Das unsichtbare Band des Lesens - Heli E. Hartleb - E-Book

Das unsichtbare Band des Lesens E-Book

Heli E. Hartleb

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Beschreibung

Gerade an seinem Medizinstudium gescheitert, nimmt Heinrich einen Job als Vorleser bei der reichen, wunderschönen Sarah an, die als Opfer eines Verbrechens ihre Fähigkeit zu lesen verloren hat. Durch das gemeinsame Lesen entsteht bald eine innige Verbindung, und Sarah krempelt das Leben des jungen Mannes um, bringt ihn wieder auf Erfolgskurs. In dieser Zeit erfährt er auch, auf welch dramatische Weise Sarah ihre Lesefähigkeit verloren hat. Doch dann kommt Sarahs beste Freundin, die hoch erotische Germaine, von ihrem Auslandsaufenthalt zurück und verdreht Heinrich den Kopf. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Beziehung, was Sarah überhaupt nicht gefällt. Doch dann kommt es, wie es kommen muss: Germaine sieht sich anderweitig um, weiß sie doch, dass Heinrich ihr nie so verbunden sein wird wie Sarah ‒ und diese wiederum setzt Heinrich eines Tages völlig unerwartet vor die Tür. Was folgt, ist eine unglaubliche Wendung des Schicksals der drei Personen, die einander so nahe und gewillt sind, auch ungewöhnliche Wege für die Liebe einzuschlagen …

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Seitenzahl: 596

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Heli E. Hartleb, geboren 1958 in der Steiermark, ist als Arzt in Wien tätig. Er wohnt mit seiner Frau im benachbarten Niederösterreich. »Das unsichtbare Band des Lesens« ist sein fünfter Roman nach der Romantetralogie »Vier Frauenmärchen«, die in den Jahren 2012 und 2013 bei Buch&media erschienen ist.

Über Anmerkungen jedweder Art an [email protected] würde sich der Autor sehr freuen. Weitere Informationen zur Person und zu den Titeln sind über die Homepage des Autors (www.heli-e-hartleb.at) zu erhalten.

Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter www.buchmedia.de
Originalausgabe März 2016 © 2016 Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung: Ulla Arnold, Freiburg Printed in Germanyisbn print 978-3-95780-055-8isbn ePub 978-3-95780-056-5isbn PDF 978-3-95780-057-2

für Eveline Hannelore Heidrun Katrin und Raphaela

eins

Bitte, sei kein fauler Sack! Steh endlich auf und beweg dich ins Bad.«

»Ich geh ja schon.« Heinrich hatte zwar gar keine Lust dazu, wollte jedoch sein Versprechen, das er Alice vor einigen Tagen gegeben hatte, einhalten. Sie hatte ihn gebeten, sie zu einem »Vorsprechen« – so nannte sie es – zu begleiten, und er hatte nach kurzem Zögern zugesagt. Dieses Vorsprechen sollte jetzt am Nachmittag stattfinden, einige Stunden vor dem Konzert der Philharmoniker, nach welchem er kaum mehr Verlangen hatte. Nach Beethoven, Brahms und Schubert war ihm im Augenblick gar nicht. Geschenkte Karten schlug man indes nicht aus, wenn sie so teuer waren wie die, die ihm eine Tante von Alice in die Hand gedrückt hatte. Ein Geburtstagsgeschenk. Dabei hatte er gar nicht Geburtstag. Es war noch einige Zeit bis dahin. Die Tante hatte sich offenbar etwas Falsches in ihrem Kalender notiert, und so waren Alice und er in den Genuss der Karten gekommen.

»Es wird jetzt wirklich Zeit!« Alice klopfte mit ihrem Zeigefinger auf die Armbanduhr, so, wie sie es immer tat, wenn sie in Eile war. »Gefalle ich dir übrigens so, wie ich angezogen bin?« Sie setzte ein verschmitztes Lächeln auf und legte den Kopf zur Seite.

»Sehr!«, log Heinrich. Alice stand in ihren erotischen Dessous vor ihm. Für ihn wirkten sie aber alles andere als erotisch. Ihn erinnerte der Stil der Wäsche eher an Sport als an Erotik. Er hatte auch schon öfters versucht, ihr das zu erklären, war aber immer mit einer knappen Antwort abgefertigt worden. Im Grunde war es ihm ohnehin egal, wie Alice sich kleidete. Vor einem halben Jahr wäre ihm das allerdings überhaupt noch nicht gleichgültig gewesen. Damals war er sehr verliebt in sie, und alles lief in besten Bahnen. Doch heute … Er verbot sich nähere Gedanken dazu, stand mit Schwung auf und eilte ins Bad.

»Es ist nun drei Uhr, und das Konzert beginnt um acht. Was machen wir, wenn dein Vorsprechen in zehn Minuten wieder vorbei ist?« Sie standen vor der Tür einer wunderschönen Villa, wie Heinrich fand. Heinrich hatte an der Eingangstür geklingelt, doch nichts rührte sich.

»Je eher es vorbei ist, desto mehr Zeit haben wir vor dem Konzert, um noch ein wenig durch die Stadt zu flanieren.«

Heinrich nickte. »Ja, das ist gar keine schlechte Idee. Was läuft hier nun überhaupt ab, Alice? Du hast mir das noch gar nicht näher erläutert.«

»Ich habe bei uns in der Universität am schwarzen Brett vor der Mensa eine kleine Annonce gesehen. Hier wird eine Vorleserin gesucht. Und es gibt dreißig Euro in der Stunde …«

»Dreißig Euro fürs Vorlesen! Ist ja nicht zu glauben. Wer zahlt denn so was?«

»Keine Ahnung. Deshalb sind wir ja hier. Mich interessiert das auch. Und ich würde das Geld gerne nehmen.«

»Du hast doch ohnehin ausreichend Geld …«

»Von dem du genug abbekommst!« Die Antwort kam schnell, und der Ton war scharf. »Ich kann es jedenfalls gut gebrauchen«, fügte sie schnell hinzu.

Heinrich wollte noch etwas sagen, doch in dem Augenblick öffnete sich die Tür und ein braun gebrannter Mann um die vierzig Jahre und mit ungemein gelangweiltem Blick, gekleidet in einen seltsam anmutenden Hausanzug, stand vor ihnen.

»Wollen Sie auch noch etwas vorlesen?«

»Dafür sind wir hergekommen.« Alice hatte ihr freundlichstes Lächeln aufgesetzt, und tatsächlich schien es seine Wirkung nicht zu verfehlen.

»Na, dann kommen Sie ins Haus. Herein mit Ihnen!« Er machte Platz und bedeutete mit großer Geste, dass sie eintreten mögen, stellte sich dann jedoch schnell vor Heinrich: »Es wird nicht unbedingt ein Vorleser gesucht, eher eine Vorleserin.« Dann besann er sich allerdings anscheinend eines Besseren und gab den Weg frei. »Aber wenn Sie schon einmal da sind, können Sie ja auch eine Kostprobe Ihres Könnens abgeben.«

Heinrich, der direkt angesprochen war, hatte gar nicht weiter zugehört und das Gesagte daher auch nicht mitbekommen. Vielmehr hatte die wunderschöne Villa seine Aufmerksamkeit gänzlich auf sich gezogen. Modern und schön. Geglückt. Das waren die Begriffe, die ihm sofort eingefallen waren.

»Erschrecken Sie nicht, wenn Sie die vielen Leute sehen, die hier warten.« Der Mann war vor einer großen Flügeltür stehen geblieben. »Die meisten haben schon vorgelesen und warten nur noch auf die Entscheidung meiner Frau. Sie beide sind nun die Letzten. Mehr Auswahl werden wir nicht benötigen.«

Als sie gleich darauf in einen großen, lichtdurchfluteten Raum traten, sah Alice ihre Chancen deutlich sinken. Gut zwanzig Frauen jeden Alters und einige Männer standen oder saßen herum. Nun, dreißig Euro in der Stunde für einen Vorlesejob, das erzeugte offenbar Interesse.

Kaum eingetreten, wuchs Heinrichs Bewunderung für das Haus und seine Einrichtung noch weiter. Wie schön hier alles war. Lebenswert. Ja! Schön und lebenswert. Lebenswert war nicht der richtige Ausdruck für eine Einrichtung, dachte er dann jedoch bei sich. Beinahe hätte er es übersehen, dass sich eine weitere Tür öffnete und zwei Frauen erschienen. Eine sehr junge, mit gerötetem Kopf und bebenden Lippen. Dahinter eine elegante Frau, die etwas älter erschien, vielleicht dreißig oder ein, zwei Jahre älter, schätzte Heinrich. Sie bot der jüngeren Frau an, sich auf einen Stuhl zu setzen, und reichte ihr ein Glas Wasser. Gleich darauf nahm sie Alice und Heinrich ins Visier.

»Wer von Ihnen ist zuerst dran? Und ich sage es gleich: Ich suche vorzugsweise eine Vorleserin, ein Mann kommt eher nicht infrage.«

»Wir gehören zusammen«, antwortete Alice, »und nur ich möchte vorlesen.«

»Ach so«, erwiderte die Frau, »dann folgen Sie mir bitte.« Sie warf Heinrich einen kurzen Blick zu. »Wollen Sie mitkommen?«

»Ich kann auch hier warten.« Heinrich zuckte mit den Achseln. »Ich sehe mir gerne noch ein wenig diesen wunderschönen Raum hier an.«

»Finden Sie ihn schön?«

»Sehr schön.«

»Danke!«

»Komm doch mit, Heinrich, und halt mir die Daumen.« Alice hatte Heinrich am Arm genommen und ihm einen zarten Kuss auf die Wange gehaucht.

»Na gut, wenn du das unbedingt möchtest.«

Sie betraten eine Bibliothek, die Frau hieß Alice und Heinrich auf einem bequemen Sofa Platz zu nehmen, setzte sich den beiden gegenüber in einen Lehnstuhl und nahm ein Notizheftchen zur Hand, das sie aber nicht öffnete. Bevor Alice etwas vorlesen sollte, wurde sie ausgefragt. Oder vielmehr ausgequetscht, wie es Heinrich in den Sinn kam. Er war etwas überrascht, dass Alice nicht immer bei der Wahrheit blieb, was ihre Auskünfte betraf. Gleich ließ er jedoch wieder seinen Blick herumschweifen. Feminin. So feminin. Ja, dieser Raum strahlte Weiblichkeit aus. Er richtete seinen Blick auf die Frau, die sich noch immer nicht vorgestellt hatte, und musterte sie unverhohlen. Unnahbar. Verletzt. Weiblich, ja, durch und durch weiblich. All dies schoss ihm durch den Kopf, und ganz langsam dämmerte ihm, dass sie selbst jene Person war, der vorgelesen werden sollte. Davor hatte er die vage Vermutung gehabt, man sollte irgendeiner uralten Dame oder einem verdorrten Urgroßvater ein wenig Unterhaltung bieten. Nein, nun war er sich sicher, dass diese Frau eine Vorleserin für sich selbst suchte.

Alice hatte zu lesen begonnen. Sie hatte einen der vielen Romane, die auf dem Tisch vor dem Sofa lagen, zur Hand genommen und rezitierte gekonnt. Heinrich hörte Alice gerne zu. Die zwei Jahre in der Schauspielschule hatten sich wirklich bezahlt gemacht.

Die Frau nahm Alice das Buch aus der Hand, reichte ihr eine Zeitschrift und bedeutete ihr, weiterzulesen.

»Was soll ich Ihnen denn daraus vorlesen?«

»Suchen Sie sich selbst einen Artikel aus.«

Alice zögerte ein wenig, blätterte unschlüssig in dem Journal für Gartengestaltung herum, schüttelte den Kopf, begann aber dann doch zu lesen. Als sie fertig war, hob sie fragend den Kopf. »Wollen Sie noch etwas von mir hören?«

»Sie lesen sehr schön. Nein, danke, es ist nicht notwendig, dass Sie weiterlesen.« Sie wandte sich an Heinrich. »Wie finden Sie diese Bibliothek?«

»Sie ist unglaublich feminin.«

»Feminin?«

»Ja.«

»Findest du wirklich?« Alice schüttelte ein wenig den Kopf.

Heinrich lachte kurz auf. »Ja, das finde ich wirklich!«

»Wollen Sie mir nun vorlesen?«

»Ich kann nicht lesen. Und außerdem müssten wir dann vorher noch den Fragenkatalog durchmachen, so, wie sie es mit Alice getan haben.«

»Was heißt, Sie können nicht lesen? Sie werden doch lesen können!«

»Natürlich kann ich lesen. Wie sonst sollte ich mein Studium absolvieren.«

»Studieren Sie auch Germanistik?«

»Nein. Medizin. Leider mit mäßigem bis eher sehr geringem Erfolg. Fragen Sie mich nicht weiter darüber aus, es ist zurzeit mein wunder Punkt.«

»So lesen Sie doch etwas vor!«

Heinrich seufzte. »Meinetwegen.«

»Heinrich!« Alice schien entsetzt zu sein.

»Lassen Sie ihn doch lesen!« Schnell wandte sich die Frau an Heinrich: »Fangen Sie an!«

Heinrich nahm eine Kochzeitschrift zur Hand und las einen Artikel über die Trüffelsuche in Umbrien vor. Ein sehr schöner Bericht, wie ihm selbst schien. Er bekam Lust auf Trüffel und verspürte plötzlich großen Hunger. Mit einem kleinen Nicken beendete er seinen Vortrag. »Was sagen Sie dazu? Das macht Appetit, was?«

»Das auch. Und Sie haben sehr schön gelesen.«

Alice riss die Augen auf. »Ich …« Sie wollte noch etwas anfügen, schwieg dann aber.

Heinrich hatte ein Buch über Architektur in die Hand genommen, blätterte es sehr schnell durch, bemerkte sofort, dass es in viele kleine, gut bebilderte Kapitel unterteilt war, und entschloss sich, eines vorzulesen. Oder so zu tun, als lese er. Denn plötzlich hatte er die Idee, seine eigenen Eindrücke über das Haus, in dem sie sich befanden, kundzutun. Er schlug das Buch auf einer Seite auf, die ein Bild eines Raumes zeigte, das dem, in dem sie sich aufhielten, sehr ähnlich sah. Ah, da kommen die Ideen her, dachte er amüsiert.

»Lesen Sie!« Die Aufforderung kam mit Nachdruck.

»Die Kunst des Einrichtens besteht darin, die Bewohner in eine gute Stimmung zu bringen, völlig unabhängig von ihren sonstigen Stimmungslagen. So lautet die Maxime von John McMillan, einem der wichtigsten amerikanischen Architekturkritiker …«

»Das steht hier nicht! Und einen amerikanischen Architekturkritiker namens John McMillan gibt es auch nicht. Zumindest keinen wichtigen. Das weiß ich genau. Und in Zukunft gilt: wenn Sie mir etwas vorlesen, so lesen Sie bitte das, was tatsächlich geschrieben steht. Erfinden Sie nichts, und lassen Sie nichts aus. Ist das klar?« Die Stimme der Frau klang scharf. Schneidend scharf.

»Ich werde Ihnen ohnehin nie mehr etwas vorlesen.« Heinrich hatte einen hochroten Kopf, was bei Alice starke Verwunderung hervorrief. So hatte sie ihn noch nie gesehen.

»Warum haben Sie sich dann zum Probevorlesen überreden lassen?« Die Verwunderung der Frau war nun in ihren Augen lesbar. Heinrich fand das interessant. Wie es schien, konnte er im Gesicht der Frau lesen. Und als sie ihn nach einem kurzen Schwenk ihres Blicks zum Fenster wieder ins Auge fasste, konnte er lesen, dass sie sich tatsächlich für ihn entschieden hatte.

»Sie wollen tatsächlich mich als Vorleser. Aus welchem Grund?«

»Das können Sie nicht machen. Heinrich hat mich nur begleitet!«, rief Alice gequält. »Und wem genau sollte er denn eigentlich vorlesen?«

»Der Dame selbst, liebe Alice, das ist doch unübersehbar«, kam es leise von Heinrich, »der Dame selbst. Hast du das nicht bemerkt? Der Dame, die dieses Haus so schön eingerichtet hat und die sich offenbar sehr intensiv mit Architektur beschäftigt … und die dieses Buch geschrieben hat. Ja, ganz sicher.« Er nahm das Buch zur Hand, klappte es zu und las den Namen der Autorin vor: »Sarah Pflüger-Mendritz.« Er sah auf. »Sie sind Sarah Pflüger-Mendritz.«

»Ja, die bin ich. Seit einer Woche nur noch Sarah Pflüger. Scheidung. Aber das tut jetzt nichts zur Sache.« Sie schüttelte den Kopf. Dann fuhr sie jedoch ein wenig gedankenverloren fort: »Mein Mann, Jürgen Mendritz, Sie kennen ihn, er hat Sie ins Haus gebracht, hat sich von mir scheiden lassen, lebt aber noch im Haus …« Sie sah auf zur Decke. »Es ist ja auch groß genug. Zumindest im Augenblick. Na ja, das ist ja nun nicht so wichtig.« Jetzt lächelte sie Heinrich offen an. »Wollen Sie mir in Zukunft vorlesen? Sie können den Job haben.«

Heinrich blickte Alice verdattert an. Sie sah tief enttäuscht drein. Kein Funken Freude war in ihrer Miene zu erkennen. Nur Entsetzen. Und Unglaube.

»Unter der Voraussetzung, dass es für mich machbar ist, nehme ich Ihr Angebot an.«

»Das machst du nicht, Heinrich«, gab Alice tonlos von sich, »sonst kannst du auch gleich hier einziehen.« »Aber du hast mich doch hierhergeschleppt, Alice!«

zwei

Es waren dann doch noch drei Wochen vergangen, seit sich Heinrich in der Villa beim Vorlesen gegen die große Konkurrenz hatte durchsetzen können, ehe er nun wieder an deren Tür klingelte. Diesmal musste er keine Minute warten. Sarah Pflüger öffnete in einem sehr figurbetonten Sportdress.

»Guten Morgen, Frau Pflüger. Wie geht es Ihnen?«

»Es geht mir schlecht. Kommen Sie ins Haus.«

»Gerne.«

»Wie lange haben Sie heute für mich Zeit?«

»So lange Sie mich brauchen. Ich habe mein Studium für ein Jahr an den Nagel gehängt. Gestern habe ich das alles noch schnell über die Bühne bringen können. Ich brauche Abstand von der Medizin …«

»Gut, Sie können mir etwas später mehr davon erzählen.« Sarah Pflüger war ihm ins Wort gefallen. »Ich werde Ihnen nun noch ein paar Grundanweisungen geben. Unter vier Augen. Mündlich. Als Zusatz zu dem, was wir ja schon schriftlich vereinbart und mit dem Sie sich einverstanden gezeigt haben. Oder hat sich etwas geändert?« Sie sah ihn forsch an.

Und wieder konnte er in ihrem Gesicht lesen. Hinter dem forschen verbarg sich nämlich ein banger Blick. »Alles bleibt so, wie es ausgemacht ist. Bloß, dass ich noch viel mehr Zeit für Sie zur Verfügung habe, wenn Sie das wollen.« Er zuckte mit den Achseln. »Also? Was gibt es für mündliche Zusatzklauseln?«

»Kommen Sie. Ich habe uns ein Frühstück vorbereitet. Sie möchten doch bestimmt etwas essen, oder?« Wieder trat ein banger Blick in ihr Gesicht.

»Ich habe tatsächlich Hunger. Und gegen eine Tasse Kaffee habe ich nie etwas einzuwenden.«

»Gut. Setzen Sie sich, nehmen Sie, was Sie wollen, blättern Sie in den Zeitungen, die Sie auf dem Tisch finden werden. Entscheiden Sie darüber, was Sie mir vorlesen wollen.«

Am Frühstückstisch angekommen, drückte sie Heinrich in einen Sessel. »Sehen Sie, so werden wir das oft halten.« Schnell deutete sie auf ihre Sportkleidung. »Ich springe nur noch schnell unter die Dusche und komme dann zu Ihnen.« Schon war sie verschwunden.

Heinrich suchte erst vergeblich nach einem Kaffee, fand aber bald eine Espressomaschine, sehr ähnlich jener, die er selbst besaß, auf einer Kommode, in der auch ein kleiner Kühlschrank untergebracht war. Neugierig blickte er hinein. Milch, Butter und Champagner. »Eine gute Kombination«, entfuhr es ihm.

Bedächtig nahm er sich die Tageszeitungen zur Hand, die sorgsam aufgestapelt neben seinem Teller lagen. Schnell blätterte er sie durch. Eine Hochwasserkatastrophe stellte alles andere an Meldungen in den Schatten. Aber da war nichts zu erfahren, was nicht auch schon im Fernsehen zu sehen gewesen war. So ließ er die Katastrophe fürs Erste außer Acht und konzentrierte sich auf anderes. Bald hatte er einen Plan, was er vorzulesen gedachte. Zufrieden legte er die Blätter beiseite, schnitt sich ein Stück vom Camembert ab, der beinahe vom Messer floss, und starrte ungläubig auf Sarah Pflüger, die in den Raum getreten war.

»Was starren Sie mich so an? Noch nie eine Frau gesehen?«

»Der Seidenumhang zeigt mehr, als er verhüllt.« Heinrich schluckte.

»Das mag sein, ich liebe ihn aber, und ich fühle mich in ihm pudelwohl. Sie werden sich an meine legere Kleidung gewöhnen müssen, die ich trage, wenn ich alleine zu Hause bin.«

»Aber ich bin doch hier!«, warf Heinrich ein.

»Sie zählen nicht. Sie lesen vor.« Sie legte den Kopf zur Seite. »Ist das ein Problem für Sie? Hm? Wäre es vielleicht doch besser gewesen, hätte ich einer Vorleserin zugesagt?« Plötzlich spitzte sie die Lippen, und Heinrich meinte, eine kleine Verzagtheit in ihrem Gesichtsausdruck zu erkennen. »Ja, vielleicht war es dumm, Sie zu nehmen.«

»Ich lese Ihnen auch vor, wenn Sie nackt sind.« Heinrich bemühte sich um einen milden, leicht scherzhaften Ton.

»Natürlich werden Sie mir auch vorlesen, wenn ich nackt bin. In der Badewanne zum Beispiel. Wird das möglich sein?«

»Meinen Sie das ernst?«

»Ja.«

»Also gut …« Heinrich schien zu überlegen. »Gut, ich werde Ihnen in allen Lebenslagen vorlesen. Abgesehen von der Toilette.« Er verstummte.

»Einverstanden.«

»Und wenn Sie mit jemandem Geschlechtsverkehr haben, auch nicht …«

»Wäre das so schlimm für Sie?«

»Diese Frage ist jetzt aber wirklich nicht ernst gemeint.«

»Doch.«

Heinrich sah Sarah Pflüger erstaunt in die Augen und erkannte, dass sie die Frage tatsächlich ernst gemeint hatte. »Wie … soll das gehen? Sie werden doch niemanden dabeihaben wollen, wenn Sie jemanden lieben … äh … mit Männern ins Bett gehen … wie soll ich sagen …« Heinrich war die Vorstellung mit einem Mal sehr peinlich. Denn sie erregte ihn. Erregte ihn auf eine nach seinem Empfinden ungebührliche Art. Und die Frau vor ihm war sehr attraktiv, überaus attraktiv, wie ihm nun bewusst wurde.

Sarah Pflüger sagte nicht gleich etwas und lächelte sanft. »Ja, mit Männern ins Bett gehen, so haben Sie das eben ausgedrückt. Glauben Sie, dass ich das mache?«

»Ich habe mir noch keine Gedanken über Ihr Sexualleben gemacht.«

»Noch nicht? Hatten Sie es vor?«

»Ich arbeite keinen Plan an Ihnen ab, Frau Pflüger. Doch ich bin sicher, dass Sie ein Sexualleben haben. Immerhin sind Sie eine attraktive, blühende Frau.« Das war Heinrich nun so herausgerutscht.

Sarah sah Heinrich jetzt mit aufgerissenen Augen an. Staunen konnte Heinrich in ihnen lesen.

»Es bleiben jedenfalls viele Gelegenheiten übrig, in denen Sie mir vorlesen können.« Sie lächelte verschmitzt.

»Vermutlich.« Heinrichs Mundwinkel zuckte, und ein kurzes Lachen entfuhr ihm.

Sarah Pflüger beugte sich nun weit zu ihm vor. Der Seidenumhang sprang ein wenig auf, und er konnte mehr als nur den Ansatz ihrer Brüste sehen. »Ich sage Ihnen nun noch die wesentlichen weiteren Punkte: Sie werden hier keine Fragen stellen, Sie werden keine meiner Handlungen und Taten kommentieren, infrage stellen oder hinterfragen, Sie werden nichts, was Sie hier sehen oder hören, nach außen tragen. Und Sie werden außer dem Vorlesen keiner anderen Tätigkeit in diesem Haus nachgehen. Ist das klar?«

»Nicht einmal einen frischen Kaffee soll ich Ihnen bringen?«

»Nein«, sie stand auf, nahm ihre leere Tasse, »den Kaffee bereite ich mir auch selbst zu.«

»Wie Sie meinen.«

»Und Sie sollen hier niemals Ihre eigene Meinung kundtun.«

»Okay! Ich bin die Lesemaschine. Warum lesen Sie eigentlich nicht selbst? Sie sind ja nicht blind.«

»Sie sind nicht die Lesemaschine. Sie haben ja auch die Aufgabe, auszusuchen, was Sie mir vorlesen …« Sie sah Heinrich mit einem milden Lächeln an. »Und was sind das für Fragen, Herr Wüstenstein? Haben wir nicht eben besprochen, dass Sie keine Fragen stellen werden?«

»Sagen Sie Heinrich zu mir.«

»Das werde ich. Und ich werde Sie duzen, Sie werden hingegen beim Sie bleiben. Hast du ein Problem damit, Heinrich?«

Heinrich zuckte belustigt mit den Achseln. »Sie sind die Chefin, Sie geben die Regeln vor.«

»Gut. Und nun nur kurz zu deiner Information, damit die Neugier nicht ins Unendliche wächst: ich konnte natürlich lesen, kann es nun aber nicht mehr. Und schreiben kann ich nur mehr eher schlecht als recht, denn dazu muss man schon wieder lesen können. Nach einer Kopfverletzung sind mir diese Störungen geblieben. Und es ist nicht wahrscheinlich, dass sie irgendwann verschwinden werden, wenngleich ich es nicht wahrhaben will. Alles klar?«

»Sie können nicht lesen und nicht schreiben, können aber alles gut erkennen. Daher lässt sich der Alltag auch bewältigen, weil Sie ja alles erkennen, was nicht mit Schrift zusammenhängt. Das nennt man eine …« Er dachte kurz nach. »Wissen Sie, das müsste ich eigentlich wissen, es fällt mir aber im Augenblick nicht ein. Tja, ich hab so meine Probleme mit der Medizin, das wissen Sie ja.«

»Die werden sicher wieder verschwinden.« Sie griff nach den Zeitungen. »Lesen Sie nun … lies nun vor!«

Heinrich las über eine Stunde lang aus den Zeitungen vor. Aus dem einen Blatt weniger als aus dem anderen, aus dem dritten mehr als aus dem vierten.

»Gut, das reicht jetzt«, meinte Sarah, nahm die Zeitungen zu sich und blätterte sie schnell durch. »Warum hast du mir nichts von der Überschwemmungskatastrophe vorgelesen?«

»Weil Sie da ohnehin alles aus Radio und Fernsehen wissen. Und hier steht nichts Neues.«

»Gute Entscheidung.«

»Danke.«

Sarah Pflüger lächelte Heinrich nun breit an. Schnell schloss sie ihren locker sitzenden Umhang vor ihrer Brust. »Gut hast du das gemacht. Jetzt bin ich mir ganz sicher, dass ich die richtige Entscheidung gefällt habe. Der wahre Grund, dich zu nehmen, war ja, dass du so eine natürlich schöne Stimme hast. Deiner Stimme kann man stundenlang zuhören. Wusstest du das?«

»Das hat mir noch nie jemand gesagt.«

»Dann wird es Zeit dafür.«

drei

Komm herein, Heinrich, die Tür ist offen, nur angelehnt.«

»Ah ja.« Heinrich hatte es nicht bemerkt, und so hatte Stefanie, das lebende Tattoo, wie Heinrich die beste Freundin von Alice nannte, ihm einfach von der Küche aus zugerufen.

Heinrich mochte Stefanie, ihre Wohnung allerdings nicht. Und wenn Alice nicht so gedrängt hätte, dass er sie von Stefanie abholen kommen sollte, wäre er auch nicht hingefahren. Diese Bleibe war genau das Gegenteil von dem Haus, in dem Sarah Pflüger wohnte: schlecht eingerichtet, unangenehm, geschmacklos in allen Belangen. Stefanie schien das selbst aber überhaupt nicht wahrzunehmen. Sie war kaum aus ihren vier Wänden zu locken, studierte fleißig und ließ sich regelmäßig ein neues Tattoo stechen. Wunderschöne Tattoos über und über. Heinrich war ganz fasziniert davon. Wahre Kunstwerke, die im Gegensatz zu vielen anderen Tattoos, die man sich mittlerweile in der Öffentlichkeit mehr ungewollt als gewollt ansehen musste, auch keine »widerlichen Motive« beinhalteten. Widerliche Motive waren für Heinrich die vielen Schlangen, Spinnen, Totenköpfe und so weiter, die aus unerfindlichen Gründen durchaus auch von biederen Hausfrauen und brummigen Beamten zur Schau getragen wurden. Sosehr er jedoch die Kunstwerke auf beziehungsweise in der Haut der vierundzwanzigjährigen Frau bewunderte, so sehr bemitleidete er sie, wenn er daran dachte, dass sie diese auch in den weiteren vierundzwanzig Jahren, also mit achtundvierzig, und auch später einmal mit siebzig oder achtzig mit sich herumtragen musste.

Kaum hatte er seine Schuhe in der Garderobe ausgezogen, kam Stefanie auch schon mit Elan auf ihn zugelaufen, umarmte ihn überschwänglich und küsste ihn auf den Mund. Das tat sie erst seit einigen Wochen. Genauer gesagt, seit sie bemerkt hatte, dass es in der Beziehung zwischen Heinrich und ihrer Freundin Alice nicht mehr so gut lief. Und das war nicht mehr zu übersehen. Einer der Hauptgründe: der Vorlesejob.

»Guten Abend, lieber Vorleser! Gratulation, Heinrich. Na, noch bei Stimme?«

»Hallo, liebe Steffi, ja, die Stimme ist noch da.«

»Wie war’s?« Stefanie sah ihn mit großen Augen neugierig an.

»Hallo Schatz!« Alice war nun auch aus dem Wohnzimmer erschienen.

Heinrich küsste sie flüchtig. »Es war seltsam, aber nicht schlecht. Und ich war fünf Stunden bei Frau Pflüger. Das bedeutet einhundertfünfzig Euro. Toll, was?«

»Für jemanden, der immer eine leere Tasche hat, so wie du, ist es tatsächlich nicht schlecht!« Stefanie lachte laut auf, trat auf ihn zu und küsste ihn noch einmal demonstrativ vor Alice auf den Mund.

»Willst du Heinrich aufessen?« Alice klang ein wenig gelangweilt. Hatte sie der erste Kuss dieser Art noch schockiert, hatte sie sich seither schnell daran gewöhnt.

»Ich küsse ihn bloß, weil er lieb ist.« Sie lächelte Heinrich freundlich an. »Den Hunger sollten wir aber auch stillen.« Schon stürmte sie in die Küche, aus der es wunderbar duftete.

»Ich dachte, ich sollte dich nur abholen. Ich bin müde und möchte nach Hause. Jetzt hat Stefanie auch noch gekocht …«

»Du musst ja nichts essen …«

»Aber ich muss warten, bis du fertig bist.« Er seufzte. »Na ja …«

»Sei doch nicht so! Wir sind neugierig auf das, was du zu berichten hast.«

»Ich habe nichts zu berichten. Oder soll ich euch von den Zeitungsartikeln erzählen, die ich vorgelesen habe?«

»Nat…«

»Zu Tisch, Ihr Lieben!« Stefanies Ruf brachte Alice zum Schweigen.

Durch Stefanies Kochkünste gelangte Heinrich bald in eine gute Stimmungslage. Und der gute Rotwein ließ ihre Wohnung auch nicht mehr hässlich erscheinen. Alice hatte schnell festgestellt, dass sie für die Fahrt nach Hause am Steuer des Autos würde sitzen müssen. So schenkte sie Heinrich immer noch ein wenig nach, denn vielleicht könnte sich so seine Zunge doch lösen lassen. Doch er ließ sich nichts entlocken. Das Einzige, was er schilderte, war der grobe Tagesablauf. Und dass Frau Pflüger aufgrund einer früheren Kopfverletzung nicht mehr lesen konnte. Sonst nichts. Er hatte auch nichts zu sagen. Dass sie geschieden war, war ohnehin bekannt, dass sie in drei Wochen zweiunddreißig wurde und damit etwa genau acht Jahre älter war als er, erachtete er nicht als erzählenswert. Sarah Pflüger hatte ihn gebeten, ihr beim Einordnen von Dokumenten zu helfen. So hatte er ihre Scheidungsurkunde in die Hand bekommen und dabei ihren vollen Namen, Sarah Friederike Pflüger-Mendritz, und ihr Geburtsdatum gesehen. Dass sie eigentlich sehr hübsch, um nicht zu sagen schön war, obgleich ja schon recht alt, hielt er auch nicht für so wichtig, um es hier auszubreiten. Vom Seidennegligé und dem dadurch hervorgerufenen kurzen Disput sagte er nichts, und auch nichts von dem schönen Kleid, das sie dann für den Rest des Tages getragen hatte. Aber mit jedem Glas Wein, das er trank, wurde ihm mehr bewusst, dass er der Vorleser einer wunderbaren Frau voller Erotik war. Einer Frau, die vor Weiblichkeit und Wärme strotzte und in die er sich im Augenblick mit jedem Schluck Wein mehr verliebte. Er war im Strudel der Gefühle gelandet und wusste, dass er ertrinken würde. Wehrlos ertrinken musste.

»Prost!«, rief er laut. »Auf die hoffnungslose Liebe!«, lallte er noch leise nach.

vier

Der Weckrufton des Mobiltelefons war unerträglich. Heinrich zog sich die Decke über den Kopf. Nach einer Ewigkeit, wie es ihm vorkam, trat Stille ein. Vorsichtig hob er die Decke. Stille. Eine ungewohnte Stille war das. Seit er bei Alice eingezogen war, hatte es kaum einen Tag gegeben, an dem sie nicht gemeinsam aufgestanden waren. Seit Kurzem war es anders. So auch an diesem Tag. Alice war schon lange unterwegs. Ihre Lehrveranstaltungen an der Universität begannen bereits um sieben Uhr. So war sie schon um halb sechs aus dem Bett geschlichen, im Bad verschwunden, wo sie alles am Vorabend hergerichtet hatte, und machte sich dort bereit für den Tag. Kaffee wollte sie sich am Bahnhof besorgen, mehr benötigte sie als Frühstück ohnehin nicht.

Heinrich brauchte immer viel Kaffee am Morgen. Und heute besonders viel. Und das am besten in Kombination mit viel Aspirin. Sein Kopf schmerzte bei jeder kleinen Bewegung, und das Tageslicht machte seinen Augen zu schaffen. Wie soll ich so das Vorlesen heute über die Bühne bringen?

»Du bist spät dran heute. Aber gerade noch nicht zu spät.« Sarah Pflüger klang streng. »Setz dich zum Frühstück und sieh dir die Zeitungen durch. Ich habe heute nicht viel Zeit. Elsa Müller ist hier, sie kommt zweimal in der Woche, um aufzuräumen und zu putzen. Du wirst sie gleich kennenlernen, sie wird mit uns frühstücken.« Schon war sie aus dem Zimmer gestürmt. Durch die offene Tür war eine lautstarke Unterhaltung zu vernehmen. Frau Müllers Stimme klang hell wie eine Glocke und unglaublich jung.

Was für ein Kontrast war das einige Minuten später, als Frau Müller in Sarahs Begleitung ins Zimmer kam. Eine ältlich wirkende Frau mit weißem Haar und mürrischem Gesicht, das noch viel mürrischer, wenn nicht gar feindselig erschien, als sie Heinrich erblickte.

»Ah, da ist der junge Vorleser«, sagte sie mit glockenheller Stimme und dennoch unfreundlichem Ton. »Dass Sie mir hier nichts durcheinanderbringen. Frau Pflüger-Mendritz …«

»Nur mehr Pflüger.« Sarah hatte ein Lächeln im Gesicht.

»Egal!«, Frau Müller fuchtelte nun wild mit den Armen herum, »Frau Pflüger und ich haben ein sehr ausgeklügeltes System der Ordnung, das Sie auf keinen Fall beeinträchtigen sollten!«

»Hab ich nicht vor …«

»Das sagen Sie jetzt, und in ein paar Wochen sieht das ganz anders aus. Ich hab da so meine Erfahrungen.«

»Frau Müller, ich bin hier der Vorleser. Sonst nichts.« Heinrich zwang sich zu einem Lächeln.

Frau Müller schnaubte, sagte aber nichts mehr und verließ mit knappem Gruß das Haus. Die Einladung zum Frühstück, die Sarah Pflüger aussprach, tat sie nur mit einem kurzen Kopfschütteln ab.

»Sei ihr nicht böse.« Sarah lächelte milde.

»Ich bin ihr nicht böse.« Heinrich bemerkte erst jetzt das elegante Kostüm, das Sarah trug. Und mit dem kurzen Blick auf die Frau vor ihm kamen auch die Gefühle wieder hoch, die ihn am Vorabend in angeheitertem Zustand übermannt hatten. »Das wäre eine Amour fou.«

»Bitte?« Sarah sah ihn erstaunt an.

»Ich habe nichts gesagt.«

»Doch. Ich habe es gehört.«

»Sie haben sich getäuscht.«

»Nein. Du hast gesagt: Amour fou.«

»Das habe ich mir nur gedacht. Nicht gesagt. Können Sie meine Gedanken lesen?«

»Kann ich nicht. Aber hören. Ich höre sehr gut. Und du hast Amour fou gesagt. Ich bin mir sicher. Ich täusche mich da nicht.«

»Dann ist es mir eben herausgerutscht. Es hat nichts zu bedeuten.«

Sarah lächelte Heinrich an. Liebevoll. Er konnte das spüren. Und er konnte etwas Neues in Sarahs Gesicht lesen: Zuneigung.

»Schon gut«, sagte sie, »was gibt es in den Zeitungen?«

»Ich hatte noch keine Gelegenheit, nachzusehen …«

»Stimmt. Lies einfach irgendetwas daraus vor. Und gönn dir was zu essen, vor allem aber einen guten Kaffee.«

Heinrich las konzentriert, versuchte, Interessantes herauszufiltern, fragte nach, ob seine Auswahl wohl passe, erläuterte, was er nicht vorzulesen gedachte, und bemerkte nach einer knappen Stunde, dass Sarah ihm immer weniger zuhörte. Sie hatte den Blick in die Ferne gerichtet, reagierte kaum noch auf die einzelnen Artikel.

Plötzlich traten Tränen aus Sarahs Augen. Es traf ihn wie ein Stich im Herzen. Und es verschlug ihm die Sprache.

»Warum hörst du auf zu lesen?« Sie wandte sich an ihn, eine Träne tropfte dabei von ihrer Wange.

»Sie weinen.«

»Das ist kein Grund, nicht weiterzulesen.«

»Tut mir leid, ich kann das nicht.«

»Was kannst du nicht?«

»Ich kann nicht lesen, wenn Sie weinen. Ich halte das nicht gut aus.«

»Sensibel?« Sie lächelte. »Du kannst keine Frau weinen sehen?«

»Ich kann Sie nicht weinen sehen.«

Sarahs Mundwinkel zuckte. »Es ist ein Seelenregentag.«

Heinrich las nicht weiter. Sarah verlangte das auch nicht. Drei Stunden saßen sie so da. Immer wieder fanden Tränen ihren Weg über die Wangen in ein weiß-blaues Taschentuch. Es passte bestens zum Kostüm. Heinrich war das nicht entgangen.

»Danke. Du kannst jetzt nach Hause gehen. Du hast mir heute sehr geholfen.«

»Ich habe ja gar nichts getan. Und vor allem habe ich Ihnen nicht einmal aus allen Zeitungen vorgelesen.«

»Passt schon.« Sie hatte sich erhoben und war zu ihm getreten. »Geh nach Hause. Mach dir einen schönen Tag.« Wieder konnte Heinrich diese Zuneigung in ihrem Gesichtsausdruck lesen.

»Ich mag Sie.« Das war ihm herausgerutscht.

»Ich dich auch. Geh jetzt.«

fünf

Heinrich schlenderte ziellos durch die Straßen. Seit Jahren hatte er das nicht mehr getan. Alice war in einem Seminar, das bis zum späten Abend dauern würde, was ihm im Augenblick mehr als recht war. Er hätte sie jetzt nicht gut aushalten können. Mit jedem Tag entfernte er sich ein kleines Stück mehr von ihr.

Völlig unversehens fand er sich vor Stefanies Haus. Und er drückte bereits auf den Klingelknopf.

»Wer ist ungebeten hier?«

»Heinrich …«

»Na, ihr seid nie ungebeten hier. Kommt rauf.«

»Ich bin allein.«

»Noch besser!« Stefanie lachte. Der Türöffner summte.

Als sich die Aufzugstür öffnete, stand Stefanie schon vor ihm. In einem kurzen Shirt. Sonst hatte sie nichts an. Nicht einmal ein Höschen. Vermutete Heinrich zumindest. Und er fragte sich, ob das auch ihr Outfit gewesen war, ehe er geläutet hatte.

»Sehr freizügig, Stefanie. Aber toll.«

»Gefalle ich dir?«

»Sehr. Du weißt das ja, dass ich dein Faible für Tattoos bewundere.«

»Du solltest dir auch ein Tattoo stechen lassen.«

»Nie in diesem Leben! Weißt du, Steffi, das ist was für dich.« Er deutete mit dem Finger direkt auf sie. »Aber nicht für mich.«

»Wie du meinst.« Stefanie lachte vergnügt in sich hinein. »Ich steh seit Neuestem überhaupt mehr auf Piercings.«

»Na so was! Wo trägst du denn schon Eisen, Silber und Gold?«

»Willst du das erforschen?« Stefanie hatte ein amüsiertes Lächeln aufgesetzt.

»Nein, das will ich nicht. Ich möchte einen guten Kaffee und ein Stück Kuchen. Wenn eines greifbar ist. Ich habe Lust auf Süßes.«

»Ich bin auch süß.« Sie sah ihn schmachtend an.

»Ich weiß …«, er lächelte sie milde an, »aber du bist nicht essbar. Zu viel Eisen. Oder Gold. Oder was weiß ich.«

»Komm rein. Es gibt Kuchen.« Sie machte eine große Geste, die ihr Shirt in die Höhe klettern ließ und Heinrichs Vermutung, sie trage sonst nichts darunter, bestätigte.

»Ist dir nicht kalt? Nur so im Shirt.«

»Deine Anwesenheit wärmt.«

»Danke.«

Heinrichs Erwartungen, was den Kuchen anbetraf, wurden weit übertroffen. Stefanie hatte ihn offenbar am Vortag selbst gebacken. Die ersten zwei Stücke aß er schweigend. Sie sah ihm ebenso schweigend dabei zu.

»Was ist?«, fragte sie Heinrich, als er mit dem dritten Stück beinahe fertig war.

»Ich muss mit dir reden.«

»Über Alice und über dein Verhältnis zu Alice. Hab ich recht?«

»Weshalb über Alice?« Heinrich verstand nicht gleich. Dann erhellte sich sein Gesicht. »Ach nein, Stefanie, da gibt es nicht viel zu sagen. Unsere Beziehung klingt von Tag zu Tag immer mehr ab. Das sollte mich vielleicht traurig stimmen, tut es aber nicht.«

»Ich dachte …«

Heinrich fasste Stefanies Hand, die sie auf den Tisch gelegt hatte. »Ich weiß nicht, was dir Alice alles erzählt hat, aber ich glaube, sie sieht das ähnlich wie ich. Die Liebe erkaltet eben langsam.«

»So sieht sie das ganz und gar nicht. Ich habe gestern mit ihr telefoniert. Und da kamen ganz andere Dinge zur Sprache. Schuld an der Krise bin nämlich ich. Weil ich dich völlig umgarnt habe, weil ich dich ihr wegnehmen will. Ich habe mir da was anhören können.« Sie seufzte. »Du glaubst es nicht.« Sie beugte sich weit vor. Durch den Ausschnitt des Shirts hatte Heinrich nun einen wunderbaren Blick auf Stefanies Brüste. Schöne Brüste, wie er gleich feststellte. Und es erinnerte ihn sofort an die Situation mit Sarah Pflüger, die ihm schon ein ähnliches Schauspiel geboten hatte. Sarah Pflügers Brüste waren ihm aber noch schöner erschienen.

»Was?« Heinrich schluckte.

»Du glaubst es nicht, was ich mir von Alice alles anhören habe können. Ich denke, unsere Freundschaft ist ziemlich im Eimer. Na ja.« Sie sah kurz in die Ferne, ehe sie Heinrich wieder anblickte. »Was wolltest du nun mit mir besprechen?«

»Besprechen ist nicht der richtige Ausdruck. Ich wollte mit dir über Sarah Pflüger reden. Sie ist ein Rätsel für mich.«

Minutiös berichtete er nun vom Tag. Breit legte er die Phase des Schweigens dar, die stillen Episoden des Weinens. Und immer wieder betonte er, was er alles aus ihrem Gesicht hätte lesen können.

»Es ist seltsam, aber gestern noch dachte ich, ich hätte mich in sie verliebt, heute ist das Gefühl der Verliebtheit nicht mehr zu spüren …«, er machte eine kurze Pause, »… aber ich fühle mich sehr stark angezogen von ihr. Sie ist ein Rätsel für mich.«

Ein kurzes Schweigen breitete sich nun auch in Stefanies Küche aus, allein durchbrochen durch das Ticken eines altmodischen Weckers. »Möchtest du mit mir schlafen?«, fragte Stefanie spontan.

»Ja, das möchte ich.«

»Gut, aber denk dabei an mich und nicht an Sarah Pflüger. Oder sag mir zumindest nichts davon.«

»Ich bemühe mich.«

Stefanie war aufgestanden, kam um den Tisch und ließ sich auf Heinrichs Schoß fallen. »Vielleicht ist Sarah Pflüger die große Liebe deines Lebens.« Sie umarmte Heinrich und küsste ihn.

sechs

Du trägst dieselbe Kleidung wie gestern. Das möchte ich nicht.« Von Begrüßung war keine Spur zu merken an diesem Morgen.

»Guten Morgen, Frau Pflüger! Ich war nicht zu Hause.«

»So, so.« Ein Lächeln umspielte Sarahs Lippen. Heinrich konnte Spott daraus lesen.

»Ja, so war es. Ich habe die Nacht mit der Freundin meiner Freundin verbracht, mehrmals mit ihr geschlafen und dabei immer nur an Sie …«, er deutete mit dem Finger auf Sarahs Brust, »ja, an Sie gedacht.« Heinrich wartete auf irgendeine Reaktion. Irgendwie hoffte er, dass sie ihn sofort feuern würde. Doch da kam nichts. Nicht einmal in ihrem Gesicht war etwas zu lesen.

»Wie möchtest du deinen Kaffee, Heinrich? Du wirst ihn ja vermutlich brauchen.« Nun konnte er wieder Wohlwollen und Zuneigung in ihren Gesichtszügen erkennen.

»Sie feuern mich nicht?«

»Ich bin nicht deine Freundin Alice. An ihrer Stelle würde ich dich sofort aus der gemeinsamen Wohnung werfen. Ohne Galgenfrist. Du könntest übrigens hier im Haus einziehen, wenn sie es wirklich macht.« Sie lachte jetzt leise. »Ich sag das nur so zur Information.«

Heinrich schnappte sich die Tageszeitungen, Sarah verließ das Zimmer und kehrte erst eine Stunde später wieder zurück. Sehr elegant gekleidet. Ein dunkler Hosenanzug und das streng zurückgekämmte und zu einem Zopf geflochtene Haar ließen sie unnahbar erscheinen. Die gute Stimmung, die sie versprühte, und der warme Blick, mit dem sie Heinrich bedachte, bildeten jedoch einen ungewöhnlichen Kontrast zu ihrem Aussehen.

Die Zeitungslektüre wollte an diesem Tag kein Ende nehmen. Die Auswahl, die Heinrich getroffen hatte, war deutlich zu klein gewesen. So musste er immer wieder den einen oder anderen Artikel hinzufügen.

»Das reicht jetzt, Heinrich.« Sarah Pflüger erhob sich plötzlich, stürmte aus dem Zimmer und war auch schon wieder da. Mit einem kleinen Paket in der Hand kam sie auf Heinrich zu. »Das wird dein neues Arbeitsgerät. Mach auf und sieh nach, was es ist.«

Heinrich kannte das Format des Päckchens – erst vor drei Wochen hatte er sich von Alice überreden lassen, einen E-Book-Reader zu kaufen. »Es ist ein E-Book-Reader. Gewiss. Hoffentlich ist er gut …«, er hatte den Verschluss aufgerissen, das Päckchen geöffnet und förderte auch schon das Gerät zutage. »Ja, hoffentlich ist er gut, sonst muss ich mich bei der Gewerkschaft der Vorleser über Sie beschweren. Nein! Muss ich nicht!« Er hielt das Gerät in die Höhe. »So ein Ding habe ich auch. Es ist wunderbar. Danke!«

Sarah Pflüger hob die Braue. »Es wird dein Arbeitsgerät, Heinrich. Du wirst mir ab nun auch Literarisches vorlesen. Deine erste Aufgabe wird es dabei sein, den Reader mit Büchern zu füllen. Du bekommst von mir eine Liste, und zudem bist du aufgefordert, nach neuen Werken Ausschau zu halten.«

»Ich weiß ja nicht, was Ihnen gefällt …«

»Stimmt. Ich erwarte mir eine ganz ungewöhnliche Mischung von dir. Wirst du das schaffen?«

»Es wird mir ein Vergnügen sein.« Heinrich lachte und schüttelte den Kopf. »Seltsame Formen nimmt der Job hier an. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass das so kommen würde.«

»Ich hingegen habe gewusst, wie sich alles entwickeln würde. Von dem Augenblick an, als ich dich das erste Mal gesehen habe.«

»Wohl eher, als ich vorgesprochen habe …«

»Nein, als ich dich gesehen habe.« Sie fasste ihn nun am Arm. »Und danke für die wundervolle Ansage bei der Begrüßung heute am Morgen.«

Heinrich schwieg und sah zu Boden. »Es tut mir leid, dass ich es gesagt habe. Ihr spöttischer Blick hat mich aber dazu animiert.«

»Mein Blick ist niemals spöttisch.«

»Ich konnte Spott lesen.«

Sarah Pflüger erinnerte sich genau daran, dass sie spöttische Gefühle gehegt hatte, als sie Heinrich kommen sah. »Du kannst in mir lesen? Das muss ich mir merken. Und ich muss Vorsicht walten lassen, wie mir scheint.«

»Ihr Inneres können Sie sicher nicht vor mir verbergen.«

Sie sah ihn mit weit offenen Augen an. Angstvollen Augen.

»Deswegen müssen Sie doch keine Angst haben. Ich tu Ihnen ja nichts.«

Sarah Pflüger atmete gut hörbar aus. »Da bin ich mir nicht so sicher. Was wohl Germaine dazu sagen würde .«

»Wer ist Germaine?«

»Eine Freundin.«

»Ah! Ich wusste nicht, dass Sie eine Freundin haben.«

»Warum nicht?«

Heinrich wiegte nur den Kopf, sagte aber nichts mehr.

sieben

Später an der Bushaltestelle, als Heinrich nach beinahe zwei Tagen wieder den Weg nach Hause antrat, erfasste ihn eine seltsame Stimmung. Er tauchte in eine für die Stadt ganz ungewöhnliche Stille. Und die Luft war gesättigt mit einem wundersamen Geruch, fremd und doch so seltsam vertraut – das war, und dessen war sich Heinrich sicher, der Bote der Veränderung.

Die Fahrt selbst führte ihn schnell in den Alltag zurück. Sie wollte nicht enden an diesem Tag. Zweimal musste er umsteigen, jedes Mal versäumte er den Anschluss. Der Geruch an der Haltestelle hielt sich in seiner Erinnerung, ließ ihn schwermütig werden. Kaum je in seiner Vergangenheit hatte es in ihm so ein starkes Gefühl der Aussichtslosigkeit gegeben wie jetzt. Das Medizinstudium schien für ihn vorbei zu sein. Da war er wohl gescheitert. Wie auch seine Beziehung zu Alice. Mit seinen vierundzwanzig Jahren hatte er nichts vorzuweisen. Gar nichts. Nullkommanichts. »Ich bin völlig untalentiert. Ein Verlierertyp. Eine Null.« So sprach er leise zu sich, als er den letzten Bus verlassen hatte und gesenkten Hauptes die Gasse zum Wohnhaus hinauftrottete.

Im Vorraum von Alices Wohnung stand sein Koffer. Offenbar gepackt. Und daneben zwei riesige graue Müllsäcke. Heinrich vermutete, dass sie wohl den Rest seiner Utensilien beinhalteten.

»Ich habe für dich gepackt, Heinrich. Mir scheint, es ist Zeit, dass wir getrennte Wege gehen, dass du aus meiner Wohnung ausziehst.«

»Darf ich die Nacht noch hier verbringen?«

»Auf dem Sofa. Ja.«

»Was war ausschlaggebend?«

»Das Telefonat heute mit Stefanie, der tätowierten Hure.«

»Sie ist keine Hure. Sie ist ein lieber Mensch, und …«, er machte eine kurze Pause, »sie ist doch deine beste Freundin.«

»Diese Freundschaft ist tot.«

Heinrich wollte noch etwas sagen, bemerkte aber die bis zum Reißen gespannten Muskeln im Gesicht seiner Freundin … ab nun also Exfreundin. Ja, das war sie wohl – seine Ex. Das klang schon in Gedanken furchtbar, aussprechen mochte er es überhaupt nicht. Er ging vorbei an ihr, tätschelte ihr unbeholfen den Oberarm. Sie nahm es ohne Regung hin.

acht

Anton lachte freundlich. »Ich kann dir leider kein Asyl für längere Zeit bieten, aber du kannst schon mal alle deine Habseligkeiten zu mir bringen und verstauen. Wäsche waschen, mit mir etwas Warmes essen, baden oder duschen in heißem Wasser, ein paar Nächte Ruhe finden … Das, lieber Heinrich, das sollte schon drin sein.«

Heinrich atmete kräftig durch. »Danke, Anton, du bist immer eine tolle Stütze für mich.« Anton, sein Onkel, der jüngere Bruder seiner Mutter, war der Versager der Familie. So bewerteten es beinahe alle Familienmitglieder:

»Ein Künstler! Ein Maler! Wo es doch bereits so viele Bilder auf dieser Welt gibt!«

Heinrichs Mutter war Antons größte Kritikerin. »In welchem Museum findet man denn einen Anton Kollruss? Im Louvre jedenfalls nicht!« So lautete ihr Standardsatz zu ihrem Bruder, um den sie sich einst sorgte und den sie früher geliebt hatte, dem sie jetzt aber immer distanzierter gegenüberstand und fast schon feindlich gesonnen war. Er war einfach seinen eigenen Weg gegangen, hatte keinen noch so gut gemeinten Ratschlag der Familie angenommen. »Unbelehrbar!«

Heinrich war überhaupt der Einzige aus der Familie, mit dem Anton regelmäßigen Kontakt pflegte. Und das auch erst seit etwa zwei Jahren. Nach einem besonders nervigen Familienabend, der ausschließlich den abwesenden Anton als Gesprächsthema zu bieten hatte, rief Heinrich bei ihm an und fragte, ob sie sich nicht treffen könnten.

Anton hatte sofort zugesagt und dann selbst gekocht. Ausgezeichnet. Und der Abend war äußerst vergnüglich gewesen, die Stimmung ausgelassen. Dabei war Heinrich noch nie in einer so kleinen Wohnung gewesen, wie sie Anton bewohnte. Es mangelte nicht an Ausstattung, da war schon alles vorhanden – und was da war, war durchaus luxuriös –, doch mehr als eine Person konnte dort nicht wohnen, zumindest nicht für längere Zeit, dazu fehlte einfach der Platz.

Antons Atelier befand sich einige Straßen weiter, war nicht weit von der Universität entfernt und ein Ort, an dem sich Heinrich ab diesem ersten gemeinsamen Abend gerne ein paar angenehme Stunden gönnte. Er sah dann Anton bei der Arbeit zu. Fasziniert und still. Von Zeit zu Zeit erläuterte der Künstler von selbst etwas, doch Heinrich nickte immer nur. Zu Beginn war Heinrich nicht sicher, ob er willkommen war, erkannte aber bald, dass er nicht nur geduldet war, im Gegenteil, er schien für Anton eine Art Inspiration zu sein. Nicht selten bemerkte Heinrich, dass Anton in seiner Abwesenheit kaum etwas am Kunstwerk weitergebracht hatte, doch sobald Heinrich dabeisaß, flogen die Pinsel schon über die Leinwand.

»Das ist alles, was ich besitze.« Heinrich sah Anton mit einem schiefen Lächeln an. Er fühlte sich mies. Es war gerade Mitternacht geworden, die Müdigkeit legte sich über ihn. Was er brauchte, war ein Bett.

»Man bewertet einen Mann nicht nach seinen irdischen Gütern. Dich macht viel mehr aus.« Anton sagte das ganz trocken. Er packte die gefüllten Müllsäcke und zog sie ins Vorzimmer. »Die müssen jetzt einmal hier bleiben. Keine Ahnung, wohin wir sie sonst stellen sollten. Das Sofa ist bequem, ich habe es selbst schon ausprobiert.«

»Danke.«

Anton umarmte Heinrich – das hatte er noch nie getan – und schüttelte ihm anschließend die Hand. »Tut mir leid, dass du in der Scheiße sitzt. Aber das wird schon wieder.«

Heinrich hatte die Absicht gehabt, die Nacht noch in Alices Wohnung zu verbringen. Doch die Aussagen – »Du bist ein echter Verlierertyp, Heinrich, eine früh gescheiterte Existenz, eine echte Null …« –, die er sich von Alice beim Zubereiten einer Tasse Tee hatte anhören müssen, stimmten ihn schnell um. Er ließ auch die volle Teetasse stehen. Im Taxi am Weg zu Anton schlichen sich depressive Stimmungen in seinen Kopf. Hatte Alice nicht recht? War er nicht völlig gescheitert? Das Einzige, was er hatte, war doch der Job als Vorleser bei einer seltsamen Frau. Und wie lange würde er diesen noch haben? Sicher nicht mehr ewig. Es war doch absehbar, dass sein Vorleserdasein auch ein Ablaufdatum haben würde. Er machte sich nichts vor. Den Gedanken, dass er ja immer noch sein Medizinstudium abschließen könnte, da war ja nur ein kleiner Kraftakt nötig, schob er schnell wieder beiseite. Er war kein Arzt. Er war völlig ungeeignet als Mediziner. Da wäre sicher nur irgendeine Nischentätigkeit in einem Labor möglich, und das konnte er sich überhaupt nicht vorstellen.

Bei Anton kam er später doch noch zu einem Tee. Wortlos schlürften sie beide an dem heißen Darjeeling. Mit einigen Käsebroten, die Anton schnell zubereitete, entwickelte sich auch langsam ein Gespräch. Nur kurz waren Alice und das unterbrochene Studium Thema, bald kam man auf Heinrichs Vorlesetätigkeit zu sprechen. Und damit auch auf Sarah Pflüger. Heinrich erzählte blumig und ausführlich. Anton nickte nur. Plötzlich erhob er sich, verschwand kurz, um gleich wieder mit einem Journal zurückzukehren.

»Sieh dir das an, Heinrich. Es werden Sprecher im hiesigen Rundfunkstudio gesucht. Lokalradio, aber immerhin. Ist mir aufgefallen und hat mich beim Lesen schon an dich denken lassen.«

»Ich hab doch überhaupt keine Qualifikation dafür.«

»Du arbeitest als Vorleser. Das ist doch eine Referenz. Oder nicht?«

»Vielleicht mache ich eine Ausbildung als Sprecher.«

»Keine schlechte Idee.«

neun

Wie geht es dir, Heinrich? Du siehst furchtbar aus. Bist du unter einen Lastwagen gekommen?«

»Danke für das Kompliment. Und für die Nachfrage. Es geht mir nicht besonders gut.«

Sarah Pflüger hob eine Braue, wollte etwas sagen, schwieg dann aber und sah Heinrich lange an. Sorgenvolle Zuneigung spürte sie in sich hochkommen. Beinahe musste sie deshalb über sich selbst lachen. So ein Gefühl hatte sie schon seit langer Zeit nicht verspürt.

Heinrich sagte auch nichts. Er las in Sarahs Gesicht. Versuchte, zu lesen, doch heute gelang es ihm nicht, zu verstehen. Ein seltsames Wohlwollen? Was sollte das bedeuten?

»Ich denke daran, eine Ausbildung als Sprecher zu machen. Das wäre sicher von Vorteil.«

»Das wirst du nicht machen, solange du bei mir in Diensten stehst. Hast du das verstanden? Ich will keinen gelackten Vorlesegockel, ich will deine natürliche Stimme. Ist das klar?«

»Aber …«

»Na, ich halte dich nicht auf. Wenn das dein Ansinnen ist, kannst du ja jederzeit gehen. Wie gesagt, ich halte dich nicht auf.«

»Sie legen also keinen Wert auf meine Arbeit bei Ihnen, auf mein Vorlesen?«

»Das habe ich nicht gesagt. Im Gegenteil. Dein Vorlesen würde mir fehlen, und du würdest mir fehlen. Ganz einfach gesagt.«

»Ich würde Ihnen fehlen?«

Sarah Pflüger ging nicht auf die Frage ein. Sie holte einen kleinen Stapel Zeitungen von der Anrichte und drückte ihn Heinrich in die Hand. »Komm, wir fahren. Ich habe einen Friseurtermin.«

»Soll ich fahren?«

»Das mach ich schon selbst.«

»Sie können aber nicht lesen.«

»Wer sagt das?«

»Na, Sie …«

»Ich kann keine zusammenhängenden längeren Texte lesen. Sonst aber komme ich schon zurecht. Und im Straßenverkehr behindert mich nichts. Ich kann auch Kochrezepte lesen. Oder einen kurzen Text auf einem Notizblock. Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass ich auch schreiben kann. Kurze Texte mit wenig Inhalt gehen beinahe problemlos.«

Heinrich sah sie verwundert an. »Ich dachte, Sie können überhaupt nicht lesen, erkennen gar keine Buchstaben.«

»Diese Vermutung war falsch.« Sie lachte. »Und jetzt ab ins Auto!«

Der Friseurtermin verlief dann einigermaßen verstörend für Heinrich. Sarah Pflüger ließ sich nur die Spitzen ihrer Haare ein wenig abschneiden. Statt des üblichen Friseurtratsches las Heinrich aus den Zeitungen vor. Das wäre alles überhaupt nichts Besonderes gewesen, wenn nicht die Friseurin irgendwann gemeint hätte, es wäre nun besser, der junge Herr verließe den Raum, damit sie sich mit der Bikinizone der Kundin beschäftigen könnte.

»Was meinen Sie, Frau Pflüger, sollte er nicht kurz draußen warten? «

»Nein, er soll dableiben und weiterlesen.«

»Wie Sie meinen.«

»Ich warte ohne Probleme draußen«, ließ sich Heinrich ein wenig hektisch vernehmen.

»Und wer liest dann weiter? Gerade wenn diese blöde Haarentfernung stattfindet. Also bitte!« Sekunden später hatte sich Sarah Pflüger ihres Kleides und des Slips entledigt und legte sich lediglich mit dem BH bekleidet auf die vorbereitete Liege neben dem Friseurstuhl.

»Mir ist noch nie so eine Liege bei einem Friseur aufgefallen.« Heinrich wunderte sich selbst über seinen Kommentar. Dass Sarah Pflüger beinahe völlig nackt neben ihm lag, wunderte ihn hingegen weniger.

»Lies weiter, Heinrich. Bitte.«

Also las Heinrich aus der großen Wirtschaftsbeilage der Tageszeitung vor, während Sarah lauthals über die Tortur der Haarentfernung fluchte, der sie sich freiwillig hingab.

Als es besonders arg wurde mit dem Fluchen, hielt Heinrich kurz inne. »Warum lassen Sie so etwas über sich ergehen?«

»Au! Zum Teufel noch mal! Au! Heinrich!«, sie schnaubte, »haben wir nicht ausgemacht, dass du keine Fragen stellst? Au!«

»Verzeihung!«

»Lies!«

Der Artikel über Holzexporte aus der Schweiz kam ihm im Augenblick so unwichtig vor, dennoch las er ihn konzentriert zu Ende. Und mit dem Fazit, dass sich die Schweiz als Holzexportland zurzeit sehr schwertat, schlüpfte Sarah Pflüger wieder in ihren Slip, stülpte sich das Kleid über den Kopf und lächelte Heinrich an. »Ich denke, ganz habe ich den Artikel nicht mitbekommen.«

Heinrich spitzte die Lippen. »Ich kann ihn ja nochmals vorlesen …«

»Gott bewahre!« Sarah nahm Heinrichs Hand und schien ihn zu sich herziehen zu wollen. Doch ehe sie das tat, ließ sie ihn los. Verstört sah sie Heinrich nun in die Augen. »Wir fahren nach Hause. Ich will, dass du mir heute viel vorliest.«

»Ich habe Zeit.«

»Gut!« Die kurze Antwort war von einem Glucksen begleitet.

zehn

Die Fahrt nach Hause dauerte ewig. So schien es Heinrich jedenfalls. Sarah Pflüger steuerte ein großes Einkaufszentrum am Stadtrand an. »Wir haben gleich alles erledigt«, sagte sie, nachdem sie den Wagen auf einem schattigen Platz abgestellt hatte.

»Ich kann ja gleich im Auto bleiben.«

»Mir wäre es recht, wenn du mich unterstützen könntest. Meine Lesekünste reichen zwar üblicherweise für Einkäufe, aber wer weiß …« Sie lächelte Heinrich an. Mit einem bittenden Gesichtsausdruck, wie er sofort erkennen konnte.

Schon war er aus dem Fahrzeug gesprungen und warf die Tür fest hinter sich zu. »Gerne!«

»Danke.« Sarah Pflüger hakte sich bei Heinrich ein.

»Ich helfe Ihnen wirklich gerne. Überall, wo ich nur kann.«

Sarah schmiegte sich fester an ihn. Heinrich raubte das plötzlich beinahe den Atem. Sollte er Sarah noch näher zu sich ziehen oder auf Distanz achten? Ihm war nach Nähe. Und nach Wärme. Und nach dem unbeschreiblich herrlichen Duft, der Sarah begleitete. Doch statt sie näher heranzuziehen, hielt er steif Abstand.

»Etwas Wertvolles, etwas Zerbrechliches.«

»Was sagst du, Heinrich?« Sie hatten eben die Eingangstür erreicht, und Sarah hatte sich noch näher an Heinrich geschmiegt.

»Nichts.«

»Doch!«

»Ich war nur in Gedanken.«

Sarah blieb abrupt stehen, ließ Heinrich los und schaute ihn lange an. Dann strich sie plötzlich mit dem Finger über seine Wange. »Mein Leser und Denker.« Heinrich las Liebe in ihren Augen. Sein Herz machte einen Sprung.

»Darf ich Sie … darf ich Sie duzen, Frau Pflüger?«

»Ich habe nichts dagegen. Mich wundert, dass du erst jetzt danach fragst.«

»Aber …«

»Aber was?«

»Sie haben doch selbst gesagt …«

»Du hast selbst gesagt.«

»Ich habe nichts gesagt.«

»Ich meinte, du solltest ›du‹ sagen.« Sie lachte, hakte sich bei ihm ein und zog ihn ins Einkaufszentrum.

»Was brauchen wir?« Heinrich hatte einen geschäftsmäßigen Ton angeschlagen.

»Wir?«

»Na, Sie eben.«

»Du.«

»Ja, ja, du! Was brauchst du?«

»Wir brauchen … wir, Heinrich, wir brauchen etwas aus dem Drogeriemarkt, dem Sportgeschäft, dem Elektroladen und vom Juwelier. Dann noch was vom Supermarkt.« Sie hielt kurz inne und sah Heinrich verschmitzt an. »Vielleicht beenden wir den Einkauf im Dessousladen bei meiner Freundin Caroline. Du könntest mich bei der Auswahl schöner Sachen beraten …«

»Dafür bin ich völlig ungeeignet. Das kann ich nicht. Mein Geschmack ist sicher nicht Ihrer.«

»Deiner.«

Ja, mein Geschmack ist sicher ein anderer als deiner …« Er blickte Sarah ein wenig verzweifelt an. »Erspar mir das bitte. Ich weiß nicht, wohin das alles noch führen soll.«

»Wohin könnte es denn führen?«

»Vors Standesamt?«

»Möglich.«

»Sarah, bitte spiel nicht mit mir. Ich weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat. Du schleppst mich mit zur Intimhaarentfernung, willst mit mir Dessous probieren und kaufen …« Er machte eine Pause und sah weit in die Ferne. »Ja«, fuhr er fort, »und dann siehst du mich mit einem Blick an, der mir Liebe signalisiert. Ich bin aber nur dein Vorleser. Sonst bin ich eine Null, ein Versager, der niemandem irgendetwas zu bieten hat …«

Die rasche Umarmung und der fordernde Kuss, den sie sich nahm, lang andauernd, mitten im Gewühl des Einkaufszentrums, lustvoll, selig, brachten Heinrich zum Schweigen.

Endlich ließ sie ihn los. »Wir sind zum Einkaufen hier, Heinrich. Hast du das vergessen? Du sollst mich nicht ständig küssen. Vor so vielen Leuten.« Sie drehte sich zur Seite, fasste Heinrichs Hand und eilte schnell durch den Gang. »Komm jetzt.«

elf

Das Einkaufen zog sich in die Länge. Heinrich war das nicht gewohnt. Wollte er sich etwas besorgen, so ging das meist geplant und sehr schnell über die Bühne. Niemals kaufte er mehr ein, als er sich vorgenommen hatte. Hauptgrund dafür war sein chronischer Geldmangel. Seine Eltern finanzierten zwar sein Studium, doch in der letzten Zeit, verbunden mit der Abnahme erfolgreich absolvierter Prüfungen, war der Geldfluss beinahe gänzlich versiegt. Sein Vater, der selbst im Geld schwamm, zahlte zwar noch immer regelmäßig auf ein Sparkonto für Heinrich ein, doch auf das hatte er keinen Zugriff. Und ein paar Versicherungen zu Heinrichs persönlichen Gunsten wurden auch noch regelmäßig bezahlt. Für den Unterhalt kamen aber weder sein Vater noch seine Mutter auf. »Heinrich, setz dein Studium fort, dann fließt auch wieder Geld.« Unisono war das aus seiner Eltern Mund zu vernehmen. Daher hatte er sich in den letzten Monaten immer mehr von Alice aushalten lassen. Und wenn Heinrich so darüber nachdachte, kam ihm immer mehr in den Sinn, dass dieses Abhängigkeitsverhältnis auch das Ende der Liebesbeziehung darstellte. Denn eines wusste er sicher: er hatte Alice geliebt. Dieser Gedanke, der ihm in den letzten Wochen immer wieder durch den Kopf geschossen war, wurde überschattet, als Sarah Heinrich ihrer Freundin Caroline in deren Boutique vorstellte. Der Dessousladen hatte sich schließlich doch nicht vermeiden lassen, wie es Heinrich gehofft hatte.

Sarah musste Heinrich förmlich durch die Tür ziehen. »So, da sind wir. Die letzte Station unseres Einkaufsbummels heute.«

Heinrich stöhnte nur. Und schon war auch eine etwas ältere Frau mit rundlichen Formen, jedoch äußerst enger Wespentaille zur Stelle.

»Wen sehe ich da! Die liebe hübsche Sarah!« Sie wandte ihren Blick zu Heinrich. »Und das erste Mal in Begleitung?«

»Das ist Heinrich!«, platzte Sarah heraus.

»Und wer ist Heinrich?«

»Er ist eine Seele.«

»Ah ja?« Caroline sah Heinrich schief an. Mit einem fragenden Blick.

»Guten Tag«, Heinrich reichte der älteren Dame die Hand, »ich bin nur Sarahs Vorleser.«

»Du hast einen Vorleser?!« Caroline gab sich völlig erstaunt. Doch im selben Augenblick schien sie in sich zusammenzufallen, und hätte sie nicht offensichtlich ein enges Korsett getragen, wäre sie wohl zusammengeknickt. »Verzeih, Sarah, ich habe wieder einmal vergessen, dass du keine längeren Texte lesen kannst. So eine dumme Sache, was?« Dann erhellte sich ihr Blick. »Er würde Germaine gut gefallen.« Jetzt nickte sie und lächelte still in sich hinein.

»Das könnte so sein, Caroline, ich kann mir das auch gut vorstellen, dass sie Heinrich mögen wird, wenn sie wieder hier ist.« Sie schwieg kurz, ehe sie mit übertrieben fester Stimme meinte: »Heinrich ist viel mehr als ein Vorleser.« Sie lächelte, und plötzlich zuckte ihr Mundwinkel. »Was hast du Neues, Caroline? Mir ist nach Neuem.«

»Warte!« Caroline stürmte in den hinteren Teil des Ladens.

»Wir haben keine Eile!«, rief ihr Sarah nach und warf Heinrich einen Kuss zu.

»Ich kann dich hier nicht beraten, Sarah …«

»Musst du auch nicht. Sag nur dann etwas, wenn du es möchtest.«

Nach einer Stunde ging es dann endlich bepackt zum Auto. Schnell verschwanden die Taschen im Kofferraum. Der Wagen war trotz der frühen Jahreszeit stark aufgeheizt. Sarah hatte ihn zwar noch im Schatten geparkt, doch sehr schnell dürfte ihn die Sonne in ihrem Lauf erwischt haben. So ließ Sarah die Seitenscheiben des Fahrzeugs schnell nach unten laufen und schob sich ihr Kleid bis zur Hüfte hoch. Heinrich, der das sah, stöhnte.

»Mir ist heiß, Heinrich. Du könntest auch gerne deine Jacke ausziehen.«

Heinrich antwortete nicht darauf, ließ sich lediglich in den Beifahrersitz sinken und schien durch die Hausmauer vor dem Parkplatz hindurchzusehen. »Caroline kennt diese Germaine auch, wie mir scheint. Warum habe ich deine Freundin noch nie gesehen?«

»Sie lebt zurzeit im Ausland. Kommt aber bestimmt bald wieder hierher in die Stadt zurück. Beteuert sie mir zumindest bei jedem Telefonat. Und immer, wenn ich ihr von dir erzähle, meint sie, sie würde noch schneller heimkommen wollen …«

»Blödsinn! Sie kennt mich ja gar nicht.« Er wandte sich nun zu Sarah. »Du sprichst mit ihr über mich?«

Sarah lachte kurz und strich Heinrich dann ganz flüchtig über den Oberarm.

»Ich habe dir heute noch nicht sehr viel vorgelesen. Wir sind in Verzug damit, Sarah.«

»Du wirst mir heute Eichendorff vorlesen.«

»Aus dem Leben eines Taugenichts! Ha! Das passt dann vermutlich zu mir …«

»Sei still!« Sarah klang scharf.

Seit der Abfahrt vom Parkplatz wirkte Sarah sehr ernst und abweisend. Das kurze Gespräch während der Fahrt führte sie schroff und kühl. Heinrich war etwas verunsichert dadurch, aber auch auf seltsame Weise erleichtert. Endlich schien er wieder die Ebene des Bediensteten erreicht zu haben. Diese verlieh ihm im Verhältnis zu Sarah eine gewisse Standfestigkeit. Das wollte er sich zumindest so einbilden, doch in Wahrheit wusste er, dass diese stabile Ebene im Verhältnis zwischen ihm und Sarah nie mehr existieren würde. Gedanken darüber durchfluteten ihn und ließen ihn auch nicht los, als sie schon lange zu Hause waren. »Nie mehr!«

»Du denkst schon wieder laut?« Sarah war geräuschlos von hinten an ihn herangetreten, als er gerade durch das Fenster in den vorfrühlingshaften Garten geblickt und »Nie mehr!« gesagt hatte.

»Warum schleichst du dich so an mich heran?« Heinrich war sichtlich erschreckt.