Das Versprechen der Freiheit - Rachel Rhys - E-Book

Das Versprechen der Freiheit E-Book

Rachel Rhys

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Beschreibung

Auf dem Weg in die Freiheit begegnet eine junge Frau ihrem Schicksal ...

Europa steht kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als das junge Dienstmädchen Lily Shepherd in Essex an Bord eines Überseedampfers mit Ziel Australien geht. Sie will die dunklen Schatten ihrer Vergangenheit hinter sich lassen. Die Überfahrt beginnt traumhaft – Musik, glamouröse Tanzabende, exotische Landgänge. Lily schließt neue Freundschaften und erlaubt sich sogar, von einem Mann zu träumen, der in ihrem alten Leben unerreichbar gewesen wäre. Doch schon bald verblasst der Glanz der großen Reise, denn Lily ist nicht die einzige an Bord, die Geheimnisse hat ...

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Seitenzahl: 568

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Buch

Europa steht kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als das junge Dienstmädchen Lily Shepherd in Essex an Bord eines Überseedampfers mit Ziel Australien geht. Sie will die dunklen Schatten ihrer Vergangenheit hinter sich lassen. Die Überfahrt beginnt traumhaft – Musik, glamouröse Tanzabende, exotische Landgänge. Lily schließt neue Freundschaften und erlaubt sich sogar, von einem Mann zu träumen, der in ihrem alten Leben unerreichbar gewesen wäre. Doch schon bald verblasst der Glanz der großen Reise, denn Lily ist nicht die Einzige an Bord, die Geheimnisse hat …

Autorin

Rachel Rhys ist das Pseudonym einer erfolgreichen Autorin von Spannungsromanen. Das Versprechen der Freiheit ist ihr erster Roman unter diesem Namen. Zu der Geschichte wurde die Autorin durch ein altes Tagebuch inspiriert, das sie zufällig entdeckte, als sie ihrer Mutter beim Umzug half. Geschrieben wurde es mit Sorgfalt und Hingabe von einem jungen Dienstmädchen, das in den späten 30er-Jahren auf einem Ozeandampfer von England nach Australien reiste. Rachel Rhys lebt mit ihrer Familie im Norden Londons.

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Rachel Rhys

DASVERSPRECHENDER FREIHEIT

Roman

Deutsch von Ivana Marinovic

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »A Dangerous Crossing« bei Doubleday, an imprint of Transworld Publishers, London.1. Auflage

Copyright der Originalausgabe © 2017 by Rachel Rhys

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Susann Rehlein

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotive: © ILINA SIMEONOVA/Trevillion Images; Imagno/Hulton Archive/Getty Images; www.buerosued.de

WR · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-21113-4V002www.blanvalet.de

Für Joan Hollesund all die anderen Abenteurerinnen

4. September 1939, Sydney, Australien

Flankiert von zwei Polizisten geht die Frau die Landungsbrücke des Schiffes hinab. Die Handgelenke vor ihrem Körper sind gefesselt, die Arme fest im Griff der Männer, doch ihr Rücken ist kerzengerade, als würde er vom Fahnenmast am Bug des Schiffes aufrecht gehalten. Sie trägt ein waldgrünes Kostüm aus Samt, mit modisch eng anliegendem Rock, dessen Saum sich knapp unterhalb der Knie um ihre Waden schmiegt, darunter schwarze Strümpfe und grüne Lederschuhe mit zierlichen Absätzen. Um ihre Schultern ist eine rostrote Fuchsstola geschlungen; der pelzige Kopf scheint den Schuhen dabei zuzuschauen, wie sie über die Planken schreiten. Draußen herrschen über zwanzig Grad, die Aufmachung der Frau ist viel zu warm für das sonnige Wetter, und die schaulustige Menge ist froh über die eigene luftige Baumwollkleidung.

Auf dem sorgfältig zurückgesteckten Haar sitzt ein zum Ensemble passender grüner Hut, dessen Schleier ihr Gesicht verhüllt. Wenigstens diese bescheidene Geste des Anstands hat man ihr zugestanden.

Sie blickt starr geradeaus, als sähe sie sich an einem ganz anderen Ort. Sie schaut sich nicht im Hafen um, wo die Schiffe grau und spitz wie zu groß geratene Haie aus dem Wasser emporragen. Sie lässt den Blick nicht über die Masten hinweg zur berühmten Sydney Harbour Bridge schweifen, die sich wie ein gigantischer Fächer über die Mündung des Meeresarms spannt, um die Süd- mit der Nordseite zu verbinden, und auch nicht zurück zu dem Weg, den das Schiff eben gekommen ist, an den endlosen Sandstränden der australischen Küste entlang.

Sie scheint unbeeindruckt von den intensiven Gerüchen, der Hitze und dem üppigen Grün der Hügel in der Ferne, auch wenn sie allesamt so ganz anders sind als dort, wo sie herkommt. Das Krächzen der Seemöwen über ihr und das Summen der Insekten bleiben unbeachtet, und als eine Fliege sich für einen Moment auf der dekorativen Brosche über ihrer rechten Brust niederlässt – sie hat die Form eines Vogels, das Auge ein winziger, spitzer Smaragd –, scheint sie es nicht zu bemerken.

Ein Reporter folgt dem ungleichen Trio bei seinem Weg über den Kai, an den Grüppchen von Familienangehörigen und Freunden vorbei, die darauf warten, die Neuankömmlinge zu begrüßen, und mit unverhohlener Neugier die Polizisten und die elegant gekleidete Frau anstarren. Die Menge steht bereits seit Stunden in der prallen Sonne, und das unerwartete Drama bietet eine willkommene Abwechslung.

Der Reporter ist ein junger Mann, die Hemdsärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Er scheint unschlüssig, wie er sich verhalten soll. Normalerweise schreibt er über das ganz normale Hafenleben, empfängt die großen Ozeandampfer, die von Liverpool, Southampton oder Tilbury eintreffen, befragt die Einwanderer, wie es sich anfühlt, endlich auf australischem Boden angelangt zu sein. Er mag seinen Job. Seitdem die Regierung mit Unterstützung des Migrationsrats der Church of England das Programm zur assistierten Überfahrt eingeführt hat, um mehr junge Frauen zu ermutigen, die Reise von England nach Australien zu wagen, kommen immer auch ein paar Mädchen von Bord, die ganz begierig darauf sind, einen waschechten »Aussie« zu treffen, wobei ihre britische Zurückhaltung unter der ungewohnten Sonne dahinzuschmelzen scheint. Normalerweise sind sie überglücklich, ihm erzählen zu dürfen, wo sie herkommen und wie ihre Hoffnungen für die Zukunft aussehen. Die meisten von ihnen nehmen direkt eine Anstellung in einem der wohlhabenden Häuser in und um Sydney herum an, fast immer mit britischen Herrschaften, wo sie sich für 35 Schilling und mit einem freien Tag die Woche als Dienstmädchen oder Köchinnen verdingen und der Glanz der goldenen Zukunft in der Realität des schnöden häuslichen Alltags nur allzu bald abblättert.

Er fragt sich, ob dieser elegant gekleideten Dame ebenfalls eine Zukunft als Haushaltshilfe beschieden war. Wäre gut möglich. Seiner Erfahrung nach wählen die meisten von ihnen ihren besten Sonntagsstaat für die Ankunft in der neuen Welt. Er weiß, er sollte ihr Fragen stellen, die Polizisten an ihrer Seite löchern. Die Gerüchte brodeln schon, seit das Schiff im Hafen angelegt hat. Das hier ist seine Möglichkeit, etwas aus sich zu machen, sich die Titelseite unter den Nagel zu reißen, statt sich mit den paar kleinen Spalten auf Seite fünfzehn zu begnügen. Doch irgendetwas hat diese Frau an sich, das ihn zögern lässt. Die Art, wie sie ihr Gesicht unter dem grünen Schleier trotzig hebt, auch wenn ihre Hände in den dünnen weißen Handschuhen sichtlich zittern.

Er überholt die drei und dreht sich schnell um, sodass sie ihn nicht ignorieren können. »Würden Sie mir Ihren Namen verraten?«, fragt er die Frau. Er hat seinen Notizblock gezückt, und seine Finger umklammern begierig den Stift, doch nichts deutet darauf hin, dass sie ihn gehört hat.

Er versucht, den Polizisten links und rechts von ihr eine Antwort zu entlocken. »Wer ist das Opfer?«, fragt er, während er rückwärts vor ihnen herläuft. Und dann: »Wo ist die Leiche?«

Die Polizisten in ihren schweren Uniformen wirken von der Hitze mitgenommen und nervös. Der eine ist jung – jünger noch als der Reporter selbst –, und seine Finger, die sich um den Arm der Frau schließen, sind lang und feingliedrig wie die eines Mädchens. Er blickt entschlossen in die andere Richtung, um den Fragen des Reporters auszuweichen. Der andere Polizist ist ein Mann mittleren Alters, übergewichtig, das quadratische Gesicht gerötet und vor Hitze glänzend. Er funkelt den Reporter durch halb geschlossene, blutunterlaufene Augen an, die auf einen schweren Trinker schließen lassen.

»Gehen Sie uns aus dem Weg!«, sagt er brüsk.

Schon sieht der verzweifelte Reporter seine Chance auf einen karrierefördernden Exklusivbericht schwinden.

»Gibt es etwas, das Sie uns sagen möchten?«, wendet er sich wieder an die Frau. »Warum waren Sie auf dem Schiff? Was führt Sie nach Australien? Wie fühlen Sie sich, jetzt, da der Krieg erklärt wurde?«

Die Frau bleibt abrupt stehen, woraufhin der junge Polizist in den übergroßen Stiefeln beinahe über seine eigenen Füße stolpert.

»Krieg?«, flüstert sie durch ihren Schleier hindurch.

Dem Reporter fällt ein, dass sie über fünf Wochen auf hoher See war – das letzte Mal wird sie vor zwei Tagen etwas vom Weltgeschehen gehört haben, als das Schiff in Melbourne anlegte.

»Hitler ist in Polen einmarschiert«, ergänzt er. »England befindet sich nun offiziell im Krieg … genauso wie wir.«

Die Frau scheint ins Taumeln zu geraten, doch die Polizisten bugsieren sie unerbittlich vorwärts. Sie strafft die Schultern, hebt den Kopf, und die drei ziehen an ihm vorüber, als ob er nicht da wäre.

Der Reporter weiß, dass er ihnen folgen sollte, aber er hat die Lust verloren. Irgendetwas an dieser Frau ist ihm nicht geheuer.

Später – wenn er die Wahrheit über das erfährt, was auf dem Schiff passiert ist; wenn die Zeitungsredaktionen und Radioanstalten des Landes, nach Neuigkeiten lechzend, vor dem Gefängnis kampieren – wird er sich dafür verfluchen, nicht beharrlicher gewesen zu sein. Doch im Moment steht er einfach nur da und sieht ihr nach, als sie über den Kai zu dem wartenden Automobil geführt wird. Das Wagenfenster ist heruntergekurbelt, und das letzte Bild, das er auf sie erhascht, als der Wagen losfährt, ist ihr grüner Schleier, der gegen ihr Gesicht weht.

1

29. Juli 1939, Tilbury Docks, Essex

Ihr ganzes Leben lang wird Lilian Shepherd sich an diesen ersten Anblick des Schiffes erinnern. Sie hat Fotos der Orontes in Prospekten gesehen, aber nichts hat sie auf die schiere Größe vorbereitet – die gigantische weiß lackierte Wand, die über dem Kai emporragt und vor der die Passagiere und Stewards wie winzige Ameisen hin und her wuseln. So weit das Auge reicht, über die gesamte Länge der Hafenanlage hinweg, recken sich die langen Metallhälse der Ladekräne in den wässrig blauen Himmel. Sie hat mit dieser Anzahl von Menschen gerechnet, doch der Lärm der gesamten Szenerie ist überwältigend – das heisere Kreischen der Möwen, die über ihren Köpfen kreisen; das Knirschen der schweren Eisenketten, mit denen die Container von den Kais gehievt werden, und das metallische Knallen, wenn sie auf dem Deck aufkommen; das Gebrüll der Hafenarbeiter mit ihren schmutzigen Gesichtern, die das Be- und Entladen beaufsichtigen. Und unter all diesem Getöse das aufgeregte Geplapper der Familienangehörigen, die sich versammelt haben, um ihre Liebsten zu verabschieden – selbstverständlich in ihrer besten Kleidung, die sonst nur zu Hochzeiten und Beerdigungen hervorgeholt wird.

Es herrscht eine solche Betriebsamkeit hier, ein so reges Treiben, dass sie trotz ihrer Nervosität von der allgemeinen Hochstimmung angesteckt wird und die Vorfreude prickelnd durch ihre Adern schießt.

»An Gesellschaft wird es dir nicht mangeln, so viel ist sicher«, sagt ihre Mutter. »Wirst gar nicht die Zeit haben, uns zu vermissen.«

Lily hakt sich bei ihrer Mutter unter und drückt ihren Arm. »Red keinen Unsinn, Mam«, sagt sie.

Frank, ihr Bruder, starrt derweil neugierig zu einem Pärchen, das rechts von ihnen steht. Die Frau lehnt an einem hölzernen Gerüst, während der Mann über ihr emporragt, die Hände links und rechts von ihrem Kopf abgestützt, den Kopf zu ihr geneigt, sodass die Strähne, die sich aus seinem Haar gelöst hat, über ihre Stirn streicht. Sie blicken einander voller Leidenschaft an, die Nasenspitzen nur Zentimeter entfernt, als würde nichts um sie herum existieren, als könnten sie weder den Lärm um sie herum hören noch das beißende Gemisch aus Meersalz und Fett, Öl und Schweiß riechen. Selbst mit einigen Metern Abstand ist die ungewöhnliche Attraktivität der Frau offenkundig. Das scharlachrote Kleid schmiegt sich an den grazilen Körper, als hätte man es ihr auf den Leib geschneidert; die vollen Lippen sind in dem gleichen tiefen Rot geschminkt und bilden einen extravaganten Kontrast zu dem seidenglatten schwarzen Haar. Er wiederum ist groß, stattlich, mit Oberlippenbart. Zwischen seinen Fingern baumelt eine glimmende Zigarette. Obwohl das Paar völlig selbstvergessen scheint, fühlt Lily sich unwohl, als würden sie und ihre Familie bei etwas stören.

»Wirst du wohl aufhören, solche Stielaugen zu machen«, weist sie ihren jüngeren Bruder streng zurecht, grinst jedoch sogleich, um ihm zu zeigen, dass es als Scherz gemeint war.

Lilys Familie hat Besucherpässe, damit sie sie an Bord begleiten können. Lily macht sich Sorgen, wie ihr Vater die steile Landungsbrücke bewältigen soll, aber er greift nach dem Geländer, verlagert sein Gewicht auf das gute Bein und zieht sich so empor. Erst als er sicher oben angekommen ist, atmet sie wieder auf. Sie werden älter, denkt sie. Und ich lasse sie zurück. Bittere Schuldgefühle machen sich in ihr breit, und sobald sie sich alle oben auf dem Deck des Schiffes versammelt haben, platzt es aus ihr heraus: »Es ist nur für zwei Jahre, das wisst ihr doch! Bevor ihr euch’s verseht, bin ich wieder da.«

Das Schiff ist viel weitläufiger und tiefer, als Lily es sich vorgestellt hat. Die oberen Decks sind für die Passagiere der ersten Klasse reserviert, darunter kommen die Touristen und ganz unten die Wäschereien und die Kabinen der dritten Klasse. Das Deck F, auf dem sich Lilys Kabine befindet, gehört zur Touristenklasse und ist ein einziges Wirrwarr aus engen Fluren und Treppen. Sie müssen sich bei zwei Stewards nach dem Weg erkundigen, ehe sie die Kabine endlich finden. Das Innere ist mit zwei Stockbetten ausgestattet, die so eng beieinanderstehen, dass man nur die Hand ausstrecken muss, um die Person in der gegenüberliegenden Koje zu berühren. Lily ist froh, dass ihre Reisetruhe, die unter einem der Betten hervorlugt, wohlbehalten eingetroffen ist, ihr Name gut sichtbar in Großbuchstaben auf die Seite gedruckt.

Zwei andere Frauen sind bereits in der Kabine und sitzen auf den unteren Betten. Lily schätzt, dass die eine zwei, drei Jahre jünger ist als sie selbst, zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig vielleicht. Sie hat ein rundes, offenes Gesicht mit blassblauen Augen, die aufgerissen sind und ziellos dreinblicken, sodass Lily vermutet, ihre Kabinennachbarin müsste eigentlich eine Brille tragen. Die Vorstellung, dass sie womöglich eine in ihrer Handtasche hat, sie jedoch in einem trotzigen Akt von Eitelkeit nicht aufsetzen will, lässt Lily sie auf Anhieb sympathisch finden. Nicht so ihre Begleiterin, die mindestens ein Jahrzehnt älter scheint, die Lippen zu einem dünnen Lächeln zusammengepresst, das Kinn lang und spitz.

Die jüngere Frau springt auf und offenbart damit ihre überdurchschnittliche Größe, wobei sie jedoch den Kopf ein Stück nach unten neigt, wie um sich kleiner zu machen. »Bist du Lilian? Ich dachte mir, dass du es bist, weil wir doch nur zu dritt in der Kabine sind. Oh, ich freue mich ja so, dich kennenzulernen! Ich bin Audrey, und das hier ist Ida. Und das muss deine Familie sein. Australien! Ist das zu fassen?« Die Wörter sprudeln nur so aus ihr hervor, als habe sie keinerlei Kontrolle darüber. Ihre Stimme überschlägt sich beinahe.

Lily stellt ihre Eltern und ihren Bruder Frank vor, dessen Blick jedoch desinteressiert an Audreys schlichten Zügen abgleitet. Bald schon wird das Schiff ablegen, und ich werde mit diesen zwei wildfremden Frauen an Bord bleiben, während meine Familie ohne mich nach Hause zurückfährt, ruft Lily sich in Erinnerung. Trotzdem wirkt nichts von alldem real.

Lilys Mutter erkundigt sich bei Audrey und Ida, wo sie herkommen und was sie machen.

»Wir arbeiten als Zimmermädchen im Claridge’s Hotel in London«, antwortet Audrey.

»Nicht mehr«, berichtigt Ida sie knapp. Sie trägt ein altmodisches, hochgeschlossenes schwarzes Kleid, und als sie sich vorbeugt, verströmt sie einen säuerlichen Geruch, der Lily unangenehm in die Nase steigt.

»Als wir die Werbung für die assistierte Überfahrt gesehen haben, dachten wir uns, na ja, warum eigentlich nicht?«, sagt Audrey. »Aber wir hätten uns nie träumen lassen … Das heißt, ich hätte mir nie träumen lassen …« Sie blickt zu ihrer älteren Begleiterin, und die Worte in ihrem Mund ersterben.

»Freuen Sie sich schon, all die Sehenswürdigkeiten auf Ihrer Reise zu sehen … Neapel, Ceylon?« Lilys Mutter bewegt die fremdartigen Namen neugierig im Mund.

»Alles ist besser, als hierzubleiben, nicht wahr?«, erwidert Ida. »Falls es zum Krieg kommt …«

Sofort blicken Lily und Frank zu ihrem Vater, der die gesamte Zeit über schweigend an der Wand gelehnt hat.

»Es wird keinen Krieg geben«, entgegnet Lily hastig, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Das hat Mr. Chamberlain doch selbst gesagt, oder nicht? ›Frieden für unsere Zeit‹, das hat er gesagt.«

»Politiker sagen viel, wenn der Tag lang ist«, entgegnet Ida.

Im Flur ertönt das mahnende Schrillen einer Glocke. Und dann noch einmal.

»Ich nehme an, es ist Zeit für uns, von Bord zu gehen«, sagt Lilys Mutter. Ihre Stimme verrät eine Unsicherheit, die zuvor nicht da war. Ich werde sie zwei Jahre nicht sehen, ruft Lily sich ins Bewusstsein, der stechende Schmerz, den sie verspürt, überrascht sie, und sie legt sich unwillkürlich die Hand auf die Brust, um sich wieder zu fassen.

»Ich komme mit euch an Deck und winke zum Abschied«, sagt Audrey zu Lily. »Meine Leute haben mich zwar schon an der Liverpool Street verabschiedet, aber ich will noch einen letzten Blick auf das gute, alte England werfen, bevor die Reise losgeht. Kommst du auch mit, Ida?«

Die ältere Frau kneift ihre kleinen schwarzen Augen zusammen. »Für mich gibt es da nichts zu sehen«, erwidert sie. »Wem sollte ich schon zuwinken? Einem Baum vielleicht? Oder einem Kran?«

Auf dem Weg zum Deck flüstert Audrey Lily ins Ohr: »Beachte Ida nicht weiter. Sie ist nur beleidigt, weil sie aufgrund ihres höheren Alters nicht die vollen Reisekosten für die assistierte Überfahrt erstattet bekommen hat. Ich hatte gehofft, das würde sie von dem Vorhaben abbringen, aber so viel Glück hatte ich leider nicht.«

Lily muss lächeln, doch sie erwidert nichts darauf. In ihrer Brust wabert ein dumpfer Schmerz gleich einer Tintenwolke im Wasser. Sie betrachtet die Rücken ihrer Eltern, die Richtung Deck vorangehen, bemerkt, wie ihre Mutter den Kopf unter dem guten schwarzen Hut gebeugt hält, wie ihr Vater sich an der Reling festklammert, während er die Stufen nimmt, die Knöchel ganz weiß vor Anstrengung.

»Ist dein Vater immer so ruhig?«, fragt Audrey.

Lily nickt. »Der letzte Krieg«, sagt sie.

»Ah.«

Endlich sind sie wieder unter freiem Himmel und stellen sich in der Schlange von Besuchern an, die das Schiff wieder verlassen. Lily malt sich aus, wie sie nach dem Arm ihrer Mutter greift. Ich habe es mir anders überlegt, würde sie sagen. Ich komme mit euch heim.

»Pass gut auf dich auf, ja?«, sagt ihre Mutter und dreht sich zu ihr um. »Ein hübsches junges Mädchen wie du. Wer würde das nicht ausnutzen wollen.«

Lily spürt, wie sie knallrot anläuft. Ihre Mutter hat sie noch nie hübsch genannt. Andere Leute schon. Leute wie Robert mit seiner butterweichen Stimme – du bist so wunderhübsch, Lily –, aber nicht ihre Mutter. Wahrscheinlich in der Sorge, sie könnte ihr eitle Flausen in den Kopf setzen, ihrer Meinung nach das schlimmste Laster der Frauen.

Mrs. Collins taucht neben ihnen auf. Eine korpulente Frau mit warmherzigem Gesicht, die vom Migrationsrat der Church of England im Rahmen der assistierten Überfahrt damit beauftragt wurde, Lily und sechs weitere junge Frauen auf ihrer Reise nach Australien zu begleiten. »Begleiten« ist nur ein anderer Ausdruck für »Anstandsdame spielen«, aber Lily stört das nicht. Sie haben Mrs. Collins an der Liverpool Street Station getroffen und hatten so die Gelegenheit, sich die gesamte Zugfahrt über zu unterhalten. Lily merkte sofort, dass ihre Mutter sie gut leiden konnte, und das wird ihr in den kommenden Wochen sicher ein großer Trost sein.

»Machen Sie sich keine Sorgen, Mrs. Shepherd«, sagt Mrs. Collins nun, und die Falten in ihrem breiten, freundlichen Gesicht verziehen sich zu einem herzlichen Lächeln. »Ich werde gut auf die junge Dame hier aufpassen.«

Frank ist der Erste, der zum Abschied ansetzt. »Vergiss nicht zu schreiben … also falls du Zeit hast zwischen all den eleganten Dinners und Bällen und liebeskranken Verehrern!«

Lily knufft ihn sanft in den Arm, dann zieht sie ihn in einer festen Umarmung an sich. »Pass auf Mam und Dad auf«, murmelt sie leise in sein Ohr. Ihre Stimme klingt heiser und irgendwie fremd.

»Wird gemacht.«

Ihr Vater schließt sie wortlos in eine lange Umarmung. Als er sich von ihr löst, schimmern Tränen in seinen Augen, und Lily muss schnell wegschauen, als habe sie etwas gesehen, was sie nicht sehen sollte.

»Wir müssen jetzt von Bord«, sagt ihre Mutter. Sie drückt ihr lediglich einen trockenen Kuss auf die Wange, doch Lily kann spüren, wie starr und angestrengt sie Haltung bewahrt, als wäre ihr Körper ein Damm, der eine ansonsten unbezwingbare Naturgewalt zurückhalten muss.

»Ich werde euch schreiben«, verspricht Lily. »Ich führe Tagebuch. So werde ich mich an jedes noch so kleine Detail erinnern.« Doch ihre Eltern sind bereits halb die Landungsbrücke hinunter, mitgerissen von der Flut an Besuchern, die sich hinter ihnen stauen.

Audrey, die diskret an ihrer Seite gewartet hat, hakt sich bei Lily unter.

»Du wirst sie schon bald wiedersehen. Die zwei Jahre werden im Handumdrehen verfliegen. Einfach so.« Sie schnipst mit ihren langen Fingern vor Lilys Gesicht. Ihre Hände sind gerötet und rau. Lily weiß nur zu gut, wie hart das Leben als Zimmermädchen sein kann.

Mrs. Collins nickt. »Sie hat recht. Aber jetzt husch, husch, meine Damen, wenn Sie noch einen Platz ganz vorne erwischen wollen!«

Die Passagiere, die sich bereits verabschiedet haben, scharen sich entlang der Reling. Scharlachrot leuchtet weiter vorn in der Menge auf, und Lily erkennt die Frau, die sie schon auf dem Kai gesehen hat. Sie lehnt sich gegen die Reling, die ausgestreckten Arme zu beiden Seiten aufgestützt. Lily ist verblüfft, als sie die schwarz getönte Sonnenbrille in ihrem Gesicht bemerkt – obwohl sie schon welche in Modezeitschriften gesehen hat, ist es das erste Mal, dass sie jemanden erblickt, der sie im echten Leben trägt. Die Brille wirkt exotisch, wie die Facettenaugen einer Fliege. Die Frau lässt den Blick über die Menge unter ihr schweifen, als würde sie nach jemandem suchen. Ihr gut gebauter Begleiter mit dem Oberlippenbart ist nirgends zu sehen.

»Hier drüben!« Audrey zerrt Lily weiter zu einer Lücke in dem Gedränge.

Abermals wird Lily die schiere Größe des Ozeandampfers bewusst, als sie zum Kai hinunterblickt, wo die Freunde und Familien der Passagiere sich in ihrem dunklen Sonntagsstaat versammelt haben, die blassen, besorgten Gesichter nach oben, Richtung Deck, geneigt. Lily mustert die Menge, hält Ausschau nach den sanften braunen Augen ihrer Mutter. Oh,dort! Da ist ihre Familie. All drei recken sie die Hälse und halten Ausschau nach ihr. Lily schüttelt Audreys Arm ab und winkt wie wild, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ihr Herz zieht sich schmerzhaft zusammen bei dem Gedanken, wie klein sie dort unten sind.

Als Frank sie entdeckt, schiebt er sich zwei Finger in die Mundwinkel und pfeift laut. Lily kann sehen, wie ihre Mutter ihm einen spielerischen Klaps auf die Schulter gibt. Die liebevolle Vertrautheit dieser Geste lässt sie schlucken, und plötzlich hat sie einen Kloß im Hals. Sie muss wegschauen, und ihr Blick fällt auf einen Mann, nur wenige Schritte von ihrer Familie entfernt, den sie zuvor nicht bemerkt hat. Er trägt ein cremefarbenes Jackett, das ihn aus der düsteren Menge herausstechen lässt. Zudem trägt er im Gegensatz zu den meisten Anwesenden keine Kopfbedeckung, sodass sich das matte Sonnenlicht in seinem blonden Haarschopf fängt, als hätte man ihn mit Blattgold überzogen. Selbst vom Deck aus kann sie seine perfekten Proportionen ausmachen, die breiten Schultern und die schmale Hüfte. Er tritt aus der Menge, bis er am äußersten Rand des Kais steht, wo die hölzernen Planken abrupt enden. Nun, da er ihr näher ist, kann sie erkennen, dass seine Haut einen ebenso goldenen Schimmer hat wie sein Haar, die Wangenknochen sind wie aus Stein gemeißelt. Er ruft etwas, die Hände seitlich an den Mund gepresst, den Kopf in den Nacken gelegt. Lily beugt sich gespannt vor, um die Worte zu verstehen.

»Bleib! Bitte, bleib!«

Er starrt auf einen Punkt zu ihrer Linken, und sie folgt seinem Blick, nur um abermals die Frau in Rot vorzufinden. Sie steht immer noch allein an der Reling, den Blick nach unten auf den goldenen jungen Mann gerichtet, völlig ungerührt, als könnte sie seinen gequälten Ausdruck nicht sehen, sein herzzerreißendes Flehen nicht hören. Dann, plötzlich, wirbelt sie herum und bahnt sich ihren Weg durch die Menschenmasse hinter ihr. Für eine winzige Sekunde begegnen sich ihre Blicke, und Lily ist sich beinahe sicher, dass eine der dunklen, perfekt geschwungenen Augenbrauen sich eine Spur über die schwarze Sonnenbrille hebt. Doch da taucht die Frau schon in der Menge unter und verschwindet in Richtung des Eingangs, der zu den Kabinen der ersten Klasse hinaufführt.

Lily wendet sich wieder ihrer Familie zu. Ihr Vater steht reglos da, das Gesicht nach oben gereckt. Aus dieser Entfernung kann sie nicht erkennen, ob er immer noch weint, und dafür ist sie dankbar. Sie gibt sich Mühe, nicht darauf zu achten, wie zusammengeschrumpft ihre Mutter wirkt, stattdessen prägt sie sich den Anblick der drei Gestalten auf dem Kai ein, wie um sie für immer in ihre Erinnerung zu bannen. Sie kramt in ihrer Handtasche nach dem ordentlich zusammengefalteten Taschentuch, das sie dort verstaut hat, doch die Tränen, die sie vergießen sollte, kommen nicht. An ihrer statt spürt sie das verräterische Flackern von Aufregung: Sie wagt es. Sie geht wirklich fort.

Die Landungsbrücke wurde bereits eingeholt, und plötzlich ertönt das Schiffshorn wie das Dröhnen von tausend Dudelsäcken gleichzeitig. Dann, endlich, setzt das Schiff sich in Bewegung, und die Gestalten auf dem Kai erstarren in ihren Positionen wie auf einem Gemälde in einer Galerie, von dem sie sich langsam entfernt. Sie kann kaum glauben, dass sie all das wirklich hinter sich lässt – ihre Familie, ihr Zuhause, aber auch das, was sie hofft, in der Ferne endlich vergessen zu können: Maggie, Robert, das Zimmer mit der abblätternden Tapete und dem grünen blutbefleckten Teppich. »Laufen Sie vor irgendetwas davon, Liebes?«, hat die nette Dame im Australia House gefragt, als sie sich für das Auswanderungsprogramm bewarb. Lily hat verneint, doch wem wollte sie etwas vormachen?

Aber jetzt gehört all das der Vergangenheit an. Heute beginnt ein neues Leben. Zum ersten Mal seit achtzehn Monaten erstrahlt Hoffnung in Lilys schmaler Brust wie ein farbenprächtiges Feuerwerk. Dennoch winkt sie weiter, bis Tilbury Dock nur noch ein schwarzer Fleck in der Ferne ist.

2

Als sie sich an diesem ersten Abend für das Dinner zurechtmacht, fühlt Lily sich, als wäre sie irgendwie aus ihrem eigenen Leben hinausgestolpert und befände sich nun in einem ganz und gar fremden. Wo ist ihr kleines möbliertes Pensionszimmer im Londoner Stadtteil Bayswater? Wo sind die Strümpfe, die zum Trocknen über der offenen Tür des Kleiderschranks hingen? Wo das schmale Bett, in dem sie nachts wach lag und durch die papierdünnen Wände dem Husten ihrer Nachbarin lauschte? Was ist aus den Busfahrten zum Piccadilly Circus und den Neun-Stunden-Schichten im Lyons Corner House, dem berühmten Teehaus an der Ecke Coventry Street/ Rupert Street, geworden? Wie überaus seltsam, dass ein Leben innerhalb von acht Wochen solch eine vollkommene Wendung nehmen kann.

Sie hatte keinerlei Fluchtgedanken gehegt, als sie an jenem Sonntagnachmittag die Zeitung aufhob. Sie lag einfach dort im Zug auf dem gepolsterten Sitz gegenüber, wo ein Fahrgast sie zuvor hatte liegen lassen. Lily hebt normalerweise keine Dinge auf, die fremde Leute liegen lassen. Sie erträgt die Vorstellung nicht, jemand könne denken, sie wäre bedürftig. Aber der Waggon war leer bis auf eine ältere Dame, die eingedöst war und deren Nase beinahe in ihrem gewaltigen Busen versank. Außerdem war Lily schrecklich unruhig. Sie hatte die Fahrt von Reading, wo ihre Eltern wohnten, nach Paddington Station schon so oft unternommen, dass sie sich manchmal dabei erwischte, wie sie wach im Bett lag und die Stationen in einer Art Litanei vor sich hin murmelte: Reading, Maidenhead Bridge, Slough, West Drayton, Southall, Paddington. Bei Nacht trösteten die vertrauten Namen sie, doch tagsüber hatte sie das Gefühl, sie müsse verrückt werden angesichts der Eintönigkeit all dessen.

Die Titelseite war voller Schlagzeilen zu den neuesten Provokationen Adolf Hitlers in Europa, aber Lily weigerte sich hartnäckig, vom Schlimmsten auszugehen. England war schon letztes Jahr am Rand des Abgrunds gewesen und hatte noch einmal die Kurve gekriegt. Trotzdem blätterte sie rasch weiter, als könnte ein längeres Verweilen das Unglück herausfordern.

Auf Seite vier blieb sie an einer Überschrift hängen. NEUESREGIERUNGSPROGRAMMFÖRDERTAUSWANDERUNGNACHAUSTRALIEN, stand da. Lily spürte, wie etwas in ihrem Inneren aufkeimte, eine Freude, die sich wie eine zarte Ranke in ihrer Brust entfaltete. Australien. Allein das Wort verhieß kobaltblaue Himmel und smaragdgrüne Blätter, vor deren Hintergrund exotische Blüten prangten. Lily war noch nie weiter weg gewesen als an der Südküste Englands, aber sie hatte in der Wochenschau im Kino Beiträge über Australien gesehen, und ihr Onkel, der in seiner Jugend Matrose gewesen war, hatte ihr in der Kindheit Geschichten von den Stränden und den Haien erzählt, und von Spinnen, die größer waren als ihr Handteller.

Sie las weiter. Die Regierung bezuschusste ein Programm für junge Frauen und Männer im Alter zwischen achtzehn und fünfunddreißig Jahren und bot eine assistierte Überfahrt nach Australien an. Junge Frauen mit Erfahrungen im haushälterischen Bereich waren besonders willkommen. Die herrschaftlichen Häuser und Anwesen um Sydney und Melbourne herum benötigten Bedienstete, und britischen Angestellten eilte ein besonders guter Ruf voraus.

Lily hatte sich eigentlich geschworen, nie wieder als Dienstmädchen zu arbeiten – nicht nach dem, was mit Robert passiert war –, aber heiligte der Zweck nicht die Mittel? Könnte sie das tun? Würde sie es wagen?

Und jetzt ist sie hier. Bevor Lily und Audrey vorhin in ihre Kabine zurückkehrten – Lily in Gedanken immer noch bei dem letzten Bild von ihren Eltern und ihrem Bruder, die immer kleiner und kleiner wurden, bis sie nur noch winzige dunkle Staubflocken waren –, hatte man sie flüchtig den anderen vier jungen Frauen vorgestellt, die im Rahmen des Programms mitreisten: zwei Schwestern aus Birmingham und zwei anderen Mädchen, deren Namen Lily sofort wieder vergaß. Danach zeigte Mrs. Collins ihnen das Schiff, als würde es ihr selbst gehören. Die Gänge und die engen Treppenhäuser auf Deck F schwirrten vom aufgeregten Geplapper der anderen Passagiere, die sich ebenfalls einen Überblick verschaffen wollten.

Erst besichtigten sie die Bäder. Obwohl die Kabinen über eigene, wenn auch bescheidene Waschmöglichkeiten verfügen, gibt es direkt auf dem Flur richtige Badezimmer und Toiletten. Mrs. Collins gab ihnen den Ratschlag, den Badstewards gleich zu Beginn der Reise ein Trinkgeld auszuhändigen und dann noch einmal auf halber Strecke. Zu geschäftigeren Tageszeiten könne es lange Warteschlangen geben, und dann sei es gut, wenn man jemanden habe, der sich um einen kümmere. Sie alle pflichteten ihr bei, bis auf Ida, die brummte, sie werde niemandem ein Trinkgeld geben, bevor sie nicht wisse, ob er seine Arbeit auch ordentlich machte.

»Ich bin schon etwas älter als der Rest von euch. Ich weiß, wie die Welt funktioniert. Es ist sinnlos, gleich zu Beginn Trinkgelder zu verteilen, ihr müsst die Leute für ihren Lohn arbeiten lassen.«

Später flüsterte Audrey Lily zu, dass Ida nichts dafür könne, dass sie so verbittert war. Sie habe früher einen Verlobten gehabt, der an der Grippe gestorben war, erklärte Audrey. Doch Lily fand das eine recht dürftige Entschuldigung dafür, ein ganzes Leben lang so miesepetrig zu sein und schlechte Laune zu versprühen wie einen üblen Geruch. Der letzte große Krieg ist schließlich erst zwanzig Jahre her. Jeder hat jemanden verloren.

Als Nächstes ging es zum Büro des Zahlmeisters, um dort ihr Geld und ihre Wertgegenstände aufzugeben. Lily war erleichtert, als sie ihm ihre ersparten vierzehn Pfund überreichen konnte – sie mussten schließlich die gesamte Überfahrt und die erste Zeit nach ihrer Ankunft in Australien reichen. Die Sorge um das viele Geld hatte sie belastet, doch nun, da der Zahlmeister es an sich genommen und in seinem großen Kontobuch gewissenhaft die Summe neben ihrem Namen vermerkt hat, fühlt sie sich unendlich befreit. Das Zahlmeisterbüro befindet sich auf dem Deck der ersten Klasse, und Lily genoss es sehr, einen Blick in den eleganten Speisesaal werfen zu können, der aussah, als würde er in ein luxuriöses Hotel gehören, sowie in die prachtvoll eingerichtete Lounge mit den dekorativen Topfpalmen und schweren Samtvorhängen.

Zurück in der Touristenklasse, kamen sie am Swimmingpool vorbei, der natürlich um einiges kleiner war als der auf dem oberen Deck, aber zweifelsohne würde sie dankbar dafür sein, sobald das Wetter heißer würde. Dann schauten sie in ihrem Speisesaal vorbei, einem weitläufigen Raum, in dem zahlreiche runde Tische aufgestellt waren, die mit weißen, gestärkten Tischtüchern bedeckt und für jeweils sechs Personen eingedeckt waren. Es gab auch Listen mit der Sitzordnung für die verschiedenen Tischzeiten. Lily suchte gespannt nach ihrem Namen und war erleichtert, als sie entdeckte, dass sie in derselben Sitzung eingetragen war wie Audrey, wenn auch nicht am selben Tisch. Ida hingegen war zu ihrem großen Unmut in der früheren Sitzung.

Zu guter Letzt ging es in die Lounge der Touristenklasse, um einen Tee zu trinken, der mit Sandwiches, Scones und Kuchen serviert wurde. »Bis wir in Sydney ankommen, bin ich rund wie ein Elefant«, seufzte Mrs. Collins und griff beherzt nach einem weiteren Stück Kuchen. In der Zwischenzeit hatten sie erfahren, dass sie vor einigen Jahren Witwe geworden war und diese Reise schon zum zweiten Mal machte, um ihre Tochter in Sydney zu besuchen. Es sei eine praktische Möglichkeit, die Reise bezahlt zu bekommen, erklärte sie ihnen. Und sie genoss die Gesellschaft an Bord.

Die Lounge war weniger steif eingerichtet als der Speisesaal; sie verfügte über gemütliche Sofas, deren altrosa Bezüge Lily an die Vorhänge im Wohnzimmer ihrer Eltern erinnerten, das nie jemand benutzte. Kleine Schreibtische, an denen die Passagiere ihre Briefe nach Hause schreiben konnten, waren in Nischen an der Wand aufgereiht, und am anderen Ende des Raums stand ein glänzender Flügel, der das Licht des Kronleuchters reflektierte. Eine Fensterfront erstreckte sich über die gesamte Außenwand, durch welche man gerade noch die Küste Südenglands und den dunklen Obelisken des Eddystone-Leuchtturms erkennen konnte. Lily musste unwillkürlich an ihre Eltern denken und fragte sich, ob sie schon wieder in Reading waren. Sie stellte sich vor, wie sie das kleine Haus in der Hatherley Road betraten und wie still es sich anfühlen würde, – die Diele kühl und leer, und der Gedanke trübte einen Moment ihre Stimmung.

Doch nun ist es beinahe Zeit für das Abendessen, und Lilys Laune hebt sich wieder, als sie über den Flur zum Badezimmer eilt. Sie denkt an Mrs. Collins’ Ratschlag und gibt dem Badsteward fünf Schilling, bevor sie ihn darüber informiert, dass sie ihr Bad gerne jeden Tag vor dem Abendessen nehmen möchte, und ihn bittet, ihr eine Kabine zu reservieren. Der Steward ist ein junger Mann, jünger noch als Frank, schätzt sie, und er lächelt sie schüchtern an.

»Selbstverständlich, Miss.«

Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Lily das Gefühl, jemand zu sein, jemand, der eine Wahl hat. Sie summt in ihrer Badewanne vor sich hin, hält jedoch inne, als ihr einfällt, dass der Steward direkt vor der Tür wartet. Das Wasser fühlt sich seltsam an auf ihrer Haut. Irgendwie prickelnd. Mrs. Collins hat ihnen erklärt, dass sie auf dem Schiff gefiltertes Meerwasser für die Bäder nutzen, und Lily ist froh über die Waschschüssel mit frischem heißem Wasser, die auf einem Holzbrett am Ende der Badewanne steht, damit sie sich am Ende des Bades damit abspülen kann. Als sie aus der Wanne gestiegen ist, sieht sie an ihrem Körper hinab, betrachtet ihre bleichen Glieder und die kleine Erhebung ihres Bauchs. Sie muss an Robert denken und wickelt sich schnell in ein Handtuch.

Als sie in die Kabine zurückkommt, freut sie sich über die ordentlich bezogenen Betten und die vereinzelten Cremetiegel und Parfümfläschchen auf dem Frisiertisch, der eingequetscht ist zwischen dem schmalen Kleiderschrank und der schlichten Kommode, in der die Wäsche verstaut wurde. Audrey und Lily kleiden sich sorgfältig an. Lily bringt Audrey von der Idee ab, ihr einziges Abendkleid anzuziehen. »Das ist doch nur ein Abendessen«, sagt sie. »Heb dir das für einen richtigen Ball auf.«

Es fühlt sich gut an, wieder so mit einer anderen Frau reden zu können. Seit Maggie hat sie diese Art weiblicher Vertrautheit zutiefst vermisst.

Lily selbst entscheidet sich für das mitternachtsblaue Seidenkleid mit der weißen Bordüre. Es ist ein altes Kleid, das einst der Dame des Hauses gehörte, damals, als sie noch als Zimmermädchen arbeitete. Aber es ist von guter Qualität, und Lily hat es so abgeändert, dass es ihr perfekt passt.

»Oh, das sieht aber wirklich hübsch aus an dir«, sagt Audrey. »Es betont deine Augen. Was für ein ungewöhnlicher Farbton. Wie nennt man den wohl? Karamell? Bernstein? Also, wenn ich solche Augen hätte, würde ich mich die ganze Zeit im Spiegel anschauen.«

»Das ist nur das Licht hier drin«, mischt sich Ida ein. »Da sieht alles anders aus. Ich schätze mal, bei mir hat es denselben Effekt.«

Nur Idas schwarze Augen scheinen überhaupt kein Licht zu reflektieren. Sie ist alles andere als begeistert, dass sie in der früheren Sitzung essen muss. »Warum hat man euch beide zusammengesteckt und nicht mich? Ich werde ein Wörtchen mit dem Steward reden und schauen, ob ich mit jemandem von eurem Tisch tauschen kann.«

Lily nimmt sich fest vor, sich mit ihren Tischgenossen heute Abend zu verbünden und einen so guten Eindruck zu hinterlassen, dass alle, falls sie gebeten werden, ihren Platz aufzugeben, unbedingt ablehnen müssen.

Das Dinner besteht aus vier Gängen – Suppe, Heilbutt, kalter Bratenaufschnitt, Erdbeermousse –, aber Lily ist vor lauter Neugier auf die anderen kaum in der Lage, sich auf die gebotene Auswahl zu konzentrieren. Zu ihrer Linken sitzt eine zerbrechlich wirkende Frau Mitte dreißig, die mit ihrer jugendlichen Tochter reist.

»Ich bin Clara Mills, und das hier ist meine Tochter Peggy.« Als sie sich vorstellt, ist ihre Stimme so leise, als würde das Sprechen sie ermatten, und ihre zarten Hände flattern nervös um ihren schlanken Hals. »Wir reisen ganz allein. Ich habe vor lauter Sorge seit Wochen kein Auge zugemacht. Wir sind auf dem Weg nach Sydney, um uns Peggys Vater anzuschließen, der dabei ist, dort ein Geschäft aufzubauen. Wir haben ihn seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen.«

»Was für ein Geschäft?«

»Oh, er ist Buchhalter.«

»Nun, Buchhalter braucht man heutzutage immer, nicht wahr?«

»Ja. Nur dass er nicht …«

»Papa hat einen Süßwarenladen eröffnet!« Peggy hat das teigige, unförmige Aussehen, das für manche Jugendliche so typisch ist, sie sieht aus, als wäre sie noch nicht ganz fertiggestellt. Sie verkündet das Geschäftsvorhaben ihres Vaters mit einem Ausdruck von Triumph, der Lily überrumpelt.

Ein dunkelrosa Fleck breitet sich über Claras Hals und Dekolleté aus. »Ja«, sagt sie schwach, »das ist eine ziemliche Umstellung für uns alle.«

Das Ehepaar rechts von Lily war auf dem Sitzplan als Edward und Helena Fletcher vermerkt. Vertieft in ihre Unterhaltung mit den Mills-Damen, hat Lily nur einen kurzen Blick auf sie erhaschen können, als sie fünf Minuten nach Beginn der Zwanzig-Uhr-Sitzung am Tisch Platz nahmen, doch nun wendet der Mann sich ihr zu, um sie in ihre Unterhaltung einzubinden.

»Wir haben gerade darüber diskutiert, was wir am meisten vermissen werden … Miss Shepherd, nicht wahr?«

»Ja, aber bitte nennen Sie mich Lily.«

»Helena hier glaubt, den Morgenfrost … Sie wissen schon, wenn man in aller Herrgottsfrühe über den Bürgersteig geht, der Boden unter den Sohlen knirscht und man diese befriedigenden Fußstapfen in der weißen Eisschicht hinterlässt … Aber ich tendiere mehr zum klassischen Victoriakuchen mit Vanillesauce.«

Während Edward Fletcher spricht, mustert Lily ihn unauffällig. Er scheint etwas älter zu sein als sie, aber gewiss nicht über dreißig. Obwohl sein Teint kreidebleich ist und seine Wangen etwas eingefallen, hat er ein sympathisches Gesicht mit wachen grünen Augen und einem vollen, klar umrissenen Mund, dessen Winkel, selbst wenn sie ruhen, etwas nach oben zu zeigen scheinen, als würde er lächeln. Sie kann sehen, dass er sich Mühe gegeben hat, seine dunklen Locken mit Pomade zu bändigen, aber sie kringeln sich längst wieder vorwitzig um seine Ohren. Er hat schmale Schultern, und seine Hände, die aus dem Jackett und den gestärkten Hemdsärmeln hervorschauen, sind grazil, die Knöchel weiß und glatt wie Kieselsteine.

»Im Ernst, Edward, du bist so ein Kindskopf«, sagt die Frau, die zu seiner anderen Seite sitzt.

Lily ist überrascht, dass Helena Fletcher so viel älter zu sein scheint als ihr Mann. Man kann durchaus erkennen, dass sie einst eine Schönheit war, doch jetzt ist ihre Haut fahl, und sie hat tiefe Ringe unter den Augen. Ihr glattes braunes Haar wurde achtlos hochgesteckt, als habe sie keinen Spiegel zur Verfügung gehabt.

»Was ist mit Ihnen, Lily?«, fragt Edward. »Was werden Sie schmerzlich vermissen?«

»Ich werde natürlich meine Familie vermissen. Und dann noch …« Lilys Stimme verebbt. Was wird sie vermissen? Die kalten Morgen im Bett, in denen ihr Atem Wolken in der Luft über ihr bildete und das Kondenswasser sich auf den Wänden sammelte? Die Heimfahrten im Bus nach einer weiteren Spätschicht, wenn ihre Füße vom langen Stehen schmerzten und es stets einen Kerl mit einem Bier zu viel intus gab, der glaubte, nur weil Lily zu später Stunde noch allein unterwegs war, wäre sie auf männliche Gesellschaft aus?

»Na ja, eigentlich vor allem meine Familie«, schließt sie etwas lahm.

»Sollen wir einen Wein bestellen?«, fragt Edward und wendet sich an Helena, wartet jedoch ihre Antwort nicht ab. »Ja, ich denke, das sollten wir … um auf unseren guten Start anzustoßen. Und darauf, all die lästigen, leidigen Dinge hinter uns gelassen zu haben.« Er ruft den Kellner, bestellt eine Flasche und versichert sich, dass sie auf seine Rechnung geht. Lily ist erleichtert, dass er nicht erwartet, dass sie sich an dieser zusätzlichen Ausgabe beteiligen.

»Was treibt Sie zu dieser Reise, Lily?«, fragt Clara mit ihrer leisen, atemlosen Stimme.

»Ja, erzählen Sie es uns«, fordert Edward sie auf. »Haben Sie einen Liebsten, der am anderen Ende der Welt auf Sie wartet?«

Lily sucht in seinem Gesicht nach einem Anzeichen, dass er sich über sie lustig macht, aber sein Lächeln ist offen und freundlich. Für einen Augenblick fragt sie sich, ob sie sich neu erfinden soll, ob sie sich eine interessantere, beeindruckende Geschichte ausdenken soll. Doch dann reckt sie das Kinn. Die Arbeit als Bedienstete war gut genug für ihre Mutter und Großmutter gewesen, sie sollte sich deswegen nicht schämen. Sie erklärt ihren Tischnachbarn das Programm der assistierten Überfahrt und das Verfahren, das sie bis hierher geführt hat. Die Formulare, die sie an den Migrationsrat der Church of England schicken musste, das Vorstellungsgespräch im Australia House in London, mit seiner riesigen Eingangshalle und den von Säulen gesäumten Wänden. Sie lässt den Moment aus, als ihre Betreuerin, eine freundliche Frau Mitte sechzig, sich zu ihr vorbeugte: »Verzeihen Sie die Frage, aber laufen Sie vor irgendetwas davon, Liebes?« Stattdessen erzählt sie ihnen von ihrer Sehnsucht zu reisen und von ihrem Onkel mit seinen Geschichten voller Abenteuer und Riesenspinnen. Sie gefällt ihr – diese Version ihrer selbst – kühn und unabhängig.

»Und Sie? Was führt Sie auf das Schiff?«, gibt sie die Frage nun an Helena weiter, sorgsam darauf bedacht, sie in das Gespräch mit einzubeziehen. Die ältere Frau zögert.

»Edward ging es nicht gut«, erwidert sie schließlich. »Tuberkulose.«

»Bitte, schauen Sie nicht so besorgt«, unterbricht er sie, als er Lilys Gesichtsausdruck bemerkt. »Ich bin mittlerweile gänzlich wiederhergestellt.« Wie um seine neue, robuste Verfassung zu demonstrieren gießt er vier große Gläser Wein aus der Flasche ein, die der Kellner soeben auf dem Tisch abgestellt hat, und reicht sie weiter.

»Die Ärzte sind der Meinung, das australische Klima sei besser für seine Gesundheit«, fährt Helena fort.

Lily ist betroffen von Helenas Distanziertheit – sie sieht ihren Ehemann kein einziges Mal an, während sie spricht.

Die ganze Zeit über war ein Stuhl am Tisch leer, doch nun taucht ein Mann auf; er wirkt gehetzt, hat den Blick zu Boden gerichtet, seine Wangen sind tief gerötet.

»Ich entschuldige mich für meine Verspätung«, sagt er mit einem Anflug von Ärger in seiner Stimme. »Ich musste für die Bäder anstehen.« Der Neuankömmling stellt sich der Tischgesellschaft als George Price vor. Er sei auf dem Weg nach Neuseeland, um seinem Onkel auf dessen kleiner Farm auszuhelfen, erzählt er. Wie auch Edward Fletcher scheint er Ende zwanzig zu sein, aber er ist untersetzt, mit klobigen, fleischigen Händen und einer geknickten Nase, die aussieht, als sei sie mehrfach gebrochen gewesen. Als er Lily vorgestellt wird, zucken seine kleinen Augen zu ihrem Gesicht und schnell wieder weg.

Nun, da George sich ihnen angeschlossen hat, gerät das Gespräch ins Stocken und verliert seine vorherige Leichtigkeit. Er versucht, sie in eine politische Debatte über Deutschland und den Krieg zu verwickeln.

»Statt uns Hitler zum Feind zu machen, sollten wir besser von ihm lernen«, erklärt er. »Sie sollten mal sein Buch lesen. Da wird einem so einiges klar.« George ist außerdem fuchsteufelswild, weil der Zahlmeister sein kabelloses Radio konfisziert und »aus Sicherheitsgründen« weggeschlossen hat. »Er meinte, ich solle mir mal vorstellen, was passieren würde, wenn der Krieg während der Reise ausbricht, mit all den verschiedenen Nationalitäten an Bord … Itaker, Deutsche, was auch immer. Woraufhin ich sagte: ›Wenn der Krieg ausbricht, wäre ich persönlich ganz gern vorbereitet.‹«

Helena erinnert ihn an die Anschlagtafel, wo zweimal täglich Nachrichten aus aller Welt ausgehängt werden sollen.

»Ja, aber wenn es zum Krieg kommt, werden sie dichthalten«, sagt er. »Zumindest bis wir von Bord sind. Die Hälfte der Passagiere wären unsere Feinde.«

Lily ist froh, als das Abendessen vorbei ist und die Fletchers sie auf einen Kaffee in der Lounge einladen. Eine Passagierin – eine ältere Dame ganz in Rosa –, spielt auf dem Flügel, und es herrscht eine Atmosphäre heiterer Zuversicht. Lily sieht sich in dem Raum um, ob die Frau in dem scharlachroten Kleid womöglich unter den Gästen ist, oder der Mann, mit dem sie auf dem Kai stand, doch sie ist nicht überrascht, sie nicht zu entdecken. Das Kleid kam aus keinem der Geschäfte, in denen Lily einkauft, und sie ist sich sicher, dass das Paar in dem luxuriöseren Speisesaal auf dem Erste-Klasse-Deck speist.

»George ist etwas ermüdend, findet ihr nicht auch?«, murmelt Edward, als sie sich auf einem der komfortablen Sofas niederlassen. »Ich hoffe, er wird uns nicht die gesamte Reise mit seinen Tiraden versüßen.«

»Ignoriere ihn einfach, und geh ihm aus dem Weg«, erwidert Helena scharf. Dann greift sie sich an den Kopf. »Entschuldigt mich«, sagt sie und wendet sich Lily zu. »Ich fühle mich nicht besonders. Ich denke, ich werde in die Kabine zurückkehren und mich hinlegen.«

Zu Lilys Überraschung steht Edward nicht auf, um sie zu begleiten. Stattdessen schickt er ihr vom Sofa aus einen Luftkuss zu. »Schlaf gut und süße Träume«, wünscht er.

Plötzlich ist Lily verlegen; sie weiß nicht, was in dieser Situation angebracht ist.

»Ich hoffe, deiner Frau geht es morgen früh besser«, sagt sie schließlich steif. Die Fletchers haben Lily im Laufe ihres Gesprächs das Du angeboten, doch es fühlt sich immer noch ungewohnt an.

Edwards bleiches, ausgemergeltes Gesicht drückt Überraschung aus, um sich sogleich zu einem belustigten Lächeln zu verziehen. »Oh, du dachtest … Wie überaus komisch.«

Gerade als Lily sich schon ärgern will, dass er sie so zappeln lässt, lenkt er ein.

»Helena ist nicht meine Frau«, sagt er. »Sie ist meine Schwester.«

3

30. Juli 1939

Am nächsten Morgen kann Lily sich für einen Moment beim besten Willen nicht erinnern, wo sie ist, doch dann schaut sie zur Seite und erblickt Audreys blondes Haar, das sich über das Kissen breitet. Sie lässt den Blick träge weiterschweifen zu der Koje darunter, nur um erschrocken festzustellen, dass Ida hellwach ist und sie unverwandt anstarrt.

»Du sahst gestern Abend aber ganz schön vertraut aus mit dem jungen Herrn.« Ida setzt sich auf. Lily betrachtet fasziniert ihr Haar, das sich nicht mit dem Rest ihres Körpers zu bewegen scheint, bis ihr klar wird, dass es von einem schwarzen Haarnetz zusammengehalten wird. »Und? Hast du uns nichts zu erzählen?« Ida lächelt, wobei sich ihre Augen zu kleinen Schlitzen verengen, doch Lily verspürt einen heftigen Widerwillen angesichts dieser ungebetenen Einladung zu einem intimen Plausch. Denk an ihren toten Verlobten, ermahnt sie sich. Sei nett. Trotzdem will sie keine Vertraulichkeiten mit Ida teilen. Nicht dass es etwas zu teilen gäbe.

»Ich fürchte, da gibt es nichts zu erzählen. Er und seine Schwester sind meine Tischnachbarn. Wir haben uns nur über das Schiff unterhalten, nichts weiter.«

Die Reaktion auf ihre Zurückweisung folgt unmittelbar. Ida schwingt abrupt die Beine aus dem Bett. »Nun, ich würde dir raten, in Zukunft etwas vorsichtiger zu sein. Ich weiß ja nicht, was Mrs. Collins sich dabei denkt, die ihr anvertrauten jungen Damen bis in die Puppen um irgendwelche wildfremden Männer herumscharwenzeln zu lassen, die sie gerade erst kennengelernt haben.«

Lily ist froh, dass das Gespräch damit beendet ist, aber sie hat das ungute Gefühl, dass es ein Fehler war, sich Ida zur Feindin zu machen.

Audrey sprüht vor Aufregung, als sie beim Klopfen des Kabinenstewards aufwacht, der ihnen ihren morgendlichen Tee bringt, und ist begierig darauf, sich mit Lily über ihre neuen Bekanntschaften auszutauschen. An ihrem Tisch gibt es eine andere junge Frau, mit der sie bereits Freundschaft geschlossen hat. Lily verspürt einen Anflug von Erleichterung – obwohl sie Audrey immer mehr in ihr Herz schließt, will sie nicht gänzlich für diesen Wirbelwind von einem Mädchen verantwortlich sein. Außerdem freut sie sich darauf, Edward und Helena besser kennenzulernen, und hofft, sie wird sich nicht verpflichtet fühlen, Audrey zu jedem gesellschaftlichen Ereignis oder Zwischenhalt an Land mit sich zu schleppen. Sie weiß, dass sie nie wieder jemanden so nah an sich heranlassen wird wie Maggie. Es ist den Schmerz nicht wert.

Auf dem Weg in den Speisesaal, wo das Frühstück sie erwartet, versucht Lily, das Prickeln der Vorfreude zu unterdrücken, das durch ihre Adern rauscht, als sie daran denkt, Edward Fletcher wiederzusehen. Er wollte gestern Abend nur höflich sein, nicht mehr, ermahnt sie sich streng. Und dennoch, als sie ihn mit seiner Schwester am Tisch sitzen sieht, merkt sie, wie sie vor Freude errötet. Im Tageslicht ist Edwards Teint weniger gespenstisch, und trotz ihrer guten Vorsätze, ihn nicht zu wichtig zu nehmen, spürt sie, wie ihre Stimmung sich hebt, als sein Gesicht bei ihrem Anblick zu einem Lächeln erstrahlt.

»Ich bin froh, dass es dir besser geht«, sagt sie zu Helena. Doch in Wahrheit sieht Helena immer noch unpässlich aus, die Augen gerötet und verquollen.

»Danke«, erwidert Helena. »Aber ich konnte meinen kleinen Bruder unmöglich unbeaufsichtigt lassen. Jemand muss schließlich ein Auge darauf haben, was er so treibt.«

Sie lächelt, doch Lily bemerkt mit Unbehagen, dass die Geschwister einen sonderbaren Blick wechseln.

Peggy Mills erscheint ohne mütterliche Begleitung am Tisch. »Mama ist krank«, verkündet sie mit ausdrucksloser Stimme. »Der Steward musste ihr Papiertüten bringen, damit sie sich übergeben kann.«

George Price, der auf der anderen Seite des Tisches Platz genommen hat, verharrt mit seiner Gabel Rührei vor dem Mund. »Mit Verlaub, aber manche von uns würden gerne essen.«

Peggy zuckt die Schultern, scheint jedoch nicht beleidigt zu sein.

George fängt Lilys Blick auf und schüttelt den Kopf, wie um sie aufzufordern, in seine Missbilligung einzustimmen, aber sie schaut rasch weg, als hätte sie es nicht bemerkt. Den Rest der Mahlzeit unterhält sich Lily vor allem mit dem mutterlosen Mädchen, um sicherzustellen, dass Peggy sich nicht ausgeschlossen fühlt. Erst danach, als Edward einen Spaziergang auf dem Außendeck vorschlägt, ist es ihr möglich, sich ungezwungen mit den Fletchers zu unterhalten.

Draußen weht vom Meer her eine kühle Brise, und der Himmel ist von einem schlammigen Grau. Lily zieht ihren Cardigan fester um sich – dies ist nicht das Wetter, das sie erwartet hat.

»Ist dir kalt?«, fragt Edward.

Sie schüttelt den Kopf. »Ich bin Kälte gewohnt«, erklärt sie. »Mein Fenster in London hatte kilometerbreite Risse im Rahmen, und das Zimmer war so feucht, dass ich einmal Pilze in meinem Morgenmantel entdeckt habe, die dort wuchsen!«

»Ja, im Sanatorium war es auch kalt«, sagt Edward. »Selbst im Hochsommer war es unmöglich, dort so etwas wie Wärme zu spüren.«

Seine grünen Augen verdunkeln sich, und Lily tut es leid, ihn an diese offenbar unschöne Zeit erinnert zu haben.

»Edward hat mir erzählt, eure Familie komme ursprünglich aus Herefordshire«, wendet sie sich an Helena, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken.

Helena scheint einen Moment zu zögern. »Ja, das stimmt. Obwohl wir kürzlich an die Südküste gezogen sind. Wegen Edwards Gesundheit. Ich habe dort als Lehrerin unterrichtet. Vor allem kleinere Kinder.«

»Und hat es dir Spaß gemacht?«

Helenas Gesicht entspannt sich, als habe sie ein Paar unbequemer Schuhe abgestreift, und plötzlich kann Lily sehen, dass sie jünger ist als vermutet.

»Ich habe die Arbeit geliebt«, sagt sie.

»Helena ist ein Naturtalent im Umgang mit Kindern«, sagt Edward. Er greift nach der Hand seiner Schwester und drückt sie fest, eine Geste, die Lily unwillkürlich rührt. Jetzt, da sie stehen, ist die Ähnlichkeit zwischen den Geschwistern deutlicher. Sie haben beide eine schlanke Statur, und mit dem vollen Haar, das Helena auf ihrem Kopf aufgetürmt hat, verschwindet selbst der Größenunterschied beinahe. Auch einige ihrer Angewohnheiten sind ähnlich. Beide halten sich beim Lachen die Hand vor den Mund, als wollten sie ihre Fröhlichkeit davon abhalten zu entfliehen.

Auf der anderen Seite des Schiffes, im Windschatten der Lounge, wurden ein paar mit Segeltuch bespannte Liegestühle aufgestellt. Helena und Lily machen es sich bequem, während Edward anbietet, ein paar Decken aufzutreiben.

»Erzähl doch mal, Lily. Hast du jemanden in England zurückgelassen? Einen Liebsten vielleicht?«

Lily ist überrumpelt von der Frage. Helena scheint ihr nicht die Art Frau, die auf solche Vertraulichkeiten Wert legt. Sie denkt an Robert, an seine ungleichen Augen, nachdem die eine Pupille infolge eines Unfalls für immer geweitet geblieben war. Daran, wie diese Augen träge über ihren Körper schweiften, wenn sie durch die Tür trat, bis sie sich unter seinem Blick vollständig entblößt fühlte.

»Nein. Niemanden. Was ist mit dir?«

»Nein. Besser gesagt, nicht mehr.«

Und da wird Lily klar, warum Helena das Thema angeschnitten hat – um sich selbst zu gestatten, darüber zu reden.

»Es gab da jemanden. Tatsächlich waren wir verlobt, wollten heiraten. Er war … er ist … ein wunderbarer Mann. Er arbeitet als Lehrer und schreibt Gedichte. Wirklich sehr schöne Gedichte. Er hat eine sehr einzigartige Sicht auf die Welt.« Während Helena spricht, scheint sie beinahe zu strahlen; ihre fahle Haut färbt sich rosig.

»Was ist passiert, wenn ich fragen darf?«

Helena legt sich die Hand auf die Stirn, und die Farbe weicht so schnell aus ihrem Gesicht, wie sie gekommen ist. »Es hat nicht funktioniert.«

»Aber …«

»Glück gehabt!« Edward ist zurück und hat einen Stapel warmer Wolldecken mitgebracht. Lilys ist weich und rot-weiß kariert, und als sie die Decke von Edward entgegennimmt und über ihre Beine breitet, überkommt sie ein wohliges Gefühl. So wäre es also, verheiratet zu sein, denkt sie. So wäre es, jemanden zu haben, der sich darum sorgt, ob man es auch warm genug hat. Jemanden, der sich darum kümmert, dass man es bequem hat.

Zur Teestunde trifft sie sich mit Audrey in der Lounge. Der Raum knistert vor Leben, das Geplauder der Passagiere, die ihre alten Freunde begrüßen und sich mit ihren neuen Bekannten unterhalten, vermengt sich auf das Schönste mit dem Klappern von Porzellantassen und dem Klirren zierlicher Teelöffel. Wie schon am gestrigen Abend sitzt jemand am Flügel und spielt. Dieses Mal ein junger Mann, der leise eine Filmmelodie klimpert, die Lily aus dem Kino kennt. Audrey ist außer sich vor Aufregung über die Tanzveranstaltung am heutigen Abend. Da es der erste volle Tag ihrer Reise ist, soll es einen offiziellen Ball mit einer Band geben. Die perfekte Gelegenheit für Audrey, endlich ihr Abendkleid auszuführen, auf das sie so stolz ist.

»Ich muss schon sagen, ich bin ganz neidisch auf deinen Tischnachbarn«, sagt sie zu Lily. »Der jüngste Kerl an unserem Tisch ist fünfundsechzig und taub wie eine Nuss. Als ich ihn fragte, ob er mir die Butter reichen könne, antwortete er: ›Leider nicht so gut. Die Matratze ist schrecklich dünn.‹ Es ist wirklich schwierig, überhaupt ein Gespräch anzufangen. Nur gut, dass ich Annie habe, um mich mit ihr zu unterhalten. Ich kann es kaum erwarten, euch einander vorzustellen. Ich bin sicher, dass ihr euch ganz famos verstehen werdet.«

»Hallo, ihr beiden, ich habe euch schon überall gesucht.« Ida ist wie aus dem Nichts aufgetaucht. Auf ihrem Teller häufen sich die Sandwiches, als müsse sie sich für eine plötzliche Wiedereinführung der Lebensmittelrationierung wappnen. Wieder einmal ermahnt Lily sich, nett zu sein, aber Ida hat etwas an sich, das jegliche Freude aus der Luft zu saugen scheint.

»Ich habe Lily gerade gesagt, dass ihr Tisch ganz lustig zu sein scheint«, sagt Audrey gutmütig. »Vor allem dieser junge dunkelhaarige Kerl ist ein echter Augenschmaus!«

»Wenn man so etwas mag«, entgegnet Ida herablassend. »Ich bevorzuge ja große Männer, die etwas mehr auf den Rippen haben.«

»Edward ging es gesundheitlich nicht gut«, eilt Lily zu seiner Verteidigung. »Deswegen ziehen er und seine Schwester auch nach Australien.«

»Es ist wirklich nett von ihr, dass sie ihn begleitet. Ich weiß nicht, ob meine Geschwister das für mich tun würden«, sagt Audrey.

»Oder eine schlechte Ausrede. Sie muss schon ein recht armseliges Leben gehabt haben, um es so bereitwillig zurückzulassen«, lautet Idas Antwort.

Lily ist sprachlos. Doch jetzt, da sie darüber nachdenkt, ist es tatsächlich seltsam, dass Helena ihr eigenes Leben und die Arbeit, die sie so sehr liebte, aufgegeben hat, um ihrem Bruder bis ans andere Ende der Welt zu folgen. Andererseits war Helena nach ihrem Kummer wegen der gelösten Verlobung womöglich froh über die Gelegenheit zur Flucht. Die Mitglieder der Familie Fletcher scheinen einander offenbar sehr nahezustehen. Auf jeden Fall ist es ein gutes Zeichen, dass sie Edward nicht allein diese Reise haben antreten lassen. Während sie so über Edwards Familie nachdenkt, fällt Lily ihre eigene ein. Sie hofft, dass ihre Mutter sich keine allzu großen Sorgen um sie macht, und bemerkt schuldbewusst, dass sie bisher kaum an sie gedacht hat.

Ihre Eltern reagierten furchtbar schockiert, als Lily ihnen eröffnete, dass sie nach Australien gehen wolle. »Wieder als Dienstmädchen arbeiten?«, hatte ihre Mutter weinend gefragt. »Nach allem, was du durchgestanden hast?« Natürlich wussten ihre Eltern nicht über Robert und Maggie Bescheid, aber ihre Mutter war nicht dumm, sie wusste, dass etwas Schlimmes vorgefallen sein musste. Weshalb sie auch so erleichtert gewesen war, als Lily die Stelle als Kellnerin in dem renommierten Teehaus bekam. Es war ein grundlegend anderes Arbeitsmilieu.

Doch nach einer Weile lenkte ihre Mutter schließlich ein. »Ich weiß, dass du schon immer den Wunsch hattest, etwas anderes zu tun und etwas von der Welt zu sehen«, sagte sie zu ihr. »Du warst schon immer ein kluges Kind, und es hat mir furchtbar leidgetan, als du so jung von der Schule abgehen musstest, um Geld zu verdienen.« Lily selbst hatte das nicht so viel ausgemacht. Sie hatte mit elf Jahren ein Stipendium für die sogenannte höhere Töchterschule erhalten, und obwohl ihr der Unterricht dort großen Spaß gemacht hatte – vor allem in Englisch tat sie sich hervor –, hatte sie wenig Freude an dem vornehmen Getue der anderen Mädchen gehabt oder an der Weigerung ihrer Mutter, zum Weihnachtskonzert zu kommen, weil ihre Kleidung zu ärmlich war. Als sie mit vierzehn Jahren abging, weinte sie der Schule keine Träne nach.

Letzten Endes gaben ihre Eltern ihr also den Segen, nach Australien zu gehen, und so dankte sie es ihnen – indem sie sie vergaß, kaum dass sie außer Sichtweite waren. Zur Strafe setzt Lily sich nach dem Tee an einen der kleinen Schreibtische in den Wandnischen der Lounge, greift sich einen Bogen Briefpapier, das für die Passagiere bereitliegt und auf dem das beeindruckende Schiffswappen prangt, und verfasst einen langen, anschaulichen Brief, in dem sie alles beschreibt, was bisher auf ihrer Reise passiert ist: die Leute, die sie getroffen hat, das Essen, das ihr serviert wurde, selbst die Bewegungen des großen Ozeandampfers unter ihren Füßen. Als sie fertig ist, klebt sie das Kuvert zu und bringt den Brief zum Zahlmeisterbüro, damit er gleich im nächsten Hafen per Post verschickt wird. Danach fühlt sie sich viel besser.

Als sie später am Abend den Speisesaal betritt – in ihrem bodenlangen cremefarbenen Seidenkleid, das sie einen ordentlichen Batzen ihrer Ersparnisse gekostet hat und von dem Audrey behauptet, es ließe sie wie eine Filmdiva aussehen, – spürt Lily ihre aufgeregten Nerven unter der Haut prickeln wie die Bläschen in einem Glas Sodawasser.

Sowohl Edward als auch George Price erheben sich, als sie sich dem Tisch nähert, aber Helena ist es, die als Erste etwas sagt.

»Wie zauberhaft du doch aussiehst, Lily! Die Farbe steht dir ausgezeichnet. Und was für eine kluge Idee, es mit diesem Sträußchen Seidenrosen zu kombinieren.«

»Du wirst dir nachher beim Ball die Verehrer scharenweise vom Hals halten müssen«, sagt Edward. »Aber keine Angst, ich werde als deine persönliche Leibgarde auftreten.«

Da weder Peggy noch ihre Mutter auftauchen, bleiben zwei Stühle am Tisch leer.