Das verbotene Begehren des Highlanders - Moira MacArran - E-Book

Das verbotene Begehren des Highlanders E-Book

Moira MacArran

3,0

Beschreibung

Schottland, 1424: Während König Jakob I nach achtzehnjähriger Gefangenschaft in England auf dem Weg nach Schottland ist, um die Regentschaft zu übernehmen, muss Catriona MacRae einen Mann heiraten, den sie weder kennt noch will. Doch das Geheimnis um ihre Herkunft, die eng mit dem Königshaus verbunden ist, und die Nachstellungen des grausamen Broc MacKenzie lassen ihr keine andere Wahl. Auf ihrer Flucht vor Broc, die sie in die Abgeschiedenheit der Highlands führt, lodert schnell die Leidenschaft zwischen ihr und ihrem ungewollten Gemahl auf. Aber darf Catriona ihrer Herkunft und dem Stolz ihres Gemahls zum Trotz auf eine gemeinsame Zukunft hoffen? Als Malcolm MacRae seinen Freund Niall bittet, seine Schwester Catriona zu heiraten, ist der wenig begeistert. In Nialls unstetem Leben ist kein Platz für eine Frau an seiner Seite! Aber da der König ohnehin plant, Catriona alsbald zur Festigung seiner Herrschaft mit einem einflussreichen Mann seiner Wahl zu verheiraten, soll diese Ehe nur zum Schein geschlossen und sofort nach der Rückkehr des Königs annulliert werden. Niall willigt schließlich ein, denn als Gegenleistung für das Ehegelöbnis verschafft Malcolm ihm die Möglichkeit, sich an den Männern zu rächen, die ihn einst im Kerker fast zu Tode gefoltert hätten. Auf der Flucht mit Catriona wird Niall schnell klar, dass diese Mission viel heikler ist, als er zunächst dachte. Während die Verfolger ihnen auf den Fersen sind, kämpft Niall mit seinen Gefühlen für seine verführerische Gemahlin. Aber seine Vergangenheit und Catrionas Herkunft machen eine gemeinsame Zukunft unmöglich. Als Broc MacKenzie sie einholt, schmiedet er einen grausamen Plan, um Catriona in seine Hände zu bekommen. Denn nur, wenn er sie zur Witwe macht, kann er bekommen, was er so sehr begehrt...

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Nicht nur einen Tod gibt es. Der uns dahinrafft ist nur der Letzte.

(Seneca)

Doune Castle, 1420, Sitz des Dukes of Albany

Nialls Körper bestand nur noch aus Schmerz. Alles verzehrendem, pochendem Schmerz. Stimmen drangen durch das Rauschen in seinen Ohren zu ihm durch, Worte, Sätze, deren Sinn er nicht greifen konnte. Alles drehte sich, er wusste nicht, ob seine Augen geschlossen oder geöffnet waren. Sein Herz pochte und mit jedem Schlag wurde der brennende Schmerz schlimmer. Sein Atem kam stoßweise, er versuchte verzweifelt, seine Lungen mit der köstlichen Luft zu füllen, die Leben versprach. Stattdessen gab er gurgelnde Laute von sich, als metallisch schmeckendes Blut seinen Rachen emporstieg. So also fühlte sich Sterben an! Er hatte nie einen Gedanken an den Tod verschwendet. Jedenfalls nicht an seinen eigenen. Im Gegenteil. Er brachte den Tod. In unzähligen Schlachten und Scharmützeln, in denen er als Soldat im Herr seines Befehlshabers Robert Stewart, dem 1. Duke of Albany, für Schottland gekämpft hatte, waren zahlreiche Feinde durch sein Schwert gestorben. Für den König. Für Schottland. Er hatte es immer verabscheut, zu töten, aber im Kampf gab es nur ein Gesetz: Töten oder getötet werden! Daher erschien es ihm absurd, dass er ausgerechnet im Kerker der Burg dieses Mannes, für den er mehr als einmal sein Leben riskiert hatte, den Tod finden würde. Robert Stewart und sein Sohn Murdoch kämpften für dieselbe Sache: den rechtmäßigen König von Schottland, Jakob I, aus seinem Exil zu befreien und in seine Heimat zu bringen. Oder etwa nicht?

Erinnerungsfetzen an die letzten Stunden wirbelten in einem verzweifelten Versuch, seine Situation zu verstehen, durch seinen Kopf. Wie war er in den Kerker der Burg gekommen. Und vor allem: warum? Er sah das Gesicht eines Mannes vor seinem inneren Auge aufblitzen, erkannte den Schreiber und Vertrauten seines Brotherren. Duff Graham hatte ihn spät in der Nacht aufgesucht und ihn gebeten, ihm zu helfen. Niall erinnerte sich, dass er die Angst und Panik des Mannes förmlich gerochen hatte. Er hatte im Laufe seines Lebens und auf den verschiedenen Schlachtfeldern gelernt, seine Umgebung mit allen Sinnen wahrzunehmen, und so wusste Niall, noch bevor Duff Graham auch nur ein Wort gesagt hatte, dass vor ihm ein Mann stand, der dem Tod ins Gesicht gesehen hatte. Die Angst hinderte den Mann daran, zusammenhängende Sätze zu sprechen und so musste Niall sich aus den geflüsterten, abgehackten Wortfetzen zusammenreimen, was Duff ihm mitteilen wollte.

Immerhin verstand er so viel, dass dieses ängstliche Bündel Mensch offenbar über Beweise verfügte, die Robert Stewart und seinen Sohn Murdoch des Hochverrats überführen würden. Robert Stewart war als „Guardian of Scotland“, also als Regent an Königs statt, für den in englischer Geiselhaft festgehaltenen König Jakob dafür zuständig, das von den Engländern geforderte Lösegeld für Jakobs Freilassung einzutreiben und den König so schnell wie möglich zurück nach Schottland zu holen. Offenbar waren allerdings weder Robert noch sein Sohn Murdoch an einer schnellen Rückkehr des Königs, die ihre Macht und ihren Einfluss in Schottland mit einem Schlag beendet hätten, interessiert. Die Beweise, die Duff zu haben schien, belegten offensichtlich, dass die Summe von 40.000 Pfund für die Freilassung des Königs bereits seit geraumer Zeit von den Lairds des Landes bezahlt worden war und nun in den Kellern irgendeiner Burg sicher verwahrt lag, anstatt auf dem Weg nach England zu sein, um Jakob freizukaufen. Schritte auf dem Gang hatten verhindert, dass Duff zu weiteren Ausführungen ansetzen konnte, er war panisch geflohen, und dann verschwamm Nialls Erinnerung.

Man hatte ihn in den Kerker der Burg geschleift und grausam gefoltert, um herauszufinden, was er wusste und wo die Schriftstücke waren, die Duff gestohlen hatte. Was hatte er darauf schon sagen können? Er hatte ja kaum Zeit gehabt, sich auf Duff Grahams Eröffnung einen Reim zu machen! Und warum hatte Duff gerade ihn ausgesucht, um sein angebliches Wissen zu offenbaren? Ein Gesicht stieg vor seinem inneren Auge auf, verschwamm sofort wieder. Broc MacKenzie, der Mann, an dessen Seite er in zahlreichen Schlachten gekämpft hatte und den er zwar nicht zu seinen Vertrauten, aber doch zu seinen Verbündeten in der Sache zählen würde, hatte ihm mit wutverzerrtem Gesicht den ersten Hieb in die Magengrube verpasst. Warum?

Ein gleißendes Licht flammte durch seinen Kopf und gab in schnellen Episoden den Blick auf sein bisheriges Leben frei. Seine Mutter, unglücklich und lieblos ihm gegenüber, gebunden an seinen Vater, dem sie mit derselben Kälte begegnete wie ihm, dem zweitgeborenen Sohn.

„Wenn der Duke of Albany Krieger will, schick' Niall.

Er ist entbehrlich. Angus ist dein Erbe, ihn musst du schützen!“, hatte sie kalt gefordert.

Dann sah er einen zitternden Fünfzehnjährigen auf dem Schlachtfeld zwischen Inverness und Aberdeen, der schwer atmend sein Schwert aus einem am Boden liegenden Soldaten zog und sich ungeachtet des Scharmützels um ihn herum auf den blutigen Boden erbrach. Es war Juli und für Schottland ungewöhnlich heiß, was den metallischen Blutgeruch, der einem Todeshauch gleich über das Schlachtfeld strich, unerträglich machte. Überall Blut und Tote, auf beiden Seiten gab es so viele Tote! Und wofür hatten all diese tapferen Männer in der Schlacht, die wegen der hohen Verluste auf beiden Seiten im Volksmund nur 'Reid Harlaw', ' blutrotes Harlaw' genannt wude, ihr Leben lassen müssen? Für den Titel des „Earl of Ross“ und die damit verbundene Vorherrschaft über die gleichnamige Grafschaft! Leben für Titel und Land?

Damals hatte er sich noch gefragt, ob diese Sache so viele ausgelöschte Leben wert war, danach hatte er nie wieder nach dem Sinn eines Kampfes gefragt, denn es gab für ihn nur eine Antwort auf diese Frage. Und wenn er sie zugelassen hätte, wäre er niemals der gefürchtete Krieger geworden, der er war.

Glynis! Er sah ihr schönes Gesicht vor sich, spürte ihre weichen Lippen auf seinen. Er erinnerte sich an ihren Körper, der weich und willig gewesen war. Er sah einen aufgeregten jungen Mann. Er hielt einen Strauß Erikazweige in der Hand und trat verlegen von einem Bein auf das andere. Dann stieß er die Tür zu ihrer Hütte auf, die Frage aller Fragen auf den Lippen. Er sah ungläubiges Entsetzen auf den Zügen des jungen Mannes als dieser die Situation erfasste. Glynis lag mit gespreizten Beinen unter seinem Bruder, der heftig keuchend immer wieder in sie stieß. Als Glynis ihn in der Tür erblickte, wurde ihr Blick eisig.

Kurz meinte Niall, so etwas wie Scham in ihren Augen aufblitzen zu sehen, bevor sie sich wieder ganz der Wollust hingab, die sie und seinen Bruder erfasst hatte. Erinnerungen an achtlos zur Seite geworfene Erikazweige und einen unsagbaren Schmerz durchfluteten ihn, fast schlimmer als der gegenwärtige, alles verzehrende körperliche Schmerz, der ihn wie ein Kokon umgab. An diesem Tag war der mühsam genährte Rest Gefühl in ihm gestorben, der Glaube an die Liebe, die Hoffnung, dass es noch ein anderes Leben für ihn geben könnte als auf dem Schlachtfeld. Die Kälte, die seit diesem Tag in seinem Herzen Einzug gehalten hatte, ergriff plötzlich seinen gesamten Körper. Erstaunt stellte er fest, dass diese Kälte befreiend war. Kein Schmerz mehr, kein Gefühl mehr. Vielleicht ein wenig Bedauern, dass er das Rätsel um sein Schicksal nun nicht mehr würde lösen können. Eine Stimme hallte durch seinen Kopf. „Herrgott, es reicht! …tot ... werde ihn beerdigen...“ Er erkannte die Stimme. Malcom MacRae, der einzige Freund, den er je gehabt hatte, hielt ihn für tot. Dann musste es wohl so sein, obwohl er sich den Tod, seinen Tod, immer anders vorgestellt hatte. Auf dem Schlachtfeld, vom Schwert eines Feindes durchbohrt... Das hier war eher... unspektakulär. Wenn diese Kälte nicht gewesen wäre, die alles lähmte, hätte er gegrinst. Eine Heiterkeit erfasste ihn, die er sich nicht erklären konnte. Es war vorbei. Seinem heldenhaften Ruf, den er sich auf den Schlachtfeldern Schottlands erworben hatte, würde es einen erheblichen Knacks versetzen, wenn bekannt würde, dass er sich hatte überrumpeln lassen. Von einem nach Angstschweiß stinkenden Schreiberling. Von einem kurzen Augenblick der Unachtsamkeit, die ihn in diesen Kerker geführt hatte.

Aber was machte das schon aus? Er spürte noch, wie jemand ihn hochhob und fort trug. In gleißendes Licht. Licht, das nicht genug Wärme abgab, um die Kälte aus seinen Gliedern zu verbannen.

Niall MacLennan wehrte sich nicht länger gegen das Unvermeidbare und den Eishauch, der das Leben aus ihm vertrieb. Das Leben war warm, der Tod war kalt.

Vom Menschen dagegen droht dem Menschen täglich Gefahr.

(Seneca)

Eilean Donan Castle, Sitz der MacRaes, Januar 1424

„Und ich sage dir: er weiß es!“ Ungeduldig ging Malcolm MacRae in seinem Schlafgemach auf und ab. Die hölzernen Läden vor den Festeröffnungen waren zum Schutz vor dem eisigen Wind, der seit Tagen um die Burg wehte, geschlossen und nur einige Kerzen und der Schein des Torffeuers im Kamin erhellten den Raum. Seine Gemahlin Ailis saß auf dem Bett und kämmte sich ihre langen blonden Locken. Es war die Stunde des Tages, in der sich der Laird und seine Frau in ihre Gemächer zurückzogen und Privates besprachen.

„Außer uns beiden wusste es nur dein Vater, Malcolm. Und der ist seit einem Jahr tot. Und ich würde mir lieber die Zunge herausreißen, als diesem... Bastard ein Sterbenswörtchen zu verraten!“ Sie legte den Kamm beiseite und begann, sich einen Zopf für die Nacht zu flechten.

„Ailis, das weiß ich. Aber er hat es herausgefunden... irgendwie. Erinnerst du dich, als er das letzte Mal zu Besuch hier auf der Burg war? Da war Vater schon bettlägerig. Er hat darauf bestanden, Vater zu sehen und ihm persönlich Grüße von Connor MacKenzie, Vaters altem Waffenfreund zu überbringen. Du warst in der Küche beschäftigt und Rurig rief mich kurz fort, weil es ein Gerangel zwischen MacKenzies Begleitern und unseren Männern gab. Ich war nur kurz fort, denn ich wollte Vater keine Sekunde mit diesem Mistkerl alleine lassen. Als ich kurz darauf wiederkam war Vater so aufgewühlt. In seinen Augen stand Angst, aber er konnte damals ja schon nicht mehr sprechen. Er warf sich hin und her und als Broc seine Hand zum Abschied drücken wollte, zog er sie weg und fing an, unverständliches Zeug zu brabbeln. Du hättest ihn sehen sollen, Ailis. Er hätte nicht aufgebrachter sein können, wenn der Teufel ihn persönlich an seinem Krankenlager aufgesucht hätte!“ Malcolm blieb an der schmucklosen Truhe stehen, auf der ein Tablett mit einer Karaffe und zwei Bechern stand. Er goss etwas von dem Wein aus der Karaffe in beide Becher und reichte einen seiner Gemahlin. Ailis nahm einen kleinen Schluck und zuckte dann mit den Schultern.

„Dein Vater konnte Broc noch nie leiden. Und damit war er nicht alleine. Mir läuft es heute noch kalt über den Rücken, wenn ich daran denke, wie er mich immer gemustert hat, wenn er dachte, ich bemerke es nicht.

Und dann seine wie zufälligen Berührungen...“ Sie schüttelte sich kurz, als sie an ihre letzte Begegnung mit diesem Mann dachte. Er war mit einigen Männern seines Clans in der Burg aufgetaucht, hatte sich auf das in den Highlands heilige Gastrecht berufen und mit seinen Männern die Speisekammern leer gefressen und jeden Abend bis zur Besinnungslosigkeit gesoffen.

Anders konnte man das Benehmen nicht umschreiben.

Malcolm hatte dem Treiben erst Einhalt geboten als einer von Brocs Männern versuchte, eine junge Magd zu vergewaltigen. Ailis hatte nie herausgefunden, wie Malcolm die Männer letztlich überzeugt hatte, ihren Aufenthalt auf Eilean Donan Castle zu beenden, aber schließlich waren sie abgereist und es war wieder Ruhe eingekehrt.

„Du hättest mir viel eher davon erzählen sollen wie sich dieser Bastard dir gegenüber benommen hat! Ich hätte...“, grollte Malcolm, aber Ailis unterbrach ihn.

„Genau deswegen habe ich nichts gesagt. Du kannst nicht nur wegen meiner Abneigung diesem Mann gegenüber eine Fehde mit dem Clan der MacKenzies vom Zaun brechen! Sie sind sehr mächtig und wir können uns keine Streitigkeiten oder blutige Kämpfe mit ihnen leisten!“

„Ja, sie sind sehr einflussreich! Und warum? Weil dieser Arschkriecher Broc als rechte Hand des Hochverräters Murdoch Stewart fungiert und sich bei allem, was er tut, auf dessen Rückendeckung verlassen kann! Wenn ich daran denke, wie sie damals Niall...“,

er fuhr sich mit der rechten Hand durch seine dunkelblonden Haare und atmete mehrmals tief durch.

Ailis war inzwischen aufgestanden und legte ihrem Gemahl beschwichtigend eine Hand auf dem Arm.

„Sei vorsichtig mit dem, was du sagst. Auch in Eilean Donan haben manche Wände Ohren!“ Sie sah ihn traurig an.

„Du hast keine Schuld an dem, was Niall widerfahren ist, Malcolm!“

„Ich hätte erkennen müssen, dass...“

„Nein, hättest du nicht! Niemand hätte ahnen können, dass diese Stewart Brut sich an dem Lösegeld bereichert, das für die Freilassung unseres Königs gedacht war! Du hast erst im Nachhinein davon erfahren, also hättest du Niall auch nicht warnen können!“ Ailis drückte ihrem Mann schnell einen Kuss auf die Wange. „Bedauere nicht länger etwas, was du ohnehin nicht mehr ändern kannst! Sag mir lieber, warum du glaubst, dass Broc MacKenzie... na, dass er es weiß!“ Malcolm blinzelte noch einige Male, bevor er sein aufgewühltes Temperament wieder unter Kontrolle hatte. Er nahm einen weiteren Schluck aus seinem Becher und sah dann seine Frau an.

„Dieser angebliche Ehevertrag, den er mit meinem Vater abgeschlossen haben will! Soweit ich weiß, war zu dem Zeitpunkt noch verheiratet, aber passenderweise hatte seine Gemahlin kurz nach seinem Besuch bei uns einen bedauerlichen... Unfall! Es heißt, sie sei die Treppe hinunter gestürzt, und nicht wenige glauben, dass Broc da seine Hände im Spiel hatte. Es spielte ihm doch hervorragend in die Karten, dass er ganz plötzlich Witwer und damit für eine neue Ehe frei war. Erinnerst du dich noch an die Einladung nach Doune Castle? Angeblich wollte Murdoch uns persönlich für unseren großzügigen Anteil an der Lösegeldzahlung danken, aber als wir ankamen, war er nicht einmal zugegen? Wichtige Staatsgeschäfte, die mit der Freilassung des Königs zusammenhingen? Wie unglaublich passend für Broc, dass wir genau zu dem Zeitpunkt nicht zuhause waren, als er angeblich mit Vater diesen Heiratsvertrag ausgehandelt hat, der ihm Catriona als Eheweib verspricht!“ Aufgebracht ging Malcolm mit großen Schritten in seinem Schlafgemach auf und ab. Das verriet seine Erregung mehr als der höhnische Tonfall, in dem er zu Ailis sprach.

„Ich gebe zu, dass das alles etwas... mysteriöse Zufälle sind, aber...“

„Ailis...“, Malcolm war stehen geblieben und fasste seine Gemahlin sanft am Arm. Ganz gleich, wie wütend oder aufgebracht er auch war, er liebte seine Gemahlin von ganzem Herzen. In einer Zeit, wo Gefühle bei der Partnerwahl keine Rolle spielten, solange nur die Clans ihre Vorteile in dem Bündnis sahen, war er mehr als dankbar, dass das Schicksal ihm Ailis gesandt hatte. Zwar war auch ihre Ehe arrangiert worden, weil sich die MacRaes und die MacInnes gegenseitige Waffentreue und die Verteidigung des jeweils anderen Clangebietes im Angriffsfall zusicherten, aber vom ersten Augenblick an, in dem er Ailis gesehen hatte, war er in sie verliebt gewesen. Und ihr war es nicht anders gegangen und so führten sie heute eine glückliche Ehe, die bereits mit einem neunjährigen Sohn und einer wonnigen kleinen, dreijährigen Tochter gesegnet war. Und weil Malcolm eine ähnliche Beziehung für seine Schwester Catriona erhoffte, reagierte er so allergisch auf die Aussicht, dieser Broc MacKenzie könnte mit seinem perfiden Plan, Catriona zu heiraten, Erfolg haben. Er hatte in den Zeiten, in denen er und Broc zunächst für Robert, und dann, nach dessen Tod vor gut drei Jahren, für seinen Sohn Murdoch Stewart zusammen im Dienst des Königs gekämpft hatten, mehr als einmal die Frauen gesehen, mit denen sich dieser Bastard vergnügt hatte! Sichtbare Striemen, Würgemale und blaue Augen waren da noch das Harmloseste gewesen, was ihm aufgefallen war. Man erzählte sich hinter vorgehaltener Hand, dass Broc MacKenzie ganz spezielle Vorlieben hatte, was den Umgang mit Frauen anging! Natürlich hatte er gegenüber Ailis niemals davon gesprochen, aber wahrscheinlich verstand sie seine Angst, Catriona betreffend, auch so. Zwischen ihnen bestand eine Art Seelenverwandtschaft und Ailis hatte ein feines Gespür für seine Stimmungen und Ängste.

„Liebste...“, begann er erneut und zog seine Gemahlin fest an sich. Er küsste sanft ihr Haar, das wie immer nach wilden Blumen duftete.

„Als er uns das letzte Mal verließ, da habe ich Vaters Papiere durchgesehen. Ich suchte den Vertrag mit den MacDonalds über den Verkauf von fünfzehn Schafen...

Ich meine, es fehlte nichts, aber es herrschte eine gewisse Unordnung in den Papieren.“

Ailis schmiegte sich in Malcolms Arme und genoss dieses Gefühl der Wärme, das er ausstrahlte.

„Verwahrst du den Brief denn mit den anderen Papieren auf? Ich meine, das ist doch gefährlich.

Jemand könnte ihn dort finden und...“, sie sah Malcolm in die blauen Augen, die sie immer an den klaren schottischen Himmel erinnerten.

„Nein, der Brief ist sicher verwahrt, aber das zeigt doch, dass jemand etwas gesucht hat, meinst du nicht?“

„Aber, wenn er den Brief nicht gefunden hat, dann kann er doch nicht wissen, dass...“

„Den Brief hat er nicht gefunden, Ailis, aber... in der Schublade lag der Ring, der Catriona gehört. Ihre Mutter gab ihn mir damals als sie schon sehr krank war, mit der Bitte, ihn ihr an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag zu geben und ihr alles zu erzählen.“

„Malcolm! Der Ring war doch bisher in... na ja, sicher verwahrt! Warum hast du ihn in die Schublade gelegt?“

Empört schnaubte Ailis und schüttelte dann den Kopf.

„Ich... also ich wollte ihn umarbeiten lassen, damit er Catriona passt, wenn ich ihn ihr gebe. Es ist ja nicht mehr so lange hin, bis zu ihrem Geburtstag! Ich habe ihn also aus dem Versteck geholt, aber ich wurde gestört und da habe ich ihn auf die Schnelle in diese Lade gelegt. Und dann habe ich...“

„... ihn dort vergessen, ich verstehe. Wenn Broc MacKenzie es also weiß und hier mit diesem Ehevertrag ankommt, was willst du dann tun? Eine Fehde mit seinem Clan kannst du dir nicht leisten, wenn du den Vertrag einfach für null und nichtig erklärst!“

„Ich weiß nicht, was ich tun soll, Ailis. Ich weiß nur, dass Broc Catriona niemals in die Hände bekommen darf! Wenn der König erst zurück in Schottland ist, wird er sich der Sache annehmen, aber bis dahin...“

„Oh, ich hörte, er will erst noch diese Joan Beaufort heiraten, bevor er zurück nach Schottland kommt! Eine englische Adelige, die Nichte von König Heinrich IV!

Eine Sassenach! Und das als schottischer König!“ Ailis schnaubte abfällig durch die Nase. „Aber was will man von einem Mann erwarten, der als zwölfjähriger Knabe unter den Einfluss des englischen Königs geraten ist?!

Jakob hat in den letzten achtzehn Jahren wahrscheinlich mehr von diesen englischen Hunden übernommen als Schottland lieb sein kann!“ Ailis hatte sich in Rage geredet. Malcolm schob sie ein Stück weit von sich weg. Amüsiert schaute er in ihre bernsteinfarbenen Augen.

„Liebste, mir scheint, jetzt bist du diejenige, die vergisst, dass die Wände in dieser Burg Augen und Ohren haben könnten. Immerhin redest du von unserem König und unserer zukünftigen Königin!“

Sein Mund verzog sich zu einem belustigten Grinsen ob dieses Gefühlsausbruchs seiner Gemahlin. Sie war eben eine Schottin durch und durch. Und hasste alles, was mit den Engländern zu tun hatte, denn die Geschichte hatte alle Schotten gelehrt, dass die gierigen Sassenachs aus dem Süden alles tun würden, um sich Schottland einzuverleiben.

„Pfff, man wird sehen, ob Jakob sich in der Gefangenschaft genug Rückgrat erhalten hat, dem schottischen Volk das zu sein, was es im Augenblick am dringendsten braucht: eine starke Hand! Du weißt selbst, wie das Land unter Robert Stewart und dann seinem Sohn Murdoch zu einer Schlangengrube von speichelleckenden Günstlingen verkommen ist, die alles tun würden, um sich die Gunst dieses Verräters zu erhalten! Und sich dazu sogar gegen König Jakob stellen würden. Immerhin ist sein Anspruch auf den schottischen Thron aufgrund der ersten, ungültigen Ehe seiner Großeltern nicht unumstritten, während die Stewarts aus der legitimen zweiten Ehe des alten Königs abstammen.“ Ailis atmete einmal tief durch, dann küsste sie ihren Gemahl auf die Wange.

„Natürlich weißt du das alles, ich brauche dir nicht zu sagen, dass Jakob einen schweren Stand haben wird, wenn er Schottland regieren will. Und ich weiß auch, dass du und deine Verbündeten alles daran setzen werden, dass Jakob ein starker Herrscher wird. Es ist nur...“, sie biss sich auf die Unterlippe.

„Ich habe einfach Angst, dass Jakob auf die falschen Leute setzt. Woher soll er denn wissen, wer Freund und wer Feind ist? Immerhin war er fast achtzehn Jahre in englischer Gefangenschaft, wer weiß, was ihm da zugetragen wurde. Ein Kind ist beeinflussbar, und später wird Robert Stewart ganz genau überwacht haben, welche Informationen Jakob erhielt und welche nicht.“

Malcolm küsste seine Frau auf die Nasenspitze.

„Ich weiß nicht, ob ich beleidigt sein soll, Weib?! Du traust mir und meinen Freunden zu wenig zu. Und Jakob auch. Er hat stets Anteil an Schottlands Schicksal genommen, auch wenn er gefangen gehalten wurde.

Und er war nie mit der Übernahme der stellvertretenden Regentschaft durch die Stewarts einverstanden! Das alleine schon deutet darauf hin, dass er ihnen misstraut. Und sagen wir mal so: Nicht nur die Stewarts hatten Möglichkeiten, Jakob Nachrichten zukommen zu lassen. Mir scheint, er ist ziemlich genau im Bilde, wer ihn als König unterstützen wird und wer gegen ihn intrigiert.

Immerhin hat er uns ja auch mitteilen lassen, dass er sehr an Catrionas Schicksal interessiert ist und sie an den Hof holen will, sobald er wieder in Schottland ist.

Er hat sich vorbehalten, einen geeigneten Höfling für sie als Gemahl auszusuchen, was mich wieder zu unserem eigentlichen Problem bringt: Broc.“

„Mal ganz abgesehen davon, dass er ganz sicher als Gefolgsmann von Murdoch kein geeigneter Höfling ist... was sollen wir tun? Noch ist Jakob nicht wieder in Schottland und kann uns nicht schützen, falls Broc MacKenzie Ärger macht. Die Hochzeit von Jakob und Joan Beaufort ist, wie ich hörte, erst für Mitte Februar vorgesehen, und ganz sicher werden die beiden dann nicht sofort aufbrechen. Es gibt wohl auch noch ein paar Vereinbarungen, die Jakob nach der Eheschließung unterschreiben muss, immerhin ist er dann der... Neffe!... des verstorbenen Königs Heinrich V und...“, sie überlegte, „... damit dann wohl der Cousin von Heinrich VI, dem...“, wieder zog sie die Nase kraus, „... zweijährigen König von England!“

Malcolm zog sie erneut in seine Arme.

„Da hast du recht, aber ich finde, wir sollten ihm und Joan Beaufort eine faire Chance geben, immerhin kann so eine Allianz mit England auch Vorteile haben.“

„Wir werden sehen, mein Gemahl. Aber die Zukunft löst das Problem nicht, das wir mit Broc und diesem ominösen Ehevertrag haben! Bis Jakob wieder in Schottland ist, kann noch eine ganze Zeit ins Land gehen, selbst wenn er es eilig hat, in seine Heimat zu kommen. Schließlich kann er sich nicht einfach so auf ein Pferd setzen und losreiten!“

„Ja, und wie ich hörte, ist dieser MacKenzie Bastard bereits auf dem Weg hierher. Broc muss Catriona nämlich in die Finger bekommen, bevor Jakob zurück ist.“ Malcolm fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes, schulterlanges Haar.

„Und wenn du sie irgendwo in Sicherheit bringst? Du könntest sie zum Beispiel nach Dunnotar Castle bringen. Immerhin gehört die Burg uns, seit Onkel William verstorben ist und mir die Burg zufiel, da er keine anderen Erben hatte. Wir waren noch nie dort, weil sie an der Ostküste liegt und damit ziemlich weit weg von Eilean Donan Castle. Und wenn uns der Weg bisher zu weit war...“

„Ailis, du kennst Broc nicht so gut wie ich! Er würde Catriona überall finden, wenn er das wollte. Er ist einer der engsten Vertrauten von Murdoch und hat überall seine Informanten. Ich kenne den Verwalter von Dunnotar nicht einmal persönlich...“, Malcolm kramte in seiner Erinnerung nach dem Namen des Mannes.

„Geordan Blair. Er und seine Frau sind bereits seit vielen Jahren auf Dunnotar Castle, Malcolm. Ich kenne sie und...“

„... und du hast sie seit Jahren nicht mehr gesehen.

Sicher, als Verwalter sind sie zuverlässig, wie ihre Rechenschaftsberichte nahelegen, aber du kennst ihre Gesinnung nicht. Schottland ist zerrissen und viele kehren in diesen Zeiten ihr Mäntelchen nach dem Winde. Und selbst wenn die Blairs vertrauenswürdig sind: Wir kennen die Burgbesatzung nicht gut genug, um ihnen in dieser Sache zu vertrauen. Darüber hinaus kann ich Catriona auch nicht alleine dahin schicken.

Selbst wenn ich ihr einige meiner Männer mitgebe:

Solange die kleinste Chance besteht, dass Broc sie in seine Hände bekommt, wird er Mittel und Wege finden, sie zur Ehe zu zwingen. Du kennst ihn nicht so gut wie ich, Ailis. Er scheut keine Mittel und Wege, um zu bekommen, was er will. Und er will meine Schwester.“

„Aber hierbleiben kann sie dann auch nicht, wenn es so ist, wie du sagst! Wenn Broc glaubt, Catriona sei hier in der Burg, wird er Eilean Donan womöglich belagern oder sonst was anstellen, damit wir sie herausgeben!

Du musst auch an unsere Kinder denken, Malcolm.

Was, wenn es ihm gelingt, sie irgendwie in seine Gewalt zu bekommen, um Catrionas Herausgabe zu erzwingen?! Hast du daran schon einmal gedacht?“

Ailis reagierte nun fast panisch auf die Aussicht, Catriona könnte sie alle in Gefahr bringen. So sehr sie ihre Schwägerin auch mochte, das Glück und Wohlergehen ihrer eigenen kleinen Familie stand für sie doch an erster Stelle.

„Ich weiß, Ailis.“ Malcolm nahm seine Frau fest in seine Arme, um sie zu beruhigen.

„Ich werde alles tun, damit weder du und die Kinder noch Catriona in Gefahr geraten.“

„Und wie willst du das verhindern, Malcolm? Bitte, du musst Catriona fortschicken!“

Malcolm wollte seine Frau nicht weiter beunruhigen, also sagte er: „Liebling, ich werde eine Lösung finden.“

Er würde ihr jetzt nicht sagen, dass seine Späher Broc bereits entdeckt hatten und ihnen nur noch eine Woche, im günstigsten Fall vielleicht etwas mehr Zeit blieb, eine Lösung zu finden. Und er würde sie auch nicht mit dem Gedanken ängstigen, dass es nicht viel nützen würde, Catriona nur fort zu bringen. Denn auch dann drohte ihnen Gefahr, weil Broc nichts unversucht lassen würde, ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Er küsste Ailis sanft auf den Scheitel.

Ihm musste einfach etwas einfallen!

Aus einem kleinen Anfang entspringen alle Dinge.

(Cicero)

Catriona schwang die hölzernen Läden auf, die nur unzureichend die frostige Januarluft aus ihrer Kammer fernhielten. Und obwohl im Kamin ein lustiges Feuer prasselte, war es kalt in dem kleinen Raum. Sie blickte auf die weißen Schaumkronen, die der Wind über die graue Oberfläche des Loch Duich blies, während aus seinen schneebedeckten Ufern bereits vereinzelt dünne Eisplatten ins Wasser wuchsen. Es herrschte Flut und die Burg wurde fast vollständig von den eisigen Wassern umspült, da sie auf einer kleinen Landzunge lag, die in den Loch Duich hineinragte. In dieser Zeit konnte man nur über eine kleine Holzbrücke zur Burg gelangen, was ihre strategisch günstige Lage am Zusammenfluss dreier Lochs noch verstärkte. Früher war die Burg als Stützpunkt gegen die Überfälle der Wikinger erbaut worden, die hier vorbeifahren mussten, wenn sie weiter ins Landesinnere vordringen wollten. Das war immerhin fast zweihundert Jahre her, und seither war die Anlage mehrfach umgebaut worden, aber so richtig komfortabel war der Wohnturm nicht. Das Erdgeschoss bestand aus zwei Räumen, in denen die Burgbesatzung die Mahlzeiten einnahm und auch schlief. Über eine Treppe erreichte man zwei weitere Stockwerke, die der Familie und Gästen vorbehalten waren. Catrionas Kammer lag im obersten Geschoss und sie liebte den Ausblick, der sich ihr aus den kleinen Fensterscharten bot. Sie konnte in der klaren Winterluft am Horizont die Berge erkennen, die den Loch Duich fast vollständig umgaben. Sie war jedes Mal aufs Neue fasziniert vom Anblick der Five Sisters of Kintail, einer aus fünf Gipfeln bestehenden Bergkette, um die sich eine romantische, aber auch traurige Legende rankte. Sie handelte von sieben Schwestern, zwei von ihnen verliebten sich in irische Königssöhne, heirateten sie, und ihre frisch angetrauten Ehemänner versprachen, ihre fünf Brüder zu schicken, die ihre verbliebenen fünf Schwestern heiraten würden. Die zwei MacRae Töchter zogen daraufhin zufrieden mit ihren Männern nach Irland, und die fünf Daheimgebliebenen warteten auf ihre Bräutigame. Die aber kamen nie an, und weil sie für ihre versprochenen Gatten so schön und jung bleiben wollten wie sie waren, verwandelte ein Zauberer sie in fünf Berge. Catriona liebte solche Geschichten, auch wenn sie nicht an Banshees, Zauberer oder Feen glaubte. Aber wenn man die mal sanft, mal steil aufragenden Gipfel ansah, dann kam es ihr doch so vor, als ragten sie wie wachsame Soldaten in den Himmel und Catriona fühlte sich bei ihrem Anblick behütet und sicher. Und tatsächlich waren seit der Zeit, als sich der schottische Freiheitskämpfer Robert Bruce auf der Flucht vor den Engländern auf die Burg geflüchtet hatte, keine nennenswerten Angriffe feindlicher Clans auf Eilean Donan vorgekommen. Ein paar Grenzscharmützel und halbherzige Überfälle hatte es zwar gegeben, aber die waren durch die Burgbesatzung mühelos zurückgeschlagen worden.

Catriona schlang die Arme um ihren Körper. Seit Tagen schon hatte sie das Gefühl, dass dieser Frieden gefährdet war. Etwas lag in der Luft, eine eigentümliche Spannung, die mit jedem Tag zunahm.

Gerade eben hatte ihr Bruder ihr eröffnet, dass sie bis auf weiteres die Burg nicht mehr verlassen durfte. Auf ihre Frage nach dem Warum hatte Malcolm sie mit einer lächerlichen Ausrede abgespeist. Es sei zu kalt, um draußen herumzulaufen, hatte er gesagt. Zu kalt!

Catriona konnte sich an einige Winter erinnern, in denen es noch viel kälter gewesen war, und da hatte Malcolm sich mit ihr sogar Schneeballschlachten im Freien geliefert! Catriona hatte weiter gebohrt, ihm auf den Kopf zugesagt, dass er ihr etwas verschwieg, aber am Ende hatte er ihr sogar verboten, überhaupt nur ihre Kammer zu verlassen! Sie schloss die Fensterläden wieder und stellte sich neben das Feuer. Und ganz langsam vertrieben die Flammen die Kälte, die sich in ihr ausgebreitet hatte. Oh, nicht, dass sie auch nur einen Augenblick daran dachte, Malcolms Bitte - seinem Befehl! - zu gehorchen! Wenn er ihr nicht die Wahrheit sagte, dann konnte sie auch Geheimnisse vor ihm haben. Immerhin hatte sie einen Grund, die Burg auch bei diesem unwirtlichen Wetter zu verlassen und wenn ihr Bruder nicht gewillt war, ihr einen triftigen Grund zu nennen, das nicht zu tun, dann war sie auch nicht gewillt, die alte Cailleach im Stich zu lassen. Die alte Frau wurde von den Bewohnern des kleinen Dörfchens Dornie, das sich an den Ufern des Lochs entlangzog und nur aus vereinzelten kleinen Katen bestand, gemieden, weil viele glaubten, sie sei eine Banshee. Catriona glaubte diesen Unsinn von der todbringenden Fee aus der Anderswelt nicht, und immerhin lebte sie ja auch noch, obwohl sie sich seit fast einem Jahr um Cailleach kümmerte. Die Alte hauste in einer winzigen Kate, weit ab von den anderen Menschen in diesem Tal und war schon immer eine Außenseiterin gewesen, weil sie manchmal Visionen hatte und den anderen unheimlich war. Man sagte, sie hätte auf den Kriegsschauplätzen die blutigen Hemden und Tartans der Kämpfer gewaschen und seitdem bringe sie den Tod. Wenn Catriona diesem Aberglauben energisch widersprach, winkten die meisten Dorfbewohner nur ab. Sie werde schon sehen, was sie davon habe, mit so einer zu reden! Schließlich wisse doch jedes Kind, dass Cailleach nicht nur den gleichen Namen habe wie die schottische Todesgöttin!

Catriona lauschte zwar immer gerne den schottischen Märchen, litt mit Ian Direach, dem Königssohn, der viele Abenteuer bestehen und gegen seine böse Stiefmutter kämpfen musste, um schließlich seine Prinzessin heiraten zu können und war fasziniert von der Tochter des Nordlandkönigs, deren Vater das Land um Lochaber besitzen und beherrschen wollte, was ihm aber nicht gelang. Weil er darüber in Trübsinn verfiel, steckte sie aus Liebe zu ihm ihre Gewänder in Brand und verwüstete die besagte Gegend durch das entstandene Feuer. Die kriegerische Königstochter starb schließlich durch eine silberne Kugel, die die Bewohner des brennenden Landes auf sie abfeuerten und ihr Vater war über ihren Tod so bestürzt, dass er sich zurückzog und seine Macht über das Land gebrochen war. Aber das waren Märchen, Geschichten, die man sich an den langen dunklen Winterabenden in den schottischen Highlands erzählte und niemand glaubte wirklich daran, dass das alles so geschehen sein sollte.

Umso fassungsloser machte es Catriona, dass Cailleach nach Meinung der Menschen hier eine Banshee sein sollte! Das einzige, was den Tod brachte, waren Krankheiten und das Claymore, wenn sein Träger geschickt damit umzugehen vermochte, aber keine hilflose alte Frau.

Cailleach war seit einiger Zeit krank, hatte starken Husten und war so geschwächt, dass sie ihre Hütte kaum verlassen konnte. Sie fieberte von Zeit zu Zeit und konnte schon lange nicht mehr selbst für sich sorgen, indem sie Pilze und Beeren sammelte oder Fische und Moorhühner fing. Und jetzt bei dieser bitteren Kälte hatte sich ihr Zustand weiter verschlechtert und wenn Catriona auch wusste, dass sie den Tod vielleicht nicht aufhalten konnte, so fühlte sie sich doch verpflichtet, der Alten so weit wie möglich das Leiden zu erleichtern. Das war sie der Frau schuldig. Catriona hatte Cailleach das erste Mal kurz nach dem Tod ihrer Mutter im Wald getroffen. Damals war sie zehn Jahre alt gewesen und die Trauer hatte sie in ein dunkles Loch gerissen. Ihr Vater war zu beschäftigt, um sie so zu trösten, wie ein Kind es in dieser Situation gebraucht hätte, und Malcolm war damals mit seinen siebzehn Jahren ebenfalls bereits erwachsen, jedenfalls benahm er sich so. Er hatte ihr erklärt, der Tod gehöre zum Leben und sie solle sich zusammenreißen. Sicherlich, Catrionas Mutter war nur die zweite Gemahlin des Lairds gewesen und damit nicht Malcolms leibliche Mutter, aber dennoch hatte es Catriona verletzt, dass er so schnell zur Tagesordnung zurückkehrte. Trost hatte sie in der Natur gefunden, in dem Wind, der ihre Tränen trocknete und der Sonne, die ihr kaltes Herz wärmte. Bei einem ihrer Ausflüge in den nahegelegenen Wald hatte sie schließlich Cailleach getroffen, die wie eine gute Fee aufgetaucht war und sich Catrionas Kummer anhörte. Catriona war Fremden gegenüber bis dahin eher zurückhaltend begegnet, denn ihre Mutter hatte ihr immer eingeschärft, sie solle auf der Hut sein und nur ihrer Familie vertrauen, aber Cailleach hatte in ihr sofort das Gefühl großer Zuneigung erweckt. Cailleach war es auch gewesen, die sie eines Tages an eine seichte Bucht des Lochs geführt hatte. Sie hatte einen Becher Wasser geschöpft und Catriona gesagt, sie solle sich vorstellen, das Wasser sei ihre Mutter. Dann hatte sie das Wasser langsam zurück in den See geschüttet.

„Und, mein Kind? Wo ist deine Mutter jetzt? Ist sie fort, nur weil du sie nicht mehr sehen kannst?“, hatte sie gefragt. Catriona hatte sich angestrengt zu verstehen, was Cailleach ihr damit sagen wollte.

„Sieh, ich habe das Wasser aus dem See geschöpft, so wie Gott das Leben spendet. Und dann habe ich es wieder zurück gegossen, so wie Gott sich das Leben wieder nimmt. Aber deine Mutter ist so wenig fort, wie das Wasser im See. Du kannst sie nur nicht mehr sehen, aber sie ist da und ich bin mir sicher, dass sie dich sieht und beschützt!“

Das leuchtete Catriona ein und seitdem kam sie regelmäßig an dieses seichte Ufer, redete mit ihrer Mutter oder badete im Sommer und fühlte sich umgeben und geborgen von der Liebe ihrer Mutter.

Lautes Rufen und das Klappern von Pferdehufen unterbrach ihre Gedanken und Catriona ging zum Fenster und öffnete den Laden davor erneut ein kleines Stück. Durch den engen Spalt konnte sie erkennen, wie ihr Bruder und einige seiner Männer auf die wartenden Pferde aufsaßen. Mehrere hatten Bögen über den Rücken geschnallt und zwei oder drei der Clansmen hatte Armbrüste am Sattel befestigt. Aus den Nüstern der Pferde kringelten sich kleine Dampfwölkchen in die eisige Luft und der frisch gefallenen Schnee war im engen Hof der Burg bereits vollkommen zertrampelt.

Auf ein Zeichen von Malcolm trabten die Männer an und passierten die enge Holzbrücke, die die Burg mit dem Ufer verband.

Schnell schloss Catriona die Läden. Malcolm ritt also zur Jagd um den zu dieser Zeit recht eintönigen Speiseplan zu bereichern! Mal abgesehen von der Tatsache, dass auch sie das eintönige Essen, das meistens aus Haferbrei, Haferkeksen oder getrocknetem Fisch bestand leid war, bot Malcolms Ausflug ihr darüber hinaus die Gelegenheit, sich ungesehen davonzustehlen, jedenfalls wenn sie es geschickt anstellte. Catriona kramte einen dicken Arisaid aus Wolle aus ihrer Truhe, tauschte ihre eher dünnen Lederschuhe gegen ein paar mit Fell gefütterte Stiefel aus und öffnete vorsichtig die Tür. Da niemand zu sehen war, schlich sie den Gang entlang und dann die Treppe hinunter in die Wohnetage ihres Bruders und seiner Familie. Aus einer Kammer hörte sie die Stimmen ihres Neffen Connors und ihrer Nichte Evanna. Die beiden zankten sich um irgendetwas und als Evanna laut aufheulte, erklang auch die Stimme ihrer Schwägerin, die versuchte, den Streit zu schlichten. Soweit, so gut. Die Drei würden ihr also nicht in die Quere kommen. Viel schwieriger war es da schon, ungesehen die Burg zu verlassen, da Malcolm die Wachen in den letzten Tagen verstärkt hatte. Leise betrat Catriona die Halle in der untersten Etage. Einige Mägde waren dabei, die Tische zu säubern und für das Abendessen vorzubereiten, das traditionell von allen Burgbewohnern gemeinsam in der Halle eingenommen wurde. Kichernd und schäkernd nahmen sie aber keine Notiz von Catriona und so gelangte sie ungesehen in den Burghof. Sie war sich sicher, dass Malcolm alle angewiesen hatte, sie aufzuhalten, sollte sie versuchen, die Burg zu verlassen und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie weder ungesehen über die schmale Holzbrücke käme, noch durch das Wasser des Sees waten könnte, da Flut herrschte. Auf dem Turm sah sie die Wachen patroullieren und die Lage der Burg war ja gerade deshalb strategisch so günstig, weil sich ihr niemand ungesehen nähern konnte – oder eben auch sie verlassen. Wütend und ratlos, weil sie das viel eher hätte bedenken sollen, nagte sie an ihrer Unterlippe.

Eine kalte Böe fuhr unter ihren Umhang, und ein Blick in den Himmel ließ vermuten, dass das Wetter umschlagen würde. Das bisschen Schnee, das die sich dunkel auftürmenden Wolken erwarten ließen, würde sie nicht von ihrem Plan abhalten können, Cailleach zu besuchen. Da stellten die aufmerksamen Wachen auf dem Turm schon eher ein Hindernis dar. Fast schien es so, als wenn sie unverrichteter Dinge wieder in ihre Kammer zurückkehren müsste, als sie ein Rumpeln vernahm. Gerade hatte ein hoch beladenes Fuhrwerk die Holzbrücke erreicht und schon hörte sie Rurig, der auf dem Turm Wache schob, einen lauten Willkommensgruß rufen. Bei näherer Betrachtung sah sie den alten Hamish Boyd mit seinem Gespann die Brücke überqueren. Er winkte Rurig fröhlich zu während er versuchte, das Gefährt genau in die Mitte der Brücke zu lenken, damit es auf dem engen Übergang nicht stecken blieb. Genau genommen bestand Hamish's Fuhrwerk nur aus drei schmalen Brettern, die längs nebeneinander befestigt waren und jeweils zwei Brettern rechts und links übereinander als Seitenbegrenzung. Ein schmales Holzbrett diente Hamish als Sitz und mit dieser eigenwilligen Konstruktion rumpelte er nun über die schmale Brücke. Catriona musste grinsen, als sie den alten Mann auf seinem Kutschbock sitzen sah, hoch überragt von der abenteuerlich aufgetürmten und mit Seilen befestigten Ladung aus Fässern und Heuballen, die bedrohlich schwankten. Mochten Andere an Banshees, Feen und Geister glauben, Catriona glaubte an Schicksal, denn das seltsame Gefährt, das sich ihr rasch näherte, war die Lösung ihres Problems. Sie würde einfach in einem unbeachteten Augenblick auf die Ladefläche klettern und mit Hamish die Burg verlassen. Aus dem Schatten einer Mauernische heraus verfolgte Catriona das Abladen, das mit der Hilfe einiger herbeigeeilter Männer schnell erledigt war. Als Hamish schließlich scherzend und gestikulierend mit den Helfern in der Halle verschwand um sich kurz aufzuwärmen und einen Schluck Uisge Beatha zu trinken, konnte Catriona ihr Glück kaum fassen. Sie hatte dieses fürchterlich scharfe, in der Kehle brennende „Wasser des Lebens“, das die Schotten so gerne tranken, noch nie gemocht, aber wenn es dazu beitrug, die Männer von ihrem Vorhaben abzulenken, dann hatte es seinen Zweck erfüllt. Schnell kletterte sie auf die schmale Ladefläche, raffte die losen Planen zusammen und kauerte sich darunter zusammen, in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden. Kurze Zeit später rumpelte Hamish laut singend mit seiner geheimen Fracht über die Brücke.

Denn dunkel ist des Glückes launenhafter Gang. Ein ungreifbar, unergründlich Ränkespiel.

(Euripides)

Niall fluchte leise vor sich hin. Schon lange hatte er keinen Schneesturm mehr erlebt, der so plötzlich und unbarmherzig über das Land hereingefallen war, wie heute. Vor gefühlt wenigen Augenblicken noch war die Luft erfüllt von einem trüben Sonnenschein und klarer, ehrlicher Kälte und nichts deutete auf diesen heimtückischen Wettereinbruch hin. Und nun schneite es schon seit Stunden ununterbrochen und längst war sein wetterfester Umhang aus guter, schottischer Wolle durchnässt und auch auf seinem Haar und in seinem Bart schmolzen die weißen Flocken schon lange nicht mehr durch seine Körperwärme. Stattdessen bildeten sie dort kleine gefrorene Eiszapfen und auf seinen Haaren türmte sich bereits ein kleiner, bizarrer Berg aus gefrorenen Flocken. Wenn er nicht bald eine geschützte, trockene Stelle fand, die ihn und sein braves Ross vor der bitteren Nässe und Kälte schützte, würde er noch eine Lungenentzündung bekommen!

Oder auch einfach hier im Wald erfrieren. Und das, wo er doch seinem Ziel so nah war wie seit drei Jahren nicht mehr! Sein alter Freund Malcolm hatte ihm eine Nachricht zukommen lassen, in der andeutete, Neuigkeiten bezüglich des Mannes zu haben, dem er die Nacht im Kerker von Doune Castle verdankte.

Dieser Nacht, die sich in seine Erinnerung eingebrannt und hatte und doch so seltsam verschwommen war, dass er sich an wenig erinnern konnte. Außer an die Schmerzen und die Verzweiflung. Und die Wut und die Hilflosigkeit gegenüber den Männern, die ihn in der Gewalt hatten und etwas von ihm wollten, von dem er bis heute nicht genau wusste, was es war. Und daher musste er diesen Mann finden, der ihm das alles eingebrockt hatte. Er musste wissen, wofür er in dieser Nacht beinahe gestorben war. Nein, er war gestorben.

Niall MacLennan, der tapfere Soldat im Heer des Dukes of Albany, war tot. Es gab nur noch Niall Albannach, Niall den Schotten. Und die Rache! Kein Gefühl hatte ihn jemals so angetrieben, wie der Wunsch nach Vergeltung. An Duff Graham und den Männern des Dukes of Albany, die ihn in dem Verlies gefoltert hatten! Es gab nur zwei Menschen, die wussten, dass er noch lebte und ihn mit Informationen versorgten.

Malcolm MacRae, der ihn damals aus dem Verlies hinausgeschafft hatte und alle in dem Glauben ließ, er sei tot. Und ihn dann zu diesem alten Ehepaar in die Bauernkate gebracht hatte, wo er lange Zeit einen verbitterten Kampf mit Wundbrand und Fieber um sein Leben geführt hatte. Aber schließlich hatte die Fürsorge der Alten, Malcolms beharrliche Sorge um sein Wohlergehen und sein eigener Kampfgeist gesiegt und die Banshees, die ihn schon halb in ihrem Reich wähnten, waren vertrieben worden. Und dann war da sein Bruder Angus. Er hatte Malcolm bedrängt, ihm zu sagen, was mit dem vermeintlich toten Körper seines Bruders geschehen sei, hatte vehement darauf bestanden, seinen Bruder auf dem Gelände der heimischen Burg zu bestatten und ihm so die letzte Ehre zu erweisen. Schließlich hatte Malcolm, so in die Enge gedrängt, keinen anderen Ausweg gesehen, als Angus die Wahrheit zu sagen, ohne jedoch zu verraten, wo Niall sich befand. Was Niall am meisten überrascht hatte, war die Reaktion seines Bruders: Angus hatte wortlos akzeptiert, dass Malcolm Nialls Aufenthaltsort für sich behielt. Er war nach Hause zurückgeritten und hatte in den darauf folgenden Monaten regelmäßig hohe Beträge an Malcolm geschickt, mit denen dieser Nialls Gesundung bestmöglich unterstützen sollte. Als Niall schließlich soweit wieder hergestellt war, dass er selbst entscheiden konnte, wie es für ihn weitergehen sollte, hatte er beschlossen, dem Drängen seines Bruders auf ein Treffen nachzugeben. An einem nebelverhangenen Tag im November 1421 hatten sich Angus und Niall an einem einsamen Ort in den Highlands getroffen und die folgende Aussprache brachte sie näher zusammen als sie es jemals zuvor gewesen waren. Niall hatte erfahren, dass Angus sich dafür verantwortlich fühlte, dass Niall seinem Zuhause den Rücken gekehrt hatte und sein Dasein als einsamer Wolf in der Armee des Dukes of Albany führte. Angus hatte Glynis zwar geheiratet, wie sie es von vornherein geplant hatte, aber er hatte nichts von den Absichten seines jüngeren Bruders geahnt. Glynis hatte sie beide getäuscht und erst langsam hatte Angus sich aus den verschiedenen Bruchstücken, die ihm Bedienstete auf Nachfrage und schließlich auch Glynis ganz offen erzählten, zusammengereimt, was damals wirklich geschehen war. Bis dahin hatte er geglaubt, Nialls überstürzte Abreise hätte damit zu tun gehabt, dass er Glynis nicht leiden konnte und erst viel später war ihm der wahre Grund klar geworden. Er hatte Niall beschworen, doch wieder nach Hause zu kommen, aber dieser hatte aus mehreren Gründen abgelehnt.

Niemand durfte wissen, dass er noch lebte und wenn es doch bekannt würde, würde er alle gefährden, die ihn unterstützten. Immerhin war er nicht ohne Grund ins Visier seiner Feinde geraten, sie wollten etwas von ihm wissen, etwas, das offenbar so brisant war, dass sie vor Mord nicht zurückschreckten. Und dann war da sein alles überlagernder Wunsch nach Rache. Rache an den Männern, die ihm das angetan hatten. Er würde nicht eher ruhen, bis er die volle Wahrheit kannte, eine Wahrheit, von der er inzwischen ahnte, dass sie die Verantwortlichen an den Galgen bringen würde.

Sein Pferd, das gerade noch mit hängendem Kopf neben ihm her getrottet war, blieb plötzlich stehen und riss ihn so aus seinen Gedanken. Der Rappe stellte die Ohren auf und riss den Kopf hoch.

„Ruhig, Each, was hast du denn? Ich habe auch keine Lust, noch weiter durch dieses Unwetter zu stapfen, aber ich fürchte, wenn wir hier stehen bleiben, holen uns die Banshees!“ Seine beruhigende Stimme verfehlte die Wirkung auf das große Tier. Es begann, nervös zu tänzeln und die aufgestellten Ohren drehten sich unruhig hin und her. Niall kannte sein Pferd gut genug um zu ahnen, dass hier irgendetwas nicht stimmte.

Each hatte etwas gewittert, dass ihn beunruhigte und Niall schaute sich wachsam um. In dem Schneegestöber konnte man kaum die Hand vor Augen sehen und zu allem Überfluss begann es auch noch, dunkel zu werden. Schließlich blieb sein Blick an etwas hängen, dass etwa fünf Schritte vor ihm im Schnee lag.

Zuerst erkannte er nur einen Umriss, der einem schneebedeckten Busch ähnelte, aber bei genauerem Hinsehen, blitzte etwas Rotes daraus hervor. Vorsichtig näherte Niall sich dem Haufen, obwohl es unwahrscheinlich war, dass sich ein Angreifer bei diesem Wetter auf den Boden kauern würde, um anzugreifen. Mit dem Fuß stieß er das Bündel an, aber es bewegte sich nicht. Stattdessen rieselte der frisch gefallene Schnee von der Gestalt und gab den Blick auf eine Wolldecke oder einen Umhang frei, die eine Person einhüllte. Immer noch wachsam bückte Niall sich und sog kurz darauf scharf die Luft ein. Der Schneeberg war eine zierliche Frau mit kastanienroten Haaren! Der Schnee war in den lose aus ihrem Zopf fallenden Strähnen bereits zu kleinen Eiszapfen gefroren und ihre Lippen hatten eine ungesunde bläuliche Farbe. Ihre Haut war so weiß wie der frisch gefallene Schnee und schimmerte wächsern. Sie sah aus wie tot, aber als Niall vorsichtig an ihrem Hals nach der Ader fasste, bemerkte er ein schwaches Pochen. Diese kleine Frau lebte noch! Er konnte sie auf keinen Fall hier liegen lassen, aber wo sollte er sie hinbringen?

Wenn sie nicht schnell ins Warme kam, würde sie erfrieren. Vorsichtig hob er sie auf und trug sie zu seinem Pferd.

„Each, du musst sie jetzt tragen und wärmen. Ich weiß nicht, wie wir aus diesem verdammten Wald herauskommen sollen, aber wir können sie nicht hier lassen.“ Er hob die federleichte Gestalt auf das jetzt wieder ruhig dastehende Pferd und nahm ein Seil aus der Satteltasche. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sie an das Tier zu fesseln, damit sie nicht herunterfiel. Als er seine Hände von ihr löste stellte er zu seinem Entsetzen fest, dass etwas Blut daran haftete. Himmel!

Sie war auch noch verletzt! Behutsam untersuchte er ihren Kopf und fand eine dicke Beule mit verkrustetem Blut an ihrem Hinterkopf. Wahrscheinlich war sie ausgerutscht und gestürzt und mit dem Kopf hart aufgeschlagen. Schließlich legte sich niemand mit einem Fünkchen Verstand bei diesem Wetter einfach in den Schnee um sich auszuruhen. Auch das noch. Bei diesem Wetter und unter diesen Umständen war es ihm nicht möglich abzuschätzen, wie schlimm ihre Verletzung war, aber ganz sicher verschlechterte sie ihre Lage noch. Wütend auf diese kleine Person und das Schicksal, das sie ihm in den Weg geworfen hatte, öffnete er die Fibel an seinem Umhang und zog ihn aus. Sofort packte ihn die eisige Kälte und vertrieb die Restwärme, die der durchweichte Umhang ihm trotz der Nässe gespendet hatte. Fluchend legte er ihn der leblosen Gestalt über und packte entschlossen die Zügel. Er musste in Bewegung bleiben, jede Rast konnte seinen Tod bedeuten.

„Komm, mein Guter, wenn wir hier nicht erfrieren wollen, müssen wir einen Unterschlupf finden. Ich überlasse dir die Führung, vielleicht witterst du etwas, das ich übersehe. Wir sind auf dem Gebiet der MacRaes, soviel ist klar.“ Er gab dem Rappen einen Klaps auf die Kruppe und das Tier setzte sich gehorsam in Bewegung. Dann blieb Each plötzlich stehen, drehte wieder die Ohren hin und her und schnaubte, bevor er entschlossen die Richtung änderte und energisch am Zügel zerrte. Niall ließ sich von seinem treuen Freund führen, schlimmer verlaufen konnten sie sich ja nicht. Und Each hatte schon oft bewiesen, dass seine Sinne da ansetzten, wo menschliches Abwägen und Überlegen nicht half.

Einen sicheren Freund erkennt man in unsicherer Sache.

(Cicero)

„Wie geht es Catriona?“ Aufgebracht stürmte Malcolm in die Kammer, in die man Catriona gebracht hatte.