augen, die mich nicht wahrnahmen, die nichts wahrnahmen, und ich ging an ihm vorbei und schwieg.
Viele sind gestorben, die ich kannte. Viele, obwohl wir noch so jung waren. Der Junge, der an einem Tag einfach nicht mehr in die Schule kam, von einem Tag auf den andern tot, noch keine siebzehn. Die betretenen Gesichter meiner Mitschüler, fahl und wie gelähmt saßen sie auf den Tischen, starrten jeden an, der ins Klassenzimmer trat, und es dauerte endlos, bis jemand mich am Arm nahm und mir sagte, was geschehen war.
Von anderen Toden erfuhr man erst nach der Schulzeit. Verblutet, erschlagen, erstickt – Tode, die nicht nahegingen, weil man nie eng befreundet gewesen war. Und doch: Striche auf der Totenliste, die man führt, sein Leben lang, bis der eigene Tod den letzten Schrägstrich durch das Zahlenhäufchen zieht.
Lebt ein Kind im Stand der Unschuld, bis es zum ersten Mal dem Tod begegnet? Von seiner Geburt an, bis zum ersten Strich auf seiner eigenen Totenliste? Hört dann die Kindheit auf und beginnt das Erwachsenwerden?
1991
An jenem Tag, als ich aus dem Haus meiner Eltern auszog und in einem anderen Stadtteil eine Wohnung nahm, suchten wir in meiner neuen Straße eine Kneipe auf, um einen Kaffee zu trinken, denn die Espressomaschine war im zweiten Wagen, und der war noch unterwegs.
Zu jeder Tasse wurde eine kleine Schokolade serviert, auf deren Umschlag eine Spielkarte abgebildet war. Als ich mit der ersten Tasse ein Pik As bekam, erschrak ich sehr. Wusste ich doch, dass dies nichts Gutes bedeuten konnte für das neue Leben, das ich gerade beginnen wollte. Als wir die zweite Tasse bestellten, äußerte ich halblaut die Hoffnung, diesmal eine bessere Karte zu bekommen.
Die Serviererin musste meine Worte gehört haben, denn neben meiner Tasse lag ein Herz Bube. Ich freute mich sehr darüber, und obwohl mir die Manipulation bewusst war, glaubte ich das gute Omen nur zu gerne.
Wenige Wochen später lernte ich J kennen. Wir sind sehr glücklich zusammen, aber ich weiß, dass es nicht für immer sein kann. Das Pik As ist noch nicht eingelöst.
5.5.1993
