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Manuel lebt im Dschungel und ist so ganz anders als seine Mitmenschen, denn er glaubt an die Magie der Natur. Als die Mondin ihre Laterne verliert, macht er sich zusammen mit dem Waldhüter auf die Suche nach dem Licht. Diese Reise führt ihn mitten hinein in das Herz der Natur und in sein eigenes Ich. Doch während Manuel immer mehr über sich selbst erfährt, bleiben auch andere von seinem Abenteuer nicht unberührt...
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2016
para la madre selva
gracias por ser tan hermosa
Nadine Bresinsky
Impressum
Das verlorene Licht
Nadine Bresinsky
ISBN Taschenbuch: 978-3-7345-7475-7
ISBN Hardcover: 978-3-7345-7476-4
ISBN e-book: 978-3-7345-7477-1
Lektorat: Johannes Floehr
Korrektorat: Steffen Konrad
Umschlaggestaltung: Nadine Bresinsky
Titelbild: Piero Aranibar
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
Alle Rechte liegen beim Autor.
© 2016by Nadine Bresinsky
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung und Vervielfältigung – auch auszugsweise – ist nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung des Autorsgestattet. Alle Rechte, auch die der Übersetzung des Werkes, liegen beim Autor. Zuwiderhandlung ist strafbar und verpflichtet zu Schadenersatz.
Die Welt des südamerikanischen Dschungels ist eine faszinierende Welt, erfüllt von Elementargeistern, den Seelen der Tiere und Pflanzen sowie anderen zauberhaften Wesen. Das Rad des Lebens dreht sich hier nach anderen Gesetzen als in unserer westlichen Welt, denn all diese Geschöpfe bilden gemeinsam mit dem Menschen eine untrennbare Einheit auf dem Weg über die Erde. Vom Beginn der Zeit an wussten die Bewohner des Urwaldes darum und deshalb ist Respekt vor allen Lebewesen auch heute noch die natürliche Grundlage einer jeder ihrer Handlungen, ob es sich nun um die Jagd oder die Nutzung der Heilkräfte einer Pflanze dreht. Jedes Opfer der Natur wird mit Dank und Liebe entgegengenommen und mit einer Gabe der Menschen beantwortet. Es ist eine Welt des Gebens und Nehmens, das Eine ist ohne das Andere nicht denkbar.
Die vorliegende Geschichte beruht auf Märchen und Erfahrungen, die ich im Amazonasgebiet sammeln durfte. Auf mehreren Wanderungen durch den Urwald bin ich ihnen begegnet, habe sie von Indianern erzählt bekommen oder ihr Flüstern im Wind vernommen. Ich habe den Enano kennengelernt, der willigen Seelen als Lehrer dient und habe die farbenprächtige Zauberwelt der Geisterliane Ayahuasca erlebt. Auch die Legende um den ersten Gesang des Schamanen war überall anzutreffen, ebenso wie die Reise zur Mondin mit Hilfe der Himmelsliane.
Aber nicht nur um diese, aus dem Alltag der Indianer nicht wegzudenkenden Elemente rankt sich die Geschichte. Sie erzählt auch vom Mut, seinen eigenen Weg zu gehen, anders zu sein. Manchmal führt dieser Weg fort vom bisher gelebten Leben, fort von vertrauten Menschen und hinein in die Einsamkeit. Grenzen werden neu ausgelotet und verschoben, Talente und ungeahnte Seiten einer Persönlichkeit kommen zum Vorschein und fordern ihr Daseinsrecht. Nur indem wir all die Aspekte unseres Selbst - alte wie neue - zu uns einladen, können die Farben unserer Seele in vollem Glanz erstrahlen. Dann leuchtet unser Licht und erfreut auch andere.
Mit meiner kleinen Erzählung hoffe ich, die Magie des Urwaldes ein Stück in unsere Welt einfließen lassen zu können und sie so mit den verschiedensten Farben zu bereichern. Vielleicht gelingt es mir ja auch, den ein oder anderen Leser zu ermutigen, dem Ruf seiner Seele zu folgen und sich auf den Weg zu seinem eigenen Licht zu machen.
Nadine Bresinsky, 2016
Erschrockenen Herzens sah die Mondin ihrer Laterne nach. Sich wie ein Kreisel um sich selbst drehend, fiel die Lampe der schlafenden Erde entgegen und zog dabei einen solch strahlenden Schweif hinter sich her, dass der nachtdunkle Himmel von unzähligen Sternschnuppen erleuchtet schien. Mit einer Hand versuchte die Mondin noch sie zu fassen, doch es war bereits zu spät. Ihre Finger erhaschten nichts weiter als den Luftzug, den das Nachtlicht wie einen Fußabdruck am Himmel hinterlassen hatte. Die Hand der Mondin blieb leer. Von ihrer Hängematte aus sah sie das Licht nur noch tiefer und tiefer fallen, bis es schließlich in den Schatten der Welt unter ihr verging.
Einen kurzen Moment wich jegliches Gefühl aus der Mondin, nur um dann mit um so vorwurfsvollerer Stimme zurückzukehren. „Wie konnte das bloß passieren?“ donnerte es in ihrem Kopf. Verstört fuhr sie sich über das Gesicht, ihre Hände zitterten und suchten unruhig Halt. Fassungslos starrte sie vor sich hin, während ihre Augen immer und immer wieder das Licht im Dunkel verschwinden sahen.
Die Zeit floss unbemerkt an der Mondin vorbei, wie sie so in ihrer Hängematte saß. Keine noch so kleine Bewegung ließ ihre Gefühle erahnen, doch versteckt unter ihrer erstarrten Oberfläche tobte ein wilder Kampf. Kopf und Herz der Nachtfrau waren so uneins wie nie zuvor und fast schien es, als würde alle Aufmerksamkeit des Universums in diesem inneren Kampf aufgehen. Kein Windstoß regte sich, kein noch so ferner Stern funkelte. Die Welt um die Mondin hatte den Atem angehalten.
Doch schließlich, nach ungezählten Augenblicken des stummen Wartens, gewann das Gefühl des Verlorenseins die Oberhand. Mit einem erschöpften Seufzer ergab sich die Mondin der Leere, die sich wie ein alles verschlingender Schatten in ihr ausbreitete und der unfassbaren Gewissheit die Tür öffnete. Ein schläfriger Moment, eine unbedachte Bewegung und schon war es geschehen: die Hüterin des Nachtlichts hatte ihre Laterne an das Dunkel der Menschenwelt verloren.
Das Dickicht des Urwaldes erschien ohne Weg, doch Manuel kannte die versteckten Pfade über Baumwurzeln und unter Lianen hindurch. Feinädrige Blätter strichen ihm über das Gesicht, ganz als wollten sie seine Aufmerksamkeit fortlocken von den Schritten seiner Wanderung. Aber Manuel ließ sich nicht locken. Trotz der feinen Berührungen wusste er in jedem Augenblick um die Anwesenheit sich duckender Steine und verwachsener Baumstümpfe am Boden. Seine Sinne hätten sie auch mit geschlossenen Augen gesehen.
Hoch über ihm bildeten die Wipfel der Bäume eine schützende Decke, welche den Urwald zu einer in sich geschlossenen Welt machte. Gründuftend war diese Welt und tagsüber verliehen ihr Blüten in allen erdenklichen Farben und kleine schillernde Käfer ein lebendiges Gesicht. Aber auch jetzt, des Nachts, war es alles andere als einsam. Termiten krabbelten durch das Unterholz, Nachtgrillen sangen ihr Lied. Irgendwo gluckste eine Vogelkehle auf der Suche nach Artgenossen, eine andere Kehle antwortete. Schatten verrieten knorrige Äste, welche sich wie Finger ineinander verwoben. Lianen kamen von allen Seiten auf Manuel zu und forderten ihn zu immer neuen Richtungen auf. Ringsherum schlängelten sie sich an Bäumen entlang oder wuchsen kreuz und quer einfach in die Luft. Dicke Baumstämme wurden von ganzen Zelten aus Wurzeln umgeben und die nächtliche Luft war erfüllt von frischer Feuchtigkeit. Mit jedem Schritt gruben sich Manuels Zehen auf ein Neues genüsslich in die weiche Erde. Er spürte vergessene Blätter und glitschigen Matsch unter seinen nackten Füßen, während sich seine Hände an vermoosten Baumhäuten orientierten.
Manuel liebte es, des Nachts durch den mit Leben erfüllten Wald zu streifen. Dann spürte er den Zauber der Natur auf seiner Haut, der wie tausend feine Wassertropfen über seinen Körper rann. Der lederne Schurz um seine Hüften war alles, was ihn von dieser Magie trennte. Ein ebenfalls ledernes Band hielt seine langen schwarzen Haare zusammen, damit ihm keine Strähne in das schmale Gesicht fallen konnte. Mit Augen in der Farbe eines wolkenlosen Himmels blickte er um sich. Doch sie sahen nicht wirklich, denn Manuels gesamtes Sein war wie stets nur auf die vielstimmigen Geräusche des Waldes gerichtet. Das Flüstern der Blätter im Wind erfüllte ihn und ohne hinauf sehen zu müssen, nahm der Junge auch das Rascheln wahr, welches die kleinen Baumwächter-Affen auf ihren hüpfenden Spaziergängen in den Baumwipfeln verursachten. Sie folgten ihm behände wie Schattenbilder.
Manuel lächelte über die Neugier dieser Tiere, mit der sie ihn Nacht für Nacht begleiteten. „Sie werden wohl niemals müde, mir zu folgen.“ Noch nie hatte er eines der Äffchen zu Gesicht bekommen, umso besser jedoch kannte er ihre Geräusche hinterlassenden Spuren in der Luft. Die Tiere wachten bis spät in die Nacht über ihre Bäume, äußerst selten verließen sie ihr Zuhause in den Blattkronen. Deswegen bezeichneten die Puchua, wie sich die Menschen aus Manuels Dorf nannten, sie als Baumwächter. Mehr als diesen Namen verbanden sie allerdings nicht mit ihnen. Sie ließen sich nicht fangen und so waren sie für das Dorf gänzlich uninteressant.
Ganz anders erging es da Manuel. Der Junge wusste, dass die scheuen Baumwächter weit mehr als nur langarmige Kletterer auf der Suche nach neuen Wipfeln waren. Sie hatten so vieles über die Welt in den Blättern zu sagen, so viel mehr als ein einfacher Beobachter je erfahren würde. Ja, er wusste es, denn er konnte ihre Gedanken hören. Auch jetzt waren ihre Worte in seinem Kopf. „Wo geht er diesmal wohl hin? Nur ein wenig weiter noch, dann sollten wir aber schlafen...“, flüsterte es in ihm.
∻
Manuel konnte sich an keine Zeit seines Lebens erinnern, in der er nicht von den Worten der Waldtiere umgeben gewesen wäre. Er kannte die Geschichten von scharfäugigen Greifvögeln hoch oben über dem Dach des Urwaldes, von kleinen Ameisen unter der Rinde der Bäume. Diese Geschichten waren wie Spuren im Dickicht, die ihn zu den Geheimnissen des Dschungels führten. Allerdings war ihm der Weg, wie er selbst zu den Tieren hätte sprechen können, verborgen.
Das machte Manuel sehr einsam, denn sonst redete eigentlich niemand mit ihm. Die Bewohner seines Dorfes mieden den Jungen, wo sie nur konnten. Für sie war er verrückt oder krank oder einfach nur faul. Wer sonst unter ihnen hörte schon die Stimmen der Tiere? Wer sonst hatte blaue Augen? Keiner! Wie sehr Manuel es verabscheute, dieses Tuscheln, die vorgehaltenen Hände, die jeden seiner Schritte begleiteten. Selbst in diesem Augenblick, als sich seine Füße weiter über den unebenen Boden tasteten, hörte Manuel die verletzenden Worte: „Du bist doch nichts weiter als ein hoffnungsloser Träumer! Deine sprechenden Tiere holen kein Wasser vom Fluss, sie bringen kein Fleisch in den Kochtopf. Also lass uns in Ruhe mit ihnen!“
Und genau das hatte er im Laufe der Zeit gelernt. Er blieb für sich, beteiligte sich an keiner Jagd und ging allein seiner Wege. Auch wenn es nicht immer einfach war. „Dafür habe ich aber so vieles andere für mich entdeckt!“ dachte er jetzt trotzig bei sich. Nie würde er das Gefühl vergessen, als er eines Tages inmitten der Bäume gestanden war und seine Finger angefangen hatten zu kribbeln. Feine Fäden, die sich seidig glänzend im Sonnenlicht hin und her bewegten, hatten ihn mit seiner Umgebung verbunden. Und bei dieser einen Gelegenheit war es nicht geblieben. Unzählige Male hatte er seitdem durch die Fäden den Atem der Natur in sich aufgenommen. Dabei spürte er die Lebenskraft aller Lebewesen im Wald durch seinen Körper fließen. Manchmal sprudelte und gluckste es in ihm aus purer Freude, manchmal zog der Fluss der Energie einfach nur ruhig dahin. Jeder Winkel von Manuels Sein wurde von dieser Energie angefüllt, jede raue Kante seiner Empfindungen davon umspült und glatt poliert.
∻
Der Wind des Waldes sprach ebenfalls mit ihm.Und genau dieser Wind war es auch, der seine Schritte heute Nacht lenkte. Die weiche Stimme hatte dem Jungen nämlich von Blumen erzählt, die selbst des Nachts in allen Farben des Regenbogens leuchteten. „Diese Blumen möchte ich unbedingt sehen!“ Seine Aufmerksamkeit wieder auf das Hier und Jetzt gerichtet, kletterte Manuel also weiter über abgebrochene Äste und schlängelte sich an Lianen vorbei. Schließlich erreichte er den plätschernden Lauf eines schmalen Baches, der sich an den Bäumen entlang wand, nur um dann zwischen ihren Stämmen im Dunkel der Nacht zu verschwinden.
Wie von selbst folgten seine Füße ab hier weiter dem Bachlauf. Durch unzählige Streifzüge kannte er die meisten Gegenden des Waldes, diese Richtung hier war jedoch auch für ihn neu. „Wo führst du mich diesmal hin?“, fragte er in Gedanken den Wind. Das kühle Wasser des Baches umspielte seine Zehen und glitschige Steine verlangten volle Konzentration. Ab und zu klatschte etwas vor ihm in den Bach und dann schwappten kleine Wellen gegen seine Füße, von einem eilig davon schwimmenden Frosch hinterlassen. An manchen Stellen hatten sich Bäume von der Erde losgerissen und vorwitzig quer über den Bach gelegt, wie kleine Brücken wirkten sie. Sich gekonnt an Ästen und Furchen in der Rinde festhaltend unterwanderte Manuel sie und gespannte Vorfreude ließ sein Herz mehr als sonst auf seinen Wanderungen pochen. Denn der Wind hatte zwar seine Frage nicht beantwortet, wohl aber verraten, dass er auf dem richtigen Weg zu den Regenbogenblumen war.
Trotzdem war der Junge überrascht, als sich die dicht aneinander gedrängten Bäume entlang des Bachufers schließlich lichteten und den Blick frei gaben auf eine Wiese. Das Blätterdach des Urwaldes zog sich zurück und zusammen mit der Wiese breitete sich eine große Lichtung vor Manuel aus. Er kletterte den niedrigen Hang aus dem Bachbett heraus und verharrte im Anblick dieser Lichtung. In friedvoller Stille lag sie vor ihm und Manuels Augen genossen die ungewohnte Weite des sonst so dichten Urwaldes. Das Licht der Sterne erhellte den gesamten Ort, so dass er deutlich jeden einzelnen Grashalm erkennen konnte. Aber das war nicht der Grund, weshalb er wie angewurzelt stehen blieb. Es waren die Blumen. Nicht wie üblich erstrahlten sie fahl und weiß im Sternenlicht, sondern leuchteten bunt in allen Farben, als wäre es heller Tag! Jede Blüte schien einen ganz eigenen Regenbogen in sich zu tragen, mit dem sie die Wiese überzog. Die strahlende
Pracht der Farben nahm Manuels Augen, all seine Sinne gefangen und beinahe vergaß er zu atmen. Der Wind des Waldes hatte recht behalten: Dieses Schauspiel war wirklich etwas ganz Besonderes!
Nach einer Weile des stummen Staunens machte sich der Junge dann auf den Weg über die Lichtung. Dabei nahm er jede Blume einzeln in Augenschein. Anfangs erfüllte ihn noch Scheu, aber nach wenigen Augenblicken getraute er sich, die Blumen nicht nur mit den Augen zu ertasten. Seine Finger glitten über die Blütenblätter, stets darauf bedacht, keines zu grob anzufassen oder gar abzuknicken. Sie fühlten sich zart an und schienen ihn aufmunternd anzulachen. Blau, gelb, rot schillerte es ihm aus den Blüten entgegen. Alles verwob sich ineinander und es bildeten sich bunte Tupfer, für deren Farben Manuel keine Worte hatte. „Du bist bestimmt eine Freundin des Sonnenmannes, so gelb wie du leuchtest. Und du hier hast Feuer in dir, auch wenn deine Farben irgendwie eigenartig glitzern.“ So sprach der Junge zu jeder Blume, bis er das Gefühl hatte, sein Kopf drehe sich in tausend farbigen Wirbeln um sich selbst. Immer wieder entdeckte er eine neue Schönheit. Fast war ihm, als könne er den Duft der Farben in seiner Nase spüren oder gar auf seiner Zunge schmecken. Von einer Blüte zur nächsten hüpfte er, die Farben in vollen Zügen genießend.
∻
Doch irgendwann kehrte wieder Ruhe in Manuel ein. Er wollte sich hinsetzen, einen klaren Kopf bekommen. Prüfend blickte er sich also um und zu guter Letzt fand er auch, was er suchte. In der Mitte der Lichtung erhob sich ein großer Stein, der perfekte Platz für ihn. Geschickt erklomm er den abgeflachten Felsen und legte sich der Länge nach unter den klaren Sternenhimmel. Der Stein war noch warm von der Sonne des Tages und Manuels Körper schmiegte sich ohne Weiteres an die kleinen Kuhlen und Rundungen an. Seine Eindrücke glitten in den Felsen und die Arme unter dem Kopf verschränkt, ließ er seinen Gedanken freien Lauf.
Nun, er hatte seinen Weg gewählt. Auch wenn der Preis dafür war, allein zu stehen. Eingepfercht zwischen den engen Holzwänden und dem alles erstickenden Rauch der abendlichen Feuer bekam er keine Luft. Er war ein Fremder, stets außerhalb der lachenden Gemeinschaft. Doch konnte er seine Erlebnisse nicht einfach vergessen, sein Innerstes nicht leugnen. Ihm schien, als sähen seine Augen weiter, als spürten seine Sinne die Feinheiten zwischen den Wahrheiten. „Aber das sind Dinge, die nicht in das Dorfleben gehören.“ Für die anderen waren sie unsichtbar und unspürbar. Nie konnte Manuel sich ihnen begreiflich machen und so hatte er sich eben entschieden, auf seine Weise zu leben. Einsam.
Das kostete ihn viel Kraft und manchmal war er der Verzweiflung nahe. Besonders, wenn die Fragen kamen. Fragen, warum er so anders war, Fragen nach seinem Platz. Selbst jetzt tauchten sie auf und ließen ihn unruhig werden. „Wo gehöre ich denn nun hin? 15 Regenzeiten bin ich alt, aber eine Antwort scheint es nicht zu geben.“ Er wusste nur eines mit Bestimmtheit, und das betraf die Jagd. „Niemals werde ich mich daran beteiligen.“ Für Manuel war jeder Tod ein ungefragter Eingriff in die Natur. „Doch was soll ich sonst?“
Wütend rieb sich der Junge über das Gesicht, er wollte all diese Gedanken nicht haben. Nicht in diesem Moment und nicht hier. Tief atmete er durch, konzentrierte sich auf seinen Herzschlag. Langsam entspannte sich sein Körper wieder, die quälenden Fragen verschwanden aus seinem Kopf. Dann richtete Manuel seinen Blick zurück nach außen auf die Farbenpracht, in deren Mitte er auf dem Felsen lag wie auf einer Insel. Die Blumen leuchteten unbeirrt von seinem Gefühlschaos weiter in der Dunkelheit, die Sterne funkelten am Himmelsdach. Und sogar die Mondin war inzwischen erschienen. Ihr gelbliches Licht umgab den Jungen und langsam ließ Manuel sich in ihren Schutz und das Meer aus Farben gleiten, bis er gänzlich eins war mit dem Zauber des Augenblicks.
„Er ist soweit“, lächelte der Enano zufrieden in sich hinein. Seine schwarzen Knopfaugen ließen den Jungen nicht aus dem Blick, die knorrigen Hände legte er genüsslich auf seinen runden Bauch. Sanft umspielten die harzigen Gerüche der Bäume seine Nase. „Wie lange haben wir auf diesen Augenblick gewartet?“ Er konnte es nicht sagen. Die zahllosen Wechsel von Trocken- und Regenzeiten, in denen Manuel seine Kräfte gesammelt hatte, waren in des Waldhüters Erinnerung ein großes Durcheinander, denn nicht wenige Waldwesen hatten sich der Verzweiflung hingegeben, dass es niemals zu einer Rettung kommen würde. „Wo bin ich nicht überall unterwegs gewesen...“, dachte er jetzt, da er ihrer aller Ziel so nah vor Augen hatte. „Von einem Baum zur nächsten Blüte und wieder zurück zu Manuels Spuren. So oft habe ich inzwischen meinen Heilzauber über die Wesen des Waldes gelegt, dass es kaum noch eines gibt, welches nicht mit meinen Fingern in Berührung gekommen ist.“
Wie er hier so stand, versteckt hinter einem Baum, waren sie alle bei ihm. Blumen, entstellt von tiefen Rissen, deren Abgründe den Schein ihrer Farben fast verschluckt hätten. Entstellte Bäume mit Wurzeln, die sich mit letzter Kraft in die Erde verkrampft hatten, darum bemüht, den Halt nicht zu verlieren. Jedes dieser Wesen hatte den Enano zu sich gerufen und Hilfe in seinen Augen gesucht. Und jedes Mal war er gekommen, mit seinen geduldigen Händen. Die Strapazen spürte er noch jetzt bis in seine Zehenspitzen.
