Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Im Treppenhaus eines Wiener Nachkriegsbaus begegnen einander Menschen, deren Lebenswege verschieden sind und doch, in diesem materialisierten Augenblick des flüchtigen Zusammens, gleichen. Ihre Erinnerungen vermischen sich mit dem Leben derer, die sie treffen. Erinnernde Erzählung. Mit einnehmender Aufmerksamkeit springt sie von einer Geschichte zur anderen: vom Leben Rabbi Nachmans von Bretzlaw zum Besuch in der Petscharska Lawra, vom glühenden Berlin zum Trotz verheißenden Wien. Auf Liebe folgt der Tod. Die Seuche ist umfassend. Der Roman verhandelt das Treppenhaus als einen konkreten Ort, an dem Menschen einander begegnen. Zugleich ist er eine Trope für die Beiläufigkeit von Beziehungen, die Menschen miteinander eingehen und die trotz ihrer Flüchtigkeit nachwirken und sich für den Einzelnen als bedeutsam erweisen. Atomen gleich rauschen sie durch das Treppenhaus, und ihre Zusammenkunft, wie flüchtig sie auch sein mag, setzt Energien frei, die ein jedes Leben in seiner erzählerischen Bedeutsamkeit entfalten. Es sind Geschichten, die andere betreffen, miteinander verwoben, Geschichten, die mal mühsam und mal leicht sind, wie das Hinauf- und Hinabsteigen einer Treppe. So ist der Roman ein erzähltes Treppenhaus, eine Anthologie biografischer Begegnung von Jägern, Virologen, Künstlern und Kranken in Eisernen Lungen. Jedes Leben ein Theaterstück. Man sieht zunächst die Bühne, doch das, was wirklich interessiert, spielt sich hinter den Kulissen ab.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 624
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Prolog – Die Haushälterin und das Treppenhaus
Der Anfang – Ein Gespräch über Polen
Der Mord – Weegee. Wahn und Wirklichkeit
Der Besuch – Vulgärmarxisten, exoterische Hunde
Die Auslöschung – Jagen, Wildern und die Pest
Die Ansteckung – Schweine und Pest
Die Entrückung – Wildern. Kunst über Natur
Die Ausgrabung – Geschichte kennt keine Schönheit
Das Erwachen – Die Eiserne Lunge
Die Beheimatung – Petscherska Lawra
Die Ablösung – Cold War
Die Entartung – Der General und Maria Lassnig
Die Züchtigung – Peter Wend
Die Verständigung – Rede und Sein
Der Untergang – Schreiben und lieben
Das Verwandtschaften – Die Haushälterin und die Josefstadt
Die Verwerfung – Marjorie Tew und die Geburt
Das Ende
Literatur
Mehrere Treppen, auf jeder Etage links und rechts Türen, Eingänge in Wohnungen, die Schatzkammern gleich dem Fremden einen Einblick verwehren. Bei jedem Schritt knarrten die alten Holzdielen, die die Haushälterin zu polieren längst aufgegeben hatte. An den Wänden hatten sich Risse gebildet und von der Decke war an mehreren Stellen der Putz abgefallen. Sie waren nur notdürftig verspachtelt worden. Die Wohnungstüren glichen alle einander, dünnes, weiß übermaltes Holz, das über die Jahre schmutzig geworden war, mit einem metallenen Türknauf, um den herum sich ein Schatten gelegt hatte von den unzähligen Händen, die das Holz beiläufig gestreift hatten, Dreck und organische Reste verblichener Gegenwart.
Das Treppenhaus war aber mehr als nur eine Ansammlung von Stiegen, Holz und Geländer. Es war ein auratischer Raum, der nach Menschen roch, deren Stimmen man hinter sich hören konnte, die tuschelten, wenn man nur lauschte. Das Treppenhaus war ein Ort, der einen forderte und der einen formte, der einen anstrengte, wenn man die Treppen hinaufstieg und der Vorsicht gebot, wenn man sie hinabstieg. Das Treppenhaus war belanglos. Niemand interessierte sich dafür. Das Treppenhaus war ein Ort, den man zu passieren hatte, der notwendig war, um von A nach B zu kommen, ein Durchgangs-, ein Passierort, ein Nicht-Ort, den man schnell übersehen konnte, wenn das eigene Auge dafür nicht aufmerksam genug war.
Die Haushälterin, die vor fünf Jahren im Erdgeschoss eine vierundvierzig Quadratmeter große Wohnung bezogen hatte, postierte ein Grünlilie vor ihrer Tür. Es war das einzige Leben im Treppenhaus. Keine sonderlich ansehnliche Pflanze, aber zumindest etwas. Ansonsten gab es hier kein Grün. Das Treppenhaus war ein toter Ort, ein vergessener Ort, der niemanden interessierte, durch den die Nachbarn nur so hindurchhuschten. Ab und zu unterhielt sie sich mit Bachmann, der zwei Etagen über ihr wohnte. Aber da hatte sie immer das Gefühl, als stellte sie ihn regelrecht zur Rede. Üblicher war es schon aneinander vorbeizugehen und mit einem »Grüß Gott« oder unscheinbaren Kopfnicken bekannt zu geben, dass man da war. Das Treppenhaus war kein Ort mit Aufenthaltswert. Wie bei außenliegenden Treppenhäusern üblich war auf jeder Etage ein kleines Fenster eingelassen, durch das ein wenig Licht fiel und das sich mit dem Staub, der in der Luft lag, zu einer gelblich-bräunlichen Dunstwolke vermischte. Als gehe man durch einen trockenen Nieselregen, dachte die Haushälterin.
Das Treppenhaus war nicht dazu da zu unterhalten. Es war da, um das Haus zu erschließen, den Bewohnern Zugang zu ihren Wohnungen zu ermöglichen. Es hatte wahrlich nichts von dem Protz und der Pracht adligen Standesbewusstseins oder einer Ruhmeshalle bildungsbeflissener Bürgerlichkeit, die daherkommt, als verstünden deren Besitzer zu leben. Dieses Treppenhaus in der Tigergasse war das Gegenteil architektonischer Repräsentanz, kein Empfangsraum, sondern ein Durchgangsraum, ein Ort der Sachlichkeit, ein Ort, der sich nicht aufdrängte, ein demokratischer Ort, weil er keine Unterschiede machte und jedem erlaubte ihn sich anzueignen.
Im Treppenhaus roch es nie nach Essen, war der Haushälterin schon früh aufgefallen. Weder der aufdringliche Duft eines Sonntagsbratens noch süßen Gebäcks erfüllte das Treppenhaus. Das kam ihr schon recht merkwürdig vor, dass aus den Wohnungen nichts nach außen drang, kein Geruch, kaum ein Geräusch. Nur gelegentlich, wie letzte Woche, unterhielt sich Bachmann mit jemandem, dessen Stimme die Haushälterin nicht kannte. Sie vermisste das Leben im Treppenhaus, kein Grün, kein Leben, hatte ihre Mutter gemeint. Ein Kruzifix habe sie ins Treppenhaus gehängt, bis Weber aus dem dritten Stock sich über diese, wie er sagte, Anzüglichkeit beschwert und mit Konsequenzen gedroht hatte. Dann hatte sie das Kreuz wieder abgehängt, um weiteren Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen. Die Menschen, dachte die Haushälterin, strömten durch die Haustür und durchquerten das Treppenhaus, um in ihre Wohnungen zu flüchten. Die Menschen, die hier wohnten, waren wie Fäden, die in der Tigergasse zusammenliefen. Ein riesiger Knäuel, der seine Fäden in die Wohnungen entwirrte.
Die Haushälterin vermutete, aber so genau wusste sie es nicht, dass die Bewohner sich in ihre Wohnungen zurückzogen, sich zurückzogen und einschlossen, weil sie sich schützen wollten, weil die Welt da draußen gefährlich war, und wenn sie das nicht war, dann war sie merkwürdig, dann war sie zumindest seltsam. Ins Treppenhaus drang noch die Außenwelt, die zu viel hörte und zu viel sah, während die eigenen vier Wände das Private vom Öffentlichen abriegelten.
Die Haushälterin verstand die Scheu der Menschen vor der Straße, und es war ihr ein Anliegen, ihren bescheidenen Beitrag zu leisten, den Bewohnern ein Mindestmaß an Sicherheit und Geborgenheit im Haus in der Tigergasse zu bieten, für das sie doch auch verantwortlich war. Sie fragte, wie es denn so gehe, erkundigte sich nach dem Studienfortschritt der Tochter und dem Wohlbefinden des Enkels. Die Haushälterin dachte, wenn sie mit den Bewohnern spräche und genug über deren Leben wüsste, dann würde sie die Grenzen zwischen ihnen wahren können, dann würde sie vermeiden, dass der eine Nachbar dem anderen zu aufdringlich würde, weil sie zuvor den möglichen Aufdringling über die Befindlichkeiten seines vermeintlichen Opfers in Kenntnis gesetzt hätte. Aber die Bewohner weigerten sich mitzuspielen. Die Haushälterin war jedoch kein Mensch, der schnell aufgab, der die Flinte ins Korn warf, wenn ihm mal ein Lüftchen ins Gesicht wehte.
Sie wartete im Treppenhaus auf die Menschen, und während sie da so wartete, auf der Treppe, die Risse und Sprünge in den Wänden musterte und das rostige Geländer, da dachte sie oft daran, dass die Menschen in der Menschheitsgeschichte im Grunde nichts anderes getan hätten als zu warten.1 Sie wartete, und es störte sie nicht zu warten. Das Warten war keine Zumutung. Das war es für sie nie gewesen. Das Warten war ihr Privileg, nicht das der sie warten Lassenden. Denn die, die warten ließen, wussten das ja nicht, dass sie da jemanden warten ließen, auch wenn sie es mit der Zeit wohl ahnen konnten. Sie wartete, bis jemand ins Treppenhaus kam, ins Treppenhaus trat, da wartete sie und freute sich. Das Warten war sehr aufregend, Langeweile kam nicht auf. Hätte sie nicht warten können, hätte sie Angst gehabt etwas zu verpassen. Das Warten war eher ein Abwarten, das sie manchmal mit Unruhe und Vorfreude, einer Anspannung und Gestimmtheit auf ein bestimmtes Ereignis erfüllte. Sie schaute niemals auf die Uhr, wenn sie auf einen Bewohner wartete. Das wäre ein Zeichen dafür gewesen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Oft vergaß sie, wie spät es war, wie lange sie da im Flur gestanden und gewartet hatte, bis jemand vorbeikam. Das Warten schien wohl ihre Sache, ihre Angelegenheit zu sein. Das Warten im Treppenhaus war wohl haushälterinnenspezifisch.
Das Treppenhaus war ein unwirklicher Ort. Die Haushälterin dachte daran, sie stellte sich vor, wie es denn wohl so wäre, wenn sich die Bewohner mit ihr freiwillig unterhielten, wenn sie sich von ihr nicht an die Wand gestellt fühlten, ja, wenn sie sogar auf sie zugingen, von sich aus. Irgendwie wichen sie ihr aus, sie verweigerten sich ihr, dem Spiel, und sie ließen das Treppenhaus verschwinden. Sie wollten nicht, was ihr vorschwebte. Die Haushälterin wartete auf eine Vorstellung, die nie wirklich wurde. Sie wartete auf etwas, das es nicht gab. Aber indem die Haushälterin an die Bewohner dachte, waren sie ja da. Sie war abhängig von ihnen. Sie holte sie ins Treppenhaus, indem sie an sie dachte. Das Treppenhaus war ein unwirklicher Ort, aber er war real. Er war ein Ort, an dem man etwas über sich selbst erfahren konnte.
1 »Warten lassen: ständiges Vorrecht jeder Macht, 'jahrtausendalter Zeitvertreib der Menschheit'.« Barthes, Roland: Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt/M. 1988, S. 100.
Das Haus stand in der Tigergasse, Hausnummer 8. Es hatte vier Etagen. Ein Bau der späten Vierzigerjahre. Ein Implantat zwischen gründerzeitlichen Hochhäusern. Graue Fassade. Es passte nicht in die Straße. Aber es war nun einmal da. Winfried Bottem las Zeitung. Es spielt keine Rolle, wer Winfried Bottem war, was er tat, was er getan und was er nicht getan hatte. Winfried Bottem war ein Mensch, wie es viele andere waren. Das Leben Winfried Bottems war bedeutungslos, weil jeder Mensch im Grunde bedeutungslos ist. Der Mensch, so auch Winfried Bottem, er wohnte im grauen Haus, im unpassenden Wohnblock in der Tigergasse, war nur bedeutend, weil er daran glaubte es zu sein. Objektiv betrachtet war Winfried Bottem bedeutungslos. Winfried Bottem las jedoch bedeutende Dinge, Begebenheiten, die andere bedeutungslose Menschen getan hatten. Die Bedeutung menschlichen Lebens erschließt sich nur in der Wahrnehmung ihrer Taten. Das Handeln der bedeutungslosen Menschen scheint erst dann bedeutend zu werden, wenn andere diese wahrnehmen. So war auch Winfried Bottem. Winfried Bottem las die Allgemeine. Die Allgemeine war Winfried Bottems Zugang zur Welt. Die Allgemeine, so sagte Winfried Bottem, sei der historische Zugang des gegenwärtigen Menschen zur Welt. Winfried Bottem war Historiker. Winfried Bottem meinte jedenfalls Historiker zu sein. Winfried Bottem hatte Geschichte studiert. Winfried Bottem hatte aber, behauptete er selbst, das Studium der Geschichte nicht abgeschlossen. Vor fünfzehn Jahren hatte er sich in Geschichte promoviert, er sei aber nie ein wirklicher Historiker geworden. Die Schuld daran lag nicht bei Winfried Bottem. Denn Winfried Bottem war Zeithistoriker. Winfried Bottem liebte die sogenannte Zeitgeschichte. Seine Kollegen am Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte hatten für die Zeitgeschichte kein Verständnis. Winfried Bottems Kollegen waren ahistorische Persönlichkeiten, die immer wieder das Werden des Menschen betonten, für Geschichte jedoch überhaupt kein Gespür hatten. Das dachte Winfried Bottem, und er verachtete sie dafür. Seine Verachtung für seine Kollegen hatte Winfried Bottem sich niemals anmerken lassen, geschweige denn er hätte irgendetwas in diese Richtung geäußert oder auch nur eine Anspielung gemacht. Nicht weil Winfried Bottem auf seinen Ruf, die Soziabilität, wie er sagte, Wert gelegt hätte. Es war ihm einfach egal. Winfried Bottems Kollegen waren Winfried Bottem von Grund auf gleichgültig. Es waren gleichgültige Menschen, die tagaus, tagein in ihre zwölf Quadratmeter großen Büros fuhren, sich an ihre Schreibtische setzten und dann glaubten zu denken. Winfried Bottems Kollegen waren ihm von Grund auf verachtenswerte Gestalten, dachte Winfried Bottem, ohne weiter seine Abscheu zu vertiefen. Denn es war mehr als nur bloße Verachtung, sie paarte sich mit Angst, und die Abkehr war innerer Natur.
Im September hatte Winfried Bottem eine Dachgeschosswohnung in der Tigergasse, Hausnummer 8 bezogen. Es war eine kleine Wohnung. Für Winfried Bottem war sie überschaubar. Die Dachgeschosswohnung in der Tigergasse, Hausnummer 8 hatte alles, was eine Wohnung wohnenswert machte. Es war die richtige Wohnung für Winfried Bottem. Hier fühlte er sich geborgen. Die Dachgeschosswohnung in der Tigergasse, Hausnummer 8 war Winfried Bottems Wohnung. Winfried Bottem wusste, wie man eine Wohnung einrichtet. Er war kein Dummkopf. Winfried Bottem hatte einmal gesagt, das Einrichten einer Wohnung zeige den Menschen. Aber Winfried Bottem hatte im Augenblick anderes im Kopf. Winfried Bottem konnte nicht seiner Leidenschaft nachgehen. Das war es, was die Leute über Winfried Bottem sagten, und die Leute wussten nicht wirklich viel über Winfried Botem zu berichten. Winfried Bottem war ein Mensch, der außerhalb jedweder Erzählungen stand. Das Einzige, was man über Winfried Bottem erzählte, war, dass Winfried Bottem wusste, wie man eine Wohnung einrichtet.
Winfried Bottem hörte den einen Klang in seinem Kopf, immer wieder den einen, hin und her ging es zu in seinem Kopf, und es missfiel ihm nicht. Es beruhigte ihn. Das Hin und Her fokussierte seine Aufmerksamkeit. Er war dann ganz bei sich, so als schaute er auf sich selbst, und in dem einen flüchtigen Augenblick der Selbstbeobachtung fühlte er, was zu tun, was zu ändern war. Aber Winfried Bottem wusste nicht, wie er sein Gefühl in die Tat umsetzen konnte. Der Augenblick der Ernüchterung war ernüchternd. Das war Winfried Bottems Schicksal. Vermutlich sind die Momente, in denen Menschen alles ganz klar sehen, deshalb nur so kurz. Sie führten ansonsten zur Verzweiflung. Winfried Bottem ging solchen Augenblicken aus dem Weg, und doch sehnte er sich nach ihnen. Dann fühlte er sich als ein besserer Mensch, als ein anderer Winfried Bottem, der er nicht war, der immer wieder auftauchte, besinnlich, überlegt, nachdenklich. Dieser Winfried Bottem, der andere, der alte Bekannte, der unbekannte Vertraute kam und verschwand. Das wussten die Leute nicht.
Winfried Bottem lebte unter Nachbarn, die, wie alle Menschen, die Tür an Tür leben, mit der Zeit zu neugierig werden, sei es, weil sie das Vertraute wollen und das Unbekannte fürchten, sei es, weil sie sich einfach nur langweilen. Nur im Treppenhaus begegneten sie einander, und ein unscheinbares Kopfknicken, ohne dem Gegenüber in die Augen zu schauen, war das Einzige, was sie von Winfried Bottem kannten. Distanzierter Voyeurismus in nächster Nähe – aus nächster Nähe? – im kalten Blitz getaucht. Das ist die Naked City, frontal und ausgeleuchtet, behütet von der Anonymität der dunklen Nacht.2
Seit nunmehr zweieinhalb Jahren hatte sich Winfried Bottem in seine und in seiner Wohnung zurückgezogen. Im Sommer vor dem großen Aufstand hatte Winfried Bottem der Welt, wie er sie kannte und so, wie sie für ihn war, den Rücken gekehrt. Ein für alle Mal, hatte er sich geschworen. Er konnte den unausgesprochenen lebendigen Hass nicht ertragen, mit dem die Menschen einander begegneten, sich mit belanglosen Worten in unbedeutenden Gesprächen austauschten, und Winfried Bottem beging nicht den Fehler, diese Bereitschaft zu verletzen, sie mit einer Freundlichkeit der Ignoranz zu verwechseln. Bevor er an den Menschen zugrunde ging, entzog er sich ihren Klauen. Und dass die Menschen sind, was die Welt ist, auch wenn das nicht stimmte, wie er sich eingestehen musste, denn die Summe aller Teilchen ist immer etwas anderes und bleibt nie, wie sie ist und zu sein vorgibt, weil jedenfalls die Menschen und die Welt nur zusammen existierten, hatte Winfried Bottem keinen anderen Ausweg als den weltlichen und menschlichen Rückzug finden können. Die Menschen hielten ihn sicherlich für pathologisch, dachte er. Aber zu denken, wie andere über ihn urteilten, machte keinen Sinn. Denn es war eine Frage, die ihm niemand stellte, weil ihn niemand mehr kannte, weil Winfried Bottem einen totalen Rückzug, den Weltentzug in seiner radikalen, wenn auch nicht radikalsten Weise, denn das konnte nur der Tod sein, gewählt hatte und weil das niemand außer Winfried Bottem selbst wusste und in Erfahrung hatte bringen können, dass er, Winfried Bottem, der seit nunmehr zweieinhalb Jahren die Dachgeschosswohnung in der Tigergasse, Hausnummer 8 nicht mehr verlassen hatte, den Menschen entsagte.
Winfried Bottems Pathologie existierte ja im Grunde nicht. Der Entzug der menschlichen Beziehung kam einer Freiheit gleich, die Winfried Bottem den größten aller Spielräume bescherte, die Menschen erringen, der Welt und den Menschen abringen können. Die Menschen, dachte Winfried Bottem, hätten ihn, wüssten sie seiner Enthaltsamkeit, für einen Verrückten gehalten, manisch oder sogar wahnsinnig, wie all die Ausgesperrten und Ausgegrenzten im neunzehnten Jahrhundert. Sie hätten sich gefürchtet, und dann wird es immer gefährlich, ihn belächelt oder im schlimmsten Fall bedauert. Die Dachgeschosswohnung in der Tigergasse, Hausnummer 8 war für Winfried Bottem kein Gefängnis, sie war ein wahr gewordener Ort seiner menschlichen Freiheit, der Sehnsucht und Furcht. Die Menschen hätten seinen Entschluss für das traurige Ergebnis einer pathologischen Zwangsläufigkeit gehalten. Aber das war nicht möglich. Kein Mensch wusste von Winfried Bottem. Niemandem war bewusst, dass Winfried Bottem existierte. Der Rückzug in die Einsamkeit vernichtete den sozialen Menschen Winfried Bottem. Niemand würde ihn mehr kennenlernen, und bei denjenigen, die ihn kannten, verflüchtigte sich alsbald die Erinnerung. Es war nur eine Frage der Zeit, wie das ganze Leben ein Zeitspiel, ein Spiel auf Zeit ist. Warum sollte sich Winfried Bottem daher Gedanken über etwas machen, was ihn nicht betraf? Die Selbstauslöschung Winfried Bottems bescherte ihm die größte aller selbstgewählten Freiheiten: Anonymität. Er hatte es nicht verdient, von anderen beachtet zu werden, und Fürsorge war in seinem neuen Leben keine Sorge mehr. Der Rückzug aus dem Leben, wie es alle anderen führten, das dachte Winfried Bottem, denn ob es tatsächlich so war, entzog sich Winfried Bottems Vorstellung. Das vielleicht war der einzige Preis seiner sozialen Nichtexistenz, die Vermutung des Äußeren, das unstillbare Verlangen zu denken, die Welt neu zu entwerfen, sich zu wünschen, das Äußere zu verfluchen, sich der Sinnlosigkeit und Belanglosigkeit dieser Gedankenspiele bewusst zu sein, aber nicht anders zu können, und das schien für Winfried Bottem unumgänglich.
In den letzten zwei Jahren vor seinem Entschluss des Rückzugs aus der Welt und Entzugs von der Welt dachte Winfried Bottem an die möglichen Entbehrungen, die ein Leben in Abgeschiedenheit mit sich brächte. Da konnte er sich kaum noch an die wenigen Augenblicke auf der Straße erinnern, zurückerinnern. Gedanken, wie er der Welt entflohen war, verflüchtigten seine Erinnerungen, um dem Leben in seinen unzähligen Clustern der Hoffnung Platz zu machen. Welt und Leben wurden für ihn immer mehr zu einem Widerspruch. Er hatte die Menschen schon immer nicht verstanden, wie sie auf Bettlaken getrocknete Spermaflecken als organischen Ausweis ihrer Liebe schätzen und diejenigen verfluchen konnten, die diese Spuren verkannten. Liebe, das war für Winfried Bottem nichts weiter als einkalkulierte Vergütung, die niemanden etwas kostete, aber allen nutzte.
Liebe band Menschen aneinander wie die Bildungsinstitutionen den Dummen an die Gesellschaft. Das Gesellschaftliche lernte der Mensch von Kindesbeinen an. Überhaupt machte ihn Schule zum Menschen, zum gesellschaftsfähigen Individuum züchteten ihn die staatlichen Bildungsinstitutionen heran, und er lernte zu gehorchen im Glauben an die humanistische Freiheit. Es gab kein Entkommen vor diesen Schlingen des Lebens, die einem den Hals zudrehten, bis zum letzten Atemhauch der eigenen gottgegebenen Natur. Und irgendwann hatten die Bildungsinstitutionen dieses Landes den geborenen Menschen vernichtet, denn nur in dem kurzen Moment der Geburt, des Geborenwerdens, entzieht sich der Mensch, ohne es zu wissen und ohne danach zu streben, der Gesellschaft, dem System, seinem Untergang. Ohne Vorstellung von Freiheit ist der Mensch am freiesten. Die Begriffslosigkeit der Welt ist die einzige Bedingung von Freiheit. Heute ist der Mensch von Beginn seiner Zeugung an gefangen im medizinisch-technologischen Spinnennetz humanfürsorglicher Zwänge, das sein eugenisches Programm zur Züchtung der freiheitlichen Bürgerindividuen perfektioniert hat. In the Flesh? Der Rückzug aus der Welt zerschneidet die institutionellen Schlingen und Fänge. Der Mensch muss sich aus der Welt zurückziehen, um Mensch zu sein, dachte Winfried Bottem. Der Entzug, das Sich-zurück-Ziehen von der Institution schien für ihn eine unabänderliche Notwendigkeit, die conditio humana schlechthin, die Geburt des gesunden Menschenverstandes. Die Schule bindet den Menschen, die Universität gibt vor, ihn zum selbständigen Denken zu erziehen. Aber die Erziehung ist eine faule Sache. Sie lehrt den Menschen gegenüber anderen Menschen zu glänzen, und der Glanz verschränkt den Blick vom wahren Kern der erbärmlichen Existenzen. Letztlich bleibt kein anderer Ausweg als der geistige Entzug. Nach dem Studium ist es für den vernünftigen Menschen einziges Gebot, den Institutionen den Rücken zu kehren.
Aber Winfried Bottem war kein uneinsichtiger Mensch. Er wusste genau, zur Vorsicht war geboten, denn alle Begriffe waren besetzt, kein Wort war unschuldig. Jeder Satz konnte in die Irre führen. Indem wir unser Schicksal benennen, liefern wir uns ihm aus. Die Sprache kennt keine Gnade. Winfried Bottem dachte an die Unterhaltung zwischen Krzeminski und Clark. Er hatte das Gespräch der beiden Historiker belauscht. (Sie kennen es nicht. Ich gebe mir Mühe es Ihnen nachzuerzählen.) Krzeminski war seit Jahren ein geachteter Journalist, ein Grund ihm zu misstrauen, hatte Bachmann einmal gesagt. Der Journalismus ist seinem Publikum etwas schuldig. Kein Zeitungsleser schlägt seine tägliche Lektüre auf, ohne eine bestimmte Erwartung an sie heranzutragen. Der Zeitungsleser giert nach Bestätigung seines Gefühl, seiner konturlosen Gedanken, die er in Worte zu fassen außerstande ist. Schließlich liest er ja Zeitung. Daran sei stets zu denken, dieser Standpunkt sei immer zu berücksichtigen, dachte Winfried Bottem, als er sich an Bachmanns Worte erinnerte. Clark hingegen war ein gestandener Mann. Er lehrte am renommiertesten historischen Seminar des Landes und hatte sich zum ersten großen Krieg promoviert und dann noch habilitiert. Er war ein Mann vom Fach, und keiner konnte ihm so leicht etwas vormachen. Auch nicht der Journalist Krzeminski, mit dem ihn eine längere Bekanntschaft verband. Denn Clark war ein Mensch, der sich von der Institution nie hatte lösen können, der außerstande war sich dieser zu entziehen. Er war ein gebildeter Mensch, der verstanden hatte, ohne viel darüber nachdenken zu müssen, das war eine große Gabe, sich auf dem wissenschaftlichen Parkett zu bewegen. Als vielversprechender junger Student hatte er mit unnachgiebigem Eifer sich seinem Geschichtsstudium gewidmet. Der Weltentzug bestand für ihn darin, in der Vergangenheit zu leben.
Ganz so war es aber nicht, dachte Winfried Bottem. Winfried Bottem, der zwei Vorlesungen bei Clark besucht hatte, erkannte ihn sofort als einen Menschen, der in zwei Welten lebte. Für ihn war Clark ein schimärisches Wesen, besser gesagt eine schimärische Gestalt, ein Grenzgänger zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Er liebte die Geschichte, denn in ihr kannte er sich aus, und er berichtete seinem Publikum über die Vergangenheit. Das hatte Winfried Bottem in seiner zweiten Vorlesung bei Clark erkannt. Das war auch der Grund, weshalb er dann den Vorlesungen von Clark den Rücken gekehrt hatte. Überhaupt interessierte ihn die Universität seitdem nicht mehr. Er fühlte sich von Clark verraten. Clark war ein Prediger der Geschichte, ein Geschichtenerzähler im wahrsten Sinne des Wortes. Im Grunde genommen war er nicht anders als der Journalist Krzeminski.
Es war ein verregneter Augustnachmittag im achten Bezirk. Es ging um die Frage nach der Schuld. Es ging um die große Schuldfrage. Aber Winfried Bottem wurde damals den Eindruck nicht los, als sei das Ganze nicht mehr so wichtig, als sei alles schon einmal gesagt, und als sei dem Gesagten bereits widersprochen, und auch das Widerlegte sei seinerseits hinterfragt und sowieso alles auf den Kopf gestellt worden. Das Neue hatte es schon gegeben. Alles kehrt wieder. Geschichte wiederholt sich nicht, aber die Erzählungen, denn der Mensch ist vergesslich. Daher werden wir uns niemals langweilen. Das oder zumindest Ähnliches hatte Bachmann zu Bottem gesagt, erinnerte sich Winfried Bottem. Er hatte das Gespräch zwischen Clark und Krzeminski moderiert. Er hatte ihnen beiden Fragen gestellt. Es war sein k. u. k.-Abgesang auf das alte Leben, das viele kannten und sich heute noch mehr nach ihm sehnten, hatte Bachmann seine damalige Rolle mit Spott und Verachtung kommentiert.
Eigentlich hatte er, als ihn die Einladung für die Podiumsdiskussion erreichte, absagen wollen. Er hatte längst keinen Gefallen an solchen Veranstaltungen mehr finden können. Es war damals eine andere Zeit. Zwar sind seither kaum zehn Jahre vergangen, aber, ja, es war nun einmal alles anders. Die Zwänge der Zeit, hatte Bachmann gegenüber Winfried Bottem geraten, zwängen ihn auf die Mitte des Podiums. Eine ausweglose Diskussion. Also beschloss er, der Bitte nachzukommen, die Einladung dankend anzunehmen und Fragen zu stellen. Neunzig Minuten hatte er sich zum Maßstab gesetzt. Das war schon immer ein üblicher Zeitrahmen für derartige Veranstaltungen gewesen. Neunzig Minuten würde auch Bachmann überstehen, hatte er Winfried Bottem zwei Tage vor dem Gespräch verraten. Er hatte es gestanden, dachte Winfried Bottem später. Denn das wusste niemand außer ihm, dachte Winfried Bottem. An Bachmanns Geheimnis teilzuhaben, hatte ihn im ersten Augenblick verzaubert, in dem Moment, als Bachmann diese magischen Worte der eigenen Endlichkeit ausgesprochen hatte. Sie waren aus dem Nichts kommend regelrecht auf ihn eingedroschen, so als sei das der eigentliche Grund für ihre Unterhaltung gewesen. Für Winfried Bottem war es das jedenfalls, auch Bachmann schien die unangemessene Anstrengung, die seinem Gegenüber ins Gesicht geschrieben stand, nicht entgangen zu sein. Aber wie verzückt er auch war, sein großes Vorbild in einen Menschen verwandelt zu haben, seine Freude über seinen Sieg, den er errungen hatte, war schon beim nächsten Gedanken verflogen, und diese Erkenntnis betrübte ihn sehr. Er hatte Mitleid mit Bachmann. Es war das erste und das einzige Mal gewesen damals vor Bachmanns Moderation. Bachmann, dachte Winfried Bottem später immer wieder, hätte ihm nicht zu viel verraten dürfen. Er hätte es dabei belassen sollen, dass ihn das Gespräch nicht interessiere und die Zeit nun mal so sei, wie sie war, dass die Zeit- und Lebensumstände ihn, Bachmann, wie so viele andere dazu gezwungen hätten. Die Zeit hätte ihm das Gespräch aufgezwungen, ihn an die Wand gestoßen, und er hätte sich umgedreht, weil er sich hätte umdrehen müssen, weil er schließlich nicht durch Wände hätte gehen können und weil er dieser von allen verfluchten Zeit in ihr gesichtsloses Antlitz hätte schauen müssen und keinen anderen Ausweg sehen können. Das hätte ihm gereicht, versicherte sich Winfried Bottem selbst. Das hätte er, wie jeder andere selbstverständlich auch, verstanden.
Mit Nachdruck hatte Bachmann kundgetan, dass es länger nicht sein dürfte, das hatte er sogleich hinzugefügt. Neunzig Minuten sei das Maximum seiner Möglichkeiten, das absolute Limit, die finale Grenze, die Absolute seiner Reizbarkeit. Länger als neunzig Minuten, da war er sich ganz sicher, wie er mit geballter Faust auf den Holztisch schlug, würde er nicht überstehen. Er würde an der Zeit noch zugrunde gehen, hatte er befürchtet. Mehr hatte er dann nicht gesagt, sich die Nase geschnäuzt, den Scheitel zurechtgestutzt, einmal kräftig durchgeatmet und war auf die Bühne gegangen. Die Zuschauer hatten ihm nichts angemerkt. Wie gewohnt hatte er das Publikum, anschließend die beiden Diskutanten begrüßt und die erste Frage gestellt. Winfried Bottem erinnerte sich. Es war keine gute Frage, denn das wäre eine von der Sorte gewesen, die das Gegenüber aus der Fassung bringt. Bachmann hatte seine Frage an Clark, der zu seiner Rechten saß, gerichtet. Er hatte sich in seinem Korbsessel leicht nach vorne gebeugt, beide Hände auf sein rechtes Knie gelegt, so als stütze er das Gewicht seines ganzen Körpers mit dieser Geste, und während er das tat, fragte er Clark, was denn nun das Neue an seiner neuesten Arbeit sei. Bewusst hatte er das Wort Untersuchung vermieden. Es war ihm schon auf der Zunge gelegen, aber auf die schien er dann gebissen zu haben. Denn Bachmann war ein sehr vorsichtiger Mensch. Die Wissenschaftler, die sich in die Öffentlichkeit trauten, fürchteten ihn.
Wie zahnlos er aber an diesem Abend war, wusste nur Winfried Bottem, der hinter der Bühne dem Gespräch lauschte. Bachmann jedenfalls bezweifelte, dass Clark in seinem neuesten Buch einen gewichtigen Beitrag zur Erforschung der Ursachen des ersten großen Krieges geleistet hatte, vielleicht einen wichtig, aber gewiss keinen gewichtigen. »Das ist doch schon alles einmal dagewesen«, war ihm gleich zu Anfang herausgerutscht. (Carlyle hatte das wohl behauptet, fragte sich Clark, aber er musste hier fortfahren.) Er schien nicht mehr der Alte zu sein, dachte Winfried Bottem. Bachmann war schon immer sehr vereinnahmend gewesen. Auch wenn man sich sicher war, ja, sich sicher sein konnte, Bachmann überführt zu haben, belehrte dieser einen eines Besseren. Er tat das nicht sofort. Die Zeit war Bachmanns größter Trumpf, wie sie sich damals gegen ihn zu wenden schien. Bachmann hatte Klasse. Er sagte zunächst kein Wort, schaute einen nur an, sein Blick musterte und durchdrang sein Gegenüber. Er war, wie die Menschen dann sagten, eine präsente Persönlichkeit. Clark hatte Bachmanns Vorwurf sofort von sich gewiesen. Es ginge ihm weder um Personen oder Schuld noch forderte er etwas von irgendjemandem. Im Mittelpunkt seiner Gedanken stand das Dynamische. Clark interessierte die Dynamik der Geschichte, die die Menschen durchdrang, die in ein soziales Netz versponnen, in diesem gefangen waren, die sich als Opfer fühlten und so lebten und so handelten, ohne auf die Idee zu kommen, an einem Faden zu ziehen und das ganze Geflecht entwirren zu können. Das, was Clark forderte, war eine neue Moral in der Wissenschaft. Die Menschen, so Clark, hätten die Vergangenheit nicht verschuldet, aber sie trügen die Schuld für die Zukunft seit ihrer Geburt mit sich. »Sie müssen sich vorstellen …«, Clark wandte sich nun direkt an seine Zuhörer. Mit weit aufgerissenen Augen, die buschigen grauen Augenbrauen nach oben gezogen, und einem bedeutungsvollen Timbre in seiner Stimme umriss er die bisherige Geschichtsschreibung zum großen Krieg. Immer wenn Clark den Zeigefinger seiner rechten Hand vor die Brust hob und mit ihm auf das Publikum zeigte – es schien, als zeichnete er lauter ellipsenförmige Ringe in die Luft –, wenn sein Finger kreiste, wusste jeder, er habe etwas Wichtiges, ja Bedeutendes gesagt. Von den tollkühnen Entscheidern in Uniform, die die ersten Akteure auf dem historiografischen Parkett als die Schuldigen ausgemacht hatten, um zu zeigen, dass wir heute ganz, aber ganz, ganz anders seien, über die großen abstrusen Mythen mentalitätsgeschichtlicher Apotheose einer Nation – der Nation, die eine war wie jede, aber für sich kannte man nur sich – hin zu den noch größeren, verborgeneren und daher auch aufschlussreicheren, zumindest vielversprechenderen Strukturen und ihren menschlichen Marionetten. Daran schloss Clark an. Die Menge war gebannt. Clark behauptete, Geschichte könne sich eben doch wiederholen. Er sagte nicht, dass die Geschichte sich wiederhole, dass aber, wenn diese und jene Umstände, Konstellationen einträfen, Himmelskörpern am unendlichen Firmament gleich, dann sei es durchaus möglich, dass diese und jene Personen, auf diese und jene Art und Weise handelten, wie es die Geschichtenerzähler in ihrer Geschichtsbüchern ausmalten. Und wenn das einträfe, Clark führte das an dieser Stelle nicht genau aus, er sprach in allgemeinen Begriffen, wie es sich für einen guten Strukturalisten nun mal gehört, dann sei Geschichte als geschichtslose Gegenwart möglich.
Niemanden außer Krzeminski schien Clarks Unschärfe, zweifelsfrei seinem konzisen Anspruch an den eigenen Verstand geschuldet, zu stören. Selbst Bachmann war, erinnerte sich Winfried Bottem, irgendwie abwesend, irgendwo schweiften seine Gedanken im Raum, aus dem Raum vermochten sie aber nicht zu fliehen. Winfried Bottem hatte damals von Agnieszka noch nichts gehört, es war Bachmanns Geheimnis, sein Lebensgeheimnis, das niemanden etwas anging, als Clark seine Ausführungen darlegte, er breitete den roten Teppich für seine Schlusspointe aus, und alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Clark, der Fluchtpunkt einer nach Antworten lechzenden Menge. Antworten waren es jedoch nicht, nach denen sich die meisten damals sehnten. Clark hatte vielleicht doch recht, es waren Entschuldigungen, die sie begehrten, ohne die sie nicht leben konnten, nach alledem, was passiert war. Clark nahm diejenigen, die den großen Krieg zu verantworten hatten, nicht aus der Verantwortung, aus ihrer Verantwortung, wie er mit Nachdruck bemerkte. Der Mensch war für Clark zwar ein Gefangener seiner Selbst, aber, wie verwoben er in den Stricken gesellschaftlicher Unmündigkeit immer auch gewesen sein mag, zum Handeln befähigt, dazu war der Mensch immer bereit, und die Möglichkeit zu handeln, zu tun, das eigene Denken zu veräußern, das war immer auch die Möglichkeit, sich schuldig zu machen. Clark sprach über den großen Krieg und was ihm vorschwebte, war nicht nur dieses eine umwälzende Ereignis, das Weltereignis jüngster Vergangenheit. Da war noch mehr. Es war eine Kritik am Menschen, am Menschsein, wie wir uns Menschen heute als Menschen verstünden, wie wir unsere Taten definierten, erklärten und rechtfertigten.
Es waren nicht die großen weißen Generale, die von ihren Feldherrenhügeln auf die Soldaten starrten, die wie kopflose Ameisen hin und her wetzten, in der Hoffnung jemand oder etwas würde ein Signal geben, dass sie von ihrem trostlosen Tun erlöste, das sie nicht verstanden, dessen Gründe man ihnen verschwieg, und das alles interessierte sie nicht. Nichts dergleichen geschah. Und keiner der Befehlshaber hätte nach bestem Wissen und Gewissen seine Soldaten in das Maschinenfeuer der Feinde geschickt. Auch wenn dann schon bald solche Befehle erteilt wurden – der General befahl, und der Soldat rannte in die Mündung eines anderes Soldaten, dem ein anderer General befohlen hatte, auf alles und jeden zu schießen –, so war es doch etwas anderes, weil der General, der seine Soldaten in den Tod schickte, der von jedem Einzelnen dazu noch erwartete, seinerseits die anonymen und verfeindeten Kameraden mit in den Tod zu reißen (nur in der Todes- und Sterbeforderung erlangte der Soldat ein Gesicht, dachte Winfried Bottem), auch dafür nichts konnte. Auch er war nur Teil eines größeren Ganzen, dass sich in seiner Gestalt und seinem Ausmaß niemandem erschloss, ja, vielleicht wusste niemand um die Existenz des großen Ganzen.
»Nehmen Sie nur die Ereignisse im Juni.« Clark legte seine Argumentation schlüssig dar. »Versuchen Sie zu verstehen, wie alles ineinandergreift, wie sich das gegenseitig hochschaukelt. Wenn im Juni ein Unbekannter, ein Student, ein vollkommen unbedeutendes Individuum, wie viele sagten, einen Schuss löste, was er schließlich auch tat und die Kugel die ungläubigen Gesichter der geistlosen Menge für immer zeichnete, dann müssen Sie doch zugeben, dass das alles verändert hat, dass manchmal eine kleine Handlung genügt, wenn alles zusammenpasst, die Sterne in einer bestimmten Konstellation stehen, dass es dann ausreicht, nur mit einem Hauch das Weltgeschehen zu verändern, es nachhaltig zu beeinflussen und die Welt, wie man sie kennt, aus den Angeln zu heben.«
»Sie erinnern sich sicherlich an diesen Ablauf?«
»An diese Abläufe, meinen Sie?«
»Ja, daran. Sie haben recht.«
»Ich meine nur, Sie wissen, dass ich Ihnen im Großen und Ganzen ja schon zustimme, Sie sind ein herausragender Wissenschaftler und ein hervorragender Mensch, möchte ich sagen, Sie wissen ja aber, Sie kennen mich ja schließlich auch, schließlich ist es ja nicht das erste Mal, dass wir aufeinandertreffen, aufeinandertreffen, ja. Schließlich ist es ja nicht nur ein zufälliges Beisammensein zum Plauschen. Sie wissen ebenso gut wie ich, dass wir beide hier, dass wir einander keine Neuigkeiten austauschen. Was Sie sagen und was ich denke, das ist uns beiden bewusst. Ja, Sie wissen das ganz genau. Aber das tut hier auch nichts zur Sache.«
»Worauf wollen Sie hinaus?«
»Nun, ich …«
»Und eines bitte noch. Sprechen wir über das, was besprochen werden muss, aber lassen Sie mich als Menschen außen vor. Sie wissen genau, dass ich kein Freund von Sentimentalitäten bin.«
»Zurecht sind Sie das nicht.«
»Bitte.«
»Ja.«
»Sie waren bei der Pluralität des Weltgeschehens.«
»Ich habe dessen Singularität geleugnet.«
»Das stimmt.«
»Stimmen Sie mir zu?«
»Selbstverständlich, ich stimme Ihnen zu.«
»Ja, ich möchte noch einmal auf die Geschehnisse vom Juni zurückkommen. Denn, das mag die Ironie der Geschichte sein, der Schuss, den der Student löste, setzte ein Prinzip außer Kraft und ein neues in Gang.«
»Das ist wohl eher ein Wortspiel. Sie mögen mir diese Bemerkung verzeihen.«
»Ja, Sie haben recht. Aber das Letzte, das hätten Sie sich ruhig verkneifen können.«
»Das stimmt. Entschuldigen Sie mich dafür, bitte. Sie wissen ja, wie ich bin.«
»Ich kenne Sie. Ich wollte Sie darauf nur aufmerksam machen. Auch für Menschen in unserer Position schadet es nicht, von Zeit zu Zeit an soziale, an zwischenmenschliche Konventionen erinnert zu werden.«
»Na ja, wie dem auch sei. Kommen wir auf den Juni zurück.«
»So soll es sein. Dass alles ineinandergreift, wie Sie behauptet haben.«
»So ist es. Friedrich versichert Franz seine Unterstützung bei einer Strafaktion gegen Aleksandr. Hollande besucht in dieser Zeit Peter. Franz teilt Aleksandr sein Ultimatum mit, zwei Tage darauf den Krieg, Peter lässt das nicht auf sich sitzen und sattelt die Pferde, was Friedrich rasend macht und er selbst in die Schlacht zieht.«
»Eines führt zum anderen.«
»Sie sehen es doch.«
»Niemand ist schuld?«
»Sehen Sie doch. Niemand ist schuld, ja. Aber es gibt doch da so etwas wie die Schuld in Relation, möchte ich sagen.«
»Die Schuld in Relation?«
»Ja. Jeder fand sich in einer bestimmten Konstellation vor, und mit jedem meine ich alle, nicht nur Friedrich, Franz, Hollande, Aleksandr und Peter, nein, alle, von der Bäckersfrau in der Taborstraße über den Schuhmacher in der Pazmanitengasse bis zum Fleischhauer in der Leopoldstadt.«
»Da bringen Sie ein paar schöne Beispiele.«
»Sie wissen doch, worum es mir geht.«
»Sicherlich, das heißt ich vermute es.«
»Nehmen Sie von mir aus die Weender Landstraße, die Rue Mouneyra oder die Kubinskaya Ulica. Das spielt keine Rolle! Es geht doch darum, das wir alle in einer bestimmten Zeit mit ihren eigenen Regeln und in bestimmten gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Verhältnissen aufwachsen, die uns prägen, unser Denken, unser Handeln, unser Fühlen, ja, kurzum: uns.«
»Wir sind In-die-Welt-Geworfene!«
»Ja, das können Sie so sagen. Aber wir gestalten diese Welt immer auch mit. Es ist ja nicht so, wie so mancher Apologet der Geschichte den Menschen aus philanthropischer Verblendung heraus entschuldigt.«
»Die Zeit der Persilscheine ist vorbei?«
»Die Zeit der Persilscheine ist endgültig vorbei! Ich bezweifle ohnehin, dass es sie jemals gegeben hat. Aber wir müssen endlich einsehen, dass Geschichte etwas Wandelbares ist. Geschichte, das ist das Einzige, was sich ständig dreht und verändert, und auch wenn es uns manchmal so vorkommen mag, als drehe sich alles im Kreis, so ist es doch immer unsere Sicht auf die Dinge, die alles drehen, im Kreis drehen und verändern lässt. Nehmen Sie einmal Heinz Maurer. Heinz Maurer, der große Historiker, ein Mann vom Fach und von der Welt, möchte ich meinen, und Sie wissen genauso gut wie ich [Clark meinte damit alle im Saal Anwesenden, auch wenn er Krzeminski beiläufig ansprach], dass Maurer in einer ganz eigenartigen Zeit in einem ganz eigenartigen Land, dessen Menschen auf der Suche nach sich selbst waren, geschrieben hat. Dieser Heinz Maurer hat behauptet, dass Friedrich der einzig Verantwortliche war, Friedrich und seine Gefolgschaft, versteht sich, und das waren nun mal alle. Friedrich und die Friederikaner hätten dahingehend gearbeitet, sie hätten den Krieg wirklich gewollt.«
»Das stimmt. Aber das ist schon einige Jahre her.«
»Natürlich. Es ist einige Jahrzehnte her. Aber darum geht es nicht. Sehen Sie. Da ist jemand, ein namhafter Historiker, wobei, wenn wir ehrlich sind, hat diese Behauptung, die Maurerthese, Maurer ja erst zu demjenigen gemacht, der er heute ist.«
»Ein Querkopf.«
»Sicherlich, aber was für einer! Ein Querdenker! Mochten ihn die akademischen Hunde vor fünfzig Jahren noch gejagt haben, glauben Sie mir, das wissen Sie selbst, die Hatz hat sich mittlerweile gedreht.«
»Und Sie drehen den Spieß jetzt in eine andere Richtung.«
»Ich möchte es versuchen. Aber da bedienen Sie ein falsches Bild. Die Zeit der Spießruten ist endgültig vorbei.«
»Alles greift ineinander.«
»Alles greift ineinander. Aber, worauf ich vorhin noch hinaus wollte.«
»Ja, richtig, die Maurerthese.«
»Die Maurerthese und nicht nur die. Da liegt noch mehr dahinter. Maurer, das war eine andere Generation, eine andere Zeit, ein vollkommen anderes Anliegen. Aber gerade das macht es spannend. Da ist jemand, der gegen den Mainstream argumentiert. Nun könnten wir den Historiker Maurer als ausgeklügelten Strategen hinstellen. Wie erreichen Sie in der akademischen Welt etwas? Indem Sie sich einen Namen machen. Und wie machen Sie sich einen Namen? Indem Sie etwas behaupten, was diejenigen, die Sie hören oder noch besser lesen, unwiederbringlich mit Ihnen in Verbindung bringen. Ihr Name verschmilzt mit Ihrer Aussage. Und wie kommen Sie dazu so zu handeln? Wie kommen Sie dazu, wie gelingt es Ihnen, sich ins Gedächtnis der Menschen, der akademischen Spezies zunächst, das ist ja noch eine zusätzliche Herausforderung, einzubrennen? Indem Sie etwas sagen, eine Behauptung aufstellen, die vielleicht nicht allen, aber den meisten gehörig gegen den Strich geht. Es gibt immer eine schweigende Minderheit, die keinen Mucks macht, entweder weil ihr dazu die nötige Finesse oder Beherztheit fehlt, wie auch immer.«
»Maurer hatte den Mut.«
»Sicherlich, mutig war er, er war aber noch jung. Sein Glück war, dass die Alteingesessenen …«
»Die Altvorderen!«
»Jawohl!« Clark amüsierte dieser Einwurf Krzeminskis. Er mochte ihn wirklich, er respektierte ihn. Manchmal erinnerte er ihn an seinen Labradormischling, der nach zu lang andauernden Spielextasen mit dem Herrchen in eine Rücksichtslosigkeit versank, die man als animalisch bezeichnet. Er biss Clark, nicht zu fest, dass die Hand blutete oder dauerhaft Schaden nahm, aber doch so bestimmt, dass Clark bewusst wurde, dass nicht nur er derjenige in ihrer Beziehung war, dessen Hand streicheln und zugleich vernichten konnte.3 Wie dem auch sei. Hingezogen fühlte er sich, war er, und Clark konnte und wollte das auch nicht bestreiten.
Clark und Krzeminski waren sich in Odessa zum ersten Mal begegnet, in Odessa waren die beiden Köpfe aneinandergeraten. Stur waren sie beide nicht, aber beharrlich, dachte Winfried Bottem. Nach ihrer ersten Begegnung hatte Clark die Nacht in der Pension Dworina in der Makowskistraße verbracht, und während der Ventilator an der Zimmerdecke über ihm summte, unbeeindruckt seine Bahnen zog, dachte er an den Mann, der auf ihn Eindruck gemacht hatte. Clark dachte an Krzeminski. In der billigen Pension, die wie ein Krebsgeschwür in der Makowskistraße lag, waren sie aufeinandergetroffen, dieser billigsten und schäbigsten aller Straßen in Odessa, für die sich deren Einwohner schämten, sich an ihre Gegenwart aber längst gewöhnt hatten wie an die todkranke Mutter, die seit Jahrzehnten zu sterben verspricht, aber von Jahr zu Jahr, Monat zu Monat, Woche zu Woche, Tag zu Tag ihr Versprechen bricht, so dass jeder in der Familie, der unter ihr leidet, und das waren sie alle, auch die kleinen Buben und Mädchen, längst die Hoffnung aufgegeben hat aus diesem Albtraum zu erwachen.
Man mochte so oft glauben, dass sie in ihrer animalischen Entrücktheit, mit der sie uns verzücken, davon unberührt bleiben, aber es wirkt dann doch im Erwachsenenalter nach, wie jeder Sohn und Enkel, wie jede Tochter und Nichte sich an das Sterben der Kranken gewöhnte und man es der Mutter aufgrund ihrer Senilität entschuldigte, die dem Menschen den Lebensmut raubte und die Angehörigen, die Jungen wie die Erfahrenen, die Dummen wie die Glücklichen und Traurigen, wie spitzfindig sie waren, die kranke Tyrannin schonten, weil sie so alt war und so alt geworden war, als sei der Wert eines Menschen mit dessen Alter zu bemessen. Man hegt und pflegt die Alte, spricht ihr gut zu, wenn man meint, dass sie etwas hören möchte, lauscht ihrem sinnlosen Gebrabbel, wischt ihr den zu weißem Pulver geronnenen Speichel aus den Mundwinkeln, füttert und wickelt sie, und man macht das alles aus Gewohnheit, aus Respekt vor dem Alter, aus Rücksicht auf den religiösen Anstand, die Tradition, kurzum: Man gewöhnt sich an die Alte, weil das Sich-Gewöhnen das Menschliche schlechthin ist. Und der Mensch lebt so mit seinem Krebsgeschwür, der ihn am Ende, mal geht es schneller, mal wird einem mehr Zeit gewährt, zugrunde richtet. Das war die Dworina in der Makowskistraße, und die Stadt lebte mit dieser Geschwulst, weil es ihre Geschwulst war, mit der sie zu leben gelernt hatte, wie die Makowskistraße mit der Dworina und die Dworina mit ihren Gästen.
Für Clark war Krzeminski vermutlich der einzige Mensch, der ihm ins Wort gefallen und ungestraft davongekommen war. Clark war aus irgendeinem Grund von Krzeminski beeindruckt. Dabei war an ihm nichts Besonderes. Krzeminski war fünfzehn Jahre älter als Clark, hatte kaum noch Haare auf dem Kopf und trug eine unscheinbare kreisrunde Nickelbrille auf seiner schmalen Nase. Vielleicht war es ja sein Blick, dachte Clark. Krzeminski gehörte zu jener Sorte Menschen, die einen, während sie einem zuhören, nie aus den Augen lassen. Früher, als Clark wie ein unbeholfenes Kind in die akademischen Gewässer gesprungen war und wild um sich geschlagen und geheuchelt hatte, um irgendwie den Kopf über Wasser zu halten, hatte er sich durch ein solches Verhalten seines Gegenüber immer aus der Fassung bringen lassen. Er hatte die glitschige Wärme seiner schweißgebadeten Handflächen und das Hämmern in seiner Brusthöhle gespürt, das immer schneller und immer lauter wurde. Er hatte daran gedacht, was der andere wohl dachte, ob er die Schwachstellen seiner Argumentation suchte, sie vielleicht schon gefunden hatte und nur auf eine günstige Gelegenheit wartete, um gegen ihn, Clark, den Anfänger, den Unberührten, den Hoffnungsvollen loszuschlagen. Oder vielleicht, hatte Clark gemutmaßt, dachte der andere über nichts nach. Vielleicht hatte er ihm überhaupt nicht zugehört. Doch selbst dann wäre es unter Umständen nicht einmal günstiger für ihn gewesen, eine Situation vorzufinden, in der niemand seinen Worten erwiderte, sich mit ihnen und mit ihm auseinandersetzte. Das hatte der junge Clark gedacht, der junge Clark, den es schon lange nicht mehr gab, denn Clark war gereift, die akademische Laufbahn hatte sich in sein Denken eingebrannt, und die Stigma universitären Erfolgs hatten den Cambridge-Professor wie jedes andere menschliche Wesen verändert. Damals war Clark noch kein vollkommener Homo academicus. Wie jeder gesunde Mensch hatte er seinem Denken, seinem Glauben, sich selbst misstraut, weil er auf den anderen, auf sein Gegenüber Rücksicht genommen, die Verantwortung erkannt hatte, die ein Mensch, die jeder Mensch in sich trägt.
Die Schuldigkeit liegt immer in einem selbst, dachte Clark und wusste genau, dass Levinas das oder zumindest Ähnliches geschrieben hatte. Clark mochte Levinas, wie ihm im Grunde alle Philosophen gefielen. Denn sie vermochten sich den Zahlen und Statistiken zu entziehen ebenso wie dem formalen Korsett einer jeden wissenschaftlichen Arbeit, die man einzuhalten hat, um das Prädikat wissenschaftlich zu erhalten ebenso wie dem Zwang, jeden Satz, jeden Gedanken mit einer Quelle zu belegen, um ihm Bedeutung zu verleihen, ihn als Wirklichkeit auszuweisen. (Jeder Verweis ist ein Ausweis, dachte Clark und der Gedanke amüsierte ihn.) Die Philosophie schien Clark wie gemacht für eine zwanglose Wissenschaft, eine freie Geistesschule des Lebens, bei der es noch darum ging, Fragen zu stellen, Fragen zu entwerfen und Antworten auf sie zu finden, und das alles, das Gedachte, Verworfene, Gemutmaßte stellte der Philosoph zur Diskussion. Der Philosoph, wie ihn sich Clark ausmalte, war der grübelnde Denker, der das Leben liebte und sich von diesem dann zurückzog, in sich kehrte, in sich ging, um nachzudenken. Die Philosophie, die einzige legitime Wissenschaft vom Menschen, braucht Abstand.
»Hätte es denn anders kommen können?« erwiderte Clark, und er hasste sich dafür, das gefragt zu haben. Denn es war abwegig, ganz und gar, unzumutbar vor allem für Krzeminski, der nun einmal Pole war, und für einen Polen, dachte Clark, für jeden Polen, waren die Ereignisse im Juni unvermeidlich. Schließlich hing Polens Schicksal davon ab. Der polnische Staat war im Krieg geschmiedet worden. Man musste sagen, um den Sachverhalt nur annähernd zu erfassen, dass den Polen dieses Handwerk von anderen auferlegt worden war. Wie sonst als durch Gewalt hätte sich ein Staat bilden können, den die Fritzen, Fränze und Alexander vor Zeiten, die niemand mehr erlebt hatte, an die sich aber jeder erinnerte, als beträfen sie das eigene Leben, mit Gewalt an sich gerissen hatten?
»Keineswegs! Es ist abwegig! Alles andere ist abwegig!« Krzeminski hatte recht, und Clark pflichtete ihm mit einem unscheinbaren Nicken bei. Mehr hatte er für ihn damals nicht tun können.
»Es gibt keine Alternativen zum Geschehenen, denn das, was war, das war nun einmal, und wir können es nicht ändern, auch wie sehr wir uns das manchmal wünschen, wir dürfen das nicht. Sie haben recht«, entgegnete er Clark, »Geschichte verändert sich, aber, ich bitte, bleiben wir ihm Rahmen.«
»Lassen wir die Kirche im Dorf.«
»Ja, genau. Das sollten wir tun.«
Clark kannte Krzeminski. Sein Fehler war ihm nicht entgangen. Krzeminski war ein überaus misstrauischer Mensch, das wusste Clark. Denn Krzeminski war Pole. Clark kannte nur misstrauische Polen. Jeder Pole, wie er auf die Welt kommt, und Krzeminskis Generation wurde in ein Leben geworfen, dass keine Polen wollte, musste den Oberen misstrauen, weil es nicht die seinen waren, und vielleicht hätten wir es ja alle den Polen, den In-die-Welt-Hineingeworfenen, gleichtun sollen. Vielleicht war das Misstrauen, diese genuin polnische Eigenschaft, eine Qualität ohnegleichen, die den wahren Citoyen vom bekennenden Demokraten unterscheidet. Vielleicht hätten wir uns alle in die Staatenlosigkeit eindenken sollen, uns als Außenseiter, Ausgestoßene, Ins-Leben-und-aus-dem-Leben-Geworfene fühlen müssen, die vorstaatliche Unschuld hätten wir in uns tragen müssen, das Misstrauen, den Widerstand, die Missgunst, denn das hatte die Polen über einhundertdreiundzwanzig Jahre am Leben gehalten.
Es ist das Tragische dieses Volkes, dachte Clark, dass es nur im Aufbegehren existieren konnte, im Aufstand, im Widerspruch spürte Polen sein Leben, und der Feind war es, der ihm diesen Antrieb, den Lebensdrang, den Existenzwillen einhauchte, die sanfte Infektion, die einen tötet, wenn man nicht in Bewegung bleibt und die man braucht, gleich einem Junkie, das Tragische, die Abhängigkeit von dem, was man von sich stoßen möchte.
Clark war um Krzeminski wirklich besorgt. Denn Krzeminski war Pole, und wie jeder Pole verkannte er den Ernst der Lage. Wenn man immer nur im Ausnahmezustand lebt, wie es die Polen sich auch wünschen, kann Normalität gefährlich werden. Clark erhob keinen Vorwurf, alles andere als das, es war nun einmal das polnische Schicksal, weil ohne das Verkennen man den Dingen misstraute, man diese nicht anerkannte, und dann würde alles in sich zusammenbrechen, wie es schon einmal war, und das wollte kein Mensch, und vielleicht wussten das die Polen, dass sie in einer Lüge lebten, die sie für sich selbst ausgesucht hatten, weil sie ohne die Täuschung nicht hätten leben können, weil sie dann aufgehört hätten, Polen zu sein. Aber wer wusste das schon? Vermutlich nicht einmal Krzeminski.
»Es beginnt schließlich alles viel früher. Die Ereignisse vom Juni sind Folge vorangegangener Entwicklungen, ja, sie sind nahezu zwangsläufig.«
»Ich stimme Ihnen in dem Punkt zu, dass die Juni-Ereignisse ihre Vorgeschichte haben, wie immer etwas allem vorausgeht. Jedoch haben wir es hier mit einer besonderen, einer ganz außerordentlichen Situation zu tun. Die Bündnisse, die in den vorangegangenen Jahrzehnten, ja, Jahrhunderten, die Staaten und die Menschen geschmiedet hatten, und das ist doch eine recht ungünstige Formulierung, denn nichts war in Eisen gegossen, die Stricke, die sie untereinander verbanden, der eine mit dem anderen und dieser wiederum mit noch einem anderem, ja, jedenfalls, die Bündnisse, die konnte niemand mehr überblicken, niemand mehr verstehen, das war alles zu verworren, ein Strickgeflecht, dass sich den Menschen um den Hals legte, dass sich der Mensch selbst um den Hals gelegt hatte, ein Henkersknoten, gordisch, niemand konnte das lösen, und alles musste in einem unmenschlichen Knall, der Ausgang, den wir alle kennen, ausgehen und aufgehen.«
»Der Krieg musste kommen, weil der Frieden falsch war.« Clark wusste nicht, ob Krzeminski beabsichtigt hatte, ihn damit zu provozieren. Jedenfalls wäre er nicht so einfältig gewesen, darauf eine Antwort zu erwarten, und Clark nicht so dumm darauf einzugehen. Er schwieg.
»Es gibt nicht für alles eine Lösung«, fuhr Krzeminski fort. Er lag richtig, dachte Clark und fühlte sich bestätigt. »Das, was im Juni geschah, führt uns heute deutlich vor Augen, wie ausweglos die damalige Situation gewesen war, und ich möchte hier sogar behaupten, dass die Alternativlosigkeit, von der wir, das heißt, von der ich ausgehe, im Hinblick auf Herrn Clark, denn dieser ist, wie ich stark annehme, da anderer Meinung, dass diese Ausweglosigkeit auch den Menschen damals bewusst war, dass sie keine andere Lösung als den Krieg für sich kannten und dass gerade aufgrund dieser Einsicht in die Unmöglichkeit anderer Auswege, der Krieg, die Kriege, wie man sagen muss, so hart, so rücksichtslos geführt wurden. In den Bündnissen war eine friedliche Rückkehr nicht vorgesehen.«
Clark missfiel, was Krzeminski behauptete. Es war keine falsch verstandene Eitelkeit. Clark wusste, dass Krzeminski vollkommen überzeugt war von dem, was es sagte. Krzeminski war ein ehrlicher Mensch, wie alle Polen nun mal ehrlich sind. In der Rebellion darf und kann sich niemand weder Dünkel noch Lügen erlauben. Die Polen sind von Natur misstrauisch und ehrlich, dachte Clark. Die Polen vereinen alles das, was in der Welt nicht funktioniert. Sie sind außerhalb der Welt, und das macht sie so sympathisch.
»Es war ein Anschlag.«
»Ein Anschlag war der Auslöser, der Trigger.«
»Es war der Anschlag«, präzisierte Clark.
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Nun, der Anschlag und kein Anschlag. Ein Anschlag wird zu dem Anschlag, zum ultimativen Ereignis. Lassen Sie es mich so sagen: Einerseits erscheint aus unserer heutigen Warte der Anschlag als das zentrale Ereignis des Krieges, der Ausgangspunkt, the Starting Point, der Urknall. Wir stehen auf dem Hügel und schauen hinab,4 ja, dann müssen wir uns aber fragen, ob wir uns diese Geschichte nicht zurechtgebogen haben, sie uns immer und wieder zurechtbiegen. Andererseits hat die Medaille bekanntlich zwei Seiten. Denn auch wenn wir unsere Geschichten erfinden, haben wir uns zu fragen, was die Menschen damals, die Zeitgenossen, von dem Attentat hielten, ja, war es für sie entscheidend? Das mag sein, das kann zutreffen.«
»Lesen wir einfach die Zeitungen, die Briefe und alles das, was die Menschen hinterlassen haben.«
»Vollkommen richtig.«
»Darum geht es Ihnen nicht.«
»Darum geht es mir nicht.«
»Worum geht es Ihnen?«
»Es geht mir um den Zufall.«
»Den Zufall?«
»Jawohl, den Zufall. Sehen Sie, es spielt keine Rolle, ob Axim der Attentäter war. Es hätte ebenso gut jemand anderes sein können, und den Thronfolger interessierte es wohl kaum, wer den Finger am Abzug hatte, wahrlich, er kannte den Studenten nicht. So oder so. Der Thronfolger ist tot, der Kaiser bald im Grab und mit ihm das alte System. Nur der Druck, der war da, und die Menschen, die Druckmoleküle, zusammengepfercht und vibrierend, voller Spannung und beseelt mit unermesslichem Drang, zu vielem bereit, was alles sein sollte, was alles war, was sie nicht wussten, ja, sehen Sie, es war eine unbedeutende Person mit einer Tat, die bedeutend war, bleiben wir in der Vergangenheit, weil sie die Lunte, an der die Welt brannte, verkürzt hatte und Puff!«
»Und Puff, werter Clark, so einfach ist es nicht.«
»Ach, ich bitte Sie Krzeminski, einfach?!«
»Bleiben Sie doch bitte bei den Tatsachen!«
»Bei den Tatsachen?! Welche sollen das denn sein?! Ihre Ausweglosigkeit aus der Geschichte etwa? Nein, nein! Das reicht mir nicht. Die sich immer wiederholenden Erzählungen sind ermüdend, und glauben Sie mir, lieber Krzeminski, das wissen Sie genauso gut wie, ich bin wahrlich nicht der Einzige, der so denkt.«
»Das sind sie wahrlich nicht.«
»So.« Clark überlegte, er ging in sich, Krzeminski schaute mit zusammengeniffenen Augen auf ihn, die winzige Hautfalten zärtlich umkränzten, Preis nächtelanger Gedankenspiele eines über Bücher gekrümmten Körpers.
»Wir verlieren den Zufall aus den Augen, weil er unserem Denken zuwider ist. Der Zufall macht uns verletzlich, er schenkt uns ein Gefühl, dass wir verloren glaubten und doch nie missten, die Endlichkeit, das Unberechenbare, der Zufall macht uns Menschen weitaus weniger bedeutend, als wir zu sein glauben. Der Zufall ist durch und durch misanthropisch, verstehen Sie?« Krzeminski nickte, aber so unscheinbar, dass es nur Clark vernahm. Es schmeichelte ihm. »Indem wir den Zufall aus unserer Geschichte suspendieren, gießen wir sie in eine monolithische Form, und das vergessen wir. Wir vergessen und verkennen und anerkennen etwas, was auch hätte anders kommen können. (Clark nahm hier erneut Bezug auf Bourdieu.5 Er dachte an den großen Soziologen, der ihm imponiert, weil er das System verstanden, es durchschaut hatte und sich in ihm bewegte. Die Bewunderung erhält nur im Zweifel ihre Berechtigung. Nicht dazugehört, nicht dazugehört hatte er, muss man wohl sagen, aber alle verehrten ihn, die homines academici, die Clark so verhasst waren und von denen er einer geworden war, weil er sie insgeheim doch bewunderte, sie ablehnte, sie manchmal in dunkelster Verzweiflung hasste.) Letztlich war es ein Zufall, einer unter vielen, aber weil es eben dieses eine und kein anderes Ereignis war, das uns, wie wir glauben und annehmen, zu dem gemacht hat, wer wir sind, steht es für uns außer Frage, ja, es ist unmöglich, menschenunmöglich etwas anderes und selbst darüber nachzudenken.« Clark dachte an Marx. Marx habe einmal gesagt, der Mensch müsse versuchen, die Grenzen des eigenen Gehirns zu überschreiten.6 Für Clark war das aber schon eine Frage zu viel.
»Dann beschreiben Sie doch bitte einmal eine Alternative zum Juni.«
»Eine Alternative zum Juni?«
»Ja, wie ich sagte. Wie hätte es denn Ihrer Ansicht im Juni anders laufen können?«
»Ein Szenario jenseits kriegerischer Handlungen?«
»Jawohl, ein Szenario jenseits des Krieges.«
»Nun, Sie und wir alle hier Anwesenden wissen genau, zwischen Krieg und kriegerischen Handlungen …« Clark konnte den Satz nicht beenden, Krzeminksi war ihm ins Wort gefallen. (»Ja, sicher, weder Krieg noch kriegerische Handlungen, oder sagen wir, nehmen Sie letztere hinzu, ein paar Scharmützel werden ihren Ausführungen wohl kaum schaden.«) »Nur sieben Jahre vor dem Juni, über den wir hier sprechen, diesem unberührten Äther des Weltgeschehens, trafen Aleksandr und Winston ein Abkommen, noch im Juni, im Juni spielte London mit dem Gedanken, davon abzulassen, es aufzukündigen. Das Abkommen hatte mit der Lage in Europa nichts zu tun, oder sagen wir besser, nicht viel zu tun, aber es betraf sie unmittelbar. Die beiden stritten über Indien und Persien, aber, bei Gott, doch nicht um den Balkan. Dann kam der Juni. Aber davor – Bruchteile der Weltgeschichte, und vielleicht waren die Ereignisse, die dem Weltenbrand vorangingen, deshalb so unscheinbar, weil sie so winzig waren –, davor bestand der Gedanke, es war nicht unmöglich, vielmehr greifbar, realpolitisch ein notwendiger und üblicher Gedanke, alle Szenarien, so sagt man ja noch heute, durchzugehen, durchzuspielen. Es war ein Spiel, das gründlich danebenging, weil die Einsätze zu hoch waren und niemand sich eine Niederlage erlauben durfte, weil nicht leisten konnte. Es war alles fragiler, als manche Historiker uns heute weismachen wollen.«
»Sie meinen?« Und Clark schwieg.
Das war, woran Winfried Bottem sich erinnerte. Er hatte sich seinen beigefarbenen Parka übergezogen und verließ seine Wohnung. Mit Bedacht schloss er die Tür hinter sich, um nicht die Haushälterin aufzuschrecken. Bottem trat ins Treppenhaus. Es war kühl. Jemand kam von unten die Treppe hinauf. Das Echo hinaufstapfender Schritte erfüllte den Raum. Mit der Zeit hatte Bottem gelernt die Haushälterin an ihrem Gang zu erkennen. Von ihr war nichts zu hören. Also ging Bottem die Treppe hinunter. Es war ein männlicher Gang, dachte er, ein Mann, der sich die Treppe hinaufschleppte. Und in der zweiten Etage begegnete er einem Fremden, der ganz ordentlich gekleidet war, dunkelbraune Cordhose mit passendem Sakko, sein dürres Gesicht mit den eingefallenen Wangen und spitzer langer Nase – überhaupt machte er auf Bottem einen ziemlich ausgehungerten Eindruck – zierte eine schwarze Kunststoffbrille. Seinen Fedora hatte er lässig nach hinten geworfen, so dass das ergraute lichte Haar zum Vorschein kam. Der Fremde war ein Mann mittleren Alters, der scheinbar wusste, wohin er ging. Zunächst glaubte Bottem ihn nicht zu kennen. Doch dann dämmerte es ihm. Es war Bachmann, sein Nachbar, ein Nachbar. Mein Gott, wie habe er ihn nur nicht erkennen können, staunte Winfried Bottem über sich selbst. Bachmann, als er Bottem sah, blieb kurz stehen und grüßte mit einem Kopfnicken. Bottem erwiderte mit einem »Grüß Gott« und ging an ihm vorbei. Bachmann schaute ihm nach. Er sah ihm nach und blieb stehen. Er stand einfach nur da, und er gab sich tröstenden Erinnerungen hin, die nur ihm gehörten. Wie Bottem im Treppenhaus verschwand, da dachte Bachmann auf einmal an den Heldenplatz, an die Versammlung auf dem Heldenplatz. Die Menschenmenge, die Masse, die Auflösung der Menschen.
Damals hatte er in der Menge gestanden. Er war ein Teil von ihr gewesen, dachte er. Bachmann war einer in der Menge, die, überblickte sie ein über ihr schwebendes Auge, stellte sich Bachmann vor, nur unzählige, winzige Köpfe unter sich sehen würde, gleich kleinen ovalen Scheiben, die, wie gebannt man auch auf sie starrte, sich dem gezielten Blick immer zu entziehen vermochten. Je beharrlicher jemand auf sie starrte, das Blickfeld derart verkleinerte, das es nur für einen Nagelkopf Platz böte, den visuellen Rahmen einrundete, die eine Scheibe, es spielte keine Rolle welche, umrundete, einrundete, einrahmte, so würde jede einzelne, die eine im Rahmen eingekreiste, aus ihrem Gefängnis ausbrechen. Sie würde nicht warten auszubrechen, denn das Warten interessierte sie nicht. Es gibt für den Nagelkopf, die ovale Scheibe keine Kategorie des Wartens. Das Streben des Blickes, das einzelne Köpfchen zu fassen, wäre ein von Anfang an zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Das Scheibchen entzöge sich, es flöhe, es könnte nicht anders. Es wäre im Grunde die einzige Eigenschaft dieses Dings, nicht fassbar zu sein, unfassbar im Einzelnen, übermächtig in der Masse. Würde man hingegen den Blickrahmen in alle Richtungen ausweiten, das schwebende Auge stiege in die Höhe, vermochte man zwei, drei, vier, fünf andere Scheibchen, Köpfchen, die ovalen Winzlinge wahrzunehmen. Daran glaubte Bachmann jedenfalls, und daran dachte er und vermutlich hatte keiner der Anwesenden, der Teilnehmenden, der Kundgebungsteilnehmer nur einen Gedanken daran verschwendet. Aber auch Bachmann erinnerte sich erst Jahre später an das Eigentümliche dieser Veranstaltung. In Wahrheit wüsste man nie genau, ob man auf zwanzig, vierzig, fünfzig, vielleicht auf einhundert dieser winzigen Teilchen schaute. Und stiege das sehende Auge noch höher [begriffliche Struktur, monastisches Vokabular, Gründe, das Kloster zu verlassen? Tugenden zu Untugenden? Begriffe wie Gehorsam verbuddelt, neue Termini kommen hinzu, andere verschwinden, oder aber ist die begriffliche Struktur konstant?], gerade noch so weit, dass man diese
