Das verlorene andalusische Lied - Turgut Altuğ - E-Book

Das verlorene andalusische Lied E-Book

Turgut Altuğ

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Beschreibung

Yunus, ein sephardischer Türke aus İstanbul, kommt 2005 zusammen mit seinem besten Freund Altay für ein Aufbaustudium nach Berlin. In einer S-Bahn-Station hört er zufällig ein altes, ihm vertrautes Lied. Es löst etwas in ihm aus, das er aber nicht benennen kann. Kurz darauf trifft er auf die Spanierin Olivia, in die er sich verliebt. Sie kann sich jedoch nicht zwischen Yunus und ihrem Verlobten entscheiden. Diesem Gefühlschaos versucht sie zu entfliehen, indem sie in ihre Heimat, nach Andalusien, fährt. Yunus reist ihr hinterher. Doch Olivia verweigert ein Treffen. In Córdoba streift Yunus ziellos durch die Straßen und hört zufällig eine Klarinettenmelodie, das Schlaflied seiner Großmutter, gespielt von der jungen Musikerin Josefa. Sie baut zusammen mit Freunden ein ehemaliges Dorf wieder auf und betreibt dort Weinbau. Yunus schließt sich ihnen an und hilft bei der Weinlese. Bei seiner Rückkehr nach Berlin bedrückt ihn die Unvereinbarkeit seiner Situation, dem von seinem Vater erzwungenen Studium, mit seiner Sehnsucht: er möchte sich auch beruflich ganz dem Wein widmen. Er ahnt nicht, dass die Leidenschaft zum Wein und das jahrhundertealte Lied ein Vermächtnis seiner sephardischen Vorfahren ist.

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Turgut Altuğ

Das verlorene andalusische Lied

Turgut Altuğ

DasverloreneandalusischeLied

Roman

Yunus, ein sephardischer Türke aus İstanbul, kommt 2005 zusammen mit seinem besten Freund Altay für ein Aufbaustudium nach Berlin. In einer S-Bahn-Station hört er zufällig ein altes, ihm vertrautes Lied. Es löst etwas in ihm aus, das er aber nicht benennen kann. Kurz darauf trifft er auf die Spanierin Olivia, in die er sich verliebt. Sie kann sich jedoch nicht zwischen Yunus und ihrem Verlobten entscheiden. Diesem Gefühlschaos versucht sie zu entfliehen, indem sie in ihre Heimat, nach Andalusien, fährt. Yunus reist ihr hinterher. Doch Olivia verweigert ein Treffen. In Córdoba streift Yunus ziellos durch die Straßen und hört zufällig eine Klarinettenmelodie, das Schlaflied seiner Großmutter, gespielt von der jungen Musikerin Josefa. Sie baut zusammen mit Freunden ein ehemaliges Dorf wieder auf und betreibt dort Weinbau. Yunus schließt sich ihnen an und hilft bei der Weinlese. Bei seiner Rückkehr nach Berlin bedrückt ihn die Unvereinbarkeit seiner Situation, dem von seinem Vater erzwungenen Studium, mit seiner Sehnsucht: er möchte sich auch beruflich ganz dem Wein widmen. Er ahnt nicht, dass die Leidenschaft zum Wein und das jahrhundertealte Lied ein Vermächtnis seiner sephardischen Vorfahren ist.

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Ein Teil des Erlöses aus dem Buchverkauf geht zugunsten des LGBTIQ*-Eltern-Vereins in Istanbul LISTAG.

Alle Rechte vorbehalten

© Turgut Altuğ (2021)

Cover, Layout und Satz: Grafik Design 25, Fulda

Umschlagfotos: Adobe Stock, Sven Weber (oben), ferbarcala (unten)

Lektorat: Palma Müller-Scherf, Palma Publishing Berlin

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN Paperback:  978-3-347-26495-3

ISBN Hardcover:  978-3-347-26496-0

ISBN e-Book:        978-3-347-26497-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fatma

Teil 1

VERTREIBUNGSÜRGÜN

Berlin, April 2005

„Schnell, jetzt beeil dich doch, ich kann die Tür nicht länger halten“, rief Altay ihm zu. Yunus sprang im allerletzten Moment in den Waggon. Die Türen schlossen sich und die Bahn fuhr an. Die Stirn gegen die Glasscheibe gepresst, schaute Yunus zurück auf den Bahnsteig, er versuchte noch einen Blick von dem Klarinettenspieler, der lässig an einer Säule lehnte, zu erhaschen. Yunus war sich sicher, diese melancholische Melodie schon einmal gehört zu haben. Doch er kam nicht darauf, wo und wann das gewesen war. Die traurige Weise berührte ihn wie ein vertrautes, aber vergessenes Wort. Es lag ihm auf der Zunge. Vielleicht wäre er draufgekommen, hätte er nur einen Moment länger zuhören können. Da fing er den fragenden Blick Altays auf, der offenbar etwas zu ihm gesagt hatte und nun auf die Antwort wartete. Yunus reagierte gereizt.

„Hätten wir nicht auf die nächste Bahn warten können, Altay? Warum müssen wir rennen, als ob wilde Pferde hinter uns her sind? Wir haben doch noch massig Zeit bis zur Vorlesung. Immer machst du Stress, Mann! Versuch mal, ein bisschen lockerer zu werden! Wir hätten doch noch in Ruhe auf der Bank sitzen und unseren Kaffee trinken können, statt ihn so runterzukippen. Ich bin mir sicher, wir beide wären viel gechillter, vor allem ich.“

„Warum soll ich zehn Minuten am Gleis herumhängen? Alles cool, oder? Komm, hock dich hin, Genç Adam!1 Mach du dich mal locker!“

Yunus setzte sich zu Altay. Schweigend schauten sie aus dem Fenster auf die vorbeifließende Silhouette der Stadt. Ihre jahrelange enge Freundschaft vertrug ein gemeinsames Schweigen ebenso wie ihre hitzigen Debatten. Yunus band seine vom Wind zerzausten, ihm bis auf die Schultern reichenden schwarzen Haare über dem Nacken zusammen, während Altay seine Baskenmütze absetzte.

Ungewöhnlich warm war es an diesem Tag. Schwere Wolken türmten sich am Horizont auf, um sich dann zu einer grauen Decke über der Stadt zu vereinen. Einige Menschen suchten bereits vor dem sich nähernden Gewitter zielstrebig nach einem Unterschlupf.

An jeder Station stiegen Menschen unterschiedlicher kultureller und gesellschaftlicher Herkunft und unterschiedlichsten Alters ein und aus, scheinbar mit einer Souveränität und Entschiedenheit, deren Bewegungsmuster eine Endlosschleife ergaben: Anzug- und Aktentaschenträger auf dem Weg zur Arbeit, Punks, die sich für ein Leben ohne Obdach als politisches Statement entschieden hatten, begleitet von Hunden, eine Flasche Bier in der Hand, eine blonde Rasta-Frau mit Yogamatte unterm Arm, Grüppchen von Männern und Frauen, die aneinander gelehnt eingeschlafen waren und deren säuerliche Alkoholausdünstungen verrieten, dass sie die Nacht durchgemacht hatten, alte Menschen mit Einkaufsrollern, wie Modeikonen posierende und ihre Umgebung ignorierende Jugendliche, Arbeiter in verschmutzten Overalls, offenbar von der Nachtschicht kommend … Immer steht jemand auf und geht, ein anderer übernimmt seinen Platz, eine unablässige Folge von Aufbruch und Übernahme.

Yunus machte stets einen großen Bogen um die desperatheroischen Punks mit ihren Hunden, die ihm nicht ganz geheuer waren. Irgendwie wunderte es ihn noch immer, dass er und Altay sich mit dieser Vielfalt, die sie in ihren ersten Tagen in Berlin so sehr beeindruckt hatte und von der sie nicht genau wussten, wie sie mit ihr umgehen sollten, bemerkenswert schnell arrangiert hatten. Er versuchte sich auszumalen, auf welche Weise diese neuartige, hektische und bewegende Welt Altays und auch sein Leben wohl verändern und im Hinblick auf ihre Zukunft neu ausrichten würde. Aber er konnte diesen Gedanken nicht weiter verfolgen, zu sehr hallte jene Klarinettenmelodie noch in ihm nach. Er bekam sie einfach nicht aus dem Kopf. Er würde den Text des ihm von irgendwoher bekannten Liedes komplett rekonstruieren können, würde ihm nur ein einziges Wort davon souffliert werden. Das fühlte er. Wo nur hatte er dieses Lied schon einmal gehört? Und warum konnte er sich innerlich nicht von dieser Melodie lösen?

Aus dem Augenwinkel heraus sah er, wie Altays Blick für einen Moment an zwei Männern hängenblieb, die auf einer Bank in der Ecke saßen und sich küssten. Yunus atmete tief aus, so wie es manchmal Menschen tun, wenn sie sich von einer inneren Unruhe befreien wollen. Es ärgerte ihn, wenn ihn sein Gedächtnis so im Stich ließ wie jetzt. Um sich abzulenken, redete er halblaut vor sich hin.

„Was für ein Wetter, Alter! Eben scheint noch die Sonne und ein paar Sekunden später ist alles klitschnass.“

Seine meteorologische Beobachtung kommentierte er gleich selbst, als wäre es nicht er, sondern sein Freund gewesen, der sich über das Wetter beschwert hatte. „Hätte aber schlimmer kommen können, stell dir mal vor, wir würden in London studieren.“

„Oder in Manaus, mitten im Amazonas! Wir wären wahrscheinlich nass wie Ratten“, antwortete nun Altay. Yunus lächelte.

Für einen Augenblick wurde ihre Aufmerksamkeit in den anderen Teil des Waggons gelenkt. Drei junge Frauen unterhielten sich dort laut mit ausladenden Gesten. Ein fröhliches Lachen unterbrach immer wieder ihre Unterhaltung.

In allen öffentlichen Verkehrsmitteln sind die Fahrgäste an eine fast ritualisierte Stille gewöhnt – solange sie nicht durch Straßenmusiker, Schulkinder, Jugendliche oder den auswendig gelernten Text eines Bettlers gestört wird. Nun gingen die Blicke in Richtung des beachtlichen Gesprächspegels.

Yunus fiel auf, dass die Frauen Spanisch sprachen. Eine von ihnen schien mit lebhaften Gesten etwas zu erklären. Es war diese Frau, von der Yunus seinen Blick bis an die Grenze zur Unhöflichkeit nicht wenden konnte, er fixierte sie. Er fühlte sich geradezu magisch angezogen. Als er bemerkte, dass er in ihr schönes Gesicht wie in einen weit entfernten Punkt versunken war, blickte er schnell weg und versuchte dann, der Verlockung zu widerstehen, diese Frau mit den großen Augen und dem lockigen Haar anzustarren. Es gelang ihm kaum, da wandte er sich seinem Freund zu. Altay hatte den Kopf ans Fenster gelehnt, sein leerer Blick verriet, dass er in Gedanken woanders war. Wohl in der siebenhügeligen Stadt İstanbul und bei den Freunden, die sie dort zurückgelassen hatten.

Yunus wollte seinen Freund auf die Klarinettenmelodie ansprechen, doch er brachte es nicht übers Herz, Altay aus seinem Tagtraum zu reißen. Also schaute er auch aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Stadt. Seine Blicke gingen im Rhythmus der Bahn auf und ab, ähnlich wie Bilder, mit einer schlechten, nicht fixierten Kamera gedreht. Er versuchte sich die Namen der Haltestellen und die bestimmter Gebäude einzuprägen. In dieser Stadt studierten sie nun.

Schon ein paar vertraute Eindrücke reichen aus, um mich im Ausland weniger fremd zu fühlen, dachte Yunus. Bis zur Lautsprecherdurchsage, die ihre Zielhaltestelle ankündigte, verharrten die Freunde nebeneinander in Schweigen.

„Wir sind zwar, wie du wolltest, von Kreuzberg n-i-c-h-t mit der U-Bahn, sondern mit der S-Bahn gefahren und haben so einen großen Umweg gemacht. Aber okay! Hat auf jeden Fall mehr Spaß gemacht. Los, beweg dich, wir sind gleich da!“, sagte Yunus und lehnte sich dabei kurz an Altay.

Er dachte wieder an den Klarinettenspieler und auch die Melodie spukte ihm immer noch durch den Kopf. Plötzlich war da ein unwiderstehlicher Drang, seinem Freund davon zu berichten. Doch es war ihm, als handele es sich um eine verbotene, diskrete Erinnerung. Kennst auch du diese Melodie? – Diese Frage durfte er nicht stellen. „Wie seltsam!“, sagte Yunus leise zu sich selbst.

Das Abteil hatte sich inzwischen fast geleert. Altay entdeckte seine Baskenmütze auf dem Boden, erstaunt hob er sie auf. Wann war sie ihm heruntergefallen? Auch Yunus schaute nun um sich, ob ihm ebenfalls etwas abhandengekommen war. Auf dem Weg zum Ausgang sah er es. Dort, wo die Spanierinnen gesessen hatten, lag ein Handy. Es war ein ganz neues, teures Modell. Auch Altay bemerkte es. Die Freunde sahen sich kurz an, dann griff Yunus schnell nach dem Handy und sagte: „Komm, wir nehmen es mit und geben es im Fundbüro ab.“

Kaum dass sie ein paar Meter auf dem Bahnsteig gegangen waren, klingelte das Handy. Yunus schaute überrascht auf das Display und nahm, nach einem kurzen Moment der Unentschlossenheit, den Anruf entgegen: „Hallo?“

Am anderen Ende war eine Frau, sie sprach Deutsch, wenn auch mit starkem Akzent. „Entschuldigen Sie, das ist mein Handy, das Sie in Ihrer Hand halten. Ich habe es in der S-Bahn verloren. Kann ich es bitte zurückbekommen? Wo sind Sie?“

„Ich bin am S-Bahnhof Tiergarten. Okay, ich warte hier auf Sie, am vorderen Ausgang.“

Minuten später erschienen die drei laut lachenden Frauen aus der S-Bahn. Es dauerte nicht lange, bis sie Yunus identifiziert hatten, der jeden Passanten neugierig anschaute, wie man es tut, wenn man auf jemand Unbekanntes wartet. Die Frau mit den vollen Lippen und den schönen, großen Augen nahm erleichtert ihr Handy von Yunus entgegen. Dabei schaute sie nicht auf das Handy, sondern in sein perplexes Gesicht. Sie bedankte sich mit einem spöttischen Lächeln und wollte sich gerade mit ihren Freundinnen zum Gehen wenden, als Yunus sie leicht am Oberarm berührte. Er wollte ihr unbedingt noch etwas sagen. Und sie schien gar nicht überrascht zu sein, als sie sich zu ihm umdrehte. Als ob für einen Moment die Zeit angehalten worden wäre, standen sie sich gegenüber, wie zwei Tänzer, die auf die Musik und ihren Einsatz warteten.

Eine der Freundinnen flüsterte ihr etwas ins Ohr und guckte dabei unverwandt zu Yunus. Obwohl er nicht verstehen konnte, was die Frau mit dem Nasenpiercing gesagt hatte, wurde es offensichtlich, als die Handybesitzerin plötzlich ihr Portemonnaie aus der Tasche hervorzog.

„Er hat dein Handy gefunden und dir zurückgegeben, jetzt erwartet er einen Finderlohn.“

Dies aber war nicht der Grund für die Berührung gewesen. Er selbst wusste nicht, welche Erwartung er damit verknüpft hatte, er spürte nur einen inneren Aufruhr, den er in seine sanfte, vorsichtige Berührung gelegt hatte. Es war eine Aufforderung, eine Bitte, sowas wie: „Bleib doch noch, damit ich in deine schönen Augen schauen kann!“

„Also, du willst eine Belohnung, oder?“, fragte die Frau.

„Die hab ich gerade schon bekommen“, lächelte Yunus versonnen.

Die drei Frauen brachen in schallendes Gelächter aus und ließen ihn stehen. Noch von weitem war ihr Lachen zu hören. Die Botschaft hatten anscheinend alle mitgekriegt, sogar Altay. Auf dem Weg zur Uni foppte er Yunus damit: „Ich hab meine Belohnung gerade schon bekommen“, äffte er Yunus übertrieben nach und schüttelte lachend den Kopf.

Yunus verteidigte sich tapfer: „So hab ich das nicht gesagt. Es war doch nichts; ich wollte nur etwas Nettes sagen.“

In seinem Inneren aber meldete sich wieder die Melodie des Klarinettenspielers, sie verband sich mit der Erinnerung an jene Augen, in die er auf dem Bahnsteig geblickt hatte. Intuitiv tastete er mit der rechten Hand nach dem kleinen uralten Beutel aus Leder in der linken Innentasche seiner Jacke. Yunus holte tief Luft, unwillkürlich traten über seine Lippen die Worte: „Keşke gitmeseydin, Esmeralda!2“

„Wie bitte?“, fragte Altay.

„Es-me-ral-da, das ist doch ein komischer Name!“, erklärte Yunus.

„Wieso? Was ist daran komisch?“, fragte Altay mit Blick auf Yunus’ rechte Hand in der Brusttasche.

„Ich weiß nicht, klingt irgendwie türkisch. Na ja, lass gut sein!“

„Ich hab meine Belohnung s-c-h-o-n“, wiederholte Altay erneut, diesmal zog er das letzte Wort extra in die Länge.

Yunus boxte scherzhaft gegen Altays Oberarm.

„S-c-h-o-n habe ich nicht gesagt, Alter, red keinen Scheiß!“

1 Junger Mann

2 Ach, wärst du doch nicht gegangen, Esmeralda!

Mehmet, November 1917, Berlin

Aziz Validem3,

lass mich zuerst in aller Ergebenheit deine gesegneten Hände küssen. Ich hoffe, dass du und mein Bruder İsaak gesund und wohlauf seid. Worte können nicht beschreiben, wie sehr ich euch und İstanbul vermisse. Obwohl schon zwei Jahre vergangen sind, fühle ich den Schmerz über den Tod meines Vaters, der in Çanakkale4 fiel, noch immer in meinem Herzen. Bitte verzeih mir, dass ich dir nicht früher schreiben konnte. Wie du sicherlich weißt, hat der Krieg inzwischen den gesamten Kontinent im Würgegriff, und wie du wahrscheinlich schon vermutet hast, hat es viel Zeit in Anspruch genommen, mich hier niederzulassen und einzugewöhnen.

Trotz der zahllosen Gefahren auf unserem Weg sind wir nach einer langen Zugfahrt wohlbehalten in Berlin angekommen. Seid bitte unbekümmert, ich bin gesund und wohlauf. Ich versuche mich immer noch an dieses Land, seine Religion, Sprache, Kultur, Ess- und Trinkgewohnheiten zu gewöhnen, was mir, um ehrlich zu sein, nicht leichtfällt. Alles und jeder hier wirkt so befremdlich auf mich!

Mir ist bewusst, dass dich meine Entscheidung, meinen eigenen Weg im Leben zu gehen, verärgert hat, aber ich bin mir sicher, dass du es mit der Zeit verstehen wirst. Ich selbst bin überaus froh, diese Entscheidung getroffen zu haben. An jenem Tag, an dem mein Vater mich im Alter von elf Jahren in den Palast in İstanbul mitnahm, sah ich zum ersten Mal dieses Wunderwerk, das sie Uhr nannten … Das tickende Geräusch, die harmonischen Bewegungen der Zeiger, die Möglichkeit, die Zeit in Zahlen zu messen, hat mich in den Bann gezogen. Aufgeregt hatte ich dir monatelang immer wieder von diesem Apparat erzählt. Erinnerst du dich?

Nach meiner Ankunft suchte ich zuerst den Laden von Meister Wolfgang auf, dessen Adresse mir mein ehemaliger Meister Karl aus Beyoğlu mitgegeben hatte. Er las den Brief meines Meisters und war einverstanden, mich als Lehrling in seinem Atelier aufzunehmen. Er überließ mir sogar ein kleines Zimmer über dem Laden. Die Uhrmachermeister hier sind wirklich sehr fortschrittlich. Sie haben mir bereits viel beigebracht.

Hier gibt es mindestens so viele Menschen wie in İstanbul, wenn nicht sogar mehr. Trotz des Krieges sind die Straßen voll. In Berlin ist der Sonntag ein Ruhetag und nicht der Freitag. An meinen freien Tagen fahre ich mit der Straßenbahn und erkunde die Stadt. Gleichzeitig lerne ich Deutsch. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten geht es nun immer besser.

Die annähernd dreihundert Lehrlinge, mit denen ich hierher reiste, wurden auf die Städte Berlin, Chemnitz, Hamburg, Leipzig und Jena verteilt. Sie alle haben Lehren in verschiedenen Handwerksberufen begonnen. Das hat mir neulich jemand erzählt, der eine Schuhmacherlehre macht. In meiner Freizeit treffe ich mich mit denen, die wie ich in Berlin geblieben sind.

Hier nennen mich die Menschen „Memed“ statt „Mehmet“. Anfangs tat ich mein Bestes, ihnen die richtige Aussprache beizubringen, doch schließlich habe ich es aufgegeben.

Ich tue mich schwer damit, mich an das Essen zu gewöhnen. Du kannst nicht erahnen, wie sehr ich mich nach deinen Gerichten sehne, nach den Blätterteigpasteten mit Auberginen, den Boyoz, den gefüllten Paprika mit Olivenöl, den Fleischbällchen und den Artischocken mit viel Zwiebeln, zubereitet von deinen gesegneten Händen.

Der Krieg ist hier deutlich mehr zu spüren als in İstanbul. Gott sei es gepriesen! Ich gehe nicht hungrig zu Bett. Auf den Straßen sehe ich immer wieder bettelnde, von Hunger geschwächte Menschen. Ich hörte sogar davon, dass Menschen den Hungertod erlitten haben. Es gab keine gute Ernte in diesem Jahr. Menschen, deren Speisen sowieso lediglich aus Kartoffeln und Brot bestanden, sind nun gezwungen, ungenießbare Rüben zu essen. Wenn der Krieg doch nur schon vorüber wäre! Auch wenn das Geld, das ich hier verdiene, nicht sehr viel ist, werde ich doch genug zusammensparen können, um ein Geschäft zu eröffnen, sobald ich mit meiner Handwerkskunst nach İstanbul zurückgekehrt bin. Eventuell könnten wir sogar unser Weingut Mahsen5 auf der Heybeliada6 zu neuem Leben erwecken. Es ist zwar noch zu früh, darüber zu sprechen, aber vielleicht erspare ich ja mehr Geld als erwartet. Ich würde İsaak unterstützen, falls er sich für Mahsen entscheiden sollte.

Du weißt, ich wollte dich nicht mit meinem kleinen Bruder allein lassen. Es tut mir so leid. Doch unsere Trennung wird nur drei Jahre dauern.

Wie gut, dass du mir das Lesen und Schreiben beigebracht hast. Ich lese viel. Noch verstehe ich nicht alles, was ich lese. Bis ich alles verstehe, muss ich wohl noch eine Weile Deutschunterricht nehmen. Die Zahl der in Berlin erscheinenden Zeitungen ist höher als in İstanbul. Gestern stand in einer Zeitung, dass der Krieg womöglich bald zu Ende sein wird. Der Regimewechsel in Russland soll großen Einfluss auf die Situation haben. Die politischen Entwicklungen haben aber in Berlin nur wenig Auswirkungen auf mein tägliches Leben. In der Stadt sehe ich fast jeden Tag Demonstrationen gegen den Krieg. Natürlich halte ich mich von derartigen Versammlungen fern.

Meister Wolfgang sagte kürzlich zu mir, dass ich große Fortschritte machen und mein handwerkliches Geschick immer besser würde. Er sagte, ich würde trotz meiner siebzehn Jahre sehr erwachsen wirken und er sei davon überzeugt, dass ich als guter Uhrmacher nach İstanbul zurückkehren werde. Dieses Lob gibt mir die nötige Motivation und die Kraft, die Strapazen zu ertragen, die die Lehre mit sich bringt. Ich werde weiter hart arbeiten, denn ich möchte bald wieder zu euch und zurück in meine Heimat.

Es sollen über hundertfünfzig sephardische Familien wie die unsere aus İstanbul hierhergezogen sein. Ein Großteil der Mitglieder der Deutsch-Türkischen Gemeinschaft, die auch mir und anderen Lehrlingen half, nach Berlin zu kommen, besteht wohl aus sephardischen Juden. Die meisten, die den Israelisch-Sephardischen-Verein im Jahr 1905 gründeten, kamen anscheinend aus İstanbul. Falls du dich fragen solltest, woher ich das alles weiß: Letztes Wochenende traf ich bei einem Empfang in der Osmanischen Botschaft, zu dem auch wir Lehrlinge eingeladen waren, auf jemanden, der, wie sich später herausstellte, ein Nachbar aus Balat war, er hat dort nur einige Häuser entfernt von uns gewohnt.

Als ich meinen Namen sagte, erwähnte er, dass er meinen verstorbenen Vater Efe und dich kennen würde. Es war ein vornehm gekleideter Herr namens Levi, der eine Rosette der türkischen Fahne am Revers trug. Nach dem, was er mir erzählte, hatten sich in den letzten zwanzig Jahren über hundert sephardische Teppichhändler, auch er war einer, in Berlin und Hamburg niedergelassen. Als er begann, von dir zu sprechen, fiel er in eine Lobeshymne, wie schön du warst in deiner Jugend und wie gutaussehend mein Vater damals war. Er versprach mir zu helfen, damit ich mich der sephardischen Gemeinde hier anschließen könne. Als er hörte, dass ich Mehmet heiße, obwohl du eine Sephardin bist, schaute er mich verwundert an. Und tatsächlich, warum habe ich eigentlich einen muslimischen Namen? Es ist mir bisher nie in den Sinn gekommen, dich danach zu fragen.

Kurz gesagt, liebe Mutter, Heimweh schmerzt, aber ich versuche mich daran zu gewöhnen. Ich warte ungeduldig auf Nachricht von euch. Am Ende meines Briefes küsse ich deine Hände und die meines Opas Binyamin, meiner Oma Mari, meines Onkels Moiz, seiner Frau Tante Eliza und meiner Tante Rakel sowie die Augenlider meines Bruders İsaak. Bestell bitte Grüße auch an meinen Cousin Hayim und meine Cousine Sara und an alle Verwandten und Bekannten.

Oğlun7

Mehmet

3 Verehrte Mutter

4 Schlacht von Gallipoli

5 Auf Ladino „Weinkeller“, hier der Name des Familienweingutes

6 Heybeliada oder abgekürzt Heybeli ist eine der Prinzeninseln im Marmarameer.

7 Dein Sohn

Lea, Januar 1918, İstanbul

Canım Oğlum, Mehmet’im8,

Wochen sind ohne eine Nachricht von dir vergangen. Auch wenn ich denke, dass wir es erfahren, sollte dir etwas Schlimmes zustoßen, macht sich mein Mutterherz große Sorgen. Wir waren verrückt vor Glück, als wir endlich den ersten Brief von dir bekamen. Ich las ihn in einem Atemzug. Und nochmal und noch einmal. Jedes deiner Worte las ich laut, beim zweiten Mal mit der Vorstellung deiner Stimme. Ich habe die Sätze in mich aufgesogen. Gott sei Dank, es geht dir gut!

Mach dir um uns keine Sorgen! İsaak und ich sind zu meinen Eltern gezogen. Seit dem Tod deines Vaters fühlte ich mich eingeengt in dem Haus – auch wenn İsaak bei mir ist. Deine Großeltern wohnen zwar nicht weit weg von uns. Und deine Tante und dein Onkel, die bei meinen Eltern leben, ließen mich dankenswerterweise nie lange allein. Sie besuchten mich oft. Aber nachdem du auch fort, in die Fremde gegangen warst, wollte mein Vater nicht, dass İsaak und ich alleine blieben. Er hat uns seine Tür geöffnet, lang soll er leben.

Die Zeit vertreibe ich mir mit Schneidern und Näharbeiten und bessere damit auch die Haushaltskasse auf. Dein Bruder İsaak hilft deinem Opa und Onkel Moiz im Teppichladen im Kapalı Çarşı. Gott sei Dank ist er ein kluger Junge. In seiner Freizeit unterstützt er, wie du es damals auch getan hast, deinen Opa in Mahsen auf Heybeli. Er ist dir sehr ähnlich. Auf dich wie auf deinen Bruder bin ich sehr stolz, oğlum.

Der Schmerz über den Tod deines Vaters wird bleiben. Oft denke ich an unsere Ausflüge, die Picknicke und viele Erinnerungen kommen hoch. Dann muss ich schnell meine Tränen wegwischen, damit sie nicht auf die bestellten Kleidungsstücke fallen. Dass ich Söhne habe wie euch! Ihr haltet mich am Leben, ihr tröstet mich!

Auch nach dem Tod einer geliebten Person geht das Leben weiter, aber der Verlust eures Vaters wird nie vergehen. Ihr seid Waisen geworden, wie euer Vater es war. Doch er verlor seine Eltern schon als kleines Kind. Ich will dich aber nicht damit belasten. Dass du deine Lehre machst, dass es dir gut geht, freut mich sehr. Zieh dich bloß warm an in diesen kalten Wintertagen! Trage die Wollsocken und Unterhemden, die ich dir gestrickt habe.

Pass auf, dass du dich nicht erkältest! Wer soll sich dort um dich kümmern? Ich erinnere mich an einen Offizier namens Friedrich. Er war ein Kamerad deines Vaters hier in İstanbul. Einer der erfahrensten Offiziere der preußischen Armee, er bildete die Soldaten unseres Sultans aus. Bei einem offiziellen Empfang erzählte er einmal, wie bitterkalt die Winter in Berlin sind. Oh, mein Sohn, pass bloß gut auf dich auf!

Im letzten Oktober besuchte der deutsche Kaiser Wilhelm II. İstanbul. Du wirst es besser wissen, aber es war wohl sein dritter Besuch. Es geht das Gerücht um, dass die meisten deutschen Offiziere İstanbul verlassen und nach Berlin zurückkehren. Dieser Krieg hat die Osmanen viele Leben gekostet, noch dazu scheinen wir ihn gemeinsam mit den Deutschen zu verlieren. Also, mein tapferer Sohn, das Osmanische Reich bricht auseinander. Aber mach dir keinen Kopf. Belaste dich nicht mit Politik. Bring so schnell wie möglich deine Ausbildung zu Ende und komm zu uns zurück. Zu Hause fragen alle nach dir, bei jedem Abendessen, ob es eine Nachricht von dir gibt. Als ich ihnen von deinem Brief erzählte, haben sie sich wie Kinder gefreut. Im Haus war eine Stimmung wie in einem Festzelt, das hättest du sehen sollen.

Deine Frage nach deinem Namen beantworte ich dir im nächsten Brief. Deinen Onkel habe ich darum gebeten, diesen Brief gleich zur Post zu bringen. Dank sei ihm, erfüllt er meine Bitte, dann geht er gleich schon aus dem Haus.

Alle lassen dich sehr herzlich grüßen, fühl dich gedrückt und geküsst. Ich warte sehnsüchtig auf Nachrichten von dir. Ich vermisse dich und möchte dich wieder und wieder küssen.

Validen9

Lea

8 Mein Herz, mein Sohn, mein Mehmet

9 Deine Mutter

Berlin, April 2005

„Sag mal, und jetzt nicht lustig machen: Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick?“, fragte Yunus.

Altay war mit seinem Essen beschäftigt. Er führte die Gabel mit schnellen Bewegungen zum Mund und schluckte die Happen, ohne richtig zu kauen. So aß er immer, wenn es ihm schmeckte. Seine Gabel stoppte mitten in der Bewegung.

Die Frage kam für ihn überraschend, er antwortete aber spontan und ohne zu lachen: „Erster oder letzter Blick macht keinen Unterschied. Ich glaub nicht an die Liebe durch Blicke. Liebe ist ein Fehlurteil, quasi eine Selbstverarsche!“

Diese Antwort gefiel Yunus gar nicht. Aber die Worte seines Freundes beeindruckten ihn. Er knurrte so etwas wie: „He!“

Altay hielt plötzlich erneut inne, als er gerade versuchte, die Spaghettireste am Boden des Tellers übereinander zu drapieren. Als ob er ein Selbstgespräch führte, nuschelte er: „Vielleicht irre ich mich auch, ich weiß nicht. Mann, ehrlich gesagt, nach all den Jahren hast du es geschafft, mich durcheinanderzubringen.“

„Glaubst du nun daran oder nicht?“, insistierte Yunus, als würde etwas Lebenswichtiges von Altays Meinung in dieser Frage abhängen.

„Offen gesagt … keine Ahnung, Genç Adam. Vielleicht ist Liebe ja so etwas wie Gewohnheit. Wir gewöhnen uns an manche Menschen eben schneller und dann halten wir das für Liebe oder so was. Was meinst du, klingt doch logisch, oder? Wahrscheinlich konnte ich deshalb noch niemanden wirklich lieben. Ich hab für Liebe immer nach einem besonderen Grund gesucht. Du dagegen …“

Yunus merkte, dass sein Freund dabei war abzudriften. Deshalb unterbrach er ihn: „Also ich glaube schon, dass man sich auf den ersten Blick verlieben kann. Es wird ja auch gesagt: Man hat keine zweite Chance für einen guten ersten Eindruck. Vielleicht ist die Liebe ja auch so was. Wenn irgendetwas oder irgendjemand beim ersten Mal dein Herz nicht schneller schlagen lässt, wie soll er es beim fünften oder zehnten Mal schaffen? Willst du dann etwa eine Liebe auf der Basis von Vernunft und Logik entwickeln? Ist das dann Liebe für dich?“

„Ich hab ein kleines Problem mit deiner Definition. Woher willst du denn so genau wissen, dass das Herzklopfen beim ersten Blick echte Leidenschaft ist?“

„Schau doch!“, ergänzte Altay, während er auf die schwanenförmige Vase auf der Fensterbank, in der eine Orchidee die letzten Tage ihres Daseins fristete, deutete: „Berührt dich dieses Ding nicht auch auf den ersten Blick?“

Yunus betrachtete die welkende Orchidee und widersprach ihm. „Ich denke nicht, Altay. Außerdem verstehe ich dich manchmal nicht, weißt du? Man braucht doch keinen Grund und erst recht keine Rechtfertigung, um zu lieben. Liebe muss einen befallen wie die Pest. Du musst dich an den Kopf fassen und dich fragen: Was ist bloß mit mir? Oder etwa nicht?“

Obwohl Yunus’ letzte Sätze in der lautstarken Unterhaltung der italienischen Gruppe am Tisch hinter ihnen fast untergingen, kannte Altay seinen Freund gut genug, um zu wissen, worauf seine Ausführung hinauslief.

Die Mensa der Technischen Universität in der Hardenbergstraße war die größte der Stadt und gerammelt voll. Die Tische waren meist einheitlich mit Studentengruppen aus denselben Herkunftsländern besetzt. Ins Geklirre von Besteck und Tellern mischten sich Unterhaltungen in unterschiedlichen Sprachen. Der metallene Ton der sich öffnenden und schließenden Kasse durchdrang in unregelmäßigen Abständen die Geräuschkulisse. Auch der Industriekühlschrank neben der Kasse gab sein Letztes, um akustisch seinen Beitrag zu leisten. Er lief vibrierend an, steigerte sich ein ums andere Mal in ein aufdringliches Sausen und beruhigte sich dann nach einer Weile hörbar erschöpft. Die Musik im Hintergrund zerrann an dieser unsichtbaren Mauer aus Geräuschen. Nur dem leise tragenden Klang einer Klarinette gelang es für einen Moment, das Rauschen und Klirren zu durchdringen. In der Mensa roch es stark nach Kohl.

Ihr chinesischer Kommilitone Wang blieb bei den beiden stehen und grüßte breit lächelnd. Altay zeigte aus Höflichkeit auf den freien Stuhl am Tisch. Die beiden Freunde hatten nicht damit gerechnet, dass der scheue Wang sich an diesem Tag zu ihnen setzte, da er für gewöhnlich nach den Vorlesungen schnell verschwand, mit Kommilitonen kaum kommunizierte und nie an Aktivitäten außerhalb der Universität teilnahm. Der merkwürdige Student saß einige Minuten bei ihnen, aß hastig seine Spaghetti und meinte dann, dass er fürs Kino schon spät dran sei. Er erhob sich und ging. Altay grinste ihm hinterher. Er wandte sich seinem Freund zu und sagte: „Na, behauptest du immer noch, dass ich schnell esse?“

„Wahrscheinlich übt er für seine Aufnahme ins Guinness-Buch der Rekorde.“ Sie lachten.

Altay gabelte sich das letzte Fleischstück von Yunus’ Teller, steckte es in den Mund und erzählte: „Ich konnte mich letzte Woche mit Wang unterhalten. Ich weiß nicht, ob es unhöflich war, aber ich hab ihn gefragt, warum die chinesischen Studenten im Vergleich zu den anderen öfter unter sich bleiben. Er sagte, da sie mit einem staatlichen Stipendium hier sind, müssen sie so schnell wie möglich ihren Abschluss schaffen und zurückkehren. Und dass das Gefühl der Vergänglichkeit so zu einem Teil der Persönlichkeit wird.“

„Lass jetzt mal den Wang! Der saß nur kurz hier und schon fängst du an, über ihn zu quatschen. Antworte lieber auf meine Frage! Deine Antwort ist ausschlaggebend dafür, ob ich weiß, dass ich verliebt bin oder nicht.“

„Was soll ich dazu denn sagen? Darauf gibt’s keine eindeutige Antwort, Genç Adam. Wenn dem so wäre, dann würden unzählige Bücher, Filme, Gedichte und Lieder nicht existieren. Liebe auf den ersten Blick oder nicht – jedenfalls findet sie uns irgendwie und klopft an unsere Tür. Außerdem, wenn wirklich meine Meinung entscheidet, ob du nun verliebt bist oder nicht, dann ist von Anfang an etwas faul daran.“

Bereits seit ihrer Grundschulzeit kannten sich die beiden Freunde und standen sich näher als zwei Brüder. Beide mussten lächeln, als sich ihre Blicke kreuzten. Yunus senkte den Kopf und zeichnete mit der Gabel eine Acht in die übriggebliebene Tomatensoße auf seinem Teller. Dann schob er seine rechte Hand wieder in seine Jackentasche, und Altay verstand, dass dies hier keine beliebige Unterhaltung war. Sein bester Freund glaubte tatsächlich, dass er sich verliebt hatte in diese Frau, die er Esmeralda nannte. Er spürte, dass ihr Gespräch trotz der lebhaften Umgebung drohte, dramatisch zu werden. Also versuchte er, die Situation zu entspannen.

„Du hast sie exakt drei Minuten und siebenundzwanzig Sekunden lang gesehen. Guck dich jetzt mal an! Cidden, ciddi misin?10“

Yunus kannte wiederum Altay gut genug, um zu wissen, dass dieser die Lage nur entspannen wollte. Um ihn nicht auf seine Antwort warten zu lassen, atmete er tief ein, ließ den Beutel in seiner rechten Hand über dem Herzen los, zog die Hand aus der Jackentasche und begann, mit dem Messer zu spielen.

„Schön, wie du das formuliert hast, du Poet! Haut mich echt um. Ernsthaft ernst! Du lernen Türkisch?“

„Junge, hör auf mit dem Grammatikunterricht! Glaubst du echt, du hast dich verliebt?“

„Keine Ahnung, Brudi. Ich hab sie zwar nur drei Minuten und siebenundzwanzig Sekunden lang gesehen, aber ihre Augen, ihre Locken und ihr Lächeln gehen mir trotzdem nicht aus dem Sinn. Wahrscheinlich … Ähm, hab ich mich beim ersten Blick … dingens!“

„Soso, beim ersten Blick bist du ähm, dingsda geworden, he? Was für’n Satz ist das jetzt? Du lernen Deutsch …?“

Sie mussten beide lachen.

Yunus war schon als Kind empfänglich für die Gefühle anderer gewesen. Er hatte sich stets mit den gehänselten, gemobbten Kindern angefreundet; weinte eines aus irgendeinem Grund, rannte er immer als Erster zu ihm hin. Auf dem Gymnasium schrieb er später Gedichte in Hefte, die er selbst angefertigt hatte, und schenkte sie seinen Freundinnen. Altay war deshalb der Meinung, dass Yunus offenbar im falschen Jahrhundert geboren war. Er konnte sich Yunus ganz hervorragend als Landschaftsmaler in Südfrankreich vorstellen oder als italienischen Komponisten, der seine Sonaten all seinen Geliebten widmete. Manchmal sprach er ihn vorsichtig, manchmal scherzhaft auf seine Emotionalität an, gelegentlich zeigten seine Äußerungen aber auch an, wenn er wirklich genervt war. Eines Sommerabends, als sie gerade sechzehn Jahre alt waren und am Bosporus auf einer Bank mit Bierflaschen in der Hand saßen, hatte Altay die Wut gepackt und er hatte seinen Freund angefahren: „Du suchst doch nur nach einem Grund, um deinen Verstand auszuschalten, und nennst das dann Liebe. Hau ab und leb deine Mädchenträume woanders aus, du Idiot!“

Er hatte sein Bier stehen gelassen und war gegangen. Nach diesem Vorfall hatten sie drei Wochen lang keinen Kontakt. Diese Episode lehrte sie, in Zukunft respektvoller und sensibler mit den Macken des jeweils anderen umzugehen. Altay fand endlich Wege, wie er seinen Freund schonend darauf hinweisen konnte, wenn dieser sich mal wieder zu schnell in das Gefühl von Verliebtheit hineinsteigerte. Und Yunus lernte, dass Altays Warnungen durchaus begründet waren, weil er sich wirklich Sorgen um ihn machte.

„Ist dir klar, dass wir erst knapp zwei Monate in Berlin sind? Schalt mal einen Gang runter, Genç Adam. In holprigen Zeiten mit so großen Veränderungen wie jetzt sollte man aufpassen und sich nicht von spontanen Gefühlen leiten lassen. Und außerdem … ist dir eigentlich bewusst, wie sinnlos die ganze Diskussion ist? Wie willst du sie denn in dieser Riesenstadt je wiederfinden?“

„Ich hab einfach das starke Gefühl, dass wir uns nicht zufällig begegnet sind und dass ich sie auf jeden Fall irgendwann wiedersehen werde“, hielt Yunus dagegen. Er sprach trotzig und erkannte selbst den Tonfall einer uneingestandenen Niederlage. Nicht einmal er selbst glaubte an das, was er da sagte.

Altay setzte nach: „Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, sie ein zweites Mal zu treffen, gleich null. In Berlin leben mehr als drei Millionen Menschen. Es gibt Hunderte von S-Bahnen, U-Bahnen und Bussen. Es entstehen dadurch Tausende von Möglichkeiten. Und beziehen wir noch den Faktor Zeit mit ein … Unter null! Aber nehmen wir mal an, ihr steigt, wie durch ein Wunder, irgendwann tatsächlich in denselben Zug, das heißt aber noch lange nicht, dass ihr auch im selben Waggon sitzen werdet. Und selbst wenn, würdet ihr euch überhaupt bemerken? Und lassen wir jetzt die Möglichkeit, dass ihr euch nicht bemerkt, mal außer Acht, so lägen die Chancen … Boa! Mann, Yunus, ich will dich echt nicht entmutigen, aber die Fakten stehen einfach nicht zu deinen Gunsten. Nun, wenn du jetzt mit dem Essen fertig bist, sollten wir los. Die Vorlesung wartet nicht auf uns.“

Sie verließen die Mensa und gingen in Richtung des imposanten Hauptgebäudes der Technischen Universität. Yunus nutzte die Gelegenheit, um Altay, der sich mehr für die Gegenwart als für Geschichte interessierte, über die Historie der Universität aufzuklären: „Die meisten Gebäude der Universität wurden während des Zweiten Weltkriegs zerstört und danach wiederaufgebaut oder restauriert. Die Mensa hat sich seit ihrer Erbauung in den 1960er-Jahren überhaupt nicht verändert. Ihre architektonischen Stilelemente, allen voran die Außenfassade, entsprachen dem damaligen Zeitgeist und standen eher unter dem Zeichen von Funktionalität als dem einer wohlgefälligen städtebaulichen Ästhetik.“ Er deutete auf die bunte Außenfassade, Altay warf nur kurz einen Blick in diese Richtung.

Dann schlugen sie den Weg durch den Garten ein. Die alten Eichen und Rosskastanien trugen Knospen, die Magnolien hatten weiße, rosa und purpurne Blüten. Der wild wachsende Löwenzahn und die vielen Gänseblümchen kümmerten sich nicht um die Ordnung der Anlage und trugen dennoch ihren Teil zum Ganzen bei. Die Wiese war voller junger Menschen, die die Sonne genossen, manche von ihnen halbnackt.

Sie waren das Stück gelaufen, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Als sie den Hörsaal erreichten, waren bereits fast alle Plätze belegt und sie mussten sich in die letzte Reihe setzen. Der Professor am Rednerpult vor der Tafel war schon alt, etwas dicklich und vollbärtig. Seine Cordhose war sichtlich abgetragen. Er redete sehr schnell über Algorithmen und Programmierungen und sprang so von Thema zu Thema. Er machte ganz den Eindruck, zu den Pädagogen zu gehören, die zwar über ein umfassendes Wissen verfügen, aber nicht in der Lage sind, dieses Wissen auch weiterzugeben. Die beiden Freunde kannten sich mit dem thematisierten Gebiet recht gut aus, obschon sie nicht alles, was der Professor sagte, im Einzelnen sprachlich verstanden. Ein deutscher Student, der davon beeindruckt war, dass die beiden offensichtlich dem Vortrag folgen konnten und sich kaum Notizen machten, rückte näher an Yunus heran und sprach ihn am Ende der Vorlesung an.

„Wie habt ihr das alles so schnell begriffen? Ich hatte meine Schwierigkeiten, obwohl ich Muttersprachler bin.“

Er war sehr groß, wohl an die zwei Meter, hatte große blaue Augen und trug einen rötlichen Bart. Bis auf drei Rasta-Zöpfe am Hinterkopf war er kahlrasiert. Seine dünnen Beine steckten in einer Hose, an deren Gürtel etliche Schlüssel hingen. Er schien ein energischer Typ zu sein, der an vielen Orten ein- und ausging. Sein Gesicht wurde von einem höflichen Lächeln beherrscht.

Just in dem Moment, als Yunus antworten wollte, fiel ihm Altay ins Wort: „Wir haben einen Abschluss als Diplominformatiker in İstanbul gemacht. Dann sind wir hierher gewechselt. Leider wurden nicht alle Fächer anerkannt, dieses gehört dazu, es ist für uns also nur eine Wiederholung.“

„Wo habt ihr denn so gut Deutsch gelernt?“

„Wir haben am Alman Lisesi11 in İstanbul unser Abitur gemacht. Der gesamte Unterricht fand dort auf Deutsch statt. Deshalb haben wir auch ohne Deutschkurs die Sprachprüfung bestanden … und jetzt sind wir hier. Wenn du magst, können wir mal zusammen Algorithmen lernen. Täte mir sicher gut, das Ganze noch mal durchzugehen. Es heißt ja auch: Am besten lernt man beim Lehren“, antwortete Altay erneut.

Der deutsche Student unterbrach ihn aufgeregt: „Ich würde mich sehr freuen. Vielleicht können wir im Anschluss an die Vorlesung nächste Woche gemeinsam was machen. Ich heiße übrigens Alex.“

„Auf jeden Fall! Bis dahin! Ach so, ich bin Altay.“

Altay guckte dem Deutschen noch hinterher, als Yunus bereits ein ganzes Stück vorausgegangen war.

Nach der Vorlesung kauften die Freunde in einem Supermarkt am Potsdamer Platz ein, bevor sie zum Studentenwohnheim am Hafenplatz, den sie mit der U-Bahn erreichten, zurückkehrten. Sie teilten ihre Studenten-WG mit einem Griechen, einer Deutschen, einer Italienerin und einer Äthiopierin; sechs Studenten, eine Küche, zwei Bäder. Als sie dort ankamen, war niemand da.

„Du, Yunus, ich weiß, du bist heute ein bisschen mies drauf, aber wäre Hammer, wenn du zum Abendessen das Gericht deiner Großmutter, Albondigas de Prasa, kochen könntest“, sagte Altay.

„Ich mache dazu einen leckeren Salat“, fügte er schnell hinzu.

„Hey, Fleischtiger! Du hattest doch erst heute in der Mensa Spaghetti mit Fleisch. Auch das ganze Fleisch von meinem Teller hast du gegessen.“

„Wer zwingt dich, Vegetarier zu sein? Hätte es weggeschmissen werden sollen oder was?“

„Schon gut, lass mal! Den Salat mache ich auch, du vermasselst nur alles. Geh lieber in den Supermarkt und hol noch diesen Rotwein. Wir haben hier doch keinen Wein mehr“, antwortete Yunus.

Er drückte Altay einen Zettel mit dem Namen des Weines in die Hand.

„Das hätte dir auch vorhin einfallen können, Genç Adam!“, beschwerte sich Altay, während er wieder in die Schuhe schlüpfte, die er gerade erst ausgezogen hatte. Andererseits freute er sich aber auch auf ihren Wein des Tages und sprang die Treppen hinunter. Altay interessierte sich dabei eigentlich wenig für Aussehen, Duft oder die unterschiedlichen Geschmacksnuancen von Wein. Es waren Yunus’ Erzählungen während des Weintrinkens, die ihn berauschten. Es war fast ein kleines Wunder, dass Yunus immer wieder mit Hingabe etwas erzählen konnte über den Wein, den sie gerade tranken.

Er erinnerte sich, wie er Yunus an einem Winterabend beim Verlassen einer Bar in der belebten İstanbuler „Blumen-Passage“, Çiçek Pasajı, Cité de Péra, gestanden hatte: „Stimmt, ich bin etwas benommen. Aber ich muss zugeben, dass es nichts mit dem Wein zu tun hat.“

Und das hatte der Wahrheit entsprochen. An jenem Abend hatte Yunus eine unglaubliche Geschichte erzählt: Im Jahr 600 vor Christus hatte ein Seemann namens Euxenus aus Foça, einer Kleinstadt in der Nähe von İzmir, sein Schiff mit Wein beladen. Es sollte die erste Weinlieferung überhaupt werden, die in das Gebiet des heutigen Frankreichs ging.

„Genç Adam, erzähl über Wein und ich hör dir den Rest meines Lebens beim Reden zu.“

Und Yunus hatte erwidert: „Du hörst vom Wein, ich erzähle dir davon und gewinne ein zweites Leben hinzu. Aber ich sag dir eins: Richtig ist weder erzählen noch zuhören, sondern einen guten Wein trinken … zusammen mit einer Geliebten natürlich.“

Wie es selten vorkam, aber auch schon mal der Fall sein konnte, sprachen sie an diesem Abend kaum über den Wein des Tages. Während Altay wieder hastig sein Essen in sich hinein schaufelte, erzählte Yunus abwesend und verträumt eine Geschichte, die wiederum aus Fragmenten von Geschichten bestand, die er bereits früher erzählt hatte. Nach einer Weile waren sie sogar bei Cartoons angelangt, bei Familie Feuerstein, den Jetsons und dergleichen.

In dieser Nacht lag Yunus in seinem Bett und starrte an die Decke. In der weißen Leere fand er einen schwarzen Punkt, den er fixierte. Er strengte sich an, darüber nachzudenken, wohin dieser schwarze Punkt gehörte und woher er kam. Er gab sich alle Mühe, zugunsten eines einzigen Bildes das Unbehagen des Tages zu vergessen. Anders als er es sich wünschte, erinnerte ihn die halbe Flasche Rioja aus der Rebsorte Graciano nicht an seine Begegnung mit Esmeralda, sondern an jenes Klarinettensolo vom Bahnsteig. Er begriff, dass er sich heute zweimal verliebt hatte – durch das Sehen und das Hören. Ersteres war immerhin ansatzweise plausibel. Aber Altay würde ihn erst recht durch den Kakao ziehen, wenn er erführe, dass er sich in eine Melodie verliebt hatte. Eigentlich nur, um sich selbst von seiner unerklärlichen inneren Aufgewühltheit abzulenken, hatte etwas in ihm jenen Liebesblick zugelassen, ihn herausgefordert. Durch die halbe Flasche Wein kristallisierten sich die Wege seiner Phantasie. Er bemühte sich, die Melodie zu summen, aber nach einigen Sekunden verstand er, dass sie nicht mit einer Stimme, auch nicht mit seiner eigenen, wiedergegeben werden konnte, sondern nur mit der Klarinette. Wieder ärgerte er sich über sich selbst. Er hatte das Gefühl, das wunderbare, sich in seiner imaginären Welt befindende Lied verraten zu haben und konzentrierte sich erneut auf den schwarzen Punkt an der Decke. Vor Müdigkeit fielen ihm allmählich die Augen zu.

„Ich bin der Liebe und der Leidenschaft überdrüssig“, kam es ihm über die Lippen, dabei mochte er den bitteren Nachgeschmack des Weines an seinem Gaumen.

„Hätte Esmeralda ihn getrunken und hätte ich sie danach geküsst. Wie hätte der Kuss wohl geschmeckt?“ Langsam kam der Schlaf über Yunus.

Altay saß immer noch am Küchentisch. Er gestand sich ein, dass er das Treffen mit dem deutschen Kommilitonen mit Spannung erwartete. Dann ging auch er in sein Zimmer, legte sich wie immer nackt ins Bett, kuschelte sich in seine Bettdecke und schloss die Augen.

„Mann, ich hätte auch gern einen jahrhundertealten Lederbeutel, den ich in so einem Moment umklammern könnte.“

Zwar schon im Halbschlaf, versuchte er immer noch zu verstehen, warum er sich nach so etwas sehnte. Dann stellte er fest, dass er doch nicht schlafen konnte, und trat ans Fenster. Er stierte eine Weile auf die leere, dunkle Straße. Plötzlich zuckte er zusammen, schüttelte den Kopf und flüsterte seinem sich in der Fensterscheibe schwach spiegelndem Antlitz zu: „Nein, so etwas gibt es nicht!“

10 Meinst du das ernsthaft ernst?

11 Deutsches Gymnasium

Mehmet, März 1918, Berlin

Als würde die Zeit schneller fließen, senkt sich die Dunkelheit eiliger als sonst auf mich und die Stadt herab. Langsam gehe ich eine enge, nicht einsehbare Gasse entlang. Ich kann weder erkennen, wo sie anfängt, noch wo sie mich hinführt. Rechts und links erheben sich zweistöckige Häuser in makelloser Folge, aus Naturstein geschichtet. Nicht das kleinste Lebenszeichen, bis auf die vertrockneten Blumen auf den winzigen Balkonen. Weder ein Vogel noch ein Insekt. Nicht einmal eine Handvoll Erde. Ich laufe und schaue mich aufmerksam um. Ich denke: Falls es hier kein Leben gibt, dann lebe auch ich nicht, und finde nichts Merkwürdiges an diesem Gedanken. Es kommt mir nicht in den Sinn, dass ich ja das alles nicht sehen könnte, würde ich nicht leben.

Ich gehe langsam weiter. Welche Strecke oder Zeit verstreicht, mag ich nicht einzuschätzen, denn jedes Haus kommt mir wie ein Abbild des anderen vor. Selbst die Blumen wirken alle gleich. Der Weg hat keinerlei Abzweigungen, führt nur geradeaus. Ohne zu wissen wohin, muss ich immer weiter in diese Richtung. Der Weg streckt sich in eine beunruhigende Ungewissheit und Einsamkeit hinein.