Das Unbehagen - Thomas Arzt - E-Book

Das Unbehagen E-Book

Thomas Arzt

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Beschreibung

"Das Unbehagen" nimmt uns mit auf eine Reise unter die dünne Haut der Zivilisation — und in eine überwältigende Natur. Ein diffuses Unbehagen ist es, das den Lehrer Lorenz Urbach mehr und mehr befällt, eine politische Unzufriedenheit, eine Überforderung, ein Überdruss. Plötzlich bricht eine ungekannte Aggression aus ihm heraus, er gerät in eine Schlägerei und verliert den Boden unter den Füßen. Als Berichte über ein blutrünstiges Tier auftauchen, das in den Alpen sein Unwesen zu treiben scheint, werden in Lorenz alte Erinnerungen wach. Die Medien spekulieren – ist es ein Wolf? Oder vielleicht doch ein Mensch? – und Lorenz denkt an seine Jugendfreundin Theresa, die Außenseiterin, die Aussteigerin, die immer schon Gewaltbereite … Er bricht zu einer einsamen Wanderung in die Berge auf, setzt sich den Naturgewalten aus – auf der Suche nach dem "Ungeheuer" da draußen und dem Ursprung der Gewalt in sich.

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Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Thomas Arzt

Das Unbehagen

Thomas Arzt

DAS UNBEHAGEN

Roman

Residenz Verlag

Der Verlag dankt für die Unterstützung

© 2025 Residenz Verlag GmbH

Mühlstraße 7, 5023 Salzburg

[email protected]

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

www.residenzverlag.com

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

Keine unerlaubte Vervielfältigung!

Umschlaggestaltung: Sebastian Menschhorn

Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien

Lektorat: Jessica Beer

ISBN ePub:

978 3 7017 4741 2

ISBN Printausgabe:

978 3 7017 1798 9

Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde,

Lasst mich nicht ruh’n in der Schlummerstunde!

Ich bin zu Ende mit allen Träumen –

Was will ich unter den Schläfern säumen?

          WilhelmMüller, Winterreise.

My heart is beating in a different way.

Been gone such a long time,

I don’t feel the same.

       The XX, Coexist.

Inhalt

I. Aufbruch

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

II. Wanderung

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

III. Fieber

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

IV. Tod

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

V. Schluss

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

I.Aufbruch

1.

Wald. Wiese. Berg. Das könnte überall sein, dachte er im Traum. In Wanderschuhen stand er da und schaute ins Idyll, irgendwoher pfiff ein Spatz, von anderswo wehte lau der Wind. Kühe grasten. Noch nie mochte er Kühe, zu groß fand er sie, unbeholfen. Was, wenn die einfach umfallen? Er traute sich kaum, den Fuß in die Morgentaulandschaft zu setzen, eines der Tiere glotzte herüber, kaute am Löwenzahn, oder woran auch immer Kühe Glücksseligkeit fanden, Seligkeit, sprach er vor sich hin, sein Traum nervte ihn, er hoffte bald zu erwachen, da erst entdeckte er den Toten. Es lag ein unberührt schöner Leichnam in der Wiese, golden funkelnd, er kniff die Augen zusammen, hörte ein Pochen, neugierig lief er nun voran, nasses Gras unter ihm, er hatte Mühe, nicht auszurutschen, wer war das? Anstatt Trauer oder Angst verspürte er große Lust, die Leiche zu berühren, das abgewendete Gesicht, zu sich herzudrehen, ich kenn dich doch, das Pochen lauter, aufdringlicher, natürlich bist du das, er reckte den Arm nach vorn, die Kuhherde trat, als wär’s ein Ritual der Andacht, mit gebeugten Schädeln in einen Halbkreis, roch am verstorbenen Körper, sunshine, sunshine reggae, sang eine penetrant gutgelaunte Stimme, auseinander, fluchte er, die dicken Viecher mühsam forthievend, doch die Kuhhintern versperrten den Blick auf den Leichnam, don’t worry, don’t hurry, schwer drückte sich was gegen seine Wangen, seinen Mund, take it easy … Endlich kam er zu sich, keuchend, unter dem Polster, er haute, Hitze bereits im Raum, benommen mit der Faust auf den Radiowecker. Draußen dröhnte die Stadt.

2.

Erste Stunde, supplieren für Kollegin Franz, Trauerfall in der Familie, er ließ die Klasse Schilder basteln für den nahenden Aktionstag. Zweite Stunde, schlechter Kaffee und müßiger Smalltalk, Direktorin Freudmann kotzte sich über die Bildungsdirektion aus, es bleibe freilich unter uns, ihr Stimmvolumen schepperte raus in den Eingangsbereich der Schule. Dritte Stunde, Briefromane am Beispiel von Goethes Werther und Bauers Fieberkopf, ursprünglich geplant unter freiem Himmel, doch der Regen überraschte sie, die sechste Klasse stand triefend im Nass, sie entschieden, ins Café gegenüber zu gehen, dort verebbte der Unterricht und es wurde Eis gegessen. Vierte Stunde, Erster Weltkrieg. Fünfte Stunde, die noch ausständigen Referate im Vertiefungsgegenstand Literatur der Gegenwart, und damit begann das Unheil.

Eigentlich begann es mit Flora. Sie war, wie gewohnt, souverän. Sie referierte über einen ihm unbekannten Roman, einen beinahe aktionistischen Bericht über Klassenkampf und Ausbeutung des Planeten. Er beneidete seine Schülerin um ihre Selbstsicherheit, sie war belesen und interessiert an allem, was auf sie im täglichen Informationsstrom einprasselte, überhaupt beachtlich, stellte er fest, die Blicke der gesamten Gruppe auf ihn gerichtet, allein bei dem Tempo der Nachrichten, dass ihr da nicht durchdreht … Er selbst fühlte sich zunehmend überfordert, oder anders: Er misstraute der Überzeugung, noch etwas Sicheres über das Hier und Jetzt aussagen zu können. Die Eindeutigkeit, mit der im vergangenen Schuljahr Positionen eingenommen werden sollten (Weltkonflikte, ausgetragen in überfüllten Klassenräumen), ängstigte ihn. Demgegenüber liebte er die vermeintlich ungebrochene Euphorie und Entschlossenheit seiner Schülerinnen und Schüler. Er wollte für einen Moment mithalten, mit dieser so schillernden Jugend (er war in einem Stadium seines allzu durchschnittlichen Lebens angekommen, in dem er vermehrt derartige Wörter in den Mund nahm: das Alter, das Sterben …), und er brach an dem Tag von Floras Referat eine Diskussion vom Zaun, darüber nämlich, was Bücher imstande wären zu leisten, was Literatur an sich für Möglichkeiten in den Raum stelle, wie sehr Sprache uns als Waffe für den Kampf gegen die uns umgebenden Umstände bestärke. So in etwa hatte er es gesagt, im schalen Gefühl, allen etwas vorzubeten. Doch kann’s schlussendlich ja nur darum gehen, rief er plötzlich hilflos aus, um die Hoffnung, dass die Zeit, die wir hier alle absitzen, uns beflügelt, aufrichtet. Nicht? Uns wappnet gegen Tristesse und Pessimismus. So schwülstiges Pathos kannte er nicht an sich. Und dann, wie aus einer Faustfeuerwaffe in sein schlappes Mittvierzigerherz gedonnert: Flora.

Es war erwartbar gewesen. Er hatte sie ja dazu aufgefordert, über das Buch hinauszudenken, an das, was jenseits des Schulgebäudes … – Aber Herr Professor, unterbrach sie, laut und vor der Klasse stehend, ist doch alles nur Scheiß. Und eigentlich hätte er gern erwidert, dass er nicht ihr Professor sei (er wollte die Form vergessen, aber die Form war stärker), und Flora trug die Vernichtung vor: Wir sitzen hier und reden und reden und es ist trotzdem Scheiß. Kein Geheule folgte, sondern eine klare Schlussfolgerung.

Wenn ein Buch, sagen wir, eine Gruppe Menschen, wie wir sie jetzt sind, begeistern würde, also voll und so! Und sagen wir, es wird über das Buch hinaus was ausgelöst. Wir alle wissen, wie wenig wir am Ende auf der letzten Seite sagen: Yeah, wow, echt, hey! Wir müssen das jetzt anpacken, ja, los, und alle zusammen oder so. Wir wissen, dass das nur drei machen, oder zwei, vielleicht, und wenn überhaupt, dann können wir die … die eigenen Eltern dafür gewinnen. Die eigene Hood. Aber wie oft ist durch ein Buch jetzt ein Gesetz oder so, Sie wissen, was ich meine, aber … Sagen wir mal, es ist utopisch, toll, wir alle lesen das Buch und sagen dann, jetzt aber! Und wir tun was. Wir. Hier. Jetzt … Wie viele Bücher müssten dann aber gelesen werden und wie verdammt gut müssten die sein, dass weltweit, wegen Literatur … Ist doch für den Arsch. Sorry, sie sagte es bewusst provokant, Herr Professor Urbach, wenn wir die Welt retten wollten, dann säßen wir lang schon nicht mehr hier. Wenn wir es wirklich ernst meinten … Sie hielt inne.

Er nutzte den Moment, um sich aufzurichten, von seinem Sessel, da war er gekauert, wie früher bei seinen Uniseminaren, Beine übereinandergeschlagen, Kinn in der Hand abgestützt, den Flaum seines leichten Barts massierend, als würde er angestrengt nachdenken, doch war er unter Strom, nervös, schwankend, ihm fielen Versatzstücke seines bildungsbürgerlichen Horizonts ein, er hätte vieles nun zitieren wollen (konnte er Büchner aus dem Stegreif? Es gerieten ihm Titel durcheinander), stattdessen knickte er ein, sah Floras gefasste Miene und sagte schlicht: Ja eh!

Der Deutsch- und Geschichtelehrer Lorenz Urbach stammelte ein gut gemeintes, doch desaströses Ja-eh.

Flora reagierte angeekelt. Nix ja eh!, schrie sie heraus. Lüge! Er versuchte zu kontern, wie sehr doch Bücher über bloße Handlungsaufforderungen hinaus die Fähigkeit zu Reflexion, zu Kritik … Toll, tat es Flora ab. Sollen die Despoten der Welt nun einfach einen guten Roman lesen und that’s it? – Nein, natürlich nicht … Er hauchte Ratlosigkeit in den Raum. Alle Augen auf ihn gerichtet, es wäre ein guter Moment gewesen, eigentlich sind das ja die Momente, die es braucht, pädagogischer Augenblick!, dachte er noch, doch schnürte ihm etwas die Luft ab.

Ein Schwenk, fluchtartig, zu einer Floskel, durchschaubar naiv: Aber wenigstens du. Das ist doch was. Wenn du … Flora … diese Gedanken jetzt trägst, nicht? Der Zweifel ist gut. Und den hat doch das Buch hier ausgelöst … Mach was aus diesem Zweifel … Und sie zu ihm: Was haben denn Sie getan? Haben all die Dinge, die Sie lesen mussten, über die Sie referiert haben, die Sie hier uns weitergeben wollen, haben die DIESEN PLANETEN BESSER GEMACHT? Oder sagt uns das einfach nur: Lesen ist eh was Feines und da dürfen wir auch mal heulen und uns auskotzen, aber wenn wir den Umschlag zuklappen, ist alles wie davor. Ich find, das wär ehrlicher, wenn wir das sagen würden. Deutsch ist Deutsch und dann ist Pause, dann kommt Mathe und irgendwann läutet die Glocke und ein paar hundert Kilometer entfernt zerbomben die Menschen sich trotzdem weiter, und der Meeresspiegel eh schon wissen …

Was haben Sie getan? Seit einem Monat trug er diese Frage bereits mit sich rum. Er schlief mit ihr ein, erwachte, sah verschämt an den Gesichtern vorbei, schlapfte furchtsam durch die Gänge, die gewohnten Wege wirkten auf ihn unerträglich lang, alles starrte auf ihn, die Mahnung groß plakatiert: WAS HABEN SIE GETAN?

Meine Güte, kommentierte Klara, als sie Emmi nach dem Kletterkurs zu ihm brachte, jetzt lass dich nicht von einer Schülerin so runterziehen. War doch erwartbar. – Ja eh, gab er ihr Recht. Er hatte noch die verschwitzten Sachen vom langen Schultag an, voller Kaffeeflecken. Fertig sah er aus, dabei wollte er sich bemühen, vor Klara einen aufgeräumteren Eindruck zu machen (auch ein Begriff, der ihm zu schaffen machte: Ordne dich mal neu!). Sie meinte, das sei doch bloß Teenie-Protest einer Sechzehnjährigen im Weltschmerzfieber … Er mochte Klaras Art, die Dinge zu benennen, ihre Präzision, auch Nüchternheit. In ihm waren Gedankengänge umständlich ineinander verknotet. Er brauchte ewig für die einfachsten Alltagsanweisungen, bis Nervenimpulse zu einer linguistischen Minimalausdrucksweise, die Zungenmuskulatur endlich in Bewegung … – Lorenz … ist ja gut, fixierte Klara ihn. Sie kannte seinen Hang, sich in Dinge hineinzusteigern, genau deswegen hatten sie sich ja getrennt.

Dann der Abschied, zwischen Tür und Angel. Meld dich, und Klara ging.

Hallo Papa. – He, Emmi! Seine Tochter drückte ihm einen eingeübten Kuss auf die Wange, schlurfte mit ihrer Sporttasche an ihm vorüber in die Wohnung, in ihr Zimmer, das er endlich für sie eingerichtet hatte. Kannst gern alles umstellen, ist nur mal provisorisch, okay? Fühl dich frei, gab er ihr als Botschaft mit. Aber die Worte vergrößerten sich in seinem vorsommerlichen Müßiggang zu schweren Nominalkonstruktionen, das Freie, das Gute, er war gewaltig urlaubsreif.

So stand er also in der letzten Schulwoche am Fenster, blickte durch fliegenverschissenes Glas über die Dächer des verwinkelten Schulgebäudes, die Stadt unter brütender Hitze, ständig fiel die Klimaanlage aus oder sie fehlte komplett, und am Eck des Ganges kauerte (sie hatte ihm gerade noch gefehlt!) Flora. Sie sah ihn (warum musste sie gerade jetzt herschauen?) und winkte. Er winkte zurück (hätte es gern unterlassen). Na, schon ferienreif? – Ja, sagte sie und nahm die Kopfhörer aus den Ohren, und Sie? – Auch. Morgen noch und dann bin ich weg. – Schön für Sie, lächelte Fora. Wir haben noch Exkursion. – Ist doch gut, setzte Lorenz einen Punkt, das Gespräch fluchtartig abwürgend, da meinte sie, morgen Nachmittag ist Demo, und hielt ihm einen Stapel Flyer entgegen. Können Sie die noch austeilen helfen? – Klar. Gern. Wollt da sowieso hin …, log er seiner Schülerin ins Gesicht.

Er stapfte voran, seine Umhängetasche baumelte schwer unter dem Gewicht des ganzen Zeugs, das sich übers Jahr auf seiner Ablage im Lehrerzimmer angehäuft hatte, die Last zog ihn aus der Bahn und er krachte versehentlich in den Kollegen Strenzl. Doch als hätte Lorenz die Kollision nicht bemerkt, stapfte er geistesabwesend weiter, noch damit ringend, was er denn verflucht nochmal getan hätte, bislang, in seinem lächerlichen Dasein. He, rief aus weiter Ferne die Kollegenstimme, Urbach …, als würde es durch Gänge hallen, er blickte verwirrt hoch. Eine Entschuldigung? Strenzl stand erbost. Sein Rucksack, zuvor noch lässig über die Schulter geworfen, war beim Zusammenprall auf den Boden geknallt. Das war ein Côte du Rhône … Tatsächlich quoll eine rötliche Flüssigkeit über die blassen Fliesen, ihm entgegen. Geh, scheiß, echt, fluchte Strenzl. Lorenz sah reaktionslos zu, wie der Wein seine Lederschuhe tränkte.

3.

Du hast ein Mückenproblem, rief Emmi aus dem Wohnzimmer. Ich weiß, gab er zurück, nimm das Sprühdings. – Das Sprühdings? – Das neben der Wurmbox.

Hektisch eilte er aus der Küche und stürzte sich ins Mückengefecht. Aus der Kompostkiste mit den Regenwürmern, die er sich angeschafft hatte, um sein Dasein etwas nachhaltiger zu gestalten, kam der Feind. Die Würmer zersetzten im Normalfall den Kompost in ihrer Holzbox geruchsfrei und gut abgedichtet, wie der Hersteller behauptete, die Box auf Rollen sei außerdem als Wohnzimmerhocker verwendbar, die Gäste werden nicht merken, dass es unter ihnen kreucht und fleucht! Doch waren nun die Obstmücken aktiv geworden, hatten genistet (weiß der Teufel, welchen Eingang sie in die Kompostkiste gefunden hatten!) und täglich schlüpften neue Viecher, noch unfähig zu fliegen, aber sie krabbelten entlang der Rillen, der Böden, der Wände und vor allem am Fenster hinauf, es wuselte schlimm, und Lorenz sah sich gezwungen, mit Chemie vorzugehen. Er sprühte wild gegen Fensterscheibe und Wandverputz, hinterließ matschige schwarze Spuren beim Zerquetschen der lästigen Tiere, ich krieg das hin! Emmi sah ihm erst belustigt, dann schockiert zu. Schließlich half sie ihrem Vater bei dem unerträglichen Massaker, gemeinsam töteten sie alles Ungeziefer.

Und morgen? – Morgen geht das wieder von vorne los. – Du musst die Kiste weggeben, Papa. – Die Würmer machen die beste Blumenerde. – Schön. Aber wenn du dir die Wohnung damit versaust?

Später stocherte Emmi im Geschnetzelten. Vater und Tochter bei Tisch. Eigentlich versuche sie ja drauf zu verzichten. Aufs Fleisch. – Sorry, sagte er, er hätte nachfragen sollen. Schon okay.

Es veränderte sich viel. Er war froh, wie verständnisvoll sie mit ihm umging, seine Kleine, die ihn bald an Größe überragte, an Gelassenheit sowieso, manchmal hatte er Angst, dass es nichts mehr gäbe, wofür sie ihn bräuchte, nutzlos saß er neben ihr in der Straßenbahn, ging durch den Park, früher stapfte sie an seiner Hand, hockte auf seinem Schoß.

Morgen ist Demo … Hab überlegt, ob ich da hingeh. – Mhm. – Vielleicht willst ja mit, ich mein, für die Sache. – Oder die Familie, sagte sie. – Nein, das meinte ich nicht, ich hab nur … War ewig nicht mehr auf einer Demo, aber ich will da auch nicht peinlich … – Klingt gut. Ich frag Mama. Schweigen. Das Surren des Geschirrspülers. Das Schaben der Gabel am Teller. Einfall von Licht, durch Jalousien. Ihr sanftes Gesicht. Die Furchen an seiner Stirn. Eine Fruchtfliege im Augenwinkel. Denkst du, ich tu zu wenig? – Wie meinst du das? – So allgemein. – Du meinst sportlich? Also, dein Bauch war schon mal straffer, ja. – Nein. Beruf, Leben. – Ich find’s gut, dass du nicht bis zum Umfallen arbeitest. Das machen zu viele.

Sie hatte Klaras Blick. Das Gegenüber rasch erfassend, vorgeblich wohlwollend, aber diese Augen ließen kaum Widerspruch zu. Es kam ihm vor, als säße er wie früher, als Klara und er in der WG gemeinsam gelernt hatten und sie ihn ansah, ihn hinwies auf seine Fahrigkeit, ihn beruhigte, seine Hand ergriff, bis irgendwann die Lernunterlagen am Boden lagen, samt den Kleidern, es war eine Ewigkeit her.

Nein, murmelte er, Balsamicoessig vom Kinn wischend, ich red vom Engagement. Politisch und so. – Du gehst ja auf die Demo. – Aber ist das nicht zu wenig? – Ist das noch immer wegen dieser Sache in deinem Unterricht? Natürlich war Emmi von Klara informiert worden, es gab kaum Geheimnisse, die Mutter und Tochter nicht teilten. Ich finde, das muss man trennen, fuhr sie fort. Das ist Unterricht. Du hast eine etwas zu große Frage für etwas zu überforderte Jugendliche gestellt. Ich mein. Literatur und Klima. Das ist top, echt, aber. Verantwortung, Aktivismus, Politik, ist das nicht alles too much?

Nein, wollte er kontern, wie kleinkariert seine Tochter dachte, und wie wenig sie einer Unterrichtsstunde zutraute, dann aber sah er sie an, sie schnitt sich noch Gurke in ihren Salat, die Haare hochgebunden, im Nacken war sie tätowiert, sie hatte wirklich sehr viel von Klara und freilich hatte sie recht. Du machst dich kaputt, wenn du die Arbeit so mit nach Hause nimmst. Das klang grundvernünftig. Zu vernünftig für vierzehn. Und nein, Papa, du engagierst dich nicht zu wenig. Du bist toll. Jetzt predigte sie Sätze, die eine Tochter sagen sollte, wenn man ihr sagt, du, der Papa hat grad eine schwere Phase. Sei lieb zu ihm. Aber wo bist du, Kind? Rebellier doch! Echt, Papa, das finden übrigens auch die anderen in meiner Klasse. Entspann mal, stellte sie nun die schmutzigen Teller in die Spüle, woher diese Bravheit?

4.

Nachts lag er wach, die Stadt kühlte nicht ab. Er überflog Nachrichten am Bildschirm, las von einem eifersüchtigen Ehemann, der seine Frau mit einer Axt erschlagen hatte, einem erschöpften Vater, der vor Gericht stand (er soll sein eigenes Baby im Bach ertränkt haben), von Politikern, die logen und damit davonkamen, Großinvestoren, die betrogen und bankrottgingen, von zu teurem Brot und zu billigen Kreuzfahrten, Sommertheatern, die nicht lustig waren, Theatertragödien, die langweilten, toten Promis mit Staatsbegräbnis und toten Schafen auf einer Alm (ein Wolf schien umzugehen). Dann der abermalige Gang auf die Toilette.

Während des Urinierens schweifte sein Blick über das Fotochaos, das die Wand überzog, ein Durcheinander an Familienerinnerungen, provisorisch mit Tixo nach seinem Einzug hier angeklebt. Das Provisorische war geblieben. Er verlor sich in der Rekonstruktion der einzelnen Augenblicke: Ausflug mit Emmi am Riesenrad, Ausflug zu dritt im Zelt, Tochter und Vater mit herausgestreckten Zungen, kostümiert und verwackelt festgehalten, auf Polaroid, Klara im Abendkleid (irgendein Dinner von der Kanzlei), Klara in der Wanne, nur mit Schaum bedeckt (Gib das Foto da weg, echt, Lorenz, das tut uns allen nicht gut. – Ich brauch das noch …). Es musste eine halbe Stunde vergangen sein, noch immer saß er auf der Klobrille. Und plötzlich die fast panische Entscheidung, auf der Stelle in den Keller zu gehen, um die Box mit den alten Fotoalben und den Sachen aus der Schulzeit auszugraben. Er bildete sich ein, dass sein quälender Selbstzweifel auf irgendeine Weise in Produktivität umschlagen müsse. Abrupt verließ er die Wohnung.

Sie war ja tatsächlich lächerlich, seine Unruhe. Warum jetzt? Eigentlich hätte er bereits zum Vierziger die Krise erwartet, als er hektisch eine innere To-do-Liste abarbeiten wollte, voller Vorhaben, die nicht verwirklicht waren, etwa der Marathonlauf oder die Reise an den Gardasee in einem roten Alfa Romeo Cabriolet mit Klara an seiner Seite, sowie sein Vorsatz, endlich eine Darmspiegelung zu machen. Der Vierziger kam und kaum etwas von der Liste war abgearbeitet, allein die Gesundheitsvorsorge hatte er sich wirklich zu Herzen genommen. Er war noch am Leben, der Krebs, den er in hypochondrischen Nächten in sich wachsen spürte, war nicht vorhanden, er war fit, ein Marathon würde es nicht werden, aber er spielte mit dem Gedanken, sich einer Pädagogischen Staffel anzuschließen. Er fand den Begriff fragwürdig, musste aber laut auflachen, als die Kolleginnen Hummer, Franz und Teinschleif ihn darauf ansprachen. Es wäre ein schöner Lauf um den Wolfgangsee, man könnte ein Wochenende dranhängen et cetera. Er sah es als sportlichen Arschtritt, ja, warum nicht? Erst als er zugesagt hatte, kam ihm der Verdacht, die Einladung der drei alleinstehenden Kolleginnen könne ein frivoler Versuch sein, noch etwas anderes anzubahnen, sie alle wussten ja von seiner Trennung, was ihm schmeichelte, ihn aber mehr noch verunsicherte. So begann das vierte Jahrzehnt seines Lebens und nichts deutete auf den Ausbruch einer Krise hin, auch die Situation mit Klara spielte sich gut ein, wie alle fanden, auch Emmi, die sich schnell damit arrangierte, mal da und mal dort zu nächtigen. Der Einundvierziger verging, auch der Prostataschall und die Hodenuntersuchung brachten kein Anzeichen von schlimmer Erkrankung zum Vorschein, und am Wolfgangsee kam es mit den drei schrulligen Kolleginnen zu nichts weiter als zu weinseligen Stunden und zum Ausplaudern diverser Geheimnisse der nicht anwesenden Lehrerschaft sowie zu einem Sprung in den See um Mitternacht, geh, Herr Kollege, springen S’ rein, Augen zu und durch! Er sank wohlig ab, in Finsternis und gut umarmt von der Einsamkeit unter Wasser, und doch. Abrupt, der zweiundvierzigste Geburtstag nahte, tat sich eine Ohnmacht auf.

Er quälte sich, gab der Umwelt die Schuld, den Umständen, den Nachrichten von wiederkehrenden Kriegstrommeln, wer sollte hier bitte bei guter Laune bleiben? Immer öfter dachte er auch an früher, vielleicht muss das so sein, wenn die eigenen Eltern ergrauen und gebrechlich werden. Zu Ostern war er seinem Vater gegenübergesessen und hatte gemeint, dem Tod ins Auge zu blicken. Der Vater erzählte, er hätte sich Holz besorgt, gleich für alle kommenden Winter, man wisse ja nie, es wäre ein Angebot gewesen. Seither war die Wiese vorm Haus verschwunden und die Scheiter türmten sich da, als hätte der Vater ein Forstunternehmen eröffnet. Ja, Papa, aber so viel musst ja gar nicht heizen. – Das weißt nie, Lenzi. Was kommt. Aber Holz, der traurig gealterte Mann sah aus dem Fenster übers Dorf, wo Lorenz aufgewachsen war, das Holz hat Bestand. Lorenz war so schockiert vom Anblick seines Vaters, aus dem schlagartig jegliche Agilität gewichen schien, über Nacht, oder jedenfalls seit der Trennung von Mama, dass er sich ein altes Foto ins Gedächtnis rief. Er hatte es auf einer gemeinsamen Reise nach Thessaloniki gemacht, wie lange war das her? Der Vater war damals auf einem Aussichtsturm gestanden, Wind, weiter Blick übers Meer im Winter, so ganz anders als jetzt. Schön. In sich ruhend. Papa, wo ist deine Ruhe? Dieses Bild, ein Gegenbild zum aktuellen väterlichen Zerfall, wollte Lorenz nun dringend wiederfinden und er ließ den sinnierenden Alten am Sofa zurück, stieg die Treppen ins obere Stockwerk des mittlerweile nur mehr vom Vater bewohnten Familienhauses hinauf, in sein früheres Zimmer, wo sich über die Jahre ein Lager für eh alles gebildet hatte.

Anstatt der gesuchten Fotografie, die er dem Vater schenken wollte, um ihm eine Freude zu machen, oder eigentlich, um ihm einen Spiegel vorzuhalten, schau, so warst du, jetzt lass dich nicht hängen, damit der Vater endlich auch wieder vor die Tür ginge und nicht ewig im alten Familienhaus ein Gefangener seiner selbst bliebe, statt also den Vater aufzufordern, die Vergangenheit loszulassen, stolperte Lorenz über seine eigenen alten Erinnerungen. Seine Kiste, in der er alles penibel gesammelt hatte, achtlos mittlerweile ins Eck unter die Dachschräge des Mansardenzimmers geschoben. Aber noch da! Von Staub behütet. Etwas zog ihn hin, zu der Schachtel, er packte sie in rührseliger Erwartung, trug sie an diesem Ostersonntag abends zur Bahnhaltestelle des kleinen Ortes, darauf bedacht, die Reliquien seiner Jugend nicht zu beschädigen, und fuhr zurück in die Stadt. Da stand die Kiste erst nur herum, er fiel mehrmals darüber, schob sie an die Wand, schaute nur einmal kurz hinein, beinahe ehrfürchtig und in Sorge, der ganzen Sache zu große Bedeutung beizumessen, danach war er schlicht zu überarbeitet, um sich ernsthaft mit dem alten Zeug zu beschäftigen, den Briefen, Postkarten, Schulheften (meine Güte, er wusste gar nicht mehr, was da alles lagerte!), bis er den Karton wegen der Neugestaltung von Emmis Zimmer letztlich in den Keller verbannt hatte.

In der Nacht nun, als er rastlos im Kreis ging, trieb ihn eine Art Panik an. Er lief barfuß das Treppenhaus des Altbaus hinab, bis in die modrigen Kellergänge, stieg über Erdklumpen und Schotter, und betrat endlich den kleinen Schlurf, sein dunkles, feuchtes Kellerabteil, in dem tote Spinnen bereits von Schimmel überzogen waren, mumifiziert hingen sie von der Decke. Er tappte mit dem Licht seines Mobiltelefons voran zu der großen, wasserdichten Alu-Box, die seine Ordner und Buchhaltungsunterlagen vor Fäulnis bewahrte, und auch seine Erinnerungskiste ruhte da wie in einem Sarkophag. Er zog sie heraus, hastig, zerrte sie ins Licht des erdigen Kellerganges und tauchte ein in lang vergessene biografische Details, womöglich irrelevant für den, der er dachte, heute zu sein, aber, wer weiß, wer war man schon?

Er suchte manisch. Wut stieg auf beim Anblick der Fotos von Menschen, die irgendwann mal in seinem engsten Kreis gewesen waren, denen er (hell strahlte Zukunft als eine Versprechung) Intimstes anvertraut hatte, nun waren sie verstreut, einstige Bindungen waren lose geworden, zerrissen, keiner wusste mehr vom anderen. Schule. Eine seltsame Gemeinschaft. Verschworen für wenige Jahre, von denen alle dachten, sie würden die Welt bedeuten! Auch er war diesem Glauben aufgesessen. In Briefen fand er verflossene Lieben wieder, in Tagebüchern, schwer lesbar, seine Gemütszustände … Es war in Summe doch infantil, was er vorfand, dumm, kommentierte er sich von außen. Sein Blick schweifte die löchrigen Stellen im feuchten Mauerwerk entlang, mit dem Finger grub er in den mürben Ziegelstein des Altbaukellers, bis er zusammensank, unterkühlt, da er zu wenig anhatte. Wie ein Embryo kauerte er.

So fand ihn endlich Emmi.

Papa? Was machst du da? Es ist drei Uhr früh. Bin das ganze Haus abgegangen. Warst plötzlich weg.

5.

Zum letzten Unterrichtstag schleppte er sich, die Beine wie in Beton gegossen, als melde der Körper knapp vor der Zielgeraden den Totalausfall, Lorenz brauchte dringend Erholung. Er hatte für die Ferien nichts Genaues geplant, in Gesprächen wich er aus, log, er hätte wohl vor, in die Natur zu kommen, spontan, irgendwo abseits, vielleicht wandern, das klang plausibel. Es schwärmte Kollegin Franz von Sardinien, das klang erneut nach Einladung, sie war ebenfalls frisch getrennt, nur war Lorenz nicht nach Flirt zumute. Er stellte sich kurz eine Nachtzugreise nach Livorno vor, im Abteil mit Anastasia Franz, Englisch und Französisch, mit Neigung für Weißwein aus biodynamischem Anbau, knappe Häkelkleider und überfüllte PowerPoint-Folien, es hatte was Reizvolles, doch fürchtete er die Langeweile spätestens jenseits der Alpenkette, die Themen würden sich mühsam im Kreise drehen und er würde ins Misanthropische verfallen, sie wiederum hätte wenig Talent für Stille, es käme zum Eklat und er sähe sich veranlasst, anstatt aufs Schiff nach Olbia zu steigen, abzutauchen, entlang der Cinque Terre, dort sich fröhlich zu versaufen und auf Italienisch, das er nicht gut konnte, ein Versepos zu verfassen. Er schlug sich die Idee aus dem Kopf, log weiter, du, danke, Sardinien, spannend, echt, aber er müsse wohl auch Zeit mit den Eltern verbringen, die bräuchten, seit sie getrennt lebten, ihre Streicheleinheiten. – Wie aufmerksam, lobte Direktorin Freudmann, ihre Mutter jammere ebenfalls, das Alter ist ein Hund, besonders wenn die Pflegebedürftigkeit, sie könne nur betonen, was ein Raum voller Schläuche für eine Tristesse …, und selbst würde sie, sobald die Verpflichtungen es zuließen, in die Ardennen brausen, ein heiliger Ort. Alle schienen ambitioniert zu wissen, wohin mit der guten Zeit, Lorenz verschlug es die Stimme. Blick auf die Uhr, schlimmer Husten, dann krallte er sich seine Tasche und fürchtete sich vor der letzten Schulstunde mit der wissbegierigen Flora in der ersten Reihe. Zum Glück fehlte sie. Er hasste sich für den Gedanken, aber etwas begann in ihm zu verkrusten, als spüre er eine ungewohnte Animosität. Fast zornig blickte er nun auf die Gesichter im Klassenzimmer, diese Jugend, die ihm vorwarf, so unterstellte er ihnen allen plötzlich, nichts getan zu haben. Letzte Chance, skandierten einige Kids im Hof unter Transparenten.

Vor dem Heimweg kramte er nach einer Kopfwehtablette, es dröhnte arg, sicher der Stirnlappen!, murrte er in physiologischer Unwissenheit (was wusste er schon vom Körper?), er öffnete die obersten Hemdknöpfe, unerträglich, die Hitze. Flucht!, schoss es durch sein Hirn, ins Freibad (zu voll!), an die Donau (zu warm!), dann doch, so weit war’s gekommen, Urlaub im Waldviertel, es hieß, der Kamp sei eine gute Alternative, Naturjuwel. Vor allem kalt! Oder der nächste Gebirgssee? Er überlegte, heute noch die Sachen zu packen, was sollte ihn halten, außer seine Betonbeine, da lief ihm wieder (als wär’s eine miese Dramaturgie) Flora über den Weg.

Hallo. – Hallo. – Hatt’ dich schon vermisst, im Unterricht … – Aktionstag, Herr Professor, der steht über den Vorschriften, Sie kommen doch auch?

Es köchelte in ihm, was hatte er diesem klugen Mädchen getan, warum er? Es liefen doch Dutzende im Kollegium dieses überkommen biederen Gymnasiums rum, die rein gar nichts von dem, was sie erhobener Nase als moralische Botschaft vor sich hertrugen, wirklich taten, er wollte laut werden, ihr aufzählen, wo er sich überall engagierte, wie hoch seine Spendenausgaben wären, ja okay, meist spendete er kurz vor Jahreswechsel, auf Hinweis von Klaras Steuerberaterin, in deren Mailverteiler er geraten war, sie schickte To-dos für den klugen Finanzausgleich, aber immerhin! Er war nicht knausrig, insbesondere angesichts des Mehraufwands, seit er durch den Bruch mit Klara nun die eigene Wohnung, die Zahlungen für Emmi … So viel zu den guten Zeiten, für ihn würde es ein Sommer ohne Wellnessoase sein, er wurde hitzig, Flora lachte frech, was wusste diese Generation von ihm?

Doch er stotterte nur, ja, klar, bin dabei, und dumm hob er die Faust.

Klara hätte ihn ausgelacht (noch nie war er für Straßenkampf bekannt gewesen!), doch plötzlich tat sich ein Riss im Asphalt auf, wuchs in seiner Vorstellung zu einem Schlund: Arme Versinkender reckten sich ihm entgegen, wie viele hatte es da hineingezogen? Ein Kinderchor sang, schwarz gekleidet, ein Begräbnislied, er kannte es von früher, Fronleichnam im Dorf, die Arme mehrten sich, eine ganze verschluckte Menschenmenge, wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh, er schrie etwas von postmigrantischer Verwerfung. In seiner Verwirrung dachte er nun, all diese Versinkenden wären aus Äthiopien oder Eritrea, er wollte sie fragen, den Kopf über den Asphaltschlund reckend, woher sie denn genau kämen, er vermeide jedes Pauschalurteil (wie sehr Sprache doch verletzte), da hupte was, er reagierte nicht, gefangen in seiner Fantasie, gellende Schreie und das Schulgebäude bald in Flammen.

Ich sag’s nur einmal, aus dem Weg, Kollege! Endlich erkannte er verschwommen Sport-, Physik- und Chemielehrer Strenzl, wutentbrannt, da Lorenz am schuleigenen Parkplatz wie angewurzelt mit seinem Fahrrad die Ausfahrt blockierte, der überdimensionierte SUV des Kollegen war nah an ihn herangerollt. Sind Sie taub? Was ist mit Ihnen? Und die Tür knallte, Strenzl knapp vor ihm, schnaubend. Und was ist eigentlich mit meinem Geld? – Geld? – Na, die Flasche Wein, die Sie ruiniert haben. Die war ein Präsent. – Das tut mir leid. – Für Kollegin Franz. Lorenz sah immer noch unscharf, die Stimme des Wütenden prallte ab, als stünde Lorenz hinter Glas. Ah, meinte er nur dumpf. Ah, rotzte Strenzl zurück, das ist alles? Strenzl kam in Fahrt. Gut. Dann machen wir’s einfach so. Ich schick eine Rechnung, okay? – Ich bin ja schon weg, tropfte es zäh aus Lorenz, war in Gedanken. Strenzl fuhr ab. Stecken Sie sich Ihr Denken in den Arsch. Meine Güte, schüttelte er den Kopf. Sie sind ein Spinner, rief Strenzl ihm noch nach, bereits zurück im Wagen, die Scheibe runtergelassen. Und: Ach, Ihre neue Adresse, Kollege. Wegen der Rechnung. Sie sind ja jetzt umgezogen. Nicht? Und etwas durchfuhr Lorenz, stach mitten ins Herz, es klirrten imaginäre Glaswände, zerfielen in Splitter, und er spuckte, es tat ihm gut, auf den SUV. He, brüllte Strenzl, geht’s noch? Er sprang abermals aus dem Auto und drängte mit wuchtigem Körper Lorenz zur Seite, der warf sich, aus einem ungeahnten Impuls, dagegen, auf Strenzl zu, es schepperte das Gestell seines alten Rennrads, Lorenz holte aus, so wird er noch nie gesehen worden sein, schoss es ihm durch den Kopf, und Blut im Kollegenauge triefte.

6.

Mit bandagiertem Arm und geschwollenem Auge bahnte sich Lorenz am Nachmittag den Weg durch die skandierende Menge, gegen den Strom, da er den Treffpunkt mit Emmi anpeilte, das Geländer vor der Universität, unser Geländer, wie er manchmal noch zu Klara sagte, denn an dieser Stelle hatten sie früher oft aufeinander gewartet, verflogene Studentenzeit.

Er drängte sich durch die Reihen, die auf ihn zugingen, wollte auf den Gehsteig ausweichen, doch auch dort war alles voll. Schilder wurden hochgehalten, Fahnen wehten, Sprechchöre, mal mehr, mal weniger einhellig oder überzeugt vorgetragen, ein großes Transparent, haarscharf über seinem Kopf, NIE WIEDER IST JETZT! Er wich im letzten Moment noch aus. Kein Pakt mit Naziärschen, tönte es von woandersher, illegal sei kein Mensch und den Anfängen wäre zu wehren, wie oft waren diese Sätze bereits auf diesen Straßen und Plätzen gefallen, wieso wurde er traurig statt kämpferisch, er reckte den Kopf, war sie bereits da? Außer Atem erreichte er das Unigebäude, sprintete im Zickzack, umgeben von dogmatisch antifaschistischen Parolen, die steinernen Stufen hoch zum Haupteingang. Gedränge am Geländer.

Was ist mit dir passiert?, hörte er Klara hinter sich, halb höhnisch, halb besorgt. Er wich der Frage rasch aus. Wo ist Emmi? – Mit ihrer Runde schon vor. – Sorry, wurde aufgehalten, seufzte er knapp. Schaute ins Gewusel, hunderte Menschen, die meisten jung, viele fast noch Kinder, sie brüllten Forderungen, sangen, die Stirn bemalt, die Wangen, die Shirts. Dann also wir zwei?, lächelte seine Exfrau, von der er noch gar nicht wirklich geschieden war. Seit drei Jahren lebten sie nun getrennt, alles verlief überraschend erwachsen, wie sie es ihm irgendwann mal hoch anrechnete, auch wenn beide wussten, unterhalb der dicken Haut, die sich beide zugelegt hatten, lagen verleugnete Verwundungen. Dann also wir zwei, gab er beinahe im Echo zurück, wennst mich aushältst? – Komm her, du Lamentierer. Sie trat an ihn ran, beäugte seine verbundene Speiche und den bläulichen Wulst um sein linkes Auge, bist du gestürzt? Oder hast dich geprügelt?

Ihr Lachen war immer noch so unwiderstehlich, die Augen strahlend, die Hände warm, er mochte sie immer, und gehasst hatten sie sich nie, aber das Zusammenleben, das Kind, der Alltag, das Abflauen von Leidenschaft … Was ihnen widerfahren war, war nichts Außergewöhnliches, und doch tat es weh (immer noch), zu akzeptieren, dass auch sie eine gescheiterte Liebe hatten.

Sie zog ihn mit sich, hängte sich bei ihm ein, geh her da, alter Mann. Ihn schmerzten die Knochen von der Schlägerei mit Strenzl (Arschloch!), und es war ihm unangenehm, dass Klara ihn erst kürzlich so ungepflegt in einer melancholischen Phase daheim angetroffen hatte, und heute diese peinlich männliche Maskerade, der verwundete Macho, er wusste gar nicht, wie er es erklären sollte, er konnte sich die abrupte Eskalation vor der Schule selbst nicht erklären, das wäre nicht er gewesen, hatte er gestammelt, als sie beide, der schlimm malträtierte Strenzl und er, an der Nase blutend, aufgeschürft, im Sekretariat saßen und von dem neuen Bürohelfer notdürftig verarztet wurden. Sie sollten ins Krankenhaus. – Ah geh, ätzte Strenzl, aber dokumentieren Sie das. Dokumentieren Sie! Lorenz stand wortlos und deplatziert im Raum. Auseinander mit den beiden, fauchte die Direktionssekretärin. Dann saßen sie an getrennten Wänden, warteten auf den Einmarsch der Schulleiterin.

Da vorne marschiert Emmi! Klara zeigte einige Meter voran, ihre gemeinsame Tochter mit Fahne und in Regenbogenfarben geschminkt, umringt von Freundinnen und einigen Typen, die er nicht kannte. Sollten wir stolz sein? lachte Klara ihn an. Ja, nicht schlecht gemacht. Kurz ein Aufblitzen, ein Zuviel an Nähe, dann ließ sie ab von ihm, ging langsamer, Lorenz wurde von der Menge weitergezogen, blickte sich zu ihr um, sie tippte etwas in ihr Telefon, er kannte niemanden, der rascher tippen konnte und dabei so gelassen wirkte wie Klara. Du, sorry, mir fällt grad ein, ich muss noch in die Kanzlei. – Klar, gab er zurück. Und war aber schön. Aber das war fast zu leise. Sie nickte nur. Gute Besserung. Und heut Abend bist du nochmals dran mit Emmi, nicht vergessen, wir haben Klausur. Sie entwischte dem Trubel, sang kurz noch ein Lied mit, eine Hymne für die Rettung des Planeten. Die Melodie versank im Pulk von lauten Menschen, er sah Klara noch tanzen, im Rhythmus der Trommeltruppe, die als letzte um die Ecke bog, die Demo (am Ende doch spärlich besucht, fiel ihm erst jetzt auf, zu spärlich für die Rettung der Welt) zog hinunter an den Kai, und Lorenz sah alt darin aus. Sehr alt.

Später, er fuchtelte Emmi entgegen, stoppte aber sein Winken, um nicht als peinlich zu gelten, eine Nachricht am Telefon. Direktorin Freudmann schrieb, Strenzl fordere disziplinäre Konsequenzen. Er hätte Anzeige erstattet. Sie könne da nicht aus.

7.

Abends wusch er sich lange, die Augenschwellung ging zurück, das Lid war nur mehr leicht blutunterlaufen. Bitte lass es dir anschauen. Emmi lehnte hinter ihm im Bademantel, eine Perücke am Kopf, er erschrak, blickte auf eine zehn Jahre ältere Person. Ich komm klar, sagte er und bereute den Satz sogleich, niemand wusste besser als seine Tochter, wie wenig er gerade klarkam, sie hatte ihn gestern Nacht im Keller minutenlang wortlos umarmt, ihn hernach ins Bett gebracht, ihm eine heiße Wanne verschrieben. Was prügelst du dich? Voll pubertär, Papa. – Ja. Ist wohl so. Sie würde sicher bald ein Video posten, Papa arg in Midlifecrisis, den könnt ihr vergessen, keine Ahnung. Sie legte mild den Arm um ihn. Was denkst du?, fragte sie. Ich geh heut im Anzug. Dann zeigte sie ihm Jackett und Hemd. Hättest du nicht irgendeine Retrokrawatte, sowas, was du früher, in den 80ern oder so? – In den 80ern war ich in der Volksschule.

Er bandagierte seinen rechten Handknöchel, unterdrückte den Schmerz, traute sich nicht, den Arm zu bewegen, wischte sich daher den Hintern am Klo mit der Linken aus, unbeholfen, es klebte Stuhl an seinem Finger. Dass einem die Routine wegbricht, ärgerte er sich, nur weil was fehlt! Er hatte sich schon öfter ausgemalt, wie es wäre, zum Beispiel ohne Arme zu leben, oder ohne Augen, schon als Kind fragte er sich, was am schlimmsten wäre, falls ihn, warum auch immer, ein Schicksalsschlag deformieren würde. Er plädierte stark gegen Gehörverlust, das würde ihn mutmaßlich am meisten schmerzen, und zugleich schämte er sich für dieses zynische Gedankenspiel, sowas denkt man nicht, sowas sagt man nicht, sowas tut man nicht! Schlagartig sah er die Großeltern vor sich, betend unterm Kruzifix in der Stube, und der Vater, der das alles dumm fand und dennoch seinen eingeschränkten moralischen Kosmos vor sich hertrug, so war zu leben und nicht anders, denn was denken ansonst die Leut! Die Mutter versteckte sich ein Leben lang hinter Vorhängen der Verschlossenheit. Und er? Jetzt sah er sich im Spiegel. So offen er tat, so konform blieb er zugleich, so wenig an Abweichung ließ er zu, die radikalste seiner Taten war die Trennung von Klara. Und nicht mal das! Unterm Strich war sie es, die den Stein ins Rollen gebracht hatte (Kieselsteinchen waren es nicht gewesen, gewaltig bebte noch sein Seelengebäude, mächtige Brocken stürzten). Sind immer beide schuld, am Ende, hättest lang schon selbst was ändern können, Lorenz. – Ja eh …