Das verlorene Licht - Renate Gruhl - E-Book

Das verlorene Licht E-Book

Renate Gruhl

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2,99 €

Beschreibung

Kalisha hatte einst wunderschöne Lebensträume. Aber die Lichtmeister haben sie ihr gestohlen. Der Schmetterling Seraph ermutigt sie, Das verlorene Licht ihrer Träume zurückzuerobern und sie sich doch noch zu erfüllen. Das passt den Lichtmeistern gar nicht, und sie setzen alles daran, Kalisha auch noch den letzten Traum zu entreißen. Werden sie Erfolg haben und Kalisha als desillusionierte graue Maus zurücklassen, oder schafft sie es, den Lichträubern und ihren Agenten zu trotzen und ihre Träume zu verwirklichen? Ein märchenhaftes Plädoyer, die eigenen Träume niemals aufzugeben.

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Seitenzahl: 58

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Kalisha hatte einst wunderschöne Lebensträume. Aber die Lichtmeister haben sie ihr

gestohlen. Der Schmetterling Seraph ermutigt sie, das verlorene Licht ihrer Träume

zurückzuerobern und sie sich doch noch zu

erfüllen. Das passt den Lichtmeistern gar

nicht, und sie setzen alles daran, Kalisha

auch noch den letzten Traum zu entreißen.

Werden sie Erfolg haben und Kalisha als

desillusionierte „graue Maus“ zurücklassen

– oder schafft sie es, den Lichträubern und

ihren Agenten zu trotzen und ihre Träume

zu verwirklichen? – Ein märchenhaftes Plädoyer, die eigenen Träume niemals aufzugeben.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

1.

Der warme Wind strich über die Blumen und brachte sie zum Wispern, als würden Feenstimmen miteinander flüstern. Rot, blau, golden, purpurfarben, sonnengelb, rosa und weiß verwoben sich die Farben der Blumen mit dem Grün ihrer Blätter und dem Gras zu einem regenbogenfarbenen Teppich, der wogte wie ein buntes Tuch. Der Wind löste den Duft aus ihren Kelchen und erfüllte die Luft mit betörenden Aromen nach Lavendel, Rosen, Veilchen, Melisse und Thymian. Vögel zwitscherten fröhlich zu dem Summen der Bienen, Schmetterlinge flogen umher, tranken Blütennektar, und die Sonne sandte ihre Wärme vom meerblauen Himmel.

Kalisha saß auf der Bank vor ihrem Haus und genoss den Sommertag. Sie hatte das Gesicht der Sonne zugewandt und atmete tief die duftende Luft ein. Von der Stadt her, die als ein grauer Fleck in der Ferne zu sehen war, erklang leises Glockengeläut und kündigte die Mittagsstunde an.

Die Stadt – ein grauer Fleck, aus dem graue Finger sich dem Himmel entgegenreckten und bizarre Schatten warfen. Von ihrem Haus auf dem Hügel konnte Kalisha sie deutlich sehen. Allein der Anblick schien die Farben aus ihrem Garten zu waschen und ihn mit einem Grauschleier zu überziehen. Wie Nebel, der alles einhüllte und die Geräusche erstickte.

Blöde Stadt! Genügte es nicht, dass Kalisha jeden Tag dorthin zur Arbeit musste? Musste die Graue auch noch so deutlich zu sehen sein und sie die selbst am Wochenende immer vor Augen haben? Kalisha stand auf, wanderte durch den Garten und drehte der Stadt den Rücken zu. Sie blickte stattdessen ihr Haus an, dieses kleine, aber wunderbare Refugium mit seinen alten weißen Mauersteinen, an denen sich Efeu in die Höhe rankte und dazwischen Rosen, die bis zum Schlafzimmerfenster im ersten Stock reichten, das wie alle Fenster wie das Bullauge eines Schiffes aussah, und es leuchtend Rot umrahmten. Auf der Südseite klammerten sich Weinreben an die Mauer. Im Herbst, wenn die Weinblätter blutrot flammten, war das ein wunderbarer Anblick, der Kalisha träumen ließ, der sie entführte in eine Märchenwelt, die ganz allein ihr gehörte.

Mit diesem Häuschen hatte sie sich einen Traum erfüllt. Tante Lilly hatte ihr ein bisschen Geld vererbt, gerade genug, dass es für den Kauf und die Renovierung gereicht hatte. Der herrliche Garten war schon vorher da gewesen. Und Kalisha tat nichts lieber, als in ihm zu werken und die Blumen, Büsche und die drei Apfelbäumchen zu pflegen, damit sie gut gediehen. Das machte sie glücklich.

Das hatte sie anfangs glücklich gemacht. Aber in letzter Zeit schien sich das Grau der Stadt immer mehr auszubreiten und die bunten Farben mit seinem Tuch zu bedecken. Von Tag zu Tag wurde die Freude an ihrem Haus und dem Garten geringer. Selbst wenn wie heute die Sonne schien, bekam sie oft das Gefühl, von Kälte umgeben zu sein.

Sie wusste nicht zu sagen, wann das angefangen hatte. Vielleicht an dem Tag, an dem sie ihre Eltern, die Verwandten und Freunde eingeladen hatte, um die Einweihung ihres Hauses zu feiern. Sie erinnerte sich, wie stolz sie sich gefühlt hatte, denn immerhin hatte sie das meiste selbst erledigt: Die Wände neu verputzt und gestrichen, die Türen abgebeizt und neu imprägniert, sogar die bunten Gardinen hatte sie selbst entworfen und genäht, damit ihr Heim noch farbenfroher, noch schöner wurde.

Mit den Gästen kam die kalte Dusche. Ihre Mutter blickte sich sichtbar missbilligend überall um und fand an allem etwas auszusetzen.

„Für Tante Lillys Geld hättest du dir aber was Besseres kaufen können als diese armselige Hütte. Nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder. Er hat eine richtige Villa.“ Sie rümpfte die Nase. „Und wie es hier aussieht – konntest du keine vernünftigen Möbel reinstellen? Dieses rustikale Zeug stammt wohl vom Flohmarkt. Und diese Blümchengardinen hat bestimmt eine von diesen verrückten Designerinnen entworfen, die geistig noch im Kleinmädchenalter steckengeblieben sind. Vernünftige Leute hängen sich doch so was nicht vors Fenster.“

Auch der Kuchen, den Kalisha gebacken hatte, fand keine Gnade vor Mutters Augen. „Backen konntest du ja noch nie gut“, lautete ihr vernichtendes Urteil. Und selbstverständlich war der Garten der Gipfel der Katastrophe: „So ein unappetitlicher Wildwuchs! Da muss mal ein Profigärtner ran. Du kannst dich doch unmöglich hier wohlfühlen, Kalisha!“

Das tat sie in dem Moment tatsächlich nicht mehr. Lange Zeit, nachdem die Gäste gegangen waren, sah sie ihr schönes Heim immer noch mit den Augen ihrer Mutter. Sie hatte Monate gebraucht, um die Freude zurückzugewinnen. Doch ein Stachel steckte seitdem in ihr.

Einer von vielen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten. Der erste Stachel war ihr Beruf als Näherin in der Kleiderfabrik. Sie hatte Modedesignerin werden wollen und geglaubt, echtes Talent dafür zu haben. Aber für die Designerschule hatte es nicht gereicht, und ihre Ausbildung als Schneiderin endete damit, dass sie Kleidung abändern musste, statt sie neu zu erschaffen. Da war der Job in der Fabrik sogar noch besser, denn dort fertigte sie neue Kleider an. Nach vorgegebenen Schnittmustern zwar, aus immer den gleichen Stoffen und im Akkord, aber sie konnte hinterher die fertigen Stücke aufgereiht auf der Stange sehen, geschaffen von ihrer Hände Arbeit.

Freude brachte ihr das trotzdem nicht, und auch der Verdienst war nicht überwältigend.

Deshalb reichte er auch nicht für die Reisen, die sie in alle Welt unternehmen wollte. Vielleicht schaffte sie es, nachdem sie dank ihres Häuschens keine Miete mehr zahlen musste, eines Tages ihren großen Traum von der Reise nach Neuseeland zu erfüllen oder von der Kreuzfahrt rund um die Welt. Aber so ganz allein hatte sie dazu keine rechte Lust. Denn weil sie so „seltsam“ war, wie nicht nur ihre Mutter nie müde wurde zu betonen, hatte sie keinen Mann. Nicht einmal Freunde.

Ein bunter Schmetterling flatterte an ihrer Nase vorbei auf eine Rosenblüte, neben der Kalisha stand. Er tauchte seinen Rüssel in den Blütenkelch und breitete seine Flügel aus, als wollte er sie von der Sonne wärmen lassen. Die sahen aus, als habe man sie aus einem Regenbogen herausgeschnitten; als wäre der Schmetterling ein Teil von ihm. Blau, Grün und Violett mit Gelb an den Flügelrändern dominierten und bildeten ein Muster, das wie Blumenranken aussah. Die Flügel leuchteten so intensiv, als würden sie von innen heraus strahlen und als bestünden sie aus kleinen Metallplättchen, die ihnen einen seidig schimmernden Glanz verliehen. Je nachdem, wie er sie bewegte, wechselten sie die Farben zu einer filigranen Komposition aus Grün und Blau – wie Himmel und Wald; oder wie Wiese und Meer.