Verlag: Books on Demand Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Das Vermächtnis der Sinraj - Marie Carine

Seit den verheerenden Eroberungsfeldzügen der Menschen vor einhundert Jahren fristet das Volk der Sinraj, menschliche Wesen mit mächtigen, gefiederten Flügeln, die sich von ihren Schultern aus entfalten, sein Dasein im Exil. Für das älteste Volk Albyrías und dessen große magische Macht scheint unter der Herrschaft des Menschenkönigs Geoffrey kein Platz mehr zu sein. Die Hoffnungen der Sinraj ruhen auf dem Lichtmagier Alessiyu und einer Prophezeiung, die verheißt, dass die verschollen geglaubten Söhne des letzten Königs zurückkehren und die Geflügelten zu einstiger Macht führen werden. Doch Kjarun, der älteste Königssohn, ist ein Schwarzgeflügelter und somit einer der Geächteten, die sich finsteren Mächten angeschlossen haben. Sein jüngerer weißgeflügelter Bruder Yassim gilt weiterhin als verschollen. Als Kjarun den Auftrag erhält, nach seinem Bruder zu suchen, wird Yassims Flucht aus dem friedlichen Indoriantal zu einem Wettlauf gegen die Zeit, denn längst wissen andere Mächte um sein Überleben und wollen die Rückkehr eines Königs auf den Thron der Sinraj um jeden Preis verhindern ... Und als eine Liebe erwacht, die die zerstrittenen Völker Albyrías einen könnte, scheint sich das Blatt zu wenden ...

Meinungen über das E-Book Das Vermächtnis der Sinraj - Marie Carine

E-Book-Leseprobe Das Vermächtnis der Sinraj - Marie Carine

INHALTSVERZEICHNIS

Soundtrack

Vorwort

Prolog

Kapitel 1: Das Land der Nebel

Kapitel 2: Ein neuer Auftrag

Kapitel 3: Weiße Flügel

Kapitel 4: Seltsamer Fremder

Kapitel 5: Der Weg nach Norden

Kapitel 6: Feuer und Tod

Kapitel 7: Die Kluft von Albyría

Kapitel 8: Zu spät?

Kapitel 9: Giyanna

Kapitel 10: Kräfte sammeln

Kapitel 11: Ein Schatten der Vergangenheit

Kapitel 12: Aufgespürt

Kapitel 13: Flucht in der Nacht

Kapitel 14: Der Wächter

Kapitel 15: Die Indorianfälle

Glossar

Nachwort

Ausblick Band 2: Das Vermächtnis der Sinraj, 2: Die Stadt der Türme

ÜBER DAS BUCH

Seit den verheerenden Eroberungsfeldzügen der Menschen vor einhundert Jahren fristet das Volk der Sinraj – menschliche Wesen mit mächtigen, gefiederten Flügeln, die sich von ihren Schultern aus entfalten – sein Dasein im Exil. Für das älteste Volk Albyrías und dessen große magische Macht scheint unter der Herrschaft des Menschenkönigs Geoffrey kein Platz mehr zu sein. Die Hoffnungen der Sinraj ruhen auf dem Lichtmagier Alessiyu und einer Prophezeiung, die verheißt, dass die verschollen geglaubten Söhne des letzten Königs zurückkehren und die Geflügelten zu einstiger Macht führen werden. Doch Kjarun, der älteste Königssohn, ist ein Schwarzgeflügelter und somit einer der Geächteten, die sich finsteren Mächten angeschlossen haben. Sein jüngerer weißgeflügelter Bruder Yassim gilt weiterhin als verschollen.

Als Kjarun den Auftrag erhält, nach seinem Bruder zu suchen, wird Yassims Flucht aus dem friedlichen Indoriantal zu einem Wettlauf gegen die Zeit, denn längst wissen andere Mächte um sein Überleben und wollen die Rückkehr eines Königs auf den Thron der Sinraj um jeden Preis verhindern …

Und als eine Liebe erwacht, die die zerstrittenen Völker Albyrías einen könnte, scheint sich das Blatt zu wenden …

SOUNDTRACK

Musik, die mich beim Schreiben dieses Romans inspiriert hat. Vielleicht bekommt ihr heraus, welches Lied mich zu welchem Kapitel begleitet hat. Gern könnt ihr mir eure Vermutungen bei Facebook schicken. Ich freue mich auf eure Nachrichten.

»Renegades« – X Ambassadors

»Running up That Hill« – Placebo

»Bad Company« – Bad Company

»Hey Man, Nice Shot« – Filter

»Fell on Black Days« – Soundgarden

»Bad Moon Rising« – Creedence Clearwater Revival

»Meet Me on the Equinox« – Death Cap for Cutie

»Out of My Hands« – Dave Matthews Band

»Can't Find My Way Home« – Blind Faith

»Wash Away« – Joe Purdy

»Sanctuary« – Welshly Arms

»Demons« – Imagine Dragons

»Fight the Good Fight« – Triumph

»She Brings Me Love« – Bad Company

»Iridescent« – Linkin Park

VORWORT

Sie haben viele Namen.

Klingen des Lichts und der Dunkelheit, so werden sie von den Menschen des Königreiches genannt.

Die Vergessenen Brüder, so trägt der Westwind ihre Geschichte durch die Wälder der Welt – von den rauen Küsten bis hin zu den unwegsamen Gebirgen, den nebelverhangenen Sümpfen und den saftig grünen Hainen.

Die letzten Königskinder, so heißen sie bei den Sinraj, ihrem Volk, das sie einst entzweite und ihr Schicksal besiegelte.

Solange das Lagerfeuer brennt, werde ich Euch, werter Reisender, die Geschichte von Yassim und Kjarun erzählen. Die Geschichte unserer Welt.

Der Barde Nuámdin, im vierten Zeitalter der Weltenrechnung,

zu einem Wanderer in Sintellith

PROLOG

Burg Hohenfels, Egioth

Lichtmonat, Tag 15, 3. ZA 1365

Laut und unheilverkündend durchschnitt der Ruf der Hörner die Stille der Nacht. Ihre Warnung schallte weithin über das Land. Sie zog sich von den Höhen der Eisenberge bis in die Tiefen des dunklen Scranacwaldes mit den uralten, knorrigen Eichen und den Vögeln mit ihrem schrillen Singschrei, nach denen der Wald benannt war.

Das Brüllen der Hörner jagte Alessiyu durch Mark und Bein. Niemals hatte der Magier gedacht, dass er nach nicht einmal zwei Jahren gezwungen sein würde, die ihm Anvertrauten erneut in Sicherheit zu bringen. Er hatte sich auf Burg Hohenfels eigenartig wohlgefühlt – vielleicht, weil die weit im Norden Albyrías gelegene Burg der einzige Ort war, an dem sie sich verstecken konnten.

Doch jetzt stürzte er aus dem brennenden Haus, in welchem Marosia, ihre beiden Söhne und er selbst lange – offenbar zu lange – Zuflucht gefunden hatten, stoppte jedoch jäh, weil ihm niemand folgte. Marosia stand noch immer regungslos vor dem Haus und starrte ungläubig auf die Flammenpfeile, die auf das Dach niederregneten wie die tosenden Fluten, die die Indorianfälle hinabstürzten.

»Eilt Euch, Marosia!«, brüllte Alessiyu, packte ihren Arm und warf immer wieder gehetzte Blicke zurück zum Haus.

»Yassim, komm!« Marosia löste sich endlich aus ihrer Starre, zerrte ihren jüngsten Sohn zur Seite und rannte hinter Alessiyu her, hinaus auf die noch im Dunkeln liegende Seitengasse. Der Feuerschein erhellte sie nur kurz. In diesem Teil der Burg waren die Häuser heruntergekommen, manche nicht größer als ein krustiger Lehmwürfel. Die Gärten waren verwildert, nicht wie im reichen Viertel der Burg akkurat geschnitten und gepflegt. Grelles Flammenlicht erfüllte nun den nachtschwarzen Himmel. Von Weitem drangen verzweifelte Hilfeschreie an ihre Ohren und Marosias Brust zog sich vor Angst zusammen. Dann flog ihr Kopf herum, als der Dachstuhl des gegenüberliegenden Hauses, getroffen von einem Steinregen eines noch höheren Gebäudes, krachend in sich zusammenstürzte.

Ihr Versteck war aufgedeckt. Erst jetzt drang die Gewissheit zu ihnen durch, haftete sich in ihr Bewusstsein, hätte sie doch beim ersten Feuer schon klar sein müssen.

Alessiyu spähte den Weg entlang, der von der Burganlage fort zur Befestigungsmauer führte. Hinter der Mauer wartete der sichere Wald.

Kjarun, Marosias ältester Sohn, zerrte ungeduldig an Alessiyus grauem Umhang und deutete zur Burg.

»Alessiyu, seht!«

Ein gleißender Feuerball bildete sich am Himmel – hoch oben über der Feste. Der gigantische Ball beschrieb einen Kreis in der Luft und stob wie von unsichtbaren Mächten bewegt auf den höchsten Turm der Festung zu, über dem er sich wie ein Feuerregen ergoss. Abermals erfüllten grauenhafte Hilfeschreie die Luft, Kjarun und Yassim husteten vom beißenden Rauch gequält auf.

»Sie haben Feuermagier!«

Der glühende Schein des Feuers spiegelte sich in Marosias grauen Augen, in denen das Entsetzen des soeben Geschehenen stand. Doch Alessiyu sah noch etwas anderes in ihrem Blick: Furcht. Eine grenzenlose Furcht.

Der Magier blickte um sich, noch hatte niemand ihre Flucht bemerkt.

»Eilt Euch! Der Wald wird unsere Rettung sein.«

Alessiyu wartete nicht mehr. Er rannte der kleinen Gruppe voran, und nur wenige Augenblicke später schlüpften sie hintereinander durch das am Ende der Gasse liegende kleine Osttor und huschten, vier Schatten gleich, lautlos in den Schutz des Waldes.

Wie knorrige Finger ragten die Äste der uralten Eichen in den sternenklaren Nachthimmel. Hier gab es kein Feuer mehr. Schmerzensschreie und verzweifelte Rufe erschallten hinter ihnen, schwarze Rauchsäulen stiegen in der Ferne in den Himmel auf. Der beißende Qualm trieb Marosia noch immer Tränen in die Augen. Taumelnd stolperte sie über Wurzeln und abgebrochene Äste, ein Zweig schlug ihr ins Gesicht und ließ eine blutige Wunde zurück. Doch dies galt es, auszuhalten, gleich hatten sie es geschafft. Vor ihnen wartete die Sicherheit des Waldes.

Doch da! Wieder erscholl das Brüllen der Hörner – diesmal klang es näher. Aber das konnte nicht sein, oder?

Sie waren ihnen gefolgt.

Dunkle Schatten tauchten zwischen den Bäumen auf, ihre Häscher schienen ganz in der Nähe. Oder waren es Wölfe? War das eben nicht ein garstiges Knurren gewesen?

Alessiyu lief vorneweg, zog auch Yassim, dessen Hand er fest in seiner Linken hielt, unerbittlich hinter sich her. Nur ein einziges Mal erlaubte sich der Magier jetzt einen Blick zurück, und der Anblick der brennenden Burg hinterließ einen tiefen Stich in seiner Brust. Auch Marosias Blick war fassungslos auf Hohenfels gerichtet.

»Hohenfels brennt wegen uns«, flüsterte sie erschrocken. »Was haben wir nur getan? Wir hätten niemals dort unterkommen dürfen!«

»Marosia! Eilt Euch!«

Alessiyu riss sich vom Anblick der brennenden Burg los und griff nach dem Arm derjenigen, deren Leben zu beschützen er geschworen hatte. Doch Marosia blieb stehen, wirkte wie versteinert.

»Wo sollen wir denn nun hin?«, flüsterte sie verzweifelt, so leise, dass der Magier sie kaum hören konnte.

Er konnte ihre Verzweiflung verstehen. Ihr Gemahl, der König eines dem Untergang geweihten Volkes, war tot, und sie versuchte nun, wenigstens ihre Söhne in Sicherheit zu bringen. Doch Sicherheit gab es für das Volk mit den mächtigen Flügeln, die an ihren Schultern entsprangen, nicht mehr. Und jetzt wurden die Flügel ihr zum Verhängnis: Sie konnten sie nicht zur Flucht benutzen, Yassim und Kjarun waren noch Kinder im zarten Alter von zehn Jahren, und kaum fähig, eine längere Strecke fliegend zurückzulegen. Marosia war zu schwach, sie im Flug zu tragen. Zudem würden fliegende Gestalten am Himmel sofort Aufsehen erregen und die Richtung ihrer Flucht verraten. Auch wenn ihre Widersacher ihnen folgten, vielleicht war es möglich, im Unterholz Zuflucht zu finden.

Plötzlich zischte ein Pfeil nahe an ihren Köpfen vorbei. Alessiyu fuhr augenblicklich herum, hob seine Rechte und schickte einen grellen Lichtstrahl in die Richtung, aus der geschossen worden war. Lautlos stürzten mehrere Verfolger getroffen zu Boden.

»Alessiyu!«

Der Magier wirbelte erneut herum, als Kjarun ihn anstieß. Seine Augen weiteten sich vor Schreck.

Aus einer Wunde an Marosias Seite ragte ein Pfeil, Blut quoll hervor. Dann sackte sie in sich zusammen.

»Marosia, nein!«

Alessiyu kniete neben ihr nieder. Tapfer versuchte sie, sich aufzurichten. Der Magier stützte sie äußerst vorsichtig, doch sie sank sofort wieder mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden. Er legte eine Hand an ihre Wange, schob eine ihrer langen hellen Haarsträhnen, die ihr schmales Gesicht umrahmten, zur Seite und drehte dieses sanft zu sich herum.

»Mutter, steh auf!«

Yassims Stimme klang verzweifelt, weinerlich. Der Junge sank neben seiner Mutter auf die Knie.

Kjarun schaute flehend zu Alessiyu. »Habt Ihr dafür keinen Zauber?«

»Ich bin Lichtmagier, kein Heiler«, sagte Alessiyu mit ernüchterter Stimme, und es gab nichts, wofür er sich in diesem Moment mehr verfluchte. »Ich bin dieser Art Magie nicht mächtig.«

Marosia atmete schwer, schaute dann auf und ihr Hilfe suchender Blick stach in Alessiyus Brust. Sein Herz zog sich zusammen. Er durfte nicht scheitern. Er durfte seinen Schwur, sie zu schützen, jetzt nicht brechen. Das durfte nicht sein! Nicht jetzt!

»Alessiyu.« Gebrochen und nur einem Hauch gleich, kam sein Name aus ihrem Mund.

Marosia packte den Arm des Magiers und zog ihn zu sich. Immer wieder ertönte sein Name. Ihre Lippen formten ihn mehr, als dass sie ihn tatsächlich aussprachen. »Bring Yassim in Sicherheit! Er ist es, den sie wollen!«

Alles in Alessiyu sträubte sich dagegen, Marosia und ihren Ältesten hier zurückzulassen, doch tief in seinem Herzen wusste er, dass sie recht hatte.

Es würde nicht bei dieser kleinen Gruppe Verfolger bleiben; auch wenn außer jenen, die er bereits aus dem Weg geräumt hatte, niemand ihre Flucht bemerkt haben dürfte. Doch das würde nicht lange so bleiben. Hier waren sie nicht sicher.

»Geht!«, flehte Marosia ihn an. »Kjarun und ich werden einen Weg finden.«

Alessiyu war bewusst, dass er sie nicht retten konnte, und dennoch wollte er nicht gehen. Aber Marosia hatte recht: Kjarun war alt genug, auf sich selbst zu achten, und die Angreifer wollten Yassim. Er war der rechtmäßige Thronerbe, auch wenn er der Jüngere der Brüder war. Doch bei den Sinraj war die Thronfolge nur den Weißgeflügelten, wie auch ihr verehrter König Ellyón einst einer gewesen war, vorbehalten, und das war Kjarun nicht. Alessiyu konnte sich noch sehr genau an den Moment erinnern, als er Kjarun das erste Mal gesehen hatte; der Anblick seiner Flügel, die von einem tiefen Schwarz gezeichnet waren, ließ ihn heute noch frösteln. Damit war das Schicksal des Jungen besiegelt gewesen.

Alessiyu schrak aus seinen Gedanken hoch, als sich Hufgetrappel unaufhaltsam näherte. Ihm blieb keine Wahl.

»Komm«, sagte er schroff und griff nach Yassims Hand.

Kjarun rührte sich nicht von der Stelle. »Ich bleibe bei Mutter! Bitte, schützt meinen Bruder, Herr.«

Das Hufgetrappel wurde lauter, Stimmen näherten sich. Gehetzt blickte der Magier sich um, doch noch konnte er keine weiteren Schatten ausmachen.

Alessiyu musterte Kjarun eingehend. Der Junge war viel zu erwachsen für sein Alter. Das hatte er schon immer sein müssen. Er würde genug zu tun haben, auf sich selbst zu achten.

Alessiyu legte eine Hand auf Kjaruns Schulter und fixierte die dunklen Augen des Jungen. »Gib acht auf sie, solange du kannst. Ich kümmere mich um Yassim. Das verspreche ich dir bei meinem Leben.«

Doch wohin sollte er sich wenden? Unschlüssig überlegte Alessiyu, welche Möglichkeiten ihm blieben. Die Insel Nijoril war zu weit entfernt, als dass er sie mit einem Kind im Schlepptau rasch erreichen könnte. Die dort lebenden Illyáni würden ihn sicherlich empfangen, und möglicherweise waren sie der einzige Ort, an dem er Yassim verstecken konnte.

»Alessiyu!«, keuchte Marosia da noch einmal, griff nach des Magiers Hand, während dieser sich bereits zu ihr beugte.

»Theandra!«, flüsterte Marosia. »Bring ihn zu Gareth und Theandra. Sie werden sich gut um ihn kümmern, dort wird ihn niemand finden.«

Alessiyu runzelte die Stirn. Das Indoriantal, wo Marosias entfernte Verwandte Theandra lebte, war weit weg, jedoch nicht so weit wie die Inseln, was es zur besten Möglichkeit machte, die ihm blieb. Vielleicht auch zur einzigen.

Er konnte Marosia nicht mehr helfen, das wusste Alessiyu tief in seinem Herzen, doch er konnte Yassim diesen Anblick ersparen. Wenigstens ihm. Schnell zog er die junge Frau in eine enge Umarmung. Für einen Moment vergrub er das Gesicht in ihren Haaren, atmete ihren Duft ein.

»Ich habe alles getan, was in meiner Macht steht. Seid gnädig und geleitet sie ins Licht.«

Er murmelte die Worte nur, hauchte Marosia einen Kuss auf die Stirn und schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter.

»Wird sie …« Kjarun vollendete den Satz nicht, doch Alessiyu bemerkte sehr wohl das feuchte Glitzern der Tränen in den Augen des Jungen. Kjarun mochte mutig für sein junges Alter sein, doch die Sorge um die Mutter stand in seinem Blick. Noch einmal legte Alessiyu eine Hand beruhigend auf Kjaruns Schulter.

»Verliere niemals die Hoffnung, mein Junge«, sagte er. »Selbst in den dunkelsten Momenten wirst du einen Weg finden, auch wenn du es am wenigsten erwartest.« Er brachte es nicht übers Herz, Kjarun zu beichten, wie schlecht es um seine Mutter stand. Vielleicht, so hoffte Alessiyu, würden sie es ja doch bis in den nächsten Ort schaffen, wo sie dann Hilfe suchen konnten.

Es blieb keine Zeit, Marosia zu beklagen. Mit scharfem Blick musterte Alessiyu Yassim. Stumm stand der Junge neben ihm, die Augen ebenfalls auf seine Mutter gerichtet. Alessiyus Aufgabe lautete nun, Marosias jüngsten Sohn in Sicherheit zu bringen. Und er würde alles opfern, um dieser Bürde gerecht zu werden.

Alessiyu erhob sich und nahm mit entschlossenem Gesichtsausdruck den Jungen an sich. Er schaute nur noch einmal zurück.

Kjarun würde auf sich achtgeben. Alessiyus ganze Aufmerksamkeit galt nun dem Erben.

KAPITEL 1 – Das Land der Nebel

Kjarun

Fünfzehn Jahre später …

Dichter Nebel lag wie ein Teppich über den Gipfeln des Nebelzackengebirges, und strömender Regen fiel aus dunklen Wolken. Eisige Windstöße heulten durch die tiefen Schluchten, doch selbst sie vermochten es nicht, den in dieser Gegend immerwährenden Nebel zu vertreiben. Kjarun lenkte sein Pferd aus dem Schutz einer Nische zwischen massiven Felsbrocken hinaus ins Freie. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen ließ der junge Sinraj den Blick über den abfallenden Bergrücken, der sich vor ihm öffnete, schweifen.

Ein von Huf- und Fußspuren ausgetretener Pfad schlängelte sich den Hang hinab, tauchte hier und da zwischen den zerklüfteten Felsen wieder auf, um schließlich weiter unten in flacher werdenden Hügeln zu verschwinden. Tief unten im Tal mündete der Pfad in eine breitere Straße aus grobem grauem Stein. Wie drohend aufgerichtete Finger erhoben sich auf der gegenüberliegenden Seite die mächtigen Türme der Festung Kjorgard in den Himmel.

Erleichtert trieb Kjarun sein Pferd ein letztes Mal an. Er hatte die Kapuze seines dicken Mantels tief in das Gesicht gezogen und hielt die Stirn gesenkt; eine Angewohnheit, die ihm während seiner Streifzüge half, nicht sofort erkannt zu werden. Unter der Kapuze tauchten hin und wieder feine, noch sehr jugendliche Gesichtszüge auf, einzelne Strähnen schulterlangen schwarzen Haares hatten sich aus dem dichten Zopf gelöst und klebten an seinen Wangen. Ein Mantel war weit um seinen Rücken geschlungen, sodass verborgen wurde, was kein Bewohner des Königreichs Cardolán zu sehen bekommen durfte: gewaltige Flügel, die an seinen Schultern entsprangen und ihn als das verrieten, was er war – ein Sinraj, einer des geflügelten Volkes. Im Augenblick lagen die Flügel eng an seinem Rücken, sodass der Mantel sie vollkommen verbarg. Aber mehr als der beeindruckende Anblick der Flügel an sich hätte wohl jeden, dem Kjarun sein Geheimnis offenbarte, ihre Farbe erstaunt. Sie waren schwarz, von jener undurchdringlichen, ja, tiefen Schwärze, die ein unwohles Gefühl zurückließ, wenn man sie erblickte.

Einst hatten die Geflügelten – die Sinraj, wie sie sich selbst nannten – die Geschicke des Kontinents Albyría gelenkt, doch diese Zeit war lange vergangen. Inzwischen war ein Sinraj gut beraten, sich während einer Reise durch das Königreich der Menschen nicht als solcher zu erkennen zu geben. Noch immer gingen Soldaten im Auftrag der Krone auf Patrouille und verhafteten umherstreifende Sinraj. Die Streifzüge ins Königreich waren gefährlich geworden, denn Geoffrey, der machtgierige König der Menschen, hatte sich geschworen, alle noch lebenden Sinraj zu vernichten, um seine Macht zu festigen. Er fürchtete die Magie der alten Völker, welche den Menschen vorenthalten war, doch die eigentliche Gefahr für seine Herrschaft lauerte an den anderen Landesgrenzen. Späher hatten den Dunkelmagiern berichtet, dass Geoffrey Boten in die verbündeten Nachbarländer gesandt hatte. Die abtrünnigen Fjorod, die Bewohner der nördlichen Einöde, waren bereit, für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen, und mussten daher wieder unter Kontrolle gebracht werden. Aus diesem Grund mieden die meisten Diener Kjorgards das Königreich, was Kjarun nur gelegen kam. Dies war die Gelegenheit, sich auszuzeichnen, auch wenn er das längst nicht mehr nötig hatte.

Der Herr würde zufrieden sein mit dem Ergebnis seines Auftrags. Sehr zufrieden, sicherte es den Dunkelmagiern von Kjorgard doch einen entscheidenden Vorteil im bevorstehenden Kampf um die Vorherrschaft in Albyría.

Seit einiger Zeit kam es hin und wieder zu kleinen Auseinandersetzungen und Überfällen auf allen Seiten, und der Waffenstillstand, der seit der letzten großen Völkerschlacht vor mehr als einhundert Jahren herrschte, drohte, allmählich zu zerfallen. Aber die Kriege der Vergangenheit hatten von allen Völkern Albyrías einen hohen Tribut gefordert. Tausende hatten ihre Heimat verloren, neue Länder hatten sich geformt. Es war, als hielten sowohl die Sinraj als auch die Magier für eine Weile den Atem an, um Luft für den nächsten Schachzug zu holen. Doch eines war sicher – ganz gleich, wer den ersten großen Schritt machte, er stand kurz bevor. Kjarun konnte es fühlen, sobald er den Fuß über die Grenze in die freien Lande setzte. Es war, als sängen es die Adler von den zerklüfteten Felsen, als triebe der Wind die warnende Botschaft durch alle Lande.

Die Sonne war vollends untergegangen, als Kjarun das Tal durchquerte und auf die Burg zuhielt. Inzwischen hatte der Regen nachgelassen. Ein dichtes Nebelmeer kroch träge durch die Schluchten, und der Mond schickte sein milchig-weißes Licht über das steinige Land. Die Straße führte weit über dem einzigen Bach der Gegend tiefer ins Tal und anschließend wieder höher hinauf zum gewaltigen Tor der Burg.

Kjarun musste nicht warten; die Torflügel standen weit offen und das Fallgitter dahinter war hochgezogen. Wachen patrouillierten auf dem Wehrgang am Tor, und rechts und links an den Flügeln ragten die mit weiteren Wachen besetzten Wachttürme empor.

Es war kein Ort, den Kjarun sich zum Leben ausgesucht hätte, hätte er die Wahl gehabt. Er war, wie alle Schwarzgeflügelten, die nun diese Mauern ihre Heimat nannten, im Sintalen aufgewachsen, der ursprünglichen Heimat der Sinraj, und er konnte sich gut an die saftig grünen Auen der Falkenhügel und die stolzen Türme der Stadt Sintellith, seiner einstigen Heimat, erinnern. All dies war vor ihrer Zeit in Hohenfels gewesen.

Fünfundzwanzig Jahre, dachte Kjarun bitter. Fünfundzwanzig Jahre, seit er gezwungen war, seiner Heimat für immer den Rücken zu kehren. Fünfundzwanzig Jahre, in denen er geduldig auf die eine Möglichkeit wartete, sein Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen.

Jetzt war sie zum Greifen nah.

Der junge Sinraj zog die schmalen Lippen zu einem grimmigen Lächeln zusammen. Die beschwerliche Reise hatte ihn in eine der abgelegensten Gegenden Albyrías geführt, aber nun war er seinem Ziel, die Dunkelmagier zu verlassen, so nahe wie niemals zuvor.

Aber er musste äußerst vorsichtig sein. Kein einziges Wort über seinen Plan durfte an die falschen Ohren gelangen, die Verräter lauerten überall. Niemand verließ die Dunkelmagier lebend, jedenfalls hatte noch nie jemand diesen Schritt nicht mit dem Tode bezahlt. Erst kürzlich hatte Kjarun den Auftrag erhalten, einige abtrünnige Dunkelmagier aufzuspüren, die versucht hatten, sich in die Sandwüste abzusetzen. Er hatte den Auftrag erledigt, ohne Fragen zu stellen, denn das stand ihm nicht zu. Auch wenn er sich diesmal nicht nur auf seine eigene Stärke verlassen konnte, so war er überzeugt davon, dass es gelingen würde. Und wenn es gelang, würde es nicht nur ihm, sondern vielen Brüdern die ewige Freiheit garantieren.

Das Hufgetrappel seines Pferdes hallte von den Steinwänden wider, welche den engen Pfad säumten, als Kjarun in den innersten Ring Kjorgards ritt. Er gab sein Pferd an den Stallungen ab; den Rest des Weges legte er zu Fuß zurück. Argwöhnische Blicke folgten ihm, als er den Burghof durchquerte. Dank seiner glühenden dunklen Augen und der zerfurchten Narbe, die sich über seine linke Stirnhälfte, die Augenbrauen und weiter über seine Wange bis fast zum Kinn zog, sah er noch zwielichtiger aus als die meisten Dunkelmagier. Die Kapuze hatte er inzwischen abgelegt; sie war hier ohnehin nicht mehr vonnöten. Nach der langen Reise konnte man vermutlich auch nicht unterscheiden, welche seiner Hautstellen natürlich dunkel waren und welche dreckig. Seine schwarzen Haare reichten ihm über die Schulter, doch während seiner Reisen trug Kjarun sie stets zu einem Zopf gebunden. Noch immer klebten ihm einige Strähnen nass an den schmalen Wangen, es war dem anstrengenden Ritt geschuldet.

Die Straße führte in Windungen in das Innere Kjorgards, bis Kjarun einen Innenhof erreichte. Wachen waren auch hier postiert. Auf der gegenüberliegenden Seite erhob sich der Turm des Herrn von Kjorgard in den Himmel, teils in den Berg gebaut, teils aus Berggestein gemeißelt. Kjarun schaute für einen Moment den Turm hinauf. Dort oben wartete ein warmes Bett und ein Bad sowie die vermeintlich tröstende Wärme seiner Kammer. Ein wohliges Gefühl breitete sich in seiner Brust aus.

»Kjarun. Du bist zurück.«

»Lukil.« Kjarun neigte zum Gruß den Kopf. Er zollte niemandem Respekt, aber den Befehlshaber der Leibgarde Rraskaluns wollte er sich nicht zum Feind machen.

»Der Herr erwartet dich.«

Kjarun runzelte die Stirn. »Schon? Hat das nicht Zeit, bis …«

»Er sagte, er verlangt dich zu sehen, sobald du angekommen bist. Umgehend.«

Vermutlich hatte Lukil sich Angenehmeres vorgestellt, als sich an diesem nasskalten Abend vor dem Tor die Beine in den Bauch zu stehen und Rraskaluns Befehl weiterzugeben. Rraskalun hatte wohl sicherstellen wollen, dass sein Wunsch Kjarun auch erreichte. Und wenn er dafür Lukil sandte, musste es dringend sein.

Kjarun seufzte ernüchtert. »Selbstverständlich.«

Den Herrn von Kjorgard ließ man nicht warten. Nie.

Der Weg hinauf in den höchsten Turm Kjorgards war Kjarun ebenfalls bestens bekannt. Eine breite Wendeltreppe führte am Ende eines langen Ganges in die oberen Stockwerke des Turmes. Schließlich mündete die Treppe in einem weiteren Korridor, der mit rotem Teppich ausgelegt war. Der flackernde Schein von Fackeln erhellte Kjarun den Weg. Von beiden Seiten des Flures gingen Türen zu weiteren Räumen ab. Unbeirrt ging Kjarun weiter, konnte sich aber einen sehnsüchtigen Blick zu einer der Türen, hinter der sich sein Gemach befand, nicht verkneifen. Doch das musste warten. Auf der anderen Seite des Ganges befand sich eine schwere Flügeltür. Als Kjarun sie erreicht hatte, holte er einmal tief Luft und sammelte sich innerlich. Dann schwang die Tür wie von einer unsichtbaren Macht bewegt auf. Wachen duldete der Herrscher in seinem Turm nicht; nicht im Saal und auch nicht davor.

Dahinter öffnete sich ein geräumiger runder Saal mit steinernen Wänden und hohen Decken, ebenfalls erhellt von Fackeln. Durch hohe, nach oben hin abgerundete Fenster fiel Mondlicht herein, und an den Seiten führten Türen in die Nebenräume sowie hinaus auf einen schmalen Balkon, von dem aus man über den Innenhof und die unteren Burgringe Kjorgards blicken konnte. Kjarun kannte all dies bereits, zu oft hatte er den Saal schon betreten. Nun sah er die Gestalt des mächtigsten aller Dunkelmagier auf dem Thron sitzen, erhaben und stolz. Er wollte schon nach vorne laufen, um die Audienz so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, da bemerkte er, dass er nicht allein im Saal war. Vor dem Thron kniete ein junger Dunkelmagier, den Kjarun gut kannte. Er hatte den Kopf ehrfürchtig gesenkt, traute sich nicht, auch nur ein einziges Mal aufzuschauen.

»Aelred, du hast versagt.«

Rraskaluns Stimme rauschte wie ein Wirbelsturm durch das Gemäuer, schien jeden Winkel auszufüllen, in jede Ader vorzudringen. Selbst Kjarun zuckte unwillkürlich zusammen, instinktiv jagten ähnliche Bilder seiner eigenen ersten Audienzen durch seinen Kopf. Er kannte das so gut. Der Magier wusste vieles, er hatte überall am Hofe seine Spitzel, und ein Geheimnis vor ihm zu verbergen, erforderte höchste Wachsamkeit. Immer. Vor langer Zeit war Kjarun von einem seiner ersten Aufträge zurückgekehrt. Er hatte eine Gruppe Sinraj, die in die Verdorrten Lande eingedrungen waren, ausfindig gemacht, und wollte sie gemäß Rraskaluns Auftrag eliminieren; doch er konnte es nicht. Er war dumm gewesen – und das hatte sich ebenso gerächt wie nun offensichtlich bei Aelred. Danach hatte er Rraskalun nicht noch einmal enttäuscht. Lieber lebte er mit den Schreckensbildern, die ihn des Nachts einholten, als selbst noch einmal die Grauen einer blutigen Bestrafung erdulden zu müssen.

»Es … es tut mir leid, Herr.« Aelreds Stimme war nur ein zittriges Flüstern. Der Arme wusste genau, was ihn erwartete. »Diese elenden Ratten haben uns erkannt, sie hätten uns alle getötet! Ich konnte nichts anderes tun, als uns mit einem Schattenschleier-Zauber zu schützen!«

»So, du hattest keine andere Möglichkeit? Du hast sie auf unsere Spur gebracht, du nichtsnutziger Narr! Sag mir, was hast du an dem Tag geschworen, als du in die Ausbildung für meine Garde aufgenommen wurdest?«

Kjarun biss sich auf die Lippe und zog sich instinktiv noch tiefer in die Dunkelheit des Rundganges hinter den Säulen zurück. Dennoch glaubte er, Rraskaluns durchdringenden Blick auf sich ruhen zu spüren. Als er jedoch aufschaute, waren die Funken sprühenden Augen auf den zitternd am Boden kauernden Aelred gerichtet. Kjarun schauderte. Er kannte Aelred gut, sie hatten die Ausbildung zur Garde eine Weile gemeinsam absolviert, bis Rraskalun begonnen hatte, ihn höchstpersönlich zu unterrichten. Warum der Dunkelmagier einen derartigen Narren an ihm gefressen hatte, wusste Kjarun bis heute nicht.

»Dass wir uns niemals, unter keinen Umständen und möge unser Leben davon abhängen als Dunkelmagier zu erkennen geben.«

»Richtig. Sich niemals erkennen geben. Niemals, unter keinen Umständen. Du hast unsere Tarnung leichtfertig aufs Spiel gesetzt, und damit ihre Aufmerksamkeit auf uns gerichtet! Und wenn ihr euer Leben zum Schutz all eurer Brüder hättet geben müssen, wäre es eure Pflicht gewesen, genau das zu tun! Wie lange wird es dauern, bis sie darüber nachdenken, dass ihr in jemandes Auftrag gehandelt habt? Und wie lange, bis ihnen bewusst wird, dass ich zurückkehren könnte? Du hast sie direkt auf unsere Spur geführt!«

Aelred hielt immer noch den Kopf gesenkt. Sicher versuchte er so, zu verbergen, wie sehr seine Hände zitterten. Doch Kjarun konnte die Furcht seines Freundes bis in sein Versteck fühlen.

»Herr, es hat niemand überlebt. Zo’rim hat sie gleich darauf alle getötet. Niemand kann berichten, was ich getan habe.« Rraskalun ignorierte Aelreds verzweifelten Einwurf. »Hätte ich nur Kjarun an deiner statt geschickt. Er wäre nicht gescheitert.« Der Herrscher schaute auf und richtete den Blick in die Schatten, dorthin, wo Kjarun kauerte. »Kjarun scheitert niemals.«

Kjarun biss sich erneut auf die Lippe. Rraskalun hatte recht. Die Diener der Garde durften sich niemals dazu hinreißen lassen, dunkle Zauber außerhalb Kjorgards zu wirken oder gar sich zu erkennen zu geben. Niemand im Königreich wusste, wie stark sie tatsächlich waren, und diesen Vorteil mussten sie unter allen Umständen wahren, bis der entscheidende Tag gekommen war, an dem sie mit voller Macht zuschlagen würden.

Verzweifelt stand Aelred auf, wollte weiter auf den Thron zugehen, doch nach wenigen Schritten blieb er ehrerbietig stehen.

»Herr, gebt mir eine Chance, meinen Fehler auszubügeln«, flehte er mit bebender Stimme.

»Auszubügeln? Deinen … Fehler?« Rraskaluns Stimme war eisig geworden. Jedes Wort schnitt wie ein Messerstich in Kjaruns Herz, und er wusste, dass es Aelred genauso erging. Der Junge sank zitternd in die Knie und als Aelred den Kopf hob und in Rraskaluns eiskalte Augen schaute, war er verloren.

Ein boshaftes Lächeln umspielte Rraskaluns Lippen. »Du hast deine Brüder verraten. Dafür gibt es keine zweite Chance.«

Aelred schaute wie gebannt in Rraskaluns Augen. Kjarun sah, wie Rraskalun den Jungen fixierte, ein paar Augenblicke lang. Dann erhob sich der Magier. »Du hast nicht nur deine Brüder, sondern auch mich verraten! Hätte ich nur nicht solch einen Versager geschickt!«

Rraskaluns tiefe Stimme erfüllte, bebend vor Zorn, den Raum, schwang von den Steinwänden zurück wie ein rundes Wurfholz und kroch in jeden Winkel der kalten Mauern. Kjarun duckte sich tiefer in sein Versteck. Plötzlich zuckte Rraskaluns Hand nach vorne, der Magier ballte die knorrigen Finger zur Faust und richtete diese auf Aelred. Aelred griff sich an die Kehle, als würden ihn unsichtbare Mächte quälen, ihm die Luft abschnüren. Keuchend ruckte sein Kopf zur Seite, Aelred sank schließlich zu Boden, während Rraskalun drohend über ihm stand.

»Niemand verrät mich!«

Aelred japste schwer, öffnete den Mund zu einem Schrei, doch kein Ton entwich seiner Kehle. Er streckte noch die Hand aus, auf der verzweifelten Suche nach Halt, doch er griff ins Leere. Sein Körper zuckte wie von todbringenden Schwertstößen getroffen.