DAS VERMÄCHTNIS - Uwe Rademacher - E-Book

DAS VERMÄCHTNIS E-Book

Uwe Rademacher

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Beschreibung

Ein toter Priester in Duisburg, ein geschändetes Grab und ein mysteriöser Koffer aus dem Jahr 1944 – BKA-Ermittler Jonathan Dawson und seine Kollegin Sascha Brinkmann stehen vor einem Rätsel, das seine Wurzeln in den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte hat. Als sich Vatikan, BND und unbekannte Killer in die Ermittlungen einmischen, wird klar: Hier geht es um weit mehr als einen Mordfall. Während die Ermittler einer Spur von Leichen folgen, führt sie die Suche nach dem verschollenen Koffer zu einem geheimen Nazi-Forschungsprojekt und einem vergessenen Konzentrationslager in Duisburg. In einem Wettlauf gegen die Zeit müssen Dawson und Brinkmann herausfinden, wer in den eigenen Reihen ein doppeltes Spiel treibt und welches tödliche Vermächtnis aus der NS-Zeit zu schützen ist. Für Fans von Volker Kutscher und Sebastian Fitzek – ein fesselnder Thriller, der meisterhaft historische Fakten mit einer atemlosen Gegenwartsjagd verknüpft und die Frage stellt: Was geschieht, wenn die Vergangenheit niemals ruht?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Duisburg-Duissern und Innenstadt, 
14./15. Oktober 1944

Kapitel 1

Duisburg, Rathaus am Burgplatz, 
Montag, 13. Mai 2019

Kapitel 2

Duisburg Innenstadt, 
Hotel Mercure im Averdunk-Centrum

Kapitel 3

Duisburg Buchholz, 
im Garten der Familie Haubrich

Kapitel 4

Duisburg, Salvatorkirche, 
18. Oktober 1944

Kapitel 5

Polizeipräsidium Duisburg, Düsseldorfer Straße
Dienstag, 14. Mai 2019

Fiskus-Friedhof, Duisburg-Neumühl

Kapitel 6

Duisburg Innenstadt, 
City Palais

Kapitel 7

Polizeipräsidium Duisburg, 
Hauptkommissar Müllers Büro

Kapitel 8

Duisburg-Wanheimerort, 
Seniorenheim der Arbeiterwohlfahrt

Kapitel 9

Jonathan Dawsons Haus 
(in einem Tal nahe Moselkern)

Kapitel 10

Irgendwo in Duisburg

Kapitel 11

Duisburg-Baerl, Karl Geigers Wohnsitz, 
Mittwoch, 14. Mai 2019

Kapitel 12

Duisburg-Baerl, 
Karl Geigers Haus

Kapitel 13

Duisburg-Innenstadt, auf dem Sonnenwall, Konditorei Heinemann
Donnerstag, 16. Mai 2019

Kapitel 14

Duisburg-Duissern
Appartement der Kripo Duisburg 
für auswärtige Einsatzkräfte

Irgendwo in Duisburg

Kapitel 15

Duisburg-Ungelsheim, Am Grünen Hang
Donnerstag, 16. Mai 2019, 17:30 Uhr

Kapitel 16

Nittenau, nahe bei Regensburg
23. Oktober 1944

Kapitel 17

Duisburg-Duissern 
Appartement der Kripo Duisburg

Kapitel 18

Nieder-Olm, Landkreis Mainz-Bingen, 
Weingut Wolfsmühle; Freitag, der 17. Mai 2019

Kapitel 19

Duisburg-Meiderich, Spessartstraße
Freitag, 18. Mai 2019

Kapitel 20

An Bord einer Junkers Ju 252
25. Oktober 1944, 8:40 Uhr, Flughöhe 4000 Meter

Kapitel 21

Evangelische Gustav-Adolf-Kirche in Nieder-Olm
Samstag, 19. Mai 2019

Kapitel 22

In einem Keller irgendwo in Duisburg
19. Mai 2019

Kapitel 23

Polizeipräsidium Duisburg, Düsseldorfer Straße
Sonntag, 20. Mai 2019

Kapitel 24

Alt-Hamborn, Königstraße
Sonntag, 23. Mai 2019

Kapitel 25

Zoo Duisburg
Sonntag, 23. Mai 2019, später Nachmittag

Kapitel 26

Polizeipräsidium Duisburg, Verhörraum 1
Sonntag, 23. Mai 2019, 20:30 Uhr

Kapitel 27

Konzentrationslager Duisburg-Ratingsee
März 1944

Kapitel 28

Polizeipräsidium Duisburg, Verhörraum 1
Sonntag, 23. Mai 2019, 21:20 Uhr

Kapitel 29

Irgendwo in Duisburg
Sonntag, 23. Mai 2019, 22 Uhr

Kapitel 30

Apartment Duissernstraße
Sonntag, 23. Mai 2019, 23:35 Uhr

Kapitel 31

Duisburg-Hamborn
Montag, 24. Mai 2019

Kapitel 32

Nordhafen Duisburg-Walsum
Gelände der Firma Carlsen & Winter

Kapitel 33

Duisburg Innenstadt, Salvatorkirche
April 1945

Kapitel 34

Evangelisches Krankenhaus Duisburg-Fahrn
Montag, 24. Mai 2019

Irgendwo in Duisburg

Kapitel 35

Duisburg Innenhafen
Montag, den 24. Mai 2019, 19 Uhr

Kapitel 36

Polizeipräsidium Duisburg
Dienstag, 25. Mai 2019, 9:00 Uhr

Kapitel 37

Duisburg-Neuenkamp
Dienstag, 25. Mai 2019, 13:00 Uhr

Duisburg Laar, Katholische Kirche St. Ewaldi, 15:15 Uhr

Irgendwo in Duisburg

Kapitel 38

Polizeipräsidium Duisburg, großer Konferenzsaal
Mittwoch, 26. Mai 2019, 9:30 Uhr

Kapitel 39

Nettetal, Versuchsstation »Krimhild«
Anfang Oktober 1944

Kapitel 40

Regattabahn Duisburg
Mittwoch, 26. Mai 2019, 13:30 Uhr

Irgendwo in einem Keller in Duisburg

Kapitel 41

Duisburg-Hamborn
Mittwoch, 26. Mai 2019, 17:30 Uhr

Kapitel 42

Pfarrkirche St. Sebastian in Nettetal-Lobberich
Oktober 1944

Kapitel 43

Polizeipräsidium Duisburg
Donnerstag, 27. Mai 2019, 8:30 Uhr

Kapitel 44

Nettetal, Versuchsanstalt »Krimhild«
Oktober 1944

Kapitel 45

Uhlenhorst, Mülheim an der Ruhr
Donnerstag, 27. Mai 2019, 15:30 Uhr

Irgendwo in Duisburg

Kapitel 46

Sechs-Seen-Platte
Donnerstag, 27. Mai 2019, 18:30 Uhr

Irgendwo in Duisburg

Kapitel 47

Büro der Privatdetektei Fiedler
Freitag, 28. Mai 2019, 9:00 Uhr

Kapitel 48

Nettetal, Versuchsanstalt »Krimhild«
Oktober 1944

Kapitel 49

Auf der Stadtautobahn A 59 in Richtung Innenstadt
Freitag, 28. Mai 2019, 10:30 Uhr

Annas Paradies, Mülheim an der Ruhr, Innenstadt

Kapitel 50

Polizeipräsidium Duisburg
Freitag, 28. Mai 2019, 14:30 Uhr

Irgendwo in Duisburg

Kapitel 51

Appartement Duissern
Freitag, 28. Mai 2019, 18:30 Uhr

Parkhaus, Theater am Marientor

Ditib Merkez Moschee, Duisburg-Marxloh

Blockhütte im Uhlenhorst

Staatsanwaltschaft Duisburg, 
Neudorf – Koloniestraße

Kapitel 52

Duisburg Hamborn-Altmarkt
Freitag, 28. Mai 2019, 20:30 Uhr

Irgendwo in Duisburg

Blockhütte im Uhlenhorst

Kapitel 53

Duisburg-Marxloh, Schrebergarten »Kleine Emscher«
Freitag, 28. Mai 2019, 19:30 Uhr

Die Blockhütte im Uhlenhorst, kurz vor 22 Uhr

Kapitel 54

Irgendwo in Duisburg

Kapitel 55

Das Anwesen von Baron von Selz
Freitag, 28. Mai 2019, 23:30 Uhr

Kapitel 56

Das Anwesen von Baron von Selz
Freitag, 28. Mai 2019, 23:35 Uhr

Kapitel 57

Das Anwesen von Baron von Selz
Samstag, 20. Mai 2019, 00:20 Uhr

Kapitel 58

Provisorische Isolierstation im Untersuchungsgefängnis; Montag, 22. Mai 2019, 10:30 Uhr

Kapitel 59

Krypta der Kirche St. Ewaldi
Montag, 22. Mai 2019, 11:45 Uhr

Kapitel 60

Rom, Vatikanstadt
Mai 2019

Kapitel 61

Residenz von Sascha Brinkmann & Jonathan Dawson in Moselkern; Samstag, 25. Mai 2019, 17 Uhr

Auf ein Wort …

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Impressum

Prolog

Duisburg-Duissern und Innenstadt, 14./15. Oktober 1944

Vollalarm!

Die Sirenen heulen. Es ist schrill, laut, nicht neu, aber immer wieder ein erbärmlich schmerzhafter Stich ins Herz. Sie kommen. Die Bomber der Alliierten, Hunderte, Tausende. Menschen rennen um ihr Leben, versuchen, schnell den nächsten Bunker oder einen Luftschutzkeller zu erreichen.

»Verdammt, so früh kommen die Hunde sonst nie!«

Ein VW-Kübelwagen rattert die Königsberger Allee entlang.

»Schneller, Butsche, schneller!«

Das Dröhnen der Flugzeugmotoren kommt näher, dumpf, Unheil verheißend, die Luft vibriert, die Bäuche der stählernen Ungetüme sind gefüllt mit Tod und Verderben. Sprengbomben, Brandbomben, Stabbomben mit und ohne Zeitzünder.

Viertel vor neun.

»Holen Sie alles raus aus dem verdammten Wagen, Junge. Sie wissen, um was es geht!«

Phosphor fließt von einem grauen Himmel voller Flugzeuge, die Bomben, aufgereiht wie eine Formation von Zugvögeln, stürzen herab. Häuser blähen sich auf, platzen wie überreife Tomaten, dazwischen aufflammende Brände, Schreie von Zurückgebliebenen.

Operation Hurricane.

Duisburg ist, neben Braunschweig und der Sorpe-Talsperre, das Hauptziel des Angriffs. Das Bomberkommando der Royal Air Force. Eintausenddreizehn Maschinen, Lancaster-Bomber, Halifax und Mosquitos.

»Da sind überall Bombentrichter, Standartenführer. Ich kann nicht schneller fahren.« Verzweifelt kurvt der Gefreite Kurt Kröger, genannt Butsche, um die Löcher in der Straße, während um den Wagen herum die Hölle ausgebrochen ist. »Wir brauchen einen Schutzraum! Da kommen wir niemals ungeschoren durch.«

SS-Standartenführer Wilhelm von Hasselt starrt mit glühenden Augen in den Himmel, die Fäuste geballt.

»Verdammt, warum feuert unsere Flak nicht?« In den Stellungen rund um das Ruhrgebiet leisten fünfzehn-, sechzehnjährige Jungen und rüstige Rentner Dienst als Flakhelfer. Das stolze Dritte Reich wirft die letzten Reserven in die Schlacht. Der Volkssturm! Kriegshilfsdienst, wie harmlos sich das anhört.

»Die haben unsere Stellungen bestimmt mit der ersten Welle plattgemacht«, brüllt Kröger und zwingt den Wagen auf die Hansastraße. »Die Tommys haben jetzt Störgeräte, unser Radar erkennt sie zu spät.« Links neben dem Kübelwagen geht eine Stabbombe nieder. Dreck und kleine Steinbrocken fliegen den beiden ins Gesicht. »Hier kommen wir nicht durch. Wir müssen einen Bunker finden!«, schreit Kröger gegen das Inferno an.

Der Himmel färbt sich blutrot, die Brände greifen um sich. Das schrille Heulen der fallenden Bomben, noch immer ist kein Ende abzusehen. Sirenen kämpfen gegen das Crescendo an. Wind kommt auf, der alles noch schlimmer macht, die Feuer weiter anfacht.

»Die konzentrieren sich auf die Innenstadt, das Industriegelände und die Hafenanlagen.« Rechts und links fallen Häuser in sich zusammen. Welle um Welle schwebt dröhnend über die blutende und brennende Stadt. »Das können die doch nicht machen, das ist zu viel, das ist einfach nicht richtig! Hier treffen die doch nur Zivilisten!« Kröger bremst hart.

Von Hasselt sieht hektisch auf eine Karte des Stadtviertels Duissern. Ein rascher Blick fällt auch auf den Koffer. Der Koffer, der so unglaublich wichtig ist, für das Reich, für den Führer, für den Endsieg.

»Wenden Sie, Kröger! Am Ende der Königsberger Allee befindet sich ein Luftschutzbunker. Nun machen Sie schon! Oder wollen Sie hier verrecken?«

Die Brauerstraße ist nur noch ein Schutthaufen. Kröger steuert den Wagen über den Bürgersteig, kurvt gekonnt zwischen den Bombentrichtern hindurch. Die Prinz-Albrecht-Straße ist noch halbwegs instand geblieben, nicht so die parallel liegende Prinzenstraße, dort wurde kein einziges Haus verschont.

Kurz nach neun Uhr.

Es hört nicht auf. Die größte Luftoperation des Zweiten Weltkrieges ist noch in vollem Gange. Die seit Ende 1943 in den Wäldern des Duisburger Südens eingesetzten moderneren Radaranlagen können den Anflug der feindlichen Bomber nicht rechtzeitig melden, da die neuen Störsender der Alliierten perfekt funktionieren. Abwehrwaffen und geschultes Personal sind nicht mehr ausreichend vorhanden. Die wenigen intakten Fliegerhorste sind zu weit weg, kaum noch Maschinen, noch weniger erfahrene Piloten. Das Ende ist nah.

»Nur noch ein Stück, Kröger.« Der hoch aufragende Bunker kommt in Sicht. Der massive, stahlverstärkte Beton hat den Angriffen standgehalten. Links neben der Straße schlägt eine Bombe ein. Ein Baum wird entwurzelt. Brennend neigt er sich auf die aufgeplatzte Straße. Der Gefreite bremst. Zu spät, um auszuweichen! Der Kübelwagen prallt auf den lodernden Stamm. Flackernde Äste fallen, brennenden Pfeilen gleich, herab. Krögers Uniform fängt Feuer, unglaublich schnell wird er zu einer taumelnden Fackel. Er schreit vor Schmerzen, aber seine Stimme geht im heulenden Inferno fast unter.

SS-Standartenführer Wilhelm von Hasselt klemmt sich den Koffer unter den linken Arm, mit der Rechten zieht er seine Walther P 38. Ohne zu zögern, schießt er Kröger in den Kopf.

»Mehr kann ich nicht für dich tun, Junge.« Da ist kein Mitleid, keine Anteilnahme. Von Hasselt war am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast, als Reichsminister Joseph Goebbels seine wegweisende Rede an das deutsche Volk hielt, um den totalen Krieg einzufordern, und hatte seine fanatische Zustimmung laut bekundet. Heiser war er danach. Er hat nie gezweifelt, ist seinen Überzeugungen immer treu geblieben, und jetzt transportiert er einen Koffer, der in diesem schier aussichtslosen Weltenbrand die Wende für das geschlagene Reich bringen soll, durch dieses tödliche Chaos.

Der Eingang des Bunkers wird von zwei jungen Grenadieren bewacht. Eingeschüchtert durch die Rangabzeichen des SS-Mannes und das blitzende Eiserne Kreuz, geben sie den Weg sofort frei.

Von Hasselt rümpft angewidert die Nase. Die Menschen kauern im Inneren dicht an dicht, der Bunker ist vollkommen überfüllt, die Luft geschwängert von Schweiß, Urin und Angst. Es ist fast dunkel. Winzige Gaslampen an den Wänden verbreiten schummriges Licht. Keuchen, leises Jammern, weinende Kinder, furchtbar viele Kleinkinder, die noch keine Milch bekommen haben und frisch gewickelt werden müssten. Draußen regiert die Hölle, drinnen die Hoffnungslosigkeit. Die Menschen weichen vor ihm zurück, so gut es geht. Die Bunkertür aus massivem Stahl bleibt nur einen Spalt geöffnet. Der Offizier presst stumm den Koffer an seine Brust. Was soll er diesen desillusionierten Menschen auch schon verkünden – die Mär vom großen Endsieg?

Aber es ist kein Märchen, noch kann es gelingen. Seine rechte Hand, in einem feinen Lederhandschuh, streicht andächtig über den massiven Metallkoffer. Mit dem Zeigefinger zeichnet er das eingravierte Hakenkreuz nach.

Vierzig Minuten dauert der verheerende Angriff. Über dreitausend Tonnen Sprengbomben und mehr als achthundert Brandbomben verwandeln Duisburg endgültig in eine sterbende Gluthölle.

Dann endlich Entwarnung. Die Menschen verlassen schweigend den Bunker. Geschlagen und verwundet wie ihre brennende Stadt. Obdachlos, auf der Suche nach Angehörigen, Freunden, Nachbarn, einer Notunterkunft, etwas Essbarem.

Von Hasselt verlässt die Verlorenen wortlos. Notgedrungen marschiert er durch das Chaos in Richtung Innenstadt. Im noch halbwegs intakten Rathaus sucht er den Polizeipräsidenten auf, verlangt eine Passage nach Gütersloh. Im dortigen Fliegerhorst wird er erwartet, dort muss er das wertvollste Objekt des Dritten Reiches abliefern. Ein Befehl direkt aus dem Führerhauptquartier, unterzeichnet vom größten Schlachtenlenker aller Zeiten.

Welch eine Ehre …

»Nichts zu machen vor morgen früh.« Alles Insistieren hilft nicht. Er muss warten. Dann kommt die Nacht, und es beginnt erneut. Die Alliierten überschreiten die Grenze der Menschlichkeit. Duisburg ist längst geschlagen, zerstört, ein tödlich getroffener, brennender Trümmerhaufen, aber in zwei Wellen starten noch einmal mehr als tausend Maschinen. Innerhalb von achtzehn Stunden fallen neuntausend Tonnen Bomben. Die Zivilbevölkerung soll demoralisiert, die Luftüberlegenheit demonstriert werden. Natürlich werden auch militärische Ziele angeflogen. Die August-Thyssen-Hütte, die DEMAG, Gaskraftwerke in Hamborn-Alsum und Homberg, der große Binnenhafen.

Aber der Plan geht nicht auf. Die Menschen verfluchen die Alliierten, doch sie sind noch immer nicht gebrochen. Sie rücken enger zusammen, helfen, wo es geht, sie beten und hoffen.

Am Montag, dem 16. Oktober 1944, macht sich von Hasselt auf den Weg. Er hat einen neuen Fahrer bekommen, der Koffer befindet sich jetzt in einem großen Rucksack. Sein Wagen passiert den Friedhof am Sternbuschweg. Es gibt nicht mehr genug Särge. Auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang liegen Berge von Leichen, und es werden immer mehr. Ein Lastwagen nach dem anderen kommt angefahren und entlädt seine Fracht. Junge Frauen versuchen, die Menschen zu identifizieren, suchen nach Papieren an den zerfetzten Körpern, nach Fotos, Hinweisen auf die ausgelöschten Existenzen.

»Warum lässt Gott das zu?« Auf dem Rücksitz des dunkelblauen Mercedes-Benz sitzt neben von Hasselt Pater Gottfried. Der Standartenführer hat nicht nach einem Familiennamen gefragt, er hält die Kirche für überflüssig, der Nationalsozialismus ist ihm Religion genug. Zähneknirschend hat er der Begleitung zugestimmt. Der Pfaffe soll in Bergkamen aussteigen und dort in einem Lazarett arbeiten. »All die armen Menschen …«

»Wir müssen unser Schicksal eben selbst in die Hand nehmen.« Von Hasselt hasst diese frömmelnde Sprechweise. »Nur den wahrhaft Standhaften wird letztendlich der Sieg gehören. Dazu benötigen wir keinen Gott, sondern Stahl und Waffen.«

Eingeschüchtert faltet der Kirchenmann die Hände. Die unzähligen Toten, die zerstörte Stadt, die brennenden Häuser, die oft zornigen Gesichter der Überlebenden sprechen eine andere Sprache. Zornig nur dann, wenn sie nicht schon leer sind.

»Ich bete für den Frieden«, sagt Gottfried leise. »Es muss aufhören, eine ganze Generation wird ausgelöscht. Was soll nur aus diesem Land werden, wenn alle Männer sterben?«

Ein Blick aus eisgrauen Augen durchbohrt den zweifelnden Mann.

»Sie sollten sich schämen. Wie alt sind Sie?«

»Zweiundvierzig.«

»Sie können ein Gewehr halten, oder nicht?«

»Ich bin ein Mann der Kirche«, begehrt Gottfried auf.

Von Hasselt lacht spöttisch. »Nein, Sie sind ein feiges Arschloch. Verkriechen sich scheinheilig hinter Kreuzen und der Bibel, anstatt Ihren Beitrag für das Vaterland zu leisten. Aber Sie werden noch erleben, wie wir mit Geschmeiß Ihrer Art umgehen, wenn wir diesen Kampf erst entschieden haben.« Der Wagen hält an. Ungeduldig beugt sich von Hasselt nach vorn. »Was ist jetzt wieder los, ich habe es eilig.«

»Die Eisenbahnbrücke ist eingestürzt«, gibt der Fahrer gleichgültig zurück. »Ich kann versuchen, am Wedaustadion vorbeizufahren, vielleicht sieht es auf dem Kalkweg besser aus.«

»Dann tun Sie das gefälligst!«

»Aber da vorn liegen zwei Fliegerbomben am Straßenrand. Noch nicht entsorgt. Viele von den Dingern besitzen Zeitzünder.« Der Fahrer, sicher noch keine zwanzig Jahre alt, verzieht skeptisch sein Gesicht.

»Fahren! Sofort!«

Der Unteroffizier kuppelt krachend den Gang ein. Der Wagen rollt an. Zehn Sekunden später detoniert erst die eine Bombe, dann, durch die Erschütterungen animiert, die zweite. Der Mercedes ist genau auf Höhe der tödlichen Fallen. Von Hasselt sitzt auf der Beifahrerseite. Die Druckwelle lässt die Fenster platzen, der Wagen wird angehoben, prallt auf die Straße zurück, rutscht mit dem Heck voran in den neuen Bombentrichter. Zwei ausgeschlagene Metallstreben der Beifahrertür bohren sich in von Hasselts Eingeweide. Der Fahrer und der Pater haben Glück gehabt. Die linke Seite des Mercedes ist noch intakt.

Benommen taumeln die beiden durch die verbeulten Türen. Gottfried kriecht auf die andere Seite des Wagens. Von Hasselts Beine ragen in unmöglichen Winkeln aus der aufgeplatzten Beifahrertür. Der Pater nimmt die kalte Hand des Standartenführers. Da ist noch ein schwacher Puls.

»Der Koffer …« Von Hasselt zittert. Er flüstert angestrengt. Der Rucksack mit dem so wichtigen Koffer liegt keine drei Meter entfernt am Kraterrand. Gottfried sieht die Metallstangen, die sich weit in den Brustkorb des Offiziers geschoben haben. Innere Organe müssen schwer verletzt worden sein. Blutiger Schaum bildet sich auf den Lippen des Offiziers. Mit letzter Kraft packt von Hasselt Gottfrieds Hand. Seine Augen glühen in einem fanatischen Feuer. »Im Rucksack … ist ein Koffer.«

»Ja?«

»Nach Gütersloh … zum Fliegerhorst.«

Pater Gottfried spürt, wie das Leben unter seinen Händen schwindet. Er spricht ein lautloses Gebet.

»Bitte … Gütersloh … Hauptmann Konrad.« Jetzt ist von Hasselt kaum noch zu verstehen. »Wichtig … so wichtig.« Keine Minute später ist es vorbei.

»Ist der Drecksack hinüber?« Der junge Fahrer ist aus der Mulde geklettert und blickt gleichmütig auf den Standartenführer. Gottfried sieht auf und nickt. Der Junge spuckt angewidert aus. »Verdammter Edelnazi.« Urplötzlich weint er. »Alles ist kaputt. Kein Haus mehr, gestern Nacht ist meine Verlobte verbrannt. Wir müssen endlich aufgeben. Das hat doch keinen Sinn mehr.« Er wendet sich ab. »Meine große Liebe ist tot, aber ich habe noch meine Mama in Bayern. Ich hau ab. Ich kann einfach nicht mehr. Bitte, verpfeifen Sie mich nicht.«

»Lass dich nicht erwischen, Junge. Die fackeln nicht lange mit Deserteuren.«

»Sie können ja für mich beten, Pater.« Ohne ein weiteres Wort verschwindet der junge Mann.

Gottfrieds Blick fällt auf den Rucksack. »Was kann so wichtig sein?«, murmelt er ratlos. Kopfschüttelnd krabbelt er aus dem Trichter, er ist fast draußen, als er sich anders besinnt. Rutscht die zwei Meter auf seinem Hosenboden zurück und nimmt den Koffer an sich.

Sein Bischof nimmt die Order zurück. Pater Gottfried wird in Duisburg bleiben und helfen, wo er nur kann, und ja, lieber Gott, es gibt so unendlich viel zu tun in dieser sterbenden Stadt.

Kapitel 1

Duisburg, Rathaus am Burgplatz, Montag, 13. Mai 2019

»Gott, wie ich diese offiziellen beweihräuchernden Veranstaltungen hasse.« Die schwarze Anzughose sitzt verdammt eng, kein gutes Zeichen, eher eine Warnung. »Warum mussten die auch Angies Verabschiedung mit der Einführung des neuen Duisburger Superbullen zusammenlegen? So ein Blödsinn.«

»Du bist selber ein Superbulle, Jonathan Dawson«, schmunzelt Sascha Brinkmann vergnügt neben mir. Der Innenminister legt sich umständlich seine vorbereitete Ansprache auf dem Rednerpult zurecht und legt los. »Außerdem sieht der angehende Chef der Kripo wirklich vorzeigbar aus. Balthazar Müller.« Sascha zieht die Nase kraus. »Wenn schon ein Allerweltsfamilienname, dann wenigstens ein ausgefallener Vorname. Ich finde ihn sexy.«

»Pfft.«

»Zwar barhäuptig, aber möglicherweise blaue Augen, muss ich mal aus der Nähe betrachten, ziemlich durchtrainiert, da kann man nicht meckern. Echt eine smarte Erscheinung. Aber wir sollten jetzt still sein, sonst müssen wir noch an die Tafel oder uns in eine Ecke stellen, mit dem Gesicht zur Wand natürlich.«

»Die übliche Strafe fürs Schwätzen«, vermute ich. Sascha schafft es immer wieder, mich erst aufzuziehen und dann zum Lachen zu bringen.

»Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, Verwandte, Freunde, Vertreter der Presse, ich hoffe, ich habe niemanden vergessen.« Der Innenminister lächelt jovial in die Runde. Angelika Haubrich, die gute Seele der Duisburger Kriminalpolizei, sitzt direkt neben Hauptkommissar Müller und fühlt sich sichtlich unwohl in ihrer Ausgehuniform und in so exponierter Position. »Wir haben uns zu diesem Festakt versammelt, um einerseits eine herausragende Kollegin in den wohlverdienten Ruhestand zu verabschieden, und andererseits den neuen Chef der Duisburger Mordkommission willkommen zu heißen.« Angie hätte die Anzugjacke nicht zuknöpfen sollen. Die Gefahr einer explosionsartigen Befreiung des eingezwängten Busens ist akut. Unsere Blicke treffen sich. Ich nicke ihr aufmunternd zu. Sie lächelt verkniffen zurück.

Ich sehe einige bekannte Gesichter, angesichts der vergangenen achtzehn Monate nicht verwunderlich. Ich denke an den Serienmörder Jürgen Hollerbach, der Sascha und mich fast das Leben gekostet hätte, dann an seinen mutmaßlichen Rächer Sören Bröker, unter anderem ein psychopathischer Vatermörder. Meine Heimatstadt hat mir nicht sehr viel Wohlwollen entgegengebracht. Zwei Reihen vor mir sitzt Jessica Wald, meine Jugendliebe, wie üblich in einem perfekten FBI-Outfit: schwarzes Kostüm, weiße Bluse, High Heels. Unsere Begrüßung fiel recht distanziert aus. Ganz das Gegenteil war das Wiedersehen mit der Lokalreporterin Meryem Yildiz. Bröker hatte im letzten Jahr ihre Lebensgefährtin Kerstin ertränkt. Wir mussten ihren Tod live am Handy miterleben. Schrecklich. Ich werde diese Minuten niemals vergessen, selbst wenn ich Johannes Heesters an Jahren überflügeln sollte, wovon ich nicht wirklich ausgehe.

Inzwischen hat Hauptkommissar Müller die Bühne geentert. Ich höre nur halb zu. Das Übliche: Ich freue mich, hier zu sein, eine große Aufgabe, ein neuer Lebensmittelpunkt, eine spannende Herausforderung, ach nee, wie toll Duisburg doch ist, bla bla bla, der übliche Sermon eben.

Adrian Kaczor, irgendwie ein Unglücksrabe, bleibt also weiterhin nur die Nummer zwei im Dezernat. Staatsanwalt Malte von Bönighausen, neben ihm sein maskenhaft lächelnder Vater Kurt, Großunternehmer, Bonze, Lobbyist.

Jetzt ist Angie an der Reihe. Ihre grauen Locken frisch toupiert. Sieht irgendwie falsch aus, künstlich, so ist sie nicht. Tränen fließen. Das Kommissariat wird ohne sie nicht mehr dasselbe sein. Ein riesiger Blumenstrauß, Beifall, trampelnde Füße, der neue Boss umarmt Angie linkisch. Dann ist es überstanden. Die Reihen lösen sich auf.

»Auf zu den Kanapees«, freut sich mein rothaariger Derwisch.

Sascha Brinkmann, seit fast fünf Jahren meine Kollegin in unserer kleinen Sondereinheit des BKA zur Bekämpfung von Kapitalverbrechen. Seit anderthalb Jahren meine Gefährtin, meine Wildlingsbraut, mein besseres Ich. Ich hätte niemals gedacht, dass ich einen Menschen so gernhaben könnte. Gefährlich und in unserer Branche eigentlich ein absolutes No-Go, aber bis jetzt ist es gutgegangen, und Berlin toleriert diese Beziehung.

»Hoffentlich ist was Fischiges dabei.« Sascha, die waschechte Ostfriesin.

Ein uniformierter Kollege kämpft sich durch die schwatzenden Grüppchen bis zu Müller. Aufgeregt redet er auf den neuen Chefermittler ein.

»Kommst du?« Sascha zupft am Ärmel meines Blazers.

»Geh schon vor.«

Sie hakt sich achselzuckend bei Meryem ein und verschwindet im Nebenraum. Müller runzelt die Stirn. Er winkt Kaczor zu sich heran. Ein hitziger Austausch. Plötzlich wirken die Mienen der drei Männer verkniffen. Da muss etwas passiert sein.

Halt dich da raus, Jonathan, ist nicht deine Baustelle …

Fast alle Gäste tummeln sich inzwischen am Buffet. Wein und frisch gezapftes König Pilsener werden gereicht, Stimmung und Lautstärke steigen. Unsere Blicke kreuzen sich. Müller wirkt einen Moment unentschlossen, dann kommt er, Kaczor im Schlepptau, auf mich zu.

»Kommissar Dawson.«

Fester Händedruck, offener Blick, tatsächlich ziemlich blaue Augen, er mag vielleicht vierzig sein.

»Ich habe schon viel von Ihnen gehört und die Ereignisse in den letzten beiden Jahren mitverfolgt. Kommissarin Brinkmann und Sie haben eine turbulente Zeit hinter sich gebracht.«

»Kann man so sagen. Gehören Sie zu unserem Fanclub oder eher nicht?«

Er lächelt fein. »Sagen wir es mal so, Sie und Ihr Team leisten fantastische Arbeit, da muss man die eine oder andere … persönliche Note tolerieren.«

»Ich denke, damit können wir leben.« Ich finde ihn doch ganz in Ordnung. »Ihr erster Arbeitstag …« Ich lasse das Ende des Satzes offen. Mal sehen, ob der Herr Hauptkommissar gewillt ist, sich zu offenbaren.

»So ist es. Ich weiß nicht, ob ich das gut finden soll, kaum im Amt, schon geht es los. Obwohl, ein Mord ist natürlich nie gut.« Bingo!Wusst’ ich’s doch … »Wir haben einen toten Priester in Duisburg-Laar. Der Mann wurde vor einer knappen Stunde in der Sakristei der Sankt-Ewaldi-Kirche tot aufgefunden.«

»Kommissar Dawson ist nicht im Dienst«, schnarrt Kaczor mürrisch. »Wir sollten ihn damit nicht belasten.«

Okay, wir mögen uns nicht wirklich.

»So? Nun, das dürfen Sie getrost mir überlassen«, gibt Müller ruhig, aber bestimmt zurück.

»Bevor ich mich weiter langweile, würde ich gerne hören, was passiert ist.« Ich hebe die linke Augenbraue. Kaczor verzieht genervt das Gesicht. »Wie wurde der gute Hirte denn ins Jenseits befördert?«

»Nach den eben erst mündlich erhaltenen Informationen ist die Todesursache noch ungeklärt. Es scheint etwas pikant zu sein. Pater Hermann wurde offensichtlich gefoltert. Einzelheiten sind mir noch nicht bekannt, aber es sieht so aus, als wäre er an den Folgen der Misshandlungen gestorben.«

»Gefoltert? Das hört sich nicht gut an. Könnte eine üble Geschichte werden.«

»Tja, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Pater Hermann kurz vor seinem sechsundachtzigsten Geburtstag stand.«

»Das ist in der Tat eine ungewöhnliche Geschichte.«

»Schon möglich, aber sicher nicht Ihre«, fährt Kaczor dazwischen. »Ich fahre jetzt zum Tatort, wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Hauptkommissar.«

»Nur zu, Kollege Kaczor. Ich erwarte Ihren Bericht, dann sehen wir, wie wir weiter vorgehen.« Kaczor gönnt mir einen letzten grummelnden Blick, dann macht er sich auf den Weg. »Jetzt würde ich gern Frau Brinkmann kennenlernen.«

»Unser neuer Chef scheint ja über keinerlei Berührungsängste zu verfügen.« Jessica dreht ihr Weinglas nachdenklich in der Hand. Zur Feier des Tages trägt sie ihre langen blonden Locken ungebändigt.

»Anscheinend eine rechte Frohnatur«, kommentiere ich wenig begeistert. Flirtet der etwa ungeniert mit Sascha?Wahrscheinlich weiß er nicht, dass wir zusammen sind, woher denn auch.

»Eifersüchtig?« Jessica schmunzelt belustigt.

»Ich? Ach was, Sascha ist ein Freigeist. Ich bin schließlich kein Spießer.«

»Du bist ein erstklassiger Ermittler, Jonesy, aber was persönliche Dinge und gekonntes Flunkern angeht, ein Mann mit erheblichen Defiziten. Was dich aber durchaus liebenswert macht.«

Ich sehe ertappt auf meine ausgelatschten schwarzen Schuhe. Da müsste mal was Neues her. Jess und ich haben viel zusammen durchgemacht, gefangen in einem Verlies, einem irren Serienkiller ausgeliefert, dann, knapp ein Jahr später, in meinem eigenen Haus an der Mosel, den Tod vor Augen. Sören Bröker, der Psychopath. Dazu kommt unsere Beziehung aus der Jugendzeit, die erste echte große Liebe, das hakt man niemals ganz ab.

Sie stupst mich an. »Was gab es denn Aufregendes?«

»Ein toter Priester in Laar.«

»Ups.«

»Ja, den bekommst du in den nächsten Stunden auf den Tisch, spätestens morgen. Der Gute war fast sechsundachtzig Jahre alt.«

»Du liebe Güte. Wer bringt denn einen klerikalen Rentner um?«

»Das ist noch nicht alles, laut Müller wurde er zu Tode gefoltert.«

Sascha lacht, und Müller legt, rein zufällig, eine Hand auf ihre Schulter. Ich denke, ich mag ihn doch nicht. So ein aufdringlicher Schwätzer.

»Eine alte Rechnung vielleicht, Jonesy, das Thema Missbrauch ist doch gerade mal wieder topaktuell.«

»Ja, mag sein.«

»Na ja, ist ja nicht dein Fall. Wie lange bleibt ihr noch in Duisburg?« Jetzt legt Jessica mir eine Hand auf die Schulter. Ein guter Konter. »Hallo, Houston, haben wir ein Problem mit der Kommunikation?«

»Entschuldige. Wir werden morgen abreisen. Du weißt doch, Eddie heiratet am Wochenende, also düsen wir nach Nieder-Olm.«

Eduard Klus, früher festes Mitglied unserer Dreiergang, jetzt Winzer. Und, wie er gern stolz verkündet, freischaffender Berater des Bundeskriminalamtes. Ein genialer EDV-Nerd, der uns manchmal noch hilft.

»Ich weiß, ich bin auch eingeladen, ich komme aber erst am Freitag, habe vorher keinen Urlaub bekommen.«

»Das freut mich, Jess, also, äh, ich meine natürlich, dass du auch dabei bist.« Kopfschüttelnd löse ich mich von dem Zwiegespräch zwischen dem neuen Hauptkommissar und meiner Lebensgefährtin. »Was gibt’s Neues bei dir?«

»Ich habe niemanden am Start«, gibt die leitende Forensikerin zurück.

»Oh, das wollte ich gar nicht wissen.«

»Doch, genau das wolltest du wissen.«

»Verdammt.«

»Ja, das ist die Sache mit dem offenen Buch, in dem man lesen kann, wenn man den Autor gut kennt.« Ein Kellner reicht Schwarzbrotschnittchen mit Lachs. »Nach der Enttäuschung mit unserem Staatsanwalt tut mir eine Beziehungspause ganz gut.« Malte von Bönighausen, Duisburger Shooting-Star, Liebling der Medien, aber letztendlich in Jessicas Gunst durchgefallen. »Mal sehen, vielleicht schnappe ich mir bei Eddies Hochzeit einen feschen Winzer.«

»Das klingt nach einem Plan.«

»Nicht wahr?« Sie lächelt hintergründig. »Und wer weiß, womöglich kandidiere ich dann im nächsten Jahr bei der Wahl zur Miss Nieder-Olm.«

»Meine Stimme hast du.«

Kapitel 2

Duisburg Innenstadt, Hotel Mercure im Averdunk-Centrum

»Ziemlich redseliger Typ.«

»Balthazar?«

»Oh, wir sind schon per du?«

Sascha sieht mich feixend an. Auf MTV läuft gerade Shakira, Whenever, Wherever. Die drahtige Ostfriesin tanzt ausgelassen im Stil der Kolumbianerin.

»Oh, du bist so süß, wenn du eifersüchtig bist.«

»Also, so was kannst du dir abschminken, ich und eifersüchtig, sicher nicht.«

Es ist halb sieben, um acht sind wir bei Angelika Haubrich eingeladen. Nur ein kleiner Kreis auserwählter Freunde und Kollegen. Zum Glück ist ausdrücklich keine Kleiderordnung vorgesehen. Zwei schnelle Drehungen, schon schlingen sich Saschas Arme um meinen Nacken. Ihre sprühende Lebensfreude raubt mir den Atem.

»Er ist nicht wie du«, flüstert sie. Ihre Sommersprossen glühen, ihre blauen Augen verschießen süße Blitze. Mehr muss nicht gesagt werden. Ich bemühe mich, halbwegs relaxt zu wirken. Mein Handy brummt aufdringlich. »Erst ein Kuss.« Wer wollte da widersprechen? »Okay, jetzt darfst du rangehen.«

Es ist Jens Berger, unser Vorgesetzter in Berlin. Ich kann kaum glauben, was er mir gerade übermittelt. »Ist das wirklich Ihr Ernst? Moment, ich stelle Sie auf Lautsprecher, dann kann Frau Brinkmann mithören.«

»Hallo, Chef.«

»Ah ja, hallo Frau Brinkmann, nun, dann will ich noch mal kurz zusammenfassen.« Berger ist knapp vierzig Jahre alt. In der Krise im letzten Jahr stand er hundertprozentig hinter uns. »Ich habe gerade eine Anfrage aus Duisburg erhalten. Genauer gesagt eine Bitte des neuen Leiters der Mordkommission, Balthazar Müller. Der Polizeipräsident unterstützt allerdings sein Anliegen. Es hat wohl heute einen nicht ganz alltäglichen Mord an einem sehr alten Priester zu beklagen gegeben.«

»Wir hörten davon«, werfe ich, wenig begeistert, ein.

»Müller ist neu in der Stadt, er ist Franke und kennt sich mit den Gepflogenheiten im Ruhrgebiet noch nicht aus, deshalb die Bitte aus Duisburg, Sie beide, als ausgewiesene Duisburg-Kenner, dazu noch Experten für skurrile Fälle, für diesen Fall abzuordnen.«

»So ein Blödsinn. Das ist ein stinknormaler Mord, das werden die wohl alleine auf die Kette bekommen. Ich sehe wirklich keine Notwendigkeit, uns hier einzusetzen.«

»Im Grunde gebe ich Ihnen recht, Dawson, aber ich darf Sie daran erinnern, dass die Menschen in Duisburg Ihnen allen im letzten Jahr sehr geholfen haben. Sie und die beiden Damen haben einen Serienmörder hingerichtet und sind mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Das haben Sie nicht zuletzt dem überwältigenden Votum der Duisburger Bürgerinnen und Bürger zu verdanken.«

»Ja«, gebe ich kleinlaut zu.

»Na, sehen Sie.«

»Aber …«

»Kein Aber. Ich ordne Sie und Brinkmann bis zur Aufklärung des Mordes an Pater Hermann nach Duisburg ab.«

»Herr im Himmel.«

»Sehen Sie, schon sind Sie voll im theologischen Geschäft«, lacht Berger fröhlich. »Außerdem habe ich keinen dringenderen Fall für Sie beide.«

»Aber …«

»Ende der Durchsage, Dawson. Im Übrigen nervt dieses andauernde aber. Ich erwarte, über die Ermittlungen auf dem Laufenden gehalten zu werden. Einen schönen Abend noch.«

»Schon wieder Duisburg.« Genervt lasse ich mich aufs Hotelbett fallen. »Langsam kommt mir das vor wie die Jahre von Harry Potter in Hogwarts. Nur ist es bei uns in jedem Schuljahr ein neuer Mordfall.«

»Aber am Ende bringen sie Voldemort mit vereinten Kräften zur Strecke. Ist doch gut.«

»Nur, bei uns gibt es jedes Mal einen neuen Voldemort. Das ist total ätzend.«

»Ich finde, ich gebe eine verdammt gute Hermine Granger ab.«

Wird der Tag kommen, an dem Sascha mal keine passende Antwort parat hat?

Kapitel 3

Duisburg Buchholz, im Garten der Familie Haubrich

Jede Menge Menschen. Das kleine Gartengrundstück, das zum Reihenhaus der Familie Walter und Angelika Haubrich gehört, ist rappelvoll. Der Hausherr hat seine geliebten Arcus-Boxen auf der Fensterbank platziert. Der King schmalzt Are You Lonesome Tonight, danach folgt der Jailhouse Rock. Einige Hüften zucken verschämt im Takt der Musik.

»Wow, tolle Stimmung hier«, freut sich Sascha. »Old school, da stehe ich drauf.« Sie wirft mir einen verschwörerischen Blick zu. »Du ja auch, wie wir alle wissen.« Perry Como löst Elvis ab. Catch A Falling Star. Ich atme auf, keine Schlager, es könnte doch ein halbwegs netter Abend werden …

Angelika kommt auf uns zu gerauscht. Sie trägt eine weit geschnittene Tunika mit bunten Ornamenten, einen verwegenen violetten Schal locker um den Hals geschlungen, spiralförmige goldene Ohrringe. Zunächst wird Sascha geherzt, dann bin ich dran. Wie gut, dass das Wetter mitspielt.

»Ach, ich bin so glücklich und gleichzeitig unendlich traurig. Beides zugleich, geht das eigentlich?« Walter kommt mit einem Tablett voller Sektgläser.

»Prösterchen, ihr Lieben. Oh, die Platte ist gleich zu Ende. Muss schnell drehen. Amüsiert euch.« Schon ist er wieder weg. Walter steht auf Vinyl, die einzig wahre Art, Musik zu genießen, behauptet er. Wir stoßen an.

»Und? Was ist der Plan Numero Eins?«, will Sascha wissen. Walter ist knapp zehn Jahre älter als Angelika und bereits seit geraumer Zeit im Ruhestand.

»Ach, ich weiß nich so recht, vielleicht ’n paar Tage anne Mosel. Muss mich erst mal an die viele Freizeit gewöhnen.« Angelika seufzt herzerweichend. »Dat is ja ganz übel mit dem Pater Hermann.«

»Du kanntest den Mann?«, wundere ich mich. Immerhin ist Duisburg-Laar ziemlich weit weg von Buchholz.

»Nee, na ja, nich so richtig. Ich war mal auf einem seiner Vorträge. Da hat er von seiner Jugendzeit erzählt. Ihr wisst schon, Zeitzeugen und so. Die sterben ja irgendwann aus. War verdammt spannend. Mensch, wat die alles mitgemacht haben im Krieg.« Angie leert ihr Glas in einem Zug. »So, jetzt aber weg mit der Brause. Wollt ihr ’n Köpi?«

»Ich dachte schon, du fragst nie«, stimme ich grinsend zu.

»Dafür ist der Karl zuständig.« Angelika deutet auf einen grauhaarigen, schlanken Endsechziger, der gekonnt das Duisburger Pilsener in schräg gehaltene Gläser laufen lässt.

»Sag mal, das ist doch nicht etwa Karl Geiger?«

»Sicher doch.«

»Liebe Güte. Mein Geschichtslehrer am Landfermann-Gymnasium.«

»Und, hattet ihr ein gutes Verhältnis?« Da ist wieder Saschas hintergründiges, verschmitztes Lächeln. »Sicher warst du ein Musterschüler.«

»Na ja. Ich geh mal rüber und besorge uns eine Gerstenkaltschale.«

»Nur Mut, du musst höchstens ein bisschen nachsitzen.« Ihr Gesicht hellt sich auf, als sie den qualmenden Grill entdeckt. »Du das Pils, ich die Würstchen.«

»Deal.«

Ich kämpfe mich durch die Trauben schwatzender Menschen. Geiger schaut kurz auf, dreht wieder am Zapfhahn, runzelt die Stirn und sieht mir mit hochgezogenen Augenbrauen ins Gesicht.

»Dawson?« Mist, er hat mich erkannt. »Jonathan Dawson?«

»Herr Geiger?« Ich tue mal erst wie Tulpe, also total überrascht. »Schön, Sie nach all den Jahren wiederzusehen.«

»Sie haben in der Klausur über die Weimarer Republik geschummelt.« Himmel, das weiß er noch? »Sie haben dem faulen Siggi Kaminski einen Zettel zugeschoben.«

»Ich erinnere mich gar nicht«, verteidige ich mich lahm.

»Ich hab’s durchgehen lassen.« Sein Blick ist immer noch respekteinflößend. »Weil der blöde Sack sonst durchgefallen wäre. Der war ja nicht von Hause aus dumm, nur faul.«

»Ja, das war verdammt nett von Ihnen, so hat der Siggi wenigstens die Mittlere Reife bekommen.«

»Jetzt hat er seine eigene Kfz-Werkstatt.«

»Sehen Sie, gute Taten zahlen sich aus.«

»Wie dem auch sei, Ihr Aufsatz über die Rolle der Kirchen in der NS-Zeit war ein Licht in der Dunkelheit des erschreckend schwachen Leistungskurses.« Plötzlich grinst er und reicht mir ein Glas mit einer phänomenalen Tulpe. Er hat’s echt drauf. »Und nun jagen Sie Schwerverbrecher.« Er hält einen Moment inne. »Kein leichter Job, oder?«

»Nein, kann man nicht sagen. Zum Wohl.« Geiger zischt das Null-Komma-Zwei-Glas in einem Zug weg. Genießerisch wischt er sich mit dem Handrücken den Schaum aus seinem Oberlippenbart. Ich brauche einen zweiten Ansatz.

»Ich habe die beiden vorangegangenen Fälle, so gut es ging, mitverfolgt.« Er nimmt zwei frische Gläser in Angriff. »Mein lieber Scholli, das waren harte Nummern, soweit ich das aus der Distanz beurteilen kann.«

»Kann man so sagen.«

»Und ich dachte immer, Sie würden auch mal Lehrer werden.« Ich zucke lächelnd mit den Schultern. »Na ja, das ist immerhin ein artverwandter Beruf. Man ist als Lehrkraft auch ständig in diverse … Fälle verwickelt.«

»Ja, kann ich mir denken.«

»Was treibt Sie denn ins schöne Duisburg?« Geiger stellt fünf gezapfte Biere auf den Tisch neben der Zapfanlage, die sofort Abnehmer finden.

»Eigentlich wollten meine Partnerin und ich, das ist übrigens die rothaarige Hexe dort drüben am Grill, Sascha Brinkmann, nur zu Angelikas Verabschiedung kommen, aber jetzt hat Duisburg einen neuen Leiter der Mordkommission bekommen, Balthazar Müller, ein Franke, und dieser Mensch hat nichts Besseres zu tun, als in Berlin um unsere Unterstützung zu bitten.«

»Ach, was ist denn passiert, dass man die Hilfe eines Sonderermittlers anfordert?« Geiger scheint wirklich interessiert zu sein.

»Ein sechsundachtzigjähriger Priester in Laar wurde ermordet.« Ich schlürfe den Schaum meines zweiten Bieres ab. »Das an sich ist schon nicht alltäglich. Anscheinend wurde der arme Mann aber auch noch zu Tode gefoltert.«

»Oh Gott!« Geiger ist sichtlich betroffen. »Doch nicht etwa Pater Hermann?«

Ich runzele die Stirn. Der Mann scheint recht bekannt gewesen zu sein.

»Leider doch.« Das Gesicht meines ehemaligen Geschichtslehrers wird aschfahl. »Sie kannten ihn persönlich?«

»Ein guter, aufrechter Mann.« Seine Hände zittern, er vergisst den geöffneten Zapfhahn. Der Gerstensaft fließt in die Auffangschale. Ich nehme mir die Freiheit und schließe den Hahn.

»Herr Geiger, geht es Ihnen nicht gut?« Die Nachricht hat ihn anscheinend schwer getroffen.

»Nein, alles in Ordnung. Er war Mitglied meines Buchclubs. Also, eher ein gern gesehener Gast. Ich habe ihn immer mal wieder eingeladen, vor allen Dingen, wenn es um Literatur im Zusammenhang mit dem Dritten Reich ging.«

»Okay.« Hinter mir wächst die Schlange der Durstigen beträchtlich an. »Wie wäre es, wenn ich Sie mal kurz ablöse?«

Walter wechselt die Schallplatte. Mick Jagger röhrt Sympathy For The Devil. Geiger setzt sich auf einen Klappstuhl. Sein Blick geht in den Himmel. Ich mühe mich mit dem Bierzapfen ab. Nach einer Weile habe ich den Bogen raus. Sascha kommt mit zwei duftenden Bratwürsten, Kartoffelsalat und einem halbierten Schweinesteak zu mir.

»Es geht schon wieder.« Geiger nimmt seinen Platz an der Zapfanlage wieder ein. »Nun mampfen Sie mal in aller Ruhe. Oh, Verzeihung, ich bin unhöflich. Einen schönen guten Abend, Kommissarin Brinkmann.«

»Hu, nun mal nicht so förmlich«, erwidert sie, bestens gelaunt. »Wie war er denn so auf dem Gymnasium? Seien Sie ruhig ehrlich.«

»Ach, eigentlich war er ganz okay.« Er lächelt müde. »Kein Überflieger, aber sehr sozial eingestellt, und wenn es um neuere Geschichte ging, richtig gut.«

»Hört sich doch passabel an.« Sie reicht mir den Teller. »Ich bin auch ganz zufrieden mit ihm. Die meiste Zeit ist er ein recht lieber Kerl.« Sie drückt mir einen Kuss auf die Wange.

»Sie sind … ein Paar?«, staunt der ergraute Lehrer. »Geht das denn? Ich meine, so rein beruflich.«

»Meistens sehr gut. Mögen Sie ein Stück vom Steak?«

Er schmunzelt. Die tiefe Betroffenheit fällt von ihm ab. »Sehr gern.« Sascha spießt ein Stück auf und reicht ihm die Gabel.

»Ich hoffe, Sie finden das Schwein schnell«, sagt er.

»Wie bitte?«

»Herr Geiger ist, ähm …, war mit Pater Hermann … befreundet? Oder ist das zu viel in einen Buchclub hineininterpretiert?«

»Nein, das kann man ruhig so sagen. Hermann und mich verband die Liebe zur Geschichte, insbesondere die des Ruhrgebietes. Ich werde ihn vermissen, den alten Haudegen.«

Aus den Augenwinkeln erspähe ich Jessica, die Chefpathologin der Duisburger Kripo. Ihre langen blonden Haare fallen überall auf. »Wenn ihr mich entschuldigt, ich will kurz mit Jessica über die Obduktionsergebnisse sprechen.«

»Nur zu, ich gehe Herrn Geiger ein bisschen zur Hand und spüle die angesabberten Gläser. Hau mal schnell noch die halbe Wurst weg.«

Ich gebe mein Bestes und kämpfe mich anschließend durch die ausgelassene Meute. Jessicas stechend blaue Augen taxieren mich aufmerksam.

»Na, sieh mal einer an, kaum in Duisburg zu Besuch und schon wieder einen neuen Fall an den Hals gehängt bekommen.«

»Dein neuer Chef hat in Berlin gebettelt«, entschuldige ich mich. »Sekt, Bier oder Wein?«

»Alles, sehr gern in dieser Reihenfolge. Mir ist noch immer ganz schummrig vom aktuellen Fall. Ich habe ja im Laufe der Jahre schon viel gesehen, aber was diese Verbrecher mit dem alten Mann angestellt haben, verschlägt mir die Sprache.« Ich schnappe mir schnell zwei Gläser Rotwein. Jessica kippt den Wein wie eine Apfelschorle. »Die haben ihm die Fingernägel rausgezogen und Salz in die Wunden gestreut.«

»Scheiße …«

»Überall Brandflecken, auf dem ganzen Körper.«

»Kippen?«

»Nein, schlimmer, ich vermute eine Art Brenner oder Lötkolben.« Sie atmet schwer, schließt kurz die Augen. »Besorg mir noch ein Glas, bitte.«

»Hier, nimm meines, ich trinke heute lieber Bier.«

»Danke.« Diesmal leert sie nur das halbe Glas. »Aber an diesen Folterungen ist Pater Hermann nicht gestorben, Jonathan.«

»Nein? Woran dann? Herzversagen, Schlaganfall?«

»Durch eine Kopfverletzung, die er sich meiner Meinung nach selbst beigebracht hat. Die Stirnpartie ist komplett eingedrückt. Er muss mit einer Urgewalt den Schädel auf eine Kante geschlagen haben. Wahrscheinlich in einem unbeobachteten Moment oder als ihn sein Peiniger mal verlassen hat.«

»Eine Tischkante?«

»Gut möglich. Ich kann nicht sagen, ob er sofort tot war, aber sicher danach zu keiner sinnvollen Äußerung mehr fähig. Er wollte sich weiteren Folterungen entziehen.«

Ein Schauer läuft mir den Rücken herunter. »Er hat sich selbst gerichtet?«

»So schaut es aus.« Sascha kommt mit zwei frisch gezapften Gläsern zu uns herüber. Ich informiere sie schnell über Jessicas Ergebnisse.

»Er wollte sich wohl weitere Folter ersparen«, resümiert auch meine Partnerin. Ich wünsche mich nach Moselkern, in unser beschauliches Häuschen, mehr eine Hütte, in einem fast vergessenen Tal. »Die Kardinalfrage lautet jedoch: Warum wurde ein sechsundachtzigjähriger katholischer Priester so schrecklich misshandelt?«

»Da fallen mir spontan genau zwei Motive ein. Erstens aus Rache, verbunden mit Selbstjustiz, weil der gute Pater womöglich nicht so fromm daherkam, wie er es eigentlich hätte sein sollen. Die eigentlichen Verfehlungen liegen womöglich weit in der Vergangenheit, als der Gute noch im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte und Säfte war.«

»Deshalb hat das Opfer oder ein Angehöriger das Recht in die Hand genommen?« Jessica schüttelt skeptisch den Kopf. »Ich weiß nicht. Warum erst jetzt im hohen Alter?«

»Auch dafür gäbe es Gründe. Vielleicht wurde jetzt erst entlarvt.«

»Tja.« Beide Frauen sind wenig überzeugt.

»Okay, Variante zwei: Er trug ein Geheimnis mit sich herum, welches der oder die Entführer aus ihm herauspressen wollten.« Sie sehen mich immer noch skeptisch an. »Na schön, haben die Damen bessere Ideen anzubieten?«

Sascha zieht die Nase kraus. »Geheimnisse, die in seinem hohen Alter erst ans Tageslicht gezerrt werden sollen?«

»Wie auch immer, das ist euer Bier, ihr Sonderermittler von einem anderen Stern«, gibt Jessica müde zum Besten. »Apropos Bier, wo stehen denn hier die Weinflaschen?« Schon leicht schwankend strebt sie auf Angelika zu.

»Geht es ihr gut?«, fragt Sascha zweifelnd.

»Das war wohl ’ne verdammt harte Nummer, selbst für eine so erfahrene Pathologin wie Jess.« Der unvergleichliche Freddie Mercury singt: I Want To Break Free. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir auf eine wirklich üble Sache gestoßen sind.

»Brauchen wir Eddie?« Sascha flüstert fast.

»Wir werden sehen, was wir morgen in Sachen Zeugenbefragungen bewegt bekommen, außerdem heiratet er am Samstag, da wird er andere Sorgen haben.«

»Meryem, wie schön, dich hier wiederzusehen.«

Die türkischstämmige Lokaljournalistin drückt mir zwei herzhafte Küsse auf die Wangen. »Ich freue mich auch, Jonathan. Fast ein Jahr ist seit den furchtbaren Ereignissen mit Bröker Junior vergangen.« Sie ist gut einen Kopf kleiner als ich, aber ein unglaubliches Energiebündel. Sie hat live am Telefon miterleben müssen, wie ihre Lebenspartnerin ertränkt wurde.

»Wie geht es dir?«

»Das Leben geht weiter, irgendwie, aber ich bin ein anderer Mensch, Jonathan. Es fällt mir schwer, loszulassen und Freude zu empfinden. Lachen ist eine selten genutzte Fähigkeit, aber es wird besser.« Sie lächelt warmherzig. »Ich vermisse Kerstin noch immer ganz furchtbar.«

In mir krampft sich alles zusammen, wenn ich an die schrecklichen Geräusche am Telefon zurückdenke. Die furchtbar entschlossene Stimme des Mörders, die letzten Worte der sterbenden Journalistin. Die Ohnmacht, die Verzweiflung, der unbändige Hass auf den Täter.

»Und jetzt?« Meryem lächelt ironisch. Ihre unglaubliche schwarze Mähne hat sie kunstvoll zu einem Pferdeschwanz geflochten, durch den sich ein goldener Faden windet. »Im Mittelalter wärest du wohl als Hexenmeister durchgegangen. Kaum in Duisburg angekommen, passiert der nächste Mord.«

»Ja, wirklich kaum zu glauben, aber noch schlimmer ist die Tatsache, dass mein Chef in Berlin uns zur Unterstützung abkommandiert hat.«

»Oh, wie schön«, freut sich Meryem.

»Wie man’s nimmt«, gebe ich säuerlich zurück.

»Dann kann ich euch endlich mal zu mir nach Hause einladen. Ich mache Kuru Fasulye Pilav, das ist weißer Bohneneintopf mit Reis. Als Vorspeise gibt es Kuttelsuppe, ist eine Spezialität von mir.«

»Kutteln, äh … Pansen?«

Sie lacht herzlich. »Keine Bange, mein Lieber, das wird euch schmecken. Du isst doch auch dieses schreckliche Labskaus in Ostfriesland. Hab Vertrauen.« Sascha palavert derweil mit dem Hausherrn. Wahrscheinlich wünscht sie sich einen besonderen Song. »Was ist das für eine Sache mit diesem alten Priester?«

»Hm? Duisburg scheint ja ein Dorf zu sein, so schnell, wie sich Neuigkeiten herumsprechen. Aber ja, das ist übel. Bitte veröffentliche zunächst mal keine Einzelheiten, geht das?«

»Ich kenne ja gar keine«, bekennt sie achselzuckend.

»Du erfährst alles, aber ich muss dich bitten, dich an meine Vorgaben zu halten.«

»Ay, Kapitän«, frotzelt Meryem. »Morgen geht ihr auf die Pirsch?«

»Sieht so aus. Ich weiß noch nicht, wo wir ansetzen werden. Mal sehen, was Kaczor schon an Arbeit vorgeleistet hat.«

Sascha winkt mir ausgelassen zu.

»Ich schätze, du musst tanzen, Kommissar.«

Sascha hat sich Eric Clapton gewünscht. WonderfulTonight.

»Zum Glück ein Blues«, stelle ich erleichtert fest. Sekunden darauf legt sie die Arme um meinen Nacken. Gemächlich wiegen wir uns im Takt der Musik.

»Das gönnen wir uns noch«, wispert sie mir ins Ohr. »Wer weiß, was ab morgen auf uns zukommt.«

Es ist immer noch angenehm warm. Der Duisburger Mond ist fast voll. Der Garten verwandelt sich in eine Tanzfläche. Angelika entzündet Fackeln. Eine wundervoll entspannte Atmosphäre macht sich breit. Karl Geiger telefoniert. Jessica tanzt mit Meryem. Was für ein schönes Bild.

Kapitel 4

Duisburg, Salvatorkirche, 18. Oktober 1944

Aus dem geschlossenen dunklen Wagen steigen zwei in schwarze Ledermäntel gehüllte Männer.

»Gestapo.«

Das Wort allein verbreitet Angst und Schrecken. Der junge Messdiener Hermann und sein Freund Gustav rennen die Stufen hinab in den Keller. Die Atmosphäre ist gespenstisch. In einer Ecke des provisorisch hergerichteten Andachtsraumes unter der großen Kirche brennt eine schlichte weiße Kerze auf einem kleinen Altar. Drei ältere Frauen knien mit gesenkten Köpfen davor. An der Stirnwand hängt ein Kruzifix, das im flackernden Licht eher beklemmend als Mut spendend wirkt.

»Vater, da oben sind zwei Männer in einem blank geputzten Auto angekommen. Die sehen ziemlich fies aus.«

Pater Gottfried schmunzelt. Er mag es, wenn ihn seine Schutzbefohlenen Vater nennen, und er liebt den unverfälschten Kindermund. Die Frauen sehen ihn erschrocken an, Misstrauen im Blick. Unausgesprochene Fragen. Hat er etwas Verbotenes getan? Wird es auf sie abfärben? Kommen die Schergen ihn holen?

Gottfried nimmt eine Bibel zur Hand.

Oben hört man Stimmen, dann Schritte von Stiefeln, die die Treppe herabkommen. Das Leder der langen Mäntel knirscht, als die Männer den Raum betreten. Die Mienen überlegen, die Augen erfassen jedes Detail.

»Gottfried Lange?« Die Stimme des Größeren ist emotionslos.

»Pater Gottfried ist vollkommen ausreichend.« Der Mann Gottes ist nicht so leicht einzuschüchtern. Er sieht die beiden Mitglieder der Geheimen Staatspolizei so gelassen wie möglich an. Die drei Frauen bekreuzigen sich und schleichen förmlich an den Besuchern vorbei. Nur schnell weg! Wer weiß, was als Nächstes geschehen wird.

»Wir haben einige äußerst wichtige Dinge zu klären.« Die Stimme des zweiten, gedrungenen Polizisten ist voller, umgänglicher.

»Ich stehe den Herren zur Verfügung. Können die Jungen gehen? Die Burschen haben ihren Dienst für den heutigen Tag bereits verrichtet.«

Der große, kantige Mann nickt gnädig.

»Gut, Hermann, wir sehen uns morgen früh um acht. Vielen Dank für deine Hilfe, grüß mir deine Mutter.« Gottfried streicht den beiden Jungen über die kurz geschorenen Haare, dann rennen die Knaben die Stufen hinauf.

»Sie waren vor drei Tagen Beifahrer im Wagen von SS-Standartenführer Wilhelm von Hasselt.« Gottfried nickt. »Der Kamerad ist vor dem Feind geblieben und hat das Reich treu bis zum letzten Atemzug verteidigt.« Der Geistliche überlegt, ob der hochrangige Offizier jemals echte Feindberührung erlebt hat. Diese vor ihm stehenden Büttel Hitlers jedenfalls nicht. »Von Hasselt war in einer Mission der höchsten Priorität unterwegs. Seine Order bekam er direkt aus dem Führerhauptquartier.« Der Große redet, der Kleinere beobachtet Gottfried. Die zwei sind ein eingespieltes Team.

»Aha. Sein Ableben ist sicherlich tragisch und ein großer Verlust für das Reich, aber was hat das mit mir zu tun?«

»Der Herr Standartenführer führte einen Koffer mit sich.«

»Ja, ich erinnere mich«, bekennt Gottfried. Es hätte keinen Sinn, die Existenz dieses anscheinend so wichtigen Gegenstandes zu leugnen.

»Dieser Koffer ist von existenzieller Bedeutung für das Reich«, schnarrt der Offizier. Seine Hände ballen sich kurz zu Fäusten. »Konnten Sie ihn bergen?«

»Ich? Nein.«

»Was ist dann damit geschehen?«

Gottfrieds Knie werden weich. Jedes falsche Wort kann jetzt Verhaftung, Folter und unsagbares Leid bedeuten. Nur nicht umdrehen, der Koffer steht unangetastet in dem kleinen Schränkchen unter dem Altar. Dort bewahrt Pater Gottfried die Hostien auf, eine kleine Flasche Messwein und ein verschlissenes Käppi. Nur nicht unsicher wirken, schnell antworten, jedes Zögern kann negativ ausgelegt werden. Aber was antworten?

»Der Fahrer hat ihn an sich genommen.« Augenblicklich kommt er sich schäbig vor, wie Petrus, der Jesus dreimal verleugnete. Nun wälzt er die Last auf einen Unschuldigen ab, von dem er hofft, dass er unversehrt bei seiner Familie in Bayern angekommen ist. »Der Koffer wurde auf den Gehsteig geschleudert.«

»Weiter!«, fordert der Erste ungeduldig.

»Ich blieb bei dem Herrn Standartenführer.«

»Er war doch längst tot«, zischt der Zweite.

»Nein, er lebte noch. Ich blieb bei ihm, hielt seine Hand und spendete ihm die Sterbesakramente.«

»Unsinn, ich kannte von Hasselt persönlich. Er hat nie etwas mit euch Pfaffen zu tun haben wollen«, sprudelt es aus dem kleineren Mann heraus. Sie haben sich nicht einmal mit Namen vorgestellt.

»Sie würden sich wundern, wie sich die Ansichten von Menschen im Angesicht des Todes ändern.« Herr, bitte stehe mir bei…

»Was geschah dann, nun reden Sie schon!«

»Ich sah nur aus den Augenwinkeln, wie der Fahrer den Koffer an sich nahm und in Richtung Stadion verschwand. Mehr kann ich Ihnen nicht berichten. Er hat wohl gehofft, etwas Brauchbares darin zu finden. Vielleicht etwas Essbares. Viele Menschen in Duisburg hungern, wissen Sie das eigentlich?«

»Wie heißt der Kerl?«

»Keine Ahnung. Karl mit Vornamen, glaube ich, oder Karlheinz vielleicht. Ich kam erst kurzfristig dazu. Ich sollte nach …«

»Das interessiert niemanden.« Die beiden Nazi-Schergen sehen sich an.

Wenn sie den Schrank untersuchen, bin ich ein toter Mann!

»Wir werden uns ein wenig umsehen.«

Vorbei, es ist vorbei!

»Wo ist Ihre Wohnung?«

»Meine Wohnung?«

»Meine Güte, sind Sie schwer von Begriff?«, bellt der Größere. »Wo betten Sie Ihren feigen Arsch zur Ruhe?«

»Ach so, ich schlafe in einer Kammer des Gemeindehauses. Das steht noch, nun, zumindest bis heute Morgen.«

»Dann los, Marsch, voran.«

Sie schieben ihn vor sich her, durchwühlen sein kleines Zimmer, dann das ganze Haus. Sie finden nichts Verdächtiges, beschließen, bei der hiesigen Kommandantur nach dem Fahrer zu fahnden.

Der Kleinere spuckt ihm vor die Füße. »Wenn Sie uns belogen haben, Pfaffe, dann buchen Sie bei Ihrem lieben Gott schon mal ein Plätzchen in der ersten Reihe.« Dann fahren sie davon.

Pater Gottfried ist schlecht, seine Hände zittern und seine Knie sind weich. Er spricht ein Gebet für den jungen Fahrer, dann kehrt er in die Notkirche zurück.

Der Koffer … er muss verschwinden!

Kapitel 5

Polizeipräsidium Duisburg, Düsseldorfer StraßeDienstag, 14. Mai 2019

»Oh Mann, was ist denn hier los?« Sascha kneift die Augen skeptisch zusammen. »Hektik pur, ist ja wie in einem Bienenschwarm.«

»Fragt sich nur, wer die Königin ist.« Mein Kopf fühlt sich an wie eine Kirchenglocke, die permanent geschlagen wird. »Ich hätte doch ein zweites Aspirin nehmen sollen.«

»Ach, komm schon, das war ein cooler Abend. Ich wusste gar nicht, dass du so gut tanzen kannst.«

»Tja, ist doch schön, wenn man immer noch was Neues entdecken kann.« Warum nur ist sie so unglaublich fit und frisch, die Ostfriesin hat keine Runde ausgelassen, egal ob Bier, Wein oder Korn.

»Und singen kannst du auch noch ganz passabel.«

»Singen?« Verdammt, ich kann mich gar nicht entsinnen …

»Marmor, Stein und Eisen bricht.« Sie strahlt mich an. »Mensch, du und Wolfgang habt den Garten zum Beben gebracht. Eindrucksvolle Show, echt.«

»Oh Mann, ich vertrage einfach nichts mehr.«

»Wir müssen mal ins Trainingslager.«

»Besser nicht.« Schlimm, wenn jedes Wort zu viel wird.

Wir betreten das Gebäude durch den Personaleingang. Zwei jüngere Kollegen hasten an uns vorbei. In der ersten Etage treffen wir direkt auf Adrian Kaczor, dessen Gesicht hektische Flecken aufweist.

»Adrian, was ist los?«, frage ich irritiert.

»Sind Sie so was wie ein schwarzer Engel, Dawson?« Der schlaksige Ermittler sieht mich durchdringend an. Irgendwie erinnert mich Kaczor heute an eine jüngere Version von Monk. »Ein Todesbringer auf Rekordjagd? Wie hießen die noch bei Harry Potter? Todesser!«

»He, nun mal halblang«, interveniert Sascha. »Wir wissen ja nicht mal, was überhaupt Sache ist.«

»Ich sage nur Friedhof Fiskusstraße.«

»Was wird das, eine Ratestunde?«, fährt sie den einen Kopf Größeren an. »Wir haben uns den Mist nicht ausgesucht. So schön ist Duisburg auch wieder nicht. Ihr neuer Chef hat uns angefordert, also verhalten Sie sich gefälligst professionell und kooperativ.« Ich nicke beifällig, während er seinen inneren Schweinehund unterdrückt. »Also, wir sind ganz Ohr, Herr Kommissar.«

»Es gibt einen weiteren Toten. Ein Friedhofsgärtner, wenn ich das richtig verstanden habe, im Duisburger Norden.« Kaczor atmet tief durch. Trotz der bereits recht ordentlichen Temperaturen Mitte Mai trägt er immer noch seinen obligatorischen schwarzen Rollkragenpulli unter einer grauen Anzugjacke. »Ein Kopfschuss.«

»Das ist scheiße, aber ganz sicher nicht meine Schuld«, erinnere ich ihn trocken. »Adrian, hören Sie, lassen Sie uns einfach den Mord an diesem Priester schnell aufklären, dann sind Sie uns los, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«

»Meinetwegen, ich fahre jetzt zum Tatort«, brummt er. »Wollen Sie mit?«

»Das klingt nach einem Plan«, stimmt Sascha sofort zu. »Frische Luft wird diesem älteren Herrn guttun.«

Ich verdrehe die Augen gen Himmel. Wir fahren auf die A 59 in Richtung Dinslaken. Ich habe mich auf die Rückbank verdrückt. Der Verkehr in die Gegenrichtung nach Düsseldorf ist, wie an jedem Morgen zwischen sieben und neun Uhr, mörderisch. Langsam klärt sich mein Geist. Ich könnte jetzt eine eiskalte Cola vertragen.

»Wer hat das Opfer denn gefunden?« Die Ostfriesin ist bereits voll im Ermittlungsmodus.

»Die Ehefrau, das muss ziemlich heftig gewesen sein. Heute Morgen um halb acht, die zehnjährige Tochter ist ab zur Schule, und Muttern stellt fest, dass ihr Ehemann weg ist, beziehungsweise nicht in seinem Bettchen schlummert.«

»Das hat sie erst morgens gemerkt?«, wundert sich Sascha. »Seltsam, oder?«

»Vielleicht auch nicht, der Mann war nicht nur Friedhofsgärtner, sondern auch so eine Art Verwalter und Hausmeister in Personalunion. Die Familie bewohnt ein kleines Häuschen auf dem Gelände, in der Nähe der Kapelle.«

»Puh, das ist ja gar nicht gruselig.«

»Glauben Sie an Geister, Frau Brinkmann?« Kaczor produziert ein winziges Lächeln. »The Walking Dead? Vielleicht an den Klabautermann?«

»Oh Mann, was haben wir gelacht«, stöhnt sie. »Rücken Sie lieber mit vernünftigen Infos raus, bevor Sie hier den zweitklassigen Comedian geben.«

Verärgert dreht er das Radio lauter. Irgendein hirnloser Plastik-Hit aus den Charts, an den sich in einem Jahr kein Mensch mehr erinnern wird. »Ich weiß auch nicht mehr«, gibt Kaczor unwirsch zurück. »Humorloser Kopfschuss, Ende der Durchsage.«

Fiskus-Friedhof, Duisburg-Neumühl

Der Weg kommt mir endlos vor. Hier könnte ich mich verirren, die Gänge sehen alle ziemlich gleich aus; nur wenn ich auf die Grabsteine sehe und mir die Sterbedaten vor Augen führe, erkenne ich, dass wir uns in den älteren Teil des Friedhofes vorarbeiten. Kaczor hingegen scheint sich auszukennen. Zielstrebig nimmt er eine Abzweigung nach der anderen. Sascha ist seltsam still und in sich gekehrt. So kenne ich sie eigentlich nur, wenn sie sich nicht wohlfühlt.

»Alles okay?«, frage ich leise.

»Friedhöfe sind nix für mich«, gesteht sie halblaut. »Immer wenn ich durch diese Reihen von Grabsteinen laufe, sehne ich mich nach dem Meer, nach salziger Luft und einem weiten Himmel. Ich möchte dann nur schnell weg.« Für einen kurzen Moment nimmt sie meine Hand. »Ziemlich dämlich, oder?«

»Ach was, das ist halt dein persönliches Befinden.«

Am Ende des Weges biegen wir ein letztes Mal links ab. Ein abseits gelegenes Areal. Hier haben sich Stille und Besinnlichkeit verflüchtigt. Mindestens ein Dutzend Beamte sowie die Spurensicherung sind eifrig am Werk. Wir schieben uns unter dem Flatterband, das den Tatort absperrt, hindurch. Ich erspähe fünf alte, zum Teil schon verwitterte Grabsteine. Mächtige Buchen säumen die kleine Lichtung.

Jessica ist schon vor Ort. Wenn ich das richtig sehe, steht sie in einem ausgehobenen Grab. Wir gehen über einen gepflegten Rasen bis zu der Grabstelle, und wahrhaftig, die Ruhestätte wurde aufgebuddelt.

»Liebe Güte, das ist nichts für mich«, seufzt Sascha betroffen. »Was ist denn hier abgegangen?«

Das Bild, das sich uns darbietet, wirkt tatsächlich extrem verstörend. Am Fußende des offenen Grabes liegt das Opfer, ein geschätzt Mittdreißiger, lange Beine, die Füße berühren den Abschluss des Sarges. Die Kugel ist fast in der Mitte der Stirn eingedrungen, der Mund des Mannes ist halb geöffnet, wie zu einem stummen Schrei. Die Augenlider hat wahrscheinlich jemand geschlossen.

»Guten Morgen, ihr zwei.« Jessicas blaue Augen funkeln im Sonnenlicht. »Kein schöner Anblick.«

»Nee, kann man nicht sagen.« Sascha wagt sich einen Schritt näher heran. »Scheiße, die haben den Sarg aufgemacht! Das ist Leichenschändung!«

Der Sargdeckel liegt weit hinter dem Grabstein. Mein Blick fällt auf die Inschrift: Pater Gottfried, 1909 – 1979. Im Inneren des teilweise vermoderten Holzsarges sind zwischen einem aufgerissenen, porösen Talar bleiche Knochen zu sehen, allerdings nicht mehr in ihrer angestammten Formation. Das Skelett wurde anscheinend auseinandergepflückt, möglicherweise ganz aus dem Sarg gehoben und dann einfach wieder hineingeworfen.

»Jess …«

»Ja, mein Lieber, die Täter haben keinen Stein auf dem anderen gelassen, oder besser gesagt keinen Knochen dort belassen, wo er eigentlich hingehört. Der Schädel wurde wahrhaftig auseinandergenommen, zertrümmert, ich schätze mal mit einem Hammer oder einer schweren Zange.«

Kaczor umrundet die Grabstätte. Sein Gesicht ist verschlossen, wie die Miene meiner Partnerin, die nur ungläubig den Kopf schüttelt und hektisch atmet.

»Wir haben es offensichtlich mit zwei Straftatbeständen zu tun. Hilfst du mir mal aus der Grube, bitte?« Jess reicht mir ihre in einem blauen Einweghandschuh steckende Hand. »Zum einen die Grabschändung, inklusive der vollständigen Zerstörung des Skeletts, zum anderen ein Mord.«

»Sie meinen, die beiden Sachen stehen möglicherweise in gar keinem kausalen Zusammenhang?« Kaczor sieht sie und mich abwechselnd fragend an.

»Das würde ich vermuten.« Jessica, die in einem Ganzkörperschutzanzug steckt, entledigt sich ihrer Kopfhaube. »Ich denke, das primäre Ziel der Verbrecher war das Grab, beziehungsweise dessen Inhalt.«

»Der alte Kirchenmann?«, stöhnt Sascha ungläubig. »Kaum zu glauben. Der hat doch keine Reichtümer mitgenommen.«

»Hat die Spurensicherung etwas gefunden?«, frage ich, ohne große Hoffnung.

Jessica streift jetzt den Plastikanzug komplett ab. Darunter verbirgt sich ihr unnachahmliches FBI-Outfit. Nur die klobigen Gummistiefel passen nicht ins Gesamtbild.

»Nichts Verwertbares. Sieh dir nur das Chaos an, der oder die Täter haben hier zwar mächtig gewütet, aber keinerlei Spuren hinterlassen. Nun, zumindest können wir von zwei Personen ausgehen, das lässt sich anhand der unspezifischen Fußabdrücke nachweisen. Mehr aber auch nicht, die Täter haben wahrscheinlich Gummiüberzieher über den Schuhen getragen.«

»Also Profis«, vermutet Kaczor.

»Sieht so aus.«

»Das Primärziel war also das Grab von Pater Gottfried, der im Juni neunundsiebzig von uns gegangen ist.« Nachdenklich lasse ich den Ort noch einmal auf mich wirken. »Was ist das überhaupt für eine sonderbare Parzelle?«

»Dieser Flecken gehört den katholischen Gemeinden Neumühl und Beeck.« Kaczor hat sich offenbar bereits schlau gemacht. Eigentlich ein echt guter Kriminalist, leider steht er sich mit seiner schroffen, wenig medienfreundlichen Art oft selbst im Weg, was wieder dazu geführt hat, dass ihm ein neuer Chef vor die Nase gesetzt wurde. »Hier werden nur die verstorbenen Priester dieser beiden Gemeinden beigesetzt.« Ich nicke anerkennend. »Hier wird beizeiten dann auch der ermordete Pater Hermann zur Ruhe gebettet.«

Schon läuten bei mir die Alarmglocken. Saschas und mein Blick treffen sich. Manchmal verstehen wir uns ohne Worte. Das ist schön.

»Kann da ein Zusammenhang zwischen der Grabschändung und dem Mord gestern bestehen?« Sascha sieht Kaczor fragend an.

»Keine Ahnung, Sie beide sind doch die Chefermittler. Wenn Sie weniger Party gemacht hätten, dann wären Sie womöglich auch besser informiert.«

»Gott, Adrian, was sind Sie denn so bärbeißig?«, wundert sich Jessica. »Wir können schließlich nichts dafür, dass Sie nicht bei Angelika eingeladen waren.«

Ein fetter Rabe landet auf den Resten von Pater Gottfrieds Schädel. »Weg da, Mistvieh!«, brüllt Sascha. »Elender Totenvogel, hier gibt es für dich nichts mehr zu holen.« Sie fuchtelt wild mit den Armen. Der Vogel wendet sich verächtlich krächzend ab.

»Mir doch wurscht«, brummt Kaczor. »Also, wie geht es weiter? Soll ich die Angehörigen übernehmen?«

»Nee, lassen Sie mal, das machen Frau Brinkmann und ich«, wehre ich ab. Seine wenig feinfühlige Art hat schon so manchen Zeugen verschreckt. »Wenn Sie uns mal eben auf Ballhöhe bringen.«