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Hoch oben im Grembelgebirge liegen die weit gerühmten Lehrstätten Gambrias. Nachdem der 17-jährige Tom dort seine Ausbildung zum Spielmann abgeschlossen hat, wird er von seinem Meister überraschenderweise nach Ragebol, der Hauptstadt des benachbarten Maarn, entsandt, um dort sein Können zu vervollständigen. Nur widerstrebend begibt sich der Junge auf die Reise in dieses als rau und ungebildet geltende Land. Auf seinem beschwerlichen Weg quer durch das Grembelgebirge findet Tom einen schwerverunglückten Reisenden. Dieser ringt Tom das Versprechen ab, einen geheimnisvollen Brief zu überbringen. Während seiner weiteren Reise durch Maarn hört Tom immer wieder von den Folgen einer viele Jahre zurückliegenden Verschwörung. Zudem muss Tom feststellen, dass sein Versprechen ungeahnte Folgen hat. Spätestens als ein anderer Spielmann ermordet aufgefunden wird, erkennt er, dass ihm todbringende Verfolger - die Krähen - auf den Fersen sind. In dem geheimnisvollen Schwertkämpfer Hakon findet Tom unvermutet einen Verbündeten. Gemeinsam mit ihm und der Diebin Rike versucht er, seine Verfolger abzuschütteln. Doch vom ersten Tag an sind sich Hakon und Rike nicht grün und ihr brodelnder Zwist droht, die kleine Gruppe zu zerreißen. Währenddessen kommen ihnen die Krähen immer näher. Wird Tom sein Versprechen halten können und den Brief sicher überbringen?
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Seitenzahl: 784
Veröffentlichungsjahr: 2021
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TEIL 1 · Gambria · Smit Wittum
Reisende im Winter
Ein Kriegsknecht aus Maarn
Der Abend der Spielmänner
Ein ungeliebtes Ziel
Aufbruch ins Ungewisse
Das Versprechen
Über den Spitzpass
TEIL 2 · Maarn · Der Weg nach Torby
Auf der anderen Seite der Berge
Ein Bote im Auftrag des Königs
Eine Dorfhochzeit mit Folgen
Gekränkter Stolz
Ein toter Spielmann
Gambrische Spezialitäten
Ulenbinsen
Unter Gauklern
Dunkle Zeiten ziehen auf
Kopfgeld
Schwarze Reiter
Freund oder Feind
Torby, die Schöne
… wenn man nicht damit rechnet
Auf der Flucht
TEIL 3 · Maarn · In den westlichen Wäldern
Wieder Richtung Westen
Weggefährten
Das Training beginnt!
Ein Besuch in Elmfleet
Vertrauenssache
Die Rote Buhle
Das Mädchen mit den Vipern
Getrübte Freundschaft
Der Brief
Hakons Entscheidung
TEIL 4 · Maarn · Das Brag-
Niemandsland
Eine unerwartete Begegnung
Rike
Ungeahnte Talente
Unliebsame Verfolger
Das dunkle Mal
Ein finsterer Blick zurück
Späte Gäste
Die Krähen
Schonzeit
Mit dem Kopf durch die Wand
Das Verrätergeschlecht
Die Schattenfelsen
Eine Gabe für die Schattenwesen
Jenseits der Berge
TEIL 5 · Maarn · Die Ebene von
Von allen Seiten umzingelt
Eine unliebsame Überraschung
Eine lange Geschichte
Die Nadel im Heuhaufen
Wenn Papier zu sprechen beginnt
In der Sackgasse
Zweifelhafter Kurs
Der Sündenbock
Der Steinkreis
Die Falle schnappt zu
Gefangen
Ein tollkühner Plan
Die Stromschnellen
Eine letzte Chance
Von Schuld und Versprechen
Gebratene Täubchen
TEIL 6 · Maarn · Ragebol
Am Ziel?
Ein alter Freund
Eine Attraktion fürs Volk
Zu früh gefreut
Auf Leben und Tod
Königin Elfrun
Ein unverhofftes Wiedersehen
Vor dem Kronrat
Rikes Talisman
Nichts bleibt unentdeckt
Alles neu
Wenn die Seele spricht
Der Thronfolger
Epilog
Für Birgitt – unvergessen – deren Schicksal mich daran erinnert hat, nichts auf die lange Bank zu schieben. Carpe diem!
Für Mama
Und für Steffen, der mich immer ermutigt hat, meine verrückte Idee in die Tat umzusetzen. Danke! Ich liebe dich!
Nur mühsam drang die fahle Märzsonne durch die kleinen Fenster der Bücherstube. Die Wände des Raumes waren bis unter die Decke zugepflastert mit Regalen, die sich unter der Last der unzähligen Folianten, Karten und Schriftrollen bogen.
In dem spärlichen Licht saß ein dunkelhaariger Junge tief gebeugt über einer Karte. Auf dem Tisch um ihn herum türmten sich Bücher. Unwillig blies er sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus dem kurzen Zopf in seinem Nacken gelöst hatte. Mit glühenden Augen wanderte sein Blick über die eingezeichneten Städte. Sein Finger verfolgte die verschiedenen Straßen, die sich wie ein Spinnennetz über die kunstvoll gezeichneten Landmarken ausbreiteten.
„Wenn ich nur wüsste … na, vielleicht … ja, vielleicht nach Hivsum … oder doch Erslam …“
Plötzlich wurde die Tür der Stube aufgestoßen. Alarmiert fuhr er herum.
„Wusste ich doch, dass du dich hier drinnen verkriechst!“
„Mensch Barnd, hast du mich erschreckt“, entfuhr es dem Jungen.
Mit einer geschmeidigen Bewegung ließ sich Barnd neben ihm auf die Bank gleiten. „Na, was haben wir denn da?“ Grinsend griff er nach den Büchern. „,Gambrias Küsten‘, ,Die Ebenen‘, ,Aulburgen, die Königsstadt‘“, las er laut die Titel auf den Buchdeckeln vor. „Egal was kommt – unser Tom hier ist bestens vorbereitet.“ Bei diesen Worten stieß er seinem Freund neckend den Ellbogen in die Seite. „Kannst es wohl gar nicht abwarten, zu erfahren, wohin es dich in ein paar Tagen verschlägt, was?“
„Tu doch nicht so“, erwiderte Tom mit hochrotem Kopf, „du bist doch selbst schon seit Tagen unruhig wie ein aufgeschreckter Bienenschwarm, wenn es darum geht, wohin Meister Erik dich schicken wird.“
„Wie kommst du denn darauf?“, widersprach Barnd mit gespielter Empörung. „Ich bin die Ruhe in Person!“
Tom lachte spöttisch auf. „Ja, klar. Ausgerechnet du? Meinst du etwa, ich würde nicht hören, wie du jede Nacht die Götter anflehst, das Los möge auf Hivsum fallen?“
Barnds brauner Lockenkopf ruckte herum: „Und wenn schon! Im Gegensatz zu dir kenne ich das Leben außerhalb Smit Wittums wenigstens aus erster Hand … und nicht nur aus Büchern!“
Das hatte gesessen! Sein Freund konnte es einfach nicht lassen, ihm immer und immer wieder unter die Nase zu reiben, dass er, Barnd, nicht in diesem engen Gebirgstal geboren worden war.
„Aber jetzt komm endlich!“ Barnd war wieder aufgesprungen. „Sonst hetzt uns Meister Arnd noch einen Suchtrupp auf die Fersen!“
Tom stöhnte auf. „Ist es denn schon wieder so weit?“
Barnd nickte. „Ja, der wöchentliche Waschgang steht an.“
„Wer hat ihm bloß diesen Floh ins Ohr gesetzt, dass Eiswasserbäder im Winter gegen Krankheiten abhärten?“ Tom verdrehte die Augen, während er den Folianten mit den gambrischen Karten und die übrigen Bücher zurück ins Regal schob.
Ein Grinsen stahl sich auf Barnds Gesicht. „Ich würde mal auf Meister Wilbur tippen …“
Bisweilen verfluchte Tom die Tatsache, dass die Lehrstätten der Heiler und der Barden so dicht beieinanderlagen. Er schüttelte sich bei dem Gedanken, was ihn gleich im Hof erwarten würde. „Dann lass uns zusehen, dass wir diese Zitterpartie schnell hinter uns bringen.“
Gemeinsam rannten sie durch die verwinkelten Gänge ihrer Schule. Als die beiden Burschen um eine der dunklen Ecken schlitterten, rannten sie beinahe zwei heruntergekommene Gestalten über den Haufen. Tom hatte die Männer hier noch nie zuvor gesehen. Doch jetzt war keine Zeit, für neugierige Fragen. Nach einer flüchtig genuschelten Entschuldigung stürmte er mit Barnd weiter.
Schweratmend kamen sie schließlich auf der offenen Hoffläche zum Stehen. „Wer war denn das?“, keuchte Tom. „Seit wann tauchen hier im Winter Fremde auf?“
„Keine Ahnung“, japste Barnd, „aber wir werden es schon früh genug erfahren.“
Prustend zog Tom seinen Kopf aus dem eiskalten Wasser. Die Wassertropfen stoben in alle Richtungen, als er sich wie ein junger Hund schüttelte. Die umstehenden Burschen brachten sich johlend in Sicherheit.
„Pass doch auf, du Volltrottel!“, schimpfte sein direkter Nachbar.
„Ach, jetzt stell dich nicht so an, Debald“, frotzelte Barnd, „wenn ich sehe, wie sparsam du mit dem Wasser umgehst, kannst du Tom dankbar für den zweiten Waschgang sein.“
Debald gab nur ein ungnädiges Brummen von sich. Derweil strich sich Tom energisch die Haare aus der Stirn, während seine blauen Augen schelmisch blitzten.
Auf dem Hof herrschte ein quirliges Durcheinander. Alle Schüler der Bardenschule waren hier versammelt, gut achtzig Jungen jeden Alters, die sich um die aufgestellten Wassertröge drängten. Es wurde geknufft, geschubst und gedrängelt. Jeder beeilte sich, diese lästige Pflicht hinter sich zu bringen, um dann schnell wieder in den warmen Stuben der umliegenden Gebäude zu verschwinden.
Toms Atem bildete weiße Wolken in der schneidend kalten Luft, als er sich eiligst abtrocknete, um in seine Sachen zu schlüpfen. Ein noch recht kleiner Bursche von vielleicht sechs Jahren starrte wie hypnotisiert auf Toms Rücken.
„Oh“, meinte Barnd dumpf, als er ihn entdeckte und stieß Tom in die Rippen, „da scheinen wir einen Neuzugang zu haben.“
Tom drehte sich langsam um. Er ahnte genau, was nun kommen würde, und ein unsichtbares Gewicht legte sich auf seine Brust. Der Kleine glotzte ihn noch immer mit großen Augen an.
„Noch nie eine Narbe gesehen?“, fragte Tom leicht gereizt.
„Doch, schon“, antwortete der Junge unbekümmert, „aber noch nie so eine große!? Was hast du da gemacht?“
„Er ist nicht schnell genug zur Seite gesprungen, als ein brennendes Dach auf ihn runterkrachte“, erwiderte Barnd an Toms Stelle. Er war der einzige hier an der Schule, der die ganze Geschichte jener Nacht kannte – und wie sehr es seinen Freund quälte, daran erinnert zu werden. Tom rieb sich mit der linken Hand über die rechte Schulter, wo die breite Narbe endete, die quer über seinen Rücken verlief.
„Tut das noch weh?“, fragte der Kleine neugierig weiter.
„Nur ganz selten“, antwortete Tom tonlos. Zitternd zog er sein Hemd über. „Ist ja auch schon lange her. – Und jetzt troll dich!“ Er atmete tief durch, als der Knirps im Getümmel untertauchte. Der Druck in seinem Innern verebbte und die grausamen Bilder, die sich wie immer ungebeten vor sein geistiges Augen geschoben hatten, lösten sich auf.
„Werden deine Brüder morgen Abend auch da sein?“ Barnds Zähne schlugen klappernd aufeinander, während er sich sein Wams überwarf.
„Klar“, antwortete Tom leise lächelnd, froh, dass sein Freund das Thema wechselte, „das Spektakel werden sie sich nicht entgehen lassen.“
Barnd gluckste. „Hauptsache, sie kommen wegen deiner Musik und nicht um zu sehen, wie du wieder vor lauter Nervosität den ganzen Boden voll kotzt.“
Tom verzog das Gesicht. „Dankeschön für diese nette Erinnerung. Aber ich kann für nichts garantieren.“
Sein Freund guckte skeptisch: „Echt? Du kriegst immer noch den Flattermann, wenn du vor Leuten spielen musst?“
Tom nickte gequält.
„Sehr ungünstig für einen Spielmann“, seufzte Barnd mit gespielter Leidensmiene.
„Wem sagst du das? Aber Meister Erik ist überzeugt, dass sich das mit der Zeit …“ In diesem Moment ergoss sich ein eiskalter Wasserschwall über Toms Oberkörper. Unverhofft war er zwischen die Fronten einer wilden Wasserschlacht der jüngeren Schüler geraten.
„Oh verdammt!“, entfuhr es ihm grollend. „Ein zweites Bad war wirklich nicht nötig! – Besten Dank!“
Eingeschüchtert wichen die jungen Kampfhähne zurück.
„Schon gut“, beschwichtigte Barnd die aufgeschreckten Jungen, „er wird es schon überleben!“
„Aber vielleicht die Knirpse nicht …“, knurrte Tom bibbernd.
„Na?! Wer brauchte denn hier nun den zweiten Waschgang?“, stichelte Debald, als er sich an ihnen vorbei drängte.
„Ach, hör schon auf“, grummelte Tom verstimmt und wickelte sich in seinen alten Mantel. „Komm, Barnd, lass uns hier verschwinden, bevor diese Dreikäsehochs noch auf die Idee kommen, einen ganzen Waschtrog über mir zu entleeren. – Respektloser Haufen!“
Die umstehenden Burschen machten ihnen mit großen Augen Platz, als sie sich ihren Weg durch die Meute bahnten.
„Kaum zu glauben, dass wir auch mal so klein waren“, raunte Barnd, „und die Prüflinge so verschüchtert angestarrt haben.“ Mit ihren sechzehn und siebzehn Jahren gehörten sie beide zu den ältesten Schülern der Bardenschule, die nun kurz vor ihrer Lossprechung standen.
„Ja“, gab Tom zurück, „und jetzt sind wir so richtig alte Säcke mit einer wahnsinnig würdevollen Ausstrahlung – und zudem noch klatschnass!“
Barnd lachte laut auf. Er legte einen Schritt zu, um aus der Kälte zu kommen, als Tom unvermittelt stehen blieb.
„Was ist los, du würdevoller Greis? Mir friert schon alles ein.“
Doch Tom rührte sich nicht vom Fleck. Ein nie gekanntes Gefühl hatte ihn erfasst, als sein Blick über die zweistöckigen Gebäude schweifte, die den Hof zu einem Karree umschlossen. Wie Schießscharten durchbrachen die kleinen Fensterluken die dicken, uralten Mauern. Dadurch herrschte in den Räumen dahinter zwar selbst im Hochsommer nur ein Dämmerlicht, aber in den harten Wintern blieb die Kälte weitestgehend draußen. Das Erdgeschoss beherbergte die ihm wohlvertrauten Lehrräume der Bardenschule samt Schreib- und Bücherstube, während in der oberen Etage die Schlaf- und Übungssäle der Jungen untergebracht waren, unterteilt nach Alter. Jeder einzelne Raum war ihm in seiner Zeit hier Heimat gewesen. Im Flügel zu Toms Rechten lagen die Küche und der große Saal der Schule, in dem er am morgigen Abend seine Feuertaufe bestehen musste. Und hinter den Schulgebäuden erhoben sich die schneebedeckten Gipfel des Grembelgebirges, die das langgestreckte Tal von Smit Wittum umschlossen. Ein Anblick, an dem er sich nie sattsehen konnte.
„Du weißt, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als von hier zu verschwinden“, sagte Tom mit einem Mal seltsam beklommen, „und trotzdem … kann ich es irgendwie immer noch nicht glauben, dass wir dem hier in ein paar Tagen wahrscheinlich für immer den Rücken kehren werden.“
„Naja“, sagte Barnd schulterzuckend, „ich glaube nicht, dass ich diesen Ort wirklich vermissen werde. Manchmal dachte ich schon, wir müssten hier auf ewig versauern.“
Tom blickte ihn mit gespielter Entrüstung an. „Wie kannst du nur so etwas sagen? Wo du solange in den ,heiligen Hallen‘ wandeln durftest?“
„Hör mal gut zu, du kleiner Bauernlümmel …“, als Barnd zu seiner üblichen Rede ansetzte, musste er den Kopf fast in den Nacken legen, um Tom in die Augen zu sehen, „im Gegensatz zu dir habe ich meine ersten Lebensjahre in Gambrias Hauptstadt verbracht, bevor es mich in die Ödnis Smit Wittums verschlug. Da besteht ein kleiner, aber auch nur ein winzig kleiner Unterschied, was das öffentliche Leben angeht – wenn du verstehst was ich meine?“
„Ein Wunder, dass du die Jahre hier unbeschadet überlebt hast“, spottete Tom.
Barnd wiegte den Kopf unschlüssig hin und her. „Die Spätfolgen sind ja noch nicht absehbar … aber vielleicht finde ich eine junge Maid, die sich aufopferungsvoll um diese kümmern wird …?!“
Tom lachte laut los. „Wenn ich’s nicht besser wüsste, könnte man glatt meinen, du wolltest nur Spielmann werden, um der Frauenwelt den Kopf zu verdrehen.“
„Wäre das der schlechteste Grund?“, erwiderte Barnd feixend. „Schließlich haben wir da auch noch einiges nachzuholen.“
Womit er es ziemlich treffend auf den Punkt brachte, wie sich Tom innerlich eingestehen musste. Denn von Frauen hatten sie allesamt nicht viel Ahnung. In den Schulen Smit Wittums waren grundsätzlich keine Mädchen als Schüler erlaubt. Lediglich in den Küchen war weibliches Personal anzutreffen – meist Witwen oder die ein oder andere Tochter eines der umliegenden Bergbauern. Von daher beschränkten sich Toms Erfahrungen auf diesem Gebiet bisher auf zwei oder drei verschämte Küsse in der Speisekammer mit Mia, einer drallen, flachsblonden Magd. Als er allerdings mitbekommen hatte, dass sie ihre Gunst sehr großzügig unter den älteren Jungs verschenkte, war ihm die Lust nach mehr Vertrautheit sehr schnell vergangen.
Aus den Augenwinkeln nahm Tom eine Bewegung auf der Empore zu seiner Rechten wahr. Dort standen zwei Männer, die das rege Treiben im Hof beobachteten. Der ältere der beiden war ein kleiner, etwas rundlicher Mann mit einem freundlichen Gesicht. Sein Kopf war bis auf einen kleinen Kranz weißer Haare völlig kahl. Sein graues mit schlichten aber kunstvoll ausgeführten Stickereien verziertes Gewand wies ihn als Meisterbarden aus.
Er schien in ein Gespräch mit dem blonden Mann an seiner Seite vertieft zu sein. Dieser war wesentlich jünger, vielleicht in den Dreißigern. Seine Kleidung hatte etwas Fremdländisches. Vormals mochte sie edel gewesen sein, aber nun war sie alt, verblichen und an vielen Stellen ausgebessert. Sie schlotterte um den Leib des Mannes, als hätten sie jemandem gehört, der um einiges kräftiger gewesen war. Das Gesicht des jungen Mannes war aschfahl und er hatte sich fest in seinen Umhang gewickelt, um der Kälte zu trotzen.
Tom stieß Barnd den Ellbogen in die Seite und deutete mit einem leichten Kopfnicken zur Empore hinauf. „Guck mal, wer da oben bei Meister Erik steht?“
Barnd folgte seinem Wink. „Das ist doch einer der beiden Fremden von vorhin.“
„Die alte Britta aus der Küche hat von zwei Reisenden gesprochen.“ Unbemerkt hatte sich Debald zu ihnen gesellt. „Wird wohl einer davon sein. Würde mich nicht wundern, wenn Meister Erik ihm irgendetwas für seine Kuriositätensammlung abschwatzt“, raunte er grinsend, „so eine Gelegenheit lässt er sich bestimmt nicht entgehen.“
Tom hörte schon gar nicht mehr zu. „Reisende? Zu dieser Jahreszeit?“
Debald zuckte mit den Achseln. „Manche scheinen so verrückt zu sein. Britta hat mitbekommen, dass sich die beiden wohl seit Wochen durch das Tal kämpfen, ganz so als wäre die dunkle Meute hinter ihnen her. Schlagen sich von einer Schule zur anderen durch. Können von Glück reden, dass sie in der Schneewüste da draußen nicht erfroren sind oder von einer Lawine erwischt wurden.“
Tom starrte nun mit unverhohlener Neugier nach oben. Es war nicht ungewöhnlich, dass sich Gesandte fremder Länder in diese abgelegene Bergregion verirrten, denn das Tal von Smit Wittum war einzigartig. Wie ein Flusslauf schlängelte es sich Meile um Meile durch das Grembelgebirge. In ihm waren die Schulen der Gilden wie Perlen einer Kette aneinandergereiht, achtzehn an der Zahl. Hier waren das gesamte Wissen und die Kunst Gambrias versammelt. In keinem anderen Land gab es etwas Vergleichbares – und so kamen viele hierher, um sich mit eigenen Augen von der Existenz eines solchen Ortes zu überzeugen. Denn die Künstler, Handwerker und Gelehrten, die diese Schulen hervorbrachten, hatten einen überragenden Ruf und wurden nach Beendigung ihrer Wanderjahre auch von weit entfernten Fürsten- und Königshöfen hart umworben.
Aber dass sich Fremde im Winter durch das gesamte Tal quälten – davon hatte Tom noch nie gehört. Schließlich benötigte man selbst im Sommer Tage, wenn nicht gar Wochen, um das unwegsame Gelände komplett von Norden nach Süden zu durchqueren – und die Winter in Smit Wittum waren mörderisch und lang. Nicht umsonst hieß das Grembelgebirge auch Sturmgebirge. Das Wetter war oft unberechenbar. Schneestürme brachen ohne jede Vorwarnung los. Zudem war das Gelände für Ortsunkundige tückisch.
Und dennoch hatte sich dieser Mann dort oben mit seinem Gefährten zu dieser Jahreszeit durch das Tal gequält? Tom runzelte die Stirn. Kein Wunder, dass er so ausgezehrt wirkte. In diesem Moment schien der Fremde die drei Jungen zu bemerken, die noch immer unverwandt zu der Empore hinaufstarrten. Für einen Moment trafen sich ihre Augen. Verlegen wandten sich die Jugendlichen ab, ganz so, als wären sie beim Lauschen erwischt worden. Eiligst verdrückten sie sich in das nächstgelegene Gebäude.
Tom wagte noch einen schnellen Blick zurück. Der Fremde sah ihnen noch immer hinterher.
Während sich die übrigen Schüler zu ihren Unterrichtsstunden begaben, machten sich Tom und Barnd mit ihren Instrumenten auf den Weg zum Speisesaal, der um diese Zeit menschenleer war. Da sie ihre Prüfungen bereits vor einigen Tagen abgelegt hatten, gab es für sie keinen Unterricht mehr. Doch das bedeutete keineswegs, dass sie sich nun dem süßen Nichtstun hingeben konnten. Schon morgen Abend sollten die Feierlichkeiten ihrer Losspre-chung stattfinden, in deren Rahmen sie gemeinsam mit den anderen Absolventen vor einem großen Publikum ihre Kunst zum Besten geben würden. Da hieß es: Üben, üben, üben, damit ihren Darbietungen nicht der gebührende Glanz fehlte.
Durch die schmalen Fenster fiel nur wenig Tageslicht in den spartanisch eingerichteten, weißgetünchten Saal mit seinen langen Bänken und groben Tischen. Erleichtert stellte Tom fest, dass im großen Kamin an der Stirnseite ein helles Feuer flackerte, welches den dämmrigen Raum in wohlige Wärme tauchte. Ohne lange zu zögern, streifte er sein durchnässtes Oberteil ab, um es zu trocknen. Danach zog er mit geübten Händen seine achtsaitige Laute aus dem ledernen Futteral, während Barnd bereits seiner Fidel die ersten Töne entlockte. Es dauert nicht lange und die Wände hallten wider von ihrem variantenreichen Wechselgesang – mal einstimmig, dann wieder aufgeteilt in geschickten Harmonien –, während ihre Instrumente einen wundervollen Klangteppich darunterlegten.
Die letzten Töne waren kaum verebbt, als aus einer Ecke des Raumes unvermittelt Beifall erklang. Die beiden Jungen fuhren erschrocken herum.
„Meinen Respekt! Das war richtig gut!“ Im Halbdunkel erkannten sie einen älteren Mann mit einem Humpen dampfenden Mets zwischen seinen großen Pranken. Zwei geleerte Becher vor ihm deuteten darauf hin, dass er schon eine ganze Weile dort gesessen haben musste. „Ich habe in meinem Leben wahrlich schon vielen Spielleuten gelauscht, aber im Vergleich zu euch waren das alles nur elendige Stümper.“
Seine Kleidung war alt und abgetragen und vom Schnitt her der nicht unähnlich, die der Fremde auf der Empore getragen hatte. Sein Haar und Bart waren strähnig und grau. Auf den ersten Blick mochte er wie ein abgerissener Landstreicher wirken, dennoch hatte seine Haltung etwas eigenartig Würdevolles. Die lange Narbe, die über seiner rechten Gesichtshälfte verlief, und seine kräftigen Oberarme, die sich unter dem abgewetzten Hemd abzeichneten, deuteten auf einen altgedienten Krieger hin.
Tom und Barnd starrten ihn entgeistert an.
„Ich wollte euch vorhin nicht stören, als ihr reinkamt“, sagte der Fremde mit leicht schleppender Stimme, „aber jetzt konnte ich einfach nicht an mich halten. Das klang großartig!“
„Danke“, erwiderte Tom matt. Übelkeit stieg in ihm auf. Denn obwohl die Darbietung schon beendet war, schien sich sein Magen noch bemerkbar machen zu wollen.
„Wer seid Ihr, wenn ich fragen darf?“, fragte Barnd und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
„Oh, entschuldigt. Man nennt mich Finan. – Wir sind ja vorhin schon aufeinandergestoßen.“ Ein verschmitztes Grinsen machte sich auf seinem wetter-gegerbten Gesicht breit. „Da hattet ihr es ja ganz schön eilig! – Mein Gefährte und ich sind auf der Durchreise.“
„Mein Name ist Barnd und dieser Spielmann mit der leicht grünlichen Gesichtsfarbe zu meiner Rechten und dem wohl größten Muffensausen diesseits der Berge, wenn es darum geht, vor anderen Mitmenschen aufzutreten, heißt Tomren. Aber alle nennen ihn bloß Tom.“
Am liebsten wäre Tom im Boden versunken.
Finan zwinkerte ihm gutmütig zu. „Dafür hast du gar keinen Grund, Söhnchen. Hast eine einzigartige Stimme. So was hören wir bei uns leider viel zu selten.“
Tom legte den Kopf schräg. Erst jetzt fiel ihm der leichte Singsang in Finans Stimme auf. „Ihr klingt nicht wie ein Gambrier. Darf ich fragen, woher Ihr stammt?“
„Mein Begleiter und ich sind ursprünglich aus Maarn.“
Bei diesen Worten versteifte sich Tom unmerklich: Aus Maarn, diesem angriffslustigen Land im Osten.
„Was verschlägt jemanden zu dieser unwirtlichen Jahreszeit von Maarn nach Gambria?“, hakte Barnd unbeirrt nach, während sich die beiden Jungen zu Finan an den grob behauenen Tisch setzten. Die Probe musste nun eindeutig warten. Ein Reisender war schließlich eine nicht alltägliche Abwechslung. Neugierig beäugten sie den alten Mann.
„Das ist eine etwas … heikle Mission“, grummelte Finan ausweichend. Er nahm einen weiteren tiefen Schluck aus seinem Humpen. „Und genau genommen kommen wir nicht aus Maarn … da waren wir schon seit Jahren nicht mehr.“ In seine Stimme mischte sich Wehmut. „Nein, nein … wir sind vor Wochen von Aulburgen aus aufgebrochen …“
„Aus Aulburgen? Der Haupstadt?“ Barnd bekam glänzende Augen.
„Ja“, antwortete Finan, merklich angetan vom regen Interesse seiner jungen Zuhörer. Der starke Met in seinem Becher schien ihn redselig zu machen. „Wir waren dort in der königlichen Festung! Da lässt es sich gut leben“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu, während seine Worte immer schleppender wurden.
„Ihr ward an König Ainars Hof?“ Tom klang skeptisch, als sein Blick über Finans abgewetzte Kleider schweifte. „Ihr wollt uns auf den Arm nehmen.“
„Nein, es ist wahr“, erwiderte der alte Krieger plötzlich ruppig, „wir kommen von dort. Aber nun sind wir bereits seit Wochen in diesem vermaledeiten Tal unterwegs … von wegen: schnellster Weg! … Immer in dieser verfluchten Schneehölle und nie lange genug an einem Ort, um die Kälte aus den Knochen zu kriegen.“ Brummelnd genehmigte er sich einen weiteren Schluck. „Gottloses Gehetze! Kann es kaum erwarten, dieses aberwitzige Abenteuer abzuschließen … wird höchste Zeit, nach Hause zu kommen …“
Finan ließ die Schultern hängen. Fast schien es, als wolle er einnicken.
Spöttisch stieß Tom seinem Freund den Ellbogen in die Seite: „Das ist also einer dieser überaus gefährlichen Krieger, vor denen uns schon unsere Mütter warnten. Der Stolz Maarns! Ein guter Witz!“
„Ich habe es dir doch immer gesagt“, meinte Barnd, „die ganzen Geschichten von den unbesiegbaren, blutrünstigen Rittern Maarns sind nichts als Ammenmärchen! Aus der Nähe betrachtet, sind sie völlig harmlos.“
„Das hab ich gehört“, grummelte Finan und richtete sich wieder auf. Die Jungen starrten ihn erschrocken an.
„Ver … verzeiht“, stotterte Tom, „wir wussten nicht … wir dachten …“
„Ihr dachtet, der Alte ist über seinen Durst eingeschlafen. Ihr könnt nur von Glück reden, dass ich allmählich zu alt bin zum Kämpfen.“ Er blickte die Burschen mit blutunterlaufenen Augen an. „In Maarn hätte euch euer Spott den Kopf … oder zumindest die Zunge gekostet. Stolz und Ehre haben bei uns noch eine Bedeutung, darüber spaßt man nicht … schon gar nicht mit einem Maarner Krieger!“
Tom und Barnd sahen verunsichert zu Boden. „Wir wollten Euch keineswegs beleidigen“, sagte Barnd zerknirscht, „entschuldigt!“
Finan machte fahrig eine abwehrende Bewegung. „Schon gut.“
„Es ist nur so“, begann Tom vorsichtig, „dass viele der Geschichten aus Maarn zu … seltsam klingen.“
Finan kicherte. „Seltsamer als die Geschichten, die man sich von Smit Wittum erzählt?“
Tom sah ihn überrascht an. Doch Finan fuhr unbeirrt fort: „Meint ihr wirklich, es wäre für uns in Maarn nicht genauso unvorstellbar, was hier vor sich geht? Smit Wittum, ein Ort, an dem NUR gelehrt wird … und dann noch von den Besten der jeweiligen Zunft?“ Finan gluckste leise vor sich hin, als könne er es selbst jetzt, wo er es aussprach, nicht glauben. „Wo nur das Talent eines Jungen entscheidet und nicht sein Stand oder der Geldbeutel?“ Finan beugte sich weit zu ihnen hinüber: „Habt ihr zwei eigentlich eine Ahnung, wie fantastisch solche Geschichten für uns klingen?“ Er grinste breit, als er in die verdutzten Gesichter der Jungen sah.
„So habe ich das noch nie gesehen …“, gestand Tom kleinlaut. „Es erscheint mir als so völlig … völlig normal.“
„Ja, genau wie es für jeden Maarner Jungen normal ist, mit den ersten Schritten auch die ersten Waffenübungen zu machen. Nicht umsonst hat Maarn die besten Krieger und Ritter!“ Bei diesen Worten straffte sich Finans Haltung. „Und nur die allerbesten von ihnen werden in die Haushalte der hohen Häuser aufgenommen. Die schlagkräftigsten Krieger, die ihr euch vorstellen könnt! Keiner kann ihnen oder ihren Gefolgsleuten das Wasser reichen! Keiner! Sie sind die Elite!“ Stolz sprühte aus Finans Augen. Es war unverkennbar: Er hatte zu dieser Elite gehört – auch wenn das schon etwas länger zurückliegen mochte. „Maarn ist ein großes Land“, fuhr er fort, „mit streitlustigen Nachbarn an seinen Grenzen.“
Wie man es nimmt, dachte Tom bei sich. So weit er wusste, waren die derzeitig wieder aufflammenden Querelen mit dem nördlich gelegenen Nornda von Maarn ausgegangen. Aber das wollte er lieber nicht laut aussprechen. Wer wusste schon, wie Finan darauf wieder reagieren würde!
Der war derweil fortgefahren: „… ihr seht also, wir haben allen Grund gewappnet zu sein.“ Und wie zu sich selbst fügte er leise hinzu: „Aber erst muss diese faule Brut ausgemerzt werden.“ Mit einer unwirschen Bewegung schien er diesen unliebsamen Gedanken beiseite wischen zu wollen.
Barnd wagte ein zaghaftes Lächeln: „Da könnt ihr ja von Glück reden, dass Euer König Gunnar damals unsere Prinzessin Elfrun zur Frau genommen hat – so habt ihr wenigstens nichts von Gambria zu befürchten!“
„Oh ja“, höhnte Finan, „diese Verbindung hat Maarn wahrlich ein großes Stück Sicherheit gebracht! Endlich ist die Gefahr durch einen Angriff eures federkiel-schwingenden Völkchens gebannt … nichts für ungut!“, schob Finan beschwichtigend hinterher und ließ einen lauten Rülpser erklingen.
Doch Tom nahm ihm diese Einschätzung nicht krumm. Eher im Gegenteil. Dass seine Heimat als kultiviert und friedliebend galt, erfüllte ihn mit Stolz. Und wer weiß, vielleicht wäre auch Gambria ein raubeinigeres und weniger gebildetes Land, wenn es nicht durch seine umliegenden Gebirge und das Meer auf so besondere Art geschützt wäre?!
„… aber wer schlägt sich auch schon freiwillig durch dieses Grembelgebirge mit seinen furchtbaren Schattenwesen.“ Finans Gebrumme riss Tom aus seinen abschweifenden Gedanken.
Ungläubig warfen sich die beiden Freunde amüsierte Blicke zu. Vorsichtig hakte Tom nach: „Entschuldigt meine Frage, aber glaubt Ihr wirklich an die Existenz von Schattenwesen?“
Finan nickte bedächtig. „Ja, natürlich.“
Tom konnte seine Belustigung kaum verbergen: „Aber das ist doch alles nur dummer Aberglaube! Geschichten, mit denen man kleinen Kindern Angst einjagen will! Genau wie der ganze Humbug von Wechselbälgern, dem Dunklen Mal und …“
„Schschsch“, unterbrach ihn Finan, mit einem Mal sehr ruhig. Seine riesige Pranke legte sich auf Toms Unterarm: „Sag nichts, was du hinterher bereuen würdest, Söhnchen. Für dich mag es dunkler Aberglaube sein. Für viele von uns ist es real. Genauso real, wie du und ich hier reden. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir meinen. Und glaub mir: Ich habe sie gesehen! Hier im Grembelgebirge!“
Tom sah Finan befremdet an. Wollte ihn der alte Mann auf den Arm nehmen? Doch je länger er in Finans Gesicht sah, umso deutlicher wurde ihm, dass der alte Krieger es ernst meinte.
„Mach dich niemals über den Glauben eines anderen Menschen lustig“, raunte Finan eindringlich, „das könnte gefährlich werden. Denn da verstehen die meisten Leute keinen Spaß.“ Die Schwere des Mets schien endgültig verflogen zu sein.
Tom schluckte. „Verzeiht, Ihr habt natürlich recht. Es war gedankenlos von mir, so etwas zu sagen.“
Finan nickte wieder. „Musst halt noch eine Menge lernen, Söhnchen.“
Tom stand auf, um sein inzwischen getrocknetes Hemd zu holen. Als er es überstreifte, ließ ihn ein Ruf von der Tür abrupt herumfahren.
„Mein Herr?!“ Auf der Schwelle stand ein nach Atem ringender jüngerer Schüler. „Meister Erik schickt mich: Ihr sollt sofort kommen! Eurem Begleiter geht es nicht gut!“
Finan schien einen Augenblick zu brauchen, um sich zu orientieren. Wie gebannt, starrte er zu Tom. Der Junge merkte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten: In diesem Blick lagen Überraschung, Faszination und – Angst?! Doch schon im nächsten Moment wandte Finan sich dem Boten zu, schlagartig nüchtern, das Gesicht grau vor Sorge. „Wo ist er?“
„Bei Meister Erik“, antwortete der Schüler. „Er sagt, wir müssen ihn sofort ins Haus der Heiler bringen.“
„Dann lass uns keine Zeit verlieren, Söhnchen!“ Überstürzt hasteten die beiden aus dem Raum.
Irritiert blickte Tom ihnen nach. Als Barnd ihn anstieß, fuhr er erschrocken zusammen. „Hast du diesen Blick gesehen?“, flüsterte Barnd.
„Ja“, antwortete Tom tonlos, „und ich nehme alles zurück: Die Krieger aus Maarn sind unheimlich.“
Die große Festhalle war erfüllt von aufgeregten Stimmen. Etwa dreihundert Jungen jeden Alters drängten sich an den Tischen. Keiner von ihnen hatte einen Blick für die prächtige Ausstattung der Halle, die mit ihren Wandmalereien und den kunstvoll gearbeiteten Möbeln in einem harschen Kontrast zu dem schlichten Erscheinungsbild der restlichen Schule stand. Sie alle warteten nur darauf, dass das Festmahl enden und endlich das eigentliche Spektakel beginnen möge. Denn die Lossprechung der Spielleute und die damit verbundenen Feierlichkeiten waren berühmt im ganzen Tal. Daher versuchten jedes Jahr möglichst viele der Jungen, die eine der Schulen von Smit Wittum besuchten, an diesem Abend in der Bardenschule dabei zu sein. Einige nahmen sogar einen Weg von mehreren Tagen in Kauf. Denn heute sollte jeder der frischgebackenen Spielleute beweisen, was er in den letzten Jahren erlernt hatte – bevor Meister Erik sie auf ihre vierjährige Wanderschaft schicken würde, damit sie sich als Barde beweisen und vielleicht einmal selbst Meister werden konnten.
Auf einer der Bänke reckte ein dunkelhaariger Junge den Hals. „Hast du ihn schon entdeckt, Sibo?“, fragte er seinen stämmigen Sitznachbarn.
„Nein“, antwortete Sibo, „oben an der Tafel seh ich ihn nicht. Wahrscheinlich belagert er die Latrinen, weil er sich sonst vor Angst in die Hosen pinkelt.“
Der andere lachte laut auf. „Das könnte glatt stimmen! Was für ein grausames Schicksal, das ausgerechnet Tom ein Talent für Musik geschenkt hat! Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, hat ihm noch nie behagt. Wie soll er jetzt bloß DAS hier überstehen?“ Mit einer ausholenden Bewegung deutete er auf den überfüllten Saal.
Sibo fiel in sein Lachen ein: „Nur gut, dass er mit dir seinen persönlichen Heiler gleich zur Stelle hat, wenn er vor Panik umfällt!“
„Das habe ich gehört“, meldete sich Tom hinter ihnen zu Wort.
Erschrocken fuhren die beiden ungleichen Jungen herum. Vor ihnen stand der junge Spielmann. Er trug das Festgewand seiner Zunft mit einem sattgrünem Wams, auf dessen Brust das gestickte Emblem der Bardenschule prangte, dunklen Beinkleidern und einer gleichfarbigen Gugel, deren herabgelassene Kapuze lang über seinen Rücken fiel. Die schulterlangen Haare hatte er sich im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden. Sein Gesicht wirkte käsig.
„Wie lange lungerst du da schon herum?“, fragte Sibo scheinheilig.
„Lange genug“, grummelte Tom. „Und danke für die nette Einschätzung, Wilag. Wer euch zwei zu Brüdern hat, braucht wahrlich keine Feinde mehr.“ Er verzog gequält das Gesicht.
„Ist dir nicht gut?“, erkundigte sich Wilag besorgt, augenblicklich ganz der angehende Heiler.
„Geht schon“, wiegelte Tom ab, „sind bloß meine Gedärme, die verrückt spielen. Deshalb musste ich mal eben kurz … na, ihr wisst schon.“
Seine beiden jüngeren Brüder versuchten vergebens, ein schadenfrohes Grinsen zu unterdrücken. Aber irgendwie konnte er ihnen einfach nicht böse sein. Dafür freute er sich viel zu sehr, dass sie heute Abend gekommen waren.
Sie hatten sich mit den Festgewändern ihrer jeweiligen Zünfte ordentlich herausgeputzt. Wilag trug die weiße Robe der Heiler, deren Schule in direkter Nachbarschaft zu den Gebäuden der Barden lag, während Sibo sich die graue Tunika der Waffenschmiede übergeworfen hatte. Zwei Tage hatte sich der jüngste der drei Brüder durch das unwirtliche Wetter gekämpft, um an Toms großem Tag dabei sein zu können. Er war ein kräftig gebauter Junge von ungefähr vierzehn Jahren mit einem gutmütigen Gesicht und einem bereits jetzt schon breiten Kreuz. Tom war immer wieder verblüfft, wie sehr er ihrem Vater ähnelte. Wilag dagegen war wie Tom hochgewachsen – gut einen Kopf größer als Sibo –, wohlproportioniert und mit feinen Gesichtszügen gesegnet. Alle prophezeiten ihm eine goldene Zukunft, wenn es um die Herzen der heiratsfähigen Mädchen Gambrias ging. Einzig die dunklen Haare hatten die drei Brüder gemein.
„Ich glaube, ich sollte mich wieder auf meinen Platz begeben“, sagte Tom. „Wir sehen uns ja nachher.“ Damit schob er sich hoch auf die Empore.
Dort saßen fast alle Meister der verschiedenen Zünfte, die in Smit Wittum lehrten. Auch die acht Spielmänner, die heute losgesprochen wurden, hatten dort ihren Ehrenplatz erhalten. In Kürze würde einer nach dem anderen seine Kunst zum Besten geben, bevor sie dann gemeinsam aufspielen sollten. Tom hatte bereits am frühen Abend das Schicksal verflucht, als das Los auf ihn fiel, den Reigen der Spielleute zu eröffnen. Seitdem war der Latrinentrakt sein liebster Aufenthaltsort geworden.
Nervös knetete er seine Finger, während die Panik stetig in ihm wuchs. Erst nachdem Meister Erik ihn dreimal mit einem energischen Nicken aufgefordert hatte, zu starten, griff Tom schließlich nach seiner Laute. Langsam schritt er zu dem Platz vor der hohen Tafel, um dort die jüngeren Eleven der Bardenschule abzulösen, die während des Festmahls die Gäste mit ihrer Musik unterhalten hatten. Schlagartig wurde es still in der Halle. Alle Jungen blickten gespannt nach vorne.
Mit zitternden Händen umfasste Tom sein Instrument, als sei er ein Ertrinkender, der sich an einem Stück Treibholz festklammerte, und ließ sich dankbar auf dem Schemel nieder. Seine weichen Knie hätten ihn eh nicht mehr weiter getragen. Sein Herz raste. Ich werde keinen Ton heraus bekommen! fuhr es ihm durch den Kopf. Fahrig strich er sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Wahrscheinlich würde ihn Wilag gleich wirklich vom Boden kratzen dürfen. Auf seinem Hals und seinen Wangen prangten große, rote Flecken. Am liebsten wäre er aufgesprungen und weggerannt. Alles wäre besser, als hier und jetzt auf diesem Präsentierteller zu sitzen. Doch das ging nicht. Das Schicksal hatte anders entschieden. Er war ein Spielmann!
Er schloss die Augen und atmete bewusst tief ein und aus. Die Halle, die Jungen, die Meister – alles um ihn herum verschwand und es gab nur noch ihn und sein geliebtes Instrument. Sein Herzschlag beruhigte sich.
Blind stimmte er ein letztes Mal seine Laute, bevor er beinah zärtlich begann, die Saiten zu zupfen. Fast augenblicklich fiel jede Unsicherheit von ihm ab. Das war seine Welt. Die Welt der Töne und der Musik.
Eine leise sehnsuchtsvolle Melodie eroberte den Raum und schmeichelte sich in jedes Ohr. Dann erhob Tom seine Stimme. Klar, sanft und dennoch voller Kraft. Wie ein Vogel, den man zu lange eingesperrt hatte und dem man nun seine Freiheit schenkte. Tom ahnte nicht, dass auf seinem Gesicht ein Ausdruck grenzenloser Leidenschaft lag. Jeder Ton ein Teil von ihm. Jede Note gelebt. Jedes Wort wahr. Es fühlte sich an, als würde er durch die Musik sein Innerstes nach außen kehren. Er sang eine uralte gambrische Weise von einer verlorenen Liebe. Und obwohl seine Zuhörer das Lied wohl schon hunderte Male gehört hatten, zog sich ihnen doch das Herz zusammen, als könne ein jeder den Schmerz des Liebenden in sich spüren. Tom webte die Melodien um sie, wie ein festes Band und ließ sie nicht mehr los. Als er schließlich endete, entrang sich so manchem ein tiefer Seufzer.
Für einen kurzen Moment herrschte absolute Stille.
Dann brandete tosender Applaus auf. Auch auf Tom schien ein Bann gelegen zu haben, der erst durch den Beifall gebrochen wurde. Mit einem beinah erleichterten Lächeln öffnete er die Augen, richtete sich auf und nahm seinen Lohn mit einer tiefen Verbeugung entgegen.
Als Nächstes stellte sich Barnd mit seiner Fidel auf. Vom ersten Ton an riss er die versammelte Schar von den Bänken. Sein Lied war derb, aber nie anstößig. Mit vielen kleinen Zwischenrufen und Anspielungen, einem Augenzwinkern hier oder einem Augenverdreher dort hielt er seine Zuhörer im Bann. Die Halle tönte wider vom Lachen der Jungen.
Tom beobachtete Barnd bewundernd. Er hatte sie gepackt. Sie fraßen ihm aus der Hand – und es schien das Normalste auf der Welt zu sein! Er war einfach ein geborener Spielmann.
Als schließlich alle acht Absolventen vor dem Podium standen und ihre Instrumente in einem nicht enden wollenden Reigen erklingen ließen, fiel auch von Tom endgültig die Nervosität ab. Ja, er genoss es in vollen Zügen. Laute, Fidel, Flöten, Tamburin – sie alle schienen ein eigenes Leben zu haben und woben gemeinsam einen wunderbaren Klangteppich, in dem einmal das eine, dann das andere Instrument die Führung übernahm. Und immer wieder erhoben sich die wunderschönen Stimmen der frischgebackenen Spielleute über dieses Geflecht aus Tönen.
Schließlich verstummten die Lieder. Dennoch war das Fest noch längst nicht zu Ende. Meister Erik erhob sich, um seine Schüler endgültig loszusprechen.
„Ihr alle hier habt heute miterleben dürfen, dass diese acht Eleven in den vergangenen Jahren wahrlich große Spielleute geworden sind. Jeder auf seine Weise einzigartig, jeder mit einer besonderen Gabe von den Göttern gesegnet. Und jeden haben die Schicksalsmächte auf ihre unbegreifliche Art zu uns hier in die Bardenschule geschickt. Manchen auf direktem Wege, manchen auch mit kleinen Umwegen“, bei diesen Worten warf Meister Erik Tom einen vielsagenden Blick zu, den dieser grinsend erwiderte. „Aber jeder von ihnen hat bewiesen, dass er die Gabe der Götter angenommen und genutzt hat. Heute stehen wir hier und können mit Stolz sagen: Die Barden aus Smit Wittum sind die Besten unter dem Lauf der Sonne. Denn eins weiß ich sicher: Aus diesen Spielleuten werden in den nächsten vier Jahren hervorragende Barden werden – und wer weiß, vielleicht wird eines Tages auch ein Meister unter ihnen sein?! Doch jetzt sollt ihr erst einmal erfahren, welches Ziel wir für eure ersten zwei Wanderjahre bestimmt haben. Und wohin es euch auch verschlagen wird, denkt immer daran: Ihr kommt aus Smit Wittum, der Perle des Wissens. Und das ist mehr, als manch anderer vorzuweisen hat! Mögen die Götter über euch wachen!“
Mit diesen Worten ging er von einem zum anderen und übergab jedem von ihnen eine kleine Pergamentrolle.
Toms Herz raste. Nun würde er erfahren, wo er die nächsten Jahre verbringen sollte; wo es die besten Voraussetzungen gab, um seine eigene, besondere Gabe zu verfeinern. Jedermann wusste, dass die Lehrer der Bardenschule immer besondere Sorgfalt darauf verwandten, dieses Ziel auszuwählen.
Vor seinem inneren Auge sah er wieder die Karte Gambrias. Würde er nach Hivsum ans Meer dürfen? Das Meer! Er hatte es noch nie gesehen. Oder vielleicht gar nach Aulburgen? In die Hauptstadt?! Barnd hatte so viel davon erzählt. Und auch wenn es nur die Erinnerungen eines kleinen Kindes waren, so hatten sie doch ausgereicht, seiner Fantasie Flügel zu verleihen. Oder nach Betum, der reichen Kaufmannsstadt im Südwesten Gambrias … es gab so viele Möglichkeiten.
Barnd stand neben ihm und zwinkerte ihm zu. Die beiden Freunde bildeten das Ende der Reihe. Debald war vor ihnen dran. Schnell brach er das Siegel auf und entrollte das Pergament. Ein zufriedenes Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. „Aulburgen!“, hauchte er.
Mit leuchtenden Augen nahm Barnd seine Schriftrolle entgegen. Auch er konnte sie nicht schnell genug öffnen. Sein lauter Freudenschrei erfüllte die Halle. „Ich darf nach Hivsum!“ Meister Erik lächelte verständnisvoll.
Mit bebenden Händen umschloss Tom als Letzter sein Pergament. Beinah wagte er nicht, das Siegel zu brechen. Dann holte er tief Luft und entrollte das Schriftstück.
Er las das Wort einmal, er las es zweimal – doch es machte keinen Sinn. Hilfe suchend schaute er zu Meister Erik, doch der hatte sich schon abgewandt und begab sich wieder an seinen Platz zwischen den anderen Meistern. Tom war völlig verwirrt. Das konnte doch gar nicht sein. Es konnte sich nur um ein Missverständnis handeln. Oder?
In der Halle ging nun alles drunter und drüber. Die Tafel der Jungen war aufgehoben und alle umringten die Absolventen, um sie zu beglückwünschen und zu erfahren, wohin ihr Weg sie führen würde. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung.
Barnd hatte Toms Verwirrung längst bemerkt. „Was ist los?“, wollte er wissen. „Wohin schicken sie dich?“
„Ich weiß nicht …“, murmelte Tom und rollte das Pergament wieder zusammen, „da muss irgendein Fehler vorliegen.“ Barnd schaute ihn verständnislos an. Doch Tom wiederholte nur: „Das kann einfach nicht stimmen!“, und verschwand in der Menge.
In dem allgemeinen Trubel hielt Tom Ausschau nach den Gesichtern seiner Brüder. Ihm war klar, dass er mit Meister Erik über sein seltsames Wanderziel reden musste. Aber nicht jetzt. Das konnte … das musste warten. Mit einem energischen Kopfschütteln verbannte er diese verwirrenden Gedanken. Schließlich hatte er viel zu selten Gelegenheit, Zeit mit seinen Brüdern zu verbringen. Und gerade deshalb hatte er sich doch so auf den heutigen Abend gefreut.
„Anscheinend habt ihr euch gut amüsiert“, meinte Tom, nachdem die beiden ihm überschwänglich gratuliert hatten.
„Natürlich! Wo wir doch unserem großen Bruder bei der Ausübung seiner Kunst lauschen durften!“, spöttelte Sibo. Seine Wangen glühten. Der ausgeschenkte Met hinterließ Spuren. „Du solltest dich nur noch daran gewöhnen, dass beim Singen Leute im Raum sind. Dein Trick mit den geschlossenen Augen ist bei Balladen ja ganz nett, wirkt bei Beerdigungen vielleicht auch ganz angebracht – aber was willst du bei einer fürstlichen Hochzeit machen?“
„Ich weiß“, erwiderte Tom, „es ist ja auch nicht so, dass ich nicht gerne spiele. Ich weiß, dass ich es kann. Es ist nur so … ich … ich fühl mich beim Singen so … so… nackt!?“
Seine beiden Brüder sahen sich feixend an.
„Kaum zu glauben, was passiert wäre, wenn Meister Erik damals nicht am Latrinentrakt der Heiler vorbeigekommen wäre …“, raunte Sibo Wilag zu.
„Unser Bruder wäre der schlechteste Heiler Gambrias geworden und hätte spätestens mit seiner dritten selbst angemischten Arznei einen Mitmenschen ins Jenseits befördert“, erwiderte Wilag todernst. Doch schon im nächsten Moment prusteten die beiden vor Lachen laut los.
„Haha“, ätzte Tom trocken, „sehr witzig. Sooo schlecht war ich nun auch nicht.“ Zielstrebig lotste er Sibo und Wilag an den Rand der Halle, wo es etwas ruhiger war.
„Nun sag schon, Tom“, drängte schließlich Sibo, „wohin wird Meister Erik den weltgrößten Latrinen-Sänger denn nun schicken?“
Toms Laune sank sofort auf den Nullpunkt.
Wilag sah ihn aufmerksam an: „Da hat Sibo wohl genau den wunden Punkt getroffen, was? Darfst du etwa nicht nach Aulburgen?“
„Ach, hör auf“, murmelte Tom.
„Komm schon“, sagte Wilag, „so schlimm wird es ja wohl nicht sein. Ich dachte immer, alles sei besser, als auf Ewigkeiten in Smit Wittum festzusitzen.“
„Stimmt auch, aber eigentlich hatte ich mich eher auf eine Reise Richtung Westen eingestellt. Der Osten stand dabei nicht als oberstes Wunschziel auf meiner Liste.“
Sibo verschluckte sich an der Fleischpastete, die er noch vom Festmahl zurückbehalten hatte, und starrte ihn entgeistert an. „Maarn?“ Sein Kopf wurde gefährlich rot, während er nach Atem rang. „Meister Erik schickt dich nach Maarn?“
Mit einem kräftigen Schlag auf Sibos Rücken beförderte Wilag den Bissen aus dessen Luftröhre.
„Nach Ragebol, um genau zu sein“, antwortete Tom.
„Aber das ist doch großartig!“, entgegnete Wilag, der Toms Enttäuschung nicht nachvollziehen konnte. „Die Hauptstadt Maarns! Mensch Tom, was du alles sehen wirst …“
Tom lächelte unschlüssig. „Mag ja sein … das wird bestimmt aufregend. Aber unsere Wanderung soll doch keine Vergnügungsreise werden … ich meine … ich will etwas lernen! Maarn scheint für einen Spielmann da nicht gerade der richtige Ort zu sein. Oder kennst du einen großen Barden aus Maarn?“
Wilag schüttelte den Kopf.
„Siehst du! Ich auch nicht. – Wenn ich ein Schwertkämpfer wäre oder Waffenschmied – so wie du, Sibo – dann könnte ich es ja verstehen. Nach allem, was ich gehört habe, wäre Maarn dann das Paradies auf Erden. Aber als Spielmann …?“
„Meinst du nicht, dass sie einen guten Musiker zu würdigen wissen?“, fragte Sibo und schob sich den letzten Happen der Pastete in den Mund.
Tom schnaubte abwehrend. „Darum geht es doch gar nicht, Sibo. Die Wanderschaft dient dazu, besser zu werden – besser! Verstehst du? Wie soll ich mich in einem Land voll waffenklirrender Raufbolde verbessern? Oder soll ich etwa lernen, die Laute als Schlagstock zu verwenden?“ Tom hatte sich in Rage geredet.
„Hehe, jetzt tust du ihnen aber unrecht“, warf Wilag ein. „So schlimm sind die Maarner bestimmt nicht.“
„Ach, hör auf, Wilag. Ich dachte, es ginge darum, sich neue Techniken und Fähigkeiten anzueignen … neues Liedgut. Barnd darf nach Hivsum – ans Meer! Dort treffen so viele unterschiedliche Menschen aus aller Herren Länder aufeinander – ich will mir gar nicht vorstellen, was man dort als Spielmann alles erlenen kann. Debald geht sogar nach Aulburgen, in die Hauptstadt! Hast du eine Ahnung, welch große Meister dort leben und unterrichten? Und ich soll nach – Ragebol!“ Tom spuckte den Namen förmlich aus. Die Eifersucht nagte an ihm. Es wurmte ihn, dass es seine beiden besten Freunde so viel besser getroffen hatten. „Ein Waffenknecht aus Maarn hat gestern noch selbst gesagt, dass die Spielleute dort Stümper seien. Was soll ich also da schon erwarten?“
„Na, na, na!“ Die drei Brüder fuhren herum. Vor ihnen stand Meister Erik und lächelte sie nachsichtig an. „Glaubst du wirklich, Tomren, ich würde dich irgendwo hinschicken, wenn ich nicht sicher wäre, dass es dich weiterbringt?“ Meister Erik war einer der wenigen, der Tom bei seinem vollen Namen rief, was für ihn immer etwas ungewohnt und steif klang. „Dann kennst du mich aber nach all den Jahren schlecht. Ich weiß, welches Talent in dir schlummert, seit ich dich damals singen hörte … an diesem unwürdigen Ort.“
„Entschuldigt, Meister Erik“, murmelte Tom zerknirscht.
Meister Erik legte ihm die Hände auf die Schultern: „Hör mir gut zu, Tomren: Ich weiß, dass Maarn derzeit nicht das ruhigste Fleckchen Erde ist. Aber ich habe seine Hauptstadt Ragebol für dich gewählt, weil ich möchte, dass du bei einem der größten Meister-Barden unserer Zeit weiterlernst, bei jemandem, dessen Lautenspiel seines gleichen sucht. Leider hält sich der nun mal in Ragebol auf.“
Tom schaute ihn verständnislos an.
„Hast du schon mal von Meister Bror gehört?“
„Natürlich.“ Toms Miene hellte sich auf. Wer in der Bardenschule kannte ihn nicht? Seine Melodien und Texte waren einzigartig.
„Nun, was nur wenige wissen: Er lebt in Maarn. Er ist der Hofbarde von Königin Elfrun.“
Tom schnappte nach Luft. Meister Erik fuhr unbeirrt fort, als habe er Toms gewecktes Interesse nicht bemerkt. Doch ein leises Lächeln verriet ihn. „Du weißt, dass Königin Elfrun eine Tochter unseres Königs Ainar ist, sie also ursprünglich eine gambrische Prinzessin war. Als sie den damaligen Kronprinzen und heutigen König Gunnar heiratete, bat sie ihren Hofbarden Bror, sie zu begleiten.“
„Hat sie nicht auch noch andere Handwerker und Künstler aus Smit Wittum mitgenommen?“, fuhr Wilag dazwischen. „Ich meine, gehört zu haben, dass sie von Malern, Schneidern, Goldschmieden und selbst einem Siegelmacher begleitet worden ist.“
Meister Erik nickte lächelnd. „Ja, das hast du richtig mitbekommen. Und auch noch von etlichen mehr. Sie hat sich einen eigenen, kleinen gambrischen Hofstaat zusammengestellt. Einige kehrten nach Gambria zurück, als sich Elfrun eingelebt hatte. Aber Meister Bror ist geblieben – bis zum heutigen Tag. Dort hat er seine Kunst zur Meisterschaft gebracht! In einem Land, in dem Kunst und Wissen einen nicht gerade hohen Stellenwert einnehmen. Denk mal darüber nach, Tomren. – Nutze deine Reise dazu, das Land und die Leute kennenzulernen. Schließlich wirst du länger dort leben. Und bei der Gelegenheit lerne, jeden Moment, den du vor Menschen spielst, zu genießen. Du wirst merken, dass es für einen Spielmann eine weitaus größere Entlohnung gibt als einen Beutel Münzen. – Und jetzt genieß die Feier mit deinen Brüdern.“
„Ja, Meister Erik“, antwortete Tom.
Sein Lehrer lächelte: „Wer weiß, wann ihr euch wiederseht, wo ihr euch doch jetzt in alle Himmelsrichtungen verstreut?!“ Mit diesen Worten verabschiedete er sich und tauchte in der Menge unter.
„Was hat er denn jetzt wieder damit gemeint?“, fragte Tom irritiert.
Wilag lief rot an. Sibo warf ihm einen verwunderten Blick zu. „Hast du es ihm etwa noch nicht gesagt?“
„Was?“, fragte Tom stirnrunzelnd.
„Na, Wilag ist ebenfalls fertig!“, platzte Sibo heraus. „Schon seit drei Wochen. Vor dir steht ein voll ausgebildeter Heiler!“
Tom schüttelte ungläubig den Kopf und stieß Wilag in die Seite. „Warum hast du das nicht erzählt?“
Wilag schaute ihn schelmisch an. „Sollte eine Überraschung für heute Abend werden.“
„Überraschung gelungen! Mensch, ich wusste ja schon immer, dass mein kleiner Bruder ein helles Köpfchen ist! – Dann machen wir uns ja nun beide auf den Weg. Wohin schickt dich Meister Wilbur?“
Wilag grinste breit. „Nach Aulburgen!“
„Nein! Oh, du Lump! – Warum bist du überhaupt noch hier, wenn du schon vor drei Wochen deine Lossprechung hattest?“
„Meister Wilbur hat mir erlaubt, noch bis zu deinem Abschluss zu bleiben.“
„… und dann lasst ihr beide mich hier im Stich!“, maulte Sibo mit gespieltem Gejammer. „Meine Familie macht sich aus dem Staub!“
Schlagartig legte sich ein Schatten auf Toms Stimmung. „Schade, dass sie … das nicht erleben können“, murmelte er.
„Sie würden platzen vor Stolz“, sagte Wilag und legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter.
„Schluss jetzt!“, warf Sibo ein. „Es ist unser letzter Abend. Da ist kein Platz, um Trübsal zu blasen. Jetzt wird gefeiert!!“
Und wie sie feierten! Noch bevor sich das Fest seinem Ende neigte, lag Sibo schnarchend auf einer der Bänke. Glucksend ließen ihn Wilag und Tom im Saal zurück und traten vor das große Tor.
Nach der molligen Wärme der Halle traf sie die eiskalte Luft wie eine Wand. Obwohl es bereits Ende März war, trugen die hohen Gipfel des Grembelgebirges noch ihre weißen Schneekappen, die hell im Mondlicht leuchteten. Die Kälte vertrieb den dumpfen Nebel, den der Met in den Köpfen der Jungen hinterlassen hatte.
„Wann wirst du aufbrechen?“, fragte Tom.
„Übermorgen“, antwortete Wilag.
„Mmh, ich auch.“ Tom schaute angestrengt auf seine Fußspitzen. Sein Zopf hatte sich gelöst und der Wind blies ihm eine Strähne ins Gesicht. Plötzlich fühlte er sich wieder, wie der kleine, verlorene Junge, der damals in der Heilerschule aufgenommen worden war. „Wirst du die Berge vermissen?“
„Ich glaube schon“, erwiderte Wilag nachdenklich, „aber ich habe mir sagen lassen, man könne sie von Aulburgen aus sehen. Außerdem ist Debald auch dort. Vielleicht können wir uns gegenseitig das Heimweh vertreiben.“
„Ach, du wirst so viele kranke Hauptstädter versorgen müssen, dass du für so was gar keine Zeit haben wirst“, sinnierte Tom und wurde ganz leise. „Ich werde Smit Wittum vermissen … und Meister Erik.“
Wilag lachte leise auf. „Ausgerechnet du! Dem die Lehrzeit hier nicht schnell genug vergehen konnte, dem das Tal immer zu klein und zu eng war.“
Tom zuckte mit den Schultern. „Seltsam oder? Ich wünschte nur, Meister Bror würde nicht gerade in Ragebol leben.“
Wilag sah auf. „Warum?“
„Na … all die Jahre habe ich davon geträumt, etwas anderes von Gambria zu sehen, als die immer gleichen hohen Berge des Grembelgebirges. Habe mir vorgestellt, das Meer zu riechen, den Wind zu spüren, in das Gewusel der großen Handelsstädte im Westen einzutauchen … stattdessen gehe ich jetzt nach Maarn, bevor ich überhaupt meine eigene Heimat kennengelernt habe.“
Wilag machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ist das nicht egal? Aul-burgen oder Ragebol? Ob auf dieser oder der anderen Seite des Gebirges – Neuland ist es so oder so.“
„Aber Maarn?! Es ist so … so … fremd … so ganz anders.“
Wilags Blick schweifte zu den schneebedeckten Gipfeln hinauf. „Dabei trennen uns eigentlich nur die Berge von dort.“
„… ja, schier unüberwindbare Berge. Mir graut schon vor dem wochenlangen Marsch. Erst bis Habsted und dann diese elendig lange Strecke bis Ragebol.“
„Zu schade, dass wir nicht schon Sommer haben. Dann könntest du die Strecke gut über den Spitzpass abkürzen.“
Tom horchte auf. Der Spitzpass. Na klar!
Wilag sah ihn misstrauisch an. „Tom? Du denkst jetzt doch wohl nicht darüber nach, oder? Vergiss es! Zu dieser Jahreszeit hast du keine Chance. Das weißt du besser, als jeder andere.“
„Jaja“, doch es klang sehr halbherzig.
„Tom? – Mach bitte keinen Quatsch.“
„Jaaaa, ist ja schon gut.“ Doch in seinem Kopf hatte er schon längst überschlagen, wie viel Zeit er mit dieser Abkürzung einsparen konnte. Außerdem klang es bei weitem spannender als die Endlos-Route durchs Tal. Um allerdings Wilag nicht weiter zu beunruhigen, schlug er schnell ein anderes Thema an: „Wenn ich geahnt hätte, wohin es mich verschlägt, hätte ich gestern Finan mit mehr Fragen gelöchert.“
„Wer ist Finan?“, fragte Wilag.
„Das müsstest du eigentlich wissen. Er ist ein Maarner Krieger und kam gemeinsam mit einem anderen Fremden hier an. Sein Begleiter wurde krank und sie haben ihn zu euch ins Haus der Heiler gebracht.“
„Ach, die beiden. Ja, die sind bei uns. Obwohl man das Gefühl hat, dass der Ältere lieber heute als morgen aufbrechen möchte.“
„Dieser Finan hätte mir bestimmt ein paar gute Ratschläge mit auf den Weg geben können“, sagte Tom, „von wegen, was man in Maarn auf gar keinen Fall machen und sagen darf, und wie ich es schaffe, meinen Kopf noch auf den Schultern zu tragen, wenn ich in Ragebol ankomme.“
Wilag sah ihn stirnrunzelnd an: „Was quatscht du denn da?“
„Ach, es ist nur so, dass ich es in unserer kurzen Unterhaltung fast zweimal fertig gebracht habe, irgendwelche Körperteile zu verlieren.“
Wilag begann zu grinsen. „Dann wirst du wahrscheinlich endlich lernen, deine Zunge im Zaum zu halten.“
Tom verdrehte die Augen. „Ja, du hochgeschätzter Heiler, der du in Gambria verweilen darfst. – Du hättest dort auch deine liebe Not. Oder könntest du ernst bleiben, wenn dir ein Baum von einem Mann etwas über die Existenz von Schattenwesen erzählt?“
„Was?“
„Genau! Und leider sind die Maarner da anscheinend etwas empfindlich. Schlechte Voraussetzungen, wenn der Gegenüber ein gewetztes Schwert in Händen hält und man selber nur eine kleine Laute!“
„Ach Tom, du übertreibst.“
„Von wegen“, grollte er, „und wer weiß, welche Fallstricke dort noch auf mich warten?!“
„Vielleicht kannst du ja noch mal mit Finan reden?“, schlug Wilag vor.
„Oder vielleicht auch mit seinem Begleiter?“ In Tom keimte Hoffnung auf.
Wilag schüttelte traurig den Kopf: „Ich glaube nicht, dass du dazu noch Gelegenheit bekommen wirst.“
„Geht es ihm so schlecht?“ Tom horchte auf.
Wilag nickte. „Es sieht nicht gut aus. Er hat sehr hohes Fieber und nichts schlägt an. Die Meister meinen, sein Körper wäre so erschöpft, dass er keine Kraft mehr zum Kämpfen hat. Er verbrennt von innen. Meister Wilbur meint, er hat höchstens noch ein paar Tage.“
Die Nachricht ging Tom seltsamerweise überraschend nah. Vor seinem inneren Auge erschien wieder die hagere Gestalt auf der Balustrade. Bedrückt blickte er hinüber zur Heilerschule, hinter deren Mauern der Reisende aus Maarn einen aussichtslosen Kampf bestritt. „Mögen ihn die Götter auf seinem Weg begleiten.“
Zwei Tage später brauchte Tom nicht lange, um sein Bündel zu schnüren. Außer einem zweiten Satz abgewetzter Kleider und einem warmen Wintermantel gab es kaum etwas, das er sein Eigen nennen konnte.
Sein beinah wertvollster Besitz waren vier Bücher. Zwei waren Liedersammlungen, die ihm Meister Erik überlassen hatte. Die beiden anderen bildeten den Grundstock für sein ganz eigenes Archiv, in dem er seit einigen Jahren all sein Wissen zusammentrug. Hier konnte er Texte alter Weisen festhalten, aber auch eigene Ideen zu Papier bringen. Diese Bücher waren ihm heilig.
Doch sein größter Schatz war zweifellos seine Laute. Ein wunderschön gearbeitetes Instrument, das Holz vom Alter geschwärzt und mit herrlichen Intarsienarbeiten am Hals. Seinen wahren Wert erkannte man allerdings erst, wenn man über die Saiten strich und sie über dem birnenförmigen Korpus zum Klingen brachte. Das Instrument war ein Geschenk von Meister Erik gewesen, als dieser Toms außergewöhnliches Talent auf der Laute erkannt hatte. Sorgfältig wickelte der Junge sie in ein paar Streifen Tuch, bevor er sie in das lederne Futteral steckte, um sie vor Nässe und Kälte zu schützen. Anschließend machte er sich auf den Weg zum Küchenhaus, um sich für die erste Etappe mit Proviant einzudecken.
Aus den verschiedenen Räumen drangen gedämpfte Stimmen und hier und da erklangen die ersten ungeschickten Versuche auf einem der Instrumente. Tom musste grinsen. Wie lange war es her, dass sich sein Lautenspiel so angehört hatte? Sechs Jahre, sieben? Oh ja, er würde diese Gemäuer vermissen, die ihm mehr als alles andere ein Heim gewesen waren. Und dennoch hatte er immer den Drang verspürt, sich auf den Weg zu machen, auszubrechen – ganz so, als warte irgendwo etwas auf ihn. Nur, dass er nicht wusste, was.
Als er auf den Hof hinaustrat, schlug ihm die Kälte entgegen. Die Luft roch nach Schnee. Mit einem unguten Gefühl durchquerte er das Außentor und ließ die Augen prüfend durch das enge Tal gleiten. Die Wolken schoben sich von Norden her tief über die Berghänge. Keine guten Voraussetzungen für den Beginn einer Reise.
„Ich hoffe, du hast deine Schneeschuhe eingepackt.“ Barnd gesellte sich zu ihm und beobachtete ebenfalls das heraufziehende Wetter.
„… und ich hoffe, du hast schwimmen gelernt“, entgegnete Tom, „wo du demnächst von soviel Wasser umgeben sein wirst.“
„Ach, komm schon“, Barnd hatte den Unterton in Toms Stimme nicht überhört, „ich kann doch auch nichts dafür, dass du das undankbarste Ziel erwischt hast.“
„Schon gut. Lass uns lieber zusehen, dass wir in die Küche kommen, sonst schnappen uns die anderen noch die besten Happen weg.“ Tom wies mit dem Kopf Richtung Hauptgebäude.
„Kein Grund zur Eile“, wiegelte Barnd ab, „Meister Erik meint, wir sollen das Wetter abwarten. Sieht verdammt nach einem ordentlichen Schneesturm aus. Da will er keinen von uns da draußen wissen.“ Fröstelnd schlang er den Mantel fester um sich.
„Seh ich genauso“, sagte Tom erleichtert. Maarn würde auch noch ein paar Tage länger ohne ihn auskommen.
Er schaute das Tal entlang. Auf der Straße, die sich durch Smit Wittum wand, trieb ein einzelner Reiter sein Pferd zu einer schnelleren Gangart an. Hoffentlich wollte er nicht in die Berge, dachte Tom stirnrunzelnd. Das könnte äußerst ungemütlich werden.
„Ist das nicht der Waffenknecht aus Aulburgen?“, erklang Barnds Stimme neben ihm.
Tom kniff die Augen zusammen. Tatsächlich, jetzt erkannte auch er ihn: Es war Finan. „Der hat es aber eilig …“
„Dabei wird ihm seine Eile überhaupt nichts bringen“, unbemerkt war Debald an sie herangetreten, „wenn ich mir das da anseh“, dabei wies er zum sich verdunkelnden Himmel, „kann er froh sein, wenn er in wenigen Stunden ein geschütztes Plätzchen findet, um den Sturm einigermaßen zu überstehen.“
„Meister Wilbur und Meister Erik wollten ihn eigentlich zum Bleiben überreden“, erwiderte Barnd verwundert.
Plötzlich hielt Tom inne und schaute zu seinem Freund: „Wenn Finan jetzt alleine aufbricht, heißt das …?“
Sein Freund schüttelte den Kopf: „Nein, sein Begleiter lebt noch.“
„Und er lässt ihn einfach hier zurück?“ Toms Augen folgten wieder der sich entfernenden Gestalt.
Barnd zuckte mit den Schultern. „Meister Wilbur sagt, der junge Mann ist in eine Art Dämmerzustand geglitten und wird wohl nicht wieder erwachen.“
„Dann können sich die beiden ja nicht sehr nahe gestanden haben“, meinte Debald dumpf, „wenn der Kerl dort nicht mal den Anstand besitzt, den Tod seines Gefährten abzuwarten und für ein ordentliches Begräbnis zu sorgen.“
So viel zu der ach-so-gerühmten Ehre und Kameradschaft der Maarner Krieger, fügte Tom in Gedanken bitter hinzu.
Er legte den Kopf schräg. „Müssen ja sehr dringende Geschäfte sein, wenn man bereit ist, geradewegs in einen Schneesturm zu reiten.“
Debald grinste schief: „… nur um sich gehörig die Eier abzufrieren. Der Kerl hat echt keine Ahnung vom Gembelgebirge. Bevor der mit seinem Pferd wieder loskommt, sitzt er ein paar Tage im Nirgendwo fest. Da hätte er das Ganze besser hier aussitzen können.“
„Nicht unser Problem“, meinte Barnd und wandte sich bereits ab, „wenn er nicht hören will …? Und apropos Eier abfrieren: Ich verzieh mich nach drinnen.“
„Wenn er gewartet hätte“, sinnierte Debald mit einem Blick auf Tom, „hättet ihr zwei gemeinsam reisen können. Er will doch auch nach Maarn – genau wie du, Tom.“
