Das versperrte Paradies - Gerhard Appelshäuser - E-Book

Das versperrte Paradies E-Book

Gerhard Appelshäuser

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Beschreibung

Ein Mann fällt bei einem Konzert im Freien von einem Turm. Ein Paragleiter stürzt ab, weil das Steuerungsseil reißt. Ein Polizist stürzt von der Reichsbrücke in Wien in die eiskalte Donau. Alles nur Unfälle? Oder steckt vielleicht doch eine Mordserie dahinter? Farid, einem afghanischen Dolmetscher bei der deutschen Bundeswehr, verspricht ein Oberst, ihn nach Deutschland mitzunehmen, wenn die Truppe abzieht. Das Versprechen wird jedoch nicht eingelöst. Farid beginnt nun eine abenteuerliche Reise nach Deutschland, sein Paradies. Die Polizei verhaftet ihn und schiebt ihn nach Österreich ab, von wo er eingereist ist. Dort kann er wieder fliehen und landet in einem Weinbergsbetrieb als polnischer Erntehelfer. Die Besitzerin heiratet ihn unter größten Schwierigkeiten. Trotzdem schieben ihn die österreichischen Behörden nach Kabul ab, wo ihn die Taliban umbringen. Und was hat nun diese Geschichte mit den eingangs erwähntren drei Toten zu tun?

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über den Autor:

Gerhard Appelshäuser, dessen Lebensmittelpunkt in Wien liegt, wurde durch diese facettenreiche Stadt zum Schreiben inspiriert. Viele Reisen, erworbene Erfahrungen und seine Neugier sind die Stützen seiner Fantasie. Mit Kurzgeschichten begann sein schriftstellerischer Weg. Inzwischen verfasste er auch Romane und Erzählungen.

Bislang wurden sieben Kriminalromane aus seiner Feder veröffentlicht:

Der Maler der zweimal starb

Auch der Tod arbeitet im Weinberg

Tod in der Puszta

Der Tote auf Bahn 4

Das versperrte Paradies

Als der Renoir aus dem Rahmen fiel

Mord nach dem letzten Akkord

Außerdem:

Das Geheimnis der Mozartova Nr. 4 (Roman)

Und dämlich grinst das Dromedar (Kurzgeschichten)

Demnächst erscheint:

Das Mondscheinkind (Roman)

Gerhard Appelshäuser

Das versperrte Paradies

Kriminalroman

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieser Roman ist ein Produkt der Fantasie. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen – lebenden oder toten – und Geschehnissen wären reiner Zufall.

Originalausgabe, 1. Auflage

©2020 by medimont verlag gmbh, 86453 Dasing, Marienstr. 31

Lektorat und Redaktion: Wolfgang K. Ernst

Umschlaggestaltung: Amalie v. Spreti, München

Umschlagabbildung: Rafael Malta / Adobe-Stock

Gesetzt in Adobe InDesign im Verlag

Druck und Bindung: ScandinavianBook, DK-6300 Gravenstein

Printed in the EU

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

eISBN: 978-3-911172-55-4

Sie finden uns im Internet unter:

www.medimont.deBestell-Nr.: 35005

Inhalt

Über den Autor

Teil I

Grafenegg im August 2016

Hohe Wand im Oktober 2016

Reichsbrücke, Wien im Dezember 2016

Teil II

Afghanistan 30 km nordöstlich von Kundus im März 2012

Kundus im März 2012 Oberst Kaltenborn

Teil III

Kundus im Oktober 2013

Kabul und Istanbul Frühjahr 2014

Deutschland im Frühjahr 2014

Teil IV

Burgwedel im Sommer 2014

Grenzübergang Passau im September 2014

Weinlese in Kirchberg am Wagram Mitte September 2014

Teil V

Kabul im Januar 2015

Kirchberg Ende Februar bis Oktober 2015

Teil VI

BFA in Wien Februar 2017

LKA St. Pölten im Mai 2017

LKA St. Pölten im Sommer 2017

TeilI

Grafenegg im August 2016

Es war einer dieser heißen Sonntage, an denen es die meisten Menschen ins Wasser treibt. Nur kühles Nass versprach Linderung von der Hitze. Dorthin, oder genauer gesagt, zum familienbekannten Baggersee wollte auch der Oberst Stranzl, wenn er schon einmal ein ungestörtes Wochenende verbringen konnte. Es gab keinen unaufgeklärten Mord im LKA in St. Pölten. Er freute sich schon auf einen geruhsamen Nachmittag, auf ein abkühlendes Bad für die Haut, auf ein frisch gezapftes Bier von Emma, der Pächterin der kleinen Imbissbude, auf den Genuss für die Seele im Schatten seines Lieblingsbaums und auf die Fleischlaberl seiner Frau Elvira. Davon hatte der Toni Stranzl den ganzen Samstag geträumt, bis seine Elvira vom Besuch ihrer Freundin zurückkam.

»Weißt du, wo wir morgen hingehen?«, fragte sie ihren Toni.

Und der antwortete: »Na klar, zum Baggersee, bei dieser Affenhitze.«

»Falsch«, erwiderte seine Frau, »wir gehen zum Nachmittagskonzert nach Grafenegg!«

Stranzl wusste, wie schwer es war, für diese Veranstaltungen Karten zu bekommen und wie unmöglich es war, welche von jetzt auf gleich zu kaufen. Deshalb sagte er leichtfertig: »Aber nur, wenn du wen findest, der dir die Karten schenkt.«

Sie grinste ihn an, griff in ihre Tasche und wedelte mit zwei Karten vor seinen Augen. Er starrte sie mit offenem Mund an und nach einigen Sekunden stammelte er: »Wo hast du die Karten her?«

Triumphierend, denn sie wusste, wie ungern ihr Mann in Konzerte ging, erwiderte sie: »Von deinem Freund Fritz.«

Fritz Gschwendtner, sein Kollege und Freund konnte sich am Montag auf eine gehörige Abreibung freuen. Seiner Elvira hinter seinem Rücken Karten für Grafenegg zu besorgen, wo er doch wusste, wie er Konzerte hasste, das war eindeutig Verrat!

Sein Gesicht lief rot an, aber seine Frau beruhigte ihn.

»Der Fritz hat mir die Karten nicht hinter deinem Rücken besorgt. Die Karten waren für ihn und seine Frau gedacht. Aber der Fritz liegt mit einer Sommergrippe im Bett und da hat mir seine Frau die Karten geschenkt, damit sie nicht verfallen.«

Stranzl beruhigte sich langsam wieder, einigermaßen.

»Du weißt doch, wie wenig ich mit der Klassik in Grafenegg anfangen kann. Kannst du nicht wen anderen mitnehmen?«

»Es gibt keine Klassik, es ist ein Konzert mit Melodien von amerikanischen Musicals, viel Swing und Boogie. Rogers und Hammerstein, genau dein Fall.«

Das stimmte ihn nun doch wieder milder, obwohl er lieber am Baggersee gelegen hätte.

Und so fand sich das Ehepaar Stranzl gegen halb drei Uhr am Nachmittag vor dem Schlosspark in Grafenegg ein. Schon von Weitem sahen sie den Wolkenturm, jene Freilichtarena, in der die Sommerkonzerte bei schönem Wetter stattfinden. Der Parkplatz war fast leer. Hinter der Parkmauer steuerte Stranzl sofort auf den Bierausschank zu, der sich mitten in einer Baumgruppe befand. Seine Elvira suchte einen ruhigen Tisch unter einer großen Buche aus und der Toni kam mit zwei Krügeln Bier in der einen und einem Pappteller mit Fleischlaberl in der anderen Hand zurück. Genüsslich verzehrten sie beides und dann fragte Stranzl seine Frau, was sie denn jetzt mit der Zeit bis 18:00 Uhr, dem Beginn des Konzerts, anfangen sollten. Aber Elvira wusste Rat. Um 16:00 Uhr beginne das Prelude, eine Art Vorkonzert im Schlosshof. Das sei immer sehr interessant, hatte ihr Karin Gschwendtner erzählt.

Es war fast halb vier, als sie im Schlosshof zwei schattige Plätze fanden. Stranzl war schon öfter dienstlich in Grafenegg gewesen, aber so richtig Zeit, sich das kleine Schloss, das aus verschiedenen Baustilen bestand, anzusehen, hatte er nicht gefunden. Das holte er jetzt nach. Vor ihm ragte der mächtige, das Schloss dominierende, Turm in die Höhe. Oben, kurz unterhalb des Daches, waren auf jeder Seite Erkertürmchen mit je einem Fenster in die Ecken gemauert. Sie ragten über die Außenwände des Turms und Stranzl dachte, wenn da einer aus dem Fenster fällt, schlägt er unten auf und ist tot. Den Kriminalisten konnte er auch in seiner Freizeit schwerlich unterdrücken.

Inzwischen hatten auf der Bühne vor ihnen auf einer riesigen Couch vier Musiker in Kostümen der Zwanziger Jahre Platz genommen.

»Was ist das?«, fragte Stranzl seine Frau.

»Das sind die Couchies, eine Berliner Gruppe. Die spielen Sachen aus den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts.«

Fast alle Plätze im Innenhof waren jetzt besetzt. Stranzl hatte gar nicht bemerkt, wie sich der Hof füllte, so sehr hatte er seiner Frau zugehört, als sie ihm das Schloss erklärte. Das, was er zu hören bekam, gefiel ihm. Vielleicht verläuft der Nachmittag doch interessanter als am Baggersee.

Mitten im Lied vom Grünen Kaktus, nahm Stranzl einen Schatten wahr, der sich oben vom Turm löste. Ehe er registrieren konnte, was das war, ertönte ein markerschütternder Schrei. Ein Körper schlug erst auf der Balustrade des Balkons oberhalb der Bühne auf und verschwand dann mit einem dumpfen Aufprall hinter den Kulissen.

Die Musiker hörten abrupt zu spielen auf und sahen sich um. Stranzl schoss von seinem Sitz hoch, zwängte sich unhöflich an den Beinen der neben ihm sitzenden Zuhörer vorbei und rannte hinter die Bühne.

Ein Mann in einem karierten Kurzarmhemd und einer schwarzen Hose lag am Boden. Einer der Bühnenarbeiter, die sich offensichtlich hinter der Bühne aufgehalten hatten, war über den Mann gebeugt.

Stranzl rief im zu: »Nicht anfassen, ich bin von der Polizei.«

Der Arbeiter schaute ihn aus der Hocke heraus an und sagte: »Da ist sowieso nichts mehr zu machen, der ist tot.«

Jetzt sah auch Stranzl die Blutlache, die sich unter dem Kopf des Toten langsam ausbreitete. Er griff zu seinem Handy und wollte die uniformierten Kollegen und die Rettung verständigen, stoppte aber mitten in seinem Tun, als er zwei Sanitäter und einen Revierinspektor am anderen Ende der Bühne auf sich zukommen sah.

Ein Sanitäter hatte mit einem geübten Griff Zeige- und Mittelfinger einer Hand auf die Halsschlagader des Mannes gelegt. Ein kaum wahrnehmbares Kopfschütteln zu seinem Kollegen. Der andere Sanitäter hatte inzwischen das Hemd des Mannes geöffnet und suchte mit einem Stethoskop nach Herztönen, gab es aber sehr schnell wieder auf und sagte: »Wahrscheinlich Exitus.«

Stranzl zeigte dem uniformierten Kollegen seinen Ausweis und der salutierte vor ihm. Komisch, aber vorschriftsmäßig.

»Gehn S‘ an den Eingang zum Hof und fragen Sie die Leute, ob wer was gesehen hat, bevor alle davon rennen. Ich hole telefonisch Verstärkung.«

Inzwischen hatten sich mindestens zehn Leute um den Toten versammelt. »Ist einer von Ihnen Arzt?« Alle schüttelten den Kopf. »Wer hat ihn fallen sehen?« Es meldeten sich zwei Damen. »O.k. Sie bleiben da, und der Rest verschwindet von hier.«

»Wir auch?«, wollten die Sanitäter wissen.

»Nein, Sie bleiben natürlich, aber informieren Sie Ihre Einsatzzentrale.«

Stranzl hatte jede Menge Arbeit, die Gaffer vom Ort des Geschehens zu verscheuchen. Es kamen immer mehr. Er hatte weder Zeit, nach Papieren beim Toten zu suchen, noch seine Frau zu informieren.

Während er bemüht war, gleichzeitig den Ort des Geschehens im Auge zu behalten, gelang es ihm endlich, sein Handy aus der Gesäßtasche zu fischen und die einprogrammierte Nummer des Journaldienstes beim LKA zu drücken. Mit kurzen Halbsätzen informierte er den Kollegen, und als er gerade darum bitten wollte, ein paar Streifenwagen zu schicken, sah er zwei uniformierte Polizisten um die Ecke der Bühne biegen.

»Sperren S‘ den Unfallort ab und bringen Sie die Leute von hier weg.«

Dann drehte er sich zu den beiden Damen um, die etwas gesehen haben wollten. Aber es war nur noch eine da.

»Ich bin der Oberst Stranzl vom LKA in St. Pölten. Bitte, was haben Sie gesehen?«

»Es ging alles so schnell!«, sagte sie.

»Das kann ich mir vorstellen. Ganz ruhig. Was genau haben Sie gesehen?«

»Meine Nachbarin hat mich angestoßen und nach oben gezeigt«, fing die Dame, eine etwas korpulente Siebzigerin, an zu erzählen, »dann sah ich ihn schon fallen.«

»Wo ist ihre Nachbarin jetzt?«, wollte Stranzl wissen.

»Weg.«

»Wie, weg?«

»Naja bis vor zehn Minuten stand sie noch neben mir und plötzlich war sie weg.«

»Gut, wie heißt Ihre Nachbarin?«

»Das weiß ich nicht, ich kenne die Dame nicht.«

»Sie ist doch ihre Nachbarin.«

»Nein, nicht meine richtige Nachbarin, sie saß halt neben mir, zufällig.«

Jetzt kapierte Stranzl. Sie meinte ihre Sitznachbarin. »Und was haben Sie jetzt genau gesehen?«

»Als ich hochsah, fiel er gerade aus dem Fenster des Erkers, dort«, und sie zeigte auf den linken Erker des Turms.

»Haben Sie dort noch jemand gesehen?«

»Nicht genau, ich hab gerade noch jemand zurücktreten gesehen, glaub ich.«

»Ja, haben Sie oder glauben Sie?«

»Meine Nachbarin hat mich gefragt, ob ich den Schatten oben im Fenster auch gesehen hätte. Dort seien zwei gewesen, und der eine liegt jetzt hier herunten.«

Die Dame begann zu schluchzen. Stranzl wollte sie nicht verwirren, denn wenn dort noch jemand war, dann war es vielleicht doch kein Unfall, sondern ein Verbrechen. Deshalb insistierte er so behutsam, wie er konnte.

»Also, habe ich Sie richtig verstanden: Eine Person ist heruntergefallen und die andere ist vom Fenster weggetreten, als Sie dem Finger ihrer Nachbarin folgten.«

»Also, ich hab keinen gesehen, nur einen Schatten.«

»Stimmt, denn Sie haben ja auch erst einen Augenblick später als ihre Nachbarin hinaufgeschaut.« Wieder nickte die Dame.

»Jetzt geben Sie bitte Ihre Personalien dem netten jungen Inspektor dort drüben, und wenn Sie etwas zur Beruhigung brauchen, dann wenden Sie sich an den Sanitäter dort hinten.«

Während er mit der Dame sprach, bemerkte er seine eigene Frau, die offensichtlich schon eine Weile neben ihm stand.

»Und das an deinem freien Tag! Ich nehme an, du hast keine Lust mehr auf das Konzert?«

»Lust hätt ich schon, aber ich fürchte, ehe die Routine hier nicht richtig läuft, brauchen die mich. Und wie lange das dauert, kann ich dir auch nicht sagen.« Stranzl sah auf seine Armbanduhr. Es war kurz vor fünf. Elvira, gab ihm eine Eintrittskarte und sagte: »Entweder du schaffst es noch bis halb sieben oder ich seh’ dich nach dem Ende auf dem Parkplatz.«

Es war kurz vor sechs, als die Spurensicherung eintraf. Jetzt brauchte sich Stranzl nicht mehr um den Fall kümmern, jetzt lief alles seinen gewohnten Gang.

Auf ein schnelles Bier ging es sich noch aus und fünf Minuten vor Beginn des Konzerts, saß er neben seiner Elvira. Die Big Band spielte gut. Die Melodien veranlassten ihn, mit den Fußspitzen mitzuwippen, nur der Kopf war bei dem Fenstersturz. Aus dem schmalen Fenster konnte niemand so einfach aus Versehen herausfallen, es sei denn, er war stark alkoholisiert. Wie kam der Mann überhaupt auf den Turm? War der für jeden frei zugänglich? Konnte er sich nicht vorstellen, wenn man so leicht herausfallen konnte.

Oder war da noch jemand oben, der dem Opfer einen Stoß gegeben hatte? Diese Variante hielt Stranzl für die wahrscheinlichere. Das musste er morgen sofort abklären.

Elvira stieß ihm ihren Ellenbogen in die Rippen. »Gefällt dir das Konzert nicht?«

»Doch, warum fragst du?«

»Weil du nicht klatschst, wenn sie zu spielen aufhören.«

Jetzt war er wieder da, mitten im Publikum. Er zwang sich, bis zum Ende zu bleiben und verdrängte standhaft alle Fragen über den »Fall«. Hier und jetzt bekam er sowieso keine Antworten.

Die Heimfahrt verlief einsilbig, aber das war Elvira von ihrem Mann gewöhnt, wenn ein neuer Fall ihn in Beschlag genommen hatte.

Am nächsten Morgen im Büro erkundigte sich der Oberst Stranzl, was es Neues gibt in der Sache Grafenegger Fenstersturz. Er wusste, dass er für diesen Fall nicht zuständig ist, er war halt nur zufällig am Tatort, falls es einen solchen überhaupt gab.

Aber seine Sekretärin informierte ihn, dass der Chef des LKA ihn sprechen möchte, am besten natürlich sofort.

Im Besprechungszimmer traf er auf eine Reihe von Kollegen: den zuständigen Leiter für Mord, den Chef der Spurensicherung, den Pathologen und natürlich auch den Direktor des LKA St. Pölten.

Nachdem alle Platz genommen hatten, eröffnete der Chef die Sitzung mit den Worten: »Also, Stranzl, wir wissen inzwischen, wer unser Toter ist.« Er sah auf einen Handzettel und fuhr fort: »Ein Regierungsrat aus dem Innenministerium in Wien, er heißt Theobald Wurzer, ein leitender Beamter in Asylangelegenheiten. Wir sind auch ziemlich sicher, dass es kein Unfall war.« Dabei sah er den Chef der Spurensicherung und den Pathologen an. »Nicht wahr, meine Herren, oder sind Sie anderer Meinung, Stranzl?«

»Sicher bin ich mir nicht, auch wenn eine Zeugin auf dem Turm noch eine zweite Person gesehen haben will. Trotzdem könnte es ein Unfall gewesen sein.«

Stranzl war vorsichtig mit einer vorschnellen Festlegung. Solche sicheren Annahmen hatten in anderen Fällen schon viel Zeit gekostet, bis sich herausstellte, dass sie doch falsch waren.

Aber jetzt meldete sich der Pathologe zu Wort: »Ich habe auch noch kein abschließendes Ergebnis. Wir haben aber am Rücken ein Hämatom gefunden. Wenn er aus Versehen aus dem Turm gefallen wäre, dann hätte er anders am Boden gelegen.«

»Entschuldige, Doktor, wenn ich dir widerspreche. Der Körper ist erst auf die Balkonbrüstung aufgeschlagen und dann auf dem Boden gelandet, das habe ich selbst gesehen.« Der Pathologe bekam einen roten Kopf und stammelte: »‘Tschuldigung, das habe ich nicht gewusst.«

Etwas ärgerlicher als beabsichtigt knurrte der Chef, an den Leiter der Mordabteilung gewandt: »Da der Stranzl am Ort des Geschehens war, offensichtlich vieles gesehen hat, was wir alle nicht wissen, schlage ich eine Sonderkommission vor, bestehend aus dem Chef des Morddezernates, der Spusi und das Ganze unter Leitung vom Oberst Stranzl. Wenn‘s ein Unfall war, lösen wir die SOKO wieder auf. An die Arbeit, meine Herren!«

Im Hinausgehen drehte sich Stranzl zu seinem Kollegen vom Mord um und sagte: »Otto, ich bin nicht scharf auf die Leitung der SOKO. Ich kann dir auch einen Bericht vom Sonntag schreiben, dann weißt du alles und kannst mit deinen Leuten ermitteln. Ich hab eh genug Arbeit.«

»Toni, lass gut sein, mir passt das ganz gut. Ich geb dir den Gschwendtner aus unserer Gruppe, mit dem hast du ja schon öfter zusammengearbeitet, und wenn ihr mehr Personal braucht, dann hab ich da noch den einen oder anderen.«

»Der Fritz Gschwendtner ist aber krank, der hat die Grippe.«

»O.k., aber irgendwann ist der wieder gesund und so schnell löst sich der Fall wahrscheinlich auch nicht auf.«

Als Stranzl wieder in sein Büro zurückkam, hatte seine Sekretärin schon die Telefonnummer der Dienststelle des Toten herausgesucht und verband Stranzl ein paar Minuten später mit dem Sektionschef der Asylbehörde.

»Herr Sektionschef, hier ist das BKA St. Pölten, Oberst Stranzl.«

»Was kann ich für Sie tun, Herr Oberst?«

»Ist ein Regierungsrat Wurzer ein Mitarbeiter Ihrer Sektion?«

»Ja, was hat er denn verbrochen, der Wurzer, dass sich das LKA für ihn interessiert?«

»Verbrochen hat er nichts, aber das Genick hat er sich gebrochen, als er gestern aus dem Turm in Grafenegg gefallen ist.«

Am anderen Ende der Leitung herrscht einen Moment Stille.

»Herr Sektionschef, sind Sie noch da?«

»Ja, ja«, reagierte der Beamte zögerlich, fasste sich dann aber rasch, denn seine Stimme hatte jetzt wieder die alte Lockerheit. »Ich nehm‘ einmal an, es war kein Unfall, wenn sich das LKA mit der Sache befasst.«

»Wahrscheinlich nicht, es spricht einiges für ein Gewaltverbrechen, aber sicher sind wir uns jetzt noch nicht. Es würde uns helfen, wenn wir wüssten, ob Wurzer Drohungen in der letzten Zeit erhalten hat und an welchen heiklen Fällen er gearbeitet hat. Können wir jemanden vorbeischicken?«

»Sicher. Der Beamte soll sich bei mir melden.« Und damit war das Gespräch beendet.

Zwei Wochen später wusste die SOKO Grafenegg Folgendes:

Fremdverschulden war nicht auszuschließen, aber auch nicht eindeutig beweisbar.

Der Pathologe hatte außer dem Hämatom nichts Verdächtiges gefunden. Der Regierungsrat, ein Single, war wegen eines drohenden Burn out-Syndroms in ärztlicher Behandlung. Drohungen gegen ihn gab es offensichtlich nicht. Dafür war aber die Liste der Negativbescheide in Asylverfahren mehrere Seiten lang.

Die Suppe sei zu dünn, wie der Staatsanwalt meinte, und die SOKO Grafenegg wurde aufgelöst. Der Sturz vom Turm wurde als Unfall eingestuft und der Regierungsrat wurde auf dem Zentralfriedhof in Wien im Beisein seiner Schwester in aller Stille beigesetzt.

Hohe Wand im Oktober 2016

Es war einer dieser schönen Herbsttage, wie sie sich in manchen Jahren plötzlich einstellen und allgemein als der Goldene Herbst bezeichnet werden. Strahlend blauer Himmel, ein leichter Wind und vor allem Sonne.

So um den frühen Nachmittag herum gab es an der Hohen Wand, einer etwa 400 Meter steil abfallenden Felswand, eine halbe Fahrstunde südlich von Wien, eine ausgezeichnete Thermik, genau das richtige Flugwetter für Segelflieger und Paragleiter.