Beschreibung

Kristin Collins steht vor der größten Herausforderung ihres Lebens: Ihr Bruder Brayden holt sie in seine Special Task Force, die Jagd auf den sogenannten Grimm macht – ein wolfsartiges Wesen, das durch die Märchen der Brüder Grimm in die Welt der Menschen dringt und jeden mit Wahnvorstellungen verflucht, der über ihn liest. Je tiefer Kris in die Märchen abtaucht, desto mehr verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Fantasie. Schließlich weiß sie nicht mehr, wem sie noch trauen kann – und wer selbst Teil des Fluches geworden ist. "Und?" Der Barkeeper stellte mir den nächsten Drink hin. "Was ist deine Geschichte?" Ich sah auf den kristallbraunen Inhalt, von dem ich definitiv schon einen zu viel gekippt hatte, nahm das Glas zwischen die Finger und schwenkte es hin und her, bis die Eiswürfel klirrten. Mein Schädel pochte dumpf, der Alkohol wärmte meinen Bauch, meine Eingeweide und mein Blut. "Wie meinst du das?", fragte ich und nahm einen Schluck. Der Scotch brannte in meinem Rachen, aber ich zwang mich, ihn hinterzuschlucken. "Jeder, der so viel in sich hineinschüttet, hat eine Geschichte", sagte er und lehnte sich über den Tresen. ...

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Das Vermächtnis der Grimms

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Nicole Böhm

Copyright © 2018 by

Drachenmond Verlag GmbH Auf der Weide 6

50354 Hürth

www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Andreas Böhm

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Illustrationen: Nicole Böhm, Shutterstock

Umschlagdesign: Nicole Böhm, Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock, Adobe Stock

Fotomodel: Denise Schultheis, Kristof Göttling

Foto: Jorge Brissimtzis

ISBN 978-3-95991-827-5

Alle Rechte vorbehalten

Für Saskia

die Erschafferin von Abalion

Für Suse

ohne die ich mich in der

Märchenwelt hoffnungslos verirrt hätte

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Der Grimmfluch

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Der Grimmfluch

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Der Grimmfluch

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Danksagung

Über die Autorin

Kapitel 1

Nubra-Tal, Indien. 1210 n. Chr.

Es war einmal ein junges Königspaar, das in einem wunderschönen Land lebte. Die beiden waren sehr beliebt beim Volke, denn sie waren gerecht und wohlwollend und hörten sich die Sorgen eines jeden ihrer Untertanen an. Als die Königin das langersehnte Kind entband, schien das Glück perfekt zu sein.

Sie gebar eine gesunde Tochter und alle im Lande feierten ausgelassen an diesem Tage. Selbst die Sonne leuchtete länger als üblich und segnete das Kind mit ihren Strahlen. Die Kleine wuchs wohlbehalten und sicher am Hofe auf und jeder, der sie zu Gesicht bekam, war ganz verzückt von ihrer Schönheit.

Eines Tages fiel der Königin jedoch auf, dass ihre Tochter nie lachte. Sie weinte, wenn sie sich wehgetan hatte oder ihr Bauch zu sehr drückte, sie brabbelte ihre ersten Worte, wenn jemand sich mit ihr unterhielt, aber sie schenkte niemandem ein Lächeln.

Die Königin war verzweifelt und rief nach ihren besten Beratern, doch keiner konnte dem Mädchen helfen. In seiner Not wandte das Paar sich an das Volk. Derjenige, der es schaffen sollte, der Tochter ein Lächeln zu entlocken, dürfte sich wünschen, was immer er begehrte.

Schon bald standen die Menschen Schlange. Jeder wollte sein Glück versuchen und die Prinzessin erheitern.

Es kamen Gaukler und Sänger, Musiker und Maler. Schmiede, Bäcker, Schneider, sogar Tiere. Alle gaben sich die größte Mühe, dem Kind die Freude zu schenken, die es verdiente. Aber es reagierte nicht.

Die Jahre zogen ins Land, das Mädchen wuchs zu einer wunderschönen jungen Frau heran. Gütig, anmutig, liebenswert, bewundert von jedermann, der sie erblickte.

Nur das Lachen, das blieb ihr aus.

So streifte das Leben an ihr vorüber, ohne dass sie richtig daran teilnahm – bis eines Tages ein junger Mann bei Hofe erschien.

Er war schlicht gekleidet, zurückhaltend und besaß nichts außer den Dingen, die er am Leibe trug. Er trat vor die Tochter und blickte sie lange an, dann nahm er den König und die Königin zur Seite und erklärte ihnen, was der Prinzessin fehlte:

»Fantasie.«

»Bitte?«, fragte die Königin.

»Eurer Tochter fehlt der Funke der Fantasie. Normalerweise lebt er hier.« Er fasste sich an sein Herz. »Er ruht in jedem. Auch in Euch, in mir, nur nicht in Eurer Tochter.«

Die Königin und der König sahen sich fragend an. Sie verstanden nicht, was der Fremde ihnen mitteilen wollte.

Der Mann lächelte gütig, denn er hatte mit dieser Reaktion gerechnet. »Eure Majestät«, sagte er zur Königin: »Schließt die Augen, wenn Ihr so freundlich wärt.«

Sie tat es.

»Und nun stellt Euch vor, Ihr liegt an einem heiteren Sonnentag auf einer bunten Wiese. Der Wind weht angenehm, die Sonne scheint, Vögel zwitschern, Ihr seid satt und wohl ausgeruht, Euch mangelt es an nichts. Könnt Ihr es sehen?«

»Aber ja.«

»Und riecht Ihr die frischen Blumen, die in aller Pracht um Euch wachsen und Euch mit den edelsten Düften verwöhnen?«

»Auch das.«

»Spürt Ihr den Kuss des Windes auf Eurer Haut? Sanft und schmeichelnd?«

»Ja.«

»Worauf wollt Ihr hinaus?«, fragte der König ungeduldig.

»Dies, Eure Majestät, ist Fantasie. Ihr könnt mit der puren Kraft Eures Willens eine Blumenwiese erschaffen, die vorher nicht da war. Ihr könnt Euch gedanklich dort hinbegeben, Ihr könntet Tiere erfinden, die auf dieser Wiese spielen, oder Kinder, die sich gegenseitig fangen. Ihr könnt alles in Eurem Inneren erschaffen.«

»Unsere Tochter kann das nicht?«

»Nein. Deshalb kennt sie nicht den Genuss des Lachens oder die Freude eines Sonnenstrahls. Sie weiß nichts damit anzufangen. Ihr Innerstes ist tot.«

Erschüttert über diese Botschaft sank die Königin in die Arme ihres Mannes und weinte bitterlich.

»Was können wir dagegen tun?«, fragte der König.

»Ihr müsst den Funken in ihrem Herzen entzünden. Ohne die Fantasie wird Eure Tochter wie eine trostlose Landschaft sein. Sie wird wachsen, aber sie wird nicht gedeihen. Es wird sich keine Freude in ihr zeigen, keine Liebe. Sie wird ihre Umwelt wahrnehmen, aber nichts davon spüren, und irgendwann wird sich ihr Herz verfinstern – und sie wird sterben.«

»Wie können wir den Funken entzünden?«, fragte der König.

»Ihr müsst …«

Casaju hielt inne, der Füllfederhalter schwebte über dem Papier. Er sah auf seine fein geschwungene Schrift und wie sie sich vor seinen Augen verselbstständigte. Die nächsten Worte formten sich ohne sein Zutun:

»Ihr müsst ins Tal der Feuerdrachen.«

Casaju zischte und legte den Füller zur Seite, als wäre er ein brennender Stab, der ihm die Haut versengte. Sofort hielt auch die Tinte auf dem Papier inne.

Feuerdrachen?

Die stärksten und prächtigsten Wesen, die je von den Masali erfunden worden waren – aber auch die gefährlichsten.

Es wäre Casaju nie in den Sinn gekommen, über sie zu schreiben. Das hatten andere Masali vor ihm versucht und sie waren kläglich gescheitert. Aber manchmal entwickelten Geschichten ein Eigenleben, ohne dass der Autor noch einwirken konnte. Sie schrieben sich quasi von selbst. Casaju blieb nur abzuwarten und zuzusehen, wohin die Erzählung gehen wollte.

Casaju starrte auf den letzten Satz, der eben erschienen war, und ließ die Worte auf sich wirken. Er hatte schon bei der ersten Idee zu dieser Geschichte geahnt, dass sie mächtig werden würde, denn sie hatte ihn sprichwörtlich beim Abendessen überfallen und nicht mehr losgelassen. Er hatte sogar vorzeitig aufstehen und den Raum verlassen müssen, nur um sich an seinen Schreibtisch zu setzen und die ersten Sätze zu verfassen.

Die anderen Masali verstanden es, denn ihnen erging es ähnlich. Ares zum Beispiel empfing seine Geschichten meist mitten in der Nacht, weshalb er tagsüber oft nicht ansprechbar war und ständig beim Essen einschlief. Izrail schrieb am liebsten in den frühen Morgenstunden, Isa fast nur in der Bibliothek, Anantha gerne in ihrer Kammer; Cyrus und Salome liebten den Abend. Jeder von ihnen hatte seine eigene Methode, um kreativ zu sein.

Casaju trommelte mit den Fingerkuppen auf den hölzernen Tisch, der an jenen Stellen, an denen seine Unterarme auflagen, stark abgenutzt war. Unzählige Stunden hatte er hier schon gesessen und geschrieben.

Er liebte dieses Leben, er liebte es, ein Masali zu sein und das zu tun, wofür er bestimmt war; aber heute schwankte er, denn sollte er diese Idee weiterverfolgen, würden die Feuerdrachen auch ein Teil von ihm werden. Jeder Autor nahm etwas von seiner Geschichte an und umgekehrt. Die Drachen könnten ihn fortan in seinen Träumen besuchen oder an seinen Augenwinkeln vorbeihuschen, wenn er nicht damit rechnete. Masali waren schon verrückt geworden, weil sie die Macht der Fantasie nicht ertrugen. Jeder Schreiber gab einen Teil von sich selbst in die Geschichte und jedes Ende war wie ein kleiner Tod, den sie alle sterben mussten.

Und dann war da noch das zweite Risiko: Nicht nur Casaju musste aufpassen, auch für die Märchenwelt Abalion selbst bestand Gefahr.

Sie wuchs durch die Geschichten der Masali. Durch ihre Erzählungen entstanden neue Flüsse, Länder, Berge. Casaju würde den Feuerdrachen dort mehr Raum verschaffen, er würde sie mächtiger machen, sie würden das Leben der anderen Wesen beeinflussen. Auf positive und auf negative Art. Casaju musste diese neue Idee also erst mit den anderen besprechen, er brauchte eine …

Die Kerze auf seinem Tisch flackerte. Casaju blickte auf und erschrak, als er feststellte, dass sie bis auf den Stummel herabgebrannt war.

Er kam zu spät zur Zeremonie!

Rasch sammelte er seine Sachen ein, stellte den Füller in das dafür vorgesehene Gefäß, rollte die Geschichte um die Königstochter zusammen und legte sie behutsam zurück in das Regal. Eigentlich musste er sich noch waschen, das Hemd wechseln, die Schuhe putzen, sich ordentlich frisieren, aber dazu war keine Zeit mehr. Er griff seine schwere Lederjacke vom Haken an der Wand, fuhr sich einmal durch die Haare und band den Zopf neu. Casaju blickte sich im Zimmer um, ob er nichts vergessen hatte, dann nahm er das Messer, das auf dem Tisch lag und für das Ritual benötigt wurde, und verließ die Kammer.

Er eilte durch den langen Flur, seine Stiefel hallten laut auf dem Steinboden. Die Fackeln flackerten, als er an ihnen vorbeifegte. Isa hasste es, wenn jemand im Kloster rannte, es brachte zu viel Unruhe, aber manchmal war es eben notwendig. Abgesehen davon genoss Casaju die Bewegung, seine Glieder waren steif vom langen Sitzen.

»Casaju!«, rief Kaia plötzlich hinter ihm.

Er verlangsamte und drehte sich herum. Sie rannte ihm schwer atmend entgegen, wirkte ebenso gehetzt wie er. Wie immer, wenn er sie sah, schoss ihm kurz die Hitze in die Wangen, aber er ignorierte es.

»Du bist auch zu spät«, sagte er. Kaia war heute die Hauptperson! Das Ritual wurde nur für sie veranstaltet.

»Ich habe mein Messer in der Kammer liegen lassen und musste ihn holen.« Sie tippte auf die Tasche in ihrer Kutte. »Isa wird platzen vor Zorn.«

»Ach was! Solche Dinge passieren. Das liegt an der Aufregung.«

Kaia schnaufte und rang sich ein Lächeln ab. Das heute war ihr Debüt und er wusste, wie nervenaufreibend dies für jeden Masali war.

»Komm«, sagte er ruhig und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Er schätzte Kaia sehr. Sie war erst vor zehn Jahren ins Kloster gekommen, sie brauchte noch viel Führung, und aus irgendeinem Grund hatte sie diese von Anfang an bei ihm gesucht. Mittlerweile war sie so etwas wie sein Schützling geworden.

Äußerlich waren sie ungefähr im gleichen Alter. Sobald sich ein Mensch den Masali anschloss, wurde er unsterblich, zumindest solange er hierblieb. Bei Casaju war es anders. Er war im Kloster groß geworden und seit er die Reife eines Erwachsenen erlangt hatte, blickte ihm jeden Morgen das gleiche jugendliche Gesicht aus dem Spiegel entgegen. Er bekam keine Falten oder grauen Haare. Zum Glück.

»Warte«, sagte Kaia plötzlich.

Er hielt an. »Was ist?«

Sie fuhr sich über den Magen und wurde weiß im Gesicht.

»Musst du dich übergeben?«

»Nein, aber ich werde gleich sterben.«

»Das wirst du nicht.«

»Doch! Ich spüre es! Ich habe Atemnot und … und mein Herz rast. Hier!« Sie griff nach seiner Hand und presste sie platt auf ihre Brust. Er errötete augenblicklich, aber zum Glück bemerkte sie es nicht. »Und da, meine Hände! Sie sind eiskalt.«

Casaju lächelte, zog sich zurück und nahm – statt ihres Herzens – ihre Finger in seine. »Das nennt man Aufregung, es ist völlig normal. Als ich meine erste Geschichte hinausgeschickt habe, ging es mir ähnlich. Ich konnte tagelang nicht schlafen und litt unter entsetzlichen Magenkrämpfen.« Mittlerweile war Casajus Erzählung von der armen Tochter, die bei ihrer bösen Schwiegermutter leben musste, weit verbreitet. Wie er kürzlich hörte, hatten die Menschen schon begonnen, sie umzuschreiben und zu ergänzen. Aschenputtel, Aschenbrödel – oder in China: Yeh-Shen.

»Hast du gezittert?«, fragte Kaia.

»Oh ja.«

»Und … Durchfall?«

»Auch das.«

»Ich habe unkontrollierte Schweißausbrüche.«

»Ich weiß. Du kannst nichts essen, und falls du es doch tust, dann brauchst du sofort eine Möglichkeit der Erleichterung. Dich plagen die schrecklichsten Gedanken und Versagensängste. In der einen Stunde glaubst du, dass du ein Genie und die beste Schreiberin der Welt bist, in der nächsten willst du am liebsten alles hinwerfen und nie wieder den Füller anfassen.«

»Jaaa«, sagte Kaia mit der Inbrunst der Verzweiflung.

»Das ist normal.«

»Wird es denn besser?«

Casaju atmete tief durch und überlegte lange, ehe er antwortete: »Ich fürchte nicht. Tut mir leid.«

Sie fasste sich an die Stirn und schüttelte den Kopf. »Wie soll ich das nur durchstehen?«

»So wie wir alle: mit Unterstützung. Du bist nicht allein. Also, komm nun.«

Kaia seufzte, folgte ihm aber schließlich.

Während sie gingen, blickte Casaju durch eines der zahllosen Fenster, die in den Innenhof zeigten. Dort stand ein prächtiger Baum, der das ganze Jahr über Blätter trug. Seine Rinde war überzogen von einer grünen kristallinen Schicht. Er bildete die Grenze zwischen der realen und der Märchenwelt. Viele Masali saßen gerne in seinem Schatten und holten sich dort Inspiration. Besonders Kaia.

Sie bogen um eine Ecke, gelangten an eine Steintreppe und folgten ihr nach unten. Die Stufen waren zum Teil ausgetreten von den unzähligen Füßen, die seit Jahrhunderten über sie gelaufen waren. Casaju nahm die letzte und trat in den heiligen Tempel unterhalb des Baumes.

In die Wiege der Fantasie.

Jenen Ort, von dem aus alle Geschichten in die Welt der Menschen entlassen wurden.

Casaju war oft hier gewesen, ob als Hauptperson oder zur Unterstützung von einem der anderen sieben Mönche. Dennoch verschlug es ihm jedes Mal von Neuem den Atem. Kerzen waren überall aufgestellt, sodass die Schatten und Lichter ihre eigenen Figuren in jede Ecke warfen.

Die Wände waren mit den Wurzeln des Baumes überwuchert, niemand konnte sagen, wo sie aufhörten oder anfingen. Die Natur vermischte ihren Zauber mit der Märchen- und der realen Welt. Es war pure Magie. Mit der Zeit hatten sich diese Gewächse verändert. Blüten rankten aus Ästen, an anderen hingen fremde Früchte, die es nur in Abalion gab. Die Masali durften manche von ihnen pflücken und für ihre Zwecke verwenden, doch es waren auch viele verboten worden.

»Was, wenn Moon meine Geschichte ablehnt?«, fragte Kaia, als sie die anderen Mönche erblickte, die bereits auf sie warteten.

»Warum sollte sie? Sie ist gut.«

»Woher weiß ich das? Vielleicht empfinde nur ich es so.«

»Vertraue auf dich. Du hast diese Geschichte aus voller Leidenschaft niedergeschrieben. So etwas passiert nicht, wenn sie schlecht ist.«

Natürlich versandeten Ideen auch und wurden nie zu Ende geführt. Die Spreu trennte sich bereits am Anfang vom Weizen. Es war wichtig und gut, denn nur die stärksten Geschichten durften in die Welt der Menschen gelangen.

»Und nun genug mit den Zweifeln. Lass uns dein Werk in die Welt entlassen.« Casaju klopfte Kaia auf die Schulter und lief mit ihr bis zum Zentrum weiter. Die anderen sechs Mönche waren bereit und warteten geduldig. Jeder konnte Kaias Situation nachempfinden. Sie alle hatten das Gleiche durchmachen müssen. Casaju grüßte alle Anwesenden der Reihe nach, erst die Frauen – Anantha, Salome, Isa –, dann die Männer: Ares, Cyrus, Irzail. Isa war die Älteste und unter anderem Erschafferin einer wundervollen und mächtigen Erzählung: dem Rumpenstünzchen. Ihre Geschichte war legendär und mehrere Tausend Jahre auf der Erde. Jeder verehrte Isa, daher wurde auch ihr die Ehre zuteil, die Zeremonie zu leiten.

Casaju trat in den Kreis zu den anderen und sah auf den Brunnen, der in der Mitte eingelassen war. Darin blubberte eine grüne Flüssigkeit. Sie diente als Verbindungsstoff nach Abalion, genau wie die unzähligen Schriftzeichen auf dem Boden, die sich in den Wänden fortsetzten. Sie symbolisierten alle bisher veröffentlichten Geschichten und waren in der ursprünglichen Schrift der Masali notiert. Heute verwendeten sie diese nur noch in Ausnahmefällen, da es eine sehr detaillierte Bildschrift war und es lange dauerte, ein Symbol niederzuschreiben.

Kaia atmete tief durch, trat nach vorne und zog ihre Geschichte aus der Kutte. Sie hatte sie zusammengerollt und mit dem traditionellen Siegel der Masali – dem Baum, der draußen im Hof wuchs – verschlossen. Mit zitternden Händen ging Kaia in die Hocke und legte die Papierrolle auf die Flüssigkeit. Sie schwamm bis zur Mitte und verharrte dort.

»Hast du einen Titel für das Märchen?«, fragte Isa.

Der Titel war mit das Wichtigste. Erst wenn er ausgesprochen wurde, erwachte die Geschichte und war bereit, den nächsten Schritt zu gehen.

»Der Froschkönig und die Prinzessin«, sagte Kaia und erhob sich.

Alle Anwesenden wiederholten die Worte wie aus einem Mund. Casaju bekam Gänsehaut.

Natürlich würden die Menschen über die Zeit ihre eigenen Bezeichnungen wählen, was in Ordnung war. Solange es diesen einen Titel im Original gab, behielt die Geschichte ihre Macht.

Kaia begab sich zurück in den Kreis zu den anderen. Seit sie im Kloster lebte, war die Einheit der acht komplett. Nun waren sie vier Frauen und vier Männer und konnten gemeinsam viele fruchtbare Märchen schreiben.

»Brüder und Schwestern«, fing Isa an: »Es freut mich außerordentlich, dass wir heute erneut eine wundervolle Geschichte in die Hände der Menschen entlassen dürfen. Kaia hat mit ihrem Debüt mehr als überzeugt. Ich gratuliere von Herzen.« Sie verneigte sich, Kaia tat es ihr gleich.

»Die Sterne stehen heute sehr gut. Ich fühle, dass deine Erzählung eine der Großen werden wird.« Isa hob die Arme und sagte die alten Worte, die seit Anbeginn der Sprache in den Herzen aller Menschen wohnten und alle Erzählungen einläuteten:

»Es war einmal …«

Ein Windhauch streifte die Anwesenden und fuhr unter ihre Kleidung. Die Wurzeln an den Wänden bewegten sich, das Licht der Kerzen ringsum flackerte. Casaju hob ebenfalls die Arme, genau wie seine Brüder und Schwestern.

»Moon von Abalion, Hüterin der inneren Welt, ich bitte um deine Aufwartung«, sagte Isa schließlich. Die grüne Flüssigkeit im Becken blubberte stärker. Sie schwappte über den Rand und lief in die alten Schriftzeichen auf dem Boden. Jedes einzelne leuchtete auf, als es davon berührt wurde, und schon bald flammte die Schrift um die Mönche und hüllte sie in einen grünen Schein.

Die Farbe der Fantasie.

Ein leichtes Beben verriet, dass Moon sie gehört hatte. Casajus Fußsohlen kitzelten, die Vibration stieg seine Beine nach oben bis in sein Herz. Das hier war seine Bestimmung. Er war ein Masali. Ein Hüter der Fantasie. Und er war mehr als stolz darauf.

»Ich höre, Isa aus Nubra«, erklang eine sanfte weibliche Stimme. Sie kam von überall her, erfüllte den gesamten Tempel mit reiner Energie.

»Wir haben entschieden. Eine neue Geschichte ist geboren, sei ihre Wächterin, bis sie sich in den Herzen der Menschen ausgebreitet hat. Begleite sie auf ihrem Weg durch Abalion hinauf in die höchste Ebene und nimm dich der Wesen an, die bei dem Prozess des Schreibens verloren gegangen sind.«

Isa nickte Kaia zu. Diese löste sich aus dem Kreis und trat nach innen, wo ihre Geschichte weiterhin in der Flüssigkeit schwamm. Dann griff sie in ihren Umhang und holte das Messer heraus, für das sie vorhin zurückgelaufen war. Ohne Zögern schnitt sie sich in die Hand und ließ das Blut ins Becken tropfen.

»Ich bin Kaia aus dem Volke der Masali. Ich bin hier mit meinen Brüdern und Schwestern. Ich bin Urheberin dieser Geschichte und ich übergebe sie der Welt und all ihren Wesen. Möge sie viel Freude und Inspiration bringen, möge sie durch schwere Zeiten helfen und die Herzen erheitern, die erfüllt mit Traurigkeit sind. Mein Blut und meine Seele für die Fantasie. Für immer.«

Das Blut sickerte in die Schriftrolle. Die alten Zeichen auf dem Boden flammten auf, explodierten nach oben und aus ihrem Licht formten sich zwei Gestalten.

Zentauren.

Die Begleiter Moons. Casaju wäre beim ersten Mal vor Angst fast geflohen, doch mittlerweile hatte er sich an diesen Auftritt gewöhnt.

Die Zentauren kamen näher, ihre bulligen Pferdeleiber traten aus dem gleißenden Licht, in ihren langen Haaren verfingen sich Nebeltropfen. Sie hatten kantige, bärtige Gesichter, wache Augen, die so eindringlich waren, dass ihnen kaum ein Mensch standhalten konnte. Ihre menschlichen Oberkörper waren durchzogen von Muskeln und Sehnen. An ihren Hüften trugen sie schwere Schwerter, auf deren Schneiden ebenfalls der Baum eingraviert war.

Ihnen folgte schließlich Moon. Das mächtigste Wesen in Abalion.

Sie schritt aus dem Lichtkegel und trat in die Mitte der Masali. Moon besaß ein wunderschönes Antlitz. Wenn sie erschien, schwiegen alle, denn sie zog mit ihrer Präsenz sämtliche Aufmerksamkeit auf sich. Sie trug einen schweren Umhang, der mit Silberfäden durchwoben war. Ihre blasse Haut hob sich kaum von dem Stoff ab, genau wie ihre silbernen Haare. An ihrem Hals hing eine Kette mit einem prächtigen Mondstein. Er war strahlend weiß und leuchtete genauso hell wie der Trabant am Himmel.

Casaju erstarrte jedes Mal in Ehrfurcht, wenn er sie sah.

Moon blickte zu Kaia und ging langsam auf sie zu. Kaia kämpfte mit ihrer Furcht, obwohl sie Moon schon vorher gesehen hatte.

»Ich grüße dich, Kaia«, sagte Moon sanft.

Statt zu antworten, zitterte Kaia nur und schluckte.

Moon hielt die Hand über Kaias Schriftrolle und schloss die Augen. Die grüne Flüssigkeit schimmerte heller, die Oberfläche schlug Blasen. Auch Moon veränderte sich. Ihre silbernen Haare wurden kürzer, von einer Seite zog ein Schatten über sie. Moon wechselte durch ihre verschiedenen Phasen, vom vollen Mond zum Viertel-, zum Halb-, zum anderen Viertel- bis hin zum Neumond. Nun sah sie völlig anders aus, hatte anstatt der silbernen Haare braune und ihre Haut war eine Nuance dunkler, menschlicher.

Sie ließ sich Zeit beim Lesen der Geschichte. Die Masali hatten schon Stunden hier gestanden, um dann zu erfahren, dass Moon eine Erzählung ablehnte.

Doch dieses Mal zog sie ihr Fazit rasch und verneigte sich vor Kaia. »Sie ist großartig geworden.«

Kaia atmete vor Erleichterung aus und gestattete sich zum ersten Mal ein freudiges Lächeln. »Ich danke Euch.«

Moon schnippte mit den Fingern und erschuf so eine filigrane silberne Halskette mit einer kleinen Mondsichel als Anhänger. Jeder Masali bekam eine, wenn er sein Debüt vollendet hatte. Kaia nahm die Kette dankbar an und zog sie voller Stolz über ihren Kopf.

»Du hast sehr gute Arbeit geleistet«, sagte Moon. Ihre Stimme klang sanft und beruhigend. »Ich hoffe, ich höre bald wieder von dir.«

»Ganz gewiss. Ich habe schon eine neue Idee, über einen Kater, der Stiefel …«

Moon hob die Hand und schüttelte den Kopf. »Behalte sie noch für dich, Kind. Erst wenn die Zeit gekommen ist, wirst du sie mit mir teilen.«

»Natürlich. Entschuldigt.« Kaia verschränkte die Hände vor dem Bauch, ihre Wangen färbten sich rot und sie blickte beschämt zu Boden.

Casaju schmunzelte. Sie war jung und ehrgeizig, sie würde lernen, sich zu zügeln.

»Bitte«, sagte Moon. »Fahrt fort.«

Nun trat Ares nach vorne und zückte eine Schreibfeder. Sie war aus einem alten Knochen geschnitzt und mit einem Mondstein besetzt. Diese Feder war das Schreibwerkzeug, mit dem die ersten Worte in diesem Kloster geschrieben worden waren. Mittlerweile wurde sie nur noch für dieses Ritual verwendet.

Ares schob die Ärmel seiner Kutte nach oben und kniete sich seitlich an das Becken. Er lebte, neben Isa, am längsten im Tempel. Ares war ein gut aussehender Mann, mit gebräunter Haut und dunkelblonden Haaren. Er war die meiste Zeit bestens gelaunt, außer wenn er Hunger hatte. Dann war er ungenießbar.

Er beugte sich nach vorne und setzte die Feder am Boden auf. Die Tinte sickerte in den Untergrund und hinterließ einen ersten grünen, glitzernden Strich. Ares arbeitete konzentriert und ruhig. Er hatte eine wundervolle Handschrift, weshalb ihm auch stets diese Aufgabe zufiel.

Ab jetzt wäre die Geschichte Teil der Menschenwelt und könnte dort wachsen und gedeihen.

Als Ares fertig war, stand er auf und begutachtete das Symbol, das er erschaffen hatte:

Das Zeichen für Kaias Geschichte. Es würde sie stärken.

Moon nickte allen Anwesenden zu, nahm die Schriftrolle an sich und verschwand in dem Leuchtkegel, aus dem sie gekommen war. Die Zentauren folgten ihr auf gleichem Wege, bis sie alle in Abalion verschwunden waren.

Es war vorüber.

Der Froschkönig war geboren und mit ihm war auch Abalion ein Stück gewachsen.

Kaia atmete vor Erleichterung aus und drehte sich zu Casaju. Er lächelte ihr zu, wollte sagen, wie stolz er auf sie war, doch da warf sie sich ihm in die Arme und drückte ihn fest an sich. Ein Raunen ging durch die Menge, ein derartiges Verhalten war nicht üblich. Im Kloster herrschte ein strenges Zölibat.

Casaju lachte, erwiderte die Umarmung und genoss es, wie sich ihr Körper gegen seinen schmiegte. Schwärmen war schließlich nicht verboten. Sie löste die Verbindung zuerst und lief rot an, als sie merkte, was sie eben getan hatte. »Entschuldigung.«

»Dafür besteht kein Grund. Wir werden gleich feiern, aber ich muss erst mit Isa sprechen.«

»Ist gut.« Sie schenkte ihm ein zurückhaltendes Lächeln und schloss sich den anderen an, die bereits zurück nach oben liefen.

Isa gesellte sich zu Casaju. Das Licht der Kerzen schimmerte auf ihrem kahl geschorenen Kopf.

»Was brauchst du?«, fragte sie, als die anderen weg waren.

»Ich habe eine Idee für eine neue Geschichte empfangen, aber ich bin unschlüssig.«

»Worum soll es gehen?«

»Um eine Königstochter, die ohne Fantasie geboren wird. Sie kann nicht lächeln, keine Freude empfinden, niemand weiß dem Mädchen zu helfen. Die Eltern sind verzweifelt und rufen das ganze Land auf. Ohne Erfolg. Das Mädchen wird erwachsen, und eines Tages kommt ein Fremder an den Hof und schlägt die Lösung vor.«

»Natürlich wird er sich in die Tochter verlieben und sie retten?«

»Sehr wahrscheinlich.«

»Das klingt nach einer wunderschönen Liebesgeschichte.«

»Ja, aber ich bin unsicher.«

»Warum?«

»Wegen der Lösung, wie ich der Tochter die Fantasie zurückgeben kann. Die Geschichte selbst hat sie mir vorgeschlagen: Ich soll Feuerdrachen ins Spiel bringen!«

Isa sog die Luft durch die Zähne. »Das ist mutig.«

»Ich weiß. Es war auch nicht meine Idee.«

»Oh, du hast einen Selbstläufer gefunden?«

So nannten die Masali die Erzählungen, die sich von allein schreiben wollten.

»Es sieht so aus. Hattest du schon mal einen?«

»In all den Jahren erst zwei: Dornröschen und Schneewittchen.«

»Beides große Geschichten.«

»Ja, aber es hat mich viel gekostet, sie zu schreiben. Ich habe für Dornröschen fast zwei Jahrhunderte gebraucht und dabei sehr mächtige Wesen erschaffen. Die dreizehnte Fee hätte ich fast nicht bändigen können, weil sie sich ständig gesträubt hat.«

»Wie hast du es geschafft?«

»Mit Ausdauer und Konzentration. Das ist der einzige Weg, Selbstläufer in den Griff zu bekommen. Erzähl mir mehr von den Drachen.«

»Ich muss nur die Augen schließen, schon sehe ich sie vor mir: Sie sind mit Glasschuppen bedeckt, die die Sonne einfangen und an jeden weitergeben, der ein offenes Herz hat. Der Fremde würde die Tochter zu ihnen bringen. Natürlich würden sie auf dem Weg viele Abenteuer erleben, bis sie es schließlich schafften. Das Mädchen muss eine der Schuppen berühren, das erweckt die Fantasie in ihrem Herzen. Die beiden heiraten und leben glücklich bis an ihr Lebensende.«

»Aber warum sollten die Drachen dem Mädchen helfen?«

»Weil sie gütig sind?«

Isa schmunzelte. »Wenn du es schaffst, einen Drachen so weit zu bringen, dass er anderen hilft, stehe ich voll und ganz hinter dir. Du wärst der Erste, der eines dieser Wesen bändigen kann.«

»Mh«, machte er nachdenklich. »Denkst du, ich nehme mir zu viel vor?«

»Nein, ich denke, du wirst an dieser Herausforderung wachsen, aber erwarte nicht, dass es in den nächsten hundert Jahren geschieht. Ich fürchte, dass diese Geschichte dich sehr lange begleiten wird. Doch wenn sie jemand schreiben kann, dann du. Von uns allen bist du der Begabteste.«

»Das stimmt nicht.«

»Oh doch.« Isa zwinkerte ihm zu. »Du kannst deine Herkunft nicht leugnen.«

»Das will ich auch gar nicht, aber ich will nichts Besonderes sein.«

Isa lachte leise. »Wir suchen uns unser Blut nicht aus. Sei stolz auf deines. Dein Vater und deine Mutter brachten viel Sonne in dieses Kloster, sie haben dich sehr geliebt.«

Casaju seufzte. Er dachte oft an seine Eltern Meesa und Jakob, auch wenn er sich natürlich nicht an sie erinnern konnte, denn sie waren noch vor seiner eigentlichen Geburt gestorben. Der Verstoß gegen das Zölibat hatte beide wahnsinnig werden lassen. Es war ein Wunder, dass Casaju überhaupt lebte. Ares hatte ihn als Säugling aus dem toten Leib seiner Mutter schneiden müssen und es tatsächlich geschafft, ihn am Leben zu halten.

Diese Sache war ein unerschütterlicher Beweis dafür, dass das Zölibat eingehalten werden musste.

»Schreib die Geschichte«, sagte Isa erneut. »Aber nicht in deiner Kammer, sondern in der Bibliothek. Im geschützten Bereich.«

»Auf keinen Fall!« Isa wusste, wie sehr er den Ort hasste, dort waren seine Eltern gestorben!

»Eines Tages musst du das hinter dir lassen«, sagte Isa. »Du bist ein Masali, du brauchst die Energie der alten Bücher.«

»Wer sagt das?«

»Ich weiß es. Schließe deinen Frieden und nimm die alte Magie an. Sie wird deine Geschichten weiter beflügeln, du wirst es sehen. Außerdem ist das der einzige Weg, wie du über die Drachen schreiben kannst. Moon wird die Entstehung der Geschichte mitverfolgen und eingreifen können, falls sie zu mächtig wird.«

Isa hatte vollkommen recht. Casaju sollte sich nicht dagegen sträuben, aber allein bei dem Gedanken daran, in die Bibliothek zu gehen, zog sich alles in ihm zusammen.

»Es ist meine Bedingung. Wenn du in deiner Geschichte Feuerdrachen verwenden willst, dann wirst du sie dort schreiben. Überlege es dir.« Isa lächelte ihn an und lief Richtung Treppe. Sie wusste, dass er nicht überlegen konnte, denn die Geschichte um die Königstochter hatte ihn bereits in Beschlag genommen. Er würde ihr nicht entkommen können, und je mehr er sich dagegen wehrte, umso intensiver würde sie ihn nerven. »Aber nicht mehr heute. Es ist Kaias Nacht, lass sie uns feiern.«

Casaju warf einen letzten Blick auf den Tempel und das Becken, in das sie eben Kaias Geschichte entlassen hatten.

Er war neugierig, welche wohl die nächste sein würde, die ihren Weg nach Abalion fand …

Kapitel 2

Neuseeland, 19.07 Uhr

Kristin

»Und?« Der Barkeeper stellte mir den nächsten Drink hin. »Was ist deine Geschichte?«

Ich sah auf den kristallbraunen Inhalt, von dem ich definitiv einen zu viel gekippt hatte, nahm das Glas zwischen die Finger und schwenkte es hin und her, bis die Eiswürfel klirrten. Mein Schädel pochte dumpf, der Alkohol wärmte meinen Bauch, meine Eingeweide und mein Blut.

»Wie meinst du das?«, fragte ich und nahm einen Schluck. Der Scotch brannte in meinem Rachen, aber ich zwang mich, ihn hinunterzuschlucken.

»Jeder, der so viel in sich hineinschüttet, hat eine Geschichte«, sagte er und lehnte sich über den Tresen.

Anscheinend glaubte er wirklich, dass ich darüber sprechen wollte, dass ich ihm mein Herz ausschütten musste. Klar doch.

»Lass deinen Barkeeper-ich-mach-einen-auf-Freund-Mist stecken und mich in Frieden.« Ich kippte den Drink und deutete auf die Flasche, die er in der Hand hielt.

Er hob die buschigen Augenbrauen und runzelte seine Stirn in unzählige Falten. Er war ein hagerer Mann, der im Grunde recht vertrauensselig wirkte: wettergegerbte Haut, graue Haare, zotteliger Bart, die Augen voller Lebensfreude, aber auch einer leichten Melancholie. Als liebte er, was er tat – und gleichzeitig ging es ihm schrecklich auf den Keks. Seine Hände waren rau vom Arbeiten, an den Armen hatte er Brandnarben; von einem Ofen möglicherweise. Vielleicht backte er zu viel Pizza.

Ich blickte auf den Unterleger, den er mir für meinen Drink gegeben hatte: Conrads-Bar. Ein einfacher Name für eine einfache Spelunke.

Als ich reingekommen war, hatte ich gar nicht darauf geachtet, so wie ich auf gar nichts geachtet hatte, seit ich in Neuseeland gelandet war. Ich wusste nicht mal, wie dieses gottverdammte Kaff hieß!

Ich schloss die Augen. Sofort flirrte Daniels Nachricht vor mir, die er mir kurz vor der Abreise geschickt hatte:

»Ich liebe dich, Kris, und ich freue mich wahnsinnig auf die kommenden fünf Wochen mit dir. Neuseeland! Das wird unsere Zeit, Baby. Du und ich. Zusammen. Wir werden die Welt erobern.«

Dummes Arschloch!

»Was ist nun?«, zischte ich und zeigte auf die Flasche. Der Barkeeper goss mir widerstrebend nach. Nett, wenn er sich Sorgen machte, aber ich war volljährig, konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich könnte mir sogar einen Typen von der Straße aufreißen und die Nacht meines Lebens mit ihm haben, denn: ICH BIN WIEDER SINGLE!

Ich nahm einen weiteren Schluck und dachte an Daniel. Was ein Fehler war, denn sofort flatterten mir zig Methoden durch den Kopf, wie ich dafür sorgen konnte, dass er seinen kleinen verschrumpelten Mini-Daniel in keine andere Frau mehr stecken würde.

Wie konnte ich nur so dumm sein und auch nur eines der Worte glauben, die je seinen Mund verlassen hatten?

»Deshalb hasse ich es, Nachrichten von Freunden zu lesen«, sagte ich.

Der Barkeeper sah mich stirnrunzelnd an.

»Weil sie alle lügen und denken, sie könnten damit durchkommen.«

»Verstehe.«

»Nein, tust du nicht. Du hast keine Ahnung, wovon ich spreche.«

»Du könntest es mir erklären.«

»Männer sind Idioten.«

»Mitunter, ja.«

Ich stellte das Glas ab und funkelte ihn wagemutig an. »Noch einen.«

»Das ist dein siebter.«

»Und? Ich kann bezahlen.« Ich legte meine Brieftasche auf den Tresen. Er warf nur einen kurzen Blick darauf.

»Was ist nun?«, fragte ich und zeigte auf die Flasche.

Er schüttelte den Kopf und nahm mir das Glas weg. Allerdings ohne mir ein frisches hinzustellen.

»Bist du eigentlich Conrad?«

»Ja.«

»Dann ist das dein Laden?«

»So ist es. Hab mir ’nen kleinen Traum erfüllt, als ich ihn eröffnet habe. Ich war früher Schmied und wohne oben in den Bergen, aber ich denke darüber nach, in die Stadt zu ziehen.«

»In welche Stadt?«

»Na, in diese.«

Ah! Stadt nannte man das hier also.

»Außerdem habe ich Rheuma und kann sowieso nicht mehr richtig arbeiten.«

Ich drehte den Unterleger zwischen meinen Fingern hin und her und sah mich in der Kneipe um. Außer mir saß noch ein Mann hinten am Fenster. Ich erkannte sein Gesicht nicht, weil er nach draußen blickte. Vor ihm auf dem Tisch lag ein offenes Notizbuch, daneben ein antiker Füller.

»Ist’n Autor«, sagte Conrad, als er bemerkte, dass ich den Typ musterte. »Der kommt her, um zu schreiben und abzuschalten.«

»Hm«, machte ich und studierte ihn weiter. Er trug ein schwarzes Langarmshirt, unter dem sich ein straffer Bizeps wölbte. Also war er schon mal keiner der Schreiber, die sich voll und ganz auf ihre Kunst fixierten. Die schweren Boots verrieten eine Leidenschaft fürs Wandern, zumal sie mit Staub und Dreck bedeckt waren. Vor ihm auf dem leeren Stuhl warteten ein großer Rucksack und eine warme Jacke. Leider sah ich sein Gesicht nicht, weil er vehement nach draußen blickte. Aber er hatte dunkle, ordentlich geschnittene Haare. Die Haut an seinem Nacken war leicht gebräunt, doch da in Neuseeland gerade Winter war und es seit Tagen regnete, hatte er die nicht von hier.

»Checkst du ihn ab?«, fragte Conrad.

»Ha!«, lachte ich ein wenig zu laut. »Erwischt! Jetzt gib mir endlich einen verdammten Drink.«

»Wie alt bist du?«

»Das fällt dir jetzt erst ein? So was musst du fragen, bevor du Alkohol ausschenkst.« Ich deutete auf meine leeren Hände und die Flasche Scotch auf den Tresen. »Aber falls es dich beruhigt: Ich bin zweiundzwanzig.«

Conrad nickte, nahm ein neues Glas und goss mir endlich ein.

»Vermisst du deine Arbeit als Schmied?«, fragte ich und kippte meinen Drink.

»Jeden einzelnen Tag. Und du? Wer ist der Kerl, der dir Nachrichten schreibt und dich in den Alkoholismus treibt?«

»Um darüber zu sprechen, bin ich noch lange nicht abgefüllt genug.« Ich hob wieder mein Glas. Conrad seufzte und schenkte mir abermals ein. Ich kippte es auf ex hinunter, stellte es ab und schüttelte mich, bis der Stoff unten war.

Auf einmal kribbelte es in meinem Nacken und ich spürte einen unangenehmen Sog in meinem Bauch. Das kannte ich eigentlich nur, wenn ich in eine Vision gezogen wurde oder an einer besonders schweren Bergpassage hing. Ich versteifte mich, weil es sich anfühlte, als stünde jemand hinter mir. In meinem Schädel pochte es dumpf. Womöglich hätte ich doch mit dem Alkohol langsamer machen sollen. Wirre Punkte schossen mir durch das Sichtfeld, als hätte ich zu lange in die Sonne gesehen. Der Sog in meinem Bauch nahm zu, es fühlte sich an, als würde ich vom Stuhl gezogen. Ich krallte mich an der Theke fest, bemerkte aus meinem Augenwinkel eine Bewegung, kurz darauf streifte mich ein kalter Luftzug und jemand wisperte leise und unklar. Ich schüttelte mich, sah zum Fenster.

Der Autor war weg, seine Sachen auch. Auf einmal hatte ich das unbändige Gefühl, als stünde er hinter mir, als würde er in diesem Moment die Finger nach mir ausstrecken und mich berühren wollen. Ich legte mir eine passende Antwort zurecht, um ihn abblitzen zu lassen, drehte mich um und … sah ins Leere.

Niemand da. Oh.

»War da eben …?«, fragte ich und wandte mich wieder an Conrad, der sich mittlerweile über die Kaffeemaschine hermachte und die Rohre abwischte. »Wo ist der Mann am Fenster hin?«

»Der Autor? Der ist seit zehn Minuten weg.«

»Was?« Ich hatte doch keine zehn Minuten an meinem Drink gesessen! Ich starrte in das leere Glas, als könnte ich dort eine Erklärung finden.

»Alles klar bei dir?«

Ich sah auf die letzten Tropfen Scotch und schwenkte sie hin und her. Die braune Flüssigkeit sammelte sich am Rand, lief wieder hinunter auf den Boden. Meine Augen fingen an zu brennen und das Pochen in meinem Kopf nahm noch mal zu. Ich setzte das leere Glas an die Lippen, um den letzten Schluck zu erwischen, dann funkelte ich Conrad herausfordernd an.

»Du hast wirklich genug«, sagte er.

»Kein Problem, ich gehe woanders hin. Die Kneipe zwei Straßen weiter sah sehr gut aus.« Ich wollte aufstehen, doch Conrad packte mich an der Hand. Seine Finger waren rau, aber warm. Und vertraut. Sie fühlten sich angenehm an. Als könnte er mir jeglichen Halt bieten, den ich benötigte.

Als wäre er mein Anker in der Dunkelheit.

Conrad ließ mich los und holte die Flasche. »Harry ist ein Abzocker.« Er goss mir tatsächlich nach, ich sah dem Scotch zu, wie er mein Glas füllte und gleich auch meinen Bauch. »Danach solltest du Schluss machen.«

Ich glitt zurück auf den Hocker und setzte das Glas an. »Oh nein, ich fange erst jetzt richtig an.«

»Dann hat der Arsch mir geschriiieben, dass er misch liebt. Verstehs’ du?«

»Ja«, sagte Conrad und polierte ein Glas.

Mir schwirrte der Schädel nun endgültig. Ich konnte kaum noch klar sehen, hatte jedwedes Körpergefühl verloren. Ich liebte diese Taubheit. Innen und außen. Meistens erlangte ich sie, wenn ich an einer Felswand ohne Seil hing, mich nur auf meine Finger und mein Geschick verlassen konnte, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Ich sollte in Neuseeland definitiv klettern gehen. Vielleicht sogar noch heute Abend?

Jaaa, das war eine tolle Idee. Hicks.

»Aber das ist doch gut, wenn er dir das schreibt, oder nicht? Wollt ihr Frauen das nicht gerne hören?«

»Nur, wenn er’s sooo gemeint häätte.«

»Er hat gelogen?«

Ich nickte.

»Woher weißt du das?«

Ich grinste und hickste noch mal. Dann blickte ich nach rechts und links und winkte ihn näher zu mir heran. »Das is’ aber ein Geheimnis, okay?«

»Ich kann schweigen wie ein Grab.«

Ich nickte und hatte alle Mühe, dass mein Kopf nicht auf den Tresen plumpste. »Isch kann zwischhen Zeilen lesen.«

»Bitte?«

»Isch kann …« Das war eindeutig schwerer zu formulieren, wenn man besoffen war. »Ich kann die Wahrheit in Texten lesen. Ich bekomme Visionen. So richtig kraaass.«

Conrad kniff die Augen zusammen. Ich war mir nicht sicher, ob er mir glaubte, doch er stellte das Glas ab und stützte die Ellbogen auf den Tresen. »Rede weiter.«

»Hier«, sagte ich und holte mein Handy aus der Tasche. Ich tippte auf das Display und suchte nach Daniels Nachricht, was mich geschlagene fünf Versuche kostete. »Siehst du, was er schreiibt.«

Conrad drehte das Handy herum. »Dass er dich liebt, ja.«

»Dass sstimmt aba nich!«

»Du hast außerdem zwanzig entgangene Anrufe von Daniel.«

»Ich weiß. Ignoriere es.«

»Und du hast ihm geantwortet: ›Du kannst mich mal! Vögel deine Shannon, bis dir der Schwanz abfault!‹ Wer ist Shannon?«

»Seine Ex. Mit der macht er rum. Jetzt weißß er, dass isch ihn erwiscch hab.«

»Wo erkennst du denn eine Lüge in seiner ersten Nachricht?«

Ich tippte gegen meine Stirn, weil es doch sonnenklar war! »Ich seehe ees. Zwischen den Zeilen, Mann.«

Ich wünschte, ich hätte es nicht gesehen, doch in dem Moment, als ich Daniels Worte las, wurde ich sofort in eine Vision gezogen. Ich entdeckte ihn. In seinem Auto. Shannon war bei ihm, oder eher: Ihr Mund war auf seinem besten Stück. Sie hatte ihm einen geblasen, während er mir schrieb, dass er sich auf den Urlaub mit mir freute!

»Ich verstehe es nicht«, sagte Conrad.

»Ich auch nich …« Warum hatte er das getan? Er hatte mir geschworen, über sie hinweg zu sein. Dass sie keinen Kontakt mehr hatten, dass sie ihm am Arsch vorbeiging. Ha! Genau. Ich wollte gar nicht wissen, was er mit ihrem Arsch machte.

»Wie kannst du zwischen den Zeilen lesen?«, hakte Conrad nach.

»Dasss ist … ich bin … ich kann das eben. Seit ich ein Kind bin. Da war ich krank. Meninggtiiss. Und dann konnte ich auf einmal Dinge in Texten lesen und alles war anders. Die Ärzte meinten, ich würde auf andere Areale meines Gehirns zu-zugreifen. Wie ’nen Autist, versteschst du?«

»Ich denke schon. Irgendwie.« Conrad kratzte sich am Hinterkopf, schien noch immer nicht zu begreifen, was ich ihm mitteilen wollte.

Es war ja auch schwer, und es war ein Geheimnis zwischen mir und meinem Bruder Brayden. Ich brummte missmutig und schob ihm eine Serviette hin. »Schreibbb was auf, egall was. Es musss aber eine Lüge sein und isch darff die Wahrheit nisch daraus erraten können. Also nisch so was wie: Es isss hell draußen.«

Erst verstand er anscheinend nicht, was ich meinte, doch dann zückte er einen Kuli und kritzelte auf die Serviette. Er drehte sie herum und ließ sie mich lesen: »Mein Sohn Colin lebt in New York City und ist Musicalstar am Broadway.«

Ich nickte und starrte auf die Worte. Es dauerte einen Hauch länger als üblich, bis es einsetzte, aber das war oft so, wenn ich betrunken war. Schließlich verschwand Conrads Gekritzel vor mir und in meinem Geist kamen Bilder hoch. Ich wurde in seine Worte gezogen, die sich vor mir umformten und die Wahrheit enthüllten: Conrad hatte eine Tochter namens Lyn, sie lebte nicht in New York, sondern war zurzeit in einem fernen Land mit dem Rucksack unterwegs. Leider sah ich nicht, in welchem, weil Conrad es selbst nicht genau wusste; Lyn liebte es zu reisen und suchte ihre Unabhängigkeit.

Das gab ich Conrad mehr oder weniger verständlich wieder. Als ich fertig war, zog er beeindruckt die Augenbrauen hoch.

»Unglaublich. Wie geht das?«

»Isss halt so. Geht mit jedem Text, auf den isch misch einlassse. Oh, und isch kann super Passsörter kacken … äh, knacken.« Nur bei Romanen war es anders, vermutlich, weil sie fiktiv waren. Statt mir die Wahrheit zu zeigen, startete in meinem Kopf ein Film über die Erzählung. Kino intern sozusagen. Am besten war es, wenn ich etwas in der Originalschrift las, aber kaum ein Autor verfasste seine Bücher heutzutage noch handschriftlich. Je öfter ein Text von anderen kopiert worden war, umso schwerer war es für mich, in die Vision zu finden.

Conrad kratzte sich am Hinterkopf. »Spürst du das? Körperlich? Hast du Beschwerden?«

»Isch bekomm oft Migräne.«

»Dann solltest du definitiv nicht so viel trinken.«

Ich funkelte ihn wütend an, aber er hatte natürlich recht. Das hier war dumm.

Und mir war übel.

Ich kniff in meinen Nasenrücken und drückte zu. Das Pochen, das ich vorhin schon gespürt hatte, war stärker geworden. Mein Körper brauchte eine Auszeit, genau wie mein Verstand.

Ich schnappte mir meine Tasche, kramte mein Portemonnaie heraus und legte einen Fünfziger auf den Tisch. »Hier, is’ für dich.«

»Nein, warte. Du gehst so auf keinen Fall raus.«

»Na, aber klar doch.«

»Es ist stockfinster. In deinem Zustand stürzt du die nächste Klippe runter und brichst dir das Genick.«

»Quaaark, isch bin Landesmeisrin im Freeclimbiiing, isch bin ’ne Gams.«

»Trotzdem. Oben sind zwei Gästezimmer, da kannst du deinen Rausch ausschlafen.«

»Nein.«

Ich stand auf und torkelte Richtung Ausgang, aber ich kam nicht weit. Conrad war mit wenigen Schritten bei mir, nahm mich an der Hüfte und bugsierte mich zurück auf den Stuhl. »Ich meine das ernst. Du gehst nirgendwohin.«

»Sei keinn Trotell! Isch hab dich eebn ins Herz geschosssn.«

Er sah mich eindringlich an und sein Blick ließ keinen Zweifel zu: Er würde mich hier festhalten.

»Und isch hab dir mein Geheimniss anvertrrauuut!« Hohlkopf.

»Ich habe diese Kneipe nicht eröffnet, um Menschen zu gefährden. Also los.«

Ich grummelte, doch Conrad nahm meinen Geldbeutel, den Fünfziger und packte alles in meine Tasche. »Alexis, komm«, sagte er und pfiff einmal.

Plötzlich sprang ein dunkler Hund hinter der Theke hervor. Er war groß und auf den ersten Blick sehr Furcht einflößend.

Ich zuckte zusammen, als er näher kam. Hunde hatten keine gelben Augen, oder?

»Ist das … das is’ ein Wolf?«

»Ja. Hab sie gefunden, als sie ein Welpe war, keine Angst, sie beißt nicht, aber sie wird auf dich aufpassen.«

»Isch prauche keinn Aufpasser.«

»Oh doch. Ich denke schon.«

Conrad führte mich quer durch die Kneipe und eine Treppe hinauf. Ich bekam nur noch am Rande mit, wie er das Licht im Gästezimmer anknipste, meine Tasche ablegte und auf das Bett zeigte.

Kaum sah ich es, lag ich auch schon drauf und schloss die Augen. Alles drehte sich, mein Kopf fuhr Karussell, genau wie meine Seele.

»Morgen sieht die Welt besser aus«, sagte Conrad, zog mir die Schuhe aus – glaubte ich zumindest – und überließ mich meinen Träumen.

Und meinem Rausch.

Der Tag danach. 13.25 Uhr.

»Ich tu’s nie wieder …!«

Das waren die ersten Worte, die mir durch den Kopf schwirrten, als ich die Augen aufschlug.

Mein Kopf hämmerte, als würde eine ganze Armee Elefanten hindurchmarschieren, mein Mund war so trocken, dass ich nicht einmal mehr schlucken konnte, und meine Augen hatte irgendwer mit Klebstoff zusammengekleistert.

Ich wollte mich bewegen, aber ich schaffte es nicht. Mein Körper war nicht mehr vorhanden, ich hatte mich in meine Bestandteile aufgelöst, hatte aufgehört zu existieren und – mir war kotzübel.

Irgendwie gelang es mir dann doch, die Beine aus dem Bett zu hieven und den Rest meines Körpers hinterher. Mit letzter Kraft schaffte ich es rüber ins Badezimmer, klappte den Klodeckel auf und übergab mich in die Toilette.

O Gott. Ich tue es wirklich nie wieder!

Ich würgte ein weiteres Mal, schalt mich innerlich für meinen Absturz und hoffte, dass es bald vorbei war.

Warum hatte ich gleich noch mal so viel getrunken?

Ach, genau! Daniel. Shannon. Ihr Mund an einer Stelle, wo er nicht hingehörte. Ich umklammerte erneut die Kloschüssel und erbrach all meinen Frust gleich mit.

Als ich endlich fertig war, zog ich mich zitternd am Waschbecken hoch und blickte in den Spiegel. Das hätte ich nicht tun sollen, denn ich sah schlimmer aus, als ich mich fühlte.

»Du bist so bescheuert, Kris.« Ich starrte in meine schwarz unterlaufenen Augen und verzog das Gesicht. »War es das wert?«

Nein. Na ja, vielleicht. Ein bisschen. Ach, verdammt.

Daniel war einer der Guten gewesen, der Erste, mit dem es nicht nur um Sex gegangen war. Wir hatten uns wirklich verstanden, Spaß gehabt, geredet, gelacht, geschwiegen.

Einfach alles.

Mist.

Ich öffnete den Wasserhahn, ließ die Hände volllaufen und wusch mein Gesicht. Mein Blick fiel auf den Zahnputzbecher, in dem eine frische Bürste und ein Zettel warteten:

»Frühstück ist bereit, wann immer du wach bist, Conrad.«

Ich schmunzelte, denn ich erkannte die Wahrheit dahinter. Conrad kümmerte sich um seine Gäste. Das gehörte für ihn dazu.

Ich putzte mir die Zähne und zog meine alten Klamotten von gestern aus. Die anschließende Dusche war mehr als nötig und sie tat unglaublich gut. Ich blieb eine halbe Stunde unter dem Strahl stehen, bis meine Haut aufgeweicht und ich wieder einigermaßen klar im Kopf war, dann wickelte ich mich in ein Badetuch ein und ging zurück ins Zimmer.

Auf dem Stuhl neben meinem Bett lag mein Rucksack. Ich holte mir eine Jeans, ein T-Shirt und einen dicken Pulli heraus und zog mich an. Mit jedem Handgriff fühlte ich mich besser. Als ich fertig war, nahm ich mein Handy: dreißig entgangene Anrufe von Daniel, acht Nachrichten auf der Mailbox und dreißig SMS.

Ich las keine einzige davon, ging zurück ins Bad und setzte mich auf den geschlossenen Klodeckel. Dann wählte ich Braydens Nummer. Wir hatten wenig Kontakt gehabt im letzten Jahr, er hatte einen neuen Auftrag und war seither schwer beschäftigt.

Es war mir nicht unrecht gewesen, dass er so viel zu tun gehabt hatte, denn so war ich von seinem Radar verschwunden und es kam nicht jede Woche die nervige Frage, was ich mit meinem Leben anfangen wollte.

Ich wusste es nämlich nicht. Ich war eher der Typ Mal sehen, was der Tag so bringt, während Brayden alles haargenau plante.

Nach dem dritten Läuten nahm er ab: »Kris, hey.«

»Hi, Bruderherz.«

»Oje, was ist passiert?«

Ah, er kannte mich zu gut. Ich musste nur Hallo sagen, dann wusste er schon, in welcher Stimmung ich war.

»Bist du nicht in Neuseeland?«

»Doch.«

»Aber …«

»Daniel hat mir eine Nachricht geschickt, in der stand, dass er mich liebt.«

Brayden wartete, er wusste, was gleich kommen würde.

»In Wirklichkeit hat er sich einen von der Ex blasen lassen.«

»Mistkerl.«

»Das kannst du laut sagen. Mal abgesehen davon: Wie gut konnte der Blowjob gewesen sein, wenn er die Muße hatte, mir nebenher zu schreiben?«

Brayden lachte lauthals. Ich lehnte mich an den Spülkasten und schwieg.

Brayden gab mir Zeit. Er wusste, dass ich in diesem Moment nur die Gewissheit brauchte, dass er da war. Floskeln wie Es tut mir leid, Bist du sicher, dass du ihm nicht noch eine Chance geben willst, Es ist vielleicht gar nicht so, wie du denkst sparte er sich. Wir hatten beide unsere Erfahrung über all die Jahre mit meinen Fähigkeiten gemacht. Wir wussten, dass es genauso war, wie ich dachte, dass es kein Zurück und keine zweite Chance gab.

»Danke«, sagte ich nach endlosen Minuten des Schweigens.

»Immer gerne, ich wünschte nur, ich könnte mehr für dich tun.«

»Back mir einen Mann.«

»Obwohl ich ein Superheld bin, hab ich noch nicht herausfinden können, wie das geht.«

Ich schmunzelte und drückte das Handy fester ans Ohr, als könnte ich so näher bei ihm sein. »Aber du könntest seine Kreditkarten sperren lassen?«

»Das wäre vielleicht möglich.«

Brayden arbeitete seit knapp vier Jahren für das FBI und hatte eine steile Karriere hingelegt.

»Oh, und deklariere ihn auch gleich zum Staatsfeind Nummer eins. Ich will, dass er nirgendwo mehr hingehen kann, ohne dumm angegafft zu werden.«

»Ich gebe natürlich alles, um die Ehre meiner Schwester zu verteidigen.«

»Danke.«

»Immer doch, wobei du mich gar nicht brauchst. Du bist die tougheste Frau, die ich kenne. Jordan hat jetzt noch Angst vor dir.«

»Der ist ein Weichei.« Jordan war ein Collegefreund von Brayden und leider einen Hauch zu penetrant gewesen, als er mit mir anbandeln wollte. »Es tut gut, dich zu hören.«

»Dito.«

»Brayden«, hörte ich einen Mann hinter ihm rufen. »In fünf Minuten fangen wir an.«

»Komme gleich.«

»Hast du ein Meeting?«

»Ja, hier ist die Hölle los. Dieser Job ist verrückt.«

»Gut verrückt oder schlecht verrückt?«

»Beides. Ich … Die CIA arbeitet völlig anders, als ich es vom FBI gewohnt bin.«

»Hält der Verein dich also auch schon auf Trab.« So nannte ich die CIA. Für mich war dieser Laden der, der meinen Dad auf dem Gewissen hatte.

»Kann man so sagen, diese Truppe ist eigen.«

Ich wartete, ob er noch etwas dazu ergänzen wollte, aber er tat es nicht. Brayden hielt sich stets zurück, wenn es um den Job ging, was mir von unserem Vater vertraut war und ich schon immer gehasst hatte.

Sein ganzes Leben lang hatte Dad für den Verein geschuftet, war nie daheim gewesen, sondern durch die halbe Welt geflogen, immer auf der Suche nach irgendwelchen Gestörten, denen nichts Besseres in ihrem Leben einfiel, als andere zu foltern, Kinder zu entführen, Terroranschläge zu verüben oder sonstigen kranken Scheiß abzuziehen. Ich hatte es verabscheut, wenn Dad mitten in der Nacht angerufen worden war und sofort losmusste. Geburtstage, Feiertage, Ausflüge, Schulaufführungen – das hatte ich alles ohne ihn feiern müssen. Bis er eines Tages gar nicht mehr heimgekommen war.

Als Brayden sich bei der FBI Academy eingeschrieben hatte, wollte ich ihn schütteln, erwürgen und gleichzeitig erhängen. In der ganzen Zeit der Ausbildung hatte ich kein Wort mit ihm gesprochen. Das war der absolute Rekord gewesen. Irgendwann hatte er mit einem Diplom der Academy, einer Flasche Wein und einem großen Becher Eis vor meiner Tür gestanden. Wir hatten die ganze Nacht geredet, und ich hatte schließlich akzeptiert, dass es sein Leben war, mit dem er tun und lassen konnte, was er wollte.

»Kris?«, hakte Brayden nach. »Hast du gehört?«

»Was? Nein. Sorry. Musste gerade an Dad denken.«

Brayden schnaubte nur leise. Wir redeten nicht mehr viel über unsere Eltern, es war für uns beide mit zu viel Schmerz verbunden. »Ich fragte, was du nun vorhast.«

»Keine Ahnung. Die Reise ist ja bezahlt. Ich werde durch die Gegend fahren und nach Klettermöglichkeiten schauen, meinen Gedanken nachhängen.« Mir hoffentlich mal darüber klar werden, was ich mit meinem Leben anfangen wollte.

Ich blickte zum Fenster hinaus, der Himmel war trüb und verhangen und die ersten Regentropfen trommelten gegen die Scheibe. Wir hätten kein Land aussuchen sollen, in dem im Juni Winter war. Das war Daniels Idee gewesen, er meinte, es wäre schön, dem Wechsel der Witterung zuzusehen. Wie auch immer. »Wie ist das Wetter in Frankfurt?«

»Durchwachsen. Sei bitte vorsichtig beim Klettern.«

»Das bin ich doch immer.«

»Nein, du gehst zu viele Risiken ein, ich sterbe jedes Mal tausend Tode, wenn ich weiß, dass du an einer Wand bist.«

»Übertreib nicht.«

»Brayden!«, rief die Stimme erneut. »Es geht los.«

»Geh«, sagte ich. »Mach deinen Job.«

»Nur wenn du mir versprichst, auf dich aufzupassen.«

»Hey, ich hab den schwarzen Gürtel in Taekwondo, ich treffe mit einer Neunmillimeter aus fünfundzwanzig Meter Entfernung ins Schwarze und ich halte den Freeclimbing-Rekord in Glendale Hights.« Bis aufs Klettern waren das Dinge, auf die mein Vater noch bestanden hatte. Er wollte stets, dass seine Kinder sich verteidigen konnten und schickte mich mit sechs Jahren zum Training. Das Schießen hatte ich dann nach der Schule gelernt und Klettern hatte ich schon immer geliebt.

»Du hast recht, ich sollte eher die Neuseeländer vor dir warnen.«

Ich lachte leise. Es tat so unglaublich gut, Braydens Stimme zu hören. »Danke, Bruder.«

»Bitte, Schwester. Ich sollte jetzt los, sonst bekomm ich Ärger.«

»Klar, mir knurrt eh der Magen.«

»Dann sorge schnell dafür, dass der voll wird. Du bist unerträglich, wenn du Hunger hast.«

»Das stimmt gar nicht.«

»Äh, doch.«

Ich schüttelte den Kopf, auch wenn er es nicht sehen konnte. »Ach, eins noch! Ich werde gleich mein Handy im Klo versenken. Daniel ruft dauernd an, ich will meine Ruhe. Ich melde mich aber bei dir, sobald ich ein neues habe.«

»Du könntest dir einfach eine andere Karte kaufen.«

»Könnte ich, aber das Handy ist ein Geschenk von ihm.«

»Verstehe.«

»Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch.«

Ich beendete das Gespräch, stand von der Kloschüssel auf und öffnete sie. Dann ließ ich das Handy über der Mitte baumeln. »Bye-bye, Daniel!«

Mit einem Plumps versank das Gerät in der Schüssel. Ich klappte den Deckel zu, keine Ahnung, ob das Ding untergehen würde oder nicht. War mir auch egal.

Eine weitere Beziehung wegen meiner Fähigkeiten gekillt. Ich sollte eine Strichliste anfangen.

Im Grunde liebte ich sie. Sie hatten mir viele schöne Stunden in Romanen geschenkt und in der Schule beim Lernstoff geholfen, aber in Momenten wie diesen machten sie einfach nur einsam.

Ich konnte mich noch genau an den Tag erinnern, als es angefangen hatte, obwohl es schon so lange her war.

Ich war acht Jahre alt gewesen, es war im Krankenhaus passiert, kurz nachdem mich diese elende Meningitis fast umgehauen hätte. Mein Vater war kurz davor an einem Herzinfarkt gestorben, meine Mutter stand unter Hochspannung und war völlig außer sich, weil sie Angst hatte, mich auch noch zu verlieren.

Brayden und sie waren quasi nicht mehr von meiner Seite gewichen, hatten sich mit den Besuchen abgewechselt, mir entweder Märchen vorgelesen oder Filme mit mir geschaut.

Und an einem dieser Tage war es dann passiert.

Brayden war eingeschlafen und ich hatte mir das Märchenbuch genommen, aus dem er zuletzt für mich vorgelesen hatte. Es war die Erzählung von der Prinzessin auf der Erbse gewesen. Mit jedem Umblättern wurde ich tiefer in ihre Geschichte gezogen und erlebte alles hautnah mit.

Mum und Brayden hatte ich natürlich sofort davon berichtet. Erst taten sie es als Spinnerei ab, doch als es öfter passierte, ließen sie mich erneut untersuchen – was eine elende Liste an Tests nach sich zog. Ich wurde auf den Kopf gestellt und von innen nach außen gekrempelt. Mum schleppte mich zu jedem erdenklichen Spezialisten, bis ein Neurologe feststellte, dass seit der Krankheit bestimmte Areale meines Gehirns aktiver waren als andere.

Da sich meine Mutter immer mehr Sorgen um mich machte, behielt ich es schließlich für mich und tat so, als wäre alles normal. Nur Brayden wusste Bescheid. Die Sache wurde zu unserem Geheimnis und wir hatten einen riesengroßen Spaß damit.

Ich sog alles an Texten in mich auf, was ich finden konnte. Bei Originalmanuskripten ging es stets besser als bei Abschriften, und so durchforstete Brayden mit mir Bibliotheken und Buchläden nach immer mehr Lesestoff. Ich flog mit Drachen über endlose Weiten, kämpfte mit Harry Potter gegen Lord Voldemort, erlebte die Unendliche Geschichte so intensiv, als wäre ich selbst in Phantásien gewesen.

Irgendwann stellte ich fest, dass es einen Unterschied zwischen Romanen und anderen Texten gab. Bei fiktiven Geschichten war es immer so, dass ich direkt in die Story katapultiert wurde und sie wie bei einem Kinofilm miterlebte. Sachtexte konnte ich mir perfekt merken, weshalb ich schon bald zu einem Überflieger in der Schule wurde und den Abschluss sogar ein Jahr früher schaffte. Alles lief gut, bis schließlich meine Mutter meinem Vater folgte und Brayden und mich zurückließ.

Da brach meine Welt aus den Fugen. Ich stürzte völlig ab, ließ mich hängen, volllaufen, machte mit viel zu vielen Männern herum und bekam nichts mehr auf die Reihe. Brayden war mir in der Zeit eine enorme Stütze gewesen. Er war da gewesen, hatte mich morgens eingesammelt, wenn ich betrunken von einer Party getaumelt war, und mich jeden Tag daran erinnert, warum mein Leben lebenswert war.

Mittlerweile hatte ich das mit den Partyabstürzen abgestellt, den Alkoholkonsum im Griff – meistens jedenfalls –, das mit den Männern … na ja … und ich liebte mein Leben. Ja, das tat ich tatsächlich, auch wenn ich nach wie vor keine Ahnung hatte, in welche Richtung es gehen sollte.

Ich sah noch mal in die Kloschüssel, in der das Handy schon lange verschwunden war, klappte den Deckel zu und ging zurück ins Zimmer. Rasch sammelte ich meine Sachen zusammen, checkte, ob ich alles hatte, und verließ den Raum.

Alexis lag im Flur und hob sofort den Kopf. Hatte sie die ganze Nacht vor meinem Zimmer verbracht? Ich blieb unsicher im Rahmen stehen und blickte sie fragend an. Doch sie streckte nur ihre Glieder durch, gähnte herzhaft und machte sich dann auf den Weg nach unten.

Ich folgte ihr langsam und betrat schließlich das Lokal. Conrad stand wieder hinter dem Tresen und wischte alles sauber. Ein Pärchen saß dieses Mal in der Ecke, in der gestern der Mann geschrieben hatte. Sie waren in eine Unterhaltung und ihr Mittagessen vertieft.

Als Conrad mich erblickte, lächelte er breit, ging kurz in die Küche und kam mit Kaffee, einem Teller mit frischem Speck und Eiern zurück. Er stellte alles auf den Tresen und bat mich mit einem Kopfnicken, Platz zu nehmen. »Guten Morgen«, sagte er süffisant.

»Wow, das mit dem Frühstück jederzeit stimmte tatsächlich.«

»Als ich hörte, dass oben die Dusche lief, hab ich den Jungs Bescheid gegeben, dass sie sich bereithalten.«

»Gute Wahrnehmung.«

»Nein, die Wasserleitungen sind alt. Es rauscht hinten an der Wand, wenn es jemand oben laufen lässt.«

Ich glitt auf den Barhocker. Conrad packte den noch dampfenden Toast zum Essen und lächelte mich an.

»Danke«, erwiderte ich. »Für alles.«

»Aber gerne doch. Was macht der Kater?«

»Geht sogar.«

»Iss, das wird dir helfen.«