Das ungelobte Land - Roland Kühnel - E-Book

Das ungelobte Land E-Book

Roland Kühnel

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Beschreibung

Beschrieben wird der Alltag in der DDR zwischen Anpassung und Widerstand in unterschiedlichen Lebensbereichen. Wie musste man sich als Schüler und Student staatskonform verhalten? Warum waren die gefälschten Wahlen von 1989 so relevant? Wie war das Leben als sogenanntes Intelligenz-Kind? Wie ideologiefrei war die Arbeit als Dolmetscher in der DDR? Was hat sich wirklich seit 1989 geändert?

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Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Roland Kühnel

Das ungelobte Land

Deutsch-deutsche Erinnerungen 1974 - 2014

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

9. Oktober 1989

Die Mauer ist weg!

Zettelfalter

Antragsteller

Gemeinschaftsantenne

Kanzler-Bonbon

Studi VZ anno 1980

Papierspuren

Mister Gorbachev, tear down this wall!

Studentensommer Krakau

Leipziger Allerlei

Schwedt

Lok oder Chemie?

Conny aus Treptow

Potsdam-Babelsberg, Filmhochschule

Rügen Sommer 1989

Das letzte Haus der DDR

Montags 18 Uhr

Berlin Alexanderplatz

„Ich liebe euch doch alle!“

Das ungelobte Land

Zensur und Selbst-Zensur

Das Lesen der Anderen

Orwell

Wende gut, alles gut?

DDR – was bleibt?

Tag X

Täter und Opfer

Bonn, Auswärtiges Amt

Algerischer Bürgerkrieg

Der Massada-Komplex

Brüsseler Spitzen

SHAPE

Aleppo

Beirut

Weit hinten in der Türkei…

Fliegende Pässe

Tripolis unter Gaddafi

Taxi nach Kairo

Iran

Südafrika sehen … und sterben

Armenien

SPQR

Jokürsarlon

Chinesendisko

Der Zauberbaum von Oran

Kikkoman

Stempel-Jäger und –Sammler

Extratouren

Magische Orte

Hotelmenü

Immer mit Linie

Polnische Schraubenzieher und andere Miszellen

Moment-Male

Impressum neobooks

9. Oktober 1989

Teil I

Der 9. Oktober gilt als Tag der Entscheidung für die Wende, besser gesagt, das Ende der DDR. Man hörte den besorgten Aufruf von Kurt Masur und fünf mutigen Leipziger Bürgern im Stadtfunk, die Stimmung in Leipzig und überall in der DDR war geprägt von Angst und Unsicherheit.

Ich war in Berlin wegen eines Praktikums und nicht in Leipzig, meiner Heimatstadt. Was würde geschehen? Die Nervosität erreichte ihren Höhepunkt. Zwei Tage zuvor feierte sich Honecker und sein Regime, zelebrierte mit einem Aufmarsch den „Tag der Republik. In Berlin Kontrollen an wichtigen Straßen und Kreuzungen. Um den „Palast der Republik“ sammelten sich Menschenmassen. Neu war, dass bereits über 500 Meter vor der Grenze am Brandenburger Tor kein Passieren mehr möglich war. Volkspolizisten stellten sich in den Weg: Bürger, gehen Sie weiter! Was ist hier los? Nur Auserwählte „Unter den Linden“? Sollten die Menschen Gorbatschow nicht sehen? Nein, es gab einen ganz anderen Grund. Ich erinnere mich nicht mehr, wer mir dies sagte: Es ist am 7. Oktober ein Massendurchbruch von 1000 Bürgern am Brandenburger Tor geplant. Ich war elektrisiert. Sie könnten nicht 1000 erschießen. Und ich dachte an Ronald Reagan und seinen Ausruf 1987: Mister Gorbachev, tear down this wall!

Ich hatte bis zum Nachmittag für den stellvertretenden jemenitischen Bildungsminister gedolmetscht und wartete im Aufenthaltsraum eines sehr spezifischen Gebäudes auf einen möglichen Einsatz Dieses Gebäude in der Nähe der Jannowitzbrücke war, so stand es zumindest am Eingang, ein Tagungshotel des FDGB, des Gewerkschaftsdachverbandes der DDR. In Wirklichkeit ist das Haus eine Art Neben-Stasizentrale gewesen, nur nicht so bekannt wie die berühmte Normannenstraße. Ich saß dort ab etwa 18 Uhr in der Kantine und fühlte mich so fremd wie noch nie in einer Umgebung. Als vermutlich einziger Parteiloser, Nicht-Stasi-Mitarbeiter, -IM, -OIBE (Offizier im besonderen Einsatz) oder was es sonst noch alles gab, beobachtete ich voller Aufregung das hektische Treiben in der Kantine und in den Fluren des „Gästehauses“.

Am 9. Oktober musste eine Entscheidung in Leipzig fallen. In der „Leipziger Volkszeitung“ hatte ein gewisser Kommandeur Lutz von der Betriebskampfgruppe „Hans Geiffert“ geschrieben, dass der Sozialismus gegen die Konterrevolution verteidigt werden müsse, wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand! Wie würde sich die neue Riege unter Krenz verhalten, wie Armee und Polizei? Gibt es eine chinesische Lösung? Endet alles wie am 17. Juni 1953 mit Gewalt und Panzern?

Auch die Universität Leipzig hatte ihre eigene Kampfgruppe, die Kampfgruppenhundertschaft „Gerhard Harig“. Die UZ, die Universitätszeitung, stellte anlässlich ihres 15jährigen Bestehens diese Kämpfer mit Foto vor. „Jederzeit einsatzbereit für den sicheren und zuverlässigen Schutz des Sozialismus“, lautete der Titel des Artikels. Vorgestellt werden „Gruppenführer, Kämpfer, Truppführer“, in eigentlichen Beruf Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler, Tierärzte, Linguisten. Einer der Kämpfer auf dem Foto war einer meiner Französisch-Dozenten. Wenn es in Leipzig zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen wäre, hätte ich als Demonstrant meinem Lehrer von der Universität gegenüber stehen können.

Meist sprechen Originaldokumente am besten für sich, um sich ein Urteil zu bilden. „Werktätige des Bezirkes (Leipzig) fordern: Staatsfeindlichkeit nicht länger dulden – Die Angehörigen der Kampfgruppenhundertschaft „Hans Geiffert“ verurteilen, was gewissenlose Elemente seit einiger Zeit in der Stadt Leipzig veranstalten… Wir sind bereit und willens,… diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand. Kommandeur GÜNTER LUTZ im Auftrag der Kampfgruppenhundertschaft „Hans Geiffert“ (LVZ 6.10.89). Dies war die Lage vor der später berühmten Demonstration am 9. Oktober. So hatte noch niemand den Menschen in Leipzig mit militärischer Gewalt gedroht. (Was ist eigentlich aus diesem Kommandeur geworden? Nun, vielleicht ist er heute bei der Bundeswehr, leitet ein Autohaus oder sitzt irgendwo in einem Stadtrat. Mich würde das überhaupt nicht wundern).

In der Rückschau wurde oft spekuliert, wer nun das Verdienst hat, dass in Leipzig nicht geschossen wurde. Günther Schabowski äußert sich in seinem Buch „Das Politbüro“ (rororo 1990) nur sehr vage. Gregor Gysi, ein gewöhnlich gut informierter Zeitgenosse, wird im ND vom 6.11.89 folgendermaßen zitiert: „… er wisse von Leipziger Kollegen (?), dass Egon Krenz am 9. Oktober in Leipzig die Hauptverantwortung für die Entscheidung zur Vermeidung von Gewalt trug. Damit habe er „einen Beitrag zur Rettung des Landes geleistet…“ In seiner Darstellung „Herbst ´89“ (neues leben 1999) referiert Egon Krenz erstaunlicherweise nur sehr knapp zu diesem doch so wichtigen Tag der DDR-Geschichte. Unbestritten war Krenz quasi der Oberbefehlshaber (mit Mielke?) der bewaffneten Organe, aber vermutlich hat er, wenn Gysis Darstellung stimmt, die Gewaltoption abgelehnt, nachdem die Stimmung und die Gefechtsbereitschaft in verschiedenen Truppen bekannt wurde. Sollte es diesen Nicht-Schieß-Befehl gegeben haben, so gebührt Krenz dafür Respekt. Meine Beobachtung ist etwas anders gewesen; vor Ort in Berlin habe ich gehört, dass 300 Panzer mit laufendem Motor um Leipzig zusammengezogen waren und dass Egon Krenz nach Leipzig geflogen ist, um sie zu stoppen… Dieses wichtige Detail der DDR-Geschichte wird wohl nie geklärt werden.

Zurück nach Berlin ins „FDGB-Hotel“. Pausenlos klingelten irgendwo Telefone. Unteroffiziere suchten ihre Generäle, rannten durch die Flure, um sie ans Telefon zu bekommen. Und die Telefone klingelten bis etwa 20 Uhr. Die Atmosphäre in dieser für mich Höhle des Löwen war unbeschreiblich. Hochrangige in Uniform saßen apathisch an ihren Kantinentischen und tranken Bier. Stumm. Mit ratlosen Gesichtern.

Ich dachte an mein Leipzig, an die Demonstranten, an Kommandeure vom Schlage Lutz. Da kam ein Offizier aufgeregt in die volle Kantine und sagte mit versteinertem Gesicht: Genossen, die Kampfgruppen in Leipzig verweigern den Befehl!

Atemlose Stille. Kein Wort. Und ich? Ich wäre am liebsten an die Decke gesprungen vor Freude und Glück, musste einen Jubelschrei unterdrücken. Ich dachte nur eins: Das war´s! Das ist das Ende für diese Leute hier.

Eine Stunde später erhielt ich den Anruf, dass meine Arbeit für heute beendet ist. Ich fuhr schnell mit der S-Bahn in meine Unterkunft und saugte die Bilder vom Fernsehen aus Leipzig in mich hinein, unglaubliche Aufnahmen von Roland Jahn und seinen Mitstreitern, die versteckt von der Kirche neben dem Hotel „Fürstenhof“ gedreht hatten. 70.000 Demonstranten in Leipzig, „Keine Gewalt!“, „Schließt euch an!“…

Die Mauer ist weg!

Wo ist eigentlich die Grenze? Etwa fünf Meter von mir entfernt stand ein Westberliner Polizist, und ich fragte ihn mit einem suchenden Blick auf dem Asphalt dieses für mich so relevante Detail.

Berlin, Check-Point Charly, 10. November früh kurz vor 7 Uhr. Wie viele andere auch hatte ich am Abend zuvor die berühmte Pressekonferenz von Günter Schabowski im Fernsehen verfolgt und deren unmittelbare Tragweite nicht begriffen. Ich fand kurz nach 20 Uhr im menschenleeren Nikolai-Viertel eine Telefonzelle – ein Unterfangen, was damals nicht leicht war – und rief meinen Vater in Leipzig an. „Wahnsinn! Hast du die „Aktuelle Kamera“ gesehen?! Wenn ich nächste Woche wieder in Leipzig bin, werde ich sofort einen Pass beantragen.“ (Pässe hatten in der DDR nur Reise-Kader, ein Wort, was mit der DDR verschwunden ist, und sonstige besondere Personen.) Zurück in meiner Unterkunft war ich von einem langen Tag Dolmetschen so müde, dass ich nicht nochmals den Fernseher anmachte. Ich war damals zu einem obligatorischen Berufspraktikum bei „Intertext Berlin“, meinem zukünftigen Arbeitgeber. (Arbeitgeber gab es in der DDR nicht, man wurde als Uni-Absolvent zu einem Betrieb „delegiert“.)

Ich verschlief also einen historischen Abend, etwas, was ich mir bis heute nicht verzeihe. Am nächsten Morgen früh um 6 schaltete ich das Radio ein, und da hörte ich das Unfassbare: Die Mauer ist auf. So schnell wie noch nie zog ich mich an und ging schnellen Schrittes zu meiner Arbeitsstätte – in der Mauerstraße.

„Intertext Berlin“, das zentrale Übersetzer- und Dolmetscherbüro der DDR, hatte seinen Sitz in der Mauerstraße, im letzten Haus der DDR. Heute braucht es viel Phantasie, um die Topographie von damals nachzuvollziehen, zumal mein Fensterblick vom Praktikum auf die Häuserwand mit der Zeitungsreklame der „Neuen Zeit“ nicht mehr existiert. Meine letzten 50 Meter zum Hauseingang führten mich entweder die Mauer(straße) entlang, oder ich nahm den Knick in der Mauer mit, direkt am Checkpoint Charly.

Heute nicht. Ich ging – mit dem kleinen blauen DDR-Personalausweis („Persi“) in der Hand – auf die Grenzübergangsstelle zu. Am Tag vorher wäre ich allein dafür verhaftet oder zumindest streng verwarnt worden. Aber nichts. Der Grenzer zeigte auf einen anderen Grenzer hinter einem kleinen Fenster, und dieser stempelte meinen Personalausweis ab. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Er zeigte nach rechts, und ich ging durch ein Labyrinth von Gängen, und nach vielleicht einer knappen Minute stand ich draußen. Kein Mensch außer mir. Ein gelangweilter Grenzer rauchte eine Zigarette, einen Steinwurf entfernt. Durch meinen Fensterblick im Praktikum „kannte“ ich ja die andere Straßenseite aus ca. 100 Meter Distanz. Also ging ich los. Noch heute bekomme ich da eine Gänsehaut. Ich lief – wie in Trance – auf die andere Seite zu. Eine Welt, die mir 25 Jahre versperrt blieb. Eine Welt, in die man jeden Tag im Fernsehen reisen konnte. Aber dies hier war live. Ich sah die Häuser und dann den besagten Polizisten – in einer „Tatort“-Uniform.

Wo ist eigentlich die Grenze?, fragte ich ihn. Und er zeigte auf eine kleine weiße Linie hinter mir. Ich war also schon im Westen!

In diesem Moment fiel mir ein, was der DDR-Grenzer, der den Ausweis abstempelte, zu mir gesagt hatte: „Bürger! Sie müssen aber bis 8 Uhr wieder zurück sein, sonst sind Sie Republikflüchtling!“ Als gelernter DDR-Bürger musste man zunächst davon ausgehen, dass das stimmt. In diesen verrückten Zeiten allemal. Also, keine Zeit verlieren. Ich wollte ja auch nicht „abhauen“. Aber was kann man in einer Stunde machen? Einmal zum Brandenburger Tor und von der westlichen Seite rüberschauen. Kudamm schaff ich nicht mehr. (Das Problem war hier auch, dass es in der DDR ja keine Stadtpläne von Westberlin gab und man nur ungefähr die Stadt im Kopf hatte.)

Und so wurde ich immer schneller. An der Ecke Zimmerstraße sah ich ein Plakat von Manfred Krug, der Reklame für „Schultheiß Bier“ machte: „Wir haben den besseren Geschmack“. Eine Ecke weiter ein kleines Reisebüro mit dem Aushang „ROM 435 DM“. Wahnsinn! Ist das alles nur ein Traum? Dann erblickte ich einen Zeitungsladen. Ich betrat ihn und fühlte mich wie im Schlaraffenland. „Spiegel“, „Stern“, hunderte von Zeitungen und Zeitschriften. Aber mein Blick blieb haften auf der „Berliner Zeitung“ vom selben Tag: Die Mauer ist auf, prangte in riesigen Lettern auf Seite 1. Ein Zeitdokument, das zeig ich mal meinen Kindern. Da fragte mich der ältere Ladenbesitzer: Na, junger Mann, wat wollnse denn? Ich seufzte innerlich, weil ich dieses kostbare Blatt umsonst in den Händen hielt. Nimmse mit, ik schenk se dir. Voller Glück verließ ich den Zeitungsladen.

Weiter. Jetzt rannte ich los, Richtung Brandenburger Tor. Immer den finsteren Gesichtsausdruck des Grenzers im Kopf und seiner deadline. Unterwegs andere offensichtlich „Ungläubige“ aus dem Nahen Osten. Zwei von ihnen fragte ich nach dem Ultimatum mit der Zeit, aber sie antworteten: „Ja, das haben die mir auch gesagt. Ach, die sind am Ende!“ Und so ging ich weniger schnell durch den Tiergarten, direkt an der Mauer entlang. (Im Nachhinein erfuhr ich, dass ein fünf Meter breiter Streifen hinter der Mauer auch noch DDR-Territorium war.) Schließlich sah ich das Podest, von dem man in den Osten schauen konnte. Ich stieg hoch, und jetzt erst realisierte ich es richtig. Nein, es ist kein Traum mehr.

Wie oft hatte ich auf der anderen Seite Richtung Westen geguckt, voller Wut, voller Ohnmacht. Was hatte ich den SED-Oberen getan, dass sie mich hier einsperren? Zumal es nie mein Plan war, in den Westen zu gehen. Ich bin Leipziger und wohne gerne dort, bis heute.

Ich stieg vom Podest und setzte mich erstmal auf eine Bank im Tiergarten. Was mache ich jetzt? Du kannst nicht gleich wieder zurück, vielleicht machen sie die Grenze ja wieder zu. Wieder für 28 Jahre. Dann wäre ich 53.

Nein, jetzt schaust du dir die Stadt an. Zu gern hätte ich meinen Vater oder meine Oma in Leipzig angerufen, aber womit? Ich hatte kein „Westgeld“. Außerdem bildeten sich vor den Telefonzellen Menschentrauben, alles „Ossis“ mit dem gleichen freudigen Gesichtsausdruck. Also erstmal zurück zum Checkpoint. Dort sah ich den U-Bahn-Eingang Kochstraße. Ich dachte, steig einfach ein, vielleicht fährt die Linie Richtung Stadtzentrum. Fahrkarte? Wenn sie mich als „Schwarzfahrer“ erwischen würden, was könnten sie schon tun? Zufällig hielt gerade eine Bahn. Nichts wie rein. Die Bahn fuhr los, und ich wunderte mich über den Untergrund. Warum fuhr die Bahn so langsam? Warum waren die Gänge so finster? Dann fuhr die Bahn fast im Schritt-Tempo durch eine Station mit altdeutschen Buchstaben (es muss „Stadtmitte“ gewesen sein) – und ein Grenzer der DDR guckte grimmig in den Waggon. Ich verstand das nicht, bis ein Nachbar mir im Berliner Dialekt sagte: Det is doch die Linieübern Osten. Dies war mir neu, woher sollte man es auch wissen. So wie es in Berlin zwei Mauern gab, dazwischen ein endlos breiter Grenzstreifen. Bewundernswert, wie es Menschen überhaupt schafften, diese Grenze zu überwinden.

Dann war ich schon an der Station am Kudamm, und inzwischen bekam ich langsam Hunger. Aber wie sollte ich mir etwas kaufen? Begrüßungsgeld, dieses Wort bis heute ohne Bedeutung für Nicht-Rentner. Ich ging in die erste Bank, glaube eine „Berliner Bank“. Dort verwies man mich – offensichtlich schon etwas genervt – an das Rathaus Schöneberg und drückte mir einen Zettel mit der Adresse in die Hand. Der Stapel mit den Adressenzetteln erschien in seiner Höhe gewappnet für den Ansturm einer Masseninvasion aus China. Also auf zum Rathaus und erst mal Schlange stehen. Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich gerne in einer Schlange. Stempel in den Personalausweis, und schon hatte ich 100 Mark, harte Westmark in der Hand. (Die Genossen von der SED bekamen teilweise 200 Mark, sie hatten Personalausweis und Pass und gingen zu unterschiedlichen Banken. Ein Genosse von „Intertext“ ging nur zur Bank rüber, um das Geld zu holen, und dann sofort wieder zurück! Später wurden dann in den riesigen Schlangen auf den Rathäusern noch die Kinder getauscht; Ledige hatten plötzlich Kinder. Ich hab mich für diese Zeitgenossen geschämt.) In der Schlange hörte ich Tausend Dinge, die man sich für die 100 DM kaufen könnte. Meine Idee war jedoch, erst mal zu Karstadt, denn ich wollte etwas bestimmtes, einen Stadtplan. Damals noch mit gut markierten Grenzen.

Dann erspähte ich von weitem einen riesigen Plattenladen, WOM, World ofMusic. Nach dem Zeitungsladen das nächste Paradies. Es gab alles, und man konnte es einfach kaufen. Ein völlig neues Gefühl. In der DDR gab es auch „Westplatten“, im DDR-Sprachgebrauch Lizenzplatten, aber nur unter der Hand oder zu bestimmten Zeiten. In Leipzig existierte ein Musikladen, „Musikhaus Tappert“ in der Rosa-Luxemburg-Straße unweit meiner Wohnung. Dort stellte man sich Freitag vor der Öffnung um 14 Uhr an die Schlange an – ohne zu wissen, was es gab. Man wusste nur, es gab irgendeine oder manchmal auch zwei Westplatten. Und das Irre, man kaufte die Platten, egal, ob es der eigene Musikgeschmack war oder nicht. Platten waren Tauschware oder gut zu verkaufen (ich habe selbst ab und zu eine begehrte Platte für 100 DDR-Mark gekauft von privat, eine Summe, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann).

Zurück auf dem Kurfürstendamm dachte ich, immer noch mit Restzweifel, ob die Grenze offen bleibt. Du musst jetzt noch unbedingt den Ku´damm hoch und runter. Erstmal zur Gedächtniskirche, dann zum Café Kranzler, wo sich mein geplagter Magen wieder meldete. Aber kann ich mein gutes Westgeld für ein Stück Kuchen ausgeben?

Weiter westwärts. Auf einer Fußgängerbrücke stockte mir der Atem, als ich hinunterblickte. Auf die Schnellstraßenverlängerung der AVUS am Kaiserdamm. Minutenlang starrte ich fasziniert auf die vorbeirasenden Autos. Eine Geschwindigkeit, die man auf der anderen Seite nicht kannte. Ebenso wenig unfassbare vierspurige Straßen – in einer Richtung!

Langsam wurde es frisch, und ich dachte, du musst zurück in den Osten. Wie seltsam das klang. Zurück in den Osten, in ein anderes Land, in ein völlig anderes Land. Ungefähr um 19 Uhr passierte ich meine kleine weiße Linie, diesmal von der anderen Seite. Würde ich wiederkommen? Der Grenzer von früh um 7 Uhr schaute immer noch grimmig, aber er hatte seinen Schrecken verloren. Aber für immer?

Zettelfalter

Eine, wenn nicht die größte Demütigung für viele DDR-Bürger waren die Wahlen (für viele auch die bestellten Demonstrationen am 1. Mai). Wenn man heute 25 Jahre später als Wähler zu Recht oft frustriert ist, so hat man wenigstens auch die Option, nicht wählen gehen zu müssen. Nicht so in der DDR. Da wurde registriert, wer nicht zur Wahl ging, ja sogar, wann die Leute wählen gingen. An der Universität Leipzig wurden 1986 alle Studenten verpflichtet, spätestens bis 8 Uhr wählen zu gehen. Warum diese völlig überflüssige Schikane?

Im Rückblick wird manchmal der Begriff „Zettelfalter“ benutzt, eine sehr beschönigende blumige Umschreibung. Wen wählte man? Die sogenannte „Wahlliste der Nationalen Front“ als Block. 1981 sah man sogar Wahlwerbung an den Leipziger Straßenbahnen: „Wählt die Kandidaten der Nationalen Front!“ Ging man in das Wahllokal, erhielt man ein A4-Blatt mit der Liste und vielleicht 15-20 Namen darauf, die wiederum offensichtlich nach einer Quote aufgeteilt waren in die SED-Kandidaten und jene der vier Blockparteien (die „Blockflöten“). Es gab auch immer Wahlkabinen. Warum haben die DDR-Wähler sie nicht benutzt?, fragen westdeutsche Historiker, und dies manchmal in einem vorwurfsvollen Unterton. Diese Frage kann nur jemand stellen, der nie in einem System wie der DDR gelebt hat, in einer Diktatur, in einem Unrechtsstaat, oder wie immer man die DDR bezeichnen möchte.

Die allermeisten DDR-Bürger wollten diese Wahlprozedur schnell hinter sich bringen, schon aus Angst vor Restriktionen. Im Wahllokal Zettel abgreifen, ohne einen Blick draufzuwerfen, mit zügigem Schritt zur Wahlurne, Zettel falten und rein in die Urne, und weg an den See oder nach Hause. Es hatte etwas von Absurdistan.

Wie konnte man aber dem Gruppenzwang und den strengen Beobachtern der Wahlkommission entgehen? Nur, wenn man vorwählen ging (eigentlich erstaunlich, dass es diese Möglichkeit gab). Den intensiven Blicken der Wahlkommission entging man trotzdem nicht, aber man war allein mit ihr im Wahlbüro.

Meine erste DDR-Wahl war während der Armeezeit 1984. Ich erinnere mich nicht daran, aber vermutlich stand selbst dort in der Kaserne eine Wahlkabine. 100%. Aber dann kam die berühmte Kommunalwahl im Mai 1989. Der Geist und die Ideen von Gorbatschow, von Glasnost und Perestroika, von Offenheit und Umbau, durchdrangen die Gesellschaft. Man konnte sich – auch als Krypto-Gegner – auf die sowjetischen Klassenbrüder berufen, wenn man etwas kritisierte. Das war neu. Ganz anders als zu „Solidarnosç“-Zeiten in Polen 1980/81, mit Kriegsrecht unter Jaruzelski. Zu Zeiten, wo man in der EOS (Erweiterte Oberschule, 9.-12. Klasse) auf den Besitz von West-Plastiktüten kontrolliert und ermahnt wurde. Zu Zeiten, wo man auch über Proteste unter Studenten in Jena erfuhr.

Diesmal war die Stimmung anders. Man wusste, dass viele Bürger legal ausgereist waren; überall in Leipzig fuhren Autos mit einer kleinen weißen Schleife an der Radio-Antenne, das Symbol, ´seht her, ich bin Antragsteller auf Ausreise´. Auch bei der Frühjahrsmesse im März 89 in Leipzig herrschte eine andere Stimmung. Eine Mischung aus stummer Wut und zartem Mut, irgendwas zu tun. Es muss sich was ändern.

Man las plötzlich kritische Leserbriefe in den Zeitungen, sogar im Zentralorgan der SED, dem „Neuen Deutschland“ (interessant, dass dieser Name in der DDR geändert wurde). Mehr aber in lokalen Blättern wie dem „Sächsischen Tageblatt“. Man las von Umweltaktivisten, Beschwerden über bestimmte Versorgungsengpässe, jedoch nichts radikales Politisches. Vielleicht war es auch ein toleriertes Ventil von oben. Und man hatte einen neuen mächtigen Verbündeten: Michael Gorbatschow. Später wurde immer wieder ein Satz von ihm zitiert: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Aber die SED-Mächtigen haben diesen Satz nicht ernst genommen. Zum ersten Mal seit 40 Jahren hieß es nicht mehr: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“

Kurz: die Stimmung war schlecht. Und nun diese Wahlen. Ich war Student im 4. Studienjahr, wenige Monate vorm Diplom und einem sicheren und interessanten Arbeitsplatz in Berlin. Kann ich meinen Studienplatz, meine berufliche Perspektive riskieren wegen einer Stimme? Das bringt doch nichts. So dachten die meisten, die allermeisten. Insofern dürften die üblichen Zahlen um die 99% durchaus gestimmt haben. Aber ich dachte, wie offenbar viele andere ebenso, diesmal muss es sein.

Ich ging einige Tage vorher, am 2.5., ins Vorwahllokal Leipzig-Mitte, im Standesamt am Ring. Angekommen vor dem Wahllokal lugte ich hinein und sah einen riesigen Saal, und niemand drin außer der Wahlkommission. Ich musste mich erstmal auf eine Bank setzen. An die zehn Minuten schaute ich auf den offenen Eingang des Wahlbüros – kein Wähler war inzwischen gekommen -, dann stand ich auf und ging zügig zur Wahlkommission, die mir ebenso zügig den „Wahlvorschlag“ der Nationalen Front überreichte.

Jetzt oder nie! Zielstrebig und mit schnellen Schritten eilte ich zur Wahlkabine und spürte förmlich die Blicke der Wahlkommission im Nacken. Aber jetzt war es sowieso zu spät. Also rein in die Kabine, den mitgebrachten und mehrmals getesteten Kuli aus der Jacke geholt – um dann jeden Kandidaten auf der Liste sauber, einzeln und vollständig durchzustreichen. Wenn ich schon in die Kabine gehe, dann wollte ich auch eine Gegen-Stimme abgeben. Man konnte ja nicht wählen, sondern nur dagegen oder dafür stimmen. Ich bin überzeugt, dass die meisten das gar nicht wussten, wie man dagegen stimmen konnte. Da musste man sich vorher informieren; ich denke, ich hatte es so beim „Kennzeichen D“ im ZDF gesehen. Vom „imperialistischen Klassenfeind“ lernen, heißt richtig wählen lernen…!

Ein großes Kreuz durch alle Kandidaten quer über das ganze Blatt war nur eine ungültige Stimme. Und das dauert eine gefühlte Ewigkeit, alle Namen einzeln und jeden Buchstaben des Namens durchzustreichen. Ich fühlte mich förmlich durchbohrt durch den Vorhang der Wahlkabine. Dort hing, besser: baumelte, übrigens ein stumpfer Bleistift (!) für die Wähler bereit, dazu eine komische bastmattenartige Schreibunterlage. Selbst hier wurde man noch gedemütigt. Wer seinen Kuli vergessen hatte, war umsonst in die Kabine gegangen.

Ich überprüfte nochmals, ob ich alle Namen erfasst hatte, und ging dann, denk ich, noch schneller, zur Kommission, die mich noch strenger als zuvor musterte. Widerwillig zeigten sie auf die Urne, und im Vorbeigehen nach draußen glaubte ich zu entdecken, wie einer der „Wahlmänner“ ein Kreuz in eine Wählerliste machte. Vermutlich bei meinem Namen. Jetzt war ich bestimmt ein neuer Staatsfeind - und ich war in diesem Moment glücklich darüber. Ich war kein Widerstandskämpfer (so wie viele sich, gerade an der Uni Leipzig, nach 89 gerierten), aber dieses eine Mal wollte ich diese Farce nicht mitmachen. Denn was hätten sie auch tun können? Mich am nächsten Tag zum Dekan bestellen? Also, Herr Kühnel, wir haben erfahren, dass Sie gestern in der Wahlkabine waren. Haben Sie etwa gegen den Sozialismus gestimmt?

Ich war das ganze Studium über kein sogenannter Reisekader. Als Student der Romanistik durfte ich nicht nach Frankreich oder Italien fahren, als Student der Arabistik nicht mal ins befreundete (Süd-)Jemen oder ins noch mehr befreundete Libyen Gaddafis. Ich habe auch kein Leistungsstipendium (300 statt 200 DDR-Mark, und 100 M hatten viel Kaufkraft) bekommen trotz sehr guter Studienleistungen, da ich mich hartnäckig weigerte, eine „gesellschaftliche Funktion“ zu übernehmen. Ironie der Entwicklung: ich erhielt es dann doch im 4. und 5. Studienjahr, und zwar aus Quotengründen, da von den ursprünglich zehn Studenten unserer kleinen Arabisch-Seminargruppe bis Oktober 89 nur noch vier (!) übrig waren. Alle anderen sind von Studienaufenthalten im NSW, dem „nichtsozialistischen Wirtschaftssystem“, nicht zurückgekehrt bzw. über Ungarn in den Westen geflohen. Darunter gerade die Überzeugten, die reisen durften. Ein Lehrer wunderte sich stets, dass nicht ich, der Renitente, abhaute, sondern sogar die Genossen das Weite suchten.

Indes, meine Gegenstimme blieb ohne – spürbare – Konsequenzen. Und ich freute mich am nächsten Tag über die Wahlstatistik in den Zeitungen und zählte die Gegenstimmen in absoluten Zahlen und in Prozenten. Da gab es Wahlbezirke mit „nur“ 98% oder unfassbaren 95% Ja-Stimmen. Man kannte als Resultate ja nur 99,95 oder 99,98%. In Plauen waren es, wenn ich mich recht erinnere, sogar offiziell lediglich 93%. Ein wahrer Hort der Konterrevolution!

Im ersten Moment war ich erfreut, um dann die Zahlen mit meinen eigenen Beobachtungen zu vergleichen. Denn ich hatte mich im Wahlbüro Leipzig Konradstraße als Wahlbeobachter registrieren lassen, zum ersten Mal. Bislang hatte sich niemand weiter für die Auszählung interessiert; diesmal standen noch 5,6 andere interessierte Bürger, meist Typ alternatives Outfit, im Wahlbüro und schauten den Auszählern über die Schulter. Ich hatte einen einfachen Zettel mit und notierte die Stimmabgaben und kam am Ende auf unglaubliche fast 10% Gegenstimmen für den Wahlbezirk Leipzig Zentrum-Ost.

Zum Vergleich hier die offiziellen Angaben aus dem „Neuen Deutschland“: Wahlen Volkskammer 1986: 0,06% Gegenstimmen (absolute Zahl: 7512), meiste Nein-Stimmen in Treptow und Pankow, je 0,21 %, Aue 0,1%, Leipzig 0,05%. Dann die Kommunalwahlen 1989: 1,15% Gegenstimmen (absolute Zahl: 141.845), Schwerpunkte der Nein-Stimmen Potsdam-Land mit 4,14%, Leipzig 2,29%, Dresden 1,95% und Berlin 1,37%.

Als ich nun am 8.5.89 die Zahlen im ND und in der LVZ las, war ich begeistert von der Zahl von 142.000 Gegenstimmen, obwohl ich mir sicher war, dass die echten Zahlen höher sein mussten. Ich stellte mir diese 142.000 Menschen vor, anderthalb mal das volle Leipziger Zentralstadion mit seiner damaligen Kapazität von 100.000 Zuschauern. Und ich war einer von ihnen. Darüber freue ich mich bis heute.

Warum haben diese bornierten Typen im Politbüro nicht einfach die realen Zahlen genannt? Selbst die Opposition sprach von höchstens 10-15% Gegenstimmen. 90% Zustimmung wäre doch ein Riesenergebnis für die SED, für den Sozialismus gewesen (oder vermutlich 95% 1981 und 1986). Warum diese plumpe, offensichtliche Fälschung? Hätten einige mal einen Moment nur darüber nachgedacht, die echten Zahlen zuzugeben, wer weiß, wie die Geschichte weitergegangen wäre. Oder man hätte nicht im „Block“ abstimmen lassen, sondern nach Parteien.

Am Wahltag spielte auf dem Markplatz von Leipzig übrigens das Standmusikorchester des MDI, des „Ministeriums des Innern“. Wie passend!

Antragsteller

„Sie sind nur Verwandter zweiten Grades!“ Dies war die Begründung der Universitätsleitung in Leipzig, warum der Besuchsreiseantrag vom 17.12.87 für den 60. Geburtstag meines Onkels in Hannover 1988 abzulehnen sei. Wenn es irgendeinen Moment in meinem Leben gab, wo man den endgültigen Bruch mit dem DDR-Regime festmachen kann, dann war es dieser. Was heißt ´nur zweiter Grad´? Und das Schlimmste war, die Polizei hat soweit ich weiß meinen Antrag nicht kategorisch abgelehnt, sondern der Uni die Entscheidung überlassen.

Nach dem Besuch von Franz Josef Strauß und anderen erkauften Zugeständnissen konnten ab Mitte der 80er Jahre auch Nicht-Rentner zu bestimmten Anlässen einen Reiseantrag stellen. Ganz legal. Also dachte ich – naiv, wie man mit 23 noch sein kann -, wenn es legal ist, dann versuch es doch mal. Ich stellte also einen Besuchsreiseantrag. Zugegebenermaßen war ich Realist und rechnete nicht mit einer Zusage durch die „zuständigen Organe“ der DDR. Der Punkt war ein anderer, die Reaktion der Universität Leipzig. Nur einen Tag, nachdem ich bei der Polizei meine Unterlagen abgegeben hatte, wurde ich zur Leitung des „Instituts für Afrika- und Nahostwissenschaften“ einbestellt. Wenn ich nach einem Wort suche, um die Situation in diesem sehr einseitigen Gespräch am besten zu beschreiben, fällt mir auch nach längerem Überlegen nur eines ein: Inquisition.

Ich hatte nicht in einer Prüfung betrogen, war nicht betrunken Auto gefahren, hatte mir nichts zu schulden kommen lassen; ich stellte einen gesetzlich erlaubten Besuchsreiseantrag. Ich war wie vor den Kopf geschlagen angesichts einer 4-köpfigen Hyäne, die über mich herfiel. Gefällt es Ihnen im Sozialismus nicht? Ihnen ist wohl nicht bewusst, welche Ehre es ist, dieses exklusive Studium zu haben? Im Übrigen hatte ich nicht eine Sekunde daran gedacht, im Westen zu bleiben. Ich wollte mein qualitativ in der Tat sehr gutes Studium in der DDR beenden. Mein Lebensmittelpunkt war klar Leipzig; ebenso klar, dass ich in Gedanken im Westen war.

Von den vier Inquisitoren von 1987 blieben drei weiter nach der „Wende“ an der Universität Leipzig beschäftigt. Eine Befragerin, Frau W., war nach 1990 ausgerechnet im Personalbüro tätig, so wie zu DDR-Zeiten. Einmal Kader, immer Kader. Sie war zuständig für viele relevante Dinge, ich sah sie dann im Rahmen meiner Promotion 1993 wieder. Erneut war sie zuständig, und erneut musste ich mich an die Machtverhältnisse anpassen. Wenn die DDR irgendwo noch sehr lebendig ist mit damaligen Entscheidungsträgern und mit seinen damaligen Macht- und Denk-Strukturen, dann sind es die Universitäten.

Wie viele Antragsteller auf ständige Ausreise gab es eigentlich insgesamt (lt. diverser bundesdeutscher Quellen ca. 400.000)? Wieviel Prozent wollten nicht weg? Honecker meinte dazu 1989, dass man „denen keine Träne nachweinen werde“, die über Prag oder Ungarn „abhauen“. So geschrieben im „Neuen Deutschland“ (ND), ein großer Fehler, der auch bei Getreuen der SED auf Unmut und Unverständnis stieß. Ein anderes Eigentor war die erfundene „Menthol-Story“, ebenfalls im ND abgedruckt, von einem DDR-Bürger, der angeblich im Zug nach Ungarn mit einer Menthol-Zigarette betäubt wurde (von finsteren westlichen Agenten) und dann in Österreich wieder aufwachte. Eine clevere PR sieht anders aus. Dabei ging es ums Ganze, um den Sozialismus und die Fortexistenz des Staates DDR.

Neben den Antragstellern gab es die „Abstimmung mit den Füßen“. Meine Arabisch-Seminargruppe an der Uni Leipzig bestand, wie erwähnt, am Ende noch aus vier Studenten. Von zehn. 60% haben die DDR verlassen. Einer meiner Kommilitonen wählte einen dramatischen Weg. Er schwamm mit seinen beiden kleinen Kindern huckepack über die Donau. Beim zweiten Mal mit der Ehefrau. Was sagt das über einen Staat aus, dass Menschen ihr Leben riskieren, um diesem Staat zu entkommen?

Übrigens: eine Prophezeiung hat sich bezüglich der DDR nicht erfüllt: Der Letzte machtdas Licht aus! Ich vermute, dass die meisten, die in Leipzig „Wir bleiben hier!“ riefen, auch tatsächlich geblieben sind.

Ich hatte nie den Gedanken, einen Ausreiseantrag zu stellen, und dies aus zwei Gründen. Mein familiärer Mittelpunkt war Leipzig, ebenso mein studentischer. Meine Heimat war und ist Leipzig und nicht Rostock oder Regensburg. Eine Antragstellung wäre gleichbedeutend gewesen mit dem Ende hiesiger Studienabschlüsse und aller Auslandsträume als Arabisch- und Französisch-Dolmetscher. Ohne Studium hätte ich auch „in die Produktion“ gemusst. Keine verlockende Perspektive als handwerklich unbegabter Mensch.

Was stetig blieb, war die „Faust in der Tasche“, Frust, ja Hass. Es gibt im berühmten Film „Ben Hur“ eine interessante Szene, als der römische Flottengeneral den Galeerensklaven Hur grundlos auspeitscht und dessen hasserfüllte Augen sieht: „Nr. 41! Deine Augen sind voller Hass. Das ist gut. Hass erhält einen am Leben.“ Aber man kann auch in einer Diktatur nur mit Hass nicht überleben. Manchmal begegnete man als DDR-Bürger den bitteren Realitäten auch mit Humor. Als bekannt wurde, dass die DDR alte Pflastersteine in den Westen exportierte, entstand ein geflügeltes Wort: „Ach, wär´ ich doch ein Pflasterstein, dann könnt´ ich schon im Westen sein!“

In der geistigen Galeere DDR musste man sich als Kopfmensch oft, zu oft, verbal zusammenreißen, mit den Wölfen heulen; manchmal konnte man auch frech widersprechen, wenn möglich; etwas, was gut fürs Gemüt war. Der kleine Widerstand. Aber wenn es hart auf hart kam, knickte man zumeist ein. Man war einer von den Millionen Galileos; nur wenige waren Giordano Brunos. Lieber Hausarrest als Scheiterhaufen.

Gemeinschaftsantenne

Jeder tat es, aber niemand sprach darüber. Zumindest in den 70-er und teilweise noch in den 80-er Jahren. Westfernsehen zu schauen war zwar offiziell nicht verboten, aber man konnte Nachteile erlangen, wenn man bestimmte Dinge, die man dort sah, zum Besten gab. Zum Beispiel an der Uni. ´Das hab ich in der Tagesschau gesehen´, ging nicht an der Schule. Oder ein Interview-Zitat aus „Kontraste“, dies ging schon gar nicht, geschweige denn eine nicht konforme wissenschaftliche Quelle in der Diplomarbeit. Natürlich war es in der DDR immer entscheidend, was man zu verlieren hatte. Ein Handwerker hatte eher Aufträge, ein Übersetzer bei „Fehlverhalten“ eventuell keine mehr.

Zunächst bestand erstmal das technische Problem, Westfernsehen empfangen zu können (außer „ard“, außer Raum Dresden, im „Tal der Ahnungslosen“). Ich bin als Kind aufgewachsen mit zwei Programmen, DDR 1 und DDR 2. (Zappt man sich heute durch 35 oder mehr Programme, ist die Auswahl relativ gesehen auch nicht so viel besser.) Zuerst nur schwarz-weiß, dann gab es Farbfernseher für 6200 DDR-Mark, ein Vermögen. Dafür musste eine Kellnerin in der „Mitropa“ oder eine Näherin bei „Malimo“ lange arbeiten.

Zurück zum Empfang: es existierten in der DDR sogenannte Gemeinschaftsantennen, nicht vom Staat gefördert, aber auch nicht behindert (das war in den 50-er Jahren noch anders). Ein technisch versierter Nachbar oder Handwerker installierte auf dem Dach eines Mietshauses eine – übrigens nicht zu übersehende - Antenne, mit der man dann mehrere Westprogramme empfangen konnte. Dabei war wichtig, in welche Richtung die Antenne ausgerichtet war, in welcher Region der DDR man lebte - und wie das Wetter war. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie bei Schnee im Winter das ZDF-Bild immer grieselte oder ganz verschwand. Als Verstärker oder Zweitantenne gab es noch in den 60-er Jahren Zimmerantennen, die auf dem Fernseher oder der Schrankwand standen. Falls das Bild schlechter wurde, musste einer mit der Antenne in der Hand durch das Zimmer gehen, und ein anderer dirigierte den Antennenhalter in die richtige Richtung.

Mit der Gemeinschaftsantenne konnten wir dann den „Klassenfeind“ bei ARD und ZDF in meist guter Qualität empfangen, später dann noch N3. Seit dieser Zeit hatte man sonntags die Wahl zwischen „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Samstag war „Kuli“ Pflicht, „Einer wird gewinnen“ oder Rudi Carell, „Am laufenden Band“. Und natürlich Bundesliga. Seit den 70-er bin ich dann auch durchs Westfernsehen Fan von Borussia Mönchengladbach geworden.

Im Unterschied zu heute gab es in der DDR keine Fernbedienung. Man musste also jedes Mal aufstehen, wenn man umschalten wollte. Gut, bei zwei Programmen kommt das nicht so häufig vor, und heute wäre es für manche dicke „Couch-Potatoes“ wenigstens eine sportliche Übung am Tag. Dies wurde anders mit der Einführung des Privatfernsehens. Eine Abundanz von Programmen, RTL, Sat1 sowie Bayern 3. Mehr als sechs Programme. Das hieß, dass man sich an der Programmierung am Fernseher entscheiden musste. Der DDR-Farbfernseher hatte sechs silberne Knöpfe, dazu hinter einer Klappe Drehrädchen, mit denen das Programm zentriert wurde. Mehr Programme hieß mehr Laufen zum Fernseher.

Soweit das Technische. Aber was sah ein normaler DDR-Bürger in der Glotze? Ich glaube, nichts wesentlich anderes als ein Bundesbürger, was die Westsendungen betraf. Ein Sonderfall war hier eine Serie, quasi die vorweggenommene Einheit am Bildschirm: „Dallas“ mit dem bösen J.R. und der armen Sue Ellen. Dienstag 21.45 Uhr durfte man niemanden stören oder anrufen (falls Telefon vorhanden). Mittwoch früh wurde dann in der Straßenbahn oder auf Arbeit diskutiert, welche fiesen Tricks J.R. diesmal hatte, und der gute Bobby, die verwirrte Pamela, der glücklose Cliff Barnes… Die Nachfolgeserie von 2012/13 sehe ich hier mit etwas Nostalgie.

Wie eine Serie von einem anderen Stern wirkte wohl für die meisten Deutschen in Ost und West „Miami Vice“, mit videoartigen Szenen, besonders coolen Typen, schnittigen Autos, und Bildern einer Stadt, die für DDR-Bürger weiter entfernt war als der Mond. („Ich geh vom Nordpol zum Südpol zu Fuß…“, ein Riesenhit in der DDR von Frank Schöbel und damals genauso utopisch wie ein Ferrari in Cottbus.)

Ein ähnliches gesamtdeutsches Phänomen waren auch „Schimanski“, Oberinspektor „Derrick“ oder bestimmte Serien wie „Magnum“, die „Schwarzwald-Klinik“ (nicht so mein Fall) und das „Traumschiff“ (für die DDR-Bürger mit Sicherheit). Mit manchen Serien wird man auch älter und alt, so mit „SOKO 5113“, dem „Alten“, „Ein Fall für Zwei“ und seinem unverwüstlichen Detektiv Matula (bis 2013). Auch manche Moderatoren begleiten einen ein Leben lang. Gab es eigentlich jemals ein Fernsehen ohne Günter Jauch und Thomas Gottschalk? Beide werden wohl, wie Johannes Heesters, bis es nicht mehr geht auf dem Bildschirm erscheinen.

Es war nicht alles schlecht, dies gilt durchaus auch fürs DDR-Fernsehen, vergleicht man es mit den vielen Talkshows und Trash aller Art heutzutage. „Willi Schwabes Rumpelkammer“ montags, alte UFA-Filme, viele liefen nicht im Westfernsehen. „Ein Kessel Buntes“ mit den drei Dialektikern, das war stellenweise witzig und originell; es traten auch viele internationale Stars auf. Ich erinnere mich auch an schöne DDR-Märchen, spannende Serien wie „Daniel Boone“ oder Indianerfilme mit Gojko Mitic. Dann gab es richtig gutgemachte rumänische Krimis mit Kommissar Roman und historische Serien wie „Römer, Daker, fremde Götter“. Oder eine großartige Serie wie „Washington hinter verschlossenen Türen“. Solide und spannend auch eigene Kundschafter-Serien wie das „Das unsichtbare Visier“, auch wenn sie ideologisch ausgerichtet waren (aber sind es die Bond- oder Rocky-Filme nicht?). Kundschafter waren dabei stets die guten Spione aus dem Osten, die bösen Finsterlinge aus dem Westen waren Spione. Nicht weniger spannend die polnische Reihe „Sekunden entscheiden“ mit Hauptmann Kloss. Andere Serien waren vielfach selbstironisch wie „Vier Panzersoldaten und ein Hund“ oder die tschechische Endlos-Serie „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“.

In Retrospektiven wird heute oft behauptet, dass DDR-Fernsehen wäre vor allem politisch gewesen. Zunächst wurde wirklich niemand à la Orwell gezwungen (außer bei der Armee), politische Sendungen wie die „Aktuelle Kamera“ oder stundenlang SED-Parteitage zu verfolgen. Ja, es gab den „Schwarzen Kanal“ mit dem TV-Ideologen Karl-Eduard von Schnitzler, den ich mir als „alter“ Antikommunist mit 16 oder 17 ab und zu sogar angesehen habe. Ansonsten kann ich mich nicht erinnern, dass im Abendprogramm dauernd politische Magazine liefen. Wie heute konnte man einfach abschalten, wenn man die Jubel-Berichte oder bestellte Interviews nicht ertrug. Und dürfen Journalisten heute über alles berichten und immer ihre Meinung vertreten? Gibt es Journalisten im Fernsehen, die offen das System „Bundesrepublik“ in Frage stellen oder stellen dürften?

Das DDR-Fernsehen war vor allem sportlastig, vom Spitzen- bis zum Breitensport. Ich gebe zu, auch ich habe am Wochenende Adi gesehen: „Mach mit, mach´s nach, mach´s besser…!“ Voller Neid war ich stets auf Chefreporter Heinz-Florian Oertel, der überall hin durfte. Das DDR-Fernsehen ist insgesamt nicht übermäßig spannend gewesen oder Pulitzer-Preis-verdächtig wie oft die BBC, aber was es z.B. nicht gab, ein grauenvolles „Unterschichten“-Fernsehen der privaten Programme heute am Nachmittag und „Heile-Welt“-Serien à la „Sturm der Liebe“ und „Rote Rosen“.

Manchmal gab es sogar eine direkte Konkurrenz und die zuweilen skurrile Diskussion, wer „besser“ ist. Zum Beispiel beim „Sandmännchen“. Selbst dort versuchten einige, ja, Unverbesserliche aus dem Westen, die prinzipiell alles an der DDR schlecht fanden, eine „Staatsnähe“ des „Sandmännchen“ zu konstruieren. Bewiesen werden sollte das u.a. mit einer sowjetischen Kosmonauten-Mütze…

Abschließend sollte man durchaus nochmals betonen, dass die Menschen im Osten auch das DDR-Fernsehen sahen, weil manchmal der Eindruck vermittelt wird, die Menschen hätten nur „Westen“ geschaut. Es ist ein bisschen wie heute, wo niemand zugibt, die „BILD“ zu lesen. Es war nicht alles schlecht…

Und das Fernsehen heutzutage? Der Lieblingssender der „Ossis“ soll RTL sein, jener der Sachsen der MDR. Ich schaue schon immer gerne ZDF, obwohl ich noch nicht zur „Kukident-Fraktion“ gehöre, natürlich auch den MDR. Was mich heute am meisten stört, ist dieses häufige Hysterie- und Katastrophenfernsehen. Kein Waldbrand in Südaustralien oder Kalifornien, der nicht tagelang auf dem Bildschirm lodert, keine Woche ohne Ekel-Berichte aus Schweine- und Hühnerställen. Stürme in den USA sind prinzipiell Jahrhundert-, ja Jahrtausendstürme; vor jeder Grippesaison werden Horrorszenarien mit Hunderttausenden Toten an die Wand gemalt. Kein Monat ohne eine neue Pest oder gar Pandemie. Vogelgrippe, BSE, EHEC, Salmonellen, Rinderwahnsinn, Schweinepest, Hühnerpest, Nudeln, Fischstäbchen, Gurken, alles ist mal dran, und die seriösen Professoren vom Robert-Koch-Institut sind immer dabei. Und Wetterberichte. Eine Armada von wahnsinnig witzigen Wetterfröschen erklärt endlos jedes Hoch und Tief, steht mit Gummistiefeln in überschwemmten Straßen oder ohne Mütze am zugigen Nordseestrand.

Wo filmischer Nachholebedarf in der DDR in der Tat herrschte, war das Kino. Da gab es weniger Auswahl als heute, aber auch nicht unbedingt qualitativ. „Der Name der Rose“ stand genauso im Programm wie „Unternehmen Capricorn“. Aber machtpolitisch bedingt auch unzählige Filme aus der Sowjetunion oder der ČSSR mit wunderbaren Titeln wie „Neuralgische Punkte“, „Wir sind alle ein wenig Pferd“, „Dörfchen, mein Dörfchen“, „Moskau glaubt den Tränen nicht“, „Was ist das für ein Soldat“, „Die Leute vom großen Sattel“, „Sieben Hungrige“, „Lauf, Ober, lauf“. Der Renner schlechthin und absolute Stars in der DDR waren drei lustige Typen aus Dänemark, die „Olsenbande“ mit Egon, Benny und Kjeld. Unvergessen die Stimme von Helga Hahnemann als „Yvonne“ sowie „Bööörge“. (An dieser Stelle dürften nur „Ossis“ schmunzeln.) Ein Kassenknüller oder wie man heute sagt, ein „Blockbuster“, war auch „Rette sich, wer kann“, eine sowjetische Komödie um einen falschen Tigerdompteur. Überhaupt sowjetische Filme, jedes Jahr mit einer sicheren Quote am DDR-Kinoprogramm beteiligt, dafür mit meist wenig Publikum, es sei denn, es spielten Weststars mit wie bei „Moskau glaubt den Tränen nicht“. Aus dieser MOSFILM-Zeit stammt vermutlich auch ein gängiger Spruch in der DDR für etwas Unmögliches, Unglaubliches: Das gibt’s in keinem Russenfilm!

Verändert hat sich mein Medienverhalten im Radio. Zu DDR-Zeiten habe ich am meisten „Deutschlandfunk“ und RIAS Berlin gehört. Den DLF als für mich de facto Regierungssender, RIAS als Musiksender. Heute höre ich fast nur noch MDR-Info, den Nachrichtenkanal, auch weil man das immer gleiche Gedudel der anderen Stationen nicht mehr hören kann. 500x am Tag ´das Beste aus den 70-ern, 80-ern und von heute´, oder Quizsendungen früh um sechs, Quasselmoderatoren mit aufgesetzter guter Laune oder mit betont „sächsischen“ Akzent. Dazu Radio-Werbung, noch nerviger als im TV.

Ostalgisch bin ich wie vermutlich nicht wenige andere auch zuweilen, wenn es um Musik von früher geht. Zu DDR-Zeiten war ich Pudhys-Fan, bis heute. Ihr „Alt wie ein Baum“ ist nicht nur für mich fast so etwas wie eine alternative DDR-Hymne gewesen (interessant hier die Parallelen in Deutschland, was das Singen von Hymnen angeht). Oder „City“ mit ihrem Klassiker „Am Fenster“, ein Lied zum Träumen hinter der Mauer. Viele Ostdeutsche dürften sich gerne mit Ute Freudenberg an ihre „Jugendliebe“ erinnern, vielleicht auch an die provokante Nina Hagen und ihr „Du hast den Farbfilm vergessen“. Ansonsten war ich in den guten 80-er Jahren wie viele Westdeutsche Anhänger von „Depeche-Mode“, „Madonna“ und auch der NDW, der „Neuen Deutschen Welle“. In der DDR gab es neue Stars, z.B. „Pankow“ oder „Silly“ mit der „wilden Mathilde“, Tamara Danz.

Aber das System DDR durfte in Texten/Liedern/Büchern nicht in Frage gestellt werden, sonst war man weg von der Bühne (Renft), wurde ausgebürgert (Biermann), abgeschoben (Krawczyk/Klier), mundtot gemacht (Rudolf Bahro), bekam Hausarrest (Havemann) oder erhielt als Student z.B. einen Eintrag in die Kaderakte. Ist das heute karrieretechnisch gesehen fundamental anders mit Personalakten, im „Aktenland Deutschland“? Wie werden in diesen Tagen u.a. Intendantenposten in Rundfunkräten vergeben, an „Querulanten“ oder an „Linientreue“?

Als Musikkonsument hatte man nun die Wahl zwischen „Formel 1“, „Musikladen“ oder „rund“. Letztere Sendung war auch eine Art Polit-Show der FDJ („Freie Deutsche Jugend“); zwischen zwei Titeln schaltete man schon mal um in eine LPG („Landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaft“) der „FDJ-Initiative Tierproduktion Clara Zetkin“ oder man begrüßte einen Funktionär der jungen Garde im Blauhemd. Also „Produktwerbung Sozialismus“ statt Reklame für Schallplatten, Autos oder Kaffee.

Eine quasi gesamtdeutsche Fangemeinde hatte „Modern Talking“, so wie heute die aus Sibirien stammende Helene Fischer oder Andrea Berg. Ein globales Phänomen ist hier auch „Rammstein“, die ja ursprünglich aus dem Osten kommen. Oder „Tokio Hotel“ aus Magdeburg, eine Teenie-Gruppe der ganz speziellen Art. Der womöglich erfolgreichste Hit aus dem Osten war der „Holz-Michel“ von den „Randfichten“ aus dem Erzgebirge. Fährt man heute durch viele Landstriche in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern z.B., könnte man diesen Song ändern in: „Die DDR - jaaa, sie lebt noch, sie lebt noch!“

Neben den Gemeinschaftsantennen gab es in der DDR auch eine Art Gemeinschaftstelefon, in Form von Doppelanschlüssen. Also, zwei Mietparteien eines Hauses oder zweier Nachbarhäuser hatten denselben Anschluss, und wenn es klingelte, war immer die spannende Frage, wer angerufen wurde. Theoretisch (und manchmal auch praktisch) konnte man so problemlos beim Nachbarn mithören. Alles Dinge, die man sich jetzt nicht mehr so vorstellen kann. Zumindest auf die damalige Art und Weise; heutzutage weiß man auch nicht, wer alles mithört. Was unterscheidet eigentlich die Schnüffler von der Stasi von jenen der NSA oder…? Beide hegen einen Generalverdacht gegen alle, die Gesamtbevölkerung, es herrscht die Paranoia, alle Bürger seien Terroristen oder (früher) Konterrevolutionäre. In der Rückschau relativiert sich deshalb vieles. Leider.

Kanzler-Bonbon

Im Rückblick der Jahrzehnte erscheinen die 70-er Jahre in der DDR als von einem gewissen wirtschaftlichen Aufschwung geprägt, während die 80-er nach meiner Erinnerung vor allem politisch bewegend und recht widersprüchlich waren.

Dies betrifft besonders meine Jahre an der EOS („Erweiterte Oberschule“) bis zum Abitur 1979-1983. In diese Zeit fielen der „Sonderzug nach Pankow“ von Udo Lindenberg, aber vor allem natürlich die Streiks in Danzig, Solidarnosç und der darauf folgende Ausnahmezustand in Polen unter General Jaruzelski. Nun konnte man nicht mal mehr ins befreundete Nachbarland fahren, offen war nur noch die „Südgrenze“ in die Tschechoslowakei. Später im Studium währen eines Dolmetscher-Einsatzes in Frankfurt/Oder stand ich an der Oder und schaute nach Polen – wie in Berlin gen Westen. Ab Oktober 1980 Reisen ins östliche Bruderland nur noch mit schriftlicher Einladung. Wie klein wird die Welt für DDR-Bürger noch werden, dachte ich damals. (In meinen Notizbüchern aus den 80-er Jahren fand ich hier einen kleinen Eintrag – Quelle DLF -, wonach ein DDR-Arzt 10.000 DDR-Mark an „Solidarität“ nach Polen überwiesen hatte, und dafür 4 Jahre Haft erhielt…) Man sollte wohl aus Sicht der SED keinen Kontakt haben mit polnischen Dissidenten oder einfachen Bürgern. Aber es gab ja immer die permanenten Informationsquellen ARD und ZDF. Man sah Bilder von 100.000 Demonstranten in Danzig, die forderten: „Nieder mit der Junta! Hoch lebe die „Solidarität“! Freiheit für Walesa!“ Und man fragte sich, erlebe ich so etwas einmal bei uns in der DDR?

Während meiner Abitur-Zeit berichtete das Westfernsehen immer wieder aus Jena von „renitenten“ Studenten und anderen „subversiven Elementen“. Was passiert in diesem Land? Diese „Störenfriede des Sozialismus“ fielen den zuständigen Organen