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An ihrem 80. Geburtstag übergibt die in Prag geborene und in Baltimore lebende Großmutter ihrem Enkel das Familienalbum und erzählt ihm die wechselvolle Geschichte ihrer amerikanisch / tschechisch / österreichischen Familie. Diesen Spuren folgt der Enkel zurück bis in das Jahr 1918, erwirbt das Haus der Familie in Prag zurück und entdeckt in dessen Keller ein grausiges Geheimnis. Beim Lösen dieses Geheimnisses erfährt er viel über die Liebe und die Opferbereitschaft seines Urgroßvaters und die Stärke seiner Großmutter. Wird das Geheimnis den Zusammenhalt der Familie sprengen?
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Gerhard Appelshäuser, dessen Lebensmittelpunkt in Wien liegt, wurde durch diese facettenreiche Stadt zum Schreiben inspiriert. Viele Reisen, erworbene Erfahrungen und seine Neugier sind die Stützen seiner Fantasie. Mit Kurzgeschichten begann sein schriftstellerischer Weg. Inzwischen verfasste er auch Romane und Erzählungen.
Bislang wurden sieben Kriminalromane sowie Romane und Kurzgeschichten aus seiner Feder veröffentlicht:
Der Tote auf Bahn 4
Der Maler der zweimal starb
Auch der Tod arbeitet im Weinberg
Tod in der Puszta
Das versperrte Paradies
Als der Renoir aus dem Rahmen fiel
Mord nach dem letzten Akkord
Das Geheimnis der Mozartova 4 (Roman)
Das Mondscheinkind (Roman, erscheint 2. Hj. 2024)
Und dämlich grinst das Dromedar (Kurzgeschichten)
Gerhard Appelshäuser
Roman
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Dieser Roman ist ein Produkt der Fantasie. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen – lebenden oder toten – und Geschehnissen wären reiner Zufall.
Neuauflage (2. Auflage)
©2022 by medimont verlag gmbh, 86453 Dasing, Marienstr. 31
Umschlaggestaltung: Piet Vandenlo
Umschlagabbildung: Corry DeLaan
Lektorat und Redaktion: Wolfgang K. Ernst
Gesetzt in Adobe InDesign im Verlag
Druck und Bindung: ScandinavianBook, DK-6300 Gravenstein
Die erste Auflage erschien unter:
Gerhard Appelshäuser: „Das Geheimnis der Mozartova Nr. 4“,
Hohen Neuendorf: AAVAA Verlag, 2014
Printed in the EU
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
eISBN: 978-3-911172-60-8
Sie finden uns im Internet unter:www.medimont.deBestell-Nr.: 35010
Über den Autor
Namensverzeichnis
Baltimore, Oktober 2003
Baltimore, Grandmas Beisetzung
Baltimore, 12. Juni 2001, Grandmas 80. Geburtstag
Kitty Hawk, am Tage nach dem Geburtstag
Prag, Neujahrsempfang 1919, in der amerikanischen Botschaft
Prag, ein Sonntag im Winter 1919/20
Prag 1920, Wie aus Freundschaft Liebe wurde
Prag, im Oktober 1920, Karls und Jennifers Hochzeit
Kitty Hawk, am Abend nach Grandmas Geburtstag
Prag, Ende August 2001
Prag, Grandmas Kindheit und Jugend
Baltimore, in den ersten Septembertagen 2001, Mein erster großer Streit mit meinem Vater
Prag, im April 2002
Prag, 1939, für Josefine beginnt der Ernst des Lebens
Prag, Anfang Oktober 2002, eine Überraschung in der Mozartova Nr. 4
Unterwegs 1944/45, die Flucht aus Prag
Baltimore, Ende November 2002
Baltimore, Weihnachten 2002
Prag, Februar 2003, Ein Geheimnis wird gelüftet, ein anderes bleibt weiterhin ungelöst
Prag, im Februar 2003, Pawel
Kitty Hawk, Mai 2003, Hochzeitsgefühle
Salzburg, im Juni 2003, Karl Wittighofers Tagebuch
Baltimore, Ende November 2003
Prag, im April 2005
Josefine Mary Alexander Großmutter / Grandma
Morton Alexander Ehemann von Josefine / Grandpa
Carl (Karel) Enkel von Josefine und Morton
Harriet Karels Frau
Francis II Lee Alexander Karels Vater
Lucia Renata Lugmanova-Alexander Karels Mutter
Miranda Francis‘ zweite Frau
Karl Wittighofer Karels Urgroßvater
Jennifer Wittighofer Karels Urgroßmutter
Jan Karels Cousin
Pawel Fahrer von Karl Wittighofer
Oktober 2003
Mein Vater, Francis II Lee Alexander, innerhalb der Familie nur Lee genannt, rannte wutschnaubend aus meiner Wohnung. Die Eingangstür knallte er heftig hinter sich zu, um seinem Ärger auch akustisch das notwendige Gewicht zu verleihen. Streit mit meinem Vater versuchte ich, seit meiner Kindheit, zu vermeiden. Eigentlich wollte ich mit niemand im Streit leben, und soweit ich zurückdenken kann, ist mir dies auch meistens gelungen. Aber in den letzten Jahren, genau genommen, seit er mit Miranda, seiner zweiten Frau verheiratet ist, genoss ich es, wenn er sich ärgerte. Eine kleine Revanche für die Niederlagen, die er mir seit meiner Kindheit zugefügt hatte und die ich mir gefallen ließ, ohne mich zu wehren.
Den Grund seiner Wut konnte ich sogar verstehen, auch wenn der Anlass mehr als traurig war. Wir stritten darüber, den Willen seiner vor zwei Wochen verstorbenen Mutter, meiner geliebten Großmutter, zu erfüllen. Vor einigen Monaten ernannte sie mich zu ihrem Anwalt und Testamentvollstrecker und nicht ihren Sohn. Ich fand in ihren Unterlagen einen an mich gerichteten Brief mit der Verfügung, sie in der Gruft ihrer Eltern und nicht in der Familiengruft ihres Mannes beizusetzen. Die Grabstätten liegen auf verschiedenen Friedhöfen.
Die Familie Alexander, eine in Baltimore alt eingesessene Anwaltsfamilie, unterstützte immer die Westminsterkirche der Presbyterianer. Deswegen besitzt sie dort eine Familiengrabstätte, nicht weit entfernt vom Grabmal des Dichters Edgar Allen Poe. Sie darf noch immer genutzt werden, obwohl der Friedhof in der Zwischenzeit geschlossen worden ist. Wie mir Großmutter erzählt hatte, brach schon einmal, beim Tod ihres Vaters, Streit darüber aus, wo er beerdigt werden sollte. Damals weigerte sich die Familie, einen eingewanderten Europäer, der darüber hinaus noch katholisch war, bei stolzen protestantischen Maryländern ruhen zu lassen.
So liegen der Urgroßvater und später auch meine Urgroßmutter auf dem katholischen Friedhof und dort wollte auch meine katholische Großmutter begraben werden; ein Skandal für meinen Vater.
Aber die Verfügung meiner Großmutter war eindeutig:
Mein lieber Enkel Karel,
Ich, Josefine Mary Alexander, Tochter des Karl Emanuel Wittighofer und seiner Frau Jennifer, in Prag am 12. April 1921 geboren, verfüge, dass meine Asche im Grabmal meiner Eltern beigesetzt wird.
Du, mein geliebter Karel, wirst mir einen letzten Dienst erweisen und diese Verfügung gegenüber Deinem Vater, meinem Sohn Francis II Lee, durchsetzen, der mich sicherlich neben meinem geliebten Mann Francis Morton in der Gruft der Alexanders beerdigen will.
Da ich mich aber, mit Ausnahme bei meinem leider schon früh verstorbenen Mann, nur in meiner eigenen Familie geborgen gefühlt habe, wirst Du meinen Wunsch sicherlich verstehen.
Baltimore, am 18.04.2003
Josefine Mary Alexander
Wütend warf mein Vater das Dokument auf den Tisch.
»Carl, du wirst doch diesen Blödsinn einer alten, störrischen Frau nicht ernst nehmen. Sie hat immer in der alten Welt gelebt und spöttisch auf uns Amerikaner herabgesehen. Gar nicht zu reden von der Missachtung unserer alteingesessenen Familie.«
Er nennt mich Carl, so wie ich getauft wurde, aber alle, die mich lieben, sagen Karel zu mir, so wie meine tschechische Mama.
»Als Anwalt solltest du wissen, dass solche Verfügungen gültig sind und ihnen auch entsprochen werden muss, so sie keine Gesetze verletzen. Das tun sie nicht in diesem Falle. Oder willst du den letzten Willen von Grandma wegen geistiger Verwirrung anfechten?«
»Natürlich nicht; glaubst du, ich mache mich in der Stadt lächerlich? Aber das ist eine Angelegenheit innerhalb der Familie und da brauchen wir kein Gericht. Es wird Zeit, dass du dich in unsere Familie eingliederst.«
Das arrogante Gesicht meines Vaters wurde dabei noch eine Spur arroganter. Nicht was er sagte, sondern wie er es sagte, veranlasste mich, ihm gegenüber den letzten Respekt zu verlieren.
»Ich werde Grandma dort beerdigen, wo sie es wollte. Du kannst an der Beerdigung teilnehmen, falls du noch einen Funken Anstand besitzt, oder ihr fernbleiben; ich glaube, Grandma hat von dir nichts anderes erwartet.«
Ich hatte meinen Vater noch nie so schnell aus einem Sessel aufstehen gesehen; immerhin ist er schon siebenundfünfzig Jahre alt. Mit schriller Stimme schrie er mich an:
»Du gehörst nicht mehr zu unserer Familie. Du hast drei Tage Zeit, mein Haus zu verlassen und deine Wohnung zu räumen. Morgen erwarte ich deine Kündigung im Büro!«
Der harte Ton klang noch eine Weile im Raum nach, als er diesen schon längst verlassen hatte. Gelähmt blieb ich noch einige Minuten unter der alten Stehlampe sitzen. Ihr Lichtkegel leuchtete nur die beiden Sessel aus, in denen unsere Unterhaltung so abrupt beendet wurde. Im milden Licht war die leichte Delle im Leder noch zu erkennen, die mein Vater hinterließ. Ungewollt starrte ich darauf und dachte über seine letzte Bemerkung nach.
Aus welcher Familie hatte er mich gerade hinausgeworfen?
Aus der, deren Name ich trage?
Gehörte ich je zu dem Alexander-Clan oder eher zu der Wittighofer-Familie?
Fühle ich mich als Amerikaner oder als Europäer?
Diese Fragen stellten sich mir schon lange, aber jetzt musste ich sie beantworten. Damit konnte ich nicht warten, bis Grandma beerdigt worden ist. Zuviel passierte in den letzten Jahren, was ich noch nicht verarbeitet habe. Seit mir Grandma das Familienalbum mit der Bitte, es in Ehren zu halten, überreicht und an einigen Abenden danach die dazugehörige Geschichte ihrer Familie erzählt hatte, wurde mein Leben durcheinander gewirbelt. Ich aber hatte andere Pläne.
»Grandma, warum soll ich mich um die Geschichte unserer Familie kümmern und nicht mein Vater, der nächste in der Reihe nach dir?«
Das hatte ich sie gefragt, als sie mir das Album mit den alten Fotos an ihrem 80. Geburtstag in die Hand drückte, nachdem alle anderen Gäste gegangen waren.
»Weißt du, Karel, unsere Familie wurde mehr von Europa als von Amerika geprägt. Die Ausnahme ist dein Vater, der größte Yankee seit Generationen, das jedenfalls hat dein Grandpa immer behauptet und da war Lee noch in der Pubertät. Auch du hast mehr europäisches Blut in den Adern und europäischen Geist im Kopf als er. Wenn ich einmal tot bin, dann wirft er das Album sicherlich in den Müll.«
Hätte ich damals gewusst, auf was ich mich einließ, ich glaube nicht, dass ich Grandma versprochen hätte, mich um die Familientraditionen zu kümmern. Aber sie hatte schon recht. Ich war nicht nur in Gedanken, sondern auch im Herzen in Europa zu Hause, auch wenn ich es damals noch nicht so oft besucht hatte. Vor allem wurde mir das Pflichtbewusstsein ihrer Familie vererbt. Das zwang mich jetzt nicht nur, ihren Letzten Willen zu erfüllen, sondern auch eine Art Familienchronik anzufertigen für unsere Nachkommen. Harriet, die ich wahrscheinlich nie ohne das Familienalbum geheiratet hätte, erwartet unser erstes Baby und diesem Kind möchte ich meine Erfahrung mit der Familie ersparen.
Grandmas Beisetzung
Drei Tage nach dem großen Streit mit meinem Vater setzten wir Großmutters Urne in der Familiengruft der Wittighofers bei. Alle noch lebenden Freunde meiner Großmutter waren gekommen, sogar der Oberbürgermeister der Stadt und natürlich auch mein Vater mit seiner neuen Frau. Seit dem Streit hatten wir uns nicht mehr gesprochen, obwohl wir uns in der Kanzlei kaum aus dem Weg gehen konnten.
Der Bischoff von Baltimore zelebrierte die Totenmesse und sprach sehr warmherzig am Grab meiner Großmutter.
»Mit Josefine Mary Alexander verliert die Stadt und vor allem die Gemeinde eine Frau, die sich seit ihrer Ankunft aus Europa nach dem großen Krieg, immer und unermüdlich um die neu Angekommenen und die Bedürftigen gekümmert hat. Sie wurde als Amerikanerin in Europa geboren, hat Freud und Leid dieses Kontinents miterlebt, hat die Schrecknisse des Krieges am eigenen Leib verspürt, wurde verfolgt und dank des Zusammenhalts ihrer Familie gerettet. Die Freiheitsliebe Amerikas und das soziale Gewissen Europas haben Josefine Mary Alexander ihr Leben lang geprägt und geleitet. Sie wird uns als leuchtendes Beispiel fehlen. Der Herr nehme sie in Güte auf. Amen.«
Bei der kurzen Ansprache des Bischofs beobachtete ich meinen Vater und bemerkte zum ersten Mal Betroffenheit und Trauer in seinem Gesicht. Natürlich war ich nicht aus meiner Wohnung in der Alexander-Villa ausgezogen und beabsichtige dies auch nicht. War es doch Grandmas Wohnung, die sie mir nach ihrer Übersiedlung in ein kleines Appartement in der Stadt überlassen hatte.
Im linken Seitenflügel wohnt mein Vater. Die Villa gehört jetzt uns beiden, nur weiß er das noch nicht.
Ich arbeite auch weiterhin in unserem Anwaltsbüro und denke nicht daran, zu kündigen; er hat auch nicht mehr danach gefragt. Er wird sich sowieso noch bei der Testamentseröffnung wundern.
Die Feier war kurz, denn das Wetter entsprach dem traurigen Anlass. Die große Schar der Trauergäste fröstelte unter ihren Mänteln und die aufgespannten Regenschirme boten nur einen notdürftigen Schutz gegen den dauerhaften Nieselregen. Die Nässe und die Kälte waren untypisch für diese Jahreszeit. Die Steine der Nachbargräber konnten wir nur schemenhaft erkennen. Die vielen tröstenden Worte nahm ich gar nicht richtig wahr und konnte mich später auch nicht mehr daran erinnern. Ich merkte noch nicht einmal, dass sich die Trauergemeinde rasch verlaufen hatte.
In meinen Gedanken war ich weit weg. Ich sah Grandma als junges Mädchen in Prag in der Zeit zwischen den Kriegen. Erlebte mit ihr die Flucht nach Salzburg, die Hochzeit mit meinem Großvater, dem Captain der US-Armee, die ersten Jahre in Baltimore, ihrer neuen Heimat, die sie noch nie gesehen hatte. Ich erinnerte mich an meine Kindheit im Garten unserer Villa, an meine tschechische Mutter, die sich mit ihrem lustigen Akzent mühte, mit mir englisch zu sprechen und so früh verstarb. Als wäre es erst gestern geschehen, spürte ich meine Großmutter, wie sie mir nach dem Tod meiner Mutter Nestwärme gab, mir Schutz und Trost spendete und mich den strengen und kalten Vater ertragen ließ.
Heute bin ich erwachsen und stark genug, selbst für mich zu sorgen. Aber mir wurde plötzlich bewusst, dass ich keinen in der Familie mehr hatte, den ich um Rat fragen konnte. Dass niemand mehr da war, dem ich meine innersten Gedanken anvertrauen konnte; mit Ausnahme von Harriet, meiner Frau. Jetzt merkte ich, dass mir Grandma fehlen würde. Die aufsteigenden Tränen ließ ich laufen.
Ich wusste nicht, wie lange ich weinend am Grab meiner Großmutter stand. Als ich meine Tränen trocknete und mir den Regen aus dem Gesicht wischte, sah ich mich um. Nur Harriet stand neben mir, sonst keiner mehr. Sie hatte sich unbemerkt bei mir eingehakt, und hielt teilnahmsvoll meine Hand. Sie wusste, was in mir vorging, obwohl wir noch nicht so lange verheiratet sind. Gedankenverloren betrachtete ich den Grabstein mit seinen Inschriften:
Karl Emanuel Wittighofergeboren 1890 in Wien, gestorben 1955
Jeniffer Wittighofergeboren 1901 in Boston, gestorben 1985
Josefine Mary Alexandergeboren 1921 in Prag, gestorben 2003
Meine Mutter und mein Großvater liegen in der Gruft auf dem Friedhof an der Westminsterkirche. Wir beschlossen spontan, trotz des schlechten Wetters, dorthin zu fahren. Das Taxi brauchte eine knappe halbe Stunde. Wir ließen es warten und betraten den alten Garten, der hinter der Kirche liegt. Die Grabstätten ruhen im Schatten großer Bäume, und auf vielen Steinen haben sich schon Moos und Flechten angesetzt. Lange war ich nicht mehr hier gewesen. Um mich an geliebte Menschen zu erinnern, brauche ich keine besonderen Plätze, ich trage sie in meinem Herzen.
Die Gruft der Alexander Familie ist eine der größten auf dem Friedhof, dunkler, fast schwarz grauer Marmor, geputzt und sauber, frische Blumen in drei Vasen vor der Statue, die den Gründervater der Alexander-Familie darstellen soll, wie mir mein Großvater einmal erklärt hatte. Eine lange Liste von Namen ziert die Ahnentafel, die mir alle fremd sind. Nur die beiden Letzten kannte ich.
Capt. Francis Morton Alexander,geboren 1920 in Baltimore, gestorben 1986
Lucia Renata Lugmanova-Alexandergeboren 1950 in Prag, gestorben 1988
Mein Großvater und meine Mutter, die nur 38 Jahre alt wurde, und die mich im Alter von 14 Jahren allein zurückließ. So zerrissen, wie meine Familie begraben liegt, so zerrissen fühle ich mich gerade jetzt. Mit Ausnahme meiner Mutter liegen hier nur die presbyterianischen Teile und auf dem katholischen Friedhof die katholischen Teile meiner Familie begraben. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich zwar protestantisch getauft, keiner Kirche angehöre. Mein Vater will sicherlich hier begraben werden. Wo ich dereinst ruhen werde, weiß ich nicht.
Ich muss das gelegentlich mit Harriet besprechen. Ich war heute zum ersten Mal mit ihr hier. Friedhöfe besuchen wir beide nicht gern. Wir sind noch zu jung, um uns jetzt schon mit dem Tod zu beschäftigen.
Bei Grandma war das anders. Sie fing mit ihrem achtzigsten Geburtstag an, alles für ihren Tod vorzubereiten; nur haben wir das damals nicht bemerkt. Mir war nicht aufgefallen, wie die Zeit verrann, hätte mich der Taxifahrer nicht aus meinen Gedanken gerissen.
»Sir, Madam, ist alles OK mit Ihnen? Sie waren lange weg und ich machte mir Sorgen.«
Wir ließen uns nach Hause fahren. Im Taxi redeten wir kaum miteinander. Irgendwie wirkte die ganze Trauerfeier noch in uns nach. Ich fürchtete schon, die Stimmung wäre für unser Kind in Harriets Bauch nicht gut, aber sie beruhigte mich. Unser Kind würde noch viel mehr ertragen müssen bis zu seinem ersten Schrei.
Zu Hause angekommen, ließen wir das Holz im Kamin anzünden und saßen noch ein paar Stunden vor dem flackernden Feuer. Immer wieder erinnerten wir uns an einzelne Geschichten und Episoden, die uns im letzten Jahr passiert waren. Es genügte ein Stichwort und wir redeten darüber als wäre es gestern geschehen. So frisch waren unsere Erinnerungen. Wie sie wohl unser zukünftiges Leben beeinflussen werden? Ich weiß nicht, ob das beim Tod eines geliebten Menschen immer geschieht.
Damals, als meine Mutter starb, war ich noch ein Kind und empfand ihren Tod anders. Lange sprachen wir auch über mein spannungsgeladenes Verhältnis zu meinem Vater.
»Karel, du solltest versuchen, dich mit deinem Vater zu vertragen, schon um unseres Kindes willen, das einen Großvater braucht.« Und nach einer Weile fuhr sie fort »Auch Miranda sollten wir in unsere Familie aufnehmen, selbst wenn du sie nicht ausstehen kannst. Ich halte sie auch für etwas einfältig, aber sie hat mehr Herzenswärme als dein Vater und auch das wird unserem Kind gut tun.«
Wie immer sah meine Frau die Dinge nüchtern und praktisch.
Zwei Tage später suchte uns der Familiennotar im Büro auf, um die Testamentseröffnung vorzunehmen. Wir trafen uns mit meinem Vater und mit seiner neuen Frau im kleinen Konferenzraum. Ich kann mich noch immer nicht an sie gewöhnen und vermeide es, sie Miranda zu nennen. Albert Davy, den ich schon seit meiner Kindheit kenne, betreut seit Urzeiten unsere Familie. Er ist, ich weiß nicht genau, der wievielte Albert in der ehrwürdigen Kanzlei Davy and Sons.
Er putzte umständlich seine Brille, öffnete seinen Aktenkoffer und legte ein großes verschlossenes Kuvert vor sich auf den Tisch. Alle blickten ihn gespannt an.
»Lee, Miranda, Carl, Harriet ihr seht, der Umschlag ist versiegelt und unbeschädigt«.
Dabei hielt er den Umschlag hoch, drehte ihn langsam nach allen Seiten, griff nach einem Brieföffner, den er seinem offenen Aktenkoffer entnahm, und erbrach das Siegel.
»Ihr wisst, wir Davys sind schon immer die Notare euerer Familie gewesen und so habe auch ich die große Ehre, euch das Testament der Verstorbenen Josefine vorzulesen.«
»Albert,« unterbrach ihn mein Vater, »das ist allen hier im Raum bekannt und wir haben auch vollstes Vertrauen zu dir, aber bitte, erspar uns die lange Einleitung und ließ endlich vor.«
»Wie du willst, Lee, also der Letzte Wille der Verstorbenen:
Ich Josefine Mary Alexander, geboren am 12. April 1921 in Prag verfüge über mein Vermögen wie folgt:
Die mir allein gehörende Villa »Alexanders Court« vermache ich zu gleichen Teilen meinem Sohn Francis II Lee und meinem Enkel Carl. Nach dem Tod meines Sohnes soll die Villa alleine meinem Enkel und seinen Nachkommen gehören. Meine Schwiegertochter Miranda erhält nach dem Tod meines Sohnes ein Wohnrecht bis zu ihrem Lebensende bzw. einer eventuellen Wiederverheiratung.
Meine Anteile an der Anwaltskanzlei Alexander & Alexander in Höhe von 50% erbt mein Enkel Carl zur Gänze, sodass er mit seinen eigenen Anteilen zusammen, eine Mehrheit hält. Er ….«
An dieser Stelle schob mein Vater seinen Stuhl abrupt und geräuschvoll zurück und verließ kommentarlos mit wutverzerrtem Gesicht den Raum, seine verdutzte Frau hinter sich herziehend. Überrascht sah der Notar von seinem Dokument auf und hielt kurz mit dem Vorlesen inne.
»Aber ich bin doch noch nicht fertig! Warum ist er beleidigt, es war doch der Letzte Wille seiner Mutter« und nach mehrmaligem, Unverständnis signalisierendem Kopfschütteln, fuhr er fort. »Kannte er den Inhalt des Testaments nicht?«
»Offensichtlich nicht, obwohl ich Grandma mehrmals gebeten hatte, es ihm zu sagen.«
»Ja was machen wir denn jetzt? Soll ich weiter vorlesen? Du kennst doch das Testament?«
Ja ich kannte es. Grandma vergab noch einige Legate an die Kirche, an den tschechischen Emigrantenverein; bedachte einige Hausangestellte, denen sie sich verbunden fühlte und setzte eine ziemlich üppige Rente für Pawels Tochter und Enkelin fest. Zu Pawel hatte sie seit ihrer Kindheit ein inniges Verhältnis. Obwohl er nur der Fahrer ihres Vaters war, prägte er ihren Charakter wesentlich. Ich wurde zum Testamentvollstrecker ernannt. Wäre mein Vater da geblieben, so hätte er noch erfahren, dass ich Grandmas Anteile nicht an Dritte verkaufen darf und mein Vater bis an sein Lebensende in der Kanzlei als Seniorchef arbeiten kann.
Über ihr erst kürzlich in Prag aufgefundenes Vermögen hatte sie keine Verfügung getroffen. Sie überließ mir die Entscheidung, was damit geschehen soll. So beschlossen der Notar und ich, Vater das Testament zustellen zu lassen. Mein Vater war nicht mehr im Büro, als ich ihn aufsuchen wollte, gleich, nachdem mich der Notar verlassen hatte. Ich erfuhr von seiner Sekretärin, dass er alle Termine für die nächsten zwei Tage abgesagt hatte und mit Miranda nach Hause gefahren war. Wenn er in ein paar Tagen die Testamentsabschrift erhalten wird, will ich nochmals mit ihm sprechen. Harriet und ich verließen ebenfalls bald unsere Kanzlei. Während wir uns in meiner alten Stammkneipe um die Ecke hinter unserem Büro noch einen Schlummertrunk genehmigten, erinnerte ich mich, wie alles mit Grandmas achtzigstem Geburtstag begann…
Grandmas 80. Geburtstag
Schon seit Generationen besitzt meine Familie ein Haus am Meer, hinter Dünen versteckt. Es liegt etwas außerhalb des kleinen Fischerhafens von Kitty Hawk. Vielleicht war es der Blick auf den Atlantik und die Stimmung der Sonnenauf- und -untergänge, die einen meiner Vorfahren bewogen hatten, das Stück Land zu kaufen und ein kleines Haus darauf zu bauen. Baltimore liegt zwar auch am Meer, aber in einer lang gestreckten Bucht, mehrere Hundert Meilen von der offenen See entfernt. Vielleicht war es damals auch nur üblich, die Bedeutung einer einflussreichen Familie durch einen zweiten Wohnsitz zu unterstreichen. Jedenfalls war es im Zeitalter der ersten Autos und ohne Flugzeug zeitaufwendig und beschwerlich, das Haus am Meer öfter zu nutzen.
Ich weiß nur, was mir mein Großvater Morton über seine Vorfahren berichtet hatte. Sie waren allesamt ehrbare und sparsame Zeitgenossen gewesen, etwas spießig, wie es sich für die Presbyterianer der damaligen Zeit gehörte. Aber vielleicht gab es doch einen Leichtsinnigen, der sich sogar noch mit seiner Geliebten hier getroffen hat. So einer, falls es ihn tatsächlich gegeben haben sollte, täte meiner jetzigen Familie ganz gut. Im Stillen hoffe ich, ihn in meinem Stammbaum zu entdecken.
Auf einem der Fotos auf dem Schreibtisch meines Vaters hatte ich das erste Haus, wie wir es nannten, gesehen. Es war erheblich kleiner als das Heutige. Mein Urgroßvater der Alexander-Linie hat es nach dem Krieg durch eine prächtige Südstaatenvilla ersetzen lassen, in der mehrere Generationen unter einem Dach Platz finden. An der Entwicklung unseres Wochenendhauses konnte man den wirtschaftlichen Aufschwung unserer Familie ablesen. Um von Baltimore hierherzukommen, fliegen wir mit dem Firmenjet in dreißig Minuten nach Norfolk. Von dort sind es knapp zwei Stunden mit dem Auto die schmale Landzunge entlang, an deren Ende Kitty Hawk liegt. Eine zumutbare Zeit für ein angenehmes Wochenende. Ich war schon seit Jahren nicht mehr hier gewesen. Allein langweilte ich mich, mit Miranda, Vaters zweiter Frau, war es kein Vergnügen und Großmutter reiste in den letzten Jahren nicht mehr gerne, auch nicht kurze Strecken.
Nur ihren achtzigsten Geburtstag wollte sie noch einmal richtig feiern, nicht nur mit ihrer Familie, sondern auch mit den wenigen Freunden, die ihr noch verblieben waren. Das Fest sollte in unserer Strandvilla stattfinden. Wochen vorher wurde mit der Vorbereitung begonnen. Ein Teil des Hauspersonals war schon vorausgefahren, um das selten benutzte Haus gründlich zu säubern. Sie selbst reiste einige Tage vor ihrem Geburtstag im Firmenwagen mit Chauffeur an, um sich zu akklimatisieren, wie sie es nannte. Bei der Betriebsamkeit, die Grandma vorher entwickelt hatte, bereitete sie sicherlich eine Überraschung vor, dafür kannte ich sie zu gut. Aber der Stress bekam ihr und so ließ ich sie gewähren, wenn ich auch immer mit einem Auge auf sie aufpasste.
Als der Rest der Familie am Tag vor ihrem Geburtstag ankam, war schon alles vorbereitet. Sie hatte jedem ein Zimmer nach ihren eigenen Vorstellungen zugewiesen. Diejenigen, die sich mochten und sich schon lange nicht mehr gesehen hatten, bekamen nebeneinanderliegende, diejenigen, die sich nicht ausstehen konnten, auseinanderliegende Räume. Mein Vater wohnte mit Miranda am äußersten Ende des 2. Stockwerks, Großmutter im Ersten mir gegenüber. Neben mir hat sie Harriet einquartiert.
Sie stammt aus Boston und ich hatte mit ihr zusammen in Yale studiert, bis wir uns nach dem Examen aus den Augen verloren. Sie kannte Großmutter recht gut, verbrachte sie doch viele Semesterferien bei uns in Baltimore und damit auch viel Zeit mit Grandma, die sich ein wenig als Ersatz für Harriets schon früh verstorbene Eltern begriff. Ich glaube, Grandma wollte schon damals, dass sich aus unserem kollegialen ein intimeres Verhältnis entwickeln sollte, aber wir taten ihr diesen Gefallen nicht. Wahrscheinlich waren wir zu sehr damit beschäftigt, ein gutes Examen zu schaffen.
Uns blieb keine Zeit für andere Gefühle. Wobei ich im Nachhinein schon zugeben muss, dass mir Harriet gut gefiel, besser als es für eine Freundschaft nötig war und wir auch gut miteinander auskamen. Aber wie sie darüber dachte, wusste ich nicht. Jedenfalls scheint Grandma ihre Idee noch immer zu verfolgen.
Am Anreisetag gab es kein formelles Essen. Jeder kam ins kleine Speisezimmer, wo wir gewöhnlich frühstückten, wann immer er Hunger verspürte und wurde von unserer Küche, so gut es ging, verpflegt. Harriet sah ich bis zum Abend nicht und meinem Vater ging ich aus dem Weg, denn ich traf ihn außerhalb des Büros immer nur mit Miranda. Sie ist zwanzig Jahre jünger als er und hätte altersmäßig eher zu mir als zu ihm gepasst. Meine Erziehung erlaubte es mir am Anfang, sie als die Frau meines Vaters zu akzeptieren. Als sie aber anfing, meine Ersatzmutter zu spielen und mich »Sohn« nannte und mein Vater das auch noch prima fand, hatte ich meine erste richtige Auseinandersetzung mit ihm.
Ich bat ihn dringend auf seine neue Frau einzuwirken, mich nicht als ihren Stiefsohn zu behandeln, sondern als ein normales Mitglied unserer Familie. Nachdem mein Wunsch aber ohne Eindruck auf Miranda blieb, verbat ich ihr jeden Versuch, sich als meine zweite Mutter aufzuspielen, weil ich dies im höchsten Maße unpassend fand, und ich ihr gegenüber auch keinerlei Sympathie verspürte. Seit dieser Zeit gehen wir uns aus dem Weg, obwohl wir unter einem Dach wohnen, und sehen uns nur zu offiziellen Familienterminen wie bei dem Geburtstag von Großmutter. Sie konnte Miranda genau so wenig ausstehen, wie ich und ließ sie das auch spüren, wenn Miranda wieder einmal übertrieb, was spätestens nach einer Stunde passierte. Was mein Vater an dieser Frau außerhalb des Ehebettes schätzt, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben.
Nach dem späten Lunch verspürte ich Lust auf einen ausgedehnten Strandspaziergang und verließ unbemerkt die Villa auf der Parkseite. Der Platz zwischen dem Haus und der Düne, die sich unmittelbar vor dem Strand auftürmt, wird von uns Park genannt, obwohl er mehr einem ungepflegten Garten gleicht. Mir fiel auf, dass der Park ziemlich verfallen aussah. Überall lagen abgebrochene Äste herum, der Rasen war schon lange nicht mehr gemäht worden, und die zu Kugeln und Pyramiden geschnittenen Büsche hatten ihre Form verloren. Ich nahm mir vor, nach Grandmas Geburtstag einen Gärtner zu beauftragen, diesem Urwald wieder ein ordentliches Gesicht zu verschaffen. Als ich später mit meiner Großmutter darüber sprach, meinte sie, ich solle den Park so lassen, wie er jetzt aussieht, denn in seinem morbiden Zustand gefiele er ihr besser.
Statt eines Strandspaziergangs traf ich Grandma an dem kleinen Felsen hinter der Düne. Sie lehnte an dem Stein, das Gesicht zur Abendsonne gewandt, um noch den letzten Rest der Tageswärme aufzufangen. Ihren Rücken hat sie mir zugekehrt. Sie hielt die Augen geschlossen, das Kinn leicht emporgereckt, sodass sich die Falten an ihrem Hals geglättet haben. In ihren grauen Haaren spielte der leichte Abendwind. Sie schien mich nicht zu bemerken, als ich mich neben sie in den Sand setzte. Einige Minuten schauten wir schweigend auf die glatte Wasserfläche. Ohne mich anzusehen, fragte sie unvermittelt:
»Kannst Du nach meinem Geburtstag noch ein paar Tage länger bleiben oder musst du gleich wieder zurück?« Fast verstand ich ihre Frage nicht, so sehr war ich in meine Gedanken versunken. Ich genoss die Ruhe dieses Ortes. Hastig antwortete ich mit ein wenig Verspätung:
»Eigentlich habe ich einige Termine, aber wenn du mich brauchst, verschiebe ich sie, es ist nichts Wichtiges.«
Ich schwieg und wartete auf eine Reaktion von ihr. Aber sie sagte nichts.
»Bleibt Vater auch noch länger?«, wollte ich nach einer Weile wissen.
»Nein, er wird hier nicht mehr gebraucht« und eher beiläufig »Ich habe auch Harriet gebeten, noch ein paar Tage länger zu bleiben und sie hat zugesagt.«
»Grandma willst du uns miteinander verkuppeln?« Ich gab meiner Stimme bewusst einen spöttischen Klang.
»Nein, wäre aber eine gute Idee. Es wird langsam Zeit, dass du eine Frau findest, du bist immerhin schon siebenundzwanzig. Da habe ich gerade geheiratet und damals waren die Zeiten härter als heute und es war schwerer, einen passenden Partner zu finden.«
Sie schwieg abermals, fuhr aber nach einer Weile fort.
»Ich möchte mit dir über die Familie reden und dir einiges übergeben. In meinem Alter kommt der Tod oft plötzlich, und ich möchte das Wissen über unsere Familie nicht mit ins Grab nehmen. Mit deinem Vater kann ich darüber nicht reden. Den interessiert der »alte Kram«, wie er sich ausdrückt, nicht.«
»Aber was soll Harriet dabei?«
»Du wirst Hilfe brauchen und vielleicht auch jemanden haben wollen, mit dem du dich beraten kannst, wenn ich nicht mehr da bin. Das Mädchen weiß viel, sie ist klug und kann mehr tragen, als ihre schmalen Schultern vermuten lassen.«
Ich schwieg erneut und dachte mir, sie wird schon ihre Gründe haben, aber ich konnte mir nicht vorstellen, wobei mir Harriet nach Grandmas Tod helfen sollte. Die untergehende Sonne berührte schon die Wasseroberfläche, als wir uns, unabgesprochen, erhoben und gemeinsam zum Haus zurückkehrten. Grandma verabschiedete sich an der Treppe vor ihrem Zimmer. Ich verspürte noch keine Müdigkeit und beschloss, mich auf einen Drink in die Bibliothek zurückzuziehen, falls mein Vater nicht zufällig den gleichen Gedanken haben sollte.
Ihn traf ich dort nicht, sondern Harriet. Sie stand im Schein einer Stehlampe vor einem Bücherregal und studierte die Titel der Bücher, die dort langsam verstaubten. Noch immer war sie schlank wie ein Reh, etwas kleiner als ich, und ihre langen schwarzen Haare hatte sie hinten zu einem Schwanz zusammengebunden. So hatte ich sie noch nie gesehen. Früher fielen ihre matt schimmernden Haare aufgelöst über ihren schmalen Rücken. Das hatte mir besser gefallen. Lange hatten wir uns nicht gesehen und demgemäß viel zu erzählen. Die alte Vertrautheit war sofort wieder da und wir konnten beide nicht begreifen, warum wir nicht schon früher versucht hatten, uns zu treffen.
»Weißt du, Karel, mit deiner Großmutter stand ich die ganze Zeit in Verbindung. Wir telefonierten wenigstens einmal in der Woche miteinander. Sie hat mir sehr viel vom Streit in euerer Familie erzählt, und dass sie darüber gar nicht glücklich ist.«
»Davon hat sie mir kein Sterbenswort verraten. Sie scheint dich sehr zu mögen.«
»Ja und ich liebe sie auch. Sie erinnert mich stark an meine Großmutter, die leider schon lange tot ist. Weißt du, mit ihr kann ich über alles reden, auch über Intimes. Sie versteht alles und kann schweigen wie ein Grab.«
»Stimmt, sonst hätte sie mir von eueren Telefonaten erzählt«, stimmte ich lachend zu »hat dich Grandma gebeten, noch etwas länger hier zu bleiben?«
Harriet bestätigte mir, was ich schon wusste. Sie wolle uns von ihrer Zeit in Europa erzählen und hätte einen speziellen Auftrag an uns beide. Mehr wusste sie auch nicht.
Die Geburtstagsfeier am nächsten Tag begann mit einem gemeinsamen Frühstück. Alle gratulierten Großmutter, die sich Geschenke verbeten und uns alle aufgefordert hatte, eine karitative Aktion in Kitty Hawk zu unterstützen. Wir haben uns alle an die Empfehlung gehalten, nur Miranda fiel mit ihrem Geschenk aus dem Rahmen. Aber sie merkte das noch nicht einmal. Meinem Vater war es peinlich.
Zum Lunch erschienen der Bürgermeister, der Sheriff und der Pfarrer zur Gratulation. Das Essen wurde als Barbecue im Park serviert. Auf mehreren offenen Feuern grillten Fleisch und Fische, letztere von den Fischern aus Kitty Hawk frisch geliefert, mariniert und persönlich für uns gegart. Sie sagten, es sei ihnen eine Herzensangelegenheit, Misses Josi, wie sie meine Großmutter nennen, für die Unterstützung zu danken, die ihnen unsere Familie in Notzeiten gewährt hatte. Die dekorativ aufgebauten Salat- und Gemüsebuffets verdankten wir unserer Köchin aus Baltimore.
Danach spielte eine kleine Musikkapelle auf, und die Stimmung nutzen viele für ein Tänzchen. Harriet schleppte mich auf die Tanzfläche, obwohl ich lieber einen Strandspaziergang unternommen hätte.
Am Abend erreichte die Feier ihren Höhepunkt. Nur für die Familie servierte unser Personal ein Dinner im großen Speisesaal, wie ich es vorher noch nie bei uns erlebt hatte. Grandma thronte am Ende der Tafel, von wo aus sie alles überblicken konnte. Sie aß wenig, trank etwas Champagner und schien sich köstlich zu amüsieren, indem sie uns beim Essen beobachtete. Ihre flinken, wachen Augen wanderten ständig von einem zum anderen, und bald legte sich ein gütiger, aber auch schalkhafter Zug auf ihr Gesicht. Man sah ihr an, dass sie die selbst inszenierte Feier genoss.
Wieder einmal hatte sie ihren Willen in der Familie durchgesetzt. Die ergreifende Laudatio meines Vaters für Grandma erstaunte mich. Ich habe ihm soviel Gefühl und Liebe gar nicht zugetraut. Harriet und ich saßen links von ihr, Vater und Miranda uns gegenüber an ihrer rechten Seite. Grandma beteiligte sich kaum an den Gesprächen und antwortete auf meine Frage, ob es ihr nicht gut gehe:
»Ach Kinder, ich amüsiere mich prächtig und mir genügt es einfach euch zuzuhören, da muss ich einmal nicht in euere Gespräche einbezogen werden«.
Nach dem letzten Gang zog sie sich zurück.
»Meine Lieben, ihr könnt gar nicht ermessen, welche Freude ihr mir mit euerer Anwesenheit bereitet habt. Wie ihr wisst, pflege ich meine Geburtstage normalerweise nicht zu feiern, auch wenn sich meine Familie meinem Wunsch meist nicht fügt, aber zu meinem Achtzigsten wollte ich euch alle noch einmal sehen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt. Wenn ich mein Alter bedenke, so habe ich nicht mehr viel davon. Ich hatte ein reiches und erfülltes Leben und dafür bin ich dankbar. In diesem langen Leben habe ich mehr erlebt als die meisten von Euch und ich habe mehrmals überlebt. Dafür danke ich Gott auch heute. All diese Schicksalsschläge aushalten konnte ich nur, weil mir immer eine schützende Familie zur Seite stand.«
Sie unterbrach ihre Rede und lauschte einen Augenblick nach innen, so als suche sie die Zustimmung zu dem, was sie gesagt hatte, bei einer überirdischen Instanz.
»Im ersten Lebensdrittel waren es meine geliebten Eltern, im zweiten Lebensabschnitt mein all zu früh verstorbener Mann Francis und seine Familie und im letzten Drittel meine eigene Familie. Ihnen allen möchte ich danken und an euch appellieren: Erhaltet euere Familien, pflegt sie, sie sind das einzig Verlässliche, wenn ihr Hilfe braucht.« Sie hielt einen Moment inne. »Diese lange Rede hat mich doch sehr erschöpft. Ihr seid mir nicht böse, wenn ich mich jetzt zurückziehe und euch bitte, ohne mich weiter zu feiern.«
Lang anhaltender Applaus folgte auf ihre kleine Rede. Wir hatten uns alle von unseren Stühlen erhoben. Ehe wir uns wieder setzten, stand Grandma langsam auf, winkte uns nochmals lächelnd zu und ging zu Bett.
am Tage nach dem Geburtstag
Es wurde auch ohne Großmutter noch eine rauschende Party. Weit nach Mitternacht wankte ich, nicht mehr ganz nüchtern, in mein Bett. Ich hatte viel mit Harriet getanzt, mit Alkohol ging es besser als ohne; mich prächtig mit ihr amüsiert, so wie in alten Tagen und ausgiebig dem Champagner zugesprochen. So erschien ich erst zu einem sehr späten Frühstück. Die meisten Gäste waren bereits abgereist.
