Das verborgene Leben der Pflanzen - Lee Sung-U - E-Book
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Das verborgene Leben der Pflanzen E-Book

Lee Sung-U

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Beschreibung

Der Privatdetektiv Ki-Hyeon bekommt endlich einen Auftrag: Er soll eine Frau beschatten. Der Kunde bleibt anonym, und als er die Frau zu Gesicht bekommt, schreckt er zurück: Es ist seine Mutter. Soll er den Auftrag annehmen? Schicht um Schicht taucht er ein in die Geheimnisse. War es wirklich ein Unfall, dass sein Bruder, ein talentierter Fotograf, in der Armee beide Beine verlor? Warum ist das Mädchen verschwunden, das vor dem Unfall des Bruders große Liebe war? Und wer ist der große Unbekannte, der im Leben der Mutter auftaucht, als gehöre er mit zur Familie? Was weiß der Vater, der fast wortlos seine Rolle in diesem beklemmenden Familienverbund spielt? Dieser kunstvoll komponierte Roman legt eine dramatische Familiengeschichte frei, in der zum Schluss die Liebe über Schuld, Beklemmung und Schweigen siegt.

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

Der Privatdetektiv Ki-Hyeon bekommt endlich einen Auftrag: Er soll eine Frau beschatten. Als er sie zu Gesicht bekommt, schreckt er zurück: Es ist seine Mutter. Soll er den Auftrag annehmen? Dieser kunstvoll komponierte Roman legt eine dramatische Familiengeschichte frei, in der zum Schluss die Liebe über Schuld, Beklemmung und Schweigen siegt.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Lee Sung-U (*1959) studierte Theologie. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller lehrt er Koreanische Literatur an der Universität von Chosun. In seiner Heimat erhielt er zahlreiche Preise, in Frankreich war er für den Prix Femina nominiert.

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Ki-Hyang Lee (*1967) studierte in Seoul, Würzburg und München. Sie ist Übersetzerin aus dem Koreanischen und seit 2011 Verlegerin des Märchenwald Verlags München.

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Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Lee Sung-U

Das verborgene Leben der Pflanzen

Roman

Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee

E-Book-Ausgabe

Mit einem Bonus-Dokument im Anhang

Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book enthält als Bonusmaterial im Anhang 1 Dokument

Die Originalausgabe erschien 2000 im Verlag Munhakdongne, Seoul.

Der Verlag dankt der Daesan Foundation für die Unterstützung der Übersetzung und Herausgabe dieses Bandes.

Originaltitel: Sikmuldŭrŭ sasaenghwal

© by Lee Sung-U 2000

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Rachel Bellinsky

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30831-2

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

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Version vom 26.07.2024, 17:40h

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Inhaltsverzeichnis

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Über dieses Buch

Titelseite

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Inhaltsverzeichnis

DAS VERBORGENE LEBEN DER PFLANZEN

1 – »Warum lachen Sie?«2 – Sie war fuchsteufelswild. Dennoch empfand ich keinerlei Schuldgefühle …3 – Ich hatte jedoch keineswegs die Absicht, ihm den …4 – Genau genommen war es gar kein Zufall …5 – Nach den Vorkommnissen auf dem Markt der Lotusblüten …6 – Ich kann sagen, dass ich geschickter zu Werke …7 – Am nächsten Tag ging ich allein den Lieblingsweg …8 – Ich weiß nicht, ob man es als entscheidend …9 – Meine Verbitterung gegenüber meinem Bruder wuchs von Tag …10 – Ich weiß nicht, seit wann er mich in …11 – »Du bist Abschaum«, keuchte mein Bruder, »du bist …12 – Ich kaufte eine Kamera vom selben Typ …13 – Die Erkenntnis, was es mit dieser Eingebung beim …14 – Es war nicht schwierig, Sun-Mi ausfindig zu machen …15 – Gegen zwanzig nach acht morgens verließ sie ihre …16 – »Was ist mit U-Hyeon?« Ich war überrascht …17 – Als meine Mutter mir von einer geplanten Dreitagesreise …18 – Meinem Bruder passte das alles überhaupt nicht …19 – Die Erinnerung an die unwirkliche Erscheinung der Palme …20 – Den Baum hat er gepflanzt21 – Mit einundzwanzig Jahren also war meine Mutter diesem …22 – Er setzte sich mit ihr in den Fond …23 – »Und danach habe ich ihn nicht mehr gesehen.« …24 – Nachdem wir Namcheon hinter uns gelassen hatten und …25 – Nachdem wir aus Namcheon zurückgekommen waren, verhielt sich …26 – »Ich bin eine Hure, nicht mehr wert als …27 – Ich weiß nicht, ob ich das Richtige getan …28 – Sun-Mi weinte. Weinen war das Einzige, zu dem …29 – »Ich habe geträumt«, sagte Sun-Mi30 – Mit einem Fünkchen Hoffnung betätigte ich den Anlasser …31 – Im Supermarkt der landwirtschaftlichen Genossenschaft eines Dorfes an …32 – Ich war fast in Seoul angekommen, als das …33 – »Mach das Licht aus«, sagte mein Vater34 – Der nächtliche Wald war nicht länger beängstigend …35 – Zwei Tage lag mein Bruder im Bett …36 – Mein Vater kochte. Das war mir zu verdanken …37 – Sobald der Tag anbricht, packe ich meinen Bruder …

Mehr über dieses Buch

Lee Sung-U: »Der Weg kann sehr lang sein, bis die Menschen sich öffnen.«

Über Lee Sung-U

Über Ki-Hyang Lee

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1

»Warum lachen Sie?«

Als sie mir mit großen, kugelrunden Augen diese Frage stellte, war ich mit meinen Gedanken ganz woanders. Silbrig glänzende Lippen, eng anliegende Shorts, doch das Straßenmädchen schien nicht sonderlich gut gelaunt zu sein. Ihr Gesicht ließ keinen Zweifel daran, dass sie mich für einen schwierigen Kunden hielt. Allerdings kümmerte mich ihre Laune herzlich wenig. Ich fand nur im ersten Moment die Farbe der Lippen etwas ungewöhnlich. Nichts weiter.

Ich saß am Steuer meines Wagens, die Scheibe halb heruntergelassen, sie steckte ihren Kopf zum Fenster herein. Die Kniekehlen durchgestreckt, reckte sie den Po so weit nach hinten, dass ich mir kein genaues Bild ihrer Beckenpartie machen konnte. Der Ausschnitt ihres weiten T-Shirts bot mir hingegen einen tiefen Einblick auf ihre ausgeprägten Rundungen. Ich hielt es nicht für nötig, meinen Blick davon abzuwenden. Daher führte ich unser Gespräch fort, ohne meine Augen von ihren Brüsten zu nehmen. Zudem wäre es in Anbetracht des offensichtlichen Stolzes, mit dem sie ihre Ausstattung präsentierte, geradezu taktlos gewesen wegzusehen. Ich fragte sie nach ihrer Größe, ihrem Alter, bat sie, sich zu drehen und ein paar Schritte zu gehen, und erkundigte mich zu guter Letzt, ob sie bereit wäre, sich abzuschminken. Sie antwortete mir, sie sei einen Meter und sechzig groß, zweiundzwanzig Jahre alt und sie sehe nicht ein, warum sie sich abschminken solle. Im Bett würde das keine Probleme machen, versicherte sie mir mit einem lasziven Lächeln. Aber anstatt sich wie aufgefordert ein paar Schritte zu bewegen, meinte sie schnippisch: »Aber mein Herr, braucht die Stute, für die Sie hierhergekommen sind, etwa ein gebärfähiges Becken?« Stimme und Gesichtsausdruck verrieten eine gewisse Ungeduld, als sie mich kurz und knapp vor die Wahl stellte: »Also, ja oder nein?«

Aus irgendeinem Grund erinnerte mich das an eine Filmszene. Und ich hatte gelacht. Nicht wirklich gelacht. Es war eher die Andeutung eines Lächelns, das sofort wieder verflog.

Wo hatte ich bloß diesen Film gesehen? Bestimmt in einem der Vorortkinos von Seoul. Dort hatte ich in den Jahren, da ich mich fern von zu Hause herumtrieb, mangels anderer Möglichkeiten ab und zu die Nacht verbracht. Es war der Film eines ganz bekannten iranischen Regisseurs gewesen. Seinen Namen, Abbas Kiarostami, hatte ich erst später erfahren. Da ich ja nicht gezielt einen ganz bestimmten Film hatte ansehen wollen, war die Handlung nicht so entscheidend für mich gewesen. Man hatte mir den Film als niveauvoll empfohlen, was nicht zwangsläufig bedeutete, dass er nur intellektuelles Publikum anzog. Immerhin befand sich auch jemand meines Schlages unter den Zuschauern. Ehrlich gestanden, verstehe ich nicht recht, was an diesem Film so gut gewesen sein soll. Ich hatte ursprünglich sogar vorgehabt, mich im Dunkeln auszustrecken und einzuschlafen. Aber an manchen Abenden stürmen einfach tausend Gedanken auf einen ein. Ich glaube, das war damals der Fall. Es gelang mir einfach nicht, einzudösen, weshalb ich eine ganze Weile die Bilder auf der Leinwand verfolgte, ohne allerdings ganz bei der Sache zu sein.

Der Film bot keine spektakulären Szenen und war in meinen Augen weder spannend noch witzig. Trotzdem kann er kaum so nichtssagend gewesen sein, da er in meinem Gedächtnis haften geblieben ist. Und jetzt kam also einer der Ausschnitte, die irgendwo in meinem Unterbewusstsein vergraben waren, aus dem Nichts wieder zum Vorschein.

Der Protagonist in einem alten Auto, auf der Suche nach jemandem, der bereit wäre, ihn bei lebendigem Leibe zu begraben, mit einem Blick, der äußerste Entschlossenheit und Leidenschaft zum Ausdruck brachte. Als mich das Mädchen durch das Seitenfenster unverblümt gefragt hatte, Also, ja oder nein?, war mir durch den Kopf geschossen, dass ich mich in nahezu derselben Situation befand wie der Held des Films. Dies war der Grund, weshalb mir ein spöttisches Lächeln entschlüpft war. Wie er saß ich am Steuer, bewegte mich im Schritttempo durch die Gegend, vermittelte wohl den Eindruck, ziellos spazieren zu fahren. Und wie er war ich auf der Suche nach jemandem, der bereit war, mir einen Gefallen zu tun. Für den Hauptdarsteller des Films indessen hatte sich die Suche den ganzen Tag hingezogen, vielleicht sogar mehrere Tage. Das war bei mir anders. Ich hatte das Haus vor zwei Stunden bei Sonnenuntergang verlassen. Ungefähr vor vierzig Minuten war ich in dieser Straße angekommen, in der ich seither gemächlich dahinrollend herumlungerte, das Fenster auf meiner Seite heruntergelassen, um die Mädchen, die an mir vorübergingen oder an den Straßenlaternen lehnten, besser begutachten und gelegentlich eine davon anquatschen zu können.

Warum hatte eigentlich der Mann in dem Film auf mich nicht verzweifelt gewirkt? Er war dermaßen ruhig und gelassen gewesen, so gewissenhaft wie ein Angestellter bei der Arbeit, ganz seinem Unternehmen verpflichtet und nicht wie ein Typ, der entschlossen war, diese Welt zu verlassen. Vermittelte ich etwa den gleichen Eindruck? Erschien ich wie jemand, der getreulich einen Auftrag erledigt, den man ihm anvertraut hat?

Mein Lachen, oder eher mein Grinsen, war meine Erwiderung gewesen. Ich antwortete weder mit Ja noch mit Nein. Dieses Mädchen hatte zwar keinen Schimmer, was in meinem Kopf vorging, aber es schien mir weder erforderlich noch zweckdienlich, sie darüber aufzuklären.

»Was suche ich denn, deiner Meinung nach?«, fragte ich sie, ohne das Grinsen zu lassen. Sie sah mich irritiert von oben her an, und kurz schien es, als versuchte sie die Antwort auf meine Frage zu erraten, doch dann wandelte sich ihre Neugier in Verärgerung.

»Also, ja oder nein?«, stieß sie zum dritten Mal hervor. Ihr ging es einzig darum, ob meine Wahl auf sie fiel oder nicht. Ihre Frage schloss jede andere Möglichkeit aus und sorgte dafür, dass ich mich auf eine von zwei Alternativen festlegen musste. Womöglich lief für die Mehrheit der Menschen auf unserem Planeten – abgesehen von Sophisten, die die Komplexität der Dinge verehren – alles auf diese simple Frage hinaus. Die Rolle des Hamlet, aus der man immer wieder als Quell sprühender Gedanken zitiert, hat das Leben meisterlich auf die Frage »Sein oder nicht sein« reduziert. Ist das allein der ausschlaggebende Punkt? Kann es so einfach sein?

Der Geschmack der Kirsche lautete der Titel des Films, den ich gesehen hatte. Ich fragte mich, wie entschlossen der Protagonist des Films den Freitod gesucht hatte. Sterben oder nicht sterben? Vielleicht hatte er auch ganz einfach nur jemanden gebraucht, der ihm die Entscheidung abnahm. War nicht das der eigentliche Grund, warum er sich nach einem Handlanger für sein Unterfangen umgetan hatte? Es ging nicht um eine simple Schaufelei, sondern darum, einen Menschen zu finden, dem er sein Schicksal anvertrauen konnte. Deshalb war er so sorgfältig zu Werke gegangen. So betrachtet, ergab das alles einen Sinn. Er hatte einen Richter über das Leben gesucht, keinen Totengräber. Wenn einer sich bereit erklärte, ihn einzugraben, müsste er sterben, andernfalls würde er weiterleben. Für den Helden standen die Chancen auf den Tod also fünfzig zu fünfzig, vielleicht sogar schlechter, doch gerade dadurch überwand er seine Hoffnungslosigkeit. Womöglich wollte der Regisseur andeuten, dass nicht vorherbestimmt ist, wer seinen Vorsatz zum Selbstmord tatsächlich in die Tat umsetzt.

Ich aber hatte keinen Grund zur Hoffnungslosigkeit, denn ich war ja nicht auf der Suche nach jemandem, der über mein Dasein entscheidet. Mir ging es um die Befriedigung fleischlicher Begierden, allerdings nicht einmal um meine eigenen. »Steig ein!«, sagte ich zu dem Mädchen und wies mit dem Kinn in Richtung Beifahrersitz, mit bedächtiger Miene, als hätte ich soeben eine schwerwiegende Entscheidung gefällt. Sie kam der Aufforderung nach, nicht ohne mit einem koketten Lächeln kundzutun: »Ich wusste gleich, dass es darauf hinausläuft.« Diese Selbstgefälligkeit war mir zuwider. Aber ich erkannte darin den Ausdruck eines gewissen Stolzes, eine unterschwellig empfundene Berufsehre, die zu verletzen unhöflich gewesen wäre. Ich schloss das Fenster und fuhr ohne weiteren Kommentar los. Die Lichter der Läden zu beiden Seiten der Straße flogen vorbei wie Sternschnuppen.

Als die belebten Straßen aus unserem Blickfeld verschwunden waren, fing sie plötzlich an zu schwadronieren: »Männer sind wirklich albern. Warum machen sie solche Umstände, wenn sie doch genau wissen, wo sie landen wollen?« Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen. Ihre Shorts waren etwas nach oben gerutscht und entblößten kräftige Oberschenkel. Mit ihren hohen, erdverkrusteten Absätzen würde sie mir mein Auto schmutzig machen, aber ich beschloss, darüber hinwegzusehen. Sie fuhr mürrisch fort: »Wenn sie hierherkommen, dann weil sie auch Lust darauf haben. Also, warum stellen sie sich so an? Wozu reden sie um den heißen Brei herum? Die Männer sind fast alle wie Sie, zumindest acht von zehn. Und sie tun so, als ob wir diejenigen wären, die sie aufgabeln würden. Lächerlich! Ob sie meinen, dass sie dann weniger wie ein wildes Tier wirken? … Und was heißt da eigentlich ›wirken‹!« Sie unterbrach ihren Redefluss und warf mir einen Blick zu. Demonstrativ wartete sie darauf, dass ich ihr zustimmte, aber ich zuckte nicht mit der Wimper. »Was macht das schon aus, ob sie wie ein Tier wirken? Menschen sind doch Tiere, oder?«, teilte sie ihr Resümee mit.

»Hör auf, so einen Stuss zu reden!«, knurrte ich, »und wisch dir die Kriegsbemalung weg.« Warum ich so harsch reagierte, weiß ich nicht recht. Vermutlich, weil sie von »wildem Tier« gesprochen hatte und mich das ärgerte. Erschrocken taxierte sie mich einen Moment aus den Augenwinkeln. Um mir zu zeigen, dass sie keineswegs beeindruckt war, fragte sie dann schmollend: »Warum sind Sie so scharf darauf, dass ich meine Schminke abmache?« Ihre Fragerei ging mir auf die Nerven. »Tus einfach, wenn ich es dir sage! Fang gleich mit diesen billigen Ohrringen an!«

An meinem barschen Ton erkannte sie, dass ich verärgert war. Sie entgegnete: »Das ist doch albern! Halten Sie mich für Ihre Geliebte?« Ich erwiderte, dass ich nicht im Mindesten die Absicht hätte, sie zu meiner Geliebten zu machen, da könne sie ganz beruhigt sein. »Also, warum verlangen Sie dann all diese Sachen?«, fragte sie spitz, während sie mit ihrem Unterschenkel wippte. Nun ja, warum verlangte ich eigentlich all das?

Es gab eine Frau, die in meinem Kopf herumgespukt hatte. Als ich in diese Straße eingebogen war, nein, seitdem ich daran gedacht hatte, dorthin zu fahren, waren meine Gedanken um sie gekreist und hatten eine Unruhe in mir ausgelöst. Das Mädchen neben mir konnte davon nichts wissen, dennoch geriet ich in Verlegenheit.

»Wenn ich eine Stunde lang mit dem Auto die Straße auf und ab fahre, mache ich das natürlich, um ein Mädchen zu finden! Daran fehlt es nebenbei gesagt auch nicht. Glaub aber nicht, dass es nicht schönere als dich gibt. Aber warum habe ich wohl dich ausgewählt?« Meine Frage war natürlich ein bisschen scheinheilig, aber zum Glück oder Unglück schien es ihr nichts auszumachen. »Weil ich Ihnen gefallen habe. Oder ist es wegen meiner Titten?« Während sie mir ihre Brüste entgegenstreckte, kicherte sie dümmlich. Ich lachte nicht, drehte noch nicht mal den Kopf. Da war vielleicht etwas Wahres dran. Sie hatte tolle Brüste, einen sexy Körper. Aber es war nicht mein eigener Geschmack, der mich geleitet hatte. Ob ich große Brüste liebte oder nicht, stand hier gar nicht zur Debatte.

Ich warf ihr einen Umschlag zu, den ich die ganze Zeit in der Jackentasche aufbewahrt hatte. Mit mürrischer Miene nahm sie das Kuvert entgegen und inspizierte seinen Inhalt. Ihre Stimme verriet einen Anflug von freudiger Überraschung, als sie fragte: »Ist das alles für mich?« Erneut drängte ich sie, sich abzuschminken und ihre Ohrringe abzustreifen. Ich erinnerte sie daran, dass ich sie gekauft hatte, und fügte hinzu, dass sie doch wissen müsse, wozu sie das verpflichtete. »Schon kapiert, ist ja auch nicht schwer.« Sie verstaute ihre Ohrringe zusammen mit dem Umschlag in ihrer Tasche. Dann machte sie sich daran, ihr Gesicht mit einem Feuchttuch abzureiben. Während ich über die Macht des Geldes nachdachte, warf ich dem Mädchen, das sich nach und nach von einer dicken Schicht weißen Make-ups befreite, hin und wieder verstohlene Blicke zu.

Sie war noch nicht fertig, als wir unser Ziel erreichten. Wir hatten noch nicht einmal fünfundzwanzig Minuten gebraucht. Ohne die bunte Beleuchtung der Geschäfte aus der Innenstadt war die Straße dunkel und wie ausgestorben. Die Autos fuhren zügig vorbei und Fußgänger waren rar. Schon bevor man ausgestiegen war, konnte man das Gras in der Luft riechen. In weniger als einer halben Stunde hatten wir die Stadt hinter uns gelassen.

An einem Gebäude stand das Wort »Eden«. Daneben schwebte die Leuchtanzeige für eine öffentliche Sauna, aus Wellen aufsteigender Wasserdampf, gleichsam im nächtlichen Himmel. Die ganze schaurige Erscheinung erinnerte an ein Spukschloss aus einem Horrorfilm. Die Prostituierte schien diese Gedankenverbindung zum Glück nicht herzustellen. »Du bist bezaubernd«, hatte sie mir gerade mädchenhaft säuselnd zugeflüstert, während sie sich bei mir unterhakte. Ich machte mich aus ihrer Umklammerung frei und ging auf das Gebäude zu, das weißen Dunst ausdampfte. Mir dicht auf den Fersen folgend, dachte sie wohl, ich hätte ihren Arm aus Schamhaftigkeit zurückgewiesen. Ihr albernes Gekicher ließ mich zu diesem Schluss kommen. Sie irrte sich. Und ich hütete mich, sie aufzuklären.

An der Rezeption gab man mir den Schlüssel.

2

Sie war fuchsteufelswild. Dennoch empfand ich keinerlei Schuldgefühle. Sie warf mir vor, ich hätte sie hereingelegt, was jedoch nicht stimmte. Zu keiner Zeit hatte ich behauptet, mit ihr schlafen zu wollen. Zwar hatte ich sie aufgegabelt, aber das bedeutete noch lange nicht, dass ich vorhatte, mit ihr Sex zu haben. Auch hatte sie nicht das Recht, mich als Betrüger hinzustellen. Außer, ich hätte sie nicht bezahlt. Aber ich hatte ihr ja bereits im Voraus eine großzügige Summe in die Hand gedrückt. Sie aber machte ein Theater, als sei sie ungerecht behandelt, ja geradezu hintergangen worden.

Kein Wunder, dass ich sie bei den Haaren gepackt und ihr eine Ohrfeige verpasst hatte, als sie zeternd aus dem Zimmer gestürzt war. Na gut, vielleicht war es etwas grob gewesen, aber schließlich lag der Fehler ja nicht bei mir. Wieder aus dem Zimmer zu stürmen, kaum dass sie eingetreten war! Wenn sich jemand nicht an die Abmachungen gehalten hatte, dann doch wohl sie. Sie hatte vermutlich nicht damit gerechnet, dass ich vor der Tür Wache hielt und ihr gehörig eins draufgeben würde. Sie wusste nicht, was tun, und mein scharfer Blick schüchterte sie ein. Schließlich schien sie sich der Gefahr bewusst zu werden, in der sie schwebte – allein mit einem wildfremden Mann in einem Stundenhotel in einem menschenleeren Vorort, den sie nicht einmal kannte.

»So war das nicht ausgemacht«, stöhnte sie mit schwacher Stimme, während sie sich die Wange rieb. Sie setzte ganz offensichtlich auf Mitleid statt auf Gegenwehr. Mich konnte sie damit nicht beeindrucken. »Auf welche Abmachung beziehst du dich?«, fragte ich und zog ihr an den Haaren den Kopf nach hinten, während sie am Boden lag. Den Tränen nahe antwortete sie mir: »Du hast mir nicht gesagt, dass es für einen anderen ist …« Ich lachte höhnisch. »Habe ich je behauptet, dass ich es sein würde, der dich vögelt? Denk nach, ja oder nein?« Angsterfüllt verlor sie den letzten Widerstandswillen. »Stimmt, du hast das nie gesagt, aber …«, stammelte sie mit beinah flehendem Gesicht.

»Hör auf zu maulen und geh wieder rein, wenn du dich nicht selbst als Krüppel wiederfinden willst!« Sie verstand, dass ich nicht scherzte. Ich wiederum zweifelte nicht an der Wirkung meiner Drohung. Sie war ebenso einfältig wie naiv, mindestens so ängstlich wie einfältig und naiv, und genauso folgsam wie alles drei zusammen. Sie warf einen furchtsamen Blick auf meine immer noch geballten Fäuste und betrat Unverständliches vor sich hin murrend das Zimmer.

Es war fünf Jahre her, dass mein Bruder seine beiden Beine verloren hatte. Ich war nicht zu Hause gewesen, als es passiert war. In der Vorstellung, dass es überall besser sei als daheim, hatte ich mich herumgetrieben und meinem Elternhaus schließlich endgültig den Rücken gekehrt. Den beinlosen Körper meines Bruders sah ich vor gerade einem Jahr zum ersten Mal. Als ich damals zu Besuch kam, hatte ich nicht die Absicht, länger zu bleiben. Es war die Zeit von Chuseok, dem Vollmondfest am 15. Tag im achten Monat des Mondkalenders. Ich hatte vor mich hin sinnend im menschenleeren Büro gesessen, als mich plötzlich das Heimweh übermannte, so sehr, dass ich mich in mein altes Viertel begab. Der Gedanke, der sich in meinem Kopf eingenistet hatte, brachte all die verdrängten Erinnerungen zurück in mein Bewusstsein, bis ich es nicht mehr aushielt. Da überkam mich das Verlangen, meine Familie, diese brüchige Gemeinschaft, wiederzusehen. Womöglich wäre ich dennoch nie nach Hause gegangen, wenn ich nicht an der Ecke unseres Wohnblocks den Pastor der Kirche getroffen hätte, in die meine Mutter zu gehen pflegte, und wenn dieser mich nicht über den Zustand meines Bruders ins Bild gesetzt hätte. Hätte ich nicht mit eigenen Augen die beiden Beinstümpfe gesehen und wäre durch diese Verstümmelung nicht die Erinnerung an vergangene Demütigungen wiedergekehrt und hätte ich überdies diesen Traum nicht gehabt, in dem seine Beine auftauchten und mein großer Bruder mich fragte, ob es die meinen seien – ich wäre nicht geblieben.

Dieser Traum suchte mich in der dritten Nacht nach meiner Rückkehr zu den Eltern heim. Ich lief durch totale Finsternis, in der sich kein Umriss abzeichnete. Bei jedem Schritt schienen mir die Beine ins Bodenlose wegzusacken. Die undefinierbare Dunkelheit wurde, je weiter ich ging, immer undurchdringlicher und zäher. Anfänglich war es nur eine Art Nebel, doch dann kam ich auf schlammigen Grund und versank schließlich in einem Sumpf. Am Ende schien ich wie in Leim festzustecken. Kaum hatte ich mühsam einen Fuß befreit, klebte der andere wie festgewachsen am Boden. Ich sah hinter mich, in der Hoffnung, einen Weg zurück zu finden, doch da war nichts. Ich hatte nur Dunkelheit vor Augen, schwarz und teerig. Verzweifelt rief ich: »Ist da wer?« Keine Antwort. Was dann geschah, vergrößerte mein Entsetzen. Als ich im Finstern mit äußerster Kraftanstrengung einen Fuß aus der zähen Masse zog, war es mir plötzlich, als fehlte etwas unterhalb des Oberschenkels. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Mein Bein war verschwunden! Ich sah hastig nach dem anderen. Auch weg! Von Panik ergriffen, schrie ich laut auf. Ich brüllte dermaßen, dass die Stimme den Traum zu verlassen und in der Wirklichkeit widerzuhallen schien. Augenblicke später tauchte unvermittelt eine Gestalt auf, deren Gesicht in der Nachtschwärze nicht auszumachen war, und sprach mich an: »Sind das deine Beine?« Auch diese Person schien von außerhalb der Traumwelt zu stammen. Sie hielt zwei Beine in den Händen. Muskulös, nicht zu viele Haare, wohlproportioniert und stramm. Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee kam, es seien die unteren Gliedmaßen meines Bruders. Im nächsten Augenblick gewann ich die Überzeugung, dass der gesichtslose Mann, der die Beine hielt, er selbst war. Wie zum Beweis tauchten meines Bruders Konturen vor mir auf. Im selben Moment verschwanden seine Beine aus meinem Gesichtsfeld. Erneut schrie ich auf. Der Schrei schwoll an und durchbrach die Grenze der Traumwelt. Ich erwachte.

Mein erster Griff galt meinen Beinen, dann ging ich hinüber in das Zimmer meines Bruders und legte mich neben den Schlafenden. Da ahnte ich, dass ich nicht mehr von ihm weggehen würde.

3

Ich hatte jedoch keineswegs die Absicht, ihm den Rest meines Lebens zu opfern. Das entspricht nicht meiner Veranlagung. Ich sage das weder aus Eitelkeit noch weil ich mich dafür schäme. Wenn ich geblieben bin, dann wegen dieser Erinnerung an die Verletzungen von damals, die mir Schuldgefühle bereiteten, und aus Mitleid mit den Eltern, die nichts mehr von ihren Kindern erwarteten: Meine Mutter verbrachte die Tage außer Haus, mein Vater redete selten ein Wort. Seine einzige Beschäftigung bestand darin, die Pflanzen und Blumen, von denen unser Garten überquoll, zu gießen. Ich kann mich kaum erinnern, ihn je sprechen gehört zu haben. Meine Mutter hatte einmal geklagt, dass Vater seit dem Unfall meines Bruders die Sprache verloren habe und wohl an Aphasie leide. Meine Entscheidung bedeutete nicht, dass ich glaubte, so viel leisten zu können wie mein Bruder oder ein guter Ersatz für ihn zu sein. Ein plötzlicher Schwindel hatte mich erfasst und zu Boden gedrückt, und der Zustand der Kraftlosigkeit dauerte fort und hinderte mich daran aufzustehen. Das war alles.

Insbesondere hatte ich nicht vorgehabt, den Helfershelfer zur Befriedigung seiner Geilheit zu spielen, eine gleichermaßen erbärmliche wie widerwärtige Rolle. Dieses Verlangen war ihm trotz Behinderung erhalten geblieben und hatte wie die damit verbundene Besessenheit etwas Abstoßendes. So bestürzend wie der Anblick einer Mutter, die aus Liebe ihren Sohn auf den Buckel nimmt, um ihn ins Bordell zu tragen. Ich konnte nicht ignorieren, wie sehr mich das anekelte und zugleich zutiefst betrübte, und mich packte eine immense Wut, ohne dass ich genau wusste, warum. Ich schrie meinen Bruder an, dass es doch besser wäre zu sterben, als so zu leben. Daraufhin klammerte ich mich an Mutter und heulte.

Es war eines Abends nach dem Essen. Ich saß müßig vor dem Fernseher, als Mutter meinen Bruder auf dem Rücken tragend aus dem Zimmer trat. Mein Vater hatte sich zurückgezogen und spielte allein eine Partie Go. Wenn ich lauschte, konnte ich bis ins Wohnzimmer hören, wie er die Steine setzte. Zuweilen vernahm ich es auch, wenn ich nicht darauf achtgab. Denn mittlerweile reagierten meine Ohren automatisch auf das Geräusch der Spielsteine.

»Nein, lass mich!«, protestierte mein Bruder ärgerlich hinter ihrem Rücken. Als er sah, wie ich vom Sofa aus zu ihm hinstarrte, wandte er den Kopf ab. Dann wurde er still, allem Anschein nach resignierend, und verbarg sein Gesicht zwischen den Schultern meiner Mutter. Seine Hosenbeine baumelten ins Leere.

»Wo geht ihr hin?«, fragte ich beiläufig. Weder Bruder noch Mutter antworteten auf meine Frage. Von beiden ging eine Bestimmtheit aus, die eine Antwort nicht erwarten ließ, und so unterließ ich es nachzubohren. Mutter setzte meinen Bruder auf dem Rücksitz unseres Wagens ab und schob sich hinter das Lenkrad. Mir kam in den Sinn, dass sie normalerweise mich darum bat zu fahren. Irgendetwas entging mir da, so viel war klar. Heimlich sprang ich hinter ihnen in ein Taxi, um ihnen zu folgen.

Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wohin sie fuhren und was sie vorhatten. Als ich sah, wie das Auto meiner Mutter auf dem Markt der Lotusblüten anhielt, traute ich meinen Augen nicht. Das Freudenviertel wird seit ewigen Zeiten so genannt, aber ich weiß nicht, woher der Name stammt. Vor den mit roten Laternen dekorierten niedrigen Bretterverschlägen machten halb nackte Mädchen die Vorbeigehenden an. Manche wippten mit einem Bein, andere kauten ziemlich vulgär Kaugummi, so als gehörte es für eine Prostituierte dazu. Was wollte meine Mutter hier, vor allem mit meinem Bruder?

Sie schleppte ihn, und er vergrub sein Gesicht zwischen ihren Schulterblättern. So steuerte sie auf eines der eng nebeneinanderstehenden Häuser zu und verschwand darin. Er wirkte jämmerlich, so hinter ihr versteckt, aber Mutters zielstrebiger und selbstbewusster Gang belegte, dass sie nicht zum ersten Mal dorthin kam. Auch die Kaugummi kauenden und Beine schwingenden Huren ließen sie kommentarlos passieren, wobei ihre wissenden Blicke verrieten, dass der Anblick ihnen nicht neu war.

Ich war der Einzige, den das Ganze wirklich befremdete, und ich fühlte mich wie ein Schauspieler wider Willen, den man ohne eine einzige Probe auf die Bühne gestellt hatte. Mein Blick huschte verschämt über die lange Reihe von Gesichtern der Mädchen. Nicht weil ich ihre Gedanken zu erraten suchte, sondern um herauszufinden, ob sie mich musterten. Die Mischung aus Mitleid und Abscheu in ihren Zügen löste in mir ein Gefühl von tiefer Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit aus.

Ich war innerlich aufgewühlt und wollte die Gegend eilig verlassen, da ich nicht wusste, wie damit umgehen. Da näherte sich mir ein Mädchen und zog mich am Arm: »Komm mit. Ich werde nett zu dir sein.«

Mir gelang es, meinen Ärmel aus ihrem Griff zu befreien, und ich erkundigte mich leise: »Wer ist die Dame, die gerade dort hineinging?«

»Du meinst die mit ihrem Sohn auf dem Rücken?«, fragte sie zurück. Anscheinend kannte sie die beiden. »Dieser Anblick ist ein Jammer, nicht wahr? Aber es gibt sicher einen Grund dafür. Ach, lass uns aufhören, darüber zu reden. Komm, amüsier dich lieber mit mir!«

Erneut zupfte sie an meinem Arm. Sie hatte offenbar wenig Interesse, das Gespräch weiterzuführen. Ich bat sie, mir alles zu erzählen, was sie wisse. Sie schaute verständnislos und erwiderte: »Du hast doch selbst gesehen, was los ist. Was gibt es da noch zu erzählen?«

Ob die beiden öfter kämen, fragte ich. Das Mädchen antwortete, dass sie nur gelegentlich da wären. Dann fügte sie melancholisch, mehr zu sich selbst gewandt, hinzu: »Wirklich eine traurige Geschichte. Der muss wohl einiges auf dem Kasten gehabt haben. Während seines Militärdienstes hat es ihn dann erwischt. Ich habe keine Ahnung, wie es dazu kam. Jetzt kümmert sich seine Mutter um ihn. So eine Frau gibt es kein zweites Mal, meinst du nicht?«

Ich riss mich los und ging über den Markt der Lotusblüten. Mir war zum Erbrechen übel. Nein, es gab keine zweite Mutter wie sie, schrie es in mir drin. Nein, keine zweite konnte so etwas tun! Und diese Stimme tief in meinem Innersten wollte mir das Herz zerreißen.

Ich lief eine Weile umher. An einem Straßenausschank machte ich halt und trank Soju, einen aus Getreide und Süßkartoffeln gebrannten Schnaps, ohne mich lange zu besinnen. Ich hoffte, der Soju würde mir sofort zu Kopf steigen, aber mein Verstand wurde zunehmend klarer und meine Sinne schärften sich. Ich spürte den Alkohol kaum. Ohne festes Ziel kehrte ich zum Markt der Lotusblüten zurück. Meine Mutter wartete vor dem Haus.

Wie sie so dastand, an die Glastür des Gebäudes gelehnt, in dem ihr Sohn verschwunden war, erinnerte mich ihre Erscheinung an etwas. Am Tag meiner Aufnahmeprüfung hatte sie genauso vor dem eisernen Tor am Eingang der Universität gestanden und gebetet, ich möge bestehen. In ihrem Leben hatte sie zweimal für mich beten müssen. Wer weiß, vielleicht hätte sie sich gerne öfter in dieser Pose gezeigt. Doch ich habe ihr keine weiteren Gelegenheiten dazu geboten. Denn ich hatte mich über die Mauer des Instituts davongemacht, in dem ich die Wiederholungsprüfung für die Aufnahme an der Universität hätte vorbereiten müssen. In einem abgelegenen Bauerndorf im Norden von Gyeonggi hatte man ein Betongebäude errichtet, eine sogenannte Militärakademie, die damit warb, eine völlig neuartige, bahnbrechende Lehrmethode erfunden zu haben. Dort wandte man die Zucht des Militärs und die Strenge einer Haftanstalt auf Privatleben wie Schlafen, Essen und Ausgehen ebenso an wie auf das Lernen, wodurch absolute Kontrolle ausgeübt wurde. Die Zeit dort war für mich die Hölle gewesen, und ich hatte irgendwann dieses Eingesperrtsein nicht mehr ertragen können. Das war meine erste Flucht gewesen.

Was mochte sie gebetet haben, an die Tür gelehnt, während ihr verunstalteter Erstgeborener seine Sinneslust befriedigte? Welche Art von Gebet gestattete ihr Gott wohl in dieser Situation? Nach meinem Dafürhalten gab es keinen Gott, der solch ein Gebet gutheißen würde, und daher war es in meinen Augen heuchlerisch. Mit einem Mal kam mir meine Mutter verabscheuungswürdig vor. Ich näherte mich ihr, bis mein Kinn ihre Schulter streifte.

»Mutter!« Meine Stimme kam mir vor wie das Brüllen eines wilden Tieres. Den Ablauf ihrer Bewegung, wie sie ihre Augen aufschlug, den gesenkten Kopf hob und ihren Rumpf in Richtung meiner Stimme drehte, nahm ich wahr wie einen Film in Zeitlupe. Nie werde ich das Entsetzen in ihrer Miene vergessen. Es war der Gesichtsausdruck eines Menschen, der eine verbotene Szene beobachtet hatte. Dabei war ich derjenige, der etwas Unerlaubtes gesehen hatte. Doch meine Mutter behielt ihre Gefühle unter Kontrolle, was ganz ihrer geistesgegenwärtigen Art entsprach. Wer meine Familie kennt, wird bestätigen, dass wir nur dank ihres Geschicks durchs Leben gekommen sind. Auch innerhalb der Familie sind wir uns darüber einig.

»Ah, da bist du ja!«, erwiderte sie so selbstverständlich, als hätten wir uns dort verabredet gehabt. Ihr Tonfall war so beiläufig, dass ich mich fragte, ob das Treffen nicht tatsächlich ausgemacht gewesen war und ich es nur vergessen hatte. »Aber du wärst besser nicht gekommen«, fügte sie hinzu, während sie ihren Blick in die Ferne richtete. Ihre Worte klangen sehr bestimmt, als sie mich aufforderte, unverzüglich heimzukehren, da mein Bruder bald fertig sein würde. In ihrer Stimme schwang eine Strenge mit, wie sie meine Mutter schon lange nicht mehr an den Tag gelegt hatte.

»Mutter!«

Ich wollte mir nicht anmerken lassen, wie nahe ich den Tränen war, und keinesfalls durfte ich die Kontrolle über mich verlieren, doch als ich sprach, brach meine Stimme.

»Ich habe keine Ahnung, wie du hierhergekommen bist, aber ich kann es nicht gutheißen. Und wenn du nicht augenblicklich verschwindest, machst du alles nur noch schlimmer. Geh jetzt!« Damit wandte Mutter mir den Rücken zu.

In diesem Moment wurde die Glastür einen Spaltbreit geöffnet, und das Gesicht einer jungen Frau erschien. Die Frau erklärte, es sei vorbei, und verschwand wieder hinter der Scheibe. Mutter öffnete die Augen und schaute mich an. Ihr Blick war eindringlich: »Los, beeil dich!«, scheuchte sie mich weg. Ihre Miene machte deutlich, dass ich nicht mehr da sein sollte, wenn mein Bruder das Gebäude verließ. Meine erste Reaktion war, ihrem Wunsch nachzugeben. Nur so würde ich beiden später wieder gegenübertreten können. Aber der Dämon in mir gehorchte nicht. Die Vernunft ist dem Affekt untergeordnet, und Letzterer reagiert schneller. Zum Beweis schnellte mein Körper auch schon vor. Ich stieß meine Mutter zur Seite, öffnete die Glastür und schlüpfte hinein, bevor sie Zeit hatte, mich aufzuhalten. Drinnen erblickte ich drei oder vier schlampig gezimmerte Sperrholztüren. Ich riss die erste davon auf und fand eine enge Kammer vor, in der kaum das Bett Platz hatte, auf dem, zusammengekauert wie eine Raupe, mit dem Gesicht zur Wand, ein kleiner Mann lag. Ich stürzte auf ihn los, richtete seinen Körper auf, sodass er gezwungen war, mich geradewegs anzusehen, und fasste ihn an den Schultern. Ich war völlig außer mir, keuchte und brüllte wie ein wildes Tier. Ihm standen Tränen in den Augen, und er wurde aschfahl im Gesicht, aber das kümmerte mich nicht. Ich hielt ihn an den Oberarmen gepackt und schüttelte ihn, während ich wie von Sinnen tobte. In meiner Wut brachte ich nur unzusammenhängende Worte heraus, Satzfetzen. Ich stieß Verwünschungen aus und rief, er solle sich doch einmal anschauen, seinen eigenen widerlichen Körper anschauen. Ich war verletzend und schrie schließlich, am besten wäre es, er stürbe. Bald ging mein Stammeln in Heulen über.

Wenn Mutter nicht hereingestürmt und zwischen uns gegangen wäre, ich weiß nicht, was noch passiert wäre. Sie gab mir eine schallende Ohrfeige, in die sie all ihre Kraft legte. Sie schien zu wissen, dass nur dies solch einen animalischen Wutanfall bändigen konnte. Ich fiel schluchzend in ihre Arme. Sie stieß mich nicht von sich, aber sie streichelte mir auch nicht den Rücken. Weinte sie auch? Ich war außerstande, den Kopf zu heben.

4

Genau genommen war es gar kein Zufall, dass ich die Szene auf dem Markt der Lotusblüten beobachtet hatte. Ich war dort hingegangen wegen eines Auftrags, den mir ein Mann erteilt hatte. Hatte man mir einen Streich spielen wollen? Oder handelte es sich um ein Spiel? Mir lief ein Frösteln über den Rücken bei dem Gedanken, denn auf jeden Fall war der Mann kein einfacher Gegenspieler.

Ich hatte also meiner Mutter nachspioniert. Das mag überraschen, aber so ist es gewesen. Seit geraumer Zeit war es meine Aufgabe, sie zu beschatten. Es hatten mich nicht bloße Neugier oder eine Obsession an den Ort des Geschehens getrieben, sondern ich war im Auftrag unterwegs.

Mein anonymer Auftraggeber verlangte genaue Berichte über den Tagesablauf der Zielperson. Das war wahrlich absurd. Ich hätte ihn beinahe gefragt, ob er wusste, dass es sich dabei um meine eigene Mutter handelte. Aber nicht nur deswegen war die ganze Angelegenheit seltsam. Zunächst nahm ich an, dass mich ein Bekannter aus Spaß angerufen hatte, und hatte versucht, irgendwelche Besonderheiten in seiner Stimme zu erkennen. Als er seinen Redefluss unterbrach, hatte ich ihn gefragt, woher er unser Büro kannte. Ich hatte »unser« Büro gesagt, aber tatsächlich gab es weder Büroräume noch andere Mitarbeiter außer mir. Etwa fünf Monate zuvor hatte ich ein Geschäft gegründet, nachdem ich eine Telefonleitung in mein Zimmer hatte legen lassen und Handzettel verteilt hatte. Denn als mir klar wurde, dass ich nicht einfach faul herumsitzen konnte, war die einzige Arbeit, die mir einfiel, eine Agentur für Dienstleistungen aller Art zu eröffnen. Während der Zeit, als ich von zu Hause weg war, hatte ich für eine Weile Zuflucht in einer kleinen Firma gefunden, die sich Die Laufburschen nannte. Dort war ich im Prinzip mit nichts anderem beschäftigt, als beständig zwischen Kreisverwaltung, Einwohnermeldeamt oder Hauptbahnhof hin und her zu laufen. Solche Gelegenheitsarbeiten waren für einen Tunichtgut wie mich, der es gewohnt war, in den Tag hinein zu leben, genau das Richtige. Diese Art Arbeit hat den Vorteil, dass der Kontakt zum Kunden meist über das Telefon erfolgt, weshalb man sich nicht extra ein Büro einrichten muss, was mich wiederum ermutigte, mich selbstständig zu machen. Nicht zu vergessen die Erfahrung, die ich darin hatte. Also ließ ich mir Telefon legen, gab mir den Firmennamen Bienen und Ameisen, von dem ich selbst ganz begeistert war, und legte mir seriös wirkende Visitenkarten zu.