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Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. Erschüttert las Claudia Brachmann den Brief, der mit der Morgenpost gekommen war. Meine liebe Claudi, es ist lange her, dass wir voneinander gehört haben. Du weißt ja, dass ich nach Erwins Tod wieder arbeiten musste, um Geld zu verdienen für Wolfgangs und meinen Lebensunterhalt. Die kleine Pension von Erwin habe ich für Wolfgangs Ausbildung zurückgelegt. Doch ein Leiden, das ich nie ganz ernst genommen hatte, hat mir in der letzten Zeit sehr viel zu schaffen gemacht. Ich musste operiert werden. Jetzt weiß ich, dass ich nur noch kurze Zeit zu leben habe. Erschrick nicht! Ich habe mich damit abgefunden. Was blieb mir auch anderes übrig? Nur die Sorge um meinen Sohn quält mich, wie Du Dir denken kannst. Da du in Deinen Briefen oft Deine Freundin, Frau von Schoenecker, erwähnt und von ihrem wunderbaren Kinderheim Sophienlust berichtet hast, habe ich überlegt, ob ich Wolfgang dort unterbringen könnte. Es wäre ja nicht für lange, denn ich weiß genau, dass meine Schwester Karin sich meines Kindes annehmen wird. Doch ausgerechnet jetzt ist Karin auf einer längeren Reise. Du weißt ja, dass sie für große Modehäuser arbeitet, und ich habe keine Adresse von ihr, sodass ich sie nicht erreichen kann. Meine Schwägerin Uschi, die den ganzen Tag berufstätig ist, kann ich nicht auch noch mit Wolfgangs Erziehung belasten. Meine liebe Claudi, du würdest mir einen sehr großen Gefallen tun, wenn du so rasch wie möglich zu mir hierher in die Klinik kommen könntest, damit wir alles persönlich besprechen können. Bitte, bitte, komm' bald, denn ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt! Ich weiß, dass ich Dich nicht vergeblich bitten werde und dass Du mir diesen letzten Freundschaftsdienst erweisen wirst. Alles Liebe für Dich.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Erschüttert las Claudia Brachmann den Brief, der mit der Morgenpost gekommen war.
Meine liebe Claudi, es ist lange her, dass wir voneinander gehört haben. Du weißt ja, dass ich nach Erwins Tod wieder arbeiten musste, um Geld zu verdienen für Wolfgangs und meinen Lebensunterhalt. Die kleine Pension von Erwin habe ich für Wolfgangs Ausbildung zurückgelegt. Doch ein Leiden, das ich nie ganz ernst genommen hatte, hat mir in der letzten Zeit sehr viel zu schaffen gemacht. Ich musste operiert werden. Jetzt weiß ich, dass ich nur noch kurze Zeit zu leben habe. Erschrick nicht! Ich habe mich damit abgefunden. Was blieb mir auch anderes übrig? Nur die Sorge um meinen Sohn quält mich, wie Du Dir denken kannst. Da du in Deinen Briefen oft Deine Freundin, Frau von Schoenecker, erwähnt und von ihrem wunderbaren Kinderheim Sophienlust berichtet hast, habe ich überlegt, ob ich Wolfgang dort unterbringen könnte. Es wäre ja nicht für lange, denn ich weiß genau, dass meine Schwester Karin sich meines Kindes annehmen wird. Doch ausgerechnet jetzt ist Karin auf einer längeren Reise. Du weißt ja, dass sie für große Modehäuser arbeitet, und ich habe keine Adresse von ihr, sodass ich sie nicht erreichen kann. Meine Schwägerin Uschi, die den ganzen Tag berufstätig ist, kann ich nicht auch noch mit Wolfgangs Erziehung belasten. Meine liebe Claudi, du würdest mir einen sehr großen Gefallen tun, wenn du so rasch wie möglich zu mir hierher in die Klinik kommen könntest, damit wir alles persönlich besprechen können. Bitte, bitte, komm’ bald, denn ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt! Ich weiß, dass ich Dich nicht vergeblich bitten werde und dass Du mir diesen letzten Freundschaftsdienst erweisen wirst.
Alles Liebe für Dich.
Deine Alberta
Claudia Brachmann war zutiefst erschüttert. Sie hatte Alberta zuletzt vielleicht vor vier Jahren gesehen, als sie sehr vergnügt miteinander deren Geburtstag gefeiert hatten. Damals hatte Alberta so blühend und gesund ausgesehen, dass niemand geglaubt hatte, eine heimtückische Krankheit könnte sie so schwer treffen. Und ausgerechnet jetzt, wo Alberta sie brauchte, lag sie mit diesem verknacksten Fuß hier fest!
Claudia klingelte. Das Mädchen kam herein.
»Bitte, Maria, würden Sie mir das Telefon geben! Ich muss dringend Frau von Schoenecker anrufen.«
Claudia wählte die Nummer von Sophienlust und horchte ungeduldig auf das Freizeichen. Endlich meldete sich Denise von Schoenecker.
»Ich muss dich dringend sprechen, Denise. Du weißt ja, dass ich mit diesem blöden verknacksten Fuß ans Haus gebunden bin. Nicht einmal zu dir kann ich kommen. Wäre es zu viel verlangt, wenn ich dich bitten würde, schnell einmal bei mir hereinzuschauen? Ich habe etwas Dringendes mit dir zu besprechen.«
Claudia atmete erleichtert auf, als sie eine sofortige Zusage erhielt. Es dauerte wirklich nicht lange, bis das Mädchen Denise von Schoenecker in Claudias Zimmer führte. Die beiden Freundinnen begrüßten sich herzlich.
»Wo brennt’s denn? Deine Stimme hat so bedrückt geklungen. Ich hatte schon befürchtet, dass dir etwas passiert ist.«
Denise zog sich einen Sessel an die Couch heran, auf der Claudia lag.
»Bitte, schieß los und erzähle mir, wo dich der Schuh drückt!«
Statt einer Antwort reichte Claudia ihr Albertas Brief. Sie störte Denise mit keinem Wort bei der Lektüre und wartete geduldig, bis diese zu Ende gelesen hatte.
»Das ist doch selbstverständlich, dass ich den kleinen Wolfgang nach Sophienlust nehme, Claudia. Aber viel schlimmer ist es für dich, dass du jetzt nicht reisen kannst. Denn soviel ich weiß, musst du noch einige Tage liegen.«
Claudia seufzte. Dann drückte sie Denises Hand.
»Denise, es ist wunderbar, dass du dich um Wolfgang kümmern willst. Ich werde Alberta schreiben, dass sie noch einige Tage auf meinen Besuch warten muss. Hoffentlich komme ich dann nicht zu spät!«
»Wenn du den Brief gleich schreibst, Claudia, dann nehme ich ihn mit. Je eher er deine Freundin Alberta erreicht, desto besser ist es. Dann hat sie wenigstens die Gewissheit, dass für ihren Sohn gesorgt ist. Die Ärzte sind auch nicht allwissend, vielleicht wird sie doch noch gesund.«
Claudia schüttelte den Kopf. »Alberta ist vernünftig. Sie würde mir das alles nicht schreiben, wenn sie nicht genau wüsste, dass es wirklich so schlimm um sie steht. Dabei hat es damals so ausgesehen, als hätte sie das Glück für sich allein gepachtet. Erwin und sie gingen ineinander auf und führten ein Leben voller Harmonie. Als Wolfgang geboren wurde, schien das Glück vollkommen zu sein. Aber vor zwei Jahren starb Erwin völlig unerwartet und ließ Alberta und sein Kind allein zurück.
Claudia legte eine kleine Pause ein, ehe sie fortfuhr:
»Sie arbeitete wieder in ihrem alten Beruf als Übersetzerin in einem Verlag. Daneben betreute sie noch den Haushalt, war Wolfgang eine vorbildliche Mutter und kümmerte sich rührend um ihre Schwägerin Uschi, Erwins einzige Schwester, die gemeinsam mit ihr in der Eigentumswohnung lebt, die Erwin kurz vor seinem Tod gekauft hat.«
»Ich verstehe, dass dir das alles sehr nahegeht, Claudia. Wenn man einen Menschen so gut und so lange kennt, dann fühlt man doppelt mit ihm. Wenn du den Brief jetzt schreiben könntest?«
Claudia nickte. »Ja, wärst du bitte so nett, mir das Briefpapier von meinem Schreibtisch zu geben? Es liegt gleich obenauf in der ledernen Mappe.«
Denise wartete geduldig, bis Claudia ihren Brief beendet hatte. Dann nahm sie ihn entgegen und erhob sich.
»Du bist mir nicht böse, wenn ich dich schon wieder verlasse? Doch du weißt ja, meine Kinder nehmen mich ziemlich in Anspruch. Außerdem möchte ich nicht, dass Alexander das Gefühl hätte, ich würde ihn vernachlässigen.«
»Ich bewundere dich wirklich«, sagte Claudia herzlich. »Es gibt sicherlich nicht viele Frauen, die so das Geschick haben, alle Dinge unter einen Hut zu bringen, wie du. Und die dabei noch eine glückliche Ehefrau und Mutter sein können.«
Denise lächelte. »Du weißt ja, Claudia, ich habe es gelernt, die Geborgenheit und das Glück, das mir jetzt zuteil wird, doppelt zu schätzen. Denn die schlechten Zeiten, die ich durchgemacht habe, kennst du genauso gut wie ich.«
Sie neigte sich zu Claudia hinunter und küsste sie auf die Wange.
*
Jedes Mal, wenn sich die Tür des Krankenzimmers öffnete, richtete Alberta Cornelius den Blick auf den Eintretenden. Und jedes Mal war sie ein bisschen enttäuscht, wenn die Schwester keine Post brachte, denn sie wartete voll fieberhafter Ungeduld auf Claudias Besuch. Drei Tage waren bereits vergangen, seit sie ihr geschrieben hatte, und bis jetzt hatte sie weder eine Antwort noch den erbetenen Besuch erhalten.
Die Schwester schloss leise die Tür hinter sich. Dann trat sie näher an Albertas Bett heran.
»Kann ich etwas für Sie tun, Frau Cornelius? Möchten Sie etwas zu trinken haben?«
Alberta schüttelte den Kopf. »Nein, danke, Schwester. Ich bin nicht durstig, und ich brauche auch sonst nichts. Haben Sie heute wieder keine Post für mich?«
Die Schwester griff in die Tasche der weißen Schwesternschürze und förderte einen Brief zutage.
»Aber diesmal ist er nicht von Ihrem Sohn. Es ist die Handschrift eines Erwachsenen. Außerdem soll ich ihnen Grüße von Frau Cornelius bestellen. Sie kommt heute Abend nach dem Dienst zu Ihnen.«
Die Schwester reichte Alberta den Brief und verließ das Zimmer.
Alberta erkannte sofort Claudias Handschrift. Sie öffnete den Umschlag mit fliegenden Händen und zog einen engbeschriebenen Bogen heraus. Immer wieder las sie Claudias Zeilen. Claudia bedauerte sehr, dass sie nicht sofort kommen könne, doch sie müsse sich wegen ihres Fußes noch schonen. Sie habe jedoch mit Frau von Schoenecker gesprochen, und diese sei bereit, Wolfgang auf Sophienlust aufzunehmen.
Alberta lehnte sich in die Kissen zurück. Das Lesen hatte sie angestrengt. Sie fühlte sich von Tag zu Tag schwächer. Selbst wenn man ihr versichert hätte, dass sie wieder gesund werden würde, hätte sie es nicht geglaubt. Sie wusste genau, wie es um sie stand. Damals, als Erwin gestorben war, hatte sie gedacht, dass das Leben für sie sinnlos geworden sei. Doch Wolfgang war eine Aufgabe für sie gewesen. Sie war nicht allein gewesen. Und jetzt …, jetzt musste sie ihr Kind ganz allein zurücklassen. Aber Karin würde dafür sorgen, dass Wolfgang die Liebe seiner Mutter nicht zu sehr entbehren musste. Sie musste auch Karin noch schreiben. Obwohl sie sicher war, dass ihre Schwester sich um Wolfgang kümmern würde, wollte sie sie auch noch persönlich darum bitten. Aber nicht heute. Heute war sie zu müde dazu.
*
Uschi Cornelius beeilte sich, den Bus zu bekommen. Es war wieder spät geworden und allerhöchste Zeit, wenn sie Alberta noch besuchen wollte. Ziemlich abgehetzt kam sie in der Klinik an. Die Pfortenschwester kannte sie schon und nickte ihr freundlich zu.
»Gehen Sie nur hinauf, Fräulein Cornelius. Aber bitte bleiben Sie nicht zu lange! Sie wissen ja, dass die Besuchszeit schon vorüber ist.«
Uschi eilte die Treppen hinauf. So oft war sie diesen Weg schon gegangen. Anfangs voller Hoffnung, dass sie Alberta bald wieder mit nach Hause nehmen könne. Aber nach der Operation hatte ihr der Arzt gesagt, wie es um ihre Schwägerin stand. Uschi wusste, dass es nur noch eine Frage von Tagen sein konnte. Und sie fragte sich, wie das Leben ohne Alberta weitergehen sollte. Alberta war immer wie eine große Schwester zu ihr gewesen.
Leise klopfte Uschi an die Tür des Krankenzimmers und trat ein.
Alberta hatte die Augen geschlossen. Uschi ging leise zum Bett und fasste nach Albertas Händen. Die Schwägerin schlug die Augen auf. Ein mattes Lächeln huschte um ihre Lippen.
»Du bist es, Uschi. Ich wollte wach sein, wenn du kommst, doch ich bin immer so müde, und so sind mir die Augen zugefallen. Komm, setz dich zu mir und erzähle mir, wie es den Kindern geht.«
Jedes Mal, wenn Uschi in Albertas bleiches, abgezehrtes Gesicht sah, das schon von den Schatten des Todes gezeichnet war, musste Uschi an sich halten, um nicht in Tränen auszubrechen. Obwohl Alberta genau wusste, wie es um sie stand, hatten sie doch bisher niemals darüber gesprochen. Umso erstaunter war Uschi jetzt, als Alberta ihr von Claudia Brachmann erzählte.
»Ich habe sie gebeten, Wolfgang nach Sophienlust zu bringen. Ich weiß, dass es für dich unmöglich ist, für beide Kinder zu sorgen. Es wird schon schwer genug sein, wenn du dich in Zukunft um Wölfchen kümmern musst. Vielleicht solltest du doch an seinen Vater herantreten. Wenn er dir etwas für Wölfchen bezahlen würde, dann könntest du ihn tagsüber in ein Heim geben.«
Uschi schüttelte den Kopf. Sekundenlang dachte sie an die Zeit zurück, die nun schon viele Jahre zurücklag. Damals war sie ein junges Mädchen von siebzehn Jahren gewesen. Sie hatte gerade erst eine Stelle in einem eleganten Luxushotel angetreten, in dem sie als Friseurin und Kosmetikerin arbeitete. Und sie hatte den Mann, der Wölfchens Vater war, wirklich geliebt und ihm blind vertraut. Sie hatte daran geglaubt, dass auch er sie liebte, dass er sie heiraten würde. Erst als sie schwanger gewesen war, hatte sie erfahren, dass er längst verheiratet war.
Ihr Stolz hatte ihr verboten, sich an ihn zu wenden und von ihm etwas für das Kind zu verlangen. Sie hatte seitdem nur ihre Arbeit im Sinn gehabt. Allen Männern war sie aus dem Weg gegangen. Deshalb war sie Alberta auch sehr dankbar gewesen, die Wölfchen versorgt hatte, als wäre es ihr eigenes Kind.
Wie ein Blitz huschte in diesem Moment der Gedanke an den Chefportier Kurt Seidel durch Uschis Kopf. Kurt Seidel war ein Mensch, zu dem sie hätte Vertrauen haben können. Er wirkte zuverlässig und gediegen. Uschi hatte längst gemerkt, dass er sie mit wohlwollenden Augen ansah. Doch sie schob den Gedanken beiseite. Jetzt war nur Alberta wichtig.
»Soll ich Wolfgang nicht morgen einmal mitbringen, Alberta? Möchtest du ihn nicht sehen und mit ihm sprechen?«
Alberta schüttelte den Kopf. »Nein«, erwiderte sie leise. »Es würde alles nur noch verschlimmern. Außerdem möchte ich nicht, dass Wolfgang mich so hilflos und krank sieht. Er soll mich so in Erinnerung behalten, wie ich zuletzt war. Du wirst schon die richtigen Worte finden, um ihm begreiflich zu machen, dass er mich nicht besuchen darf.«
Alberta atmete heftig. Das Reden hatte sie angestrengt. Trotzdem sprach sie nun weiter.
»Du musst jetzt gehen, Uschi. Ich weiß ja, wie viel Arbeit du hast. Es ist am Abend eine Menge vorzubereiten, damit die Kinder sich am Tag allein versorgen können. Aber bitte, komm morgen wieder!«
»Natürlich komme ich morgen wieder, Alberta. Ich hätte ja keine Ruhe, wenn ich nicht wenigstens jeden Tag einmal kurz nach dir sehen könnte. Soll ich die Kinder von dir grüßen?«
Alberta nickte. Sie fühlte sich so erschöpft, dass sie kein Wort mehr herausbrachte. Sie drückte Uschi nur stumm die Hand. Dann sah sie ihr nach, wie sie zur Tür ging.
*
Uschi hörte, als sie die Tür aufschloss, beide Kinder sprechen. Dann stürmten sie aus der Küche und liefen auf sie zu.
»Du kommst aber heute spät, Mutti«, sagte Wölfchen und schmiegte sich an seine Mutter, bevor Wolfgang herankommen konnte. Uschi küsste Wölfchen und gab dann auch Wolfgang einen Begrüßungskuss.
»Ich soll dich grüßen, Wolfgang. Ich war bei deiner Mutti. Es geht ihr schon wieder besser«, schwindelte sie, als sie dem fragenden Blick des Kindes begegnete.
»Warum darf ich Mutti nicht besuchen?« Wolfgangs Stimme klang bekümmert.
»Sie braucht viel Ruhe, Wolfgang, deshalb ist es besser, wenn du nicht zu ihr gehst. Aber sie wird ja bald wieder bei uns sein, dann hast du sie den ganzen Tag wieder für dich.«
»Ich will sie auch haben, die Tante Alberta«, rief Wölfchen, der sich zurückgesetzt fühlte.
Uschi legte den Mantel ab und hing ihn an die Garderobe. Dann begab sie sich in die Küche, um das Abendessen zuzubereiten. Kurze Zeit später saßen sie alle um den Tisch.
Uschi war froh, als die Kinder nach einer Stunde endlich in ihren Betten lagen.
Sie seufzte, als sie bemerkte, wie viel Arbeit noch auf sie wartete.
Während sie aufräumte und das Geschirr abwusch, dachte sie darüber nach, wie schön es wäre, wenn sie eine Familie hätte und einen Mann, der für sie sorgt, dem sie ein gemütliches Heim bereiten konnte.
Wenn sie nicht mehr auswärts arbeiten müsste, sich nicht mehr das Gerede der reichen Kunden anhören bräuchte, für die es nichts Wichtigeres als die neueste Mode und den elegantesten Schmuck gab.
Manchmal war ihr das Leben in dem eleganten Hotel so zuwider, dass sie am liebsten ihre Stelle gewechselt und in einem kleinen Friseursalon gearbeitet hätte.
Doch das konnte sie sich nicht leisten, denn die reichen Hotelgäste gaben gute Trinkgelder. Sie musste an Wölfchen denken. Wenn er auch keinen Vater hatte, so sollte er doch eine gute Ausbildung erhalten.
Es war fast Mitternacht, als Uschi endlich den letzten Handgriff getan hatte. Sie ging ins Bad und richtete sich für die Nacht her. Bevor sie zu Bett ging, sah sie noch einmal zu den Kindern. Sie schliefen beide friedlich.
*
Es war zwei Tage später, als Uschi erst gegen neun Uhr den Frisiersalon des Hotels verlassen konnte, natürlich viel zu spät, um noch einen Besuch in der Klinik zu machen. Außerdem war es für sie höchste Zeit, nach Hause zu kommen. Sie machte sich Sorgen um die beiden Jungen.
Uschi verließ das Hotel. Draußen blieb sie sekundenlang stehen und überlegte, ob sie sich ausnahmsweise ein Taxi leisten sollte. In diesem Augenblick trat jemand an ihre Seite.
»Guten Abend, Fräulein Uschi. Ich habe gesehen, dass Sie noch so lange arbeiten mussten. Da ich weiß, dass Sie es am Abend immer sehr eilig haben, nach Hause zu kommen, möchte ich Ihnen anbieten, Sie in meinem Wagen heimzubringen.«
Überrascht sah Uschi Kurt Seidel ins Gesicht. Er lächelte sie auf die nette jungenhafte Art an, die ihr schon immer so gut an ihm gefallen hatte. Bei ihm brauchte sie gewiss nicht zu befürchten, dass er für seine Freundlichkeit einen besonderen Dank erwartete. Sie nickte.
»Mir fällt ein Stein vom Herzen, Herr Seidel. Ich nehme Ihr Angebot gern an. Vorausgesetzt, dass ich Sie nicht allzu sehr aufhalte. Denn ich wohne am anderen Ende der Stadt.«
Kurt Seidel lachte. »Ich tue es gern, sonst hätte ich es Ihnen nicht angeboten. Außerdem müssen Sie doch schon längst gemerkt haben, dass ich Sie besonders schätze. Es gefällt mir immer an den jungen Frauen von heute, wenn sie so zurückhaltend sind wie Sie. Ich mag Frauen nicht, die gleich mit jedem Mann einen Flirt anfangen wollen. Dass Sie nicht zu dieser Sorte gehören, das habe ich schon längst bemerkt.«
Uschi war froh, dass es schon so dunkel war, dass er ihr Erröten nicht mehr sehen konnte. Sie überlegte, was er von ihr denken würde, wenn er wüsste, dass sie ein uneheliches Kind hatte.
Kurt Seidel ergriff ihren Arm. »Kommen Sie. Mein kleiner Wagen steht dort drüben.«
Er führte sie um das Hotel herum. Der Wagen war in der Nebenstraße geparkt. Er öffnete ihr die Tür und wartete, bis sie eingestiegen war. Dann ging er um den Wagen herum und nahm hinter dem Lenkrad Platz.
»Wohin darf ich Sie fahren?«
Uschi nannte ihm die Adresse.
»Da wohnen Sie aber in einer sehr feinen Gegend. Soviel ich weiß, gibt es dort lauter Häuser mit Eigentumswohnungen.«
Uschi hörte die Frage aus seinen Worten heraus. »Die Wohnung gehört meiner Schwägerin. Ich habe dort ein Zimmer. Alberta ist so freundlich und verlangt keine Miete von mir. Nur die Kosten für den Haushalt teilen wir uns. So kann ich jeden Cent sparen, denn mein großer Wunsch ist es, später einmal ein eigenes kleines Geschäft zu haben.«
»Da haben wir so ungefähr das gleiche Ziel. Auch ich möchte mich einmal selbstständig machen. Mir schwebt eine kleine Pension in einer hübschen Gegend vor, in die viele Touristen kommen. Natürlich brauchte ich dazu auch eine tüchtige und sparsame Frau, die mir hilft, ein solches Unternehmen rentabel zu machen. Doch viele der jungen Frauen halten heutzutage nicht allzu viel vom Arbeiten. Es sei denn, dass sie ein Kind ohne Vater haben, mit dem sie sich dann in ein gemachtes Nest setzen wollen.«
Uschi hatte das Gefühl, es habe sie jemand mit heißem Wasser übergossen. Sie spürte, dass ihr Mund trocken wurde. Es fiel ihr schwer, ein Wort herauszubringen. Sie musste sich ein paarmal räuspern, bis sie endlich sprechen konnte.
»Aber manchmal ist es auch so, dass ein Mädchen einfach nur Pech hat. Dass sie sich in einen Mann verliebt, Vertrauen zu ihm hat und erst später feststellt, dass ihr Vertrauen bitter enttäuscht wurde. Finden Sie nicht auch, dass Sie sehr hart urteilen, Herr Seidel?«
»Nein, nein!« Kurt Seidel schüttelte den Kopf. »In meinem Beruf lernt man die Menschen kennen. Mir macht man so schnell kein X für ein U vor. In den meisten Fällen sind die Mädchen selbst schuld, wenn sie, wie Sie es nennen, Pech haben.«
»Wir sind da. Dort drüben liegt das Haus.«
Uschi deutete auf das Haus, in dem Albertas Wohnung war. Sie war froh, dass sie angelangt waren und das Gespräch damit ein Ende fand.
Kurt Seidel bremste elegant vor dem Haus. Bevor Uschi die Tür öffnen konnte legte er seine Hand auf die ihre.
»Warten Sie bitte noch einen Augenblick, Fräulein Cornelius. Wenn Sie mich ein wenig sympathisch finden, dann würde ich ganz gern einmal mit Ihnen ausgehen. Ich möchte, dass wir uns näher kennenlernen. Sie gefallen mir, und ich hoffe, dass auch ich Ihnen gefalle. Doch wir sollten mehr voneinander erfahren. Machen Sie mir ein bisschen Hoffnung?«
