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»Die zeitgenössischen feministischen Debatten über die Bedeutungen der Geschlechtsidentität rufen immer wieder ein gewisses Gefühl des Unbehagens hevor, so als ob die Unbestimmtheit dieses Begriffs im Scheitern des Feminismus kulminieren könnte. Möglicherweise muß aber dieses Unbehagen nicht zwangsläufig mit einer negativen Wertigkeit behaftet sein. Im herrschenden Diskurs meiner Kindheit galt ›Schwierigkeiten machen‹ als etwas, das man in keinem Fall tun durfte, und zwar gerade, weil es einen ›in Schwierigkeiten bringen‹ konnte.«
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2026
Judith Butler
Das Unbehagen derGeschlechter
Aus dem Amerikanischen vonKathrina Menke
Suhrkamp
Die Originalausgabe erschien 1990 unter dem Titel Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity bei Routledge, London/New York.
ebook Suhrkamp Verlag 2025
Der vorliegende Text folgt der 23. Auflage der Ausgabe der edition suhrkamp 1722.
© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 1991
© Routledge, Chapman and Hall, Inc. 1990
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Umschlagentwurf: Willy Fleckhaus
eISBN 978-3-518-78509-6
www.suhrkamp.de
Vorwort
ERSTES KAPITEL: Die Subjekte von Geschlecht/ Geschlechtsidentität / Begehren
1. Die »Frauen« als Subjekt des Feminismus
2. Die Zwangsordnung Geschlecht/Geschlechtsidentität/ Begehren
3. Die Geschlechtsidentität: Zirkel und Scheitern der gegenwärtigen Debatte
4. Zur Theoretisierung des Binären, der Einheit und deren Überschreitung
5. Identität, anatomisches Geschlecht und die Metaphysik der Substanz
6. Sprache, Macht und die Strategien der Verschiebung
ZWEITES KAPITEL: Das Verbot, die Psychoanalyse und die Produktion der heterosexuellen Matrix
1. Der kritische Austausch des Strukturalismus
2. Lacan, Riviere und die Strategien der Maskerade
3. Freud und die Melancholie der Geschlechtsidentität
4. Die Vielschichtigkeit der Geschlechtsidentität und die Grenzen der Identifizierung
5. Die Reformulierung des Verbots als Macht
DRITTES KAPITEL: Subversive Körperakte
1. Die Körperpolitik von Julia Kristeva
2. Foucault, Herculine und die Politik der sexuellen Diskontinuität
3. Monique Wittig: Die Desintegration der Körper und das fiktive Geschlecht
4. Leibliche Einschreibungen, performative Subversionen
Von der Parodie zur Politik
Anmerkungen
Die zeitgenössischen feministischen Debatten über die Bedeutungen der Geschlechtsidentität rufen immer wieder ein gewisses Gefühl des UnbehagensI hervor, so als ob die Unbestimmtheit dieses Begriffs im Scheitern des Feminismus kulminieren könnte. Möglicherweise muß aber dieses Unbehagen nicht zwangsläufig mit einer negativen Wertigkeit behaftet sein. Im herrschenden Diskurs meiner Kindheit galt »Schwierigkeiten machen«I als etwas, das man auf keinen Fall tun durfte, und zwar gerade, weil es einen »in Schwierigkeiten bringen«I konnte. Die Rebellion und ihre Unterdrückung schien also in denselben Begriffen verfangen, ein Phänomen, das zu meiner ersten kritischen Einsicht in die subtile List der Macht führte: Das herrschende Gesetz drohte, einem »Ärger zu machen«I, ja einen »in Schwierigkeiten zu bringen«I, nur damit man keine »Unruhe stiftete«.I Daraus schloß ich, daß Schwierigkeiten unvermeidlich sind und daß die Aufgabe ist herauszufinden, wie man am besten mit ihnen umgeht, welches der beste Weg ist, in Schwierigkeiten zu sein. Im Laufe der Zeit machten sich weitere Zweideutigkeiten auf der kritischen Bühne bemerkbar: Ich stellte fest, daß das Unbehagen manchmal ein zutiefst geheimnisvolles Problem verhüllte, das für gewöhnlich mit dem angeblichen Mysterium der weiblichen Seite der Dinge verbunden wurde. Bei Beauvoir las ich, daß eine Frau sein, unter den Bedingungen der maskulinen Kultur, bedeutet, für die Männer eine Quelle des Mysteriums und des Unerkennbaren darzustellen. Diese These schien sich irgendwie auch bei Sartre zu bestätigen, für den jedes Begehren – das er problematischerweise als heterosexuell und männlich bestimmtes voraussetzt – als Unbehagen definiert ist. Dieses Unbehagen wurde für das männliche Subjekt des Begehrens durch die plötzliche Störung, die unerwartete Aktivität eines weiblichen »Objekts«, zum Skandal, sobald dieses Objekt unerklärlicherweise den Blick erwidert, das Blickverhältnis umkehrt und die Stelle und Autorität der männlichen Position anficht. Durch die grundlegende Abhängigkeit des männlichen Subjekts von der weiblichen »Anderen« enthüllt sich plötzlich der illusorische Charakter »seiner« Autonomie. Freilich konnte diese partikulare dialektische Umkehrung der Macht meine Aufmerksamkeit nicht lange fesseln – obgleich dies anderen zweifellos gelang. Mir schien, daß Macht weit mehr ist als ein Austausch zwischen Subjekten oder ein ständiges Umkehrverhältnis zwischen dem Subjekt und dem/r Anderen; tatsächlich zeigte sich, daß die Macht in der Produktion des binären Rahmens, der das Denken über die Geschlechtsidentität bestimmt, am Werke ist. Ich fragte: welche Konfiguration der Macht konstruiert das Subjekt und den Anderen, bzw. die binäre Beziehung zwischen »Männern« und »Frauen« und die innere Stabilität dieser Termini? Welche Einschränkung macht sich hier geltend? Flößen uns diese Begriffe nur so lange kein Unbehagen ein, wie sie einer heterosexuellen Matrix für das Verständnis der Geschlechtsidentität und des Begehrens entsprechen? Was geschieht mit dem Subjekt und der Stabilität der Geschlechter-Kategorien (gender categories), wenn sich herausstellt, daß diese scheinbar ontologischen Kategorien durch das epistemische Regime der vermeintlichen Heterosexualität hervorgebracht und verdinglicht werden?
Aber wie kann ein epistemisch/ontologisches Regime in Frage gestellt werden? Wie kann man am besten die Geschlechter-Kategorien stören, die die Geschlechter-Hierarchie (gender hierarchy) und die Zwangsheterosexualität stützen? Betrachten wir das Fatum des »female trouble«, jene geschichtliche Konfiguration einer namenlosen weiblichen Indisposition, die nur dürftig die Vorstellung verschleierte, daß Weiblichsein selbst eine natürliche Indisposition darstellt. So ernst die Medizinalisierung des weiblichen Körpers ist – dieser Begriff ist zugleich lachhaft, und für den Feminismus ist es unbedingt notwendig, über ernste Kategorien zu lachen, auch wenn er zweifellos weiterhin seine eigenen Formen ernsten Spiels braucht. Female Trouble ist auch der Titel eines Films von John Waters, dessen Hauptdarsteller/in Divine auch als Held/in von »Hairspray« auftritt. Divines Darstellung von Frauen weist implizit darauf hin, daß die Geschlechtsidentität eine Art ständiger Nachahmung ist, die als das Reale gilt. Sein/Ihr Auftritt destabilisiert gerade die Unterscheidungen zwischen natürlich und künstlich, Tiefe und Oberfläche, Innen und Außen, durch die der Diskurs über die Geschlechtsidentitäten fast immer funktioniert. Ist die Travestie eine Imitation der Geschlechtsidentität? Oder bringt sie die charakteristischen Gesten auf die Bühne, durch die die Geschlechtsidentität selbst gestiftet wird? Ist »weiblich sein« eine »natürliche Tatsache« oder eine kulturelle Performanz? Wird die »Natürlichkeit« durch diskursiv eingeschränkte performative Akte konstituiert, die den Körper durch die und in den Kategorien des Geschlechts (sex) hervorbringen? Nicht nur Divine, sondern die Praktiken der Geschlechtsidentität in schwulen und lesbischen Kulturen überhaupt thematisieren das »Natürliche« häufig in parodistischen Kontexten, die die performative Konstruktion des ursprünglichen und wahren Geschlechts hervorheben. Damit stellt sich die Frage, welche anderen grundlegenden Kategorien der Identität – die Binarität von Geschlecht und Geschlechtsidentität und der Körper – als Produktionen dargestellt werden können, die den Effekt des Natürlichen, des Ursprünglichen und Unvermeidlichen erzeugen.
Die grundlegenden Kategorien des Geschlechts, der Geschlechtsidentität und des Begehrens als Effekte einer spezifischen Machtformation zu enthüllen, erfordert eine Form der kritischen Untersuchung, die Foucault in Anschluß an Nietzsche als »Genealogie« bezeichnet hat. Die genealogische Kritik lehnt es ab, nach den Ursprüngen der Geschlechtsidentität, der inneren Wahrheit des weiblichen Geschlechts oder einer genuinen, authentischen Sexualität zu suchen, die durch die Repression der Sicht entzogen wurde. Vielmehr erforscht die Genealogie die politischen Einsätze, die auf dem Spiel stehen, wenn die Identitätskategorien als Ursprung und Ursache bezeichnet werden, obgleich sie in Wirklichkeit Effekte von Institutionen, Verfahrensweisen und Diskursen mit vielfältigen und diffusen Ursprungsorten sind. Die Aufgabe der vorliegenden Untersuchung ist, sich auf solche definierenden Institutionen: den Phallogozentrismus und die Zwangsheterosexualität zu zentrieren – und sie zu dezentrieren.
Gerade weil »weiblich« nicht länger als ein feststehender Begriff erscheint, ist seine Bedeutung ebenso verworren und unfixiert wie die Bedeutung von »Frau«. Und weil beide Termini ihre verstörte Bedeutung jeweils nur als Termini einer Relation erhalten, legt diese Untersuchung ihren Schwerpunkt auf die Geschlechtsidentität und die relationale Analyse, die sie erfordert. Zudem ist es keinesfalls mehr selbstverständlich, daß die feministische Theorie unbedingt versuchen muß, die Fragen der primären Identität zu lösen, um die Aufgabe der Politik voranzutreiben. Statt dessen müssen wir fragen, welche politischen Möglichkeiten sich als Konsequenz aus einer radikalen Kritik dieser Identitätskategorien ergeben. Welche neue Form von Politik zeichnet sich ab, wenn der Diskurs über die feministische Politik nicht länger von der Identität als gemeinsamen Grund eingeschränkt wird? Und in welchem Maße schließt der Versuch, eine gemeinsame Identität als Grundlage der feministischen Politik auszumachen, eine radikale Erforschung der politischen Konstruktion und Regulierung der Identität selbst aus?
Der folgende Text ist in drei Kapitel unterteilt, die in drei sehr unterschiedlichen Diskursgebieten jeweils eine kritische Genealogie der Geschlechter-Kategorien (gender categories) durchführen. Das erste Kapitel »Die Subjekte von Geschlecht/Geschlechtsidentität/Begehren« unterzieht den Status der »Frau(en)« als Subjekt des Feminismus und die Unterscheidung Geschlecht (sex)/Geschlechtsidentität (gender) einer erneuten Betrachtung. Dabei werden die Zwangsheterosexualität und der Phallogozentrismus als Macht/Diskurs-Regime verstanden, wobei sich oftmals sehr unterschiedliche Antworten auf die zentralen Fragen des Geschlechter-Diskurses ergeben: Wie werden die Kategorien des Geschlechts durch die Sprache konstruiert? Widersteht »das Weibliche« der Repräsentation in der Sprache? Ist die Sprache als phallogozentrisch zu verstehen (die Antwort von Luce Irigaray)? Oder ist »das Weibliche« das einzige Geschlecht, das in einer Sprache, die das Weibliche und das Sexuelle verschmilzt, repräsentiert wird (die These von Monique Wittig)? Wo und wie überschneiden sich Zwangsheterosexualität und Phallogozentrismus? Wo liegen die Bruchstellen zwischen ihnen? Wie bringt die Sprache selbst die fiktive Konstruktion des »Geschlechts« hervor, die diese verschiedenen Machtregime trägt? Welche Kontinuitäten zwischen Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und Begehren werden in der Sprache unterstellter Heterosexualität suggeriert? Handelt es sich jeweils um diskrete Termini? Und welche kulturellen Verfahren bringen eine subversive Diskontinuität und Unstimmigkeit zwischen Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und Begehren hervor und stellen ihre angeblichen Beziehungen in Frage?
Das zweite Kapitel »Das Verbot, die Psychoanalyse und die Produktion der heterosexuellen Matrix« bietet eine ausgewählte Lektüre der strukturalistischen, psychoanalytischen und feministischen Darstellungen des Inzesttabus als Mechanismus, der versucht, innerhalb eines heterosexuellen Rahmens diskrete und innerlich kohärente, geschlechtlich bestimmte Identitäten (gender identities) zu erzwingen. In einigen psychoanalytischen Diskursen wird die Frage der Homosexualität mit bestimmten Formen kultureller Unintelligibilität und, was das Lesbentum betrifft, mit der Entsexualisierung des weiblichen Körpers in Verbindung gebracht. Zugleich werden wir in unserer Analyse der Begriffe »Identität«, »Identifizierung« und »Maskerade« bei Joan Riviere und in anderen psychoanalytischen Schriften der Frage nachgehen, inwiefern die psychoanalytischen Theorien für eine Darstellung der komplexen geschlechtlich bestimmten »Identitäten« verwendet werden können. Sobald das Inzesttabu der Kritik an der Repressions-Hypothese unterzogen worden ist, die Foucault in Sexualität und Wahrheit formuliert, wird sich zeigen, daß diese prohibitive oder juridische Struktur die Zwangsheterosexualität innerhalb einer maskulinen Sexualökonomie installiert, aber zugleich eine kritische Infragestellung dieser Ökonomie ermöglicht. Ist also die Psychoanalyse eine anti-fundamentalistische Theorie, die jene sexuelle Vielschichtigkeit bejaht, die die starren, hierarchischen sexuellen Codes wirksam de-reguliert? Oder hält die Psychoanalyse einen Komplex von Voraussetzungen über die Grundlagen der Identität aufrecht, die gerade zugunsten dieser Hierarchien arbeiten?
Das letzte Kapitel »Subversive Körperakte« setzt mit einer kritischen Betrachtung der Konstruktion des mütterlichen Körpers bei Julia Kristeva ein, um die impliziten Normen aufzuzeigen, die die kulturelle Intelligibilität des Geschlechts und der Sexualität in ihrem Werk anleiten. Obgleich wir für unsere Kritik an Kristeva auf Foucault zurückgreifen, wird sich bei der näheren Untersuchung einiger Werke von Foucault seine problematische Indifferenz gegenüber der sexuellen Differenz zeigen. Dennoch vermittelt Foucaults Kritik der Kategorie des Sexus eine Einsicht in die Regulierungsverfahren einiger gegenwärtiger medizinischen Fiktionen, die zur Kennzeichnung eines eindeutigen Geschlechts entworfen wurden. Monique Wittigs theoretische und fiktionale Texte dagegen schlagen eine »Desintegration« der kulturell konstituierten Körper vor und weisen damit darauf hin, daß die Morphologie selbst als Folgeerscheinung des hegemonialen Begriffsschemas zu verstehen ist. Der letzte Abschnitt dieses Kapitels »Leibliche Einschreibungen, performative Subversionen«, der sich auf Mary Douglas und Julia Kristeva stützt, betrachtet die Begrenzung und die Oberfläche der Körper als politische Konstruktion. Als Strategie, um die Körper-Kategorien zu denaturalisieren und zu resignifizieren, werde ich eine Reihe von parodistischen Praktiken beschreiben und vorschlagen, die auf einer performativen Theorie der Geschlechter-Akte (gender acts) beruhen. Dabei geht es um solche Akte, die die Kategorien des Körpers, des Geschlechts, der Geschlechtsidentität und der Sexualität stören und ihre subversive Resignifizierung und Vervielfältigung jenseits des binären Rahmens hervorrufen.
Anscheinend hat jeder Text mehr Quellen, als er in seiner eigenen Begrifflichkeit rekonstruieren kann. Diese Quellen definieren und prägen gerade die Sprache des Textes, und zwar in einer Form, die eine gründliche Entwirrung des Textes selbst erfordern würde, um verstanden zu werden. Und natürlich gibt es keinerlei Garantie, daß diese Entwirrung jemals an ein Ende gelangt. Auch die Kindheitsgeschichte, die ich zu Beginn dieses Vorworts erzählt habe, ist eine Fabel, die nicht auf Fakten zu reduzieren ist. Allgemeiner formuliert besteht meine Absicht darin, die Bahnen nachzuzeichnen, auf denen die Geschlechter-Fabeln (gender fables) die Fehlbenennung natürlicher Fakten etablieren und in Umlauf bringen. Offenkundig ist es unmöglich, zu den Ursprüngen der vorliegenden Abhandlungen zurückzugelangen oder die verschiedenen Momente auszumachen, die diesen Text ermöglicht haben. Ich habe diese Texte zusammengestellt, um eine politische Annäherung von Feminismus, schwulen und lesbischen Perspektiven auf die Geschlechtsidentität und poststrukturalistischer Theorie zu ermöglichen. Der vorherrschende disziplinäre Mechanismus, der gegenwärtig dieses Autor-Subjekt mobilisiert, ist die Philosophie, auch wenn sie nur selten, wenn überhaupt, getrennt von anderen Diskursen in Erscheinung tritt. Die vorliegende Untersuchung versucht, diese Positionen an den kritischen Grenzen des disziplinären Lebens zu bestätigen. Es geht nicht darum, am Rande stehenzubleiben, sondern darum, an den verschiedenartigsten Netzwerken der Randbereiche teilzuhaben, die von anderen Disziplinzentren aus gesponnen werden und gemeinsam eine vielfältige Verschiebung dieser Autoritäten darstellen. Die Vielschichtigkeit der Geschlechtsidentität erfordert eine inter- und postdisziplinäre Serie von Diskursen, um der Domestizierung der Geschlechteroder Frauenstudien an der Universität zu widerstehen und den Begriff der feministischen Kritik zu radikalisieren.
Das Schreiben dieses Textes wurde durch zahlreiche Formen institutioneller und individueller Unterstützungen ermöglicht. Das American Council of Learned Societies stellte mir für Herbst 1987 ein Forschungsstipendium zur Verfügung, und die School of Social Science des Institute for Advanced Studies in Princeton ermöglichte mir im Universitätsjahr 1987-1988 ein Forschungsstipendium, Unterbringung und provokative Diskussionen. Auch die George Washington University Faculty Research Grant unterstützte im Sommer 1987 und 1988 meine Forschungsarbeit. Durch die verschiedenen Stadien des Manuskripts hindurch war Joan W. Scott eine scharfsinnige Kritikerin von unschätzbarem Wert. Ihr engagiertes, kritisches Überdenken der voraussetzungsvollen Begriffe der feministischen Politik war mir Anforderung und Inspiration. Das von Joan Scott geleitete »Gender Seminar« am Institute for Advanced Studies half mir, durch die signifikanten und provokanten Uneinigkeiten in unserem gemeinsamen Denken meine eigene Sichtweise zu verdeutlichen und auszuarbeiten. So danke ich Lila Abu-Lughod, Yasmine Ergas, Donna Haraway, Evelyn Fox Keller, Dorinne Kondo, Rayna Rapp, Carroll Smith Rosenberg und Louise Tilly. Auch die Studenten/innen meines Seminars »Gender, Identity and Desire«, das ich 1985 und 1986 an der Wesleyan University und in Yale gehalten habe, waren mir, rückblickend betrachtet, eine unentbehrliche Hilfe aufgrund ihrer Bereitschaft, alternative Geschlechter-Welten zu imaginieren. Ferner weiß ich die Vielzahl von kritischen Erwiderungen zu schätzen, die ich bei der Vorstellung von Teilen dieses Werks an dem Princeton Women's Studies Colloquium, dem Humanities Center der John-Hopkins-Universität, der Universität von Notre Dame, der Universität von Kansas, dem Amherst College und der Yale University School of Medicine erhalten habe. Meine Anerkennung gilt auch: Linda Singer, deren beharrlicher Radikalismus von unschätzbarem Wert war, Sandra Barky für ihre Arbeit und ihre aufmunternden Worte zur rechten Zeit, Linda Nicholson für ihre redaktionellen und kritischen Ratschläge und Linda Anderson für ihre scharfsinnigen politischen Eingebungen. Außerdem danke ich den folgenden Personen, Freunden und Kollegen, die mein Denken geformt und unterstützt haben: Eloise Moore Agger, Inès Azar, Peter Caws, Nancy F. Cott, Kathy Natanson, Lois Natanson, Maurice Natanson, Stacy Pies, Josh Shapiro, Margaret Soltan, Robert V. Stone, Richard Vann und Eszti Votaw. Ich danke Sandra Schmidt für ihre wertvolle Mitarbeit bei der Vorbereitung des Manuskripts und Meg Gilbert für ihre Unterstützung. Außerdem danke ich Maureen MacGrogan dafür, daß sie mich mit ihrem Humor, ihrer Geduld und der redaktionellen Anleitung zu diesem und anderen Projekten ermutigt hat.
Und schließlich danke ich Wendy Owen für ihre scharfe Kritik und die Provokation, die von ihrem Werk ausgeht.
I A.d.Ü.: Der Begriff trouble umfaßt einen ganzen Fächer von Bedeutungsvarianten: von »Ärger«, »Schwierigkeiten« bis zu »Beunruhigung«, »Verstörung«, »Unbehagen«. Da es im Deutschen keinen entsprechenden einheitlichen Begriff gibt, müssen hier die einzelnen Varianten je nach Kontext wiedergegeben werden.
Die Subjekte vonGeschlecht/GeschlechtsidentitätII/Begehren
Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird es.
Simone de Beauvoir
Strenggenommen kann man nicht sagen, daß die »Frau« existiert.
Julia Kristeva
Frauen haben kein Geschlecht.
Luce Ingaray
Die Entwicklung der Sexualität (...) setzte den Begriff des Sexus ein.
Michel Foucault
Die Kategorie »Geschlecht« ist die politische Kategorie, die die Gesellschaft als heterosexuelle begründet.
Monique Wittig
Die feministische Theorie ist zum größten Teil davon ausgegangen, daß eine vorgegebene Identität existiert, die durch die Kategorie »Frau(en)« bezeichnet wird. Diese Identität soll nicht nur die feministischen Interessen und Zielsetzungen in der Welt des Diskurses anleiten, sondern auch das Subjekt bilden, dessen politische Repräsentation angestrebt wird. Freilich sind die Begriffe Politik und Repräsentation umstritten. Einerseits dient »Repräsentation« als operativer Term in einem politischen Prozeß, der versucht, die gesellschaftliche Sichtbarkeit und Legitimität auf die Frauen als politische Subjekte auszudehnen. Andererseits bezeichnet »Repräsentation« die normative Funktion der Sprache, die das, was hinsichtlich der Kategorie »Frauen« als wahr gilt, offenbaren oder verzerren soll. So sah sich die feministische Theorie vor die Notwendigkeit gestellt, eine Sprache zu entwerfen, die die Frauen voll oder adäquat repräsentiert, um deren politische Sichtbarkeit zu fördern. Diese Forderung war offenbar um so wichtiger, als das Leben von Frauen unter den gegenwärtigen kulturellen Bedingungen entweder nur verzerrt oder gar nicht repräsentiert wurde.
In letzter Zeit ist diese verbreitete Vorstellung des Verhältnisses zwischen feministischer Theorie und Politik im feministischen Diskurs selbst auf Widerspruch gestoßen: Das Subjekt »Frau(en)« wird nicht länger in festen oder unvergänglichen Begriffen beschrieben. Es gibt nämlich nicht nur eine Menge Material, das gewissermaßen die Lebensfähigkeit des »Subjekts« als höchsten Kandidaten der Repräsentation oder gar der Befreiung in Frage stellt. Im Grunde herrscht auch kaum Übereinstimmung darüber, was denn die Kategorie »Frau(en)« konstituiert oder konstituieren sollte. Die Bereiche der politischen und sprachlichen »Repräsentation« legen nämlich vorab die Kriterien fest, nach denen die Subjekte selbst gebildet werden, so daß nur das repräsentiert werden kann, was als Subjekt gelten kann. Oder anders formuliert: Bevor die Repräsentation erweitert werden kann, muß man erst die Bedingungen erfüllen, die notwendig sind, um überhaupt Subjekt zu sein.
Michel Foucault hat darauf hingewiesen, daß die juridischen Machtregime die Subjekte, die sie schließlich repräsentieren, zuerst auch produzieren.1 Die juridischen Machtbegriffe scheinen das politische Leben in rein negativer Form zu regulieren, beispielsweise durch Beschränkung, Verbot, Regulierung, Kontrolle, ja sogar durch den »Schutz« der Individuen, die über das kontingente, widerrufbare Wahlverfahren mit dieser politischen Struktur verbunden sind. Doch gerade weil die Subjekte diesen Strukturen unterworfen sind, die sie regulieren, werden sie auch in Übereinstimmung mit den Anforderungen dieser Strukturen gebildet, definiert und reproduziert. Wenn diese Analyse richtig ist, ist jene Rechtsformation von Sprache und Politik, die die Frauen als »Subjekt« des Feminismus repräsentiert, selbst eine Diskursformation und der Effekt einer gegebenen Variante der Repräsentationspolitik. Das feministische Subjekt erweist sich als genau durch dasjenige politische System diskursiv konstituiert, das seine Emanzipation ermöglichen soll. Dies wird dann zum politischen Problem, wenn gezeigt werden kann, daß dieses System die geschlechtlich bestimmten Subjekte (gendered subjects) entlang einer differentiellen Herrschaftsachse hervorbringt oder von vornherein als männlich definierte Subjekte produziert. In beiden Fällen ist der unkritische Appell an ein solches System zum Zwecke der »Frauen«emanzipation offensichtlich widersprüchlich und unsinnig·
Für die Politik, besonders für die feministische, steht die Frage des »Subjekts« im Mittelpunkt, weil die Rechtssubjekte stets durch bestimmte Ausschlußverfahren hervorgebracht werden, die nicht mehr zum Vorschein kommen, sobald die Rechtsstruktur der Politik etabliert ist. Anders formuliert: Die politische Konstruktion des Subjekts ist mit bestimmten Legitimations- und Ausschlußzielen verbunden; diese politischen Verfahrensweisen werden aber durch eine Analyse, die sie auf Rechtsstrukturen zurückführt, wirksam verdeckt und gleichsam naturalisiert, d. h. als »natürlich« hingestellt. Unweigerlich »produziert« die Rechtsgewalt, was sie (nur) zu repräsentieren vorgibt. Demnach muß es der Politik um die Doppelfunktion der Macht gehen, nämlich um die juristische und die produktive. Das Gesetz produziert und verschleiert (dann) die Vorstellung von einem »Subjekt vor dem Gesetz«2, um diese Diskursformation als naturalisierte Grundvoraussetzung, die die eigene regulierende Hegemonie des Gesetzes rechtfertigt, zu beschwören. Es genügt also nicht zu untersuchen, wie Frauen in Sprache und Politik vollständiger repräsentiert werden können. Die feministische Kritik muß auch begreifen, wie die Kategorie »Frau(en)«, das Subjekt des Feminismus, gerade durch jene Machtstrukturen hervorgebracht und eingeschränkt wird, mittels derer das Ziel der Emanzipation erreicht werden soll.
Allerdings verweist das Problem der Frauen als Subjekt des Feminismus auf die Möglichkeit, daß es gar kein Subjekt gibt, das »vor« dem Gesetz steht und nur auf die Repräsentation in oder durch das Gesetz wartet. Möglicherweise wird dieses Subjekt, ebenso wie die Beschwörung eines zeitlichen »vor« dem Gesetz selbst als fiktive Grundlage für seinen eigenen LegitimationsanSpruch geschaffen. Die verbreitete Annahme, daß das »Subjekt vor dem Gesetz« eine ontologische Integrität besitze, kann als zeitgenössische Spur der Hypothese vom »Naturzustand« verstanden werden – jener fundierenden/fundamentalistischen Legende, die für die Rechtsstrukturen des klassischen Liberalismus konstitutiv war. Die performative Beschwörung eines ungeschichtlichen »vor« wird zur Begründungsprämisse, die eine vorgesellschaftliche Ontologie der Personen sichert, die ihrerseits die Legitimität des Gesellschaftsvertrags begründen, indem sie frei einwilligen, regiert zu werden.
Abgesehen von diesen fundierenden/fundamentalistischen Fiktionen, die den Begriff des Subjekts stützen, gibt es ein politisches Problem, auf das der Feminismus stößt, sobald er annimmt, daß der Begriff »Frau(en)« eine gemeinsame Identität bezeichnet. Weit davon entfernt, als stabiler Signifikant zu fungieren, der zwingend die Zustimmung jener erheischt, die er zu beschreiben und zu repräsentieren vorgibt, ist dieser Terminus, sogar im Plural, zu einem problematischen Begriff, einem Kampfschauplatz und einer Quelle der Sorge geworden. Wie der Titel Am I that Name? von Denise Riley nahelegt, kommt diese Frage gerade angesichts der Möglichkeit auf, daß dieser Name vielfältige Bedeutungen besitzt.3 Eine Frau zu »sein«, ist sicherlich nicht alles, was man ist. Diese Bestimmung kann nicht erschöpfend sein, und zwar nicht, weil eine ihrer geschlechtlichen Bestimmtheit vorangehende Person (pregendered person) das spezifische Beiwerk ihrer Geschlechtsidentität übersteigt, sondern weil die Geschlechtsidentität in den verschiedenen geschichtlichen Kontexten nicht immer übereinstimmend und einheitlich gebildet worden ist und sich mit den rassischen, ethnischen, sexuellen, regionalen und klassenspezifischen Modalitäten diskursiv konstituierter Identitäten überschneidet. Folglich läßt sich die »Geschlechtsidentität« nicht aus den politischen und kulturellen Vernetzungen herauslösen, in denen sie ständig hervorgebracht und aufrechterhalten wird.
Die politische Annahme, daß der Feminismus eine universale Grundlage haben müsse, die in einer quer durch die Kulturen existierenden Identität zu finden sei, geht häufig mit der Vorstellung einher, daß die Unterdrückung der Frauen eine einzigartige Form besitzt, die in der universalen oder hegemonialen Struktur des Patriarchats bzw. der männlichen Herrschaft auszumachen sei. Allerdings ist die Vorstellung von einem universalen Patriarchat in den letzten Jahren auf breite Kritik gestoßen, weil sie unfähig ist, den spezifischen Vorgehensweisen der Geschlechter-Unterdrückung (gender oppression) in den konkreten kulturellen Zusammenhängen Rechnung zu tragen. Werden diese vielfältigen Kontexte in der Theorie in Betracht gezogen, so stets, um »Beispiele« oder »Anschauungsmaterial« für ein universelles Prinzip zu finden, das von Anfang an vorausgesetzt war. Diese Form feministischer Theoriebildung ist nicht nur der Kritik anheimgefallen, weil sie die nichtwestlichen Kulturen kolonisiert und als Träger westlicher Vorstellungen von Unterdrückung dienstbar macht. Darüber hinaus versucht sie, gleichsam eine sogenannte »Dritte Welt«, ja einen »Orient« zu konstruieren, indem sie unterschwellig die Geschlechter-Unterdrückung als symptomatisch für eine wesentlich nicht-westliche Barbarei erklärt. Zweifellos verleiht der Feminismus dem Patriarchat einen universalen Status, um den Anschein des eigenen Anspruchs, repräsentativ zu sein, zu stützen. Doch hat diese Dringlichkeit bisweilen zu dem Kurzschluß geführt, daß die Herrschaftsstruktur eine kategoriale oder fiktive Universalität aufweist, die die unterworfene Erfahrung, die den Frauen gemeinsam ist, produzieren soll.
Wenngleich die These vom universalen Patriarchat nicht mehr dieselbe Glaubwürdigkeit wie einst genießt, war es weitaus schwieriger, die Vorstellung von einer allgemein verbreiteten Konzeption der »Frau(en)« – das Korollarium jener Grundthese – zu verschieben. Zwar haben zahlreiche Debatten über die verschiedensten Fragen stattgefunden: Gibt es eine Gemeinsamkeit unter den »Frauen«, die ihrer Unterwerfung vorangeht, oder verdankt sich das Band zwischen den »Frauen« einzig und allein ihrer Unterdrückung? Läßt sich die Besonderheit der Frauenkulturen unabhängig von ihrer Unterordnung unter die hegemonialen maskulinen Kulturen denken? Oder bestimmen sich die Besonderheit und Einheitlichkeit der Kulturen und Sprachpraktiken von Frauen immer gegen und damit zugleich in der Terminologie eines übergeordneten Kulturgebildes? Gibt es ein Gebiet des spezifisch Weiblichen, das sowohl vom Männlichen als solchen unterschieden ist als auch in seiner Differenz durch eine unmarkierte und damit hypothetische Universalität der Kategorie »Frau(en)« erkennbar ist? Bei all diesen Fragen stellt aber die Binarität männlich/weiblich nicht nur den ausschließlichen Rahmen dar, in dem die Besonderheit des Weiblichen erkennbar ist, sondern zudem ist diese »Besonderheit« erneut aus allen Zusammenhängen herausgelöst und analytisch wie politisch von jener Konstruktion der Klasse, Rasse, Ethnie oder anderen Achsen der Machtbeziehungen getrennt, welche »Identität« konstituieren und zugleich den einfachen Identitätsbegriff im Singular zu einer Fehlbenennung machen.4
Meine These ist, daß die unterstellte Universalität und Integrität des feministischen Subjekts gerade von den Einschränkungen des Repräsentationsdiskurses unterminiert wird, in dem dieses Subjekt funktioniert. Tatsächlich ruft das verfrühte Bestehen auf einem festen Subjekt des Feminismus – »Frau(en)« verstanden als bruchlose Kategorie – unweigerlich zahlreiche Ablehnungen hervor. Diese ausgeschlossenen Positionen enthüllen die zwanghaften und regulierenden Folgen einer solchen Konstruktion, selbst wenn sie zu emanzipatorischen Zwecken ausgearbeitet wurden. Tatsächlich verweist der Bruch zwischen dem Feminismus und der paradoxen Opposition von Frauen gegen ihn – die der Feminismus doch zu repräsentieren beansprucht – auf die notwendigen Grenzen einer Identitätspolitik. Die Unterstellung, daß der Feminismus für ein Subjekt, das er selbst konstruiert, eine breitere Repräsentation erreichen kann, hat ironischerweise die Konsequenz, daß die feministischen Zielsetzungen zu scheitern drohen, weil sie sich weigern, der konstitutiven Macht ihrer eigenen Repräsentationsansprüche Rechnung zu tragen. Diese Schwierigkeit verringert sich auch nicht, wenn nur zu »strategischen« Zwecken an die Kategorie »Frau(en)« appelliert wird. Denn Strategien haben stets Bedeutungen, die über die angestrebten Ziele hinausgehen. In diesem Fall können wir die Ausschließung selbst als eine solche unbeabsichtigte, aber folgerichtige Bedeutung betrachten. Indem der Feminismus dem Anspruch der Repräsentationspolitik nachkommt, ein festes Subjekt zu artikulieren, sieht er sich selbst der Anklage einer groben Fehlrepräsentation ausgesetzt.
Offensichtlich kann die politische Aufgabe nicht darin bestehen, die Repräsentationspolitik abzulehnen – als wäre das überhaupt möglich. Denn die Rechtsstrukturen von Sprache und Politik bilden das zeitgenössische Feld der Macht, das heißt: Es gibt keine Position außerhalb dieses Gebiets, sondern nur die kritische Genealogie seiner Legitimationspraktiken. Daher ist der Ausgangspunkt dieser Kritik, nach den Worten von Marx, die geschichtliche Gegenwart. Und ihre Aufgabe lautet: innerhalb dieses konstituierten, vorgegebenen Rahmens eine Kritik jener Identitätskategorien zu entfalten, die von den zeitgenössischen Rechtsstrukturen erzeugt, naturalisiert und verdinglicht werden.
Möglicherweise eröffnet sich gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Kulturpolitik – in einer Epoche, die von einigen »postfeministisch« genannt wird – die Möglichkeit, aus feministischer Perspektive über den Zwang nachzudenken, ein Subjekt des Feminismus zu konstruieren. In der feministischen politischen Praxis müssen anscheinend die ontologischen Konstruktionen der Identität grundlegend überdacht werden, um eine Repräsentationspolitik zu formulieren, die den Feminismus auf neuen Boden stellen und neu beleben könnte. Darüber hinaus ist es möglicherweise an der Zeit, eine radikale Kritik zu entfalten, die die feministische Theorie von dem Zwang befreit, einen einzigen, unvergänglichen Grund zu konstruieren, der unweigerlich von jenen Identitätsoder Anti-Identitätspositionen angefochten wird, die er zwangsläufig ausschließt. Es stellt sich die Frage, ob die Ausschließungsverfahren, die die feministische Theorie auf dem Begriff der »Frau« als Subjekt gründen, nicht paradoxerweise die feministische Zielsetzung unterlaufen, den Anspruch auf »Repräsentation« zu erweitern.5
Aber möglicherweise ist das Problem noch gravierender: Stellt nicht die Konstruktion der Kategorie »Frau(en)« als kohärentes festes Subjekt eine unvermeidliche Regulierung und Verdinglichung der Geschlechterbeziehungen (gender relations) dar? Und widerspricht eine solche Verdinglichung nicht gerade den feministischen Zielsetzungen? In welchem Maße gewinnt die Kategorie »Frau(en)« ihre Stabilität und Kohärenz nur im Rahmen der heterosexuellen Matrix?6 Wenn sich herausstellt, daß die Grundprämisse feministischer Politik nicht mehr in einem stabilen Begriff der Geschlechtsidentität liegt, dann ist vielleicht eine neue Form feministischer Politik zu wünschen, die den Verdinglichungen von Geschlechtsidentität und Identität entgegentritt: eine Politik, die die veränderlichen Konstruktionen von Identität als methodische und normative Voraussetzung begreift, wenn nicht gar als politisches Ziel anstrebt.
Die politischen Verfahrensweisen nachzuzeichnen, die das produzieren und verschleiern, was als Rechtssubjekt des Feminismus bezeichnet werden kann, ist genau die Aufgabe einer feministisch en Genealogie der Kategorie »Frau(en)«. Möglicherweise zeigt sich bei diesem Versuch, die »Frauen« als Subjekt des Feminismus zu hinterfragen, daß die unproblematische Beschwörung dieser Kategorie die Möglichkeit einer feministischen Repräsentationspolitik geradezu verhindert. Welchen Sinn hat es, die Repräsentation zu erweitern, wenn die Subjekte selbst durch die Ausschließung jener konstruiert werden, die den unausgesprochenen normativen Anforderungen des Subjekts nicht zu entsprechen vermögen? Welche Herrschaftsverhältnisse und Ausschließungen unterstützt man ungewollt, wenn allein die Repräsentation im Brennpunkt der Politik steht? Die Identität des feministischen Subjekts darf nicht die Grundlage feministischer Politik bilden, solange die Formation des Subjekts in einem Machtfeld verortet ist, das regelmäßig durch die Setzung dieser Grundlage verschleiert wird. Vielleicht stellt sich paradoxerweise heraus, daß die Repräsentation als Ziel des Feminismus nur dann sinnvoll ist, wenn das Subjekt »Frau(en)« nirgendwo vorausgesetzt wird.
Obwohl man oft die unproblematische Einheit der »Frauen« beschwört, um gleichsam eine Solidargemeinschaft der Identität zu konstruieren, führt die Unterscheidung zwischen anatomischem »Geschlecht« (sex) und Geschlechtsidentität (gender) eine Spaltung in das feministische Subjekt ein. Ursprünglich erfunden, um die Formel »Biologie ist Schicksal« anzufechten, soll diese Unterscheidung das Argument stützen, daß die Geschlechtsidentität eine kulturelle Konstruktion ist, unabhängig davon, welche biologische Bestimmtheit dem Geschlecht weiterhin hartnäckig anhaften mag. Die Geschlechtsidentität ist also weder das kausale Resultat des Geschlechts, noch so starr wie scheinbar dieses. Die Unterscheidung Geschlecht/Geschlechtsidentität erlaubt vielmehr, die Geschlechtsidentität als vielfältige Interpretation des Geschlechts zu denken7, und sie ficht bereits potentiell die Einheit des Subjekts an.
Wenn der Begriff »Geschlechtsidentität« die kulturellen Bedeutungen bezeichnet, die der sexuell bestimmte Körper (sexed body) annimmt, dann kann man von keiner Geschlechtsidentität behaupten, daß sie aus dem biologischen Geschlecht folgt. Treiben wir die Unterscheidung anatomisches Geschlecht/Geschlechtsidentität bis an ihre logische Grenze, so deutet sie vielmehr auf eine grundlegende Diskontinuität zwischen den sexuell bestimmten Körpern und den kulturell bedingten Geschlechtsidentitäten hin. Setzen wir für einen Augenblick die Stabilität der sexuellen Binarität (binary sex) voraus, so folgt daraus weder, daß das Konstrukt »Männer« ausschließlich dem männlichen Körper zukommt, noch daß die Kategorie »Frauen« nur weibliche Körper meint. Ferner: Selbst wenn die anatomischen Geschlechter (sexes) in ihrer Morphologie und biologischen Konstitution unproblematisch als binär erscheinen (was noch die Frage sein wird), gibt es keinen Grund für die Annahme, daß es ebenfalls bei zwei Geschlechtsidentitäten bleiben muß.8 Die Annahme einer Binarität der Geschlechtsidentitäten wird implizit darüber hinaus von dem Glauben an ein mimetisches Verhältnis zwischen Geschlechtsidentität und Geschlecht geprägt, wobei jene dieses widerspiegelt oder anderweitig von ihm eingeschränkt wird. Wenn wir jedoch den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität als radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechtsidentität selbst zu einem freischwebenden Artefakt. Die Begriffe Mann und männlich können dann ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich.
Diese radikale Spaltung des geschlechtlich bestimmten Subjekts (gendered subject) wirft freilich eine Reihe von Fragen auf: Können wir noch von einem »gegebenen« Geschlecht oder von einer »gegebenen« Geschlechtsidentität sprechen, ohne wenigstens zu untersuchen, wie, d. h. durch welche Mittel, das Geschlecht und/ oder die Geschlechtsidentität gegeben sind? Und was bedeutet der Begriff »Geschlecht« (sex) überhaupt? Handelt es sich um eine natürliche, anatomische, durch Hormone oder Chromosomen bedingte Tatsache? Wie muß eine feministische Kritik jene wissenschaftlichen Diskurse beurteilen, die solche »Tatsachen« für uns nachweisen sollen?9 Hat das Geschlecht eine Geschichte?10 Oder hat jedes Geschlecht eine andere Geschichte (bzw. andere Geschichten)? Gibt es eine Geschichte, wie diese Dualität der Geschlechter (duality of sex) errichtet wurde, eine Genealogie, die die binären Optionen möglicherweise als veränderbare Konstruktion offenbart? Werden die angeblich natürlichen Sachverhalte des Geschlechts nicht in Wirklichkeit diskursiv produziert, nämlich durch verschiedene wissenschaftliche Diskurse, die im Dienste anderer politischer und gesellschaftlicher Interessen stehen? Wenn man den unveränderlichen Charakter des Geschlechts bestreitet, erweist sich dieses Konstrukt namens »Geschlecht« vielleicht als ebenso kulturell hervorgebracht wie die Geschlechtsidentität. Ja, möglicherweise ist das Geschlecht (sex) immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen, so daß sich herausstellt, daß die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität letztlich gar keine Unterscheidung ist.11
Wenn also das »Geschlecht« (sex) selbst eine kulturell generierte Geschlechter-Kategorie (gendered category) ist, wäre es sinnlos, die Geschlechtsidentität (gender) als kulturelle Interpretation des Geschlechts zu bestimmen. Die Geschlechtsidentität darf nicht nur als kulturelle Zuschreibung von Bedeutung an ein vorgegebenes anatomisches Geschlecht gedacht werden (das wäre eine juristische Konzeption). Vielmehr muß dieser Begriff auch jenen Produktionsapparat bezeichnen, durch den die Geschlechter (sexes) selbst gestiftet werden. Demnach gehört die Geschlechtsidentität (gender) nicht zur Kultur wie das Geschlecht (sex) zur Natur. Die Geschlechtsidentität umfaßt auch jene diskursiven/ kulturellen Mittel, durch die eine »geschlechtliche Natur« oder ein »natürliches Geschlecht« als »vordiskursiv«, d.h. als der Kultur vorgelagert oder als politisch neutrale Oberfläche, auf der sich die Kultur einschreibt, hergestellt und etabliert wird. Diese Konstruktion des »Geschlechts« als das radikal Nicht-konstruierte wird uns erneut in der Diskussion der Thesen von Claude Lévi-Strauss und des Strukturalismus beschäftigen (s.u. Zweites Kapitel). Schon jetzt ist klar, daß ein Weg, die innere Stabilität und den binären Rahmen für den Begriff des »Geschlechts« zu sichern, darin bestehen muß, die Dualität der Geschlechter (sexes) in ein vordiskursives Feld abzuschieben. Diese Produktion des Geschlechts als vordiskursive Gegebenheit muß umgekehrt als Effekt jenes kulturellen Konstruktionsapparats verstanden werden, den der Begriff »Geschlechtsidentität« (gender) bezeichnet. Wie müssen wir dann die »Geschlechtsidentität« reformulieren, damit sie auch jene Machtverhältnisse umfaßt, die den Effekt eines vordiskursiven Geschlechts (sex) hervorbringen und dabei diesen Vorgang der diskursiven Produktion selbst verschleiern?
Haben die Personen, wie man sagt, »eine« Geschlechtsidentität, oder handelt es sich um ein wesentliches Attribut, das sie sind, wie im Englischen etwa die Frage »what gender are you?« nahelegt? Wenn die feministische Theorie behauptet, daß die Geschlechtsidentität (gender) die kulturelle Interpretation des Geschlechts (sex) oder eine kulturelle Konstruktion ist, stellt sich die Frage, wie der Modus oder der Mechanismus dieser Konstruktion aussieht. Angenommen, die Geschlechtsidentität ist eine Konstruktion, könnte sie dann auch anders konstruiert sein, oder beinhaltet ihre Konstruiertheit eine Form des gesellschaftlichen Determinismus, der jede Möglichkeit der Aktivität und Veränderung ausschließt? Bedeutet »Konstruktion«, daß bestimmte Gesetze die Geschlechter-Unterschiede (gender differences) an den universalen Achsen der sexuellen Differenz entlang hervorbringen? Wie und wo vollzieht sich die Konstruktion der Geschlechtsidentität? Und wie können wir eine Konstruktion denken, die keinem ihr vorangehenden menschlichen »Konstrukteur« zugesprochen werden kann? In bestimmter Hinsicht beinhaltet die Vorstellung, daß die Geschlechtsidentität eine Konstruktion darstellt, einen bestimmten Determinismus der Bedeutungen der Geschlechtsidentität (gender meanings), die in die anatomisch differenzierten Körper eingeschrieben sind, wobei diese Körper ihrerseits als passive Empfänger eines unumstößlichen kulturellen Gesetzes verstanden werden. Wenn aber die jeweilige »Kultur«, die die Geschlechtsidentität »konstruiert«, nach Maßgabe des Gesetzes (oder eines Ensembles von Gesetzen) begriffen wird, ist die Geschlechtsidentität ebenso determiniert und festgelegt wie nach der Formel »Biologie ist Schicksal«. Nur hätte hier die Kultur an Stelle der Biologie die Rolle des Schicksals eingenommen.
Dagegen behauptet Simone de Beauvoir in ihrem Buch Das andere Geschlecht: »Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird es.«12 Für Beauvoir ist die Geschlechtsidentität eine Konstruktion, doch impliziert ihre Formulierung einen Handlungsträger, ein cogito, das die Geschlechtsidentität irgendwie übernommen oder sich angeeignet hat und im Prinzip auch eine andere Geschlechtsidentität annehmen könnte. Ist die Geschlechtsidentität jedoch so auswechselbar und willensbedingt, wie Beauvoirs Darstellung nahezulegen scheint? Kann die »Konstruktion« in diesem Fall auf eine Frage der Wahl reduziert werden? Beauvoir stellt fest, daß man zwar zur Frau »wird«, aber daß dies stets unter gesellschaftlichem Druck geschieht. Und dieser Zwang geht eindeutig nicht vom anatomischen »Geschlecht« aus. Nichts in Beauvoirs Darstellung garantiert, daß das Wesen, das eine Frau wird, notwendigerweise weiblichen Geschlechts ist. Wenn »der Leib eine Situation ist«13, wie Beauvoir sagt, so gibt es keinen Rückgriff auf den Körper, der nicht bereits durch kulturelle Bedeutungen interpretiert ist. Daher kann das Geschlecht keine vordiskursive, anatomische Gegebenheit sein. Tatsächlich wird sich zeigen, daß das Geschlecht (sex) definitionsgemäß immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen ist.14
Die Kontroverse über die Bedeutung der »Konstruktion« scheint auf dem herkömmlichen philosophischen Gegensatz zwischen freiem Willen und Determinismus zu beruhen. Deshalb könnte man zu Recht annehmen, daß auch die Begriffe der hier dargelegten Debatte durch eine einfache, weit verbreitete sprachliche Einschränkung des Denkens bestimmt und zugleich begrenzt werden. Dieser Terminologie zufolge erscheint »der Körper« als passives Medium, dem die kulturellen Bedeutungen eingeschrieben sind, oder als Instrument, mittels dessen ein aneignender und interpretierender Wille für sich selbst eine kulturelle Bedeutung festlegt. In beiden Fällen wird der Körper als bloßes Instrument oder Medium dargestellt, das nur äußerlich mit einem Komplex kultureller Bedeutungen verbunden ist. Doch der »Leib« ist selbst eine Konstruktion – wie die unzähligen »Leiber«, die das Feld der geschlechtlich bestimmten Subjekte bilden. Man kann nämlich den Körpern keine Existenz zusprechen, die der Markierung ihres Geschlechts vorherginge. So stellt sich die Frage, inwiefern der Körper erst in und durch die Markierung(en) der Geschlechtsidentität ins Leben gerufen wird. Wie können wir den Körper neu und anders begreifen denn als passives Medium und Instrument, das gleichsam auf die lebensspendende Kraft eines getrennten, immateriellen Willens wartet?15
Ob die Geschlechtsidentität oder das Geschlecht festgelegt oder frei verfügbar ist, hängt von dem Diskurs ab, der versucht, der Analyse bestimmte Schranken zu setzen oder bestimmte Lehrsätze des Humanismus als Voraussetzung für jegliche Analyse der Geschlechtsidentitäten zu retten. Sei es für das »Geschlecht«, die »Geschlechtsidentität« oder gar die Bedeutung der »Konstruktion« – der locus der Unveränderlichkeit (intractability) liefert einen Anhaltspunkt dafür, welche kulturellen Möglichkeiten jede weitere Analyse mobilisieren kann oder nicht. Die Schranken der Diskursanalyse der Geschlechtsidentität implizieren und legen von vornherein die Möglichkeiten der vorstellbaren und realisierbaren Konfigurationen der Geschlechtsidentität in der Kultur fest. Das bedeutet nicht, daß in Sachen Geschlechtsidentität prinzipiell alle und jede Möglichkeiten offenstehen, sondern daß die Schranken der Analyse auf die Grenzen einer diskursiv bedingten Erfahrung verweisen. Diese Grenzen wurden stets nach Maßgabe eines hegemonialen kulturellen Diskurses festgelegt, der auf binäre Strukturen gegründet ist, die als Sprache der universellen, allgemeingültigen Vernunft erscheinen. Somit ist die zwanghafte Einschränkung gleichsam in das eingebaut, was von der Sprache als Vorstellungshorizont möglicher Geschlechtsidentität festgelegt wird.
Obwohl die Gesellschaftswissenschaften von der Geschlechtsidentität als »Faktor« oder als »Dimension« einer Analyse sprechen, wird dieser Begriff auch auf leibliche Personen im Sinne der »Markierung« eines biologischen, sprachlichen und/oder kulturellen Unterschieds angewandt. In diesen letzteren Fällen kann die Geschlechtsidentität als Bedeutung verstanden werden, die ein (bereits) sexuell differenzierter Körper annimmt. Aber auch dann existiert diese Bedeutung nur in Relation zu einer anderen entgegengesetzten Bedeutung. Einige feministische Theoretiker/innen behaupten, daß die Geschlechtsidentität kein einzelnes Attribut, sondern eine Relation oder ein Satz von Relationen ist. Andere argumentieren dagegen in der Nachfolge Beauvoirs, nur die weibliche Geschlechtsidentität sei als solche markiert, während die männliche Geschlechtsidentität mit der Vorstellung von einer universalen Person verschmelze, so daß die Frauen mittels ihres Geschlechts definiert, die Männer dagegen als Träger einer den Leib überschreitenden, universalen Persönlichkeit gefeiert würden.
In einem Schritt, der die Debatte noch schwieriger macht, vertritt Luce Irigaray den Standpunkt, daß die Frauen gerade im Identitätsdiskurs ein Paradox, wenn nicht gar einen Widerspruch, darstellen. Die Frauen sind das »Geschlecht«, das nicht »eins« ist. In einer durchgängig maskulinen, phallogozentrischen Sprache stellen sie das Nichtrepräsentierbare dar. Anders formuliert: Sie repräsentieren das Geschlecht, das nicht gedacht werden kann eine sprachliche Abwesenheit oder einen dunklen Fleck in der Sprache. In einer auf Eindeutigkeit beruhenden Sprechweise steht das weibliche Geschlecht für das Unbezähmbare und Unbezeichenbare. In diesem Sinne sind die Frauen das Geschlecht, das nicht »eins«, sondern vielfältig ist.16 Im Gegensatz zu Beauvoir, für die die Frauen als »Andere« existieren, behauptet Irigaray also, daß beide: Subjekt wie Objekt, männliche Stützen einer geschlossenen, phallogozentrischen Bedeutungs-Ökonomie sind, die ihr eigenes totalisierendes Ziel durch die Ausschließung des Weiblichen überhaupt vollendet. Während nach Beauvoir die Frau das Negativ der Männer, der Mangel ist, gegen den sich die männliche Identität selbst abhebt, bildet diese partikulare Dialektik für Irigaray ein System, das eine ganz andere Bedeutungs-Ökonomie ausschließt. In der Sartreschen Grundkonstruktion von bezeichnendem-Subjekt und bezeichnetem-Objekt werden die Frauen nicht nur fehlrepräsentiert; das »Fehlgehen« der Bezeichnung offenbart vielmehr die Unangemessenheit der gesamten Repräsentationsstruktur. Daher stellt das Geschlecht, das nicht eins ist, einen Ausgangspunkt für die Kritik der hegemonialen westlichen Repräsentation und der Metaphysik der Substanz bereit, die den Subjektbegriff noch selbst strukturiert.
Was bedeutet »Metaphysik der Substanz«, und wie prägt sie das Denken über die Kategorien des Sexus (categories of sex)? Die humanistischen Konzeptionen des Subjekts neigen in erster Linie dazu, eine substantielle Person zu unterstellen, die als Träger verschiedener, wesentlicher und unwesentlicher Attribute auftritt. Eine humanistische feministische Position würde also die Geschlechtsidentität als Attribut einer Person begreifen, die wesentlich als eine ihrer geschlechtlichen Bestimmtheit vorangehende Substanz (pregendered substance) oder als »Kern« charakterisiert ist und ein universales Vermögen der Vernunft, der moralischen Überlegungen oder Sprache bezeichnet. Allerdings verschiebt sich die universelle Konzeption der Person durch jene historischen und anthropologischen Positionen, die die Geschlechtsidentität als ein Verhältnis zwischen gesellschaftlich konstituierten Subjekten in spezifisch bestimmbaren Kontexten verstehen, zu einem Ausgangspunkt für eine Gesellschaftstheorie der Geschlechtsidentität. Dieser Gesichtspunkt der Relation oder des Kontextes legt nahe, daß das, was die Person und übrigens auch die Geschlechtsidentität »ist«, jeweils von den konstruierten Relationen abhängt, in denen sie definiert werden.17 Als sich ständig verschiebendes (shifting) und kontextuelles Phänomen bezeichnet die Geschlechtsidentität nicht ein substantiell Seiendes, sondern einen Schnittpunkt zwischen kulturell und geschichtlich spezifischen Relationen.
Dagegen würde allerdings Irigaray einwenden, daß das weibliche »Geschlecht« einen Punkt sprachlicher Abwesenheit darstellt bzw. die Unmöglichkeit einer grammatikalisch bezeichneten Substanz oder jenen Gesichtspunkt, der diese Substanz als unvergängliche, fundierende/fundamentalistische Illusion eines maskulinen Diskurses offenbart. Diese Abwesenheit ist als solche in der männlichen Bedeutungs-Ökonomie nicht markiert. Irigarays Behauptung kehrt die These von Beauvoir (und Wittig) um, daß gerade das weibliche Geschlecht markiert ist, das männliche dagegen nicht. Für Irigaray stellt das weibliche Geschlecht keinen »Mangel« und kein »Anderes« dar, das das Subjekt immanent und negativ in seiner Männlichkeit definiert. Im Gegenteil: Das weibliche Geschlecht entzieht sich gerade den Anforderungen der Repräsentation. Die Frau ist weder als »Andere« noch als »Mangel« zu begreifen, weil diese Kategorien sich immer noch auf das Sartresche Subjekt beziehen und innerhalb des phallogozentrischen Schemas bleiben. Daher kann das Weibliche für Irigaray niemals die Markierung eines Subjekts darstellen, wie Beauvoir nahelegt. Außerdem kann es nie durch eine bestimmte Relation zwischen Männlichem und Weiblichem innerhalb irgendeines gegebenen Diskurses erklärt werden, da der Diskursbegriff hier nicht mehr relevant ist. Selbst in ihrer Mannigfaltigkeit stellen nämlich die Diskurse lediglich Abwandlungen der phallogozentrischen Sprache dar. Somit ist das weibliche Geschlecht auch das Subjekt, das nicht eins ist. In einer Ökonomie, in der das Männliche den geschlossenen Zirkel von Signifikant und Signifikat begründet, kann das Verhältnis zwischen Männlichem und Weiblichem nicht repräsentiert werden. Paradoxerweise hat Beauvoir in ihrem Buch Das andere Geschlecht diese Unmöglichkeit bereits angekündigt, indem sie behauptete, daß die Männer die »Frage der Frau« nicht aufwerfen könnten, da sie in dieser Sache Richter und Partei zugleich sind.18
Der Unterschied zwischen den beiden oben dargestellten Positionen ist also keineswegs eindeutig: Jede der beiden kann so verstanden werden, daß sie den Ort und die Bedeutung des »Subjekts« wie auch der »Geschlechtsidentität« im Kontext der gesellschaftlich instituierten Geschlechter-Asymmetrie (gender asymmetry) problematisiert. Die Interpretationsmöglichkeiten der Geschlechtsidentität werden also durch die oben dargelegte Alternative keinesfalls ausgeschöpft. Die problematische Zirkularität, in die sich eine feministische Untersuchung der Geschlechtsidentität verstrickt, wird noch zusätzlich durch folgendes unterstrichen: Und zwar gibt es einerseits Positionen, die annehmen, daß die Geschlechtsidentität ein sekundäres Merkmal der Personen ist, und andererseits gibt es Positionen, die behaupten, daß schon die Vorstellung von einer Person, die in der Sprache die Position eines »Subjekts« einnimmt, ein maskulines Konstrukt und Vorrecht darstellt, das die strukturelle und semantische Möglichkeit einer weiblichen Geschlechtsidentität praktisch ausschließt. Aus dieser scharfen Kontroverse über die Bedeutung der »Geschlechtsidentität« (die auch die Frage betrifft, ob überhaupt die Geschlechtsidentität der strittige Begriff ist oder ob nicht die diskursive Konstruktion des Geschlechts oder auch die Kategorien Frau bzw. Frauen oder Mann bzw. Männer in Wirklichkeit viel grundlegender sind) ergibt sich die Notwendigkeit, die Identitätskategorie im Zusammenhang mit den Beziehungen der fundamentalen Geschlechter-Asymmetrie radikal zu überdenken.
In der existentialistischen Analyse der Mysogynie von Beauvoir ist das Subjekt immer schon als männliches bestimmt, das mit dem Universellen verschmilzt und sich selbst von einem weiblichen Anderen abhebt, das seinerseits außerhalb der universalistischen Normen der Persönlichkeit steht, hoffnungslos »partikular«, leiblich und zur Immanenz verurteilt. Zwar wird Simone de Beauvoir häufig so verstanden, daß sie für das Recht der Frau, ein existentialistisches Subjekt zu werden, und also für ihre Einschließung in eine abstrakte Universalität eintritt. Doch beinhaltet ihre Position auch eine grundlegende Kritik an der Entleiblichung des abstrakten maskulinen Erkenntnissubjekts.19 Dieses Subjekt ist insofern abstrakt, als es seine gesellschaftlich markierte Leiblichkeit verleugnet und weiterhin diese verleugnete und verworfene Leiblichkeit in die weibliche Sphäre projiziert, indem es den Körper gleichsam zu etwas Weiblichem umtauft. Diese Assoziation zwischen Körper und Weiblichkeit verläuft entlang magischer Beziehungen der Wechselseitigkeit, wobei das weibliche Geschlecht auf
