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Tüchtig und fähig soll er gewesen sein, der Besigheimer Vogt Victor Stephan Essich. Aber auch äußerst gewalttätig und korrupt. Die Bürgerschaft tyrannisierte er und beutete sie aus, die Herrschaft betrog er. Turmwärter Schoch, Stadt- und Kelterschreiber Meurer, der Kommerell, ein geheimnisvoller Gast aus Stuttgart, Rosina Knoll aus Walheim und viele andere sind dabei, wenn für den Vogt fast 250 Jahre nach seinem Tod die Stunde der Abrechnung schlägt. Dokumentierte Begebenheiten aus der Besigheimer Historie zu einer Geschichte verarbeitet.
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Seitenzahl: 61
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Prolog: Besigheim, am Fuße des Niedernbergs, Herbst 1755
Besigheim, Schochenturm, fast 3: Jahrhunderte später
Anhang: Hauptprotagonisten
Eberhard I., der Erlauchte, Graf von Württemberg
Essich, Victor Stephan
Kommerell, Johann David
Meurer, Johann
Schoch, Wilhelm Johann
Leicht vornübergebeugt, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, spähte er durch die lichte Stelle im Laubwerk des Rebstocks. Die rötlich gefärbten Blätter rochen herb und erdig und kitzelten über seine bartlosen, ausgemergelten Wangen. Nur mit Mühe unterdrückte er einen Fluch. Dichte Nebelschwaden, die von der Enz herüberwaberten, umhüllten ihn wie kalte, feuchte Tücher und erschwerten ihm die Sicht. Mittlerweile konnte er nicht einmal mehr den Pfad erkennen, der sich keine vier Fuß entfernt zwischen Weinberg und Enz an ihm vorbeizog.
Verärgert richtete er sich auf – und stutzte. Kein Hund bellte, keines der Schafe auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses blökte, selbst das Glockengeläut der Pfarrkirche oben in der Stadt war verstummt. Angestrengt horchte er in den Nebel hinein. Stille. Totenstille. Ein Zeichen? Eine Warnung Gottes? Sollte er besser zurücklaufen? Heim zu Weib und Kind, die weder wussten, welche Qualen seit langer Zeit in seinem Inneren tobten, noch ahnten, in welche Gefahr für Leib und Leben er sich gerade begab?
Unschlüssig kaute er auf seiner Unterlippe, bis er den metallischen Geschmack von Blut schmeckte. Er sollte – nein, er musste es jetzt zu Ende bringen. Koste es, was es wolle. Andernfalls würde er niemals Ruhe finden.
Ungeduldig verlagerte er sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und bewegte die Zehen, die sich anfühlten, als habe er sie in Eiswasser getaucht. Seine ausgetretenen, durchgeweichten Rindslederschuhe boten kaum noch Schutz vor der feuchten Kälte, die ihn umgab. Fröstelnd zog er den verfilzten, unförmigen Wollmantel enger und schlang die Arme um seinen Leib. Lange würde er sie nicht mehr aushalten, diese elende Hundskälte, die ihm heute noch unbarmherziger erschien, als sonst.
Beinahe hätte er den dunklen Schemen, der sich lautlos auf ihn zu bewegte, nicht bemerkt. Sein Mund war auf einmal staubtrocken und Schweißtröpfchen perlten auf seiner Oberlippe. Kaum wagte er zu atmen, als die Gestalt mit kleinen vorsichtigen Schritten sein Versteck passierte. Gleich würde sie wieder im Nebel verschwinden – und das durfte nicht geschehen. Nicht jetzt, wo alles so greifbar nah war und er sich endlich von den Qualen, die sich wie Würmer in seine Seele gefressen hatten, erlösen konnte.
Eine Erinnerung an undurchdringliche Dunkelheit schob sich in sein Bewusstsein. Wieder hörte er die verzweifelten Rufe und roch den Gestank von Urin und Kot, der sich wie eine Haube über ihn gestülpt hatte. Wie damals spürte er die Ratten, die an seiner Hose nagten und fiepsend über seine nackten Füße huschten. Die Erinnerung schnürte ihm die Kehle zu – doch die Panik, die ihn bei diesen Bildern gewöhnlich überfiel, blieb aus.
Stattdessen ballte sich Wut wie eine Faust in seinem Bauch zusammen und stieg hinauf in den Brustkorb, wo sie zu explodieren drohte. Gott, steh mir bei! Gott, vergib mir! Schwer atmend bekreuzigte er sich und sprang mit zwei großen Schritten aus seinem Versteck. Ihm war, als habe jemand die Zeit angehalten – als vereinigten sich Vergangenheit und Zukunft zur Gegenwart – zu diesem einen Augenblick.
Seine Finger schlossen sich fester um den schweren, rautenförmigen Stein. Scharfe Kanten schnitten schmerzhaft in sein Fleisch. Blut vermischte sich mit dem Schweiß seiner Hand. Die Wut in seinem Brustkorb explodierte.
Mit voller Wucht schleuderte er den Stein auf die im Nebel verschwindende Gestalt. Der Schemen hielt inne, als überlege er, ob er sich umdrehen solle, sank dann langsam auf die Knie und kippte wie eine Marionette vornüber.
»Schoch, warum hast du heute fünf Schoppen Wein ausgeschenkt? Wir sind doch immer nur zu viert.« Die Stimme des seltsam gekleideten Mannes auf der Stirnseite des Tisches donnerte durch den dunklen, nach Schimmel und Fäulnis riechenden Gewölbekeller. Sein längliches, scharfkantiges Gesicht mit den schmalen Lippen und der hohen Stirn stand in eigenartigem Kontrast zu seinem massigen, vom Wohlstand gezeichneten Körper. Er trug einen schwarzen Rock mit niedrigem Stehkragen und goldfarbenen Knöpfen, darunter eine graue Weste und ein helles, kragenloses Hemd. Mit schwarzem Dreispitz und weißer Perücke, den Zopf von einem schwarzen Taftbeutel umhüllt, wirkte er wie ein besserer Herr aus den Geschichten der Gebrüder Grimm.
Im flackernden Licht einer fast abgebrannten Kerze, die neben einem kleinen Holzfass mitten auf dem Tisch stand, glich die kleine Gesellschaft einer Zusammenkunft von Vertretern längst vergangener Zeiten. Und das war sie auch: Die Geister Victor Stephan Essich, Johann David Kommerell, Johann Meurer und Wilhelm Johann Schoch trafen sich zum allmonatlichen Stammtisch.
Ursprünglich stammte die Idee, nun auch nach Lebzeiten in geselliger Runde dem Weine zuzusprechen, von Victor Stephan Essich. Jedoch stieß dessen Vorschlag bei den verblichenen Besigheimern auf wenig Begeisterung und Essich zog sich widerwillig und schmollend zurück. 150 Jahre später, im Herbst 1931, erschien eines Nachts der im März des selbigen Jahres verstorbene Wilhelm Johann Schoch in dem von Essich erbauten und lange bewohnten Präzeptoratshaus in der Kirchstraße 79 in Besigheim. Essich, der dort als Geist umging, staunte nicht schlecht, als ihn der kleine, unscheinbar aussehende Mann mit der abgetragenen grauen Schürze und der ebenso grauen Schirmmütze zum »Vierteleschlotzen« in den Turm einlud. Hin- und hergerissen zwischen gekränktem Stolz und Eitelkeit zögerte Essich kurz – dann siegte die Eitelkeit und er nahm die Einladung mit einem wohlwollenden Kopfnicken an.
Johann David Kommerell, unter den Besigheimern besser bekannt als »Der Kommerell«, sagte spontan zu, als Schoch auch ihn eines Nachts aufsuchte und ihm von seinem Vorhaben erzählte. Schochs Pläne machten schnell die Runde. Als Johann Meurer, der zur selben Zeit wie der Kommerell gelebt hatte und stets auf sein leibliches Wohl bedacht gewesen war, davon erfuhr, beschwatzte er den Kommerell so lange, ihn mitzunehmen, bis dieser genervt einwilligte. Nun waren sie zu viert. Schoch war zufrieden.
Was die Besigheimer nicht ahnten: Fortan schwebten in den Nächten des jeweils ersten Donnerstags im Monat drei altertümlich gekleidete Gestalten in das zweitunterste Gewölbe des um 1220 erbauten Turms. Schoch hatte diese Ebene mit Bedacht ausgewählt. Zum einen bot dieser Raum genügend Platz und war mit seinen neun Metern das höchste der fünf Gewölbe, zum anderen versperrte ein verstaubtes, leicht angerostetes Gitter am Scheitelpunkt der Decke den Zugang. Kein Mensch würde ihre gemütliche Runde jemals stören.
Einem aufmerksamen Nachtschwärmer, der an einem solchen Donnerstag gegen 0 Uhr 59 die Kirchstraße hinauf marschiert wäre und auf Höhe der Kirche seinen Blick nach oben gerichtet hätte, diesem Nachtschwärmer wäre das eigenartige Funkeln an der Mauer des Schochenturms sicherlich nicht entgangen. Mag sein, dass ein solches Phänomen im Laufe der Jahrzehnte von dem einen oder anderen Besigheimer tatsächlich beobachtet, dann aber wohl dem letzten Schnäpschen zugeschrieben worden war. Der Neckar- und Enzbote hatte über ein solches Ereignis jedenfalls nie berichtet.
»Schoch, hörst du mich?«, raunzte Essich seinen Gastgeber an, der emsig unsichtbare Fusseln vom Latz seiner Schürze zupfte. »Ich habe dich gerade gefragt, warum heute ein fünfter Schoppen Wein auf dem Tisch steht.«
Schoch hob den Kopf und räusperte sich. Sein Blick huschte zwischen Essich und dem mit Rotwein befüllten Römer auf der anderen Stirnseite des Tisches hin und her. »Unser Gast müsste eigentlich schon längst hier sein«, gab er nervös zur Antwort.
