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bei Martin den Zustand andauernder Heiterkeit. "Flümen" sonderte sein Großvater ab was soviel wie Furzen bedeutete. Martin hatte schon einige diesbezügliche Umschreibungen gehört. "Einen ziehen lassen", "Pupsen", "Furzen". Martin wählte "Flümen" zu seinem persönlichen ganz besonderen Wort. Martins Mutter schimpfte ebenfalls Martin hieß." Darauf folgten Stories von Martin Luther und dem heiligen Martin, der aber katholisch war, was Martin ziemlich verwirrte, denn seine Familie war streng protestantisch. Noch mehr verwirrte ihn, dass der heilige Martin seinen Mantel geteilt haben soll den Namen Martin getauft und auch weil unser Reformator Luther ebenfalls Martin hieß." Darauf folgten Stories von Martin Luther und dem heiligen Martin, der aber katholisch war, was Martin ziemlich verwirrte, denn seine Familie war streng protestantisch. Noch mehr verwirrte
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Seitenzahl: 51
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Das verlorene Wort
Mape
published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Copyright: © 2014 Mape
ISBN 978-3-7375-1466-8
Die Leichenwäscherin hatte den leblosen Körper des kleinen Jungen nach der Waschung mit einem weißen Totenhemd bekleidet und somit ihre Tätigkeit routiniert und teilnahmslos beendet.
Sie verließ die Eltern des toten Kindes, die stumm und starr neben dem Leichnam standen. Der Mann hatte seine Frau in die Arme genommen und streichelte ihr tröstend über das Haar.
Das tote Kind lag auf einem Tisch, der am Kopfende mit zwei brennenden Kerzen geschmückt war und so die Anmutung eines Altars vermittelte.
Martin war auf einen Stuhl geklettert um einen letzten Blick auf seinen kleinen Spielgefährten zu werfen. Er betrachtete das winzige, schneeweiße Gesicht mit den geschlossenen Augen, das im Tode geschrumpft schien.
Auf den Augenlidern lagen je eine Münze. Martin konnte sich keinen Reim darauf machen, welche Bewandtnis es mit den Münzen hatte.
Zu Hause würde er seinen Großvater fragen. Martins Mutter war ziemlich unwissend und konnte ihrem wißbegierigen Sohn selten Auskunft geben, während seine Großmutter vieles zu wissen schien aber nicht interessiert war ihrem Enkel Auskunft zu geben.
So wurde der Großvater zum viel Befragten.
Martin hatte mit dem kleinen Wölfi, der eigentlich Wolfgang hieß und Wölfi gerufen wurde, öfter gespielt, sobald der einigermaßen laufen konnte und anfing zu sprechen.
Mit viel Geduld hatte Martin dem Kind langsam und mit Betonung Wörter vorgesprochen, in der Hoffnung, dass er sie nachspräche.
Martin war sich nicht bewußt, dass er selber intelligenzmäßig frühentwickelt war und Wölfi mit seinen Bemühungen überforderte.
Zunächst kam auch bei den ganzen Übungen nichts heraus. Erst kurz vor seinem Tode konnte der Kleine einige Wörter absondern wobei er mit dem „R“ Mühe hatte.
Wölfi hatte etwas gesagt was Martin nicht verstanden hatte. Es war für Martin das erste mal in seinem, auch erst kurzem Leben, dass er ein Wort aus einem Mund gehört hatte, aus dem zuvor noch nie ein richtiges Wort gesprochen wurde. Dieses Ereignis, ein verlorenes Wort, hat sich fest in Martins Gedächtnis eingegraben.
Martin kletterte von dem Stuhl und verließ die Wohnung ohne sich von den Eltern zu verabschieden.
Der, von einem Pferd gezogene Leichenwagen fuhr gerade vor. Ein weißer Kindersarg wurde von dem Kutscher und einem Helfer in das
Haus getragen. Martin ging zu dem Fuchswallach, der Fritz gerufen wurde und ihm erwartungsvoll den Kopf zuwandte. Die beiden kannten sich, denn Fritz stand in einem Stall auf dem Hof von Martins Familie.
Martin hatte für Fritz immer ein Stück Würfelzucker, manchmal ein Brötchen vom Vortag oder einen Apfel in der Hosentasche.
Auch jetzt wartete Fritz auf sein Leckerli.
Martin streichelte das Pferd, während es mit seinem weichen Maul das Zuckerstück aus seiner Hand nahm. Fritz schnaubte leise und stieß Martin sanft mit dem Kopf.
Fritz war mit einem schwarzen Puschel auf dem Kopf, einem Staubwedel nicht unähnlich, verunstaltet worden.
So sollte signalisiert werden, dass hier ein Leichentransport unter-wegs war. Oft blieben Männer stehen und zogen ihre Hüte oder Mützen.
Martin wartete bis die Männer den Sarg auf das Fuhrwerk geladen hatten und ging dann traurig nach Hause.
„Opa, warum hat man Wölfi Münzen auf die Augen gelegt?“
Der Großvater überlegte einen Moment bevor er antwortete.
Die Münzen sind als Bezahlung für den Fährmann bestimmt, der Wölfi vom Reich der Lebenden über den Fluß Styx in das Totenreich überführt. Das bezieht sich auf die griechische Saga. Ich werde dir das genau erklären wenn du älter bist.
Es nagte an Martin, dass ihm das erste Wort des kleinen Wölfi entgangen war. Er empfand dies als einen ungeheuren Verlust, was ihn bewog inskünftig genau darauf zu achten wenn zu ihm etwas gesagt wurde.
Martin hatte in seinem kurzem Leben bereits gelernt, dass Wörter verschiedene Wirkungen verursachen können.
Manche bewirken beispielsweise Angst oder Trost, Nachdenklich-keit, andere Heiterkeit, Verletzung, Aufmunterung oder auch Nichtverstehen und somit Erklärungsbedarf.
Häufiges Hören von Wörtern kann aber auch einen Verlust an Faszination und Wirkung verursachen. Sie werden so zum alltäg-lichen und sehr oft gedankenlosen Gebrauch verschwendet.
Wörter und Begriffe, die Martin faszinierten hatte er von seiner Mutter, Großmutter und dem Großvater gehört, als er noch ein Kleinkind war. Sie hatten sich ihm so eingeprägt, dass sie ihm noch heute, als Erwachsener, präsent sind.
„Eine Mahlzeit Bohnen“ sagte seine Mutter immer, wenn sie von einer Quantität grüner oder gelber Bohnen sprach, wobei die gelben Bohnen auch als Wachsbohnen bezeichnet wurden.
„Ich hole uns eine Mahlzeit Bohnen“ sagte sie immer und verschwand in den Garten, um bei ihrer Rückkehr zu verkünden, dass sie oder Oma jetzt „eine Mahlzeit Bohnen“ zubereiten werde.
Diese Mengenangabe machte für Martin keinen Sinn. Hätte sie gesagt „Ein Pfund Bohnen“ oder „Ein Kilo Bohnen“, dann wäre alles gut gewesen. Im Geschäft würde sie doch auch nicht sagen, dass sie ein Mahlzeit Bohnen kaufen wolle.
„Eine Mahlzeit Kartoffeln“ oder „Eine Mahlzeit Fisch“ sagte sie nämlich auch nie. Auch wenn es sich um weiße Bohnen handelte hieß es nie „Eine Mahlzeit Bohnen“, wobei das doch konsequent gewesen wäre, denn schließlich bleibt Bohne doch Bohne.
Martin versuchte nicht weiter zu ergründen warum seine Mutter diesen Begriff verwendete oder woher sie ihn kannte. Er schien ihr zu gefallen, denn sie benutzte ihn in jeder Bohnensaison, auch noch im hohen Alter, obwohl sie jetzt TK-Produkte verwendete.
Total genervt reagierte Martin wenn er seine Mutter sagen hörte:
„Ich mache uns jetzt eine schöne Tasse Tee“.
Diese Redewendung bekam er ständig zu hören, nicht nur von seiner Mutter, wobei ihm nicht klar war was an einer Tasse Tee schön sein sollte; gab es denn auch eine unschöne Tasse Tee? Und was war denn schön? Der Tee? Der Geschmack? Die Tasse? Oder das Gesamtpaket?
Eines Tages hörte Martin wie seine Mutter zu ihrer Mutter sagte: „Er ist mir hell ins Gesicht gesprungen.“
Martin stand zwischen seinen beiden Vorfahrinnen und sah ver-ständnislos von einer zur anderen empor. Seine Mutter bemerkte seinen Blick und erklärte, dass der Hund ihres Bruders, ein Dackel, der auf den Namen Seppl nie hörte, ihr „hell“ ins Gesicht gesprungen sei, warum wisse sie auch nicht.
Martin rief sich die beschriebene Situation vor Augen und konnte ein herzhaftes Lachen nur mühsam unterdrücken.
