Und dämlich grinst das Dromedar - Gerhard Appelshäuser - E-Book

Und dämlich grinst das Dromedar E-Book

Gerhard Appelshäuser

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Beschreibung

Wer täglich seinen Arbeitsweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigen muss, vor dem Einschlafen noch eine interessante Geschichte lesen will, oder nur zehn Minuten Zeit für Literatur hat, für den ist die Kurzgeschichte das Richtige. Sie hat einen Anfang und ein Ende. Es kommen wenige Personen vor. Die Geschichte beleuchtet ein winziges Stück aus dem Leben. Manchmal nimmt sie eine nicht erwartete Wendung oder endet mit einer Überraschung. 38 Geschichten stehen zur Auswahl.

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über den Autor:

Gerhard Appelshäuser, dessen Lebensmittelpunkt in Wien liegt, wurde durch diese facettenreiche Stadt zum Schreiben inspiriert. Viele Reisen, erworbene Erfahrungen und seine Neugier sind die Stützen seiner Fantasie. Mit Kurzgeschichten begann sein schriftstellerischer Weg. Inzwischen verfasste er auch Romane und Erzählungen.

Bislang wurden sieben Kriminalromane und Romane aus seiner Feder veröffentlicht:

Der Tote auf Bahn 4

Der Maler der zweimal starb

Auch der Tod arbeitet im Weinberg

Tod in der Puszta

Das versperrte Paradies

Als der Renoir aus dem Rahmen fiel

Mord nach dem letzten Akkord

Das Geheimnis der Mozartova 4(Roman)

Das Mondscheinkind (Roman, erscheint 2. Hj. 2024)

Und dämlich grinst das Dromedar (Kurzgeschichten)

Gerhard Appelshäuser

Und dämlich grinst das Dromedar

Kurzgeschichten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Diese Geschichten sind ein Produkt der Fantasie. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen – lebenden oder toten – und Geschehnissen wären reiner Zufall.

Originalausgabe (1. Auflage)

©2023 by medimont verlag gmbh, 86453 Dasing, Marienstr. 31

Umschlaggestaltung: Amalie v. Spreti, München

Umschlagabbildung: Inna Giliarova / Shutterstock

Lektorat und Redaktion: Wolfgang K. Ernst

Gesetzt in Adobe InDesign im Verlag

Druck und Bindung: ScandinavianBook, Neustadt a. d. Aisch

Printed in the EU

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

eISBN: 978-3-911172-70-7

Sie finden uns im Internet unter:

www.medimont.deBestell-Nr.: 36901

Inhaltsverzeichnis

Theatralisches

Schweißtreibende Theatervorstellung

Ein gelungener Theaterabend

Der gute Geist des Kellertheaters

Bis zum letzten Vorhang

Liebesgrüße aus der Dreierloge

Lauter Helden

Falstaff und die Bohnensuppe

Kriminelles

Schüsse in der Malibu Bar

Nicht jeder Geburtstag muss fröhlich sein

Ein Mordsduft

Die Überraschung im Weinkeller

Das Verhör

Leopolds Flucht

Mantel des Schweigens

Überraschung im Nebel

Nachtschattengewächse

Tribunal ohne Täter

Fremdländisches

Dämlich grinst das Dromedar

Kuvert im Fenster

Unter den Brücken von Paris

Der letzte bleibt über

Brot und Wein, das muss sein

Die Fackel

Die letzte Zeitzeugin

Eine Handvoll Wasser

Gott hatte auch nur sieben Tage

Namenlos

New York

Remember me

Das Glöcklein von Killiwhilli

Verschiedenes

Der Krampf mit den Tönen

Das Hauskonzert

Lackschuhe

Fridas Damoklesschwert

Nachtzug nach Hamburg

Überraschung

Die Dame an der Ampel

Champagner und Nebel

Theatralisches

Schweißtreibende Theatervorstellung

Die Stadt ist klein, alt und ohne Geld; so auch das Theater. Es spielt aber immer ein volles Programm. Heute geben sie Schiller: die Räuber. Mitten im ersten Akt bricht ein Ventil in der Klimaanlage im Keller, das die Kälte- und Wärmeversorgung des Theaters steuert. Niemand bemerkt den Unfall. Der zuständige Techniker pokert mit den Kulissenmalern in der Kantine. Keiner achtet auf das rot blinkende Signal im Raum des technischen Direktors, den man aus Kostengründen eingespart hat. In voller Stärke wird heißes Wasser statt gekühlter Luft durch den Kreislauf gepumpt und die Heizkörper werden allmählich immer wärmer. Zuerst in den Garderoben der Schauspieler. Nur dort stört es niemand, denn alle sind entweder auf der Bühne oder in den Kulissen.

Zu Beginn des zweiten Aktes bläst die Heizung nur noch heiße Luft in den Zuschauerraum. Die ersten männlichen Besucher lockern ihre Krawatten und öffnen den obersten Hemdknopf; einige Damen fächeln sich mit dem Programmheft Luft ins Dekolleté.

Vereinzelt zeigen sich Schweißperlen auf der Stirn der Souffleuse. Was sie nicht weiß: unter ihrem Sitz im Souffleurkasten ist ein Heizkörper montiert. Sie bemerkt zunächst nicht, dass ihr warm geworden ist, glaubt vielmehr, es liegt an der Schwierigkeit des Textes. Sie hat den Eindruck, heute bleiben die Darsteller öfter hängen als sonst.

Ihr wird immer wärmer und ihre Stimme immer lauter. In der ersten Reihe kichern einige Zuschauer, als sie ungewollt Mithörer werden.

Sie bemerkt das aber nicht, nur »der alte Moor« auf der Bühne. Er schaut irritiert zuerst in den Zuschauerraum und dann zum Souffleurkasten. Normalerweise sieht er dort nur das fahle Gesicht der Souffleuse, ein ältliches Fräulein mit einer Brille. Inzwischen rinnen kleine Sturzbäche von Schweiß über ihr Gesicht, und die Brille beschlägt sich. Sie nimmt sie ab und legt sie vor sich auf den Bühnenrand. Sie braucht den Text nicht zu lesen, sie kennt ihn auswendig; so oft wurde das Stück hier schon gespielt.

In der kleinen Kabine nimmt die Wärme zu. Ohne es zu merken, öffnet sie den obersten Knopf ihrer Bluse. Ihre Stimme hat jetzt einen krächzenden Klang angenommen, ihr ist unerträglich heiß. Rasch öffnet sie noch einen Knopf und bald darauf einen Dritten. Haarsträhnen kleben auf ihrer Stirn und verdecken ihre Augen. Sie wischt sie achtlos zur Seite.

Am Ende der zweiten Szene im zweiten Akt ist der ›alte Moor‹ mit ›Amalia‹ allein auf der Bühne.

›Amalia‹ schaut mit aufgerissenen Augen zum Souffleurkasten statt in die Bibel, aus der sie dem ›alten Moor‹ vorlesen soll. Das, was sie dort sieht, lässt sie den Text vergessen. Sie stockt und die Souffleuse flüstert heißer »Ich werde mit Leid hinunterfahren.« Eine Sekunde lang starrt Amalia sie mit offenem Mund an. Die Souffleuse wiederholt: »Ich werde mit Leid hinunterfahren« jetzt etwas lauter und insistierender. Nachdem Amalia noch immer schweigt, wird auch der ›alte Moor‹ aufmerksam und blickt ebenfalls zum Souffleurkasten.

Während dieser wenigen Sekunden hat sich die Souffleuse aus Verzweiflung, die Szene noch zu retten, von ihrem Sitz erhoben und sich mit dem Oberkörper aus dem Kasten gezwängt. Dabei bleibt sie mit ihrem BH am Bühnenrand hängen. Durch den Ruck der Bewegung quellen ihre beiden Brüste aus der Halterung und präsentieren sich in voller Pracht vor den Augen des ›alten Moor‹. Der schreit, obwohl noch gar nicht dran, wie es sein Text befiehlt, »Hör auf, hör auf! Mir wird sehr übel«, und ›Amalia‹ erwidert automatisch und textkonform, ohne ihren Blick vom Oberkörper der Souffleuse zu wenden »Hilf Himmel! Was ist das?«, wobei sie die Bibel in der Hand behält, statt sie fallen zu lassen, wie es das Regiebuch vorschreibt.

Jetzt schaut der Spielleiter auf die Bühne, denn er vermisst das Geräusch des zu Boden fallenden Buches.

Nach einer Sekunde der Verblüffung, ob des ungewohnten Bildes, das sich ihm bietet, setzt er zu seinem gefürchteten, sonoren Lachen an, das den Trompeten von Jericho gleichend, in den Zuschauerraum dröhnt. Dort wird die Änderung der gewohnten Inszenierung mit lautem Applaus quittiert.

Nur die wenigen Zuschauer in der Loge, direkt über der Bühne, können die Souffleuse sehen, die noch immer schweißgebadet mit dem Oberkörper aus ihrem Kasten hängt. Sie stimmen in das Gelächter des Spielleiters ein, beugen sich über der Brüstung, um besser sehen zu können und deuten mit den Händen auf die Bühne.

Jetzt erst begreifen die anderen Zuschauer, dass dort etwas im Verborgenen geschehen sein musste. Zuerst stimmen einige, dann aber immer mehr in das Lachen ein, ohne den Grund ihrer Heiterkeit zu kennen.

In der Zwischenzeit hat die Wärme im Zuschauerraum noch mehr zugenommen. Die meisten Herren haben das Jackett ausgezogen und ihre Krawatte abgenommen. Die Damen leiden still vor sich hin. Die Vorstellung scheint zu entgleiten.

Da lässt der Spielleiter den Vorhang fallen und die Darsteller erhalten stehenden Applaus. Am nächsten Tag wird der ›Stadtanzeiger‹, die lokale Kleinzeitung, schreiben: »Gestern Abend lief unser verschlafenes Theater zur Höchstleistung auf. Die Inszenierung von Schillers Räuber erntete stehende Ovationen.«

Ein gelungener Theaterabend

Endlich passten wieder einmal drei Dinge zusammen: Ich fand eine Operette im Programm, die ich noch nie gesehen hatte, bekam noch eine Karte auf meinem Lieblingsplatz in Baden und hatte für diesen Termin keine anderen Verpflichtungen. Die besten Voraussetzungen für einen schönen Abend. Dachte ich.

Am Theaterabend, es war ein Samstag, wollte ich früher in Baden ankommen. Ich könnte den Operettenbesuch mit einem Essen bei meinem Lieblings-Italiener einläuten. Gute Idee fand ich. Den ganzen Tag über blies ein kalter Jännerwind. Als ich gegen siebzehn Uhr meinen Wagen starten wollte, verabschiedete sich der Anlasser mit drei jämmerlichen Jaultönen. Gerade heute, wo ich den Wagen brauchte und keine Chance auf ein öffentliches Transportmittel hatte, musste mir das passieren. Dabei hatte ich das Vehikel erst vor zwei Wochen beim Service gehabt.

Aber wozu bin ich seit Jahren Mitglied bei einem Automobilklub, dessen Service ich bisher noch nie beansprucht hatte. Ich hatte Glück. Die Dame am Telefon versprach mir in der nächsten halben Stunde einen Helfer vorbeizuschicken, der mein Malheur beseitigen könnte. Gut, dachte ich, dann schaff ich es zwar nicht mehr zu meinem Italiener, bei dem musste man Zeit mitbringen, aber im Casino-Restaurant ging sich ein kleines Dinner noch immer aus.

Wie versprochen, der Klub ließ mich nicht im Stich. Die Batterie war sechs Jahre alt und leer. Das sei der Grund für das Gebrechen belehrte mich der Techniker. Warum man das vor zwei Wochen beim Service nicht feststellen konnte, wollte ich wissen. Er begann mir einen Vortrag über Batterien im Allgemeinen und meine im Speziellen zu halten, aber dafür fehlte mir heute die Zeit und es interessierte mich auch nur peripher. Ich war auf Paganini, so hieß die Operette, die ich heute noch genießen wollte, eingestellt. Er hatte eine passende Neue dabei, die ich unwillig kaufte, nachdem er mich gewarnt hatte. Mit der Alten und mittels Starterkabel wieder in Betrieb gesetzten, käme ich sicherlich nach Baden, aber ob auch zurück, da hätte er seine Zweifel.

Die Batterie kostete mich so viel, wie drei Besuche bei meinem Lieblings-Italiener.

Ich kam wohlbehalten nach Baden, aber es war schon Viertel vor sieben. Keine Zeit mehr für einen Besuch im Casino-Restaurant. Auch zu spät für einen Parkplatz in Theaternähe. Blieb nur noch die Parkgarage. Langsam wurde es ein teuerer Theaterbesuch.

Die Oper erreichte ich immerhin zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn. Abgehetzt, verschwitzt und stinksauer. Wahrscheinlich stank ich wie ein Iltis, aber das konnte ich unter meinem Mantel nicht riechen. War mir mittlerweile auch egal.

Mit dem letzten Klingelton saß ich endlich auf meinem Lieblingsplatz. Normalerweise sehe ich von dort ganz gut, was auf der Bühne passiert. Normalerweise sitzen auch normal gewachsene Mitteleuropäer vor mir. Nur die Dame, hinter der ich heute saß, war mindestens ein Meter neunzig groß oder ein Sitzriese. Hätte ich noch akzeptiert, aber die Frisur, die ihren Kopf zierte, die akzeptierte ich nicht. Ich weiß nicht, welcher Kretin von Friseur ihr die modelliert hat, aber sie ließ ihren Kopf auf die doppelte Höhe anwachsen. Brünette Locken, Ziernadeln, Ohrringe alles konnte ich sehen, nur keine Bühne.

Das Einzige, was ich ungestört genießen konnte, war die Musik. Aber dafür hätte ich nicht nach Baden fahren müssen. Da hätte mir auch eine CD zu Hause, bei einem Glas Rotwein genügt. Um wenigstens bruchstückweise dem Geschehen auf der Bühne zu folgen, pendelte ich mit meinem Kopf nach rechts und dann nach links. Beides passte weder dem Herrn rechts neben mir noch der Dame links von mir. Was ich verstehen konnte, denn ich landete fast jedes Mal an der Schulter meiner Nachbarn. Unangenehm, ich entschuldigte mich auch und wies auf meine Vorderfrau, bis der Herr rechts neben mir nicht gerade leise sagte, wenn ich schon im Theater pendeln wollte, dann hätte ich mich vorher waschen sollen.

Als auch noch die hinter mir Sitzenden mir rüde auf die Schulter tippten, ob ich nicht endlich ruhig sitzen könnte, sie seinen schließlich in der Oper und nicht auf der Hochschaubahn, war ich völlig frustriert, und nicht mehr fähig, mich zu bewegen. Dafür hatte ich jetzt Muse, zuerst die Haarsträhnen und dann die einzelnen Haare pro Strähne meiner Vorderfrau zu zählen. Während der Tenor auf der Bühne sang: »Gern hab ich die Frauen geküsst«, war mir selbst die Lust an der Vorstellung dieser an sich angenehmen Beschäftigung vergangen. Aber ich fand heraus, nach welchem System der Friseur die Strähnen meiner Vorderfrau, die ich nicht gerne geküsst, allenfalls gerne geköpft hätte, gelegt hatte. Dann fing mir auch noch der Magen an, zu knurren, was bei den leiseren Passagen der Operette in meiner Umgebung deutlich zu hören war.

In der Pause plünderte ich das Theaterbüffet und als ich drei Sandwich verdrückt hatte, mehr waren nicht da, schob ich mir noch zwei Schokoriegel hinterher. Jetzt war ich rundherum satt. Nur einen anderen Platz konnten mir die Platzanweiser nicht verschaffen. Das Theater war ausverkauft. Selbst der letzte Stehplatz war besetzt. Also musste ich notgedrungen wieder hinter meiner ondulierten Vorderfrau Platz nehmen. Nur sah ich sie mir jetzt einmal von vorne an. Gern hätte ich sie nicht geküsst. Das Interessanteste an ihr war die Frisur. Aber sie störte mich jetzt auch nicht mehr, denn nach all dem Stress und dem vollen Magen, schlief ich ein. Leise Schnarchtöne gingen in der Musik unter. Nur der Zwischenapplaus ließ mich jäh aufwachen und erschrocken schaffte ich es wieder, zehn Minuten zuzuhören. In Wachschlafsequenzen überstand ich den zweiten Teil.

Beim Warten auf meinen Mantel dachte ich, hak den Abend ab, kauf dir übermorgen eine CD und fahr jetzt schnell nach Hause. Nach Hause gefahren bin ich am nächsten Morgen nach dem Frühstück. Ich hatte eine Parkgarage erwischt, die um zweiundzwanzig Uhr schließt.

Der gute Geist des Kellertheaters

Kellertheater gibt es heute fast keine mehr. Teilweise sind sie den öffentlichen Subventionseinsparungen zum Opfer gefallen, aber zu einem größeren Teil sind sie am Qualitätsanspruch des Publikums gescheitert. Aus welchem Grund auch immer, es ist schade, dass sie geschlossen haben. Als es sie noch häufiger gab, besuchte ich ein ganz bestimmtes Theater mindestens einmal während einer Programmsaison. Es spielte in meiner Nähe, hatte höchstens Platz für vierzig Leute und ich kannte alle, die Schauspieler, die wenigen Leute vom Bühnenpersonal und die Dame, welche die Getränke verkaufte. Wenn ich ehrlich bin, meistens kam ich wegen ihr. Wir saßen dann in der letzten Stuhlreihe, plauderten ganz leise miteinander. Sie sah das Stück gezwungenermaßen bei jeder Vorstellung und ich fand es nicht besonders aufregend.

Deshalb weiß ich auch nicht mehr, wie das Stück hieß, bei dem dann diese komische Sache mit dem Geist passierte. Das Einzige, an das ich mich erinnern kann, es war ein Boulevardstück ohne besondere Gags, denn es lachte fast niemand im Zuschauerraum. Ein Mann und eine Frau standen auf der Bühne und stritten sich. Er schrie sie an: »Wer hat gestern in meinem Bett geschlafen?« In den drei Sekunden, in denen sie etwas hätte erwidern sollen, war ein lautes »Miau« zu hören. Es kam von irgendwoher auf der Bühne. Die Zuschauer wurden munter. Die Akteure stutzen einen Moment und genau in dieser Stille war ein erneutes »Miau« zu hören. Geistesgegenwärtig sagte sie zu ihm: »Du hörst es ja, es war die Katze.« Dabei grinste sie ihn an. Und er erwiderte, auch nicht besonders ernst: »Ach so, ich dachte schon, es war des Nachbarn Kater.« Den beiden Schauspielern und allen, die das Stück schon einmal gesehen hatten, war bewusst, dass die beiden da oben improvisierten. Nur die meisten Zuschauer nahmen das als zum Stück gehörend an und lachten.

In der Pause war ein besonders lautes Rumoren hinter dem Vorhang zu hören. Als Stammgast ging ich auf die Bühne und hinter den Vorhang. Die Schauspieler, der Beleuchter und der für die Kulissen Zuständige suchten alle Winkel der Bühne und den kleinen Backstagebereich ab. »Da muss sich eine Katze eingeschlichen haben«, meinte der Beleuchter, »ich hab` genau gehört, von wo das Miauen kam.«

»Aber da ist nichts«, sagte der Hauptdarsteller, »wo soll sich hier eine Katze verkriechen?« Ich gab ihm recht. Hinter der Bühne war alles irgendwie aufgeräumt. Es stand nur das herum, was für das Stück gebraucht wurde und das war nicht viel. Platz war auch wenig vorhanden.

»Vielleicht auf den Kulissenstangen«, meinte ich und sah nach oben. Die wenigen Kulissen, die für Szenenwechsel gebraucht wurden, hingen zusammengerollt an Stangen, die man unter die Kellerdecke gezogen hatte. Aber auch dort war nicht viel Platz. »Spielen wir weiter, die Katze ist eh weg, sonst laufen uns noch die Gäste davon«, sagte der Besitzer des Kellertheaters, ein Student der hiesigen Kunstakademie.

Der Vorhang hob sich und das Stück ging weiter. Es floss träge dahin, bis ein Schatten über die Bühne huschte. Für den Bruchteil einer Sekunde war er sichtbar, aber nur die wenigsten hatten ihn wahrgenommen. Was es war, daran konnte sich später niemand erinnern, auch nicht die junge Schauspielerin, die seitlich in den Kulissen stand und auf ihr Stichwort wartete. Sie schrie plötzlich auf und sprang mit einem Satz auf die Bühne. Ihr Kollege war gerade den Satz »Jetzt ist er mir wieder entwischt« losgeworden, als sie ungewollte erwiderte: »Es ist mir zwischen die Beine gelaufen.« Damit erntete sie einen Lacher. Ihr Auftritt war ungeplant, das war auf ihrem Gesicht abzulesen.

Jetzt war das Publikum munter geworden und wartete auf weitere Gags dieser Art. Aber es kamen keine mehr. Von den Akteuren waren alle sicher, es musste sich eine Katze auf oder hinter der Bühne herumtreiben, nur wo? Es wurde ein langer Abend, aber die Katze blieb verschwunden. Am nächsten Tag war der Zuschauerraum voll. Es hatte sich herumgesprochen, in dem Stück passierten tolle Dinge.

Noch ahnte niemand, dass die Zuschauer auf die Katze warteten, die Akteure aber beteten, hoffentlich heute keine Katze. Und ihre Gebete wurden erhört. Die Katze blieb aus.

Enttäuschung beim Publikum, Freude bei den Darstellern. Am nächsten Abend war der Zuschauerraum nur halb besetzt, als das Miauen wieder zu hören war, nur dieses Mal an einer anderen und weniger passenden Stelle im Stück.

Für die Zuschauer war jetzt klar, das gehörte nicht ins Stück. Es wurde abgebrochen und alle gingen auf Katzenjagd. Im Raum, in dem die Getränke aufbewahrt wurden, lag eine Milchflasche zerbrochen am Boden. Daran musste sich die Katze gelabt haben, denn von der ausgeflossenen Milch fehlte eine beträchtliche Menge. Das Tier war also keine Einbildung. Aber wo kam sie her und wo verbarg sie sich? Im Raum, wo die Kostüme aufbewahrt wurden, stand ein Korb mit Tüchern und Decken. Dort fand man Katzenhaare. Eine genaue Inspektion der Nebenräume im Kellertheater, so genau hatte man dort schon lange nicht mehr reingesehen, ergab, es waren jede Menge Öffnungen vorhanden, durch die eine Katze schlüpfen konnte. Mäuse gab es wahrscheinlich auch genug. Dann trat der Besitzer vor den Vorhang und fragte die Zuschauer: »Wollt ihr das Stück mit Katze?« Tosender Applaus. »Gut, dann lassen wir sie wieder auftreten. Aber erst Morgen, heute ist sie schon gegangen.«

Damit jetzt eine Katze als Bestandteil des Stücks auftreten konnte, brachte die Getränkefrau ihre Hauskatze mit. Ein zahmer Tiger, gut genährt und faul. Er ließ sich von den Darstellern hinter den Ohren graulen, schnurrte friedlich und schlief während der Proben entweder im Schoß eines Darstellers oder in einem Sessel, den man ihm auf die Bühne gestellt hatte. Textlich wurde er entsprechend in das Stück eingebaut. Die Proben verliefen zufriedenstellend.

Am Abend fieberten alle, wie sich der neue Kollege präsentieren würde. Über der Besetzungsliste hatte jemand einen kleinen Zettel geklebt »und Felix, unser Hauskater«. Felix verhielt sich professionell und rollengerecht. Nur einmal hob er den Kopf, stellte die Ohren, lauschte nach hinten und wedelte unruhig mit dem Schwanz. Dann beruhigte er sich wieder. Die Vorstellung war ein Erfolg.

Die beiden nächsten Vorstellungen verliefen wie geplant. Der Besitzer des Theaters war von seiner Idee, ein lebendes Tier als Bestandteil des Stücks auftreten zu lassen, begeistert. Der Laden war jeden Abend ausverkauft.

Dann jedoch verlief alles nicht mehr nach dem Regiebuch. Felix lag, wie es seine Rolle vorsah, in seinem Sessel. Plötzlich fuhr er hoch, legte die Ohren an, fauchte und schoss in die Kulissen. Von dort war ein Fauchen und Jaulen zu hören. Die Darsteller stockten mitten im Text. Hinter der Bühne schrie jemand: »Auseinander, ihr Mistviecher!«

Dann schoss eine schwarze Katze über die Bühne, gefolgt vom fauchenden Felix und beide verschwanden seitlich in der Dekoration. Irgendwo Backstage fiel ein Gefäß scheppernd zu Boden. Die beiden Katzen wurden noch einmal jaulend gehört, so als hätten sie sich ineinander verbissen. Dann war Stille, auf der Bühne und im Zuschauerraum.

Die Vorstellung wurde nach einer Viertelstunde fortgesetzt. Während dieser Zeit versuchten alle, die gerade nichts zu tun hatten, nach Felix. Aber er blieb verschwunden, so wie die schwarze Katze.

Zwei Tage später tauchte Felix wieder auf. Er saß abgemagert, dreckig und zerzaust vor der Tür des Kellertheaters, als der Beleuchter kam, um aufzusperren.

Felix trat nie mehr vor Publikum auf.

Einige Wochen später, keine Vorstellung war bisher von Katzen gestört worden, stolzierte jene schwarze Katze, die damals vor Felix floh, ohne Scheu über die Bühne. Mit dem Maul hatte sie ein Junges an dessen Genick gepackt, das die Tigerfarben von Felix und dazu pechschwarze Beine trug. Den Rest des Wurfs fand man in jenem Korb, in dem damals die Katzenhaare gefunden worden waren.

Seit damals blieb die schwarze Katze dem Theater verbunden. Sie hielt es mäusefrei, ließ sich gelegentlich sehen und hören. Über der Bühne hing ein Schild: »Lassen Sie sich nicht von unserer Hauskatze erschrecken. Sie hält uns die Mäuse vom Hals und garantiert Ihnen einen angenehmen Theaterabend«.

Bis zum letzten Vorhang

Auf der Suche nach einem Studentenjob wurde mir eine Statistenrolle an einem Provinztheater angeboten. Ich nahm an, ohne zu fragen, was ich tun müsste. Die Bezahlung war nicht hoch, aber auf der Bühne stehen, das wollte ich schon immer einmal. So wurde ich in Schillers Wallenstein der vierte Lanzenträger im dritten Akt.

Es war eine tragende Rolle. Die Rüstung wog zwanzig Kilo ohne Lanze und stehen musste ich zwanzig Minuten. Der Regisseur ließ mich zwei Mal proben. Obwohl ich nichts zu sagen hatte, war es wichtig, in welcher Haltung ich die Bühne betrat. Wir übten »Auftritt«. Zwar hatte ich berechtigte Zweifel, ob die Landsknechte zu Wallensteins Zeit stampfend und mit scheppernder Rüstung irgendwo auftraten, aber ich tat, was man von mir verlangte, und er war zufrieden. Nur mit dem ganzen Gewicht meiner hundert Kilo (achtzig von mir und zwanzig von der Rüstung) auf beiden Beinen, das schaffte ich nicht über die Dauer meines Auftritts. Ich wechselte ständig das Standbein und das passte dem Regisseur nicht. Das konnte er bei dieser kleinen Gage von mir nicht verlangen. Ich war die Rolle schneller wieder los, als ich sie bekam. Meinen Theaterjob rettete der Verkehrsunfall eines Bühnenarbeiters. Er fiel für mehrere Wochen aus und ich sprang für ihn ein, zur doppelten Gage meiner Statistenrolle.

Auf diese Weise blieb ich länger als geplant beim Theater, und hätte Oskar sonst nie kennengelernt. Er war schon ein betagter Mann, der immer pünktlich zu jeder Probe und später zu jeder Vorstellung erschien. Weder spielte er mit, noch hatte er eine andere mir erkennbare Funktion. Er kam mit den Ersten und ging mit den Letzten. Er saß mit allen in der Kantine und während der Vorstellung stand er im Hinterraum der Bühne, aber so, dass er das Geschehen von dort sehen konnte. Alle behandelten ihn mit ausgesuchter Höflichkeit und großem Respekt.

Meine Neugier befriedigte der Inspizient. Oskar nannten sie den alten Mann. Ob das sein wirklicher Name oder nur sein Bühnenname war, wusste niemand. Er hatte die achtzig längst überschritten, war seit drei Jahren in Pension und vorher Schauspieler gewesen. Vierzig Jahre davon spielte er an diesem Theater. Er durfte nicht mehr spielen, weil er nicht mehr textsicher war. Das raunte mir der Inspizient ins Ohr. Er merkte sich zwar noch jeden Text, kannte seine Rollen seit Jahrzehnten auswendig, aber er verwechselte die Stücke.

Es konnte vorkommen, dass er als Wallenstein plötzlich den Text von Egmont sprach. Das belustigte zwar das Publikum, irritierte aber seine Kollegen. Damit verwandelte sich ein Drama in eine Komödie, und das konnte die Theaterleitung trotz seiner Verdienste nicht tolerieren. Aus alter Verbundenheit und auch aus Dankbarkeit gestatteten sie ihm die jederzeitige Anwesenheit im Theater. Er lebte allein, wie er mir einmal erzählte und seine Haushälterin genügte ihm nicht als Kulturersatz.

Nur wenn Oskar krank wurde, fehlte er. Als altes Theaterpferd verstand er, Niesende oder Hustende hatten nichts auf der Bühne verloren. Eines Tages, es war während einer Probe, brach er unbemerkt hinter einigen Kulissen zusammen.

Es dauerte eine Weile, bis ich ihn fand als ich einen Korb als Requisit auf die Bühne tragen musste. Der sofort alarmierte Notarzt diagnostizierte einen Kreislaufzusammenbruch und man fuhr ihn ins Spital.

Nach einer Woche kam Oskar pünktlich zur Opernpremiere von Carmen wieder. Alle waren entsetzt, aber er erklärte uns, es ginge ihm gut. Nur die Pumpe, wie er sich ausdrückte, sei schon alt und Ersatzteile gebe es keine mehr für dieses Modell. Als Schonung akzeptierte er einen Sessel, den wir ihm bei jeder Vorstellung hinter die Bühne stellten. Immer öfter schlief er darin ein und ich musste ihn wecken, wenn der letzte Vorhang gefallen war. Oskar sah dann in dem großen Fauteuil immer so winzig und gebrechlich aus.