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Sechsundzwanzig Jahre jung, das Studium soeben erfolgreich beendet, mit der Liebsten auf dem Weg in den verdienten Urlaub … und plötzlich ein Unfall! Schwer traumatisiert, komatös, aufgegeben von Ärzten und Angehörigen ‒ so gelangt Dr. Annette Weiß in einem Sterbezimmer in die Obhut einer jungen Krankenschwester. Wenige Tage gibt man ihr noch, dann wäre wohl alles überstanden. Doch Schwester Maria, eine selbstbewusste, freche Person mit dem Herz am rechten Fleck, will dies nicht akzeptieren, betreut sie mit Leib und Seele und entwickelt schließlich tiefe Gefühle für ihre hilflose Patientin. Doch wird Annette ihre schweren Verletzungen überleben? Und wird sie, sollte sie jemals wieder erwachen, Marias Gefühle erwidern?
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Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2013
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In der Tetralogie »Frauenmärchen« von Heli E. Hartleb außerdem:
»Katja« (Juli 2012)
»Wem die Liebe begegnet« (November 2012)
»Elf Jahreszeiten« (März 2013)
Heli E. Hartleb, geboren 1958 in der Steiermark, ist als Arzt in Wien tätig. Er lebt mit seiner Familie in ländlicher Umgebung unweit von Wien. »Meine Annette« ist sein dritter Roman, der, wie auch seine ersten beiden Werke »Katja« und »Wem die Liebe begegnet«, Teil einer Tetralogie mit »Frauenmärchen« ist.
Über Anmerkungen jedweder Art an [email protected] würde sich der Autor sehr freuen. Weitere Informationen zur Person und zu den Titeln sind über die Homepage des Autors (www.heli-e-hartleb.at) zu erhalten.
Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter www.buchmedia.de
Januar 2013 © 2013 Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung: Ulla Arnold, Freiburg Printed in Germany · isbn 978-3-86520-465-3
Für Moritz
»Schwester Pia, Sie sollen zur Oberin kommen. Sofort.« Schwester Kathrin, Pias unmittelbare Vorgesetzte, hatte dabei einen süffisanten Unterton angeschlagen, welcher der Angesprochenen nicht entgangen war. Die freche junge Pia ging schon seit einiger Zeit auf ihren Nerven spazieren, da konnte eine Kopfwäsche oder irgendeine Strafmaßnahme durch die Frau Oberin nicht schaden.
Schwester Pia, die gerade die Windel des alten Braunmaier wechselte und diesen das zweite Mal an diesem Vormittag waschen musste, schaute kurz auf. Sie sagte aber nichts und arbeitete seelenruhig weiter.
»Haben Sie mich nicht verstanden?«
»Ich habe Sie verstanden. Soll ich gleich gehen? Werden Sie dann den Hintern vom Herrn Braunmaier putzen? Oder wird die Frau Oberin nach der Unterredung diese Arbeit beenden? Wird sie die restliche Scheiße wegwaschen?«
»Sprechen Sie in Anwesenheit des Patienten nicht in so einem Ton.«
»Herr Gott noch mal! Ist Ihnen etwa noch nie aufgefallen, dass der alte Herr Braunmaier stocktaub ist? Das ist er, seit er hier ist. Das ist nichts Neues, und Sie wissen das nicht. Das ist ein Skandal.«
»Werden Sie nicht frech. Geben Sie Acht, Schwester Pia, sonst sind Sie die Arbeit hier bald los.«
»Ich bin nicht frech, ich arbeite hier. Sehen Sie das nicht? Wenn die Oberin etwas von mir will, so soll sie doch ihren verdammten Arsch hierher bewegen.«
»Was soll ich bewegen?« Die Tür war lautlos aufgegangen, und die Oberin stand wie aus dem Nichts im Raum.
»Sie sollen sich hierher bewegen, wenn Sie etwas von mir wollen. Sie möchten doch nicht wirklich, dass unsere Patienten wegen irgendeiner völlig unwichtigen Sache länger als nötig in der vollen Windel liegen, oder?«
»Ich habe einen Auftrag für Sie, Schwester Pia.«
»Ich heiße nicht Pia, ich heiße Maria Eisner, Sie könnten wenigstens meinen richtigen Namen verwenden, Sie sollten ihn ja kennen. Bei anderen Leuten«, sie warf einen kurzen Blick auf Schwester Kathrin, »kann man das ja nicht erwarten, aber bei Ihnen?«
»Es gibt keine Schwester Maria in diesem Haus, der Name Maria ist hier der Mutter Gottes vorbehalten.«
Maria stöhnte kurz. »Also, schießen Sie schon los. Welchen Auftrag haben Sie für mich?«
»Sie werden Nora ablösen.«
»Was? Wieso denn? Die hat doch diese Dr. Weiß zu betreuen, die da als blutiger Klumpen zum Sterben ins Fünferzimmer gekommen ist. Warum muss ich sie ablösen?«
»Weil Nora ihren Urlaub antreten wird und Sie sie ersetzen werden.«
Maria, die nun den alten Braunmaier fertig versorgt und das verbrauchte Material in den Sammelkübel gestopft hatte, streifte sich bedächtig die Handschuhe ab und holte sich eine große Portion Desinfektionsmittel aus dem Spender. Sorgsam verrieb sie es auf der Haut von Händen und Unterarmen. »Und dazu haben Sie mich ausgesucht. Das ist mal wieder typisch. Aber was soll’s.« Sie sah die Oberin mit festem Blick an. »Wann geht es los für mich?«
»Um zwei sollen Sie bei Nora sein. Dann wird sie Sie einschulen bis am Abend, bis Schwester Nino kommt.«
»Ah, die Stalin macht die Nachtschicht. Das wusste ich gar nicht. Na, die kann wenigstens mit solchen Halb-bis Dreivierteltoten umgehen.«
»Für Sie, Schwester Pia, ist das noch immer Schwester Nino Dschugaschwili«, mischte sich Schwester Kathrin ein.
»Haben Sie eigentlich keine Arbeit, Schwester Kathrin Schenck?« Maria war das herausgerutscht, und auf die Lippen der Oberin stahl sich kurz ein Lächeln, das sie sich jedoch gleich wieder verkniff.
Um zehn vor zwei Uhr betrat Maria das besagte Fünferzimmer. Dort empfing sie ein beißender Geruch. Sie atmete zweimal durch, ehe sie sich umsehen konnte. Nora stand am Bett der Patientin und arbeitete am Venenzugang.
»Bin gleich bei dir«, murmelte sie, ohne aufzusehen, »der Scheiß Venenzugang geht schon wieder zu. Irgendetwas müssen wir uns da einfallen lassen, damit wir das in den Griff bekommen.«
Maria sah von der Ferne aufs Bett und die dort liegende Frau, besser gesagt, die dort liegenden deformierten Reste einer jungen Frau. Es war ein grausiger Anblick. Überall Wunden, teilweise offen liegend, teilweise mit Verbänden versorgt. Der ganze Körper schien betroffen zu sein. Maria schluckte. »Die arme Frau, hoffentlich kann sie bald sterben«, flüsterte sie leise, als Nora nun auf sie zukam.
»Das wird sie auch bald. Es geht bergab. Das Fieber klettert immer mehr in die Höhe, und die auf der Intensivstation wollen sie nicht mehr nehmen. Sie sagen, es sei sinnlos.«
»Was hat sie eigentlich?«
»Du musst fragen, was sie eigentlich nicht hat. Sie hat unversehrte Augen und einen unversehrten Rücken und Po. Sonst aber ist alles mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen. So etwas Arges habe ich selbst schon lange nicht mehr gesehen, und du weißt, dass ich einige Erfahrungen mit solchen Patienten habe.«
»Ich bin hierher strafversetzt worden. Schul mich ein, damit ich weiß, was ich zu tun habe.«
Nora hob eine Braue. »Du bist nicht strafversetzt worden. Ich habe dich angefordert.«
Staunen erschien auf Marias Gesicht. »Wieso das? Hast du auch schon etwas gegen mich, Nora?«
»Blödsinn, Maria.« Nora war die einzige Kollegin, die sie niemals Pia nannte. Als Schwester Kathrin dies einmal strikt eingefordert hatte, bekam sie dafür den Stinkefinger gezeigt und war mit hochrotem Kopf abgezogen. »Blödsinn. Ich habe dich deswegen angefordert, weil du die Einzige neben der Stalin bist, die das packt. Die sich auch hin traut zur Patientin und zugreifen kann, wenn es nötig ist. Auch bei so einer Patientin. Weißt du, bei gewöhnlichen Patienten können das die lieben Kolleginnen schon auch, aber nicht bei so einer wie der Anni Weiß.«
Maria hatte nun die am Tisch liegende Krankengeschichte in die Hand genommen. Dr. Annette Weiß, sechsundzwanzig Jahre, ledig. Nächste Angehörige: Paula Streifenberger, Schwester. »Sie heißt nicht Anni, sie heißt Annette.«
»Wie bitte?«
»Du hast gesagt, Anni Weiß, sie heißt aber Annette. Hier steht es.«
»Das ist doch so was von scheißegal. Anni oder Annette. Ihre Schwester hat mir gesagt, alle hätten sie immer Anni gerufen.«
»Ich werde Annette sagen.«
»Wenn dir das ein Bedürfnis ist, Maria«, Nora schüttelte den Kopf, »ich werde dich nicht aufhalten. Komm jetzt ans Bett, damit wir loslegen können.«
Maria trat ans Bett und sah Annette das erste Mal ins Gesicht. Wie vom Blitz getroffen wich sie zurück. »Nora, sie schaut mich an!« Tatsächlich waren die offenen Augen direkt auf Maria gerichtet und erweckten den Eindruck, genau zu erkennen, was da vor sich geht. Wunderschöne blaue Augen mit einem wunderbaren Glanz.
»Das ist bei ihr so. Der Neurologe hat gesagt, dass das nichts zu bedeuten hat. Sie ist mit dem Kopf sicher nicht hier, wenn sie mit dem überhaupt noch irgendwo ist.«
»Die ist doch nicht zum Sterben.«
»Maria, schau dir nicht die Augen an, sondern den Rest des Körpers, dann wirst du mir glauben. Ich gebe ihr nicht mehr als zwei Tage. Dann hast du auch wieder deine Ruhe und bist auf der Normalstation.«
»Na gut, dann gehen wir es an. Wie es laufen wird, werden wir ohnehin bald sehen.«
Am kommenden Tag um halb sechs in der Früh betrat Maria das Fünferzimmer. »Hallo Nino, guten Morgen. Lebt sie noch?«
»Hallo Maria, es geht ihr gar nicht so schlecht.«
»Heißt?«
»Dass ich dich am Abend wieder ablösen werde. Komm, ich zeig dir auch noch ein paar Sachen, obwohl dich Nora wahrscheinlich schon bestens eingeschult hat. Stimmt’s?«
Maria nickte. »Stimmt, Nino, aber sag mir alles, was du für wichtig hältst, ich kann nicht genug Informationen haben.«
Eine Stunde später war Maria allein. Sie arbeitete in Ruhe an der Patientin. So einen zerstörten Körper hatte sie noch nie gesehen. Nora hatte ihr am Vortag kurz erzählt, wie alles abgelaufen war. Die Patientin wäre mit ihrer Freundin Irene auf dem Weg in den Urlaub gewesen. Sie hätten ihr Studium gemeinsam eine Woche davor abgeschlossen und wollten nun im Süden ausspannen. Sechzig Kilometer weit waren sie gekommen, als ein Lastkraftwagen mit hoher Geschwindigkeit die Mittelleitschiene durchbrochen und den Pkw der jungen Frauen erwischt hatte, der gleich in mehrere Teile zerborsten war. Annette, die auf dem Sitz angeschnallt und gleich mit diesem durch die Tür nach draußen geschleudert worden war, wäre mit hoher Geschwindigkeit über die Fahrbahn geschlittert, an der Leitschiene hängen geblie-ben und dann eine Böschung hinuntergekollert, so hatten es Zeugen zumindest geschildert. Dort hatte man sie auch tatsächlich gefunden. Das restliche Auto wäre sofort explodiert und Annettes Freundin auf der Stelle tot gewesen. Mit ein paar Operationen hätte man Annettes innere Verletzungen versorgt. Ein Stück des Darms war gequetscht worden und musste entfernt werden, und einige Knochenbrüche waren verschraubt worden. Das größte Übel wären aber die Hautverletzungen und die Verletzungen der Muskulatur. Die müsste man eigentlich auch operativ versorgen. Dazu wären jedoch unzählige Operationen vonnöten, an die sich in Anbetracht des Zustandes der armen Frau niemand wagen würde. Wozu auch. Es wäre ohnehin alles zu spät.
Sorgsam hatte Maria einiges erledigt, als sie wieder mit dem Blick an Annettes Augen hängen blieb.
»Du hast wunderschöne Augen, Annette. Hat dir das schon mal jemand gesagt?« Erneut konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Annette sie anblickte. Die Patientin sah nicht durch sie durch. Da konnten die Neurologen sagen, was sie wollten. »Ich lasse dich nicht sterben, ich versprech’s.« Die Worte waren ihr so herausgerutscht, und sogleich erfasste Maria eine unglaubliche Traurigkeit. Das Versprechen würde sie wohl nicht halten können.
Annette atmete schwer, hatte wieder hohes Fieber. Maria wusste genau, dass daran eine schwere Lungenentzündung schuld war, und die würde wohl das Leben der jungen Frau auslöschen. Ihre pflegerischen Maßnahmen waren ja das Einzige, was noch getan wurde. Alles Weiterführende wurde als sinnlos erachtet.
Maria fuhr hoch, als die Tür aufgerissen wurde und der junge Dr. Hartmann ins Zimmer schwebte. Nun, so ganz jung war er gar nicht mehr. Maria hatte noch nie mit ihm arbeiten müssen. Irgendwie war sie immer froh darüber ge-wesen. Er wirkte stets hektisch und machte sich wichtig. Ein Arsch mit Ohren, wie Maria fand.
»Ah, Schwester Pia, Sie bewachen unsere arme Patientin.«
»Ja. Seit heute gehört sie mir.«
»Na, sie wird Ihnen nicht lange zur Last fallen, was ich so gehört habe.«
»Sie fällt mir nicht zur Last. Es gehört zu meinem Job, solche Leute zu pflegen und zu betreuen, das ist keine Last für mich.«
Dr. Hartmanns Mundwinkel zuckte kurz. »Regen Sie sich nicht so auf, ich weiß genau, dass Sie sich wirklich um Ihre Patienten kümmern.«
Maria war kurz erstaunt. Diese Antwort hatte sie nicht erwartet. »Dann kümmern Sie sich doch auch um meine Annette.«
»Ihre Annette?« Er schmunzelte. »Ihre Annette, von mir aus. Wissen Sie, Schwester Pia, ich habe seit heute das Kommando auf der Station, das ist mir nämlich gerade übertragen worden, weil Frau Dr. Höger in die Ambulanz wechselt. Jetzt mache ich mir einmal ein Bild, und dann werden wir weitersehen.«
»Na, hoffentlich sind Sie ein wenig entscheidungsfreudiger als Ihre geschätzte Kollegin.«
»Haben Sie etwas gegen Frau Dr. Höger?«
»Nicht im Speziellen, aber es geht mir so was von auf die Nerven, dass hier alle so tun, als müsste meine Annette hier ganz sicher verrecken. Das ist aber nicht so. Sehen Sie ihr in die Augen, dann werden Sie erkennen, dass da noch Leben in dem geschundenen Körper steckt. Herrgott! Sieht das denn keiner?«
»Jetzt kommen Sie mal wieder runter, Schwester Pia … «
»Ich heiße nicht Pia, mein Name ist Maria, wissen Sie das nicht?« Maria klang schrill, und ihr Herz pochte bis zum Hals.
»Nein, das wusste ich nicht.« Hartmann war peinlich berührt. »Ich kenne Sie nur unter dem Namen Pia. Wie kommt das, wenn Sie nicht so heißen? Ist mir da etwas entgangen? Was ist nochmals Ihr richtiger Name? Verzeihen Sie mir bitte.«
Das zweite Mal brachte Hartmann Maria zum Staunen. »Sie wissen das nicht? Ich heiße Maria. Hier in diesem heiligen Haus darf aber nur die Mutter Gottes so heißen, daher hat man mir kurzerhand den offiziellen Namen Pia verpasst. Wie ich das hasse.«
»Das verstehe ich. Ich heiße auch Ullrich und nicht Ulli, wie viele sagen. Ich finde, der Vorname eines Menschen ist ein unverrückbarer Teil seiner Person, und daher sollte nicht daran herumgetan werden. Natürlich gibt es liebevolle Abkürzungen oder Abänderungen von Eltern, Geschwistern oder geliebten Menschen, doch nur die sollten das Recht dazu in Anspruch nehmen.«
»Und genau so ist es mit meiner Annette. Sie ist nicht die Anni, sie ist meine Annette.«
»Ihre Annette.« Dr. Hartmann schmunzelte. »Schwester Maria, wir sollten nicht so viel herumphilosophieren, davon hat Ihre Annette nichts. Ich muss sie mir ansehen, damit wir gezielt weitermachen können.«
»Wollen Sie das? Weitermachen?«
»Wenn Sie mir sagen, Schwester Maria, dass die Patientin nicht im Sterben liegt, auch wenn der erste Eindruck durchaus darauf hindeutet, dann hat das schon Gewicht für mich. Sie kennen sich doch mit solchen Patienten aus.«
Maria atmete kräftig durch. Das dritte Mal hatte sie Dr. Hartmann in Erstaunen versetzt. »Bitte. Machen Sie sich ein Bild«, flüsterte sie beinahe.
Das tat er dann auch. So genau hatte die Patientin noch niemand angesehen, seit Maria Annette in ihrer Obhut hatte. Gut, das war ja erst seit Kurzem, aber dennoch gab es jetzt jemanden, der sich ein Bild, ein eigenes Bild machte. Dabei ging Dr. Hartmann mit ungewöhnlicher Rücksichtnahme vor, ließ sich tatkräftig von Maria helfen, hörte auf ihre Meinung, nickte hin und wieder, dann wieder schüttelte er bloß den Kopf. Am Ende sah er Annette in die Augen. Lange. Sehr lange.
Plötzlich wandte er sich Maria zu. »Sie haben recht. Ihre Annette ist nicht zum Sterben da. Wir werden etwas tun. Helfen Sie mir dabei?«
»Meinen Sie das ernst, oder sagen Sie das bloß so?«
»Ich meine das bloß so.« Er sah Maria schief an. »Glauben Sie, ich erzähle Ihnen Märchen? Ihnen? Was soll ich Ihnen denn vormachen? Und Sie wissen genauso gut wie ich, dass alle unsere Bemühungen auch in die Hose gehen können.«
Jetzt war Maria nicht mehr erstaunt. »Wie gehen wir es an?«
»Zunächst einmal müssen wir diese beschissene Lungenentzündung in den Griff bekommen, was heißt, in den Griff bekommen, wir müssen sie wegbringen. Welches Antibiotikum bekommt Ihre Annette zurzeit?«
Er hatte die Worte »Ihre Annette« ganz ohne Unterton gesagt, und das ließ Marias Eindruck von Dr. Hartmann endgültig um hundertachtzig Grad schwenken. »Meine Annette bekommt gar kein Antibiotikum, da es ohnehin keinen Sinn hat und bloß Geldverschwendung darstellt.«
»So kann man es schon sehen, wir werden es aber anders machen.«
Hartmann verordnete ein Medikament und gab Maria genaue Anweisungen, was sie noch mit ihrer Annette aufführen musste, damit man der Infektion Herr werden konnte. Und sie erhielt die strenge Instruktion, auch die Stalin, wenn sie in den Nachtdienst kommen würde, genauestens zu informieren und einzuschulen.
Die war dann im ersten Augenblick erstaunt, machte aber gleich eine Bemerkung, die Maria aufhorchen ließ. »Mir war eigentlich nicht ganz klar, warum die Dr. Weiß zum Sterben hier ist, man braucht doch bloß in ihre Augen zu sehen. Da ist noch Leben.«
Diese Bemerkung ließ Marias Herz kurz schneller schlagen. Sie verabredete noch mit Schwester Nino, dass sie am kommenden Tag später kommen würde, da sie dringend einen Amtsweg zu erledigen hätte. Die Stalin nickte bloß sanft und klopfte Maria mütterlich auf die Schulter.
»Mach nur, Maria. Ob ich ein, zwei Stunden länger bleibe, ist mir morgen wirklich egal.«
»Danke«, Maria lächelte und drückte der Stalin ein Küsschen auf die Wange. »Pass schön auf. Ich werde meine Annette morgen ausfragen, wie du zu ihr warst.« Maria machte am Absatz kehrt und eilte in die Garderobe.
Sie hatte sich gerade in ihr Bikerdress geworfen, als Schwester Kathrin in die Garderobe kam. Sie zog sich schweigend um, und erst als sie irgendeinen aufreizenden Fummel anhatte, wandte sie sich an Maria. »Also, ich habe mitbekommen, dass Sie, Schwester Pia, und Herr Dr. Hartmann, der neue Gott auf unserer Station, die Anni Weiß retten wollen.«
»Ja, das wollen wir. Und für Sie, Schwester Kathrin Schenck, heißt die Patientin immer noch Dr. Annette Weiß.« Sie schnappte sich ihren Fahrradhelm und war schon durch die Tür verschwunden. Maria setzte sich auf ihr Fahrrad, das ihr genauso vertraut war wie manchen Leuten die eigenen Beine, und setzte sich in Bewegung. Seit sie in diesem Haus arbeitete, und das waren doch schon mehr als vier Jahre, war sie erst fünfmal nicht mit dem Fahrrad gekommen. Da hatte ihr jedes Mal der Tiefschnee einen Strich durch die Rechnung gemacht, und sie hatte ein Taxi nehmen müssen. Daher kannten Maria alle bloß in Arbeitskleidung oder eben in der Fahrradkluft. Noch nie hatte sie jemand in Jeans, geschweige denn in einem Rock oder gar in einem Kleid gesehen. Und niemand wusste, dass das auch ein Geheimnis war, das Maria mit sich herumtrug. In Wahrheit liebte sie schöne Kleider, und sie hatte sich im Laufe der Zeit schon viele zugelegt. Dazu auch passende, zauberhafte Dessous und feinste Strümpfe. Derartige Kleidung trug sie für ihr Leben gern, aber nur für sich zu Hause. Sie zelebrierte das dann richtig und verbrachte immer öfter einen wohligen Abend mit einem Glas Rotwein in ihrer Garderobe. Doch außerhalb ihrer Wohnung be-stand ihre Zivilkleidung aus Jeans und wenigen neutralen Hosen, mit denen sie Konzerte besuchte. Klassische Konzerte, tägliches Fahrradfahren und regelmäßiges Training im Fitnessstudio waren ihre einzigen Beschäftigungen außer Lesen und Surfen im Internet. Und wenn Maria auch nicht sehr viel Zeit vor dem Computer verbrachte, so waren ihre Interessen umso vielfältiger. Da konnte sie schon einmal eine Zeit lang bei alten Musikinstrumenten hängen bleiben, andererseits aber auch bei sanfter Erotik, wenn es bloß Frauen betraf, und das war ja –Gott sei Dank, wie sie fand –meist der Fall. Ihre lesbischen Neigungen hatte sie sich selbst gegenüber noch nie offen ausgesprochen, und schon gar nicht vor Freunden oder Verwandten. Es wären auch nicht viele Leute infrage gekommen, denen sie davon hätte erzählen können. Eine echte Freundin oder einen echten Freund hatte sie eigentlich gar nicht, und eine längere Liebesbeziehung war sie noch nie eingegangen. Wie auch, wenn man sich nicht einmal selbst eingestehen konnte, wohin es einen zog. Ihr Geschlechtsleben bezog sich folglich ausschließlich auf sich selbst, und sie hatte eine wahre Meisterschaft darin entwickelt, sich Lust zu verschaffen. Der schale Nachgeschmack, die Lust nicht teilen zu können, war aber bei aller Raffinesse nicht wegzubekommen.
An Lust oder Sex dachte Maria an diesem Tag allerdings überhaupt nicht. Der laue Wind und die tief stehende Sommersonne lockten sie zu einer längeren Ausfahrt. Sie überlegte kurz, ob sie noch etwas Wichtiges einkaufen müsste, damit am Ende nicht wieder ein Gang ins Wirtshaus unten ums Eck notwendig sein würde. Darauf hatte sie heute gar keine Lust. Essen würde sie aber schon etwas müssen, so dünn, wie sie zurzeit war und wie es ihr schon selbst aufgefallen war. Der Kühlschrank sollte aber ausreichend Vorrat bieten, dass sie sich etwas Gutes und vor allem etwas Heißes zubereiten können sollte.
Beruhigt trat sie in die Pedale und fuhr ziellos durch die Gegend. Ziellos bedeutete bei Maria aber nicht, dass sie planlos herumfuhr. Sie kannte lediglich alle Straßen und Wege inund auswendig, sodass die Fahrt ohne weiteres Nachdenken ablief.
Nachdenken konnte sie dabei jedoch über alles Mögliche. Über die Arbeit, die Kollegen und Kolleginnen, über Dr. Hartmann, gegen den sie offenbar ein völlig unbegründetes Vorurteil gehegt hatte –bis zum heutigen Vormittag. Und dann schweiften ihre Gedanken auch zu ihrer Annette. Selbst in Gedanken war das ihre Annette. Würde sie tatsächlich überleben? Und wenn ja, was würde das für ein Leben sein? Ewig im halbwachen oder kaum wachen Zustand? Was würde sie über ihre Entstellungen denken, wenn sie sich derer bewusst werden könnte? War es in Anbetracht dessen nicht eigentlich eine Zumutung, dass sie und Dr. Hartmann versuchten, dieses Leben zu retten? Maria war sich da nicht so sicher, als sie ihr Fahrrad im Keller abstellte und die vier Stockwerke in die Wohnung hinaufsprang.
Am kommenden Morgen war Maria rasch mit dem Fahrrad zum Bezirksgericht gefahren, um eine Urkunde abzugeben, die man noch für eine Eintragung ins Grundbuch von ihr benötigte. Tante Clara, ihr Schatz aus Kindheitstagen und auch danach, war im Vorjahr verstorben und hatte ihr ein wahres Vermögen hinterlassen. Schmuck, Geld, Grundstücke, sogar zwei Häuser am Stadtrand. Maria hatte überhaupt nicht damit gerechnet, und die Trauer um Clara war noch größer geworden, als sie von der Erbschaft erfahren hatte, umso mehr, als Clara ihr einen sehr emotionalen Brief hinterlassen hatte, in dem sie aus ihrer großen Zuneigung zu Maria kein Hehl gemacht hatte.
Jedenfalls wären die Amtswege nun zu Ende, und Maria hatte auch nicht verstanden, warum die Beamtin so darauf gedrängt hatte, dass sie die Urkunde persönlich vorbeibringen sollte. Ein eingeschriebener Brief hätte es sicher auch getan.
Um zehn Uhr kam Maria in frische Dienstkleidung gehüllt ins Fünferzimmer und fiel aus allen Wolken. Annette war weg, das Bett war weg, und Nino stand mit unsicherem Blick am Fenster und nestelte an ihrer Bluse herum.
»Ist sie tot?« Maria war bleich geworden und setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke.
»Nein, sie ist nicht tot.«
»Wo ist sie denn? Was geschieht mit ihr? Wer passt denn auf sie auf?« Marias Stimme überschlug sich beinahe.
»Beruhige dich, Maria. Der Kornthaler hat sie abholen lassen. Vor einer guten Stunde.«
»Wer ist der Kornthaler?«
»Professor Kornthaler, das ist der neue Chef unserer plastischen Chirurgie. Hast du von dem noch nichts gehört? So ein Wunderwutzi, der aus Amerika zurückgekommen ist.«
»Nie von dem gehört, wahrscheinlich so ein Brustvergrößerer. Was will der denn?«
»Der schaut sich die Frau Dr. Weiß an. Das macht er im Operationssaal, damit er alles bestens begutachten kann.«
»Und dann will er sich an meiner Annette profilieren. Sicher. Da kann man schon einmal einiges ausprobieren, und wenn es schiefgeht, dann ist es ja auch wurscht.«
»Was ist wurscht?«, ertönte plötzlich eine tiefe Stimme, und Maria wirbelte herum.
»Es ist ja wurscht, was mit meiner Annette geschieht, jetzt soll sie vielleicht auch noch ein Versuchskaninchen abgeben.« Sie hatte das alles ausgesprochen, ehe ihr bewusst wurde, dass sie ja vor zwei Männern stand. Beide hatten eine Augenbraue hochgezogen, einen kannte sie, das war Dr. Hartmann, den zweiten, einen hässlichen Mann, hatte sie noch nie gesehen, und es dämmerte ihr, dass das Professor Kornthaler sein könnte, der vielleicht selbst auch einmal einen Schönheitschirurgen in Anspruch nehmen sollte, wie ihr sofort in den Sinn kam. »Entschuldigen Sie meinen Ausbruch, aber ich mache mir bloß Sorgen um meine Annette.«
Der Mann war in der Tat Kornthaler. Doch als er merkte, dass sich Maria tatsächlich Sorgen um die Patientin Weiß machte, entspannten sich seine Züge, und da schien er bei Weitem nicht mehr so hässlich zu sein.
Dr. Hartmann machte alle zügig miteinander bekannt. Dabei trat zutage, dass Kornthaler offenbar schon bestens über Maria Bescheid wusste.
Ohne weitere Umschweife berichtete Kornthaler von seinem Vorhaben. Unzählige Eingriffe habe er vor. Kleine und große Operationen, einfache und komplizierte. Das würde vermutlich Monate dauern.
»Sind Sie bereit, das mit uns durchzuziehen, Schwester Maria?«
»Ich weiß nicht, was das für einen Sinn haben soll, Herr Professor, das ist doch bloß eine Quälerei.«
»Ob es für Ihre Annette eine Quälerei wird, hängt unter anderem stark von Ihnen und Ihrem Arbeitseinsatz ab.«
Auch Kornthaler hatte »Ihre Annette« gesagt, ganz ohne Unterton. Das war Maria sofort aufgefallen. »Von mir können Sie alles haben. Ich bin ja dafür da.«
Er schüttelte den Kopf. »Viele sind für irgendetwas da, und man kann dennoch nicht viel von ihnen haben.« Jetzt lächelte er breit, und Maria war klar, dass man an diesem Gesicht mit so viel Charakter niemals herumschneiden sollte.
»Bei mir ist das anders«, erwiderte Maria kurz angebunden.
»Das habe ich schon gehört. Kollege Hartmann hat mich aufs Genaueste informiert.«
»Aber wo ist denn meine Annette nun?«
»Auf der Intensivstation … «
»Was? Auf der Intensiv? Wieso denn das? Geht es ihr schlecht?«
»Es geht ihr nicht schlecht. Sie hatte bloß Herzrhythmusstörungen, und da wollte ich auf Nummer sicher gehen und sie für ein paar Stun-den dort überwachen lassen. Ich konnte das ohnehin nur deswegen, weil zwei Betten frei geworden waren und die Kollegen dort so lieb waren, Frau Dr. Weiß bis Mittag zu übernehmen.«
»Dann ist sie also bald wieder zurück.«
»So ist es«, antwortete Kornthaler, und dann schien er sehr nachdenklich zu werden. »Das Problem wird sein, die Schwester der Patientin zu überreden, den Eingriffen zuzustimmen. Der müssen wir das plausibel machen, was wir hier vorhaben.«
»Mir ist ja auch noch nicht klar, was das alles soll.« Maria hatte sich lautstark zu Wort gemeldet.
Dr. Hartmann nahm sie an der Hand. »Schwester Maria, Sie haben mich gestern davon überzeugt, dass man Ihre Annette nicht sterben lassen sollte. Wenn uns das gelingt, dann sind wir aber auch verdammt noch mal verpflichtet, der jungen Frau die Möglichkeit zu geben, wieder ein normales Leben zu führen. Dazu gehört nun einmal auch, dass die völlig verdrehte Nase zwischen den schönen Augen wieder gerade gerichtet wird, und vieles mehr.«
»Aber sie ist doch gar nicht bei Bewusstsein.«
Hartmann drückte Maria fest die Hand. »Muss das so bleiben? Stellen Sie sich vor, Sie kommen eines Tages in den Dienst, pflegen und waschen Ihre Annette, und wenn Sie fertig sind, sagt diese plötzlich: ›Danke, Schwester Maria, das haben Sie wieder ausgezeichnet gemacht.‹ Soll sie dann so aussehen wie heute?«
Maria schluckte, und plötzlich kamen ihr die wunderschönen klaren blauen Augen der Patientin in den Sinn, die sie doch ansahen und nicht durch sie hindurchsahen. Vielleicht sollte irgendwann der Zeitpunkt kommen, an dem ihre Annette sagen würde: »Schwester Maria, Sie haben mich ja brav gepflegt, aber geflucht und geschimpft haben Sie wie ein Rohrspatz.« Der Gedanke bereitete Maria ein Hochgefühl. Sie war dabei beim großen Vorhaben.
»Da kommt noch etwas dazu, Schwester Maria«, ließ sich Kornthaler vernehmen, »es geht mir bei den Operationen nicht nur um die Schönheit. Wissen Sie, ich komme nicht von der Schönheitschirurgie, ich komme vom Wiederherstellen. Natürlich geht es mir auch darum, ein ansehnliches Ergebnis zu erzielen, es geht aber vor allem darum, alle Bewegungsfunktionen wieder zurückzugewinnen, Narben zu korrigieren, totes Gewebe, das den Körper belastet, zu entfernen, alles in allem darum, die Möglichkeit aufzubereiten, dass sich Ihre Annette auch wirklich wieder erholen kann.«
»Und das bedeutet Arbeit«, schloss Maria. »Ich bin dabei.«
Die Stalin, die alles völlig schweigsam und scheinbar unbeteiligt mitbekommen hatte, richtete sich langsam auf, streckte sich und ließ sich auf einen Sessel fallen. Alle Gesichter waren nun auf sie gerichtet. »Was ist? Ich bin auch dabei. War doch ohnehin klar. Oder?« Zwei Tage später wurde die Tür vom Fünferzimmer aufgerissen, und Paula Streifenberger, Annettes Schwester, stürmte wutentbrannt hinein.
»Schwester, was fällt Ihnen ein, da so einen Murks in Gang zu setzen? Halten Sie es nicht aus, dass eine Patientin auch einmal sterben muss? Müssen Sie mit unserer Anni herumexperimentieren? Es ist ein Skandal. Wir haben es ausführlichst besprochen, dass keine weiteren Maßnahmen gesetzt werden, um sie in Ruhe einschlafen zu lassen.«
Maria sagte erst gar nichts, ging auf Paula Streifenberger zu und nahm sie an der Hand. Diese ließ sich, völlig perplex, von Maria ans Bett ziehen. Sie hatte ihre Annette eben gepflegt, und so gab diese einen den Umständen entsprechend gar nicht so schlechten Anblick ab. »Frau Streifenberger, ehe wir über irgendetwas weitersprechen, sehen Sie Ihrer Schwester in die Augen, diese wunderbaren blauen, lebenden Augen.« Sie führte sie nun direkt zum Gesicht ihrer Annette. »Sehen Sie. Wollen Sie solche Augen sterben lassen?«
Paula Streifenberger brach in Tränen aus. Sie hatte seit Annettes Unfall nicht eine Träne verdrückt. Alles hatte sie professionell abgehandelt und war deswegen in Clinch mit ihrem Lebenspartner gekommen, der das nicht nachvollziehen konnte und Emotionen von ihr einforderte. Der Blick in Annettes Augen änderte aber alles. Jetzt weinte sie bitterlich.
»Lassen Sie sie nicht sterben. Bitte. Lassen Sie sie nicht sterben.«
Maria hatte Paula in die Arme genommen und strich ihr sanft durchs Haar. »Das, Frau Streifenberger, haben wir vor. Wir wissen nicht, ob wir es schaffen, aber wir werden es versuchen. Und ich kann Ihnen versprechen, dass ich alles für meine Annette machen werde.«
Paula richtete sich auf. »Ihre Annette? Sehen Sie das so?« »Ja, meine Annette.« Paula lächelte ein wenig. »Dann ist sie ja in besten Händen.«
Vier Monate später hatte Annette bereits einige Operationen hinter sich gebracht und dabei auch die eine oder andere kritische Situation überstanden. Einmal hatte es postoperativ einen Herzstillstand gegeben, und bloß dem unglaublich kompetenten und schnellen Eingreifen eines Anästhesisten war es zu verdanken gewesen, dass nicht alles umsonst gewesen war. Der Zwischenfall bedeutete auch wieder eine Woche Intensivstation für Annette, doch das konnte Maria für ein paar Tage Erholungsurlaub nutzen. Dr. Hartmann hatte sie nach Hause geschickt, als sie verweint aus der Intensivstation zurückgekommen war, um zu sehen, ob die Schwestern dort alles richtig machen würden. Die machten auch alles richtig und behandelten Maria liebevoll wie eine enge Angehörige, was diese völlig aus dem Häuschen brachte. Sie schlief ein paar Tage beinahe durch und kam dann ausgeruht und voller Tatendrang wieder ins Fünferzimmer, in das, kaum dass Maria dort alles auf die Reihe gebracht hatte, Annette in ihrem Bett angerollt kam.
Nicht nur Maria schien erholt zu sein, auch ihre Patientin war um Ecken besser in Schuss als noch vor wenigen Tagen.
Maria machte sich gleich einmal daran, Annette von Kopf bis Fuß zu inspizieren. Die Wunden, die bei den früheren Operationen entstanden waren, schienen allesamt gut verheilt zu sein, wie überhaupt Annettes Körper ein Potenzial zum Abheilen von Verletzungen zu haben schien, das Kornthaler und Hartmann immer wieder staunen ließ. Hartmann ließ das auch einmal in einem langen Gespräch mit Maria fallen. Er wäre sich nicht ganz sicher, ob die Frau Doktor Weiß nicht auch ohne seine Hilfe gesund geworden wäre. Dafür erntete er von Maria einen Rempler, und sie zeigte ihm einen Vogel. Maria hatte gar nichts gesagt, doch diese Reaktion ließ ihm das erste Mal die Selbstzweifel verschwinden, die ihn plagten, seit er sein Studium abgeschlossen hatte, und die er nun schon beinahe perfekt verschleiern konnte. Damals hatte er sich auch zur Seite gedreht und Maria einen Kuss auf die Wange gedrückt. Sie war rot geworden wie eine Tomate, und Hartmann sah das erste Mal, dass da nicht nur eine raue, herzensgute, sondern auch eine wunderschöne Frau neben ihm saß.
Die Inspektion der Patientin verlief zu Marias größter Zufrieden-heit. Die junge Frau hatte wieder ein Gesicht, und zwar ein hübsches. Die Augen waren endlich wieder im passenden Rahmen. Kornthaler hatte die Nase so schön hergerichtet, dass Maria sich nicht sicher war, ob die ursprüngliche Form auch so edel gewesen war. Sie musste Paula Streifenberger um ein Foto bitten. Langsam wurde es Zeit, Vergleiche anzustellen.
Es klopfte an der Tür, und Marias Blutdruck stieg bereits in bedenkliche Höhen. Das Klopfen kannte sie bereits. Das konnte nur Schwester Kathrin sein.
»Einen Augenblick noch, ich bin gleich so weit.« Maria hatte zwar gar nichts zu tun, außer Annette mit einem Leintuch zuzudecken, doch es bereitete ihr ein kleines Vergnügen, Schwester Kathrin warten zu lassen. »So, Sie können jetzt hereinkommen.«
»Warum lassen Sie mich vor der Tür warten? Ich bin doch auch Schwester.«
»Und woher soll ich wissen, dass nicht eine Vertreterin der Zeugen Jehovas vor der Tür steht?«
»Weil Zeugen Jehovas hier keinen Zutritt haben.«
»Und Sie kontrollieren das akribisch?«
»Natürlich … « Schwester Kathrin räusperte sich. »Ist ohnehin sinnlos«, murmelte sie, »Schwester Pia, Sie sollen schnell zur Oberin kommen.«
»Ja, Schwester Kathrin, ich mache mich auf die Socken.« Schon war sie vorbei an ihrer Stationsschwester.
»Wollen Sie Frau Dr. Weiß allein lassen?«
»Wollen nicht. Aber haben nicht gerade Sie mich zur Oberin geschickt? Übrigens, man kann meine Annette auch schon eine Zeit lang allein lassen und muss nicht mehr Angst haben um sie.«
Zwei Minuten später betrat Maria das Zimmer der Oberin.
»Ah, Sie sind schon da.«
»Es hat geheißen, dass ich kommen soll, also bin ich da.«
»Schwester Pia, ich möchte, dass Sie teilweise wieder auf der Normalstation Dienst tun. Neben Ihrer Betreuung von Frau Dr. Weiß.« Innerlich stellte sie sich auf eine Schimpftirade und auf wüsteste Ausdrücke ein. Instinktiv verkrampfte sie sich dabei.
»Das soll kein Problem sein.«
»Wie?« Die Oberin entspannte sich. Hatte sie richtig verstanden? »Wie meinen Sie das?«
»Ich meine, dass es kein Problem darstellen wird, wenn ich mehr oder weniger bei meiner Annette bleiben kann. Bloß die ersten fünf Tage nach Operationen bringen Sie mich nicht aus ihrem Zimmer. Da können Sie Gift darauf nehmen.«
»Wird das wirklich möglich sein?«
Maria ruderte ungehalten mit ihren Armen in der Luft herum. »Haben wir ein Verständigungsproblem, Frau Oberin? Spreche ich Mongolisch? Ich mache das so, wie Sie es wollen, und an den ersten fünf Tagen nach Operationen mache ich es so, wie ich es für richtig halte. War das jetzt einigermaßen verständlich? Auch für Sie?«
Den Nachsatz hätte sich Maria sparen sollen. Sie konnte sich nun eine Viertelstunde lang anhören, welch unmögliche Person sie wäre, flegelhaft, absolut eine Zumutung für jede Vorgesetzte und überhaupt das Letzte, was es an Schwestern in dieser Krankenanstalt gäbe.
Maria hatte ihre Ohren auf taub gestellt und wartete bloß, bis sich der Mund der Oberin nicht mehr bewegte.
»War es das?«
»Verschwinden Sie!«
Mit ihrer teilweisen Rückversetzung auf die Station normalisierte sich Marias Alltag wieder. Die Freizeitaktivitäten waren gleich geblieben, lediglich der Drang, sich zu Hause schön zu machen, war stärker geworden. Es verging beinahe kein Tag mehr, an dem sie nicht ein wunderbares Bad nahm, bei dem sie ihren Körper –ohnehin bereits straff und schön durch das viele Fahrradfahren –durch Pflege in einen Zustand brachte, der ihr sehr gefiel. Ihre Haut war vom Kopf abwärts glatt und weich, kein störendes Haar wurde geduldet. Lediglich die Hände bekam sie nicht ganz so in den Griff, wie sie es sich vorstellte. Die Arbeit ließ das nicht zu, wenngleich Maria nun bereits mit einem Apotheker in der Nachbarschaft eine Art Versuchsreihe gestartet hatte, auch hier die Haut in Schuss zu halten. Sie hatte bei ihm um Rat gefragt, und er hatte es sich bald zu seinem persönlichen Ziel gemacht, Marias Hände zu »retten«, wie er es schon ein paarmal ausgedrückt hatte.
Nach so einem üblichen Bad schlüpfte sie in neckische Unterwäsche, zog sich sexy Strümpfe über die Beine und suchte sich ein passendes Kleid für den Abend aus. Alles untermalt von schöner Musik, wobei kein Abend verging, an dem sie nicht eine CD von Caterina Valente laufen ließ. Von Tante Clara hatte sie eine Menge CDs geerbt, unter anderem auch welche von der Valente, die sie bis zu diesem Augenblick nur vom Namen her kannte. Die wunderschöne Stimme der Sängerin zog sie aber so in ihren Bann, dass sie sich zumindest eine CD pro Abend anhörte.
Eines Abends rollte sie sich eben den zweiten Strumpf über das Bein nach oben und befestigte ihn am Hüfthalter, als ihr Festnetztelefon klingelte. Das stand im Vorraum, und sie besaß es eigentlich nur deswegen, weil die Kombination aus Festnetzanschluss und Internetzugang bei ihrem Betreiber unschlagbar günstig war. Eigentlich rief sie niemand über das Festnetz an. Da der Anrufer aber offensichtlich nicht auflegte, stürmte sie doch noch hinaus und nahm den Hörer in die Hand.
»Eisner.«
»Guten Abend. Paula Streifenberger am Apparat. Die Schwester Ihrer Annette.«
»Sie müssen nicht sagen, wer Sie sind. Ich erkenne Sie schon an Ihrer angenehmen Stimme.« Eben wurde Maria durch einen Blick in den Spiegel bewusst, in welchem Outfit sie sich am Telefon befand. Der schwarze Hüfthalter ließ ihre blanke Scham hervorleuchten, und der BH war nicht von schlechten Eltern.
Ein kurzer Augenblick der Stille war eingetreten. »Sie finden meine Stimme angenehm? Das ist schön, dass Sie das sagen. Ich höre gerne Komplimente. Aber Sie sollten einmal die Stimme meiner Schwester, Ihrer Annette, hören. Die klingt erst wohlig. Dagegen bin ich eine Blechtrommel.«
»Übertreiben Sie nicht. Sie sind überhaupt eine wundervolle Frau. Ich spüre doch, wie sehr Sie Ihre Schwester lieben.«
»Sie, Schwester Maria, Sie sind eine wundervolle Frau. Sie sind für mich die personifizierte Tatkraft und dabei so eine Schönheit.«
Rums. Das saß. Noch nie, noch nie hatte das irgendjemand zu Maria gesagt. »Finden Sie?« Marias Stimme war kaum zu hören.
»Ja, das finde ich. Und ich fände es ungemein schön, wenn Sie irgendwann die Möglichkeit hätten, sich ganz normal mit Ihrer Annette zu unterhalten. So wie wir zwei miteinander reden. Und sich nicht auf solche Gespräche beschränken zu müssen, wie Sie sie mit ihr führen.«
Maria war rot geworden. »Wovon sprechen Sie?«
»Seien Sie mir nicht böse, aber ich habe Sie neulich belauscht. Ich stand in der Zimmertür, und Sie haben mich nicht bemerkt, als Sie an Annette eine Generalpflege durchgeführt haben.«
Maria stieg die Hitze hoch. »Was … was habe ich denn gesagt?«
Paula Streifenberger lachte kurz auf. »Schwester Maria, Sie wissen das doch ganz genau. Ich habe noch nie jemanden so liebevoll mit einer schutz-und hilfsbedürftigen Person sprechen hören, mit so viel Respekt und Ernsthaftigkeit wie Sie. Ich konnte gar nicht bleiben, ich musste raus.« Sie machte eine Pause. »Ehrlich. Ich habe mich ins Auto gesetzt und eine Stunde lang geweint.«
Die Röte von Marias Kopf hatte sich noch deutlich vertieft. Welch ein seltsamer Anblick im Spiegel: der vor Scham gerötete Kopf und der durchtrainierte, begehrenswerte Körper in verführerischen Dessous. Es war das erste Mal, dass Maria die Vokabel »begehrenswert« für sich selbst in den Sinn kam.
»Sind Sie noch dran?«, wollte Paula wissen.
»Ja … ja. Sie haben mich verlegen gemacht. Das ist doch normal, dass man liebevoll ist zu seinen Patienten.«
»Sicher nicht.«
»Ich bin eben, wie ich bin.« Maria zuckte mit den Achseln.
»Ich schätze gerade das, und ich habe zufällig mitbekommen, dass Sie im Krankenhaus nicht von allen geschätzt werden, insbesondere Ihre Vorgesetzte hat es offenbar gar nicht leicht mit Ihnen, und das gefällt mir auch.« Sie räusperte sich kurz. »Schwester Maria, Frau Eisner, der eigentliche Grund meines Anrufes ist, dass ich Sie zu einem Essen zu mir einladen möchte.«
Maria zuckte zusammen. Vorgeführt zu werden als die heroische Krankenschwester und ganzabendliches Schulterklopfen, das war keine gute Vorstellung. »Ich weiß … «
»Keine Angst«, unterbrach sie Paula, »wir sind zu zweit. So wie ich Sie einschätze, ist das Letzte, was Sie brauchen, eine Schar Bewunderer, die Ihnen zu Füßen liegt.«
Das sah schon anders aus. »Na ja … «
»Und ich koche selbst. Ich bin keine schlechte Köchin, wenngleich ich Ihrer Annette nicht das Wasser reichen kann, was die Kochkunst anbelangt.«
Der Satz hatte Annette derart in eine reale Gegenwart versetzt, dass Maria sie förmlich am Herd stehen sah. Das Bild war schön und basierte nicht auf einer alten Fotografie, sondern auf dem Aussehen, das Annette jetzt im Krankenbett bot. Kornthaler hatte sie wieder zu einer schönen Frau gemacht, dieser hässliche Typ mit Charakter und mit Charisma. »Dann kochen Sie halt diesmal, und bei einem der nächsten Male lassen wir meine Annette kochen. Das wäre doch eine Idee.«
Maria konnte es nicht sehen, aber Paula strahlte übers ganze Gesicht. Die Vorstellung, von ihrer Schwester eine gefüllte Kalbsbrust serviert zu bekommen, ließ ein unbeschreibliches Glücksgefühl in ihr aufkommen. »Schwester Maria, ich freue mich, wenn Sie zu mir kommen.«
»Ich komme gerne zu Ihnen. Frau Streifenberger, bitte lassen Sie die Schwester weg. Für Sie bin ich nur Maria oder Frau Eisner, wie Sie wollen. Und noch etwas: Muss ich mich irgendwie besonders kleiden, wenn ich zu Ihnen komme?«
Paula verstand nicht recht. »Was meinen Sie? Sie können kommen, wie Sie wollen. Es ist bei mir weder heiß noch kalt. Wie Sie möchten. Sie werden ja nicht in Schwesterntracht kommen wollen.«
»Ganz bestimmt nicht. Woher haben Sie übrigens diese Telefonnummer?«
»Aus dem Telefonbuch. Sie sind die einzige Maria Eisner in dieser Stadt. Hat mich eigentlich gewundert. So, ich sage Ihnen noch, wie Sie zu mir finden, und Sie sagen mir, wann Sie kommen können.«
Drei Minuten später hatte Maria aufgelegt und stand vor dem Spiegel. Wie schön wäre es doch, wenn sie den Mut hätte, mit solchen Dessous aus dem Haus zu gehen. Einfach ein schönes Kleid überzuwerfen und so zu Frau Streifenberger gehen zu können, das wäre etwas. Ob sie so etwas jemals zustande bringen würde?
Plötzlich war ihr gar nicht mehr nach Abend in Garderobe zumute. Sie zog sich wieder sorgsam aus, streifte ihr Nachthemd über und setzte sich vor den Computer. Sie surfte ein wenig herum und war bald auf Seiten mit erotischem Inhalt gelandet. Sie ließ die Hand in ihre Mitte gleiten und begann sich sanft zu liebkosen. Kurz darauf klickte sie die Seite wieder weg, legte sich ins Bett, versuchte zu lesen, doch daraus wurde auch nichts, sie war nicht in der Lage, sich zu konzentrieren.
Also löschte sie das Licht und ließ wieder eine Hand in ihre aufgewühlte Mitte gleiten. Und schon kam ihr das Bild ihrer Annette vor Augen, wie sie in der Küche stand, elegant in ein lockeres Sommerkleid gehüllt, in einer Schüssel rührend und mit einem Blick aus den wunderbaren blauen Augen auf Maria. Der Orgasmus, der Maria überrollte, war so gewaltig, dass sie sich kaum fangen konnte. Und ebenso das schlechte Gewissen und die dadurch hervorgerufene Übelkeit, dass sie sich beinahe übergeben musste. Sie weinte bittere Tränen, als ihr bewusst wurde, dass sie sexuelle Fantasien in Bezug auf eine hilfsbedürftige Person hegte. Nicht bezüglich einer hilfsbedürftigen Person, nein, bezüglich der hilfsbedürftigen Person. Das war doch das Allerletzte.
Am nächsten Tag war Maria todtraurig. Lethargisch zog sie ihre Schwesternkleidung an und trottete auf die Station. Sie war früh dran und traute sich irgendwie nicht ins Fünferzimmer, wo die Stalin sicher noch mit Annette werkte. Endlich nahm sie sich ein Herz und stahl sich ins Zimmer.
»Was ist dir denn heute über die Leber gelaufen?«, brachte es Schwester Nino gleich auf den Punkt. »Was machst du für ein Gesicht?«
»Ich habe nicht gut geschlafen.« Das entsprach der Wahrheit, war aber nicht der Grund für ihre Stimmung. Maria hatte Angst, in Annettes blaue Augen, in ihr wieder hübsches Gesicht zu sehen. Was würde sie zu Maria sagen? Plötzlich fasste sie sich Mut, stürmte zu ihrer Annette und sah ihr ins Gesicht, in die blauen Augen. Da war Nachsicht zu spüren. Es war nicht der übliche Blick, nein, der heutige war viel wärmer als sonst. Marias Laune war wie ausgewechselt. Alle Lebensgeister waren wieder da, und sie freute sich auf den Arbeitstag, obwohl sie wusste, dass sie nur wenig Zeit bei ihrer Annette würde verbringen können.
Der Stalin war der Umschwung nicht entgangen, doch sie schüttelte bloß den Kopf.
Das wiederum war Maria nicht entgangen. »Warum schüttelst du den Kopf?«
»Du liebst deine Annette. Stimmt’s?«
Wham! Das war wie eine Ohrfeige. »Wie kommst du darauf?«
»Das kann ich doch mit geschlossenen Augen sehen. Deine Annette ist doch deine große Liebe. Sei doch ehrlich.«
»Nino! Was sagst du da?«
